Gießener KmilienblStter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger wältigt, sondern überwältigte sie. Dreiundzwanzig Jahre war er alt, als er nach Italien ging und bald als Hofmaler in die Dienste des eMen Herzogs Vinzenzo Gonzagi trat. So blieb Mantua sein Standquartier, von dem aus er alle Kunststätten Italiens in sich aufnahm. Auch hierbei schon, als ein fein-gebildeter geistreicher Kavalier geachtet und zu diplomatischen Verhandlungen geschickt. Aber endlich zog ihn doch die Heimat: der Erzherzog Albert von Oesterreich, Statthalter in Flandern, ernannte ihn zu seinem Hofmaler. 1609 traf er in den Niederlanden ein und am 13. Oktober 1609 vermählte er sich mit Isabella Brandt, die sein anmutreiches Doppelportät in München so liebenswürdig schildert. Er lebte in Antwerpen als ein Fürst, seine Kunst trieb ihre anmutigsten stärksten Blüten. Diesseits und auch jenseits der Alpen war er als der größte Meister anerkannt. Da starb Isabella schon 1626 und den Künstler ergriff in dem verwaisten Hause die Sehnsucht nach der großen Welt: er begann, fast eifersüchtig darauf, wieder sein Diplomatenleben. Philipp IV. erklärte ihn zum Granden, Karl I. von England adelte ihn, nachdem der von ihm vermittelte Friede zwischen Spanien und England zustande gekommen war. Aber wieder rief die Heimat, und an der Seite der blli-hend gesunden, jugendschönen Helene Fourment, mit der er sich 1630 verband, war ihm noch ein Jahrzehnt reichster Wirksamkeit als Künstler und Lebenskünstler verliehen. Welch eins Fülle von Schöpfungen fallen uns ein, wenn wir an Rubens dcnken. Die Kreuzabnahme in Antwerpen hat er gemalt, aber auch den trunkenen Eilen, das Bildnis des Dr. von Thulüen in München und -das Bacchanal in Berlin, Helene Fourment in Pelz und die Fesselung Simsons, das köstliche kleine Adam-Eva-Bild im Haag und die Amazonenschlacht, Jldefonsoaltar und den Spaziergang mit der mädchenhaft jungen Helene in seinem Antwerpener Tulpengarten. Wer aber seines Wesens Kern begreifen will, der nmß in München die gewaltige Tafel des jüngsten Gerichts betrachten, den Höllenfturz der Verdammten. Das ist echtes Barock, und zugleich charakteristisch als ein bedeutsames Gegenstück zu Michelangelo: -diese wie Wellen eines Wasserfalls hinbrandendsn Leiber der Sünder, gewaltsam aus dem gelben, goldleuchtenden Licht m die finstere von den Ungeheuern in der Tiefe wimmelnden Kälte gerissen, mit den tausend Gebärden und Verzerrungen der Angst, Schuld, Verzweiflung, Wut, Paserei, dieser Chorus misticus des Entsetzens, des Grausens und lebensecht bis in den feinsten Nerv, die lachenden Wunder jener blonden flandrischen Frauen, die Nymphen, Grazien und Panisken, die Liobesgärlen und Bauerntänze seiner flandrischen Heimat, auch darin überreich, kraftstrotzend, ein Athlet der Freude und des Genusses. Und. so sang er, der größte Weister des Barock, sein »gewaltiges Lied nur äußerlich dein Jenseits und der Kirche, in Wahrheit dem Leben, dem Diesseits, der Schönheit, dem Weibe. Deutscher Sommer. Von Emil Hadi na. Nun brennt im Feld der rote Mohn, es singt die Flur im Sommertsn, in alten Kronen wiegt ein Traum, das Märchen schläft am Waldessaum. So liegst du weich, so prangst du weit, mein deutschs Land, im Sommerkleid, lachst aus dem Quell und hebst zum Licht dein kindlich reines Angesicht. So rann dein Blühen Jahr um Jahr, da noch dein Name Glorie war, so rauscht dein Korn und glüht dein Mohn, da all dein Glanz und Glück entfloh-'n. An deiner Schönheit Heiligtum reicht nicht der Erde lauter Rühm, und alle Schmach, die man dir sinnt, verweht von dir, wie Rauch im Wind. Unnahbar allem Trug der Zeit webst du auch Gott und Ewigkeit, aus Traum und Lächeln dein Gewand, mein ewiges, mein deutsches Land! DKS Erlebnis einer Sonnenfinsternis. Von Adalbert Stifter. Am 29. Juni wird bekanntlich eine Sonnenfinsternis ftatt- finden, die allerdings nur in den nördlichen Teilen Europas als totale in Er chemung tritt. In Deutschland wird sie als teilweise sichtbar ein. Immerhin werden etwa 85 bis 90 Prozent der Sonnenscheibe bedeckt werden. Aber auch diese teilweise Bedeckung der Sonne wird für jeden Beobachter ein eindrucksvolles Erlebnis sein. Welchen erschüternden Eindruck das Erlebnis einer totalen Sonnenfinsternis macht, das hat Adalbert Stifter in einer klassischen Schilderung fest-gehalten, die mir hier (in etwas gekürzter Form) folgen lassen: Es gibt Dinge, die man fünfzig Jahre weih, und im einundfünfzigsten erstaunt -man über -die Schwere und Furchba-rk-eit ihres Inhalts. So ist es mir mit der totalen Sonnenfinsternis ergangen, welche mir in Wien am 8. Juli 1842 in -den frühesten Morgenstunden bei dem günstigen Himmel erlebten. Da ich die Sache recht schön auf dem Papier durch eine Zeichnung und Rechnung -darstellen kann, und da ich wußte, um soundsoviel Uhr trete der Mond unter der Sonne weg und die Erde schneide ein Stück seines kegelförmigen Schattens ab — auf Erden wird es immer finsterer, bis wieder am anderen Ende die Sonnensichel erscheint und wächst und das Licht auf Erden nach und noch wieder zum vollen Tage cmschwillt — dies alles wußte ich voraus, und zwar so gut, daß ich eine totale Sonenfinsternis im voraus so treu beschreiben zu können vermeinte, als hätte ich sie bereits gesehen. Aber, -da sie nun