Gießener KmiilieubMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang {927 Dienstag, den 27. September Nummer 77 Das Geschenk. Von Carl S p i t t e l e r. Mir träumt', ich schlummert' unterm Weidenbusch Am Vachesufer, auf der Himmelswiese. Und mit dem Wasser tarn’ ein schöner Mann Im Boot dahergefahren. Längs der Fahrt Bog er die Büsche auseinander, spähte In das Versteck und reichte links und recht» Geschenke, welche er dem Boot enthob. Wo er vorbeizog, scholl ein Dankesschluchzen. Und aus len Wellen jang's wie Orgelstimme: . Kleingläubige Zweifler, habt ihr's nicht gespürt? Ihr mußtet leiden, daß ihr lerntet wünschen. Ihr mußtet wünschen, daß ich euch's gewähre. Was jeder im verschwiegnen Seelengrund Crsehnt, die Träume, die dem eignen Herzen Er nicht verriet, ich habe sie gebucht. - Nehmt hin, ich kenne jedes Menschenherz! Nehmt hin, ich kenne jeder Seele Sehnsucht!" Allmählich tau ec auch zu mir. Neugierig Schärft ich den Blick, denn keines Wunsches war I ch mir geständig. Da entstieg dem Nachen Ein strahlend Frauenbild, vertraulich winkend, Eilte auf mich zu und lachte mir ins Auge: „Kleingläubiger Zweifler, hast du's nicht gespürt?" Dann nahm sie meine Hand und führte mich Durch blumige Tristen nach den blauen Berge Viel Fenster lugten aus den Weg, dahinter Gesichter, deren Grüße uns vermählten. Wir aber zogen miteinander weiter 'nd immer weiter über Berg und Tal, -hne Verdruß und ohne Müdigkeit, is wir verschwanden in gottinniger Ferne. BsgLANUngsn mit Hermann Sudermann. Zum 70. Geburtstage des Dichters. Von Dr. Karl Neurath. Hermann Sudermann ist ein überlebter Dichter. — Das war vor einem knappen Jahrzehnt di« Meinung jener Kritik, der es nicht um -per» sönlichkeiien und Werte, sondern um Schulen und Kliquen geht, war die gewisse Zuversicht der Jüngsten und Allerjüngsten, die es inzwischen zwar zu hymnischen Lobgesängen von Freundeshand, aber zu keinem wesentlichen Werk gebracht haben. Da erschienen di« „Litauischen Geschichten", ein Buch von so vollem und klarem Guß, von so stacker und dichterischer Krast, daß ein allgemeines Aufmerken war, und selbst die wildesten Neider verstummten, statt ihr übliches Hohtweschrei anzu- stimmen Denn das war ja Sitte geworden, seitdem die Tafelrunde der „Zwanglosen" ihr Patenkind Gerhart Hauptmann von den unerhörten Erfolgen Sudermanns bedroht glaubte, zumal der Schlesier gerade damals von dem Leipziger Literaturhistoriker Kluge über die Maßen scharf bekämpft wurde. Die Massensuggestion war durchbrochen und die Besinnlichen sahen sich gezwungen, ihre Meinung von dem Ostpreußen zu überprüfen und das gesamte Werk des Dichters mit kritischer Sorgfalt zu überblicken, losgelöst von den vielfältig beeinflußten Ansichten des Tages. Diese eigentlich' selbstverständliche, im besonderen Fall aber doch neue Betrachtungsweise wurde durch die große Gesamtausgabe des Cotta- fchen Verlages sehr wesentlich gefördert. Aus dieser Betrachtung ergibt sich denn ein überraschend reichhaltiges, vielseitiges Schassen. Die Fülle herzhafter, klargeschauter, sicher wieder- gegebener Gestalten verblüfft und zeigt ein Lebenswerk, das bei allen kritischen Vorbehalten im einzelnen doch eine hohe Achtung abzwingt im ganzen. Er ist ein treues Spiegelbild feiner Zeit, und wenn auch manchmal die theatralischen Effekte überwiegen, wenn der Wille, den Zuschauer zu fesseln und zu spannen, auch manchmal oder selbst oft dabei die innere Wahrheit preisgibt, wenn Sudermann so häufig romanhaft wirkt, so ist zu erwägen, daß das alles auch auf den älteren Ibsen zutrifft, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, nur daß er deshalb nicht leidenschaftlich übers Ziel hinausschoß, weil er ohne Leidenschaft war. Unbillig wäre es, Sudermann allein nach dem minder Gelungenen zu beurteilen: zu betrachten bleibt das Wesentliche, das Besondere. Und das ist eine ganz« Fülle: das meiste davon geschrieben zu einer Zeit, wo die gesamte Kritik der Reichshauptstadt, und die damit versippte, gegen ihn stand, ihn mit Hohn und Spott überschüttete, wo er, wie er mir sagte, vor der Frage stand, entweder an der Kritik zugrunde zu gehen wie Grillparzer, Hebbel und andere oder aber ruhig und unbeirrt weiter- zuschreiben. Da er Ostpreuhe war, also einen harten Schädel hatte, siet bi« Entscheidung nicht schwer, aber es war nicht immer leicht: er hat sehr darunter gelitten. Doch allmählich ist sein Rückgrat steif geworden. Der Dichter erzählt es heut« mit der ruhigen Sicherheit des Abgeklärten, aber es liegt eine schmerzliche Falte um seinen Mund. Man denkt unwillkürlich an Goethes wehmüttge Aeußerung, daß es ihm eia Leichtes gewesen wäre, eine Menge solcher Stücke zu schreiben wie den „Cluvigo", wenn er nur ein wenig Anerkennung bei der Kritik gesund«» hätte. Und man überlegt ein weiteres. Wenn in Frankreich, in Italien ein dichterisches Werk von einigem Rang erscheint, dann ist künftighin kein Streit mehr um den Namen, um den Rang des Dichters. Bei uns in Deutschland muh sich jeder, fast ausnahmslos jeder, mit jedem neuen Wert erneut seine Bestätigung erkämpfen. Derweil die Kritik aber gerade die Besten dem Publikum verekelt, werden Anny Woche, Courts-Mahler und andere Blaustrümpfe beiderlei Geschlechts in Massen verschlungen. Man braucht natürlich die „Ehre" heute nicht mehr als vollkommenes Kunst» werk