Jahrgang $927 Dienstag, den 27. Dezcmser Nummer $05 GiehenerKimilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Weihnacht. Von Karl Nötiger. Fassen wir, Fassen wir die Hände Um den Baum im Kreis — Ob da Seel' an Seele Von einander weiß? Doch was einsam bliebe Unterm Kerzenlicht, Bleibt es doch in Liebe, Und bleibt dunkel nicht. Haben wir inmitten Einen Baum gestellt, Einen Christbaum mitten In die dunkle Welt, Daß ein jeder fände Seiner Einsamkeit Sehnen und Vollenden In des Baumes Schein ... Fassen wir an Händen Uns und stehn im Kreis; Alle Seelen münden In den einen Schein. Ob nun Seel' an Seele Von einander weiß? Mitten steht das Leuchten, Und wir stehn im Kreis ... All wir Dunklen stehen, Schauen in das Licht, Sind vom Licht beschienen, Aber sehn uns nicht ... Und was jeder innen Sein und einsam '"-mnt: Steht bestrahlt und tastet Hand zu Hand im Kreis ... Das Wundse gn Kronach. Legende von Wilhelm Schäfer. Im Jahre 1504 geschah im fränkischen Land hellichten Dags ein Wunder: die heilige Familie kam auf der Flucht nach Aegypten durch das Bamberger Stift in die Nähe von Kronach. Dort sah sie ein Jüngling, Lukas Müller geheißen, der als eines Schildermeifters Sohn gebürtig von Kronach war und selber bei seinem Vater die Schilderkunst eifrig gelernt hatte. Er sah die Drei ruhend bei einer Quelle am Rand des Gebirges, wo rechts in der Tiefe das blau geöffnete Tal war und zackige Tannen gegen das lichtblaue Firmament standen. Denn ein Frühlingstag hatte sich aufgetan, die Erde zu segnen; und Himmelsschlüssel blühten am Wasser, das fröhlich rieselnd herabkam. Und weil das Sonnenlicht keinen Wüstensand fand, darin zu glühen, mir schwellendes Gras, Blumen in feinen Teppich zu locken; weil sanfte Luft mit dem blanken Licht zärtlich zu spielen bereit war, hatte Maria den bösen Herodes so völlig vergessen, wie Josef die Mühsal der Fremde. Als der Malerjüngling sic da überraschte, sahen sie weder erschrocken noch staunend auf ihn; Maria im Glück ihres Kindes hob die seligen Augen, und Josef stand feierlich froh, ihr Hüter zu sein. Nur das Kind selber ließ sich nicht stören, weil Engel da waren, mit ihm zu spielen; keine mit Schwertern und sonst erwachsenen Dingen, selber nach Kinder wie das, dem sie Blumen und Bügel brachten für seine glücklichen Hände; und die es schon konnten, spielten auf kleinen Schalmeien: als wäre die heilige Familie auf ihrer Flucht nach Aegypten ins Paradies angekommen, und es läge im fränkischen Land. Darüber freiUch verlor der Maler den Mut, näherzutreten und gar mit ihnen zu sprechen; seine Augen kamen nicht los von dem Bild, wie die wettererprobte Tanne sich hinter Joseph gestellt hatte, das Wunder des Kindes mit seinem Wunder zu hüten; nur die Füße gingen ihm schrittweise zurück, jeder Schritt ein Klafter, so schwand ihm das Bild in die Ferne; und als er einmal hinter sich sah, aus Furcht, über die Wurzeln zu fallen, war es verschwunden: die Tanne jedoch stand staunend wie er vor der zartblauen Frühlingstiefe im Schmuck ihrer silbernen Flechten. Der Jüngling in seiner Stube zu Kronach konnte danach das Bild getreulich abmalen; denn wenn er die Lider zumachte, war alles gleich wieder da, als sähe das Wunder in seinen Augen gefangen. Da sah er, warum ihn der Anblick nur selig beglückte, kaum erstaunt und gar nicht erschreckt hätte: wären die Engel nicht um sie gewesen, er hätte die heilig Familie für seines Landes gehalten, so wenig fremd oder gar himmlisch sahen sie aus: das dralle Kind auf dem Schoß, die blonde, gar fränkisch« Frau und der Mann, der, seinen Hut in der Hand, grauköpfig schon, hinter ihr stand. Es war aber, da dieses geschah, Martin Luther, der junge Magister zu Erfurt noch nicht ins Kloster gegangen, und Karl, der kommende Kaiser, spielte als Knäblein in Gent; und lebte also die alte Zeit noch in tat Tag, als wäre der Hus, den sie in Konstanz verbrannten, nur ein böhmischer Ketzer gewesen. So kam das Bild in Kronach zur Welt, als hätte ein Engel dem Maler verkündigt, was danach geschah, daß sich das deutsche Volk begehrlich auf- machte, aus seiner Seele einfältig zu werden, wo es im Kirchenlatein zwi«- fpaliig geworden war. Indessen droben im Elsaß ein Gewaltiger saß, da, ganze Mirakel dessen zu malen, der für die sündige Menschheit am Kreuz hing, hob der Jüngling zu Kronach die Augen auf in die Welt eine, anderen Wunders; daß alles, was ja zur Erlösung der Menschheit geschah, in Ewigkeit war und also dem deutschen Herzen vertraut, als wäre der Heimat solches täglich bereitet, als könnten die Augen hinter das Kreuz auf Golgatha sehen, wie da der gläubigen Seele das Wunder der Gottes« kindschaft mitten hinein in den Tag ging. Und es waren nicht Juden und Samariter, nicht Römer und Galiläer, denen das Wort des göttlichen Kindes zu Ohr kam, in fremden Gewänder« und lateinischer Sprache: es war ein Maier aus Kronach, dem der Himmel | des Evangeliums zum erstenmal blau wurde über den Tannen und Blumen des eigenen Frühlings. Viele vor ihm hatten die heiligen Dinge schon treu und schlicht in die eigenen Gewänder gekleidet und hatten da, Land Palästina nach ihren Sinnen gebildet. Hier aber kam einer und hatte das Wunder in seiner Sele erfahren, als wäre es darin geboren, al» hätte ein Jüngling in Franken von feiner Heimat geträumt, daß sie die Heimat des Christ und auch das Land des Evangeliums wäre. Als der Kurfürst von Sachsen das Bild sah, hieß er den Jüngling aus Kronach nach