Jahrgang 1921 Samstag, den 27. August Nummer 68 gern SietzenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger *) Diese interessmrte Untersuchung entnehmen wir dem aufschlußreiche» Buche „Don Machiavelli bis Lenin", das «in« allgenieinverständliche, wissenschaftlich begründete Darstellung der neuen Staats- und schaftstheorien gibt. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. Schwebender Genius über der Erdkugel. Von I. W. von Goethe. Zwischen oben, zwischen unten schweb ich hin zu muntrer Schau, ich ergötze mich am Bunten, ich erquick« mich im Blau. Und wenn mich am Tag di« Fern« blauer Berge schnlich zieht, nachts das Ueb ermaß der Sterne prächtig mir zu Häupten glüht, alle Tag' und alle Nächte rühm' ich fo des Menschen Los; denkt er ewig sich dies Rechte, ist er ewig schön und groß. Goethe, der Führer unserer Feit. Zu seinem Geburtstage am 28. August. Von Arthur Brausewetter. Die Hauptsache und di« größte Kunst in den schweren und harten Zeiten, wie wir sie jetzt durchleben, ist wohl: im Gleichgewicht mit sich selber zu bleiben. Es kommen so viel Sorgen und Leiden, so viel Tücken und Schlüge des Schicksals und leider auch der Menschen über uns, daß wir ein Heilmittel wider sie anwenden müssen, wollen wir den Mut und die Kraft nicht verlieren. Solch ein Heilmittel ist Goethe. Er weist den Weg, den mir heute M gehen haben. „Seelenleiden, in die wir durch Unglück oder durch eigen« Fehler geraten, sie zu hellen vermag der Verstand nichts, di« Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit hingegen alles . . . Fahrt fort in unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages uist> prüft dabei die Reinheit eures Herzens und di« Sicherheit eures Gerstes! Wenn ihr sodann in freier Stunde aufatmet und euch zu erheb«, Raum findet, so gewinnt ihr euch gewiß «ine richtige Stellung gegen das Er. haben«, dem wir uns auf jede Weife verehrend hing eben, jedes Ereignis nnt Ehrfurcht betrachten und eine höhere Leitung darin zu erkennen." („Wilhelm Meisters Wanderjahre", 1829.) Auch für Goethe galt di« Sache alles. „Wenn jeder mir als einzelner feine Pflicht tut und jeder nur in dem Kreis« feines nächsten Berufes brav uni) tüchtig ist, fo wird es um das Wohl des Ganzen gut stehen ...' meint er einmal zu Eckevmann (Gespräche 1831). Auch das, woran es uns heute am meisten fehlt, stärkt« er wie kein anderer: i>as Verantwortungsgefühl. Der Mut, es tragen ,zu wollen, die Kraft, es tragen zu können, waren ihm die Zeichen eines wirklich«, Dienstes an der Sache, heiße sie Vaterland, Staat, Wissenschaft oder Kunst. Und in wunderbarer Weise wußte er nun dieses Gefühl der Berant- wortung mit dem Empfinden des Individuums und seines Rechtes zu vereinen. „Ich behaupte," meinte er wiederum zu Eckermann, „jeder soll bleiben, was er ist, und nach innerster Ueberzeugung arbeiten und schaffen. Ich habe als Schriftsteller nie das Interesse der Menge in Betracht gezogen, bin stets bestrebt gewesen, di« Wahrheit zu sagen, zu schreiben, was ich dachte, und was ich für gut hielt ... Ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selber einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigentlichen Persönlichkeit zu steigern und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut und wahr erkannt hatte. Dieses hat freilich, rote ich nicht leugnen will, in einem großen Kreise gewirkt ungenützt." (15. März 1830.) So machte (Bockte, was mir alle tun sollten, das Interesse der großen Menge nicht zum Prinzip, sondern zur Folge seines Handelns. Nicht unähnlich schreibt einmal Bismarck an seine Gattin: „Ser Strom der Zeit läuft seinen Weg doch, wie er soll, und wenn ich meine Hmrd ausstvecke, so tue ich das, weil ich es für meine Pflicht halte, aber nlchtz weil ich seine Richtung damit zu ändern meine." Frei soll der Mensch sein und nur Gott und sich selber verantwortlich. Auch das ist Goethes Lehre. „Richt das macht frei, daß wir nichts über uns anerkennen wollen, sondern eben, daß wir etwas verehren, das über uns ist. -Denn indem wir es verehren, heben wir uns zu ihm hinauf imb J>u,rrd) unsere Anerkennung an den Tag, daß wir selber das Höhere tr wert sind, seinesgleichen zu jein... Es ist «fit der h^tL-^UnberL1^ und jeder hat leicht genug, wenn er sich Itur SU begnügen und zu finden weiß." . . zum Glück noch zum Unglück tft der Mensch geschafft«. In öu einem großen Glu" aber zu einem K?esaft-cn’ J^e eigentliche Lebenskunst und Gebens- maiben1 »fuL ral™ fiwnn; das Gute festzuhalten UN- dauerhaft zu ä @Iii? kommt es nicht an. Es handelt sich nur um dn XStorä U&Q nW^re Beledenheit der Dinge." (Zu F. von Müller, Leben und Streben ist das Glück. Sechst wenn es durch SrHifaw fuhrt. „Bei strenger Prüfung meines eigenen und