zu betrachten, aber man kann deshalb nicht leugnen, daß sie einmal einem Millionenvolk zu ihrer Zeit in allen seinen Schichten ein Erlebnis ohne jeden Vergleich war, und es einem guten Teil sicherlich auch heute noch sein wird. Man spricht mit Sudermann, und ein ganzes, reiches Menschen!eben blüht aus. Der Graf Traft wird lebendig, der Mann, der fest und sicher in seinem Kreise steht, und von einer unter schweren Kämpfen und Schmerzen gewonnenen Lebensanschauung eines freien Geistes aus Über die' kleinlichen Miseren des Daseins spricht; geistreich, treffend, witzig jpricbt und doch mit jener Milde, wie.sie ein erfahrenes, verstehendes Herz ausftrömt. Man fühlt, daß hier innerstes Erleben ist, was einem oft als Literatur erschien, und man erkennt, daß die Verkennung Sudermanns auch ein gut Stück Verkennung des ostpreuhischen Wesens ist.. Doch seit» sam: dieser Ostpreuße hat es erleben müssen, daß ihn der deutsche Süden besser verstand, als der Norden. So wurde seine „Schmetterlingsschlacht", eine ganz wertvolle Komödie, di« an einem und demselben Tage in Berli« verständnislos niedergeschrien und in Wien mit unendlichem Jubel aus» । genommen. Von Wien aus machte sie ihren Weg durch ganz Süddeutsch» land, im Norden blieb sie unter dem Einfluß von Berlin zunächst unbeachtet. Mit tiefer Einsicht in das innerste Wesen des Deutschtums folgert er daraus eine heute noch wirksame Mainlinie, an der auch Hebbel und Grillparzer verhängnisvoll scheitern mußten. Aber er war nicht ganz ohne Freunde. Mit inniger Rührung spricht er von Fontane, von Spielhagen, Brahms, Fulda, Omp- t e d a und vielen anderen, die ihm nähergetreten sind. Hauptmann fehlt darunter. Der beiderseitige Freundeskreis schob sich immer wieder äroifdjen die zwei Männer, die die wichtigsten Vertreter einer ganzen Generation sind, die beide über einen engen Kreis hinausgedrungen find in das Volk. Sudermann auf der Probe. Alles lebt an dieser straften, beweglichen Gestalt, die ihr Alter nicht erraten läßt. Mit einer unerhörten Eindrina- lidjfeit wirkt er auf die Darsteller ein; nichts ist ihm nebensächlich, nichts zu gering, um es nicht zu erklären, zu'betonen. Er bekümmert sich aber nicht nur um den Text, er bekümmert sich um alles; um Halsbinde und Stiefel, um Frisur und Varttracht. Man fichlt, wie jede Gestalt de» Werkes vor ihm stcht, wie er jeden ihrer Schritte, jeden Augenausschlag, jeden Atemzug kennt. Und so treibt er in unablässiger, angestrengtester Arbeit bas Werk so weit, daß er sagen kann: so habe ich es mir gedacht. Und die Darsteller sind ihm dankbar, ordnen sich willig und gern unter, denn sie fühlen, daß sie in sicherer Hut bei ihm sind, und freuen sich des Erfolges, freuen sich auch der Anerkennung, die er ihnen dankbar abftattet Für Anerkennung ist er, wie jeder Schaffende, natürlich nicht unems» fänglich, aber er geht mit stiller Bescheidenheit darüber hinweg. Um eingehender beschäftigt er sich mit Einwänden und Fragen. Und barmt hat er mancherlei zu überstehen. Und man muß zugeben: wie er einsm Charakter, eine Situation entwickelt, erklärt, von seinem innersten Gefühl aus deutet, bas ist sehr reizvoll und aufschlußreich. Wir sind im kleinsten Kreis. Sudermann, die Familie, eine Freund« des Hauses, auch in Ostpreußen geboren. Nach zwei Minuten haben sie Dutzende von Bekannten, und es ergibt sich, daß Sudermann^ aufs Haar genau den und jenen aus dem kleinen Leben auf die große Bühne gelte® hat, von dem man behauptet«, er fei irgendwie sentimental oder verlogen. Aber wie di« beiden sich unterhalten, merkt man, daß es eine Stammes» eigentümlichkeit ist. Man braucht eigentlich nur die vielen Verkleinerungs- Wörter des Ostpreußen zu betrachten, um das zu wissen, aber wer den« zur rechten Zeit daran? . • Plötzlich mengt sich die Jüngste ins Gespräch. Sie hat Sudermanns Bild mit dem schönen Bart betrachtet und findet keine Aehnlichkeit. Die Größeren belehren sie. Aber es nutzt nicht viel. Da scheint sie begriffen zu haben. Sie kommt heran, legt die Hände auf ihren Rücken und fragt mit ihrer noch nicht fünftähigen Weisheit zutraulich: „Warum hast du ; denn deinen großen Bark in Berlin gelassen?" i Gifte' Das war das Gchermmsvoue, oas w v - WH't hloR mich fetder, ganze Familien, ganze Mörser, ganz i EsiissÄÄ sys beKt es Eiflern zu beÄeiK. Diese Kunst wemgstens werden meine nur doziert. ,. .. . , ,, Wie dem auch immer sei: ein späteres, ruhiger wagendes Geschlecyt wird in Sudermann den großen Erneuerer der deutschen Buhne, den eigentlichen Schöpfer des Gesellschaftsstückes erkennen und im Berfasjer der „Litauischen Geschichten" und manches anderen Prosawerkes einen der größten Erzähler unserer Zeit verehren. Ms solchen grüßen wir ihn schon heute, an seinem 70. Geburtstage. Kritlker mir nicht °bs^tten^onnen.