Jahrgang $927 Samstag, den 28. Mai Nummer §2 GiehenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Avend im Frühling. Bon Johannes .Heinrich B r a a ch. Ich habe Rast in einem Mühlenwerk gemacht. Der Wasserfall am Wehr rauscht hellen Schall, im Gatter scharren Pferde, und aus Holunderhecken lockt Drosselschlagen durch die junge Stacht. Mit Sternen ist der Himmel überschüttet, und wie ein alter Kutscher seinen Wagen lenkt eine unsichtbare Hand des Mondes Silbersichelband um uns're müde, schlafbefang'ne Erde. Traumwellen schwellen über Flur und Land. Und sieh: Aus ncuergrimten Gründen, aus Blütenwundern, die der Frühling schuf, aus Auen, Tälern, Schroffen, Schrunden bricht es hervor wie auf Geheiß von Zauberruf, umrauscht von hundertstimmigen Gesängen', umstrahlt von Licht, von Wunden entbunden, der Heimat Gesicht. Erste Thealererlebniste. Bon Karl Scheffler. Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem im In sei - Aerlag zu Leipzig erschienenen Buche „Der junge To- b i a s" von Karl Scheffler, das den als Kunstschriftsteller und Essayisten hochangefehenen Verfasser in einem ganz neuen Lichte zeigt. Sein Buch, die Lebensgeschichte eines jungen Handwerkers, der sich in vielfach gehemmter Selbstlehre zu einem geistigen Arbeiter entwickelt, em Bekenntnis ohne Scheu und fatsche Scham, ist einer jener Rechenschaftsberichte, die die Deutschen seit 150 Jahren zu schreiben und zu lesen nicht müde werden. Denn Johann Schüler, der Held der Erzählung, ist ein später Enkel Wilhelm Meisters, Jung-Stillings, Anton Reisers, Heinrich Lees und vieler anderer, die auszogen, sich selbst in der Welt ihrer Zeit und diese Welt wiederum in sich selbst zu suchen. 233 Die erste Theatervorstellung sah Johann in einem rvandernden Wachs- figursntheater, das jeden Winter in das Dorf kam und in einem Tanzlokal spielte. Die Wachsfiguren waren fast lebensgroß und wurden von einem Schnürboden aus an Drähten dirigiert. Es wurden nur wenigs Stücke gegeben. Zuerst beschwor Faust die Teufel und wählte sich den schnellsten aus. Dann kam die Geschichte der Genoveva. Und den Beschluß machte eine groteske Diebesschnurre. Die mittelalterlichen Mysterien können von einer gläubigen Menge nicht atemloser und mit schauerlich süßerem Gefühl genossen worden sein, wie Johann diese Puppenkomödien ansah, inmitten eines aus Kindern, Knechten und Dienstmädchen bestehenden Publikums dasitzend. In dem willenlosen Schlenkern der Beine beim Gchen, in dem Hüpfen und Schweben, in dem starren Gesichtsausdruck der Puppen lag etwas Unheimliches und Drohendes. Alle Schauer der Tragödie fühlte er, wenn sich die rührende Geschichte der Genoveva entwickelte und die'Schurkerei Golos Unheil anrichtete. Nie hat das Theater später diese ersten Eindrücke eigentlich überbieten können, nie haben lebendige Schauspieler ihn tiefer ergriffen als dies« Puppen mit ihren unwirklichen Bewegungen; nie hat die Stimmung 'der Bühne ihn tiefer berührt als in diesem ganz primitiven Wandertheater. Johann brauchte später nur zu wollen, und er hatte gleich wieder den alten, schlecht erleuchteten Tanzsaal vor Augen, der aus der Diele eines Bauernhauses entstanden war, an dessen einem Ende auf wackeligen Bänken ein spärliches Publikum saß, und in dessen Dämmerung die Bühnenvorgänge ganz geisterhaft wirkten. Cs war wirklich, als wäre die Zeit stehen geblieben, als wären mittelalterliche Menschen versammelt, um der Darstellung einer Volkssage zuzusehen; mit Johann schien das ganze Publikum, schien die Marionetten hafte Darstellung und das hohl vom Schnürboden herabschallende Wortpathos jung zu sein und noch üef im Kmdesalter der ersten Lsbensverwunderung zu stecken. „Das nächste große Thsalerevlsbnis hatte Johann an jenem schon erwähnten Winterabend, als die Eltern ihn zum ersten Make mit ins Stadt- theater nahmen- Eigentlich hätte schon der Anblick des großen, festlich erleuchteten Theaterraumes oben vom Rang herab genügt. Die viele« festlich gestimmten Menschen, ihr Durcheinandersprechen, das Klappern der Sitze, dazu der hundertkerzige Glanz des Kronleuchters, die reich bemalte, goldverzierte Decke, das Wunder der Rangarchitektur, der mit einem Gemälde geschmückte große Borhang, und dazu das erregende, auf unerhörte Herrlichkeiten vorbereitende Stimmen und Probieren im Or- chester. Die Geiger und Flötenspieler fuhren geschwind die Tonleiter hinauf und hinab, die Violoncellisten und Bassisten brummten mit tieferen Tönen dazwischen, der Paukenschläger zog die Schrauben an und probierte leise den Ton, der Oboist drang mit seinen Tönen durch den Tumult und gab das a, und gleich fielen alle Jnstrummts ein, warfen sich auf den Ton und seine Quintenklänge, um dann wieder in höhere Regionen kunstvoll hinauszuklettern oder im tiefsten Baß zu murren. Dann kam der Dirigent, es wurde still, die Ouvertüre begann mit einem jubelnden Aufrauschen aller Instrumente, und es war, als wäre das, was tief verborgen, ungekannt noch in der Seele lag, plötzlich zur strahlendsten Wirk- lichkeit geworden. Zuerst wurde ein Weihnachtsmärchen gegeben. Mit großem Theaterapparat, mit Feen, Zauberern, Donner, Blitz, Versenkungen und wirklichem Regen. Zwei Waisenkinder beschlossen, in die weite Welt au gehen ■ als sie vom Grabe der Mutter Abschied nahmen und dort einschliefen' stieg der Geist der Verstorbenen in blau schimmerndem Licht« hinter dem Grabhügel auf und segnete die Kinder. Dann kamen volkreiche Städte, hohe Säulenhallen mit einer festlich geputzten, tanzenden Menge, ein grausamer König wurde von einem armen Besenbinder bestraft, indem dieser mit einem Wort aus allen Kulissen prügelnd« Besen heroorzaubert«. Am Ende wurde die Tugend belohnt, und unter dem freudigen Getöse des Orchesters gab es eine Apotheose. Damit war der Abend aber noch nicht zu Ende. Auch die Erwachsenen sollten auf ihre Kosten kommen; es folgte eine Oper, und da di« Kinder allein nicht nach Hause