wirklich eintraf, da ich auf einer Warte hoch über der ganzen SM stand und die Erscheinung mit eigenen Augen anblickte, da geschahen freilich' gmrz andere Dinge, an die ich weder wachend noch träumend gedacht hatte, und an die keiner -denkt, der das Wunder nicht gesehen. Nie und nie m meinem ganzen Leben war ich so erschüttert, von Schauer und Erhabenheit so erschüttert, wie in diesen zwei Minuten — es war nicht anders, als -hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden. Ich stieg von der Warte herab, wie vor tausend und Rubens. Zur Erinnerung an den 356. Geburistag des Malers am 28.3uni. Von Winand Walter. Barroco nannte man in den romanischen Sprachen die Perlen, die nicht die normale, regelmäßige runde Form hatten, sondern schiefrund, mehrfach gewölbt, gebuckelt ihren seidigen Glanz gleichsam in Facetten zeigten. Ihre phantastische Unregelmäßigkeit, ihre einzigartige Eigenart ist -gleichsam ihr besonderer Wert. So ist der Kunststi-l, den man als Barock zu bezeichnen pflegt, und der sich zuerst in den romanischen Ländern, -dann aber auch bei uns im Anschluß an die Gegenresorm-atron zu entwickeln begann, der Triumph der Unregelmäßigkeit, des Schies- ÄMden, des Gewaltsamen, der Gegensatz zur klassischen Ruhe und Ge- lafsenheit. Die Gegenresormatton, von den feinfühligen Händen der As-uiten geleitet, brauchte starke Wirkungen, um die Gemeinde wieder in ihre Kirchen zu leiten, Inbrunst, lodernde Farbe, das Funkeln von Gold und Silber. In der Baukunst die Uebertrelbung, Gewaltsamkeit und Massigkeit der Formen, in der Bildnerei malerische Naturtreue, bauschige, starbbewegle Körper und Gewandungen, in der Malerei Wetteifern mit der Plastik, eine Sehnsucht, das Aeußerst« an Ausdruck, Bewegung, Leidenschaft, -dramatischer Unruhe darzustellen, den Beschauer gleichsam -wie mit einer Buh- oder Triumphpredigt gu ‘-überroä-ltigen, gefangen zu nehmen, zu erschüttern. Und das ist der Ewigkeitswert -des Meisters Peter Paul Rubens, daß er als Maler und als ganze Persönlichkeit diesen Bestrebungen- des Barockzeitalters den gewaltigsten Ausdruck verliehen hat, daß er dabei » aber nicht wie so viele feiner nach Italien pilgernden Vortzänger -dem - italienischen Kunstwes-en verfiel, sondern es bis in seine letzten Fasern - ^griff, mit seiner Eigenart durchtränkte, alles Fremde ausschied und s eine nordische, flandrische Barockkunst -daraus schuf. Seine Lebensdaten liegen zwischen 1577 und 1640. Seine früheste Jugend fiel in die Zeit der Niederkämpfung der niederländisch-flandrischen Reformationsbewe-gung durch die Spanier. Während Holland sich -befreite, ward Flandern bezwungen, während Johannes Rubens, -fein Vater, seine Heimatstadt Antwerpen verließ, weil er dem Religionszwang entgehen wollte, wurde der Sohn eine Hauptstütze, ja der einzige Enstlerische Verkündiger dieser Aera des Jes-uitenMs in den flandrischen Provinzen. Wurde es allerdings in einer Weise, daß wir Heutigen in dieser Kunst fast nur noch Heidentum, rauschenden Naturmythos, ein großes Pan- und Venusfest sehen können. Obwohl er ein strenger Katholik wär, der feinen mönchlichen Pflichten getreu mar und vom Statthalter -der Niederlande und dem -spanischen König Philipp IV. gerne zu diplo- nmtischen Missionen benutzt wurde, obwohl er in bürgerlichem Sinne wüMg und achtenswert lebte, braust in seiner Kunst eme ungebundene, aüfjauchzende Welt heidnischen Lebensgenusses, die äußerste Gebärde j eines den schönen und fröhlichen Dingen dieser Wett -hinzu gegeben en ? Ha seins ist gesunden, und trotzdem so, daß das finsterste <5paniertotm vor ? diesem Meister die Segel strich und sich, da es ferne Wirkungen und Er- * folge sah, rückhaltlos zu ihm bekannte. Die Zahl der von ihm geschaffenen | Bilder teils kolossalen Ausmaßes ist eine ungeheure, man -hat dreitausend | Werke festgsstellt, die, selbst wenn man die Mitarbeit seiner zahlreichen i Schüler.ins Ange saßt, im wesentlichen von -seiner Hand sind. Er stand - mit beiden Füßen in seiner Zeit, aber er wurde nicht von ihr über- ' tausend Jahren etwa Moses von dem brennenden Berge herabgestiegen jein mochte, verwirrten und betäubten Herzens. Es war ein so einfach Ding. Ein Körper leuchtet einen anderen, an, und dieser wirft seinen Schatten aus einen dritten: aber die Körper stehen in solchen Abständen, daß wir in unserer Vorstellung fein Maß mehr dafür haben, sie sind so riesengroß, daß sie.Mr alles, was wir „groß" heißen, hinausschwellen — ein solcher Komplex von Erscheinungen ift mit diesem einfachen Dinge verbunden, eine solche moralische Gewalt ist in diesen physischen Hergang gelegt, daß er sich unseriN Herzen zum unbegreiflichen Wunder austürmt. Ich will es in diesen Zeilen versuchen, das Bild, die Empfindupg nach- zumalen und festzuhalten, insofern dies eine schwache, menschliche Feder überhaupt zu tun imstande ist. Ich stieg um 5 Uhr auf die Warte des Hauses Nr. 495 in der Stadt, von wo aus man die Uebersicht nicht nur über die ganze Stadt hüt, sondern auch über das Land um dieselbe, bis zum fernsten Horizont, an dem die ungarischen Berge wie zarte Luftbilder dämmern. Die Sonne war bereits herauf und glänzte freundlich auf die rauchenden Donauauen nieder, auf die spiegelnden Wässer und aus die vielkantigen Formen der Stadt, vorzüglich ans die Siephans-kirche, die saft