^^b^iten des Handverkaufes «in- npn'Tih1 ‘ ünb dabei verblieb es bis aus weiteres. Brustbonbons, Kaimllen- tee Rhabarber,' Lakritzen, Magentropsen, Appetitpulver für die Schweine, B bergest Honig7 Asa foetida - eine böse Nummer übrigens - und w^ill der Deibel was sonst noch, alles ging alsbald mtt flotter Selbsi- nsvNöndlickkeit durch meine Hände. Die Bruftbonbons stehen in dieje Ä ähluna^mit Fu? und Recht an erster Stelle, denn sie erregten.n mu auch privatim «in/greisbare Anteilnahme, die sich allerdings sehr ba.d in Nn^enanMen^Dingen gesellte sich allerhand Rätselhaftes, das leis- gefedert und aus höchst harmlosen Flaschen Rnrhiirfifeit verabfolat wurde: Muttertropfen, Liebestranke, ^uapuivei, Mü^ensett nebst vielen wilden Rezepten, in denen die Zauberkunst weise ®ri£>er ^M/settegäst", mein hochverehrter Chef, erteilte mir selbst die nötigen Unterweisungen, denn einen Gehilfen gab es nicht. Als ein wohltätiger Geist geht dieser Mann durch manche^ 31 meiner Jugend. Sein Haus blieb mir eine zweite H^mat, auch la S, nachdem ich nicht mehr darin tätig war, und noch alsStudent half «y an den Markttagen, an denen kundige Hande nottaten, ausLust undi u fleißig mit, dem Litauervolke, das sich m Scharen vor demi Ladenüs^ drängte, seine quackfalbrischen Wünsche zu er,ullen. Es wurde mein Stolz, in seiner Sprache mit ihm zu reden und mich in dem seines Stammelns zurechtzufinden. r . .. ... oiet Aber mein Ehrgeiz ging hA)er. Den Handverkauf hatte ich m ° Wochen ausgelernt. Ich kannte den Platz eines jeden Medikaments, j wußte seinen Preis und war mit dem Kauderwelsch der Fordern g restlos vertraut. ,,M Der höheren Tätigkeit aber, tue sich daran schließen mußte, stano eu Verbot der obersten Medizinalbchörde gegenüber, demzufolge ^Leyru Ä erst in dem dritten Jahre ihrer Lehrzeit das Rezeptiersn unter II gestattet ist. „ . ; j, snron Vor mir lagen zwei endlose Jahre ödesten Kommistums, ehe ich . denken konnte, das Allerheiliaste des Rezeptiertisches zu betreu.1, dabei schien selbst hier nichts Schwieriges zu erlernen. Das +■ Von was redet man alles an einem schönen sonnigen Nachmittag, wenn | sonderbare Gefühle den Menschen bestimmen! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle fährt man, und will man sich besinnen, dann ist das meiste Gefühlswert, der erst viel später zum Gedanken wird. Lcoer etwas haftete, etwas sehr Lustiges. Die klein« Geschichte, wie Sudermann Direktor eines Varietes gewesen ist. Das war im Jahre 1916. Man sah ooen am grünen Tische ein, daß etwas „für das Volk" getan werden mu st Berlin saß im Dunkeln, hungerte und fror, nachdem Prof. Eltzbacher, der oqcnannle Schweinemörder, haarscharf bewiesen hatte, daß die Schein« uns die Nahrungsmittel wegfrähen. Infolgedessen gingen wir an Fett- mange! zugrunde, derweilen Rüben und sonstiger Schweinefraß in Millionen Zentnern umkam. Das Volk aber sollte in Berlin nicht hungern und frieren, ohne daß vom Staat ein gewisser Ausgleich geschaffen würde. Da das Brot sehlie, sollte wenigstens' die Unterhaltung gepflegt werden. (Panis et circenses.) Warum nicht? Nur ... man machte es falsch. Man stellte sich auf den Kulturstandpunkt und kam mit hoher Kunst. Die Frau, die sich tagsüber abgerackert hatte, sollte sich . . . (es ist beileibe kein Witz) Beethovens Neunte anhören ... , Der Saal war gefüllt mit Damen, die — Pelzmantel und Brillanten trnaen. Zufällig sah Sudermann einen solchen Saal. Er staunt ... begreift macht eine Eingabe an das Generalkommando. Man sieht dort den Unsinn sofort ein und überträgt ihm die Stelle eines „rectoris circensium , aber ohne Mittel. Die müsse er selbst schaffen. Zwei Schreibmaschinen und ein paar Klubsessel sind alsbald da; ein Fernsprecher fehlt; erst nach vielen vergeblichen Versuchen hat ein Geheimer Oberpostrat den Mut, die drm- aend notwendige Ausnahme zu machen. Nun kann s losgshen. Zweihundert oder mehr Gespräche, und das Kapital ist beisammen. Künstler stehen auf Anforderung innerhalb acht Tagen zur Verfügung, auch wenn ie im vordersten Graben liegen. Das Generalkommando sieht em, daß hier ein neuer wichtiger Weg beschritten wird ... nicht die hohe Kunst, sondern geschmackvolle Unterhaltung. Die feindlichen Staaten machten das langst. Wir redeten von Kultur und langweilten die Leute. Sudermann machte ein Varieteprogramm. 1. Teil: Ernste Kunst. 2. Teil: Heitere Kunst (lustige Stücke wie „Guten Morgen, Herr Fischer" und andere). 3. Teil: Artisten. Alle vernünftigen Leute fanden das richtig. Die Veranstaltungen sollten über ganz Deutschland ausgedehnt werden, da erkrankte Sudermann schwer, und es fand sich kein Nachfolger. — „ Sudermann ist, wie sein jüngster Roman „D e r t o l l e P r o f e s o r erneut beweist, voller Leidenschaft, voll Kämpfermutes und ... voll Romantik. Man muß das menschlich offene, dichterische schöne „Bilderbuch m e i n e r I u g e n d" lesen, um diesen tapferen, etwas üoerfpannten und am Ende auch etwas problematischen Sohn einer ganz und gar problematischen Zeit völlig zu verstehen. Da wird klar: Er ist durchaus Romantiker. Romantisch ist fein Schauen, sein Fühlen, sein Denken. Er stellt in seinen Werken zweifellos die Welt genau so dar, wie er sie siegt, und er sieht sie romantisch. ,, . _± . . . Er kommt — ein bezeichnendes Beispiel — als blutjunger «tudent auf einen abgelegenen Gutshof; lustwandelt, ißt, trinkt, plaudert mit der tiefeinsamen Herrin. Merkt nicht, wie sie zu ihm strebt, ist ganz voll romantischer Entzücktheit ... u..d da sic ihr. di: Nacht :st sch""' "n‘, berauschenden Düsten — noch einmal besucht .... da meint er bitterlich ...an ihrem Herzen. Das könnte in jeder Erzählung der sogenannten romantischen Schule stehen, als empfindsame Erfindung. Bei Sudermann ist es eine bittersüße Tatsache. Das Leben spiegelt sich ihm im Romantischen, wird Leben erst aus betn Umnxjg tmrd) bie DiomontiL Er ift