geschickt werden konnten, durften sie dableiben. Joses trat auf, vor einem Hintergrund von Palastarchitektur, und besang sein trauriges Jugendschicksal. Dann kamen die Brüder mit alttestamentarisch strengen Gesichtern. Und am Ende erschien der hübsche Bsnjamin, dem von allen geschmeichelt wurde. Die Begebenheiten zogen dem Knaben unverständlich vorüber, die Musik rauschte bald nur noch am Ohr vorbei. Es war zuviel, um es auf- zunehmen, die Sinne waren wie betäubt; es blieb nur di« Stimmung des Ganzen. Diese Stimmung aber wirkte bis in die Tiefe des Lebens- gefühls und bestätigte eine zweite höhere Wett. Dieser Besuch des Weihnachtsmärchens im Stadttheater fand nur einmal im Jahre in den Weihnachtsferien statt; er gehörte zu den Festgeschenken und fiel nur aus, wenn die Kinder für ein schlechtes Schulzeugnis gestraft werden sollten. Da auch die Kameraden vom Schulweg die Vorstellung besuchten, kann man sich denken, wie das Ereignis jedesmal vocher besprochen und nachher erläutert wurde. Jede Szene wurde wieder durchgenommen, jeder Schauspieler gelobt, jode Dekoration bewundert. Aber die Kinder blieben beim tatlosen Bewundern nicht stehen. Aus den Theaterbesuchen entstand der Entschluß, selbst Puppenspiele zu veranstalten. Cs gab damals schmale, kleine Bücher mit Texten für Puppenspiele in den Papierhandlungen zu kaufen. Diese wurden nun erworben. Dann wurden die dazu gehörigen Bilderbogen gekauft, die Figuren und Requisiten wurden mit der Schere ausgeschnitten, auf Pappe geklebt, unten mit einem Holzklotz versehen, damit sie stehen konnten, und an lange Fäden geknüpft. Eine Bi'chne mit Vorhang, mit Kulissen und Hintergründen für mehrere Stücke besaßen die Söhn« des Krämers. Diese Bühne mürbe auf einem Tisch aufgebaut, in eine Türöffnung gerückt und der oben und unten offene Türraum wurde mit Stofs verkleidet, so daß bei hochgezogenem Vorhang nichts zu sehen war als die offene Szene. Das Warenlager des Krämers gab die nötigen Werkzeuge und Hilfs- mittel her, das Buntpapier, die rote rind grüne Gelatine, die bei Sonnenuntergängen und Mondschein vor die Lichter in den Krilissen gestellt wurde, und diese Lichter selbst. In den Zuschauerraum wurden Stühle und Bänke geftellt, Ankündigungen wurden geschrieben, und die Knaben zogen während des ganzen Tages im Dorf umher, um Kinder für die Vorstellung zu gewinnen. Jedes der Kinder mußte fünf Stecknadel« bezahlen, kamen aber auch so herein, wenn sie keine hatten. Das Stück nahm dann seinen Anfang, nahm aber keineswegs immer einen glatten Verlauf. Denn die Regisseure hinter der Szene, die die Figuren dirigierten und den Text hevsagten, gerieten sehr bald in Meinungsverschiedenheiten und fingen Streit miteinander an. Entweder es fiel eine Figur um und mußte von oben mit der Hand hervorgeholt werden, was bei den Zuschauern einen höhnischen Jubel ausloste, es war eine Figur nicht rechtzeitig aufgetreten, oder es passierte sonst etwas. Die Zuschauer riefen den Spielleitern dann Ratschläge zu, diese antwortete« aus ihrem Versteck heraus, und das Stück wurde unterbrochen, bis der Schaden behoben war, die Figuren wieder zu tanzen und die Stimmen wieder zu deklamieren begannen. Gerade hierbei zeigte es sich aber, wie willig bte Phantasie der Kinder ist. Die Störungen konnten die Illusionen nicht verderoen. Wenn die Puppen wieder an ihren Schnüren hin Charaktsrköpse der florsntinifchen Frührencrifsance Von Wilhelm V o e cf. Unter den großen Meistern der Renaissance wird Vasari nicht genannt, denn seine Kunst hat keine neuen Werte geschaffen. Ihn zählt auch keine Geschichte italienischer Literatur auf, denn Gedichte hat er nicht gemacht. Und doch war er ein großer Künstler: Giorgio Vasari hatte die undankbare Aufgabe, Kunstgeschichte zu schreiben. Als Maler und Architekt beherrschte er den ganzen technischen Apparat jener Künste, hatte selbst Signorellis, Michelangelos, Andrea del Darios Schulung erfahren. Er war aber auch mit Pietro Aretino aus demselben Orte gebürtig und vertraut, jenem Freunde Tizians und geistreichen Schriftsteller, den seiner losen Zunge halber keine andere Behörde Italiens dulden wollte als die Signoria von Venedig. — So scheint Vasari gerade in dieser glücklichen Mischung wie kein anderer dazu geschickt, die künstlerische Entwicklung, als deren Erben er sich selbst erkennt, mit der Feder festzuhalten. 1567 gab er seine umfangreiche Folge der „Lebensbeschreibungen der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister" heraus, eine unersetzliche Duelle der Kunstwissenschaft bis aus den heutigen Tag. Es mag uns fast wie ein Symbol erscheinen, wenn wir hören, daß er, der literarische Sammler, noch einer anderen größeren Sammlung Obdach geschaffen hat; er ist der Erbauer der Uffizien. Was ihm in seinem Werk mitunter an historischer Zuverlässigkeit abgeht, das ersetzt er, denke ich, reichlich durch seinen Schatz an Ersahruna, Geschmack, klarer Urteilskraft, guten Kennereigenschasten (er selbst sammelte eifrig Handzeichnungen alter Meister) und nicht zum wenigsten durch seine Humanität. Ueberall aus den historischen Erörterungen schauen uns die verständnisvollen Augen des Menschenfreundes und »kenmers entgegen. Sein Empfinden für reine Menschlichkeit steigert sich nun häufig geradezu ins Novellenhafte. In ihrer ganzen Leibhaftigkeit stellt er uns die Künstler vor, der Glanz ihres Ruhmes kann ihn da nicht blenden. Daß es ihm nicht zu wenig war, uns diese kleinen und kleinsten Züge zu überliefern können wir ihm nicht genug danken. Von besonderem Reize ist es ferner, feine Nachrichten mit den erhaltenen authentischen Porträts zu vergleichen. Im folgenden sollen nun einige Charakterköpfe der floreniinischen Frührenaissance herausgemeißelt werden. Giotto. Er hütete wie König David die Herde seines Vaters, bis man ihn entdeckte und zu hohen Ehren führte. Cimabue, der erste Maler einer neuen Zeit, muß gerade des Wegs daher