greifbar nahe an uns aus der Stadt, wie ein dunkles, ruhiges Gebirge, eMporstand. Mit einem seltsamen Gefühle schaute man die Sonne an, da an ihr nach wenigen Minuten so merkwürdiges vorgehsn sollte Die Instrumente wurden gestellt, die Sonnengläser in Bereitschaft gehalten, aber es war noch nicht an der Zeit. Unten ging das Geraffel der Wagen, das Laufen und Treiben an — oben sammelten sich 'betrachtende Menschen; unsere Warte süllte sich, aus den Dachfenstern der umstehenden Häuser blickten Köpfe, auf Dachfirsten standen Gestalten, alle nach derselben Stelle des Himmels blickend, selbst auf der äußersten Spitze des Stephansturmes, auf der letzten Platte des Baugerüstes, stand eine schwarze Gruppe, und wie viele tausend Augen mochten in diesem Augenblicke von den umliegenden Bergen nach der Sonne schauen, nach derselben Sonne, die Jahrtausende den Segen herabschüttet, ohne daß einer dankt — heute ist sie das Ziel von Millionen Augen, aber immer noch, wie man sie mit den dämpfenden Gläsern anschaut, schwebt sie als rote Kugel rein und schön umzirkelt in dem Raume. Endlich, zur vorausgesagten Minute — gleichsam wie von einem unsichtbaren Engel — empfing sie den sanften Todeskuß, ein seiner Streifen ihres Lichtes wich vor dem' Hauche dieses Kusses zurück, der andere Rand wallte in dem Glase des Sternenrohres zart und golden fort — „es kommt", -riefen nun auch die, die bloß mit dämpfenden Gläsern, aber sonst mit freien Augen hin-aufschauten — „es kommt" — -und mit Spannung blickt nun alles auf -den Fortgang. Seltsam war es, daß dies unheimliche, klumpenhafte, tiefschwarze, vorrückende Ding, das langsam die Sonne wegfraß, unser Mond sein sollte, der schöne, sanfte Mond, der sonst die Nächte so florig silbern beglänzte; aber doch war er es, uni) im Sternenrohr erschienen a-üch seine Ränder mit Zacken und Wulften besetzt, den fruchtbaren Bergen, die sich auf dem uns so freunlich lächelnden Runde türmen. Endlich wurden auch auf Erden die Wirrungen sichtbar, unb immer mehr, je schmäler die am Himmel glühende Sichel wurde; der Fluß schimmerte nicht mehr, sondern war ein sastgraues Band, matte Schatten lagen umher, die Schwalben wurden unruhig, der schöne sanfte Glanz des Himmels erlosch, als liefe er von einem Hauche matt an, ein kühles Lüftchen hob sich und stieß gegen -uns, über den Auen starrte ein unbeschreiblich seltsames, aber bleischweres Licht, über den Wäldern war mit dem Lichterspiele die Beweglichkeit verschwunden, rmd Ruhe lag auf ihnen, aber nicht die Ruhe des Schlummers, sondern die der Ohnmacht — und immer fahler goß -fich's über die Landschaft, und diese mürbe immer starrer — die Schatten unserer Gestalten legten sich leer und inhalllos gegen das Gemäuer, die Gesichter wurden aschgrau — erschütternd war dieses allmähliche Sterben, mitten in der noch vor wenigen Minuten herrschenden Frische des Morgens. Wir hatten uns das Eindämmern wie etwa ein Abendw-erden vorgestellt, nur ohne Abendröte; wie geisterhaft aber ein Abend werden ohne Abendröte sei, hatten wir uns nicht vorgestellt, aber auch außerdem war dies Dämmern ein ganz anderes, es war "ein lastend unheimliches Entfremden unserer Natur; gegen Södost lag eine fremde gelbrote Finsternis, und die Berge und selbst das Belvedere wurden von ihr eingetrunken — die Stadt sank zu unseren Füßen immer tiefer, wie ein wesenloses Schattenspiel, hinab, das Fahren unb Gehen und Reiten über die Brücke geschah, als sähe man es in einem schwarzen Spiegel — die Spannung stieg aufs höchste — einen Blick tat ich noch in das Sternrohr, es war der letzte; so schmal wie mit -der Schneide eines Federmessers in das Dunkel geritzt, stand nur mehr die glühende Sichel da, jeden Augenblick zum Erlöschen bereit. Alle hatten die Sonnengläser weggetan und schauten bloßen Auges hinauf — sie hatten auch keines mehr nötig; denn nicht anders als wie der letzte Funke eines erlöschenden Dochtes schmolz eben auch der letzte Sonnenfunken weg, wahrscheinlich durch die Schlucht zwischen zwei Mondbergen zurück — es war ein überaus trauriger Anblick — deckend stand nun Scheibe auf Scheibe — und dieser Moment war es eigentlich, der wahrhaft her-z- zermalmenü wirkte — das hatte keiner geahnt — ein einstimmiges „Ah" aus aller Munde, und dann Totenstille, es war der Moment, ba Gott redete und die Menschen horchten. Hatte uns früher das allmähliche Erblassen und Einschwinden der Natur -gedrückt und verödet, und hatten wir uns -das nur fortgehend in eine Art Tod schwindend gedacht: so wurden wir nun plötzlich ausgeschreckt und emporgerissen durch die furchtbare Kraft und Gewalt der Bewegung, die da auf einmal durch den ganzen Himmel ging: die Horizontwolken, die wir früher gefürchtet, -halfen das Phänomen erst recht bauen, sie standen nun wie Riesen auf, von ihrem Scheitel rann ein fürchterliches Rot, und in tiefem, kaltem, schwerem Blau wölbten sie sich unter und drückten den Horizont — Nebelbänke, die schon lange am äußersten Erdensaume gequollen und bloß mißfärbig gewesen waren, machten sich nun geltend und schauerten in einem zarten, furchtbaren Glanze, der sie überlief — Farben, die nie ein Auge gesehen, schweiften durch -den Himmel; — der Mond stand mitten in der Sonne, aber nicht mehr als schwarze.Scheibe, sondern gleichsam halb transparent wie mit