EHlker, meu.eicht sogar — seine Erziehung läßt es wahrscheinlich sein, sein Werk vermuten — Moralist wie Ibsen, nur daß er liebt und leidet, wo Ibsen Blankensee. Sudermanns märkisches Sommerschloh. Von Liesbet Dill. Ich kannte die Mark als westliche Rheinländerin lange nur durch Fontane, der sie uns erschlossen hat. Ihre Reize und Stimmungen lernte ich erst durch den Aufenthalt auf dem Landsitz Hermann Sudermanns kennen, der sich vor dem Kriege von einem märkischen Baron v. Th. das alte Herrenhaus in Blankensee kaufte. Die Gutswirtschaft trennte er gleich davon ab. Dieses Herrenhaus, im siebzehnten Jahrhundert erbaut, spater ausaebaut und von Sudermann mit Geschmack eingerichtet, liegt eine Stunde bahn wärt- von Berlin bei Trebbin in der sandigen Ebene der Mark Es ist von Kiefernwäldern und großen Seen umgeben, die wie tiefe klare, fülle Augen in der Landschaft den Himmel spiegeln. Merkwürdige Seen, mit hohen dichten Schilsrändern und schmalen Eingängen, man baucht mehrere Stunden, sie zu umrudern, sie sind sehr veränderlich und reagieren auf jedes Wetter rasch. Ich selbst habe ihre Gefahr an einem stürmischen Oktobertag kennen gelernt und wäre saft daraus im Kahn verunglückt. Seitdem finde ich di« sanften Leistikowschen märkischen Seen nicht mehr so unschuldig, wie sie scheinen, wenn man sie bet Sonnenschein sieht. „ ... . , ,, Hierher zieht sich Sudermann während des Sommers zuruck und lebt einige Monate auf Blankensee. Ein großer alter Park, der von Kanälen durchzogen ist, die in zwei Seen einmünden, umhegt das Schloß. Man fahrt unter weißen, blumengeschmückten Brücken durch diesen schongehal- tc-nen Bark, der des Abends feenhafte Stimmungen hat, viele Marmor- smtuen beleben ibn. In der hohen Allee mit Taxuswänden leuchten die r.r;ten Profile römischer Feldherren auf ihren Sockeln, zwei rosenrote Marmorsäulen halten ein prachtvolles hohes Würzburger handgetriebenes Tor Hier in der Gülle arbeitet Sudermann, in seinem Arbeitszimmer ift er ungestört, nur die grünen Bäume schauen zu den Jenstern herein. Das Schloß und das kleine Dorf Blankensee mit seinen strohgedeckten, in Sand eingesunkenen Hütten hat zwar eine einzige Post, aber leine sonstige Verbindung mit der Weit. Man geht zu Fuß zum Bahnl)of Trebbin anderthalb Stunden, oder Sudermanns Wagen fahrt uns hin. Diese köstliche Abgeschiedenheit ist die beste Erholung, die sich em Laster wünschen kann. Tiefer Friede liegt über dieser herben, einfachen Land- fchast den stillen, menschenleeren Kiefernwäldern, in denen man morgens ®e sucht. Man hat alles für sich allein, Park und See. Landstraßen UnÖ5ntereÖflan't ist ein Zimmer, in dem ich meist wohnte. Ein Ahrcherr des stiemaligen Besitzers, märkischer Uradel, hatte die Wände: mit Blech ausicklagen Men. Er ließ das Zimmer an Regentagen mit Wasser und Prifcben füllen und amüsierte sich, in einer Wandnische sitzend, die jetzt nock vorhanden ist - hier zu angeln... Sudermann hat die Blechwande abnehmen lassen... Der Park ist mit reizenden Statuen, die er sich aus Italien mitdrachte, geschmückt, und das Schloß enthalt wundervolle alte Silber und wertvolle Kunstgegenstände. Es ist einfach und vornehm eingerichtet und sehr behaglich. Als die liebenswürdige, von ihren Freunden iuinercteHene Hausherrin, Frau Klara, noch lebte, war das Haus tm Sommer immer voller Besuch, und oft rauschte wahrend der Teesrunde e,n Kanu heran und brachte von den benachbarten Gütern Gast«. Sudermann arbeitete eigentlich immer, ©eine erste Aage, wenn ich dem Wagen entstieg, war: „Was arbeiten Sie eben? Was haben Sie vor?" Menschen die nicht arbeiten, sind ihm unsympathisch. Er arbeuet aan regstmäßig von morgens halb neun bis eme Stunde vor TiMi dann fahrt er mit dem Kahn hinaus, nach ^iW rme SMn'de Pause) dann arbeitet er wieder, bis abends vor Tuch, wo wir oft noch einen Abendspaziergang durch die Wälder machten. Nach dem Essen wiirde^vorgelesen. Ich habe seine letzten Arbeiten in Fahnen ge- le en ob“r er las uns daraus vor, am flackernden Kaminfeuer in der Halle, während draußen die Nacht tief und undurchdringlich es gu t fein anber-’s Licht hier als Spirituslampen — auf bte 6bene Jan.. weißen Göttinnen im Park schliefen, und von der Welt, ine weit draußen ! in San Äs weiches Klima, der Sonne entgegen. Die «Apotheke. Von Hermann Sudermann. Dieser Abschnitt aus des Dichters „Bilderbuch meinest Jugend" dürfte vielen Lesern willkommen sein. Die Wett die meine Welt gewesen war, versank. -tt nicht, wie Jic zu iym jireor, iji ganz uuu iuinuu= An ihre Stelle trat «in Verkaufsraum mit rechiwstM • -6« * '** - * *ift"?. «jS zzKtz jM eesXtSÄÄS ' rt- ___ ■TltiY'tCir nrtillP wandeln pflegte. Sn dieser Periode geschah es, daß er M am UM ften an die Lagunenseite hielt und, soweit er es wagte, im Schlitze I sind''ui^alle^ Menschen, die von ihnen essen, ansch^llen und, murhA ktornntT unterrichtet: er sah. rote die Boote gen Dollars aufsammelte." . . Später war er also vorsichtig und hielt sicy an die Binnenseite. Es war vielleicht einen Monat später, als die Bewohner des Ortes «jntrafen — sechs große Boote voll. Sie waren eine schöne Menschenrasse Drs Insel der Stimmen. Erzählung von Robert Louis Stevenson. (Schluß.) In dem Landgürtel war eine Bresche, gleich der Mündung eines Hafens, und die Flut, die damals gerade hoch stand, trug ihn stracks