kommen, um ihn anzutreffen, wie er mit spitzem Stein fein schönstes Schaf in den Sand zeichnet. Er nimmt ihn natürlich mit. So werden die Fähigkeiten des klugen Knaben in der Werkstatt eines berühmten Mannes entwickelt. Der kleine Lehrjunge, der den Schalk nicht verleugnen kann, malt einem ernsten Heiligen eine Fliege auf die Nase, und Cimabue kann ihm nicht zürnen, denn er hatte sie wirklich so täuschend nachgeahmt, daß der Meister sie vergeblich weg- zusangen suchte. Stolz nimmt der Geselle an den Triumphen des Meisters teil, wenn die Honoratioren von Florenz in die Vorstadt hinausströmen, eine neue Tafel des Cimabue zu bewundern, oder wenn das Mutter- aottesbild für Santa Maria Novell« in einer Prozession mit großer Pracht und Trompeten im Atelier des Künstlers abgeholt wird. Seinem Lehrer schon zu Lebzeiten überlegen, hält er nach dem Tode des betagten Mannes feinen Einzug in dessen Haus. Die Herren Italiens werben um feine Gunst. Was tut Giotto, wenn der Höfling des Papstes, der in Italien Musterzeichnungen sammelt, zu ihm kommt? Er zieht ihm aus freier Hand einen geometrisch vollendeten Kreis; und macht auch der Hofmann ein schiefes Gesicht, feine Heiligkeit weiß diese Leistung zu würdigen. Giotto reist auf der ganzen Halbinsel umher, folgt zeitweise den Päpsten nach Avignon. Er geht mit Robert von Neapel um wie mit seinesgleichen — und sagt ihm sogar die Wahrheit. Als Robert ein Sinnbild seines Königreichs gemalt haben will, entwirft er ihm einen Esel, der, selbst gesattelt, ein zweites Zaumzeug am Boden verlangend beschnuppert. Beide Sättel zeigen siebenzackige Kronen. „So ist dein Volk; sie wünschen alle Tage einen anderen Herrscher." — Seine Adoptivheimat Florenz bewilligt ihm, dem Baumeister des Campanile, eine regelmäßige Besoldung. Der große Dante weih seine Freundschaft zu schätzen und verewigt seinen Namen in der Göttlichen Komödie. Die Erscheinung dieses Mannes hat etwas Großartiges. Er ist der allgemein anerkannte, der einzige Künstler. Hinter keinem Mächtigen der Erde braucht er zurückzustehen; nicht Geburt oder Reichtum, was er kann, hat ihn groß gemacht. Frei von menschlicher Schwäche, stets Herr der Lage, eine monumentale Gestalt. und herpendelten und die Rede und Gegenrede weitergingen, waren alle gleich wieder mitten in der Illusion. Shakespeares Worte aus dem „Sommernachtstraum" wurden zur Wahrheit: „Das Beste in dieser Art ist nur Schattenspiel und das Schlechteste nicht schlechter, wenn die Einbildungskraft nachhilft." Bald schwoll den Knaben der Kamm. Sie wollten als richtige Schau- pieler austreten. Da sie nichts Besseres wußten, wählten sie zur Anführung einen jener Texte für Puppenspiele und gerieten an eine greu= iche und dumme Travestie des Hamlet. Der vielversprechende Titel lautete: „Prinz Hammelsett und Prinzessin Pumphelia". Es kam ein Hanswurst in dem Stücke vor, der das große Wort führte, der König, die Königin, der Prinz, die Prinzessin und der Geist. Den Geist spielte Johann mit Hilfe eines Bettlakens. Zwei Kusinen mußten die Frauenrollen übernehmen. Hanswurst erschien und rief den Prinzen. Dieser erschien mit den Worten: „Was störst du mich in meiner Liebe Kosen?", wurde von Kaspar ober belehrt, datz fein Stiefvater ein Schuft fei. Das Stück nahm nun kurz und bündig feinen Fortgang. Am Ende lagen alle Personen außer Kaspar tot da. Nur die Königin war noch übrig. Da hielt Hanswurst ihr ein Büschel Gras hin: „Frau Königin, beißen Sie bitte ins Gras!" Und auch die Königin fiel tot hin. Dann sprach Kaspar den Epilog und entließ die Zuschauer. M a s s a c c i o. Man könnte Masaccio bedauern, aber ich glaube, er braucht unser Mitleid nicht. Er war auch so glücklich, er lebte in einer anderen Welt. Diesem Manne war seine Kunst alles. Nur ihren Problemen sann er nach und suchte nach neuen Darstellungsweisen. Zwar sah er alle Formenschönheit in der Natur, aber an den Menschen sah er vorüber, denn er brauchte sie nicht. Doch er war auch nicht selbstsüchtig; er liebte die Menschen und wollte ihnen gern Gutes tun, aber für ihn bedeuteten sie nichts. Die Welt des Schönen war ja in ihm. So nimmt es nicht wunder, wenn er nur in sich hinein schaute und nicht auf seine Kleider; die waren gar oft in Unordnung. Ueberhaupt hatte er viel Mühe, sich mit Notwendigkeiten abzufinden. Er war zu taktvoll und brachte es nicht übers Herz, feine Auftraggeber, die ihre allzu große Kunstliebe bisweilen tief in Schulden stürzte, zu mahnen, und kam dann natürlich zu kurz. Das alles wollte man sich gerne von einem alten Manne denken; dabei ist aber Masaccio jung gestorben. Er muß ganz in feiner Arbeit aufgegangen fein, um ein so umfängliches Werk mit einer derartigen Fülle ganz neuer Lösungen hinterlassen zu können. Fragen mir uns daher, was Masaccios Denken als Künstler und als Mensch ausfüllte, jo lautet die Antwort gleich. Leben hieß für ihn: schaffen. Wie bei kaum einem anderen blättern wir in feinem Werk als in einem Tagebuch. Fra Giovanni da Fiesoie. Angelico, der Engelgleiche, wurde er genannt. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Seine Bilder sind gemalte Religion und zwingen förmlich zur Andacht, so daß der mittelalterliche Betrachter wohl empfand, sie seien gar nicht von Menschenhand. Diese Heiligen konnten nur aus unmittelbarer Anschauung im Himmel durch einen kunstfertigen Engel abkonterfeit fein. Aber manchmal wandeln auch auf Erden.Engel. Fra Giovanni war Predigermönch in Florenz, ein so idealer Ordensbruder, wie es nur je einen gegeben hat. Der allerdemütigste und schlichteste Mensch, den man sich denken kann, selbstlos, nur um das Heil feiner Seele besorgt; nie wurde er zornig gesehen. Dabei arbeitete, er mit einer Ameisengeschäftigkeit. Besonders liebenswürdig ist die Vorstellung, ihn sich bei der Feinpinselei des Miniaturmalens zu vergegenwärtigen. Alles das tat er nicht aus eigener Kraft — das Selbstgefühl des Künstlers, das feine