eipsip leichten Stählfchimmer iiberlaufen, rings um shn kein Sonnenrand, sondern ein wundervoller, schöner Kreis von Schimmer, bläulich, rötlich, in Strahlen auseinanderbrechend, nicht -anders, als gösse die oben stellende Sonne ihre Lichtflut auf die Mond ku gel nieder, daß es rings ausernanM- spritzte — das Holdeste, was ich je an Lichtwirküng sah! Draußen weit über das Marchfeld hin lag schief eine lange, spitze Lichtpyraniide, gräßlich gelb, in Schwefelfarbe flammend und unnatürlich blau' gesäumt; es war die jenseits des Schattens beleuchtete Atmosphäre, aber nie schien ein Licht so wenig irdisch und so furchtbar, und von ihm flöß das aus, mittels dessen wir sahen. Hatte uns die frühere Eintönigkeit verödet, so waren wir jetzt erdrückt von Kraft und Glanz und Massen— -unsere eigenen Gestalten hockten drinnen wie schwarze, hohle Gespenster, die keine Tiefe haben; das Phantom der Stephanskirche hing in der Lust, die andere Stadt war ein Schatten, alles Raffeln hatte aufgehört, über der Brücke war keine Bewegung mehr; denn jeder Wagen und Reiter stand, und jedes Auge'schaute zum Himmel — nie, nie werde ich jene zwei Minuten vergessen — es war die Ohnmacht eines Riesenkörpers, unserer Erde. Wie heilig, wie unbegreiflich und wie furchtbar ist jenes Ding, das uns stets umflutet, das .wir seelenlos genießen, und das unseren Erdball mit -solchem Schaudem zitetrn macht, -wenn es sich entzieht. — Die Lust wurde kalt, empfindlich kalt, es fiel Tau, daß Kleider und Instrumente f-sucht waren — die Tiere entsetzten sich; was ist das schrecklichste Gewitter, es ist ein-lärmender Trödel gegen diese todesstille Majestät. Ich habe immer die alten Beschreibungen von Sonnenfinsternissen für übertrieben gehalten, so wie vielleicht in -späterer Zeit diese für übertrieben wird gehalten werden; aber alle, so wie diese, sind weit -hinter der Wahrheit zurück. Sie können nur -das Gesehene malen, aber schlecht, -das Gefühlte noch schlechter, aber gar nicht -die namenlos tragische Musik von Farben und Lichtenr, die durch den ganzen Himmel liegt — ein Requiem, ein Dies irae, das unser Herz spaltet. Aber wie alles in der Schöpfung sein rechtes Maß hat, so auch diese . Erscheinung, sie dauerte zum Glücke sehr kurz. Gerade da die Menschen anfingen, ihren Empfindungen Worte zu geben: „Wie herrlich, löse furchtbar!" — gerade in diesem Momente hörte es auf: mit eins war die Jenseitswelt verschwunden und die hiesige wieder da, ein einziger Lichttropfen quoll am oberen Rande wie ein weißschmelzendes Metall hervor, dieser Tropfen, wie wenn die Sonne selbst darüber froh wäre, daß sie überwunden habe, ein Strahl schoß gleich durch den Raum, ein zweiter machte sich Platz — aber ehe man nur Zeit hatte zu rufen: „Ach! bei dem ersten Blitz des ersten Atoms, war die Larvenwelt verschwunden und die unsere wieder da: und das bleifarbene Lichtgrauen, das uns vor dem Erlöschen so ängstlich schien, war uns nun Crqunickun-g, Labsal, Freund und Bekannter, die Dinge warfen wieder Schatten, -das Wasser glänzt, die Bäume waren wieder grün,'wir -sahen uns in die Augen — siegreich kam Strahl an Strahl, und wie schmal, wie winzig schmal auch nur noch erst der leuchtende Zirkel war, es schien, als sei uns ein Ozegn von Licht geschenkt worden — man kann es nicht sagen, und wer es nicht erlebt, glaubt es kaum, welche freudige, welche siegende Erleichterung in die Herzen kam: wir -schüttelten uns die Hände, wir -sagten, daß wir zeitlebens daran erinnern wollen, daß wir das miteinander gesehen haben. Auf allen Straßen und Wegen waren heimkehrende Gruppen und Züge^ in den heftigsten, exaltiertesten Gesprächen und Ausrufungen begriffen. Und ehe sich noch die Wellen der Bewunderung und Anbetung gelegt hatten, ehe man mit Freunden und Bekannten ausreden konnte, wie auf diesen, wie auf jenen, wie hier, wie dort die Erscheinung gewirkt habe, stand wieder das schöne, holde, wärmende, funkelnde Rund in den freundlichen Lüften, und das Werk des Tages ging fort; wie lange aber bas Herz des Menschen fortwogte, bis es auch roieber in sein Tagwerk kam, wer kann das sagen? Durch das Heimlichs und unheimliche Deutschland. VIII. Die gelränmke Stadt. Bon Manfred Hausmann. Ich werde nur eben hineinwandern, dachte ich zuerst,, ein wenig darin umhergehen und bald weiterreifen die Donau hinab. Passau, eine kleine Stadt, was wird da viel zu -sehen fein. Und dann . . -und dann ... ich blieb drei Tage und drei Nachte dort, du lieber Himmel, -wie fremd -und zierlich sich doch alles darstellte. Einmal hatte ich mich schon weggerifsen und war bis Erlau gekommen, aber da kehrte ich wieder um und wohnte noch eine Nacht in Mau. Und immer, immer wenn ich durch die italienischen Gassen schlich, vv es nun Abend oder Morgen war, oder auch glühender Mittag, immer mutz'« ich von Zeit -zu Zeit stehenbleiben und den Atem anhalten, so pham-asnsa) sah dies nun aus, so phantastisch und hold. Ich stand «da und dachte, es wäre wohl ein Traum. Passau. Und die Donau rauschte herauf, em an- beres Mal roar’s der Inn. Die Gänge und Höfe ruhten, aber die beiden großen Flüsse strömten immer dahin und brausten leise. So war es. * Es gibt noch einen dritten Fluß: -die Jlz. Und wenn der Inn milchig und weih ist und die Donau klar und grün, so ist die Jlz schwarz, um drei Farben