hm- rmrch In der einen Minute war er drinnen, in der nächsten draußen: er trieb in dem breiten, flachen Wasser, das von zehntausend, Sternen kmkelte heran, und rings um ihn dehnte sich der Landgürtel, mit seinem Saum von Palmen. Und er wunderte sich, denn die Insel war von einer U>-t, die er nicht einmal von Hörensagen kannte. , . . Die Zeit, die Keola an jenem Ort weilte, teilte sich tn zwei Perioden — in die während der er allein war, und in die, die er mit dem Stamme verbrachte. Ansänglich suchte er überall, ohne einen einzigen Menschen zu iinden; nur einige Häuser standen in einem Dorfe, und Spuren von Herdfeuern waren vorhanden. Doch die Asche der Feuer war kalt, und der Regen hatte sie zerstreut, und der Wind hatte geblasen uno einige Hütten umgeweht. Hier schlug er feine Wohnung auf, und er machte einen Feuerdohrer und einen Muschelhaken und stfchte und kochte sich seine Fische, deren Brühe er trank, denn auf der ganzen Insel gab es kein Wasser. Die Tage wurden ihm lang, und die Nachte jagten ihm Schrecken ein. Er machte eine Lampe aus Kokosnußschale und zapfte das Oel der reifen Nüsse ab und verfertigte sich einen Docht aus der Faser; und wenn der Abend nahte, schloß er seine Hütte zu und zündete seine Lampe an und lag zitternd da bis zum Morgen. Mehr als einmal, dachte er m (einem Herzen, er wäre besser dran gewesen, wenn er jetzt auf dem Grunde des Meeres läge und feine Knochen dort mit den anderen geschaukelt würden. . c „ r.r Während dieser ganzen Zeit hielt er sich an der Binnenseite der Insel auf, denn die Hütten standen am Ufer der Lagune, und die Lagune selbst wimmelte von guten Fischen. An die Außenseite begab er sich nur ein einziges Mal, und nur einmal sah er sich den Strand an, von wo er zittern wiederkehrte. Denn sein Aussehen, samt dem hellen, mit Muschem bestreuten Sand und der starken Sonne und der Brandung widerstrebte ihm sehr. „Es kann nicht sein," dachte er, „und doch ist es sehr ähnlich. Wer wie konnte ich das ahnen? Wenn auch diese Weißen so tun, als wüßten sie, wohin sie segelten, so lausen sie doch die gleiche Gefahr wie alle anderen Menschen. Also können wir uns trotz alledem in einem Kreise bewegt haben, und ich bin womöglich ganz in der Nahe von Molokai, unb dies kann der gleiche Strand sein, an dem mein Schwiegervater seme ^Di?U?sa^der zweiten Periode war Gerede, das er von seiner Frau und den Jnselhäuptlingen vernahm. Keola selbst sprach wenig. Er, fühlt« sich seiner neuen Freunde niemals sicher, denn er hielt sie für att^u höflich, um ihnen vertrauen zu können, und seitdem er mit seinem Schwiemr. vaier nähere Bekanntschaft geschlossen hatte, war der Bursche vorsichtiger geworden. Daher erzählte er ihnen nichts von sich selbst, außer ttoit feinem Namen und seiner Abstammung, und daß er von den Acht JnsÄn kmne. und was für schöne Inseln das waren, sowie von des Königs Palast m Honolulu, und wie er ein naher Freund des Königs und, der M.sstona^e sei. Indessen stellte er viele Fragen und lernte manches. Die Jnfer, aus der er sich aufhielt, wurde die Insel der Stimmen genannt. Sie gehörte dem Stamme, aber dieser wohnte auf einer anderen Insel, ine kwa drei Stunden Fahrt südwärts gelegen war. Dort lebte er und hatte er seine Dauerwohnungen, und es sollte eine reiche Insel sein, wo es Eier und Hühner und Schwein« gab, und wo Handelsschiffe mit Rum unü^Tabak hinkamen. Dorthin hatte sich auch der Schoner nach Keolas Flucht begeben, und dort war auch der Maat gestorben, Narr von einem Weißen, der « war. Es scheint, daß auf der Insel bei Ankunft des Schiffes gerade W ~ chreszeit angebrochen war, in der die Fischs in der Lagime gifftg imu uuu alle Menschen, dis von ihnen essen, anschwellen und sterben. Der Maat wurde hiervon unterrichtet; er sah, wie die Boote gerüstet wurden, we-l das Volk während jener Jahreszeit die Insel verlaßt und nach der Jnßl der Stimmen hinübersegelt. Aber er war eben em Narr von einem Weißen der an keine anderen Geschichten als an seine eigenen glaubte, und er fing einen dieser Fische, kochte ihn und aß ihn und schwoll aus und starb welche Nachricht Keolas Ohr willkommen war. Und was die Insel der Stimmen anbetraf, so lag ste^ grötzten Teil des Jahres ve^ lallen da nur bin und wieder kam em Schiff voll Menschen auf Der «Uwe nach Koma dorchin; aber in der schlechten Jahreszeit wenn te * h.r fvmmHitto niftin waren, hauste der Stamm auf ihr Mit Kind und Kegel Ihren Namen hatte die Insel von einem Wundererhalten,deiM, wie es schien, war ihre Meeresküste überall von unsichtbaren Teufeln b-wohnt- Tag' und Nacht hörte man sie in fremden jungen miteinander reden Taq und Nacht flammten am Strande kleine Feuerchm auf, UM bald"'wieder zu verlöschen, und die Ursache all dieser Dinge, konnte Uta m>«n!ck ergründen. Keola fragte die Leute, ob es auf ihrer eigenen Insel, wo § wohnten ebenso zuginge, und sie antworteten ihm, weder doft sfeÄ sä fctt ASiJft unh Kak selbst die Teufel am Strand« harmlos waren, wenn man sie m Ein einziges Mal nur hatte ein Häuptling mit dem Speere kL-SS-MD-M-M bejf ö’is Volk ein Mittel gefunden hatte, um sich von dem Uebel z. dortigen Busche" sagte er, „wuchs ein bestimmter Baum, und die'Tmfel cheMt-?kaE dahin, um die Blätter davon zu ammew. Daher fällte das Volk den Baum, wo er zu finden war, und die Teufel, kehrten E wieder gewesen wäre, und er zeigte ihnen 'jsoa v e Seota, „was fthlt dir i-tzt?" M Di. «amp. Ich. WH EMsLEZWLZ vorher'^ufsuchen und Nahrung dort verbergen, und allnächtlich werde ich dann kannst du in Sicherheit wieder zum Vorschein kommen. ^Wa?