Zeitgenossen schon in so hohem Maße besitzen, geht ihm ab —, er fühlte sich ganz als Werkzeug Gottes. Nis nahm er den Pinsel zur Hand, ohne vorher ein Gebet zu verrichten. Die Ausübung feiner Kunst war ihm Gottesdienst. Für eine schwere Sünde hätte er es gehalten, was er einmal in göttlicher Eingebung gemalt hatte, später nachzubeffern. AlsNikoiaus V. ihm den erzbischöflichen Stuhl von Florenz anbot, da schlug er mit rührender Geste einen befreundeten Ordensbruder vor, der zu solchem Amte besser tauge. Er selbst meinte, es fei leichter, anderen zu gehorchen, als sich selbst auf die Höhen des Lebens hinauszuwagen. Wünsche hatte er keine. Kam irgendein vornehmer Herr, feine Kunst in Anspruch zu nehmen, und erkundigte er sich nach dem Honorar, so antwortete er bescheiden: „Darüber stelle nur den Prior zufrieden; dann will ich es nicht an mir fehlen lasten." So ist Fra Angelico in der Engelreinheit seiner Auffassung vom irdischen Wandel als einer gottseligen Vorbereitung auf die ewige Paradiesesherrlichkeit eine rührende sympathische Figur. Andrea da Castagno. Andrea da Castagno war eine Verbrechernatur, ein roher, grausamer, bestialischer Kerl, schon als Kind wegen seiner furchtbaren Stärke gefürchtet und gemieden. Beherrschungslos läuft der gereifte Mann einem Gaffenjungen straßenweit nach, der es gewagt hat, an der Leiter des Malers zu rütteln. Ihm gerade mußte der abscheuliche Auftrag zuteil werden, die Verschwörer und Mörder Julians von Medici, an den Fußen aufgehängt, als warnendes Beispiel darzustellen und er löste die Ausgabe zur allgemeinen Bewunderung. Wir verstehen, warum bei ihm der sonst als jaljmes Haustier ausgefaßte Löwe des hl. Hieronymus zum reißenden Raubtier geworden ist. Im düstersten Winkel seiner dunkeln Seele jedoch hauste der Neid. Jeden, von dem er fürchtete, er möge es ihm in der Kunst gleichtun oder ihn gar überflügeln, haßte er in blutgierigem Wahnsinn. Die Furcht, in den Schatten gestellt zu werden, verfolgte ihn geradezu. Nun hatte er lange mit Domenico Veneciano zusammenzuarbeiten, einem Künstler, der von Venedig nach Florenz berufen worden war, weil er ein besonders schönes Kolorit hatte und über die niederländische Technik der Dehnalerei verfügte. Castagno, der seine eigene Schwäche gerade auf dem Gebiete der Farbe kannte, war dieser Eindringling ein Dorn im Auge; fein einziger Gedanke blieb fortan, den vom Publikum verhätschelten Nebenbuhler aus dem Wege zu räumen, und er war auch bereit, zum Aeußersten zu schreiten. Planvoll und zielbewußt suchte er sich das Vertrauen des völlig arglosen Domenico zu erschleichen. Der stets heitere und sonnige Domenico ging auch auf die erheuchelte Freundschaft des gewissenlosen Andrea ein; die Musik vermittelte. Domenico, ein großer Verehrer des Lautenspiels, war froh, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, und allabendlich zogen die beiden ungleichen Brüder aus, ihren Liebsten Serenaden zu bringen. Mit freundlicher Bereitwilligkeit eröffnete der Venezianer feinem Kollegen die Geheimnisse seines Verfahrens Andreas dämonischer Sinn war unerbittlich. Als er glaubte, fest genug im Sattel zu sitzen, schritt er zur Ausführung des Furchtbaren. Domenico kommt eines schönen Abends, ihn wie gewöhnlich abzuholen, findet aber den „Freund" mit Zeichnen beschäftigt. Andrea hat heute keine Zeit, mio Domenico zieht allein aus. Nun macht sich Andrea unkenntlich, »öffnet sich und überfällt ihn in einer menschenleeren Straße. Zuerst zertrümmert er die Laute, dann stößt er Domenico nieder. Schnell eilt er nach Hause, um die Arbeit wieder aufzunehmen, und so erreicht ihn die Nachricht des Mordes. Der Mörder wehklagt an der Leiche feines Opfers. Auf ihn fiel kein Verdacht. Aber Kains Dualen können nicht größer gewesen sein als die ,einigen. Entsetzlich muß das Sterben dieses Mannes gewesen [ein. Wie ein widerhakiger Pfeil aus der Todeswunde, rang pH auf dem Totenbett die Beichte von [einen Lippen. Sandro Botticelli. , „ „ Botticelli hat im Leben Schiffbruch erlitten. Seine grüblerische Veranlagung trieb ihn zum religiösen Fanatismus und dem ungtiialtd)en Reformator Mrolamo Savonarola in die Arme. Sandro kommentierte auch die Göttliche Komödie, und die Schilderung der Höllenschrecknisse riß ihn so mit, daß seine leicht reizbare Phantasie von den grausigen Vorstellungen nie mehr losgelassen wurde. Diese Beschäftigung mußte mit Notwendigkeit zur Lebensverneinung, zur Vernachlässigung aller Gedankentätigkeit sichren, die nicht das Jenseits zum Gegenstand hatte. So kam es denn auch. Die letzten Jahrzehnte des Künstlers waren unfruchtbar, lein schaffender Geist gelähmt. Die äußeren Verhältnisse entsprachen dem. Sandro, der früher nach Laune gelebt hatte, war mittellos dem Hunger preisaegeben und fristete feine Tage kärglich von Unterstützungen, die ihm der mitleidige Lorenzo von Medici zukommen ließ. Ein Armen svital nahm den müden Greis anf, der sich in langem Siechtum auf zwei Krückstöcken zum Grab« schleppte. Die Jugend muß hinter diesem Manne gelegen haben wie ein Traumland, das er, einmal flüchtig durcheilt, nie mehr erreichen werde. Wir spüren etwas von der Sehnsucht seines trostlosen Alters in allen seinen Werken, etwas vom Feenschimmer seiner Kind- heitsträum« . . . mit all dem nichts mehr zu tun. Man spielt Shakespeare und ist beeil»- flußt von Ibsen, Strindberg, Schnitzler. Das soziale Drama verdrängt das Alte, historische Themen behaupten sich noch. In der Musik sind Beethoven, Brahms, Schubert bekannte Erscheinungen in den bis vor kurzem noch unbekannten Konzertsälen. Auch die allermodernste Musik fehlt darin nicht. Die zweieinhalb Jahrtausend alte Tradition jener tiefen, leisen Musik, die in mystischer Weise metaphysische Gründe der Welt aufklingen ließ, eine Musik, die auf gar keinen Zuhörer berechnet war, ist völlig zerbrochen. Deutsche Musiklehrer und Dirigenten werden herangezogen. Und keines von allen Requisiten des industriellen Zeitalters fehlt in der Reihe. Autorennen und Preisfliegen, Sport, Fußball, „Weltmeister", mit dem überall gleichen Gesichtsausdruck. Reihen von Japanerinnen, modern gekleidet, die „anstehen", um zu einer Versammlung über Frauenstimmrecht zugelassen zu werden. Annoncen, die alle Schrecken der modernen Mecha- nisievungshölle künden. Und also das Endergebnis? Panchaoismus — das große Chaos!