Wittenberg rufen, daß er fein Hofmaler würde Aber in Wittenberg waren nicht Tannen und Berge, nur flache Felder um ein« durstige Stadt, und Ziegelmauern, gespiegelt im gelben Wasser der Elbe. Er malte danach, was dem Kurfürst gefiel und seinen lüsternen Herren; aber die Lust des Frühlings verrieselte mählich im Sand, und das Glück des Wunders in feiner Seele. Er trug eine Kette um feinen Hals, da er alt war, und wurde als Bürgermeister der Kurfürstenstadt an der Elb« Lukas Kronach geheißen, der die Schilderkunst mit flinken Gesellen betrieb, j als ob sie ein ehrsames Handwerk wäre, zu Nutz und Frommen dem , Mann, der es mit sauberer Sorgfalt bediente. i Das wunderschöne Bild der Ruhe auf der Flucht') indessen ist heute noch zu sehen, und zwar im Kaifer-Friedrich-Museum zu Berlin. Hängt j aber auch als ein schöner farbiger Druck in meinem Zimmer am Boden« i f« an der Wand, und kann in jedes Haus kommen, feinen Segen m ! bringen. Bleisoldaten. Bon Wolfgang Goetz. Als ich mein drittes Weihnachten erlebte, hatte die Großmama es nicht bei dem Wachsstöckchen von 1840 bewenden lassen, sondern zwei schöne wärmende Röckchen gestrickt. Sie lagen aus dem Gabentisch rechts und links; in feiner Mitte aber strahlte es von blitzenden Rüstungen und wallten bunte Federn über geschloffenen Visieren: ein winziges Turnier. Ich schob die mühsamen Handarbeiten entschieden beiseite mit den Worten: Fod damit, hört nis hieher! (zu deutsch: Fort damit, das gehört usw.) und ergab mich durchaus der Seligkeit im Betrachten eines glänzenden Geschehens. Ich bin, wie man sieht, heute noch der Meinung, daß Weihnachten nichts Nützliches, sondern höchst Unnützliches, rein Spielerifcbes heischt. Gleichviel; jenem Turnier folgten sie denn nach und nach, zu den Geburtstagen und Christfesten, die kleinen Kerls in Schwadronen und Batterien und Bataillonen, mit den Blechmützen, Pickelhauben, Raupenhelmen, Dreimastern, Tfchapkas, Bärenmützen, den Arkebusen, Vorder- labern und Zündnadelgewehren, Linie und Garde, Dragoner, Husaren, Ulanen, Deutsche, Franzosen, Engländer, Oesterreicher, ja, der auf dem Mollwitzer Schimmel war zu sehen, und jener im grünen Frack: „Er trägt ein Meines Hütlein, und auch ein einfach Kleid, und einen kleinen Degen, den trägt er an der Seit'", auch Kaiser Maximilian ritt einsam daher, der Schwedenkönig — leider schon angeschossen und darum nur selten verwendbar —, und fein blaues Regiment Ingermanland, das Regiment Kaluga und fein junger Chef, Prinz Wilhelm von Preußen, der' „iron duke” im blauen Rock — früher hatte er einen roten, aber das wäre *) Unsere Leser werden eine gute Reproduktion in der nächsten Nummer unserer „Heimat im Bild" finden nicht richtig, sagte Papa, und da mußte er umgemalt lverden — und der dritte Napoleon, der Louis mit den schönen Cent gardes. Ich habe jeden einzelnen von ihnen geliebt und liebe ihn noch. Es gab auch Bleisoldaten in Zivil. Publikum war der technische Ausdruck. Mit denen habe ich nicht minder begeistert gespielt, sogar einmal Ibsens „Nora' mit ihnen aufgeführt, bis meine erschreckte Mutter das verderbenschwangere Reclamheft aus meinen Händen riß und mit dieser übereilten Handlung mein reinhardtisches Regietalent im Keime erstickte. SBic oft habe ich schaudernd die Weihnachtstische kleiner Freunde betrachtet. Da waren Eisenbahnen und ähnliches, was man bloß aufziehen und besehen kann, womit es aber unmöglich ist, zu spielen. Ganz blöd« steht man dabei. Man muß unbedingt ein Unglück anstiften, damit die langweilige Fahrerei etwas lebendiger wird. Ich habe später ein sehr kunstreiches Autochen gesehen; da hatte der findige Fabrikant der Phan- tnsie der Kinder auch noch das Unglück entrissen: Das Uehrlein ging von selbst entzwei, wenn man ein gewisses Federchen aufzog. Und das ist an ben Bleisoldaten liebe, was ich an ihnen so ungemein schätze und was ich ihnen danke: sie regten die Phantasie an. Mädels haben ihre Puppen und Puppenstuben, der Junge hat nichts Gleicywertiges, wenn er nicht Bleisoldaten hat. Ich rede nicht davon, daß man bei diesen winzigen Kriegern eine Menge Geschichte wahrhaft piekend lernt; als ich — ein Achtjähriger — einst eine „Schlacht" geschenkt bekam von friderizianischen Soldaten und ihren weißberockten Feinden, hielt ich die Gegner Preußens natürlich für Oesterreicher, und nie habe ich mich so geschämt, als mich der Onkel Fritz auslachte, denn es waren doch Franzosen, die man durch kleine Roßbacher Höschen noch überdies kenntlicher gemacht hatte. Doch dies beiseite. Auf die Kameraden, die mit Papierkugeln nach den bemalten Zinn- jcheiben schossen Katapulte nannten sie gewichtig ihre Mordwerkzeuge —. haben wir verächtlich herabgesehen. Das war kein Soldatenspielen. Die Katapulte beschädigten überdies die schönen Monturen der Stürzenden. O nem! Erstmal mußten mit Richters Ankersteinbaukasten ein oder zwei Dörfer gebaut werden. Stanniol deutete einen Bachlauf an, und später kamen richtige grüne Hügel aus Papiermache dazu — „Terrain" nannte der Kenner diese Bodenwellen. In dieser friedlichen Landschaft war zu- nachst nur „Publikum" zu sehen, das sich über die Not der Zeit so tauschend unterhielt, als hätten wir 1914 bis 1926 geschrieben und nicht J?94- -öts dann auf einmal — tvapptrapp — eine Kaoalleriepatrouille öic Landstraße heruntergaloppiert kam und das Publikum nach Weg und Steg fragte, worauf sie mehr oder weniger frohe Antwort bekam. Ja, es munkelte auch manchmal