strudeln an einem Punkt ineinander. Aber die Donau vw über die anderen. Grün zieht sie weiter, ein bißchen trüber freutcy als vorhin. , Zwischen Donau und Inn auf dem Hügel ist Passau emporgeturmt. Kubische Häuser zuunterst, barocke Fassaden, 'das schwingt sich empor zum bischöflichen Palast, zu allerhand weißen und gelblichen Seminar' gebäuben, bis der Schwung sich oben in den heiteren Türmen der vielen Kirchen verliert. Bimbaumbombombom . . . bom . . . Der Dom. Und zwischen Donau und Jlz ragen auf jähem Geseld die 04^ Unterhaus und Oberhaus. Kasernen, Türme, eine Lindenbastei. Hoch »ne herrlich. Ein ganz früher Morgen. Roch steht in .gülden gewundenen Gassen und Gäßchen, besonders aber in Lenen, die in hundert Trepven zur Donau Her zum Inn abstürzen, ein blauer Rebel. Da und dort schießt die daß ich nur ein kleines Stückchen Himmel sehen tonnte, dann wieder ein Tor, wieder ein Hof, Wasser tropft« an den Wänden herab, dann ein größeres Geviert mit blühenden- Kastanien und Sternen. Düster schlurfte ein Wachtposten auf und nieder, ohne sich um mich zu kümmern. Seitwärts flämmerte ein rotes Fensterchen. Ich tastete mich immer weiter. Mit einem Male war da eine Art Bastei mit allmächtigen Linden bestanden. Und als ich hinaufging, sank da der Fels jäh weg mit Zacken und Gebüschen, und ganz da unten lag Passau zwischen den Flüssen. Was für eine Stadt! Was für eine visionäre Stadt! Ein silbriger Dunst stand über dem Häuserhaufen. Und die Kirchen und Türme nahmen sich so unwirklich aus, so bleich und gläsern. Nur der Dym war dunkel, ein dunkles Gespenst. Aber ringsherum dämmerten helle Straßenfronten aus milchigein Glas, Allerlei Lichter, groß« und kleine, glühten durchsichtig, wie grünes Seidenpapier, auf den Plätzen zusammen. In der Ferne verloren sich, die Donau hinauf, die Lichterketten der Eisenbahn. Und die Flüsse ließen weißes und rötliches Gefunkel auf ihren Wellen hüpfen. Manchmal strömte die Donau dahin wie geschmolzenes Gold und der Inn wie dumpfes Blei. Aber der zarte Nebel verwischte alles. Rundum war die Nacht und oben die Stern«. Passau, ein silbriger Nebel, erfüllt mit leisem Gebraufe, eine undeutliche Bision, ein Traum, eine geträumte Stadt. Neues Ergebnis. Bon Arnold Zweig. An der Wand eines bürgerlichen angenehmen Wohnzimmers mit bequemen Möbeln steht, wie ein zusammengeklapptes Spinett vergangener Zeiten, eine braunpolierte, hochbeinige Lade, auf ihr, wie ein schönes neues Musikinstrument oder ein Spielzeug erwachsener Kinder, der mit grünem Draht rhombisch bespannte Ma'gnhonirahmen. An Schnüren liegen die beliebten Kopfhörer auf dem Tische aus. Sogleich wird kraft dieser Apparatur der Aether musizieren. Erschütternd ist für jedes Kind die erste Bekanntschaft mit jenem zauberhaften Ding, das aus einem schwarzen Kasten und nickelblitzendem Hörrohr die Stimme der entfernten Mutter hören läßt: dem Telephon. Unheimlich, verehrungswürdig, nur mit großem Bogen zu umkreisen steht es im kindlichen Erlebnis, bis es sich daran gewöhnt und es einordnen kann ins Hingenommene. Diese Existenz, Telephon, brach am stärksten ein in die Gewohnheiten der Europäer, nicht in die praktischen, in die seelischen vielmehr. Bon allen Durchquerungen des Raumes war sie die neueste. Und es beweist die Richtigkeit Bergsonfcher Intuition, den Menschen als das Werkzeug machende Tier einzuordnen in die Welt, daß keine größere nachbildende Seelenerschütterung von dieser neuen abenteuerlichen Waghalsigkeit des technisch-elektrischen Tuns ausging. Den ethischen Antrieb -des Pentateuch: halte deinen Nächsten wert wie dich selbst — noch heute hat ihn die Welt nicht Eingenommen anders als obenhin, noch heute erschüttert er im Augenblick seiner Verwirklichung die Umgebung mit Krämpfen. Das Technische aber ist selbstverständlich i-m Augenblick, wo man es erprobt hat. Der Mensch fühlt sein Werkzeug, es sei großartig wie immer, als das ihm zugeordnete; sein ethisches Erlebnis immer als das ihm übergeordnete. Dennoch sitze ich mit der leisen Beklemmung zentraler Seelenorgane, die sich vor dem Unerprobien einstellt, zwischen -meinem Kopfhörer. Der Herr des Hauses, -gelassen, gewohnt, dennoch mit der Spielsreude eines großen Jungen, beginnt die Zeiger manometerähnlicher Zifferblätter zu bewegen. Er stellt ein. Berlin haben wir vorhin gehört. Aus dem Lautsprecher quoll näselnd, leicht kitschig umwittert, die edle Stimme gut- ge-sungener Opern. Jetzt holen wir Europa in die bürgerliche Wohnstube. Chorkonzert, deutsche Romantik, wahrscheinlich; das ist Breslau. Dann spricht jemand, und ein anderer antwortet; Verse, dramatischer Dialog — Breslauer Universität steigt auf; die Lam-bertskirche, das Rathaus von Münster in seiner gotischen Fassade an Breslau gemahnend, damals, als ich das erstemal davorstand — die Wiesenkirche, furchtbare Käfige oben am Lambertsturm, der Drostepalast, weite Plätze, das ist Münster. Sie lassen Nch willig koordinieren. Es ist noch kein Wunder für -mich, Schlesien -und Westfalen, katholische Lande, tief unterströmt von religiöser Ketzerei, das geht noch an. Frankfurt tritt hinzu, Operette, Offenbach, spaßig und bezaubernd wirft sich -der Orchesterkl-ang an mich, aber plötzlich musiziert jemand „Meistersinger", das ist schon London. Englisch gesungen, man versteht die Worte