-- Die AK enkammer. Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlöjjer. (Schluß.) Da trat Bärb mit einem brennenden Leuchter ein. Wie sie den Ernst in Sabinens Gesicht und Flipps Aufregung sah, fragte sie ängstlich: „Wohin, Flipp?" — „Ich geh' uns 'Ablaß holen! rief er mit einer großen Geste und rannte hinaus. Sabine sah Bärb streng an. „Bärb, könnte Sie wissen, was er damit hat sagen wollen?" — Bärb stellte vor Verwirrung den Leuchter so ungeschickt auf den Tisch, daß die Teller klirrten. — „Ich, Jungfer — ich —" stotterte sie. „Exküsiert, Jungfer," fragte Zabel, hastig eintretend, „war bat mein Jung, der Flipp, der soeben hier war? Ich glaubte, seine Stimm' zu hören." — „Der Flipp? Da muß Er sich getäuscht haben." — Zabel seufzte „Gebe Gott, er wär, bald wieder hier, der Jung!" „Bärb, geh' Sie!" befahl Sabine der, die zitternd und blaß am Tische stand, „geh' Sie und richte die Schüsseln an." Bärb huschte hinaus wie das böse Gewissen selber. „Jungfer," sagte Zabel, „ich wollt Ihr melden, daß die Parlamentäre da sind." Er öffnete die große Tür und herein traten die drei französischen Osfiziere. Sabine ging ihnen entgegen. „Bonsoir, citoyenne!" begrüßte sie der erste Offizier. „Jsch mir oben erlauben ßu mitbringen einige camarades. Jsch versicher auf parole d’honneur, sind serr lustig und galant für die Damen." Er küßte ihr die Hand. „Guten Abend, meine Herren!" erwiderte Sabine. „Ich bitte Sie, vorläufig mit mir vorlieb zu nehmen. Mein Vater wird den Augenblick kommen, Sie zu begrüßen." — „Das ist ein guter Zeichen ßu werden begrüßt von so schöne Dame, so aimable und so charmante!" sagte der zweite Offizier, und der dritte: „Wir oben gefunden serr wenig so freundlich Gesichter in diese Campagne." Der erste Offizier schnallte den Säbel ab und stellte ihn in die Ecke. „Excusez, citoyenne, darf isch misch machen commode?" Die beiden anderen Offiziere stellten ebenfalls ihre Säbel in die Ecke. „Der Säbel machen ßuviel Spektakel von der Krieg, n’est-ce pas?" Zabel führte vier Musikanten herein. „Dahin, Musikanten! Und gespielt wie die Englein im Himmel am Sonntag! Sonst gibt’s kein Traktement! Die Musiker drückten sich in eine Ecke des Sälchens, stellten die Notenständer auf und packten ihre Instrumente aus. Der dritte Offizier leckte sich über die Lippen. „Tres bien, das Essen mir schmeckt am besten bei der musique " ,, ... . „Vive la joie!“ rief der zweite und strich die schwarzen, strähnigen Haare aus der Stirn. ,^sch werde fingen eine kleine chanson. Aber ßuerst wir wollen essen — s’il vous plait, citoyenne!" In Amtsmantel, Perücke und Brille des Bürgermeisters kam letzt der Sekretär ernst und gemessen drein. „Ich begrüße Sie, meine Herren, und heiße Sie auss beste willkommen." — Die Offiziere erwiderten feine Verbeugung mit einem militärifchen Gruß. „Wir sind serr erfreut, citoyen maire," bedankte sich der erste, „von die herzliche Aufnahme. Aber, citoyen maire, warum in der grande gala, so feierlich?" — „Ich weiß, was ich meinen vielwerten Gästen schuldig bin. Die Offiziere schienen zufrieden und geschmeichelt. „Sabine, mein Kind, sagte der Sekretär, „lasse auftragen." ... „Soll sogleich geschehen, Herr Bürgermeister", erwiderte Zabel, wahrend er sich weiße, wollene Handschuhe anzog. Dann stolperte er durch die kleine Tür hinaus, um in der Küche die Suppenschüssel zu holen. „Wollen die Herren gütigst Platz nehmen?" Der zweite und dritte Offizier setzten sich, der erste nahm den Sekretär etwas beiseite und raunte ihm zu, damit es die Musikanten, die ihre Instrumente stimmten, nicht hörten: „Citoyen Bürkermeister, wir haben disponiert alles für die Nacht. Die Soldaten haben ordre ßu eindringen in die Stadt, wenn ich gebe Signal mit der Pistol." Er zeigte auf zwei Pistolen, die in feiner blau- weißroten Schärpe staken. „Und hier in der Stadt — ist alles in Ordnung?" „Sie können beruhigt sein. Die Torwachen sind mit Branntwein versorgt. Jede Wache hat zwei Faß." — „Oh," lachte der Offizier, „das wird genügen, n’est-ce pas?" Ich will's hoffen", erwiderte der Sekretär, krampfhast in sein Barnen einstimmend. „Es sind trinkfeste Burschen, die ihren Stiefel vertragen. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, citoyen Offizier, wollen wir mit dem Signal warten, bis Mitternacht verstrichen ist. Vorher kann ich nicht daflir bürgen, daß die Wachen mit dem Branntwein zugedeckt sind — „th bien, wir wollen uns vertreiben die Zeit bis ßu dieser Moment. Es wird nicht werden ennuyant bei gute Esten, bei der musique, bei so gastfreundlich Bürkermeister und —" mit einer galanten Verbeugung zu Sabine — „bei so schöne und aimable Tochter." Zabel kam herein und trug gravitätisch eine Suppenschüssel, ging von einem zum andern, bei dem ersten Offizier anfangend und bet dem Sekretär aufhörend. Sabine nahm keine Suppe; sie schaute blaß und verstört in ihren Teller. Die Musikanten begannen mit einer zierlichen Musik. Als Zabel mit der Suppenschüssel zu dem Sekretär kam, fragte er leise: „Hat Er den Brief an Finnickel besorgt?" — „Ist besorgt", ant» Aus dem Wstt-SchmelZliegsl. Von Dr. Erich Gutkind. Vor uns liegt eine Zeitschrift, wie sie instruktiver und erschütternder nicht zu denken ist. 