Verrat herum. Sie Patrouille galoppierte roeiter, bis sie hinter den Hügeln Feuer bekam und zurückpreschte. "Na nun ging's los. Bum und Krach. Hin und her wogte der Kampf bis über der Walstatt die Sonne sank und über dem Tisch die Lampe angezundet wurde. Wir waren großzügig, wir scheuten vor Jena nicht zu- nfIctmälrr ^unrerst)?rf- Wie's eben traf und wie's uns kleinen Göttern als, Wechsel erfreulich schien. Und wie die Olympischen kannten wir jedes Männlein. Noch entstnne ich mich des (Befreiten Müller IV. Er stieg aus der Masse, unbekannt, uns selbst zum Erstaunen, empor, denn eigentlich sollte er aussortiert, zur zweiten Garnitur geworfen werden, zu den „Humplern ,, weil ihm ein bedeutendes Stückchen Farbe abgeplatzt war. Aber siehe, eines Tages hatte er mit feiner Sektion eine Kanone stürmen- E Hand erobert. Und die bestürzten Götter neigten sich vor tüchtiger Mannlichkett. Muller IV. hat es bis zum Oberst gebracht! Wir liebten ibn unbändig, wegen feiner schlichten, heldenhaften Pflichterfüllung, obschon er doch wissen mußte, daß er aussortiert werden sollte, und so ließen wir ihn sich wandeln in unfern bisherigen Liebling, den Leutnant von Zeschwitz. der darob fallen mußte; denn also beschlossen die Götter im hohen Rat. Auch andere Tragödien gab es, unter denen wir selber litten. Die Geschichte vom edlen Brill — er hieß wirklich Brill — will ich gar nicht erst erzählen, der Leser mochte darüber tiefsinnig werden; es war da etwas mit einem Mädchen, das zweie liebten — genug. Wir Knirpse durch- kbten und durchbebten kleine Schicksal«, die wir selbst schufen, an den Mittwoch- und Sam s ta gn achmittagen, wenn Detter Karl zum Spielen IIito Ostern! Ostern war die große Parade über des Heeres größten Teil Da taten sich Onkels Kasten auf, da wurde Waterloo ausgestellt. Großpapa gab fein Arbeitszimmer her und Großmama die Tischplatten. Und nun wurde aufgebaut, nach den Karten des Generalstabswerkes, versteht sich. Da rückten sie an, die alten Garden gegen Hougomont und bei Dlancenoit brach's blau aus dem Bois de Paris. Freilich, das war kein Spiel, wir gingen scheu um das große blitzende Geschehen dieser kleinen Männerchen und deuteten still auf Michel Ney, der doch wenig darauf blutend vor einer Mauer liegen sollte, in Zivil; mir hätten ihm gegönnt, daß 'hn hier eines Bergschotten Kugel träfe. Und da war General Scharn- borst, und Blücher lachte, und Cambronne fluchte, und es schwieg der Kaiser im starrenden Karee. Wer hätte da laut reden wollen ... Weihnachten im Leben unserer Dichter. Mitgeteilt nach den Quellen von Sr. Ernst Ameln s. Bon allen Schöpfungen Schillers hat bekanntlich die Wallenstein- tnlogie die intensivste Materialbeschäftigung und längste Zeitdauer bean- jprucht, so daß man, wenn man von der Anregung durch die Studien zum „Dreißigjährigen Krieg" ausgeht, beinahe ein Dezennium dafür ansetzen kann. Auf die eigentliche Ausführung der drei Teile entfallen allerdings nur etwa zweieinhalb Jahre, von Ende 1796 bis zum Frühjahr 1799; „aber wiederum hat der erste, äußerlich kleinste Teil „Wallensteins Lager" fast zwei Jahre davon nur für sich allein erfordert, während der bamit sogleich am 18. Oktober 1798 erzielte riesige Theatererfolg in Weimar auf den Fortgang des Ganzen jetzt offenbar entscheidend ein« gewirkt hat. Zunächst nämlich so günstig auf die Ausführung der „Picco- lomini", daß deren fünf lange Akte — etwas, das Goethes höchstes Cr- ftaunen hervorrief, der öfter an dem Fertigwerden des „Wallenstein" überhaupt gezweifelt hatte! — nach kaum zwei Monaten, am Heiligabend 1798 fertig vorlagen; freilich unter welchen auch äußeren „Bedrängnissen" — davon erzählt Schillers Brief an Goethe, von Jena aus, eben an demselben 24. Dezember 1798. »2ch setze mich mit einem sehr erleichterten Herzen nieder, um Ihnen ju schreiben, daß die Piccolomini soeben an Jffland*) abgegangen sind. Er hat mich in seinem Briese so tribuHert und gequält, zu eilen, daß ich heute meine ganze Willenskraft zusammennahm, drei Kopisten zugleich anstellte, und (mit Ausschluß der einzigen Szene im astrologischen Zimmer, die ich ihm nachsende), das Werk wirklich zustande brachte. Eine recht glückliche Stimmung und eine wohl ausgeschlafene Nacht haben mich sekundiert, und ich hoffe, sagen zu können, daß die Eile dem Geschäft nichts geschadet hat. So ist aber auch schwerlich ein heiliger Abend auf dreihigMeilen in der Runde vollbracht worden, so gehetzt nämlich und so qualvoll über der Angst, nicht fertig zu werden. Jsfland hat mir seine Not vorgestellt, wenn er in den zwei nächsten Monaten der eigentlichen Theaterzeit nichts hätte, wodurch er die Opern, welche frei gegeben werden, balancieren könnte, da er, in seiner Rechnung auf das Stück, auch an nichts anders gedacht hätte, und gab mir den Verlust bei dem versäumten Tempo auf viertausend Thaler an ..." Nachdem dann am 30. Januar 1799 die „Piccolomini" zum erstenmal in Weimar — und fast gleichzeitig mit Berlin — über die Bühne gegangen waren und ebenfalls Beifall gefunden und Begeisterung geweckt hatten, war bann in wieder nur zwei Monaten auch „Wallensteins Tod" im Manuskript beendigt, am 20. April desselben Jahres aber bereits auf den Brettern. * Jean Paul, der uns ja in fast allen feinen Werken Autobiographisches genug gegeben hat, nur in jenen keineswegs für alle Leser so leicht entzifferbaren Runen und Symbolen eines immer eigenen phantastischen Stiles, konnte, wie einer seiner