ÄihkL^"°?8^,Zch'kann nicht unter Teufeln leben Ich will' nicht mft dieser Insel zurückgelasien werden. Ich sterb« vor Schn- '^^Duwüst'stechemalk'Lmd verlassen, mein armer Keola," sagte das MäKn Fenn 7m dir die Wahrheit zu gestehen, meine Stammes, brüder sind Menschenfresser, doch halten sie dies geheim. Und der Grm d wesbalb man dicht töten will, bevor wir reifen, ist, daß unsere Insel von Schiffen besucht wird, und Denat-Kimaran kommt und redet ,ur bte * Franzosen, und es ist ein weißer Händler da in einem Hause mu «mer »intrnfen — sechs große Boote voll. Sie waren ein« schone wieisicyenrape »mh redeten eine Sprache, sehr unähnlich der von Hawaii; jedoch waren Mle Wort« di« gleichen, so daß es Keola nicht schwer fiel, sich zu ver- ftänbigen. Die Männer benahmen sich außerdem sehr höflich und die Weiber äußerst zuvorkommend; und sie hießen Keola willkommen, und bauten ihm ein Haus und gaben ihm eine Frau, und, was ihn am meisten verwunderte, er wurde niemes mit den anderen jungen Mannern aus Arbeit geschickt. Jetzt aber durchlebte Keola drei Perioden. Erst hatte er eine Periode, in der er sehr traurig, und dann eine, in der er ziemlich lustig war. Zuletzt kam die dritte, und da war er der angsterfüllteste Mensch in den ganzen vier Weltmeeren. Die Ursache der ersten Periode war das Mädchen, das man ihm zur Frau gegeben hatte. Er hegte einigen Zweifel in betreff der Insel, und er hätte auch hinsichtlich der Sprache im Zweifel sein können, von der er nur wenig vernommen hatte, als er mit dem Hexenmeister auf der Matte hierhergekommen war. Aber bezüglich feiner Frau war kein Irrtum möglich, denn sie war das gleiche Mädchen, das im Walde schreiend vor ihm hergelaufen war. So hatte er denn die lange Reise gemacht und hatte doch ebensogut in Molokai bleiben können; er hatte Weib und Heimat und alle seine Freunde aus keinem anderen Grunde verlassen, als iveil er seinem Feinde entrinnen wollte, und der Ort. an den er gekommen war, war des Zauberers Jagdgrund und die Küste, an der er unsichtbar ■ ÄÄÄ-'ftSÄ ÄuVS und Eine UedEcroschungdurch chn ffen nicht zu befürchten war, dann machte ich mich in aller Heimlichkeit Sb mit Herzklopfen daran, selbständig die Ausgaben zu osen, die die Mlselschrist der Aerzte uns stellt«. Die ßabentur hielt ich offen, damit die jKlnßel ihn nicht weckt«, und wenn ein Käufer sich metöete, legte ich hOeutungsvoll den Finger an di« Lippen, worauf sein« Rede schort zu Lmstlicdem Flüstern herabsank, denn daß der alte Set «gast um die Giebzig' war und darum der Mittagsruhe dnngend bedurfte, das wußte Ko gelang es mir allgemach, jede Salbe, jede Mixtur, deren Rezept tat Augenblick vorlag, bis zur Aufschrift und Fahne gebrauchsrerf zu- fenbe zu bringen. War ich fertig, bann reinigte uh eilends das Hand- Merk szeug, stellte Gewichte und Fla chen an ihren Platz und steckte das fertige Medikament in die Tasche, um es abends tn meinem Koffer zu verstauen, wo es vor Späheraugen sicher war., ...... Und kam der alte Settegast gegen die Besperzeit mit rotgedruckter Kacke gähnend zum Vorschein, um die Tränke noch einmal zu brauen, Me Salben noch einmal zu reiben, bann stand neben ihm einer, der mit gierigen Augen zusah, um sicher zu sein, daß er die Handwerksregeln genau beobachtet hatte. . ~ „ Dies spielte sich im zweiten Monat meiner Lehrzeit ab. Im Juli hatte sie ihren Anfang genommen, und als der September zu Ende ging, da Mir die Apothekerei für meine Neugier erledigt. Wieviel Unheft ich an« gerichtet, wieviel Giftmorde ich mir aufs Gewißen geladen Ijatte, menn f* im Ernst mit meiner unreifen Kunst aus die leidende MenMeit los- «lassen worden wäre, das bleibe dahingestellt. Jedenfalls bildete ich in meiner Großmannssucht mir ein, ich hätte nichts mehr zu lernen . . . und heulend entfloh seine Seele. Eine Weil« sah Keola bem Ungeheuerlichen zu, wie einer, der im Traume ist, und dann packt ihn Furcht, scharf wie der Tod, um die Mitte, Furcht, daß er dergleichen sehen muhte. Und blitzschnell im gleichen Augenblick hatte ihn der Oberhäuptling des Stammes entdeckt, wie er so dastand, und deutete aus ihn und rief seinen Namen. Worauf der ganze übrige Stamm seiner ebenfalls gewahr wurde, und ihre Augen blitzten und ihre Zähne knirschten. „Ich bin allzu lange schon hier gewesen", dachte Keola und lief weiter aus dem Walde hinaus den Strand entlang, ohne zu fragen, wohin. „Keola", sagte eine Stimme dicht neben ihm aus dem leeren Sande. „Lehua! Bist du's" schrie er nach Atem ringend und spähte vergeblich nach ihr aus, denn dem Augenschein nach war er mutteifeelenallein. „Ich sah dich schon einmal vorübereilen," entgegnete die Stimme, „aber du wolltest nicht hören. Rasch! Sammle die Blätter und di« Kräuter und laß uns frei sein." „Du bist mit der Matte da?" fragte er. „Hier an deiner Seite", sagte sie. Und er fühlte, wie ihre Arm« ihn umschlangen. „Rasch! Die Blätter und di« Kräuter, ehe mein Barer wiederkehrt!" So rannt« denn Keola um sein Leben und holte die magische Feuerung herbei; und Lehua geleitete ihn zurück und setzte feine Füße auf die Matte und machte das Feuer. Und