'Ein reich illustriertes Heft, in Großfolio, mit dem Titel: „Present Day Japan“, unlängst in Osaka gedruckt, das uns in eindringlichstem Ton und mit umfassendem Material belehrt, daß das alte Japan der Träume in den letzten Zügen liegt, ja eigentlich längst tot ist. Ganz andere Grenzlinien, als die von Nation und Rasse, beginnen den Globus zu überziehen, ganz andere Gestalten als die alten nationalen kristallisieren sich langsam heraus. Eine beispiellose Ausgleichung und An- gleichung hat eingesetzt, die felbft die resistentesten Nationalkulturen, wie die japanische, in dem Schmelztiegel der ungeheuren Weltkrise einschmilzt, und an Stelle aller Besonderheiten eine uniforme, europäisch-amerikanische Großstadtkultur setzt. Wer dieses japanische Heft, das mit Stolz die „Fortschritte Japans", das will sagen, die Assimilation Japans, schildert, durchblättert, wird sich skeptisch fragen, ob es noch Mühe und Kosten lohnt, „fremde Völker und Sitten" in langen Reisen zu studieren, wenn man nichts anderes erschwingt, als jene uniforme Grohstadu Die Zeitschrift geht auf diese Fragen ein. Wir lesen da, daß Japan nun aus seiner zwei-tausendjährigen Kulturabsonderung herausgetreten sei. Der Westen sei höchst unwissend, wenn er Japan als ein halb barbarisches Land ansehe, und sich gar keinen Begriff davon mache, mit welcher Rapiditäi der „changing Japan“ sich dem Westen assimiliere. Das Tempo sei so rasend, daß ein Besucher schon nach je zwei Jahren die Nation von zwei Jahren früher nicht mehr zu beurteilen vermöge. Die zivilisatorischen Leistungen dreier abendländischer Jahrhunderte seien in noch nicht fünfzig Jahren nachgeholt, das wäre also das Verhältnis 1 zu 6. Japan habe eine ganz besondere Fähigkeit, jeden Zweig einer fremden Kultur zu verdauen und in sich zu assimilieren. Freilich würden in diesem großen Topf, in dem alle Zivilisationen zusammengekocht seien, die Aspekte etwas verändert, und was herauskäme, sei — es wird mit leichtem Bedauern gesagt — ein wenig orientolifiert, ober „darum" dem Original nicht unbedingt unterlegen. Jedoch hofft man, es werde einst eine Periode der Originalität wiederkehren. Man wird aus abendländischem Boden schwer- liche eine so restlose Bewunderung westeuropäischer Zivilisation finden. Und nun wird uns in allen Einzelheiten geschildert, wie weit bas Land bereits der „Barbarei" entwachsen ist. Wir greifen aus der erdrückenden Fülle einige Beispiele heraus. Die Erziehung ist vollständig modernisiert. Sie umfaßt alle modernen Fächer, Technik, Medizin, Agri- tultur, Geschichte. Die Anteilnahme an dieser allgemeinen Volksbildung ist im schnellsten Wachsen. Sehr interessant ist die Darstellung über den fundamentalen Begriff des „I n o t i", ohne den die japanische Staatsform nicht verstanden werden kann. Hier scheint einer der meist resistenten Punkte gegenüber der überschnellen Assimilation zu liegen. „Jnoii" ist nämlich das Selbst, aber nicht bas begrenzte, sondern jenes Selbst des Japaners, das aus weitester Vergangenheit herkommend, bis in die ewige Zukunft weiterströmt. Es ist die Bereinigung des Einzel-Jch und des Ich der Nation, jenes Universal-Ich, in dem eins mit dem andern unlöslich verbunden ist. Der Jnotikult ist zugleich Ahnenkult und Selbst- kult, und der Kaffer ist kein „Staatsoberhaupt", sondern nur bas Herz und die repräsentative Gestalt des „Jnoti". Es handele sich hier um einen vertiefenden Individualismus, und wahre Demokratie könne nur aus Individualismus geboren werden. Man dürfe nicht ohne weiteres die äußere Staatsform mit anderen Regierungsformen vergleichen. Das Zeitungswesen blüht. In Tokio erscheinen täglich über hundert Zeitungen. Im Kino gibt es ein klassisches und ein modernes Genre. Filme und Kinohäuser scheinen den unseren aufs Haar zu gleichen. Sehr seltsam ist die Veränderung der Physiognomien. An Stelle des alten, straffen, S' 'chsam von einem inneren Zentrum her zusammengehaltenen Typ int ein bewegter sentimentaler zu treten. An zahlreichen der photographierten Köpfe bemerkt man diese deutliche Typen-Abschwächung, und es wäre eine bet wichtigsten Aufgaben der jungen Charakterologie, zu untersuchen, ob hier ein weitgehender Verfall des Gesichts einsetzt oder ob schon Neubildungen eintreten. Es wird uns nicht wundern, alle anderen Symptome, die uns so wohl bekannt sind, anzutreffen. So die Viel- schreiberei. Dichten tut „everybody". Die von kleineren Dichtern gelieferten „Stücke" belaufen sich auf über 23 000. In einer Kinderzeitschrift gn-den sich monatlich 3000 bis 4000 Gedichte von Jungen und Mädchen. ie Lyrik hat eine Invasion des Radikalismus über sich ergehen lassen müssen. Eine neue Gesellschaft, „Shinti Kai, veröffentlicht zuerst einen Band solcher „Gedichte" von heute. Jetzt gibt es eine Unzahl von Schulen, Impressionisten, Symbolisten, Dadaisten, Imagisten. Gegenüber dem alten, trabitioneöen „Tanka Styl" gibt es „Haiku", eine Art „Proletkunst". Eine konstruktive Bewegung greift in reformierter Form aus „Tanka" wieder zurück. Die dramatische Dichtung hatte früher religiöse Färbung, vermischt mit volkstümlichen Tänzen. Später war ihr Gegenstand die Aristokratie, die Samurais, und in den folgenden Perioden der Kampf des Bürgertums gegen diese Schichten. Die junge Generation hat wartete Zabel ebenso leise. — .Sind die Torwachen verstärkt?" — „Sind , verstärkt und gut bewaffnet." „Excusez, citoyen maire, ich Sie hörte sprech von Torrvach, n’est-ce pas?" — Schnell gefaßt, erwiderte der Sekretär, während dem erschrockenen Zabel die Schüssel in der Hand schwankte: „Freilich, citoyen Offizier, von den Torwachen! Ich fragte, ob man ihnen den Branntwein geliefert hätte." — „Ah, tres bien.“ — „Zabel," sagte der Sekretär zu dem, „geh' Er in den Keller und hol' Er von dem alten Rheinwein herauf/ Zabel ging. , Der zweite Offizier, eifrig löffelnd, stellte fest: „Sacre nom dc Dien, schmecken gut, ah!" — „La petita citoyenne," sagte der dritte, „sie ist so traurig! Sie muß essen, dann werden auch lustig. Di« Traurigkeit kommen für die meist« Teil aus der estomac, aus der Bauch." — „Mais non!" widersprach der erste Ofsizier, „die Traurigkeit kommen aus der Herzen, n’est-ce pas?" — „Aus dem Herzen!" antwortete toubine mit einem tiefen Seufzer. — „O ma petite citoyenne, hat Sie die peines amoureuses, die Schmerzen von die Liebe? Ah, das ist nicht gefährlich, au contraire, das machen so schöne Teint den jungen Mädchen, wie von die weißen Rosen, oh, wunderschön!" „Vive la joie, citoyen maire!