nicht, kommt diese deutsche Musik, und man glaubt, daß sie übers Meer kommt; denn jetzt meldet sich energisth die Atmosphäre: Jnfanteriefeuer, die rasend ausgeschütteten Salven, Kettenfeuer, wahnsinnige Maschinengewehre, Hagel, kleine Erinnerung an Verdun. So prasselt, pfeift, zischt, klappert ein Element, -das ist nicht mehr bloß heimische Luft, hier bricht -der Kanal ein, die Nordsee. Ungeheuerlich stark wird vor meinem geschlossenen Auge die Suggestion von diesen Tönen, diesem Rasseln, Hellen Poltern, Knirschen, Schütten von Kies auf Blechdächer, vor dem geschlossenen Auge sehe ich tue gespenstisch kahlen, zersetzten, von Klauen -durchpflügten Bodensilhouetten, Verdunhöhen, Schluchten. Grünes, fahles Raketenlicht geht m einiger Entfernung darüber hin (ununterbrochen tönt „Meistersinger -Musik hinein in diese Hölle); es ist -ungeheuerlich. Nichts fehlt als die Hauptsache, der P-a-u-kenwirbel der Geschütze, das rasende Anfauchen, Schleifen, Krachen der Einschläge über unserm Köpfen. Und immer noch diese Musik! Ich muh sie mir aus dem Hinter-grund des Erlebnisses förmlich wieder hervorholen, so sehr überwältigt sie der Einbruch der Geräusche — dieser Geräusche. Vorüber! Vorüber! Walpurgisnacht anderer Art taucht auf. Durch das Pfeifen und Fauchen der Atmosphäre kommt bezaubernd süß, mmg geigend, «roße Musik, das ist Rom ... Die Alpen? Nichts. Distanzen, M-eereshöhen, Unterschiede — gar nichts. Wir reifen ja nicht mehr mit der Atmosphäre. Für unsere Ohren find Berge ja so durchlässig geworden wie für dunkle Strahlen. Uns musiziert der Aether. Bequem durchsausen ferne Schwingungen die Räume zwischen den Molekülen der hilflosen groben Masse, Stein oder Luft. Dann meldet sich vom (Eiffelturm eine südländische Stimme, jemand spricht, hält eine Rede, der Klang ist romamscy, der Tonfall wunderbar befremdend. Von (Eiffelturm wird spanisch gesprochen, sagt das Programm. Und immer zwischen der Stimme braust und brodelt Walpurgisnacht. Entladungen, Erschütterungen, Helle Stöße, immer wieder das lange, silberne Fauchen unsichtbarer Sirenen. Der Rückweg: Prag musiziert. Der Klang strenger und süßer Geigen, das edelste des Abends, böhmische Musikalität. Dann ruft mich plötzlich das Telephon nach Hause. Ich -habe einen langen Weg durch die Nacht, güt, um viel zu bedenken. Heute abend haben die Ohren den Rausch neuer Organe bekommen. Sie gehen" gewissermaßen. Der Mensch, homo Jaber, hat dem Organ em» neues Instrument angeschlossen, neue Dimensionen zucken heran. Die Völker find auf der Erde nicht mehr allem. So erschütternd wie diesmal hat die Erkenntnis, -daß Sprachen überwunden werden müssen, mir noch nie leib- und smnhaste Deutlichkeit erobert. Wenn man euch Londoner in Rom hört, lernet sprechen, daß man euch auch verstehe! Von diesem Auaenblick an als die ersten Radiostationen einander erreichten, wurde die Weltsprache, jene Hilfssprache, die die natürlichen Sprachen ergänzen muß, wie das Fahren ergänzend Das Gehen verlängert und verbessert, eine -lebensnotwendige Forderung. Die Technik bncht in Die Politik. Sie reißt neue Dimensionen auf auch-der Natur. Denn hier ist weit mehr als Zivilisation im deutschen Sinn am Werke. Viel mehr tritt m Erscheinung jene Zivilisation Der Engländer Zivilisation Der Franzosen, die mit einem Worte -Das technische Bessermachen und Das menschliche Höflicher-, Seiner-, Wertvollermachen umreißen. Vorläufig helfen wir uns mit der Musik, wir Menschen, Denen Die Sprachen zum Streitwagen dienen. Gesungenes und der große Klang der Jnftrumentengruppen überbrücken vorläufig; aber es genügt nicht. Dies ist kein Instrument zum Spaß, dieses Radio. Es hat ernsteren, größeren Rang in sich als bloß die Unterhaliung halb- müder ÜlbenDgäfte. Wenn jemals die inneren Gesetze der Gegenstände Forderungen richteten an den Menschen, so hier das unglaubliche Geschenk der Technik: im Grunde setzt es einen reiferen, weiseren, menschlicheren Status voraus, als ihn der heutige Mensch auf bringt. Die Arbeit des Geistes, der einsame, von den Schreibtischen der Schriftsteller, Der Dichter, Der Philosophen gelenkte Strahl der Helligkeit bekam einen ungeheuren Bundesgenossen. Künftig werden Die Menschen aneinander appellieren können, sie werden nicht mehr in Den Mauern ihrer Grenzen sich gegenfeitig mißverstehen müssen, wenn Verwicklungen zu Katastrophen ausreifen. Urtb indem sie einander di« großm Schöpfungen ihrer Künstler zureichen, ohne den störenden Interpreten, wird das Klima zwischen ihnen milder werden. Vorläufig singen sie, um allgemeingültig zu sein, Weber» all verstehen sie Musik. Deutsche, italienische, französische, russische — rührendes Tasten nacheinander in einer neutralen gefälligen Zone. In ein Berliner Wohnzimmer bricht der ungeheure Aether ein. Auf dem Drahtrhombus der Antenne musiziert die Zukunft menschlicher Beziehungen. Es war schon ganz richtig, daß der Hörer beklommen, fast erschüttert auf den hantierenden Wirt des Abends sah: ein neuer Schritt ist geschehen. Unter dem Gewehrfeuer der Störungen, unterm Fauchen und Krachen der Atmosphäre, tastet ein neues Organ der Menschheit in den von dunklen Strahlen durchtränkten, schwach erhellten Raum, den der Planet Lurchkreist, durchwirbelt. Das eimg Männlichs. Von Per H a l l st r ö m. (Fortsetzung.) Vor ihr leuchteten im