Nachkommen, Ernst F ö r st e r, berichtet, die einmal bereits begonnene regelrechte Erzählung des eigenen Lebens niemals zu Ende sichren. Sie blieb schon bei der „Kindergeschichte" stecken, denn ihn „erschöpfte und ermüdete jede Darstellung ohne Erfindung". Derselbe Förster hat nun aber direkt nach den persönlichen Erinnerungen der beiden überlebenden Töchter, sowie aus den Familienpapieren, jenen kleinen Torso von ihm selbst: „Aus Jean Pauls Leben; erste, zweite und dritte Vorlesung und drei Beilagen" zu ergänzen gesucht — und in der Reimerschen ersten Gesamtausgabe Jean Pauls bildet diese Biographie den letzten, nämlich 34. Band — und dort lesen wir von einer der Töchter auch diesen Bericht über Jean Pauls Weihnachten: „Unser Hauptfest war Weihnachten, in das der Vater früher noch den Heiligenschein des bescherenden Christkindchens warf. Schon vierzehn Tage' vorher ließ er einzelne Lichter daraus über die Bretter gehen. Waren wir den Tag über recht gut gewesen und er kam abends aus der Harmonie, so brachte er oft einige Stücke Marzipan mit und sagte uns: „Heut, Ihr Kinder, ging ich in den Garten — die Harmonie (in Bayreuth) hat einen — hinaus, und wie ich da den Himmel anfehe, kommt eine rosenrote Wolke gezogen und da sitzt das Christkindchen drauf und sagt mir, weil Ihr heut so gut gewesen seid, wolle es Euch auch was schicken". Oder er rief auf einmal mitten im Erzählen, wo wir auf seinem Kanapee hockten in ber finstern Stube: „Habt Ihr nichts gehört?" Nein, sagten wir. „Ich aber, das Christkindchen roar’s"; und da langte er zum Fenster hinaus und ein wenig Marzipan herein. In der Weihnachtswoche ging er selber auf den Markt und kaufte ein. Wenn wir ihn nun zurückkommen sahen und der Mantel mehr als ihn umschloß, was sich durch die Höcker und Ecken, in die seine Paar Falten ausgefpannt waren, verriet, und wir die Treppe hinunter dem Vater entgegenrannten und uns an ihn anhängen wollten, so rief er listig zornig: „Seins rührt mich an!", und, nachdem er im verschlossenen Zimmer alles versteckt, aber doch absichtlich wieder ein rotes oder Goldpapierchen hatte liegen lassen, ober einen bunten Span, durften wir hinein. Am heiligen Abend selber kannte er das Bescheren nicht erwarten. Sobald es dämmerte, mußten wir fort, und mit der Dunkelheit wurden wir schon gerufen und bann konnten wir uns nicht genug für ihn freuen." In Friedrich Hebbels „Tagebüchern", (die auch sonst von so viel Liebe gerade zu Tieren erzählen), findet sich aus den Weihnachtstagen des Jahres 1859 — Hebbel lebte damals in Wien — folgende hübsche Geschichte: „Den 23. Dezember 1859, morgens 10 Uhr: Komme eben von einer schweren Arbeit. (Hebbel arbeitete damals amder Nibelungentrilogie.) Beim Kaffee erzählt meine liebe Frau, sie habe im Traum den kleinen Sind- sal, unser armes, blindes Hündchen, in neu verjüngter Gestalt gesehen; mit glänzenden Augen und schönen langen Ohren habe er bittend mit seinen zierlichen Pfötchen bei mir auf dem Sofa gesessen. Nach dem Frühstück fragt mich die Marie, ob sie es der gnädigen Frau sagen dürfe, sie habe den kleinen Sindsal heute morgen in feinen Tüchern t»t gefunden. Es tat mir sehr weh und ich habe ihn in eine Schachtel gelegt und in ein weißes Tuch gewickelt, sowie mit dem bißchen Grün, -das sich im Haus« oorfanb, bedeckt, im Keller begraben, nicht ohne ihm die vier kleinen Pfötchen noch einmal zu drücken und seinen steifen, kalken Körper mit den Lippen zu berühren. Nie gab es ein treueres, anhänglicheres Sier; wer das als Mensch wäre, was er als Hund gewesen ist, von dem würde nicht mehr verlangt werden. Den 25. Dezember 1859. So schrieb ich am 23. Als ich am ersten Weihnachtstag, nach froh im alten Kreise verlebtem Christabend, das Haus verließ, um vor Tisch ein wenig spazieren zu gehen, bemerkte ich in der Kärnlhnerstratze einen Mann, der einen großen Christbaum und zugleich ein allerliebstes Hündchen von der Farbe des unsrigen trug. Mich rührte der Anblick und ich folgte ihm nach, weil mein Weg mich ohnehin vors Tor führte. Draußen setzte er seinen Baum nieder und *) den Berliner Theaterdirektor. WeihnachLsbilder aus England. Von George P o p o f f. London, im Dezember. Man braucht ihn nicht erst heraufzubeschwören — den Geist des guten, alten Charles Dickens. Er ist in diesen Weihnachtstagen, in diesem Lande alter Traditionen und Ueberlieferungen, mitten unter uns und in Km altmodischen Radmantel, seinem hohen Zylinderhut und dem ehr» n Stock mit dem Silberknauf in der Rechten geht er jetzt täglich durch Londons belebte, fröhlich-lärmende Straßen, durch Westend, das Mertel der Reichen, durch Castend, das Armenquartier und durch das ganze, weite Land, wo die Leute in diesen Tagen alle nur daran denken, recht munter und sorglos zu sein, recht nachdrücklich „good old-fashioned Christinas" zu feiern und all dieses so trefflich zu tun, daß Vater Dickens daran seine Helle Freude hätte ... Wenn man auf dem Dach eines Autobusses sitzend, durch Brampton oder Cromwell Road fährt, so kann man leicht in die erleuchteten Häuser rechts und links des Weges blicken und gewahren — wie gut sie es alle haben. Die meisten Leute hier verdunkeln ihre Fenster nicht, die Wohnließ das Hündchen frei, welches mit unendlicher Lust zur Ergötzung vieler Personen hin und her sprang und namentlich mir viel Aufmerksamkeit bezeigte. Ms'der Mann das Tier wieder aufnahm, trat ich hinzu imb klopfte es, da sagte er zu mir: ich hab's um fünf