dis ganze Zeit, da es brannte, stand Keola lauschend u. zitternd da und beobachtete, wie die unsichtbaren Hände Lehuas die Blätter aufschütteten. Rasch schüttete sie sie auf, und die Flammen stiegen hoch und versengten Kcolas Hände; doch sie sputete sich und fachte sie mit ihrem Atem an. Das letzt« Blatt war verzehrt, di« . Flamme fiel, der Stoß folgte, und da waren Keola und Lehua wieder ; daheim in ihrem Zimmer. Als nun Keola fein Weib endlich sehen konnte, war er über die Maßen froh, und über die Maßen froh war er auch, wieder zu Hause in Molökai zu sein und sich zu einer Schüssel Poi niedersetzen zu können — denn sie machen kein Poi an Bord der Schiffe, und auf der Insel der Stimmen gibt es auch keines — und er war außer sich vor Freude, jo glücklich d«n Menschenfressern entronnen zu sein. Aber eine andere Angelegenheit war nicht so klar, und Lehua und Keola unterhielten sich die ganze Nacht darüber. Kalamake war ja auf der Insel geblieben. Wenn er mit Gottes Hilfe dort verweilte, war alles gut, sollte er aber davon- kommen und nach Molokai zurückkehren, dann würde es ein schlimmer Tag für seine Tochter und deren Gatetn sein. Sie sprachen von seiner Gabe, anzuschwellen, und ob er jene Entfernung durch die See wate« könnte. Aber Keola hatte innzwischen erfahren, wo jene Insel gelegen war — das heißt in dem Niederen oder gefährlichen Archipel. So schleppten sie denn einen Atlas herbei und studierten die Entfernung auf ,u Dutzenden in einem Walde zusammen. Von diesem Punkt« stieg «in unbeschreiblicher Lärm durcheinanderschreiender Menschen aus; uno aus • ben Geräuschen ging hervor, daß die, mit denen er lies, ihren Kurs aus die gleiche Gegend zuhielten. Roch ein wenig näher, und in das Toben mischte sich der Klang von vielen Aexten. In diesem Augenblick kam >hm der Gedanke, daß der Oberhäuptling endlich [eine Zustimmung erteilt hatte■ daß die Männer des Stammes dabei waren, jene Bäume zu schlagen daß die Kunde davon die Runde um die ganze Insel, von Zauberer zu Zauberer, gemacht hatte, und daß diese jetzt alle versammelt waren um ihre Bäume zu verteidigen. Da überwältigt« ihn der Wunsch nach seltsamen Dingen. Er rannte mit den Stimmen roeiter, überquerte den Strand, erreichte den Saum des Waldes und blieb staunend stehen. Ein Baum war bereits gestürzt, andere waren teilweise umgeschlagen. Dort jtanden di« Stammesmitglieder dicht aneinander gedrängt. Sie standen Rücken gegen Rucken, und Blut floß zu ihren Füßen. Die Farbe der Furcht lag auf ihren Gesichtern, und ihre Stimmen erhoben sich gen einer Landkarte, und soweit sie erkennen konnten, war es eine metie Strecke für einen alten Herrn zu gehen. Trotzdem schien es nicht ratsam, sich vor einem Hexenmeister wie Kalamake allzu sicher zu fühlen, und fie beschlossen endlich, einen weißen Missionar zu Rate zu ziehen. Daher erzählte Keola dem ersten besten, der des Weges kam, alles, Und der Missionar machte ihm heftige Borwürfe, daß er auf den flacheu Jnseln eine zweite Frau genommen hatte; was jedoch das Uebrige betraf, so schwor er, auch nicht den geringsten Sinn darin entdecken zu können. „Wie dem aber auch sei," sagt« er, „wenn ihr glaubt, daß das ®eto eures Vaters unrechtmäßig erworben ist, so ist mein Rat der, einen -den \ davon den Aussätzigen zu geben und einen anderen Teil dem MGon-.- i fonds. Und was diesen sonderbaren Unsinn betrifft, so tut ihr am besten ' daran, ihn für euch zu behalten." Er benachrichtigte jedoch die Polizei in Honolulu, daß, soweit e verstehen könnte, Kalamake und Keola Falschmunzere, betrieben yuucn, und daß es angebracht wäre, ein Auge auf sie zu halten. . _ „nre | Keola und Lehua nahmen seinen Rat an und gaben mele Do « ; den Aussätzigen und dem Missionsfonds. Und zweifellos muh ■ gut gewesen sein, denn von jenem Tage ab bis auf heute hat n wieder etwas von Kalamake gehört. Ob er aber in i^r Schlach Bäumen gefallen ist, ober ob er immer noch auf der Insel der enmu feine Daumen dreht, wer kann das wissen? (Die Erzählung ist der im Verlag Gebrüder Enoch, j schienenen Gesamtausgabe von R. L. Stevensons Werken ent____ Verantwortlich: Or. HanS Thyrivt. - Druck und Derlag: Drühl sche Universitäts.Duch. und Steindruckerei, V. Lange, ®’e6en' Veranda, sowie ein Katechet. Oh, es ist ein sehr schöner Ort! Der Händler - hat ganze oässer mit Mehl gefüllt, und ein sranzvsiiches Knegsjchiss erschien einmal in der Lagune und gab jedem Wein und Zwteoack. Ach, mein armer Keola, ich woute, ich könnte dich dorthin bringen, denn groß stt meme Liede zu,dir, und es ist, mit Ausnahme Papeetes, der schonst« DI6ö Keola zu dem angsterfülltesten Manne in den vier i Weltmeeren würde. Er hatte bereits von Menschenfressern aus den sud- : lieben Inseln reden hören, und die Sache war stets em Schrecken lurchn aewesen und jetzt pochten sie hart an seiner Tur. Außerdem hatte er noch durch Reisende von ihren Gebräuchen vernommen, wie sie, wenn sie die ; Ab lickt haben einen Menschen zu essen, den Betreffenden hegen iind ; Bn L e^e Mutter ihr Lieblingskind. Und er sah, daß das vei ihm , der Fall sein mußte, und daß das der Grund war, weswegen man, ihm , ein Haus und eine Frau gegeben und' ihn von aller Arbeit befreit hacke, und weshalb die alten Häuptlinge sich mit ihm "“LÄ ! von Bedeutung unterhielten. So lag er denn auf [einem Bette und ,!u.)te . feinem