Schein der Tischkandelaber alle erdenklichen Neuigkeiten und Luftschlösser, aber sie konnte nicht zu ihnen hingelangen, weil zwei Wege hinführten. Ihre ehrliche Seele stöhnte mitten in der Freude und Munterkeit, und je weiter die Mahlzeit vorschritt, desto zerstreuter wurde sie. Was sie litt, war alle Unruhe der echten Liebe, ohne daß sie auch nur int Traume Ersatz suchen konnte, denn sie wußte ja nicht, in wen sie verliebt war. Es wurde den beiden Vettern klarer denn je, daß sie sich gegenseitig im Wege standen, und dieses Bewußtsein drängte sich auch anderen, auf. Der Hütenherr, der bei jedem Mittagessen, an dem er teilnahm, von der herrschenden Behaglichkeit so herzenswarm und begeistert wurde, daß er alle Anwesenden sogleich für den nächsten Tag zu sich nach Norrbo einlud, damit man einander doch nicht vergesse, fam beim Kaffee auf die jungen Barone zu, umarmte sie mit der Schale in der rechten Hand und der Untertasse in der Linken und brachte sein Anliegen vor. Er liebte junges Volk und alte Namen, und niemand hatte mit einer solchen Doppelgefahr im Rücken Herz und Mut, nein zu sagen. „Lieber Karl," sagte er, „in aller Einfachheit, wie eben bei einem alten Onkel und Junggesellen. Ein warnendes Beispiel, -hahaha! Keine Hindernisse vorfchützen! Ich weiß, wer nicht kommt, wenn du nicht kommst! Kannst du erraten, du Schelm?" Karl hatte eben den Vetter auf die wortwörtlich gleiche Aufforderung eine ausweichende Antwort geben gehört, was als ungewöhnlicher Witz aufgefaßt worden war. Er hatte sich darüber ein wenig geärgert und klopfte darum dem Einladenden so herzlich auf die Schultern, daß er hörte, wie das Porzellan klapperte, und spürte, wie der warme Trank an ihm herunterlief. „Vermutlich Gustav", sagte er mit dem kühlsten Seitenblick, der noch zwischen den beiden Männern vorgekommen war. Der Hütte-nherr schlug eine noch geräuschvollere Lache auf. „Gustav! Hahaha. Hörst du, was er sagt, Gustav?" Aber als er sie beide vor sich sah, umwölkte er sich beim Anblick ihrer Mienen und war höchst betrübt über den Gedanken, der sich ihm erst jetzt a-ufbrängte, daß zwei so prächtigen, gutgestellten und herzensguten Jungen, die er anfwachsen gesehen, etwas so Unbehagliches passieren konnte. „Hm, hm," sagte er, ,,also du kommst? Es wird so gemütlich und nett sein. Alles, was ein alter Junggeselle bieten kann . . ." Hier wurde er wieder verlegen und noch mehr, als er entdeckte, was mit dem Kaffee geschehen war. Er zog sich in das Rauchzimmer zurück. Für diesen Abend war ihm die Laune verdorben. Später kam der Hauptmann und erbat sich mit bescheidenem und aufrichtigem Ernst eine Unterredung mit den beiden in einem der Herrenzimmer unter einer Jagdtrophäe, bestehend aus ein paar gewaltigen Eichhörnern und einer Luchshaut, auf der alle erdenklichen Waffen auf» gehängt waren. „Meine Herren," sagte er, „ich -kenne euch, seit ihr s o groß wart." — Und er gab das Maß an der Wand dicht neben ein paar Pistolen an, zögerte dann, seine Erinnerung durchforschend, aber k-am zu seiner ersten Angabe zurück. — „S o groß?' „Gewiß, Onkel", antworteten sie, und sie erinnerten sich, wie er sie Jagen gelehrt und sein munteres Halali unter ihren Fenstern früh in der Morgendämmerung geblasen hatte. Auf andere, weniger feierliche Weise durfte nie geweckt werden. Die Poesie des Ganzen stand vor ihren Augen, der -blaue Morgemrebel, -das eilige Ankleiden, beflügelt von der Angst, nicht vor der Sonne hinauszutommen, die Spannung und die Freude, fertig zu sein. Unterdessen wartete der Hauptmann geduldig und vergnügt bei den Hunden im Hofe, die er mit Liebkosungen beruhigte, „Gewiß, Onkel." Und der Tonfall war sehr herzlich. „Ihr beiden seid unterdessen gewachsen und ein paar prächtige Jungen geworden. Ich" — und er stieß bei dem Worte einen kleinen Seufzer aus — „stehe, wo ich stand." „Ja, es wäre auch beunruhigend, wenn Sie weiter mit uns Schritt gehalten hätten, Onkel", sagten sie lächelnd und begegneten seinem weh- nratiaen Blick. „Die Natur hat uns alle drei gleich lang gewollt." Ser Hauptmann nahm die Fra-ge nicht auf. „Ich kenne Fräulein Ebba, feit sie s o klein war", fuhr er fort und beugte sich hinab, um das Maß exakt wiederzuflnden, ein Stück unter -6em Luchsichwanz. Die Vettern lächelten noch immer, obgleich sie merkten, daß ein verhängnisvoller Ernst nahte. „Sie ist nicht so stärk gewachsen wie wir", lächelten sie. Der Hauptmann -fuhr einfach fort: „Sie hatte die süßesten Kleidchen, wenn sie nach dem Frühsttick hwunterkam. Ich küßte ihre Hände wie die -der Gräfin und wurde ihr Ritter. Ich pflückte ihr Anemonen und derlei zu Sträußchen, und Nüsse, wenn es Sie Zett war. Das war das einzige, was ich für sie tun konnte. Sie nahm sie sehr niedlich und würdevoll entgegen. Ich bin ihr sehr gut," fügte er mit einem bestimmten Kopfschütteln hinzu, „aber euch habe ich auch gerne." Die jungen Männer waren gerührter, als sie es sich selbst zugestehen wollten, und zeigten ihre Dankbarkeit in der angemessensten Weise, indem sie ihm Worte ersparten, die ihnen schwer fielen. „So ist es", sagten sie. „Sie haben es also gemerkt, Onkel. Was zum Henker soll man in unserer Lage tun? Wir hindern einander nur, und keiner gewinnt um eine Pferdelänge. Sagen Sie es uns, und wir werden gehorchen." „Da ist nichts anderes