Sechser gekauft und geb's wieder her. Auf der Stelle gab ich ihm einen Gulden und trug das schöne Geschöpf nach Hause. Hier angekommen, fragte ich meine Frau: hast du deinen Sindsal in dieser Gestalt gesehen? und sie sagte: 3a r' Daß Gottfried Kellers so berühmter wie herrlicher Roman „Der «rime Heinrich" im Grunde die Lebens- und Entwickelungsgeschichte des Dichters selbst enchielt, werden auch die Leser der ersten, scheinbar unpersönlichen Fassung (1854/55) schon gefühlt haben, lange bevor die endgültige Ausgabe dann in der Ichform, als der wefensgsmähen, Vortag (1880/81). Wir haben also jedenfalls keinen Grund, insbesondere den zweiten Teil, der über die Erlebnisse des noch unfertigen, unbestimmt nach dem größeren Leben sich sehnenden Jünglings handelt, als weniger kelbstbiographifch zu nehmen, zumal auch alle Daten und sonstigen kleineren Züge mit den objektiven Berichten übereinstimmen. Kellers Mutter, mit dem erst fünftährigen Gottfried und einem dreijährigen Töchterchen allzufrüh verwitwet, hat den Knaben bis zum 18. Jahre die Schule besuchen lassen, um ihn dann auf eigenen Wunsch zu einem sogenannten Kunstmaler in die Lehre zu geben; genau die Phase zuvor, wo Heinrich sich freut, daß auch der „geistliche Unterricht", der letzte, nun zu Ende geht, schildert „Das 'Konfirmationsfest", als zwölftes Kapitel des zweiten Teiles, und da dieses Fest dort in der schweizerischen Heimat «wöhnlich auf Weihnachten fällt, so ist hier allerdings die — doppelte Freude und Feierlichkeit schuld, daß sie nun beschrieben werden: „Am Weihnachtsmorgen muhten wir wieder im vereinten Zuge zur Kirche gehen, um nun das Abendmahl zu nehmen. 3ch war schon in der Frühe guter Laune; noch ein paar Stunden und ich sollte frei sein von allem geistigen Zwange, frei wie der Vogel in der Lust! Ich nahm jum ersten- und letztenmal den Männerstuhl in Beschlag, welcher zu unserem Hause gehörte und dessen Nummer mir die Mutter in ihrem häuslichen Sinne sorglich eingeprägt hatte. Er war seit dem Tode des Vaters, also viele Jahre leer geblieben, ober vielmehr hatte sich ein armes Männchen, das sich keines Grundbesitzes erfreute, darin angesiedelt. Als er herankam und mich in dem Gehäuse vorfand, ersuchte er mich mit kindlicher Freundlichkeit, „seinen Ort" räumen zu wollen, und fügte belehrend hinzu, in diesem Reviere Ken alles eigengehörige Plätze. Ich hätte als ein grüner Junge füglich n bejahrten Männchen Platz machen und mir eine andere Stelle suchen können; allein dieser Geist des Eigentums und des Wegdrängens mitten tm Herzen christlicher Kirche reizte meine kritische Laune; auch wollte ich den frommen Kirchgänger für seine gemütliche Anmaßung bestrafen, und endlich tat ich dieses nur in dem Bewußtsein, daß der Abgewiefene otsobald wieder und für immer seinen gewohnten Platz einnehmen könne, und dieser Gedanke machte mir das größte Vergnügen. Als ich ihn meinerseits auch belehrt, und ihn ganz verblüfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unstet herumwandernden Besitzlosen aufsuchen iah, nahm ich mir vor, ihm am anderen Tage anzudeuten, daß er sich mnnerhin meines Stuhles bedienen solle, indem ich denselben nicht brauche. Einmal aber wollte ich darin sitzen und stehen, wie es mein Bater getan. Derselbe besuchte an allen Festtagen die Kirche, denn alle hohen Feste erfüllten ihn mit heiterer Freude und tapferem Mute, indem er den großen und guten Geist, welchen er in aller Welt und Natur sich erfüllen sah, alsdann besonders fühlte und verehrte ... Dieses feierte ich nun auch in dem Kirchenstuhle, indem ich mir den Bater noch lebend vorftellte und ein geistiges Gespräch mit ihm führte; und als die Gemeinde fein ehemaliges Lieblings- und Weihnachtslied: „Dies ist der Tag, den Gott gemacht!" anstimmt«, sang ich es für meinen Bater laut und froh mit, obgleich ich Mühe hatte, den richtigen Ton zu halten; denn rechts stand ein alter Kupferschmied, links ein gebrechlicher Zinngießer, metdje mich mit den seltsamsten Arabesken von der rechten Bahn zu locken suchten und dies um so lauter und kühner, je standhafter ich blieb ..." In diesem Zusammenhänge möchten wir nicht verfehlen, auf noch einige große Dichter des Auslandes hinzuweisen, denen Weihnachten sogar den Stoff zu ihren teils innig-heimlichsten, teils bekennerisch-auf- wuhlendsten Schöpfungen lieferte. Wir denken da besonders an D i ck e n s „Weihnachtsgeschichten", in denen noch ein „old merry England* lebt, und Strindbergs zwei weihnachtliche Dramen: „Advent* und „Fröh- vche Weihnacht*, die aber nur dem tieferen, religiösen Grübelsinn Freude machen dürsten. zimmer liegen zu ebener Erde, und daher kann der Vorübergehende leicht, ohne indiskret zu sein, in das Innere von Hunderten und Tausende« dieser vornehmen Bürgerhäuser schauen. Die Räume sind alle ausnahms- los mit vorbildlichem Geschmack eingerichtet. Von der Decke, in der Mitte des Zimmers hängt der unvermeidliche Mistelzweig. In vielen Häusern erstrahlt auch der deutsche Weihnachtsbaum im Glanze seiner bunten, kleinen Lichter. Man fährt den langen exklusiven Cromwell Road eine ganze Weile entlang oder schlendert stundenlang durch die stillen, vornehmen Squares und sieht überall das gleiche, dem Auge schmeichelnde Bild. Unter dem Mistelzweig, vor dem lodernden Kamin, in tiefen bequemen Sesseln sitzen sie behaglich ausgestreckt — die distinguiert gekleideten englischen Ladies mit ihren feinen, zarten Zügen und männlichen Bewegungen