Geschick, und das Fleisch gefror iym an den Knochen. Am folgenden Tage waren dis Genossen des Stammes auf ihre 3ßa[ , !ebr höflich zu ihm. Sie waren alle gewandte Redner und machten | wunde rscho e Poesie und scherzten bei ihren Mahlzeiten, so daß em ; Missionar vor Lachen sicher gestorben wäre. Wenig, in der Tat, fragte Keola nach ihren schönen Manieren; er sah mir die weißen ^ahne m ihren Mäulern schimmern, und ihm wurde übel bei dem Anblick, und als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, ging er fort und lag wie em Toter Am nächsten Tage war es ebenso, und seine Frau folgte ihm nach. Keola," sagte sie, „wenn du nicht ißt, wirst du morgen getötet und ; gebraten werden, das sage ich dir rund heraus Einige der: al en Haupt- linoe murren bereits .Sie glauben, daß du krank geworoen bist und Fletsch ! verlieren wirst." Bei diesen Warten sprang Kema aus [eine Fuße, und Som brannte in [einem Innern. „Ich frage wenig, wie es nun enden mag. jagte er. "^ ichwebe hier zwischen einem Abgrund rechts und links. Da 'ch nun sterben oll, so laßt mich auf di« rascheste Weise sterben; und da ich doch im besten Falle" gefressen werden muh, so will ich lieber von ©elftem als von Menschen gefressen werden. Lebewohl", sagte er und lieh sie stehen, wo sic war, und begab sich an den Meeresstrand der Insel. Dieser lag ganz kahl unter der starken Sonne; von Menschen war nichts zu sehen, aber der Sand zeigte Fußspuren, und wo immer er auch aina redeten und flüsterten die Stimmen, und die Feuerchm stammten auf und brannten wieder nieder. Sämtliche Zungen der Welt wurdm dort geredet: Französisch, Holländisch, Russisch, Tamil und Chinesisch. Welches Land auch immer von' Magi etwas wußte, dessen Angehor.ge waren da und flüsterten in Keolas Ohren. Der Strand war so stark besucht wie ein ausgerufener Jahrmarkt, und doch war kein Mensa) zu leben, und im Gehen sah er die Muscheln vor sich verschwinden, und kein Mensch las fie auf. Ich glaube, leibst der Teufel hätte sich allein in solcher Gesellschaft gefürchtet; Keola jedoch war über jede Furcht erhaben und suchte den Tod. Wenn die Feuer erglimmten, stürzte er wie ein Stier auf sie los. Körperlos« Stimmen riefen hin und her: unsichtbare Hand« schütteten Sand auf di« Flammen, und sie waren von dem Strande verschwunden, noch ehe er sie erreicht hatte. _ „Es ist klar, daß Kalamake nicht hier ist," dachte er, „sonst wäre ich längst getötet worden." Daraufhin setzte er sich am Rande des Waldes meder, denn er war müde, und stützte sein Kinn auf die Hände. Vor seinen Augen wurde die Sache fortgesetzt: der Strand summte von Stimmen, und die Feuer schossen auf und versanken, die Muscheln schwanden und erneuerten sich, noch während er zusah. „ . ,, „Cs war ein stiller Tag, als ich das erstemal hierher kam, dachte er, „mit diesem nicht zu vergleichen." Und sein Kopf schwamm bei dem Gedanken an die Millionen und Millionen von Dollars, sowie an di« Hunderte und Hunderte von Menschen, die hier am Strande sammelten und sich höher und schneller als Adler in die Lüfte schwangen. .. „Und zu denken, wie sie mich mit ihrem Gerede von Staatsmunzen zum Narren gehalten haben," sagte er, „und daß das Geld dort hergestellt würde, nun es doch ganz klar ist, daß sämtliches neues, gemünztes Geld der Welt hier an diesem Strande aufgelesen wird! Aber das nachste- mal werde ich es besser wissen!" sagte er. Und schließlich, «r wußte nicht genau, wi« oder wann, [ank der Schlaf auf Keola herab, und er vergaß die Insel und alle seine Leiden. Früh am anderen Tage, ehe noch die Sonn« aufgegangen war, weckt« ihn ein Lärm. Er erwachte voller Furcht, denn er dachte, der Stamm wäre im Schlaf« über ihn gekommen, aber es war nichts dergleichen. Jedoch am Strande vor ihm schritten und riefen die körperlosen Stimmen einander zu, und es schien, als fegten alle an ihm vorbei, die Küste entlang. Was ist jetzt im Gange?" dachte Keola. Und es wurde ihm klar daß es etwas Außergewöhnliches sein mußte, denn weder wurden die Feuer anqezündet, noch die Muscheln gesammelt, sondern di« korperlo en Stimmen fuhren fort, den Strand entlang zu lagen, einander zuzurufen unb zu verklingen. Und ander« folgten, und aus ihrem Tone ersah man, daß die Zauberer zornig waren. . „Ich bin es nicht, auf.den sie böse sind," dachte Keola, „denn sie b^Wie^'wenn^Hunde°odn Pferde auf einem Rennen ober Stadtmenschen auf dem Wege zu einem Feuer oorbeiftürmen, so daß alle sich ihnen anschließen, so war es jetzt mit Keola; und er wußte nicht, was er tot, noch weshalb er es tat. Aber siehe da! Plötzlich lief er mit den Himmel, schrill wie Wieselgeschrei. Habt ihr schon einmal ein Kind gesehen, wenn es ganz allein ift und ein Holzschwert hat und damit ficht, hin und her springt und in die leer« Luft schlägt? Ganz so standen die Menschenfresser, Rücken gegen Rücken gepreßt, und schwangen ihre Aexte und hieben drauf los und schrien, während sie schlugen, und siehe da! Keiner war dort, der gegen sie stritt. Nur hier und da gewahrte Keola eine Axt ohne Hände über ihnen schweben, und wieder und immer wieder sank ein Mann aus dem Stamme vor ihr nieder, in zwei Teile gehauen und auseinandergeborsten. Stimmen mit! ~ , . .. Er jagte an der einen Landspitze der Insel vorbei und gewann die zweite in Sicht; und dort, erinnerte er sich, wuchsen die Zauberbaume