zu tun, soviel ich sehe," sagte der Hauptmann treuherzig) „als daß einer von euch das Feld räumt. Eine kleine Reiss, beispielsweise ... Ja, es ist ja gleichgültig, wohin, wo es eben am unter» hallendsten ist." Sie kauten ärgerlich an ihren Schnurrbärten. „Eine sehr scharfsinnige Lösung und eine sehr -lockende Aussicht, dies« Unterhaltung! Soviel haben wir schon jeder auf eigne Faust heraus» geflügelt. Aber wer soll diese nette kleine Reise solo unternehmen und wer die andere?" Der Hauptmann bedauerte, sich nicht tiefer in das Problem hineingedacht zu haben. „Letzteres", murmelte er, „ergibt sich aus dem ersteren; aber hier, ich gestehe es, liegt eine gewisse Schwierigkeit, und jetzt kann ich euch nut bitten, mir zu verzeihen, daß ich so . . . Seht ihr, ich dachte an sie." Hier muhten sie wieder lächeln. „Das tun wir auch, Onkel, und barinit ist es eben so schwer." Der Hauptmann sah sie an, ganz gedemütigt von -der Erkenntnis, wie wenig er imstande war, Menschenherzen zu erforschen. „Ja, ja", sagte er. „Ja freilich, ihr seid verliebt, ihr auch. Sps ist eben die Schwierigkeit. „Aber", fügte er mit männlicher Entschlossenheit -hinzu, „ein Ende muß es doch haben." Damit ging er grübelnd, zu taktvoll, um sich in die Beratung zu mischen, die seiner Ansicht nach jetzt folgen muhte. Zu einer solchen kam es jedoch nicht, denn keiner der beiden Herren hatte die Stirn, -dem andern vorzuschlagen, sich zu opfern, oder die Neigung, es selber zu tun. Sie sahen flüchtig die Pistolen an, aber fertigten den Gedanken, den sie erregten, sogleich mit einem Kopfschütteln ab: nein, -diese Zeiten waren vorbei! Unmittelbar daraus standen sie beim Laute der Tanzmusik auf und gingen, ihre Dame ausfordem. Kommt Zeit, kommt Rat, dachten sie. Vielleicht geschieht heute abend etwas Entscheidendes. Aber es geschah nichts. Denn walzte der eine besser, so war der andere Meister in der Polka, und das hob sich auf. In ihrer Unruh« über Sie Unhaltbarkeit der Lage peitschten sie sich beide zu einer wilden Fröhlichkeit auf und waren nie so einnehmend gewesen. Fräulein Ebba lachte so, daß ihr die Tränen in die Augen tarnen, und lachte weiter, bis sie wieder trocken waren, ohne Gelegenheit zu haben, jenen ergreifenden Herzenston zu hören, der sie sogleich bestimmt hätte. „Ich bin ein oberflächliches, eitles, wertloses Geschöpf", dachte sie, „und verdien« keinen von ihnen." Und da dem nun so war, machte sie sich kein« Skrupeln, den Augenblick zu genießen und so viele als möglich zu bezaubern. Die übermütige Laune der Kavaliere hielt noch an, als sie auf der Treppe standen und ihre Schlitten aus der Reihe vorfahren sahen, mit flaräugigen Laternen unter klatschenden Peitschen. Ein fatalistisches Ge- ühl bemächtigte sich ihrer, ob es nicht ebenso gut wäre, in ben ersten besten einz-usteigen und die Rolle, die dazu gehörte, auch für den Rest seines Daseins weiterzuspielen. Baron Karl warf entsclstossen die Zigarre in den Schnee und flüsterte dicht in den Biberkragen des Vetters: „Wir fahren um di« Wette über den See: ich setze alles darauf ein. Du auch? Baron Gustav drehte den Kopf und sah den Mick des Rivalen jo bremienb, daß es ihm vorkam, als könnte er seine Zigarre daran am zünden, wenn er wollte. Er ließ sie jedoch ebenfalls fallen, denn er hatte die ganze Bedeutung der Worte verstanden. „Gut," erwiderte er, „wir machen einen kleinen Umweg, um di« anderen loszuwerden, und treffen uns 'dann in der Bucht unter der Meierei. Fünf Minuten?" — „Fünf Minuten." Dann wandten sie sich wieder der Umgebung zu und tauschten -Ab- schiedsgrühe und Scherze. Der Hüttenherr, der mit neuerdings ausflam- mender Gastfreunschast auf sie zukam und Bescheid auf seine Einladung haben wollte, erhielt einen orakelhaft dunklen. „Danke, danke, einer von uns wird kommen, und es wird sehr an» genehm sein." „Hm," stammelte er, welcher?" „Der nicht verhindert ist. Regimentssachen, Onkel, fugten sie hmM, um seine Grübeleien zu beschwichtigen. Und damit fuhren die SHmtsN davon, unter den schwarzen Zweigen 'der Linden und allen ratselyasikn Sternen der Nacht. Als sie ein wenig abseits gekommen waren, streckte der erste seinen Arm aus und fegte den Kutscher hinter sich in den Schnee, während er Sie Zügel ergriff. ... „Geh nach Hause, Johannson," sagte er, „g eh nach Hauses Das ist dir zuträglicher. Du machst dir zu wenig Bewegung, JoMnnson.' Johannson konnte nur schwer diese plötzliche Besorgnis für -feine Gesundheit begreifen, währenb er sich da im Schnee route. „Pardon, Herr Baron?" fragte er. „Du bist schwerer, Johannson, als der andere, oder vielleicht seichter. Ihr könnt euch gegenseitig Gesellschaft leisten. Sieh dich mal um!" .. Er tat es und sah zu seinem Erstaunen, wie sich dasselbe Manöver auf dem anderen Schlitten wiederholte. „Zu Befehl, Herr Baron." Und er klopfte sich den Schnee ab und knöpfte den Rock auf, um es nicht zu warm zu haben. Der andere tat -das gleiche, und als sie -damit fertig waren, gesellten sie sich zueinander und tauschten ihre Gedanken aus. Da waren ihr« Herren schon den Abhang hinunter verschwunden. Dort unten hielten sie unter den Weiden und sahen über den See hin. (Schluß folgt.) Verantwortlich i.V.: vr.Fr.W. Lange.—Druck u-nd Verlag: B ruhl' s ch e'Ä ni v e rsnt a t s - Buch- und 6 t e inbr utferet, tRißan-ge,