und di« Smoking oder Frack tragenden Gentlemen mit der Pfeife im Munde und dem Weinglas in der Hand. Als lebende Verkörperung eines soliden Reichtums und geordneter Verhältnisse sitzen sie da und führen (man hört es förmlich ...) leise dahinplätschernde, angenehm nichtssagende Gespräche oder schweigen mitunter stundenlang, was man dann erst recht eine „conversation anglaise" nennt. Wahrscheinlich ist es aber heule, daß sie sich über die vielen, kostbaren Geschenke unterhalten, die sie sich gegenseitig gemacht haben. All die letzten Wochen hindurch waren die großen Geschäftsstraßen, wo die Leute von Westend einkaufen — Regent Street, Haymarket, Piccadilly, Bond Street — brechend voll gewesen und die Bevölkerung von London hat in den vier Weihnachtswochen dieses Jahres für nicht mehr und nicht weniger als zwei Milliarden Goldmark Geschenke eingekauft! Dieses ist wohl der beste Beweis dafür, daß der Reichtum, der noch heute in England herrscht, in der Tat ganz ungeheuer ist. Und die Mehrzahl der Engländer liebt eben nur ganz solide, ganz gute und ganz alte Sachen. Altes Silber, edle feine Goldschmiedearbeit aber ist am beliebtesten, und damit treiben die besser situierten Engländer von heute, ganz wie ihre Vorfahren, einen wahren Kultus. Eine gute Gelegenheit, all das schöne alte Silberzeug zu zeigen und zu bewundern, gibt der „Christinas Dinner", wenn der korrekte, glattrasierte Diener die Herrschaften zur Tafel ruft. Auf der spiegelblank polierten Mahagoni-Tischplatte stehen vier silberne Queen-Anne-Leuchter und ihr unaufdringliches Licht spiegelt sich wieder — im matten Silber der Bestecke, der Brot- und Fruchtkörbe, der Senf- und Salzdosen und all der tausend silbernen Bagatellen, an denen eine gepflegte englische Tafel so reich ist. Der Mahlzeit erhabener Höhepunkt ist der Weihnachts» t r u t h a h n, den der Hausherr voller Weihe tranchiert und der mit seiner Ingwer-Füllung und all den anderen Jngredenzien für einen kontinentalen Magen ein recht schwer verdauliches Gericht ist. Dasselbe läßt sich vom duftenden und dampfenden Weihnachtspudding sagen, bet dessen Einzug die Kerzen ausgelöscht werden, wonach das Tafelsilber, nur von der garten Spritflamme des Puddings erleuchtet, noch um eine Nuance vornehmer als zuvor funkelt. Mittendurch und vorher und nadp her trinkt man recht viel von all den guten Weinen, die John Bulm Lieferanten ihm von allen Enden der Welt zutragen. Und nach deren reichlichem Genuß stellt sich dann von selbst die befriedigende Gewißheit ein — einen recht fröhlichen „good old-fashioned Christinas* Abend verbracht zu haben ... England ist seit jeher dafür bekannt, daß der Gegensatz zwischen arm und reich in diesem Lande ganz besonders groß, ganz besonders schreiend ist. Das war schon zu Charles Dickens' seligen Zeiten so und das ist heute nicht viel anders geworden. Daher ist es kein Wunder, daß „good old-fashioned Christmas* in Castend nur ein Bild von Elend, Misere und Armut, in schmutzigen, dunklen, mit trunkenem Volk angefüllten Straßen und Gassen darstellt. Die Zahl der Public-Bars ist hier doppelt so groß, wie in Westend — an jeder Straßenecke ist eine. Die klapprigen Türen gehen dauernd auf und zu: man sieht in vollgerauchte, stickige Stuben, vollgepfropft mit trun» Jenen Frauen und Männern, deren Kleidung um vieles armseliger, zerlumpter ist, als die des kontinentalen Proletariats gleicher Stufe. Vor den Türen der Bars drängen sich stets einige eingeschüchterte, halbverhungerte Kinder, die auf ihre, im Inneren sich betrinkenden Mütter harren. Das ist „old merry Christmas" dieser Leute. Traurig fürwahr ... Etwas Fröhlichkeit in diese Welt der Unsauberkeit und Trunkenheit bringen nur die zahlreichen Straßensänger und Musikanten hinein, die besonders um die Weihnachtszeit London förmlich überschwemmen. Kleine Buben, sog. „Carol singer" singen zu drill und zu viert und sind besonders beliebt. Nigger gröhlen zur Laut« und tanzen einen Step dazu. Auch sieht man viele schottische Dudelsack-Pfeifer, die immer zu zweit auftreten und gleichzeitig mit dem Musizieren allerhand ulkige Sprünge vollführen. Die Schotten sind „old-fashioned", und das Volk in Castend liebt, genau so wie die Reichen, alles was „old-fashioned" ist, nur daß bei ihnen auch die schreiende Armut und das graue Elend dazu gehören ... * Weihnachten in Westend und Castend sind beide in ihrer Art für England charakteristisch. Will man aber den wirklichen, anheimelnden Hauch der englischen Weihnachtspoesie auf sich einwirken lassen, sd muß man aufs Land gehen, nach Surret), Esser, Worcestershire oder noch weiter. Man fährt dorthin allerdings nicht mehr in der alten, hohen, mm sechs Pferden gezogenen „Christmas-Coach", aber ein xbeliebiges Auto bringt einen trotzdem in eine völlig verschlafene, stille Welt — eine Wett, wo die Helden Dickensscher Weihnachtsgeschichten noch alle lebendig finfc und stets mit Freuden jeden Gast in ihrem frohen und zechenden Streif« aufnehmen. Da kenne ich in der Nähe von Oxford eine alte Schenke, die reichlich seit 500 Jahren schon den müden Wanderer mit allerhand Spirituose« labt. Hier würde ich gerne einmal die Weihnacht verbringen. Die ge» täfelten Wände und die Balken der Decke sind von der Zeit völlig go- schwärzt. Die Räume sind niedrig und klein, aber voll unaussprechlich« Behaglichkeit. Der alte Kamin ist ein köstliches Monstrum, das hier no* mit Holz geheizt wird. Rings herum liegen auf dem