“ rief der zweite Offizier. „Er lassen auch hängen den Kopf! Er haben auch noch nicht gegessen drei Löffel! Er sitzen da mit so triste Gesicht!" — „Meine Herren, verzeihen Sie, ich muß gestehen, ich bin ein wenig aufgeregt." — „Oh. isch verstehen! Aber ist nix nötig! Brauchen nix ßu fürchten!" Die Musikanten spielten unterdessen weiter. Zabel kam herein: er war so aufgeregt, daß die Weinflaschen, die er trug, klirrten. „Herr Seker — Herr Bürgermeister, hol' mich der Teufel! Draußen sind wieder die Stadträte", und dem Sekretär ins Ohr flüsternd: „mit dem Bürgermeister!!" Der Sekretär imd Sabine, die das letzte gehört hatte, sprangen auf. Sabine fiel aber bleich wieder auf den Stuhl. Die Offiziere schauten ver- wundert auf die beiden, der dritte Offizier verschluckte sich. „He, was ist passiert?" fragte der erste. Die Musikanten unterbrachen jäh ihr Spiel. „Zabel!" rief der Sekretär, heiser vor Schreck, „hat Er recht gesehen?" — Citoyen maire, bitte, was ist passiert? Er ist ja consternirt totalement!" — „Ich habe auch allen Grund, meine Herren," erwiderte der Sekretär, sich mühsam fassend. „Ich bin sehr unglücklich, daß Sie unangenehm gestört werden. Die Stadträte sind draußen." „Ah, das sind die Leute, die isch habe spediert gestern abend an die > frische Luft, n’est-ce pas? Was wollen denn schon wieder? — „Sie > wollen mit den Ziiojängs Offiziers fprechen", antwortete Zabel. — „Aber ich bin überzeugt," fiel fchnell der Sekretär ein, „daß es den Herren gerade jetzt nicht paffen wird." — „Mais non!“ gab ihm der dritte Offizier recht ; und füllte sich den Teller noch einmal mit Suppe. „Isch habe keine ! mich ßu lassen stören. Die Suppe ist delicieuse." — „Ich werde mit j Erlaubnis der Herren Offiziere den Stadträten sagen lassen, daß sie zu s einer anderen Zeit kommen sollen." I „C’est juste!“ sagte der erste Offizier und wandte sich an Zabel. „He, sagen Er, wir haben jetzt keine Lust. Aber wir wollen sprech mit ihnen morgen! Ha, wird mir sein ein plaisir extraordinaire! Sollen haben ihre Freude, sacre, sacre!" Zabel ging. Der Sekretär goß Wein ein. Genehmigen Sie unterdes ein Glas Rheinwein. Auf Ihre Gesundheit, meine Herren!" — „Mille merci! Mais un Moment! Isch will gehen selber ßu - die Leute. Isch ihnen will sagen, daß isch schmeißen raus encore une fois, ; sacre bleu! Sollen sehen, ah!" Der Offizier stand schnaufend auf und ging j zur Tür. s Zabel aber kam schon wieder voller Bestürzung herein, hinter ihm < Finnickel. „Was wollen Er?" schnauzte der erste Offizier den an. „Ha? s Quelle impertinence! Gehen Er ßum Teufel!” — „Ich bitte um Ber- i gebung, meine gestrengen Herren! entgegnete Finnickel ruhig. „Mer di« Sache ist von einer solchen Dringlichkeit und Wichtigkeit, daß ich lieber Ihren Zorn ertragen will, als daß ich sie Ihnen nicht mitteilte." — „Herr Finnickel!" ries der Sekretär mit zornfnnkelndm Augen. — „Aber ein bisken snell, citoyen Finnickel!" befahl der erst« Offizier barsch. Sabine war aufgestanden. Sie stellte sich neben den Sekretär und faßte seine Hand. Finnickel sagte mit scharfer Betonung: „Der Herr — Bürgermeister ; bittet auf das dringendste, ihm für etliche Augenblicke Gehör zu schenken." i Die Offiziere lachten. „Der citoyen Bürkermeister?? Ist Er verrückt oder hat Er huviel getrunken? Da steht er doch, der Bürkermeister!" Der Offizier zeigte lachend auf den Sekretär. — „Verzeihung, Herr Offizier!" erwiderte Finnickel, ohne seine Ruhe zu verlieren, „das ist der Bürgermeister nicht." — „He?" — „Das ist des Bürgermeisters Sekretär!" — „He? Was reden Er da? Will Er uns hatten ßum Narren?" — „Gott soll mich be- \ hüten! Aber dieser junge Mann hat Sie zum Narren gehalten!" Er zeigte mit dem Stock auf den Sekretär. Der erste Offizier wandt« ; sich zu dem Sekretär und schaut« ihn scharf an. „Was soll das heißen??" Der Sekretär sagte zornglühend zu Finnickel: „Haben Sie meinen schriftlichen Verzicht nicht bekommen??" — „Doch, mein Lieder", antwortete Finnickel freundlich. — „Und dennoch!" rief der Sekretär in verzweifelter Wut, „und dennoch, Sie elender, abscheulicher Mensch, verraten Sie mich?!" Finnickel zuckte mit den Achseln. „Ich had's mir anders überlegt. Der schriftliche Verzicht allein ist mir nicht sicher genug. Jungem, stürmischem Blut, mein Lieber, kann man nicht trauen. Ein Blick, ein Tränchen, und Er hätte sich den Teufel gekümmert um den Verzicht. Es ist schon besser so." „Konrad," flüsterte Sabine ahnungsvoll, „wovon spricht er? Von welchem Verzicht?" Der Sekretär zog sie heftig an sich. „Der ist jetzt null und nichtig! Und du. Liebste, gehörst mir wieder! Und Sie, Herr Finnickel, tun Sie, was Ihrer Niedertracht gemäß ist!" Finnickel nickte und öffnete die große Tür. Herein traten der Bürgermeister und die Stadträte Völlig, Stockebrand und Nägele. — „Mille tonnöres!" rief der erste Offizier, als er den Bürgermeister sah, „der verrückte secretaire!" — „Verzeihung," sagte Finnickel, „es ist der Bürgermeister. Wir haben ihn aus seiner Haft befreit, in die ihn sein Schreiber gesperrt hat, um selber Bürgermeister zu tarnen zwei Sansculotten herein. spielen." Der Offizier schnaufte, rot vor Zorn: „Mort de ma vie! Dieser Spaß können werden serr teuer!!" — „Es ist so, Mvsjö Zitojängs Ofsi. giere," sagte der Bürgermeister. „Ich bin außer mir über diese Mystifj, fatton!" „Das ist der Sürgermeifterl” erklärte Völlig und zeigte auf de«, „und das ist der Sekretärl" Er zeigte auf den. — „Ja, ja — ja, ja", bestätigt« Professor Nägele. Stockebrand schüttelte kummervoll den Kopf. „Unglücklicher, Er hat das Elend noch vergrößert!" Finnickel ritz dem Sekretär di« Perücke