Steinboden mm hängen an der Wand allerhand altertümliche Kamin-Rüstzeuge: metfr würdige Zangen, Kohlenschaufeln, Haken, Spieße, Jagdtrompeten, Schwerter usw. und alles ist voller schimmelnder Romantik, Poesie und grauester Ueberlieferung. Etwas weiter auf dem Wege, nach Norden zu, da kenne ich noch einige Dörfer, die aus lauter 500jährigen Häusern bestehen — mit ganz niedrigen, breiten Fenstern, mit Butzenscheiben, mit bis zur Erde reichenden Dächern und ganz hohen Schornsteinen. So um die Mittagszeit am 24. Dezember muß man von London losfahren — querfeldein durch Surrey, das wie ein einziger großer Park ist, über Henley, Maidenhead, Windsor, Oxford usw. — bis man dann gegen Abend in jenem Dörfchen, das ich meine, angelangt ist und dort schon lange erwartet wird. Wir treten in die kleine, warme Stube eines eulenhaft-geduckten Häuschens, bewundern den Mistelzweig an der Decke, wärmen unsere Hände vor dem Kaminfeuer, setzen uns auf einen der bequemen, niedrigen Schemel, werden über London und „die Welt da draußen" ausgefragt, erhalten einen kräftigen Punsch vorgesetzt, trinken einen Schluck und noch «inen und noch einen, lauschen dem Heimchen, das hinter dem Herde zirpt, und fangen bald, sehr bald an, von all den tausend Geräuschen eines alten englischen Landhauses unmerklich eingelullt, irgend etwas Unbestimmtes, Verschwommenes, Süßes zu träumen. Und wenn es soweit ist, ja, dann kommt Vater Dickens leise zur Tür herein, setzt sich zu uns an den Kamin und erzählt uns «ine seiner heitersten, herrlichsten Weihnachtsgeschichten ... Christfest. Von Joseph Freiherrn von Eichendorfs. Markt und Straßen stehn verlassen, Still erleuchtet jedes Haus, Sinnend geh ich durch die Gaffen, Alles sieht so festlich aus. An den Fenstern haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt, Tausend Kindlein stehn und schauen, Sind so wunderstill beglückt. Und ich wandrc aus den Mauern Bis hinaus ins freie Feld, Hehres Glänzen, heil'ges Schauern! Wie so weit und still die Welt! Sterne hoch die Kreise schlingen, Aus des Schnees Einsamkeit Steigt's wie wunderbares Singen — O du gnadenreiche Zeit! Droben im W«?d. Eine Weihnachtserzählung von Wilhelm Jensen. (Schluß.) Ein Schauer durchrüttelte ihm die Glieder. „Im Wald?" stieß er wie ein Aufwachender hervor, „und du bist bei mir?" Dann hielt er inne und ’ fuhr erst nach einer Pause halb murmelnd fort: ‘ „Ja, ich weiß, ich ging im Wald. Da stand er im Dämmern mit einem. Beil; ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Aber er hatte den Baum angehackt, und als ich drunter fortging, fiel der Stamm dicht an mir nieder, und ein Ast traf mich hier; oder war's das Beil, das er nach mir geworfen?" ' j Seine Hand glitt deutend über eine hochaufgeschwollene, schmerzhafte Beule am Hintertopf; doch plötzlich sprang er jetzt, nach seiner ihm noch um die Schulter hängenden Büchse greifend, kraftvoll vom Boden und rief: „Wo ist er, daß er nicht auch dir und den Kindern —!" Aber glückselig war die junge Frau ebenfalls emporgefahren und hielt : ihn. „Du träumst noch, Alf; Gott sei gedankt, du bist unversehrt! Der Ast i hat dich nur gestreift und betäubt und dir den Kopf mit Phantasien gefüllt." „Glaubst du, Hanna? Du hast wohl recht, es war eine närrische Einbildung." Er hatte nach und nach volle Besinnung wiedererlangt und schlang freudig die Arme um fein junges Weib. „Ist heute nicht Weihnachtsabend? Mir ist, als wärest du mir eben erst geschenkt." Das weckte ihr Gedächtnis. „Die Kinder! Sie werden sich schrecklich im Dunkel ängstigen, die Marianne ist ja auch fort!" „So laß uns rasch heimgehen!" Doch die Füße schwankten ihm noch erwas von dem Sturz und der Betäubung, und, seine Gedanken sammelnd, frug er jetzt verwundert, wie es chr möglich geworden, die Stelle zu finden, wo der Baum ihn getroffen. Sie erzählte, wer ihr Führer gewesen, und beide streichelten dankbar den zottigen Kopf des vor ungebändigter Freude laut bellenden Hundes. So kamen sie auf dem schneeverdeckt abschüssigen Weg unter den finsteren Bäumen nur allmählich vorwärts, doch ihr Ziel war nicht allzufern, und sie konnten nicht mehr weit sein. „Dein Schrei weckte mich aus der Bewußtlosigkeit auf," sagte der Förster, „hättet ihr mich heute abend nicht gefunden, wäre ich wohl nicht mehr zur Besinnung gekommen und im Schlaf erstarrt." Ein letzter Schauer überlief den Rücken Johannas, nun bogen sie um eine finstere Tannenwand in ihre kleine, heimatliche Mulde ein. Doch im selben Moment stutzten sie beide jäh zurück; ein funkelnd blendendes Geleucht brach ihnen durch die Nacht entgegen, und, in den Knien wankend, schreckvoll starrend, stieß Eisenhut aus: ; „Barmherziger Gott, unser Haus steht in Flammen!" 1 Auch die junge Frau hatte im ersten Augenblick einen Schrei von den Lippen gestoßen; allein sie beherrschte schneller ihre Sinne, als ihr Mann die noch leicht verwirrbaren seines Kopfes und rief hastig drein: „Nein, es ist der Weihnachtsbaum! Seine Lichter brennen! Wie ist es möglich?" ' Nun sahen es beide deutlich. Ein halbes Hundert blitzender Kerzen warf aus den Fenstern der Staatsstube seinen Strahlenschein auf den Schnee heraus. Ohne ein Wort mehr liefen sie atemlos bis ans Haus und stürzten hinein. Da saßen die Kinder jubelnd, lachend zwischen ihren umher verstreuten Spielsachen am Boden unter dem funkelnden Weihnachtsbaum. Sie waren weder über das Fortbleiben der Eltern verwundert gewesen noch über ihr jetziges Kommen; der kleine Wolfgang hielt ihnen müh- fam auf beiden Armen ein mächtiges Schaukelpferd entgegen und jauchzte: „Sieh — hott — hott! Willst du drauf reiten, Papa?" Es dauerte etwas, ehe die Mutter auf ihre staunende Frage, wer denn die Lichter angezündet, aus der emsig beschäftigten kleinen Johanna di« Antwort herausbrachte: „Der fremde Mann." „Welcher Mann?" fragte sie ungläubig. „Der im Schnee kam, als du mit Melac fortliefst, um den Papa zu holen." „Und wo ist der Mann geblieben?" „Weg", sagte das Mädchen, nach der Tür deutend. Aber da sie bas sprachlos verwunderte Gesicht ihrer Mama wahrnahm, ließ sie einen Augenblick die Hand von ihrer schon halb ausgekleideten Puppe und fügte hinzu: „Er weinte so, als er fortging; er bekommt gewiß heute nichts zu Weihnacht." Da stieß der Förster plötzlich einen lauten, doch ihm seltsam vor dem Munde zitternden Namensruf aus: „Wolfgang Machwitzl" — Er starrt« aus einen Tisch unter dem Weihnachtsbaum, auf dessen brauner Platte der Name mit Kreide in großen, unsicheren Buchstaben geschrieben stand, und er wiederholte mit einem Ton, der an seine Betäubung im Walde gemahnte: „Wolfgang Machwitz, er war hier, es ist seine Hand!" Dann stand er bei seiner Frau und redete leise mit ihr. Sie blickte ihn anfänglich zaghaft an, doch als er schwieg, sagte sie: „Nein, du hast recht, und auf dem Wege habe ich keine Angst um dich." „Er kann in der Nacht nicht weit gekommen sein", fiel Eisenhut ein. „Es war ein Weihnachtsabend, an dem ich unwillentlich schlimmes Unrecht tat; mich bedünkt's ein Himmelsgeschenk, wenn's mir beschert wird, an diesem dran gutzumachen, was noch möglich ist." Er drückte Johanna fest die Hand, nahm [eine Büchse und schritt zur Haustür. Der Hund sah verwundert zu ihm auf, daß es noch wiederum in den Wald davonging; draußen hatten Himmel und Luft sich etwas verändert. Der Wind sprang gen Ost über und kam jetzt in Stößen vom Rheintal herauf, vom Rande des lückenhaft zerrissenen, fliegenden Gewölkes aber ging ein silberner Schein aus, der den dahinter aufsteigenden Mond verkündet«. Der Förster wanderte mit vorgebücktem Kopf um bas Haus, bis fein Blick zwei breite Fußtavfen im Schnee antraf, die sich aufwärts fortsetzten. Da sagte er, niederdeutend: „Such', Melac!" Witternd folgte dieser sogleich der Fährte, und fein Herr ging achtsam hinterdrein. Er hatte seine volle Kraft und Sinnesschärfe wiedergewonnen, nur das Herz schlug ihm stürmisch erregt mit heißklopfender Hast an die Brustwandung. Nun drängten sich die anfänglich weit ausholenden Fußspuren näher zusammen, wurden unsicherer und hatten schleifend den Schneerand abgeschürft. Der Hund schnob eiliger und stieß einen knurrenden Ton aus. Und jetzt schoß er, zornig bellend, gegen einen Felsblock vor. „Zurück, Melac!" gebot sein Herr, doch zugleich stand er selbst kalt- überlaufen still. Etwa ein halb Dutzend Schritte vor ihm lag an dem Felsen ein langer, dunkler Körper in den Schnee hingefallen und hob bei dem Gebell und Anruf des Hundes den barhäuptigen Kopf. Darauf fiel, aus einem Wolkenriß klar hervortretend, der Glanz bes Vollmondes, und in feinem rinnenden Licht wandte sich dem Herankommenden ein geisterhaft fahles Antlitz entgegen und sprach mit klangloser Stimme: „Bist du's, Adolf Eisenhut? Ich wollte dir und deinem Haus« Böses tun, deshalb war ich hier. Nimm deine Büchse und schieße dem bösen Tier das Blei durch die Brust! Und tust du's nicht zur^Bergellung, so denke noch einmal an die alten Tage, als wir Freunde waren, und ku's darum; ich will's dir danken!" „Wolfgang Machwitz," rief der Förster, im Innersten erschüttert, „bist du am Weihnachtsabend zu mir gekommen, um meinen verlassenen Kindern die Freudenlichter anzuzünden?" Ein lautes Stöhnen rang sich von den Lippen des Angesprochenen, und er stieß den Arm des neben ihm Niederknienden heftig zurück. „Was willst du? — das ist eines Mörders Hand!" „Nicht doch, die eines Unglücklichen, der ich eine Schuld abzubüßen habe", sagte Eisenhut in weichem Ton. „Vergib du mir um der alten Freundschaft willen, Wolfgang Machwitz!" Doch dieser bog sich noch mit krampfhaftem Beben seiner Glieder zurück. „Deine Hand? Nimm sie fort! Wenn du wüßtest, mit welchen Gedanken ich zu deinen Kindern kam —" „Still!" flüsterte der Förster und legte ihm sanft die Hand auf den Mund, „ich weiß nichts. Komm!" Er richtete ihn kraftvoll auf, stützte und führte den schlotternden Mann durch den Schnee. Willenlos und wortlos ließ derselbe sich fortschleppen; erst als plötzlich das glitzernde Gefunkel des Weihnachtsbaumes dicht vor ihm durch die schwarzen Tannen brach, stockte er jählings, riß sich los und stotterte: „Wohin? Zu ihr? In dein Haus? Niemals!" „In eine Heimat, zu Menschen, die um dich getrauert haben", antwortete Adolf Eisenhut liebreich. Ein eigentümlicher Klang kam dazu unerwartet durch die Luft; der ostwärts gedrehte Wind trug einen Augenblick ganz deutlich den fernen Schall der festlichen Dorfglocke aus dem Rheintal herauf, und der Förster fetzte lächelnd hinzu: „Horch! Weihnachtsabend! Du bist weit gegangen, Wolfgang, ruh« dich aus und bleibe bei uns, solange du dich unter Freunden bei uns fühlst!" Und die Haustür öffnend, rief er laut und fröhlich vorauf: „Johanna, rüste zu für einen Heben Weihnachtsgast und vergiß nicht ein paar gute Würste für Melac, er hat sie heute doppelt verdient!" (Copyright by Emil Feller, Berlin.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.