ab. Der erste Offizier tobte. „Verfluchte Halunke! Das Er soll betzahlenl Das Ihm sollen gehen an de» Kragen! Sacra bleu!" Er rannte zur Tür und rief hinaus: „He, Tourn«. brache! He, Pevdotrl Vers ici!" Sogleich kamen zwei Sansculotten herein. „Dieser Mann", befahl der erste Offizier und zeigte auf den Sekretär, „wird arretiert! Er soll ins Lager gebracht und gut verwahrt werden!” — „Fusillez-le sans fagon!" rief der zweite, und der dritte: „Er hat sich gemacht lustig über die oificiers von die Republique franpaise. Das muß werden bestraft exemplairement!" Die beiden Sansculotten nahmen den Sekretär in die Mitte. Der Sekretär umarmte Sabine leidenschaftlich. „So nahe am Ziel zu straucheln, das ist bitter. Leb' wohl!" Die beiden Sansculotten drängte» ihn hinaus. „Konrad!" schrie Sabine auf und fiel halb besinnungslos auf den Stuhl. Finnickel fing sie auf. „Demoiselle Sabine, Sie mutz sich fassen!" Sie stieß ihn voll Abscheu von sich und lies dem Sekretär nach. Dem Bürgermeister war es übel zumute. „Meine wertgeschätzten und gestrengen Herren", stammelte er. Der erste Offizier ging mit schwere» Schritten in die Ecke, wo sein Säbel stand, auf dem Wege dahin Stadträte und Musikanten barsch beiseite schiebend. „Nix, nix!" rief er, sich den Säbel umschnallend. „Jetzt ist der Spaß am Endel Camarades, ailonst* Die beiden anderen Offiziere schnallten ebenfalls den Säbel um. „Nur schnell heraus aus diese infame Gesellschaft! Hier läuft man ja Gefahr von feine Leben! Wenn der Bürkermeister ist geroes Schwindel, dann ist auch alles Schwindel, auch diese Fest und das Essen. Peut-Stre — wir haben gefressen Gift!" Er spuckte aus. Der Bürgermeister, während die Stadträte ängstliche Gesichter schnitten, stotterte: ,Lch bitte, meine Herren —" „Nix, nix! Ist nix mehr ßu bitten! Wir werden machen kurzen Proßch. Jetzt wird bombardiert tout de suite, geplündert und geschossen alles kurß und klein!” Säbelrasselnd und polternd schritten die drei Offiziere zur Tür. Der Küfermeister Jungblut aber versperrte ihnen den Weg. Er hielt den Sekretär, an den sich Sabine geklammert hatte, fest an der Hand. Jungblut schaute mit zornigen Blicken auf die Offiziere und auf die Stadtrate. Er war im Arbeitskletd, war beschmutzt und trug eine steife Lederschürze. Hinter ihm füllte ein Haufen Bürger den Flur. „Was geschieht hier?” rief er. „Was bedeutet das? Mir scheint, ich komm' grab im rechten Augenblick!" Die Offizier« standen überrascht da. Die Stadträte wußten nicht, wi« st« sich verhalten sollten. Finnickel hüstelte und quetschte den Knopf seines Stockes. „He, wer M dieser Mann?" wandte sich ber erste Offizier an die Stadträte. Jungblut antwortete an ihrer Stelle rasch: „Das ist der Mann, um euch zu zeigen, daß nicht allen Männern dieser Stadt das verzagte Herz, mit Respekt,.., die Hose gefallen ist!" Er klopfte dem Sekretär derb auf die Schulter. „Mui, mein Braver! Die Wackeren und Gutgesinnten stehen hinter Euch! Und wer Euch nur ein Härchen krümmen will, der hat's mit dem Jungblut zu tun!" Er rollte sich die Hemdärmel hoch. Das Volk hinter ihm drängte sich näher mit drohenden Gebärden. „Schmeißt sie raus!" riefen einige, „raus, die Spitzbubenbagasch! — Drauf> Wir sind ihnen über! — Eins, zwei, drei — und wir sind sie quitt!’' Das Volk wurde immer lauter und drohender. „Camarades!” rief der erste Offizier, „wir sind in eine «aUe gekommen! En avant!" Er zog den Säbel. Die beiden anderen Offiziere taten bas gleiche und machten Anstalten, sich durch bas Volk hindurch- mWwm donnerten dumpfe Kanonenschüsse und knatterien Gewehre. Die drei Offiziere stutzten und f(bauten sich erblassend an. ,M was heißt bas?!" Das sind nicht unsere Kanonen!" In diesem Augenblick hörte man draußen Geschrei. Jemand drängte sich durch das Volk herein. Es war Flipp, am Kopse und Arm verwundet. „Das Reichsheer' schrie er, „Das Reichsheer ist dal" Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Zabel eilte auf ihn zu und stützte dhn, zitternd vor Freude. „Bovec Jung!. Hast du's geholt?” — „Sozusagen — ja." „Braver Jung! Braver Jung!" „Das Reichsheer," murmelte der Bürgermeister, in besten Gesicht es die ganze Zeit gearbeitet hatte: Tränen standen ihm In den Augen. „Die Not ist am End! Wackerer Sekretär!” Ein reichsdeutscher Offizier, von einigen deutschen Soldaten begleitet, trat ein. „Bonsoir, Messieurs! sagte er zu den französischen Offizieren. „Ich habe die Ehre, Jhnen^mit- zuteilen, daß die französischen Truppen auf der Flucht find. „Ha! rief Zabel, „bann müßt Ihr die Beine unter die Arme nehmen, Zltöjangsi Mag leicht, Ihr holt Eure Ohnehosen nit mehr ein!" . Der erste Offizier knirscht« mit den Zähnen. „Canaille allemandl fauchte er und eilte mit den beiden anderen fluchend hinaus. Das Voll zahlend hinterdrein. Sabine eilte auf ihren Vater zu und fiel ihm in tu Arme. „Verzeihen Sie ihm, denn er hat die Stadt gerettet, Sie und mich und alle!” Finnickel schnitt eht saures Gesicht. „Ich möchte ber erste {ein, «r herzlichst gratuliert" Sabine wandte sich heftig und verächtlich von >ym ab. „Wir bedanken uns, Herr Finnickel!" — Finnickel zuckte mit bett Achseln. Der Bürgermeister atmete tief auf und umarmte den Sekretär. „Meltt lieber, wackerer Sekretär! Er hat mich ewig in der Schuld!" Dann keyrre er sich zu den Stadträten. .. „Meine Herren — für zwei Bürgermeister ist unsere Stadl zu klein. Ich mache freiwillig Platz — ber jüngeren KraftI" Er nahm ben Seketar bei der Hand. Finnickel stelzte wütend hinaus. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universikäts-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange, Gietzen. I 3a quai Nsg bare Und Win Wo: roun 5 -c Bin ' 2 aus g«W nur chen. Mopj MK kl°p! Friii nieir Füll 3 klein and nicht stück muß Kon Schr trop Psef Geti beim war form ich < stvaß bloß schon Acht, mute was Sani heut« anbe anbe so g viell« Böck! schnü blicke ich v geleh muri bei s noch Lebewette