fremden Ganges ta Geben und Kunst , schreibt Goethe am 15. September 1804 an Eichstädt, »sand ich oft, daß das, was man mit Recht ein falsches Streben nenn« kann, für das Individuum nur ein ganz unentbehrlicher Umweg «an Z'el« sei. Jede Rückkehr vom Irrtum bildet mächtig den Menschen tat einzelnen wie im ganzen aus, so daß man wohl begreifen tarn, roie bem 2er3£n5Jor^r ^mger Sünder lieber fein kann, als 99 Gerechte, ble der Buße nicht bedürfen/' So lehrt uns Goethe, das Geben richtig zu erfassen, im Gle-chg»"stcht nut uns zu bleiben, auch wenn vieles um uns wankt und bricht, unter Streben m gesunde Bahnen zu leiten, nicht müßig zu grübeln, fonbero uu^rm 1:011(1) tätig zu sein, das Gewissen rein und heiter den Sinn st erhalten, auch wenn der Weg mal schwer und dornig ist. Weite Welt und breites Geben, Langer Jahre redlich Streben, Stets geforscht und stets gegründet. Nie geschlossen, ost geründet, Aeliestes bewahrt mit Treue, (freundlich aufgefaßtes Neue, Heitern Sinn und reine Zwecke Nun, man kommt wohl eine Strecke! Goethe und die Politik. Von Prof. Dr. Karl Vorländer»). 3m Gegensatz $u Schiller ist Goethe, obwohl gerade er allein va» unseren mer Klassikern Jahrzehnte hindurch, offiziell oder tmofti-stell, höhere Staatsämter bekleidet hat, seinem eigensten Wesen nach unpoliM er- ra$n flefer€s fokales Empfinden. Das zeigen m« bloß Vers« rote „Wer nie fein Brot mit Tränen aß" und „Vom Rechta - « "«i uns geboren, von dem ist leider nie die Frage", sondern auch eta fo lebendiger Ausdruck desselben, wie ine noch wenig bekannte Aeußermm in einem Briefe an Frau von Stein aus dem Marz 1779: wo er Saat baß er mit der Arbeit an fernem Humanitätsdrama, der Iphigenie, ni« recht vorwärts komme, well ihn dabei beständig die Gedankm an — -L hungernden Weber von Apolda störten. Aber ihm fehlt eigentlich doch das politische Temperament. Politische Zielsetzungen und ForiXMAg« wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ober auch Patriotisnms tm65öe- fremngskampf besitzen für ihn, den in der Hauptsache bloß Betrachtenden, keine Schlagkraft (Gundols). Selbst seine historischen Dramen Götz mch Egmont enthalten zwar vielerlei politischen Stoff, tragen aber tat lebt« Grunde doch unpolitisches Gepräge. Auch in der Geschichte ist khz» OT,Sr-4?r,S.m?Ueöe U’JÖ Biographische widriger und inftresianter als ba» Politische, das er gelegentlich von einem bei ihm sonst nicht häufig hervo» tretende ethischen Gesichtspunst aus als einen bloßen „Mifchnmlch m* Irrtum und Gewalt" bezeichnt. Sen schlagendsten Beweis aber für diesen Mangel an eigentlich pM> ST?« semes oft zutage tretenden Jnteresfts für sozia» Wohlfahrts-Bildungsbestrebungen und dergleichen, bildet bte auffällige T^isache, daß die größten politischen Ereignisse seiner Zeit: di« Fran, zosijch« Revolution, di« Kneckstung Europas durch Napoleo» ukrd die Wiederbefreiung von diesem Joch, ihn verhältnismäßig kalt <*. taffai haben. Denn fein vielerwähntes Wort, daß mit dem Tage uae Balmy eine neue Epoche der Weltgeschichte anhebe, oder die blaffe A» erkennung im sechsten Gesang von Hermann und Dorothea fBraten doch nicht darüber Hinwegtäuschen, daß ein fo weltbewegendes Ereignis n* bie Revolution ihn doch nur zu fo wenig feiner würdigen dichterische» Erzeugnissen wie „Die Aufgeregten", „Großkophta" und „»üraergenera? veranlaßt hat, während Männer wie Kant, Schiller, Stopfte« und doch auch der ihm in der hfftorifchen Anschauung sonst wesensve» wandtere Herder innerlich mächtig dadurch gepackt wurden. Im Grund» war Goethe in politischen Dingen eben eine wesentlich konservative, “* bas Erhalten des Bestehenden unter langsamer Fortbildung zum Neu gerichtete Natur. Unordnung erscheint ihm weniger erträglich als f Ungerechtigkeit. Darum erschien ihm die große Umroä' ' ~ ebenso nste die deutsche Reformation des sechzehnten Ja.,..,_____ kch von dem GesichtspuE, daß st« „richige Bildimg z-arückgedrönat" hätte» _ Daß «r trotz aber bester infolge seines echten Deutschtums die wekft bürgerliche, über nationale Beschränktheiten erhabene Gesinnung mV Lessing, Schiller und Herder teilt, brauchen wst gerade bei Bä der des gsfäualingen hättet man zu ihrer der Wiege auf, bei Stefanie Luise ______ ftlXant Wald und das Reh. seh' ich in allen den den So die Türmerlied. Von I. W. von Goethe. Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, dem Turme geschworen, gefällt mir die Welt. gefall' ich auch mir. Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn, es sei, wie es wolle, es war doch fo schön! Ich blick' in die Ferne, ich seh' in der Näh', Mond und die Sterne, Die natürliche Tochter. Von Curry Brachvogel. Ums Jahr 1796 »der 1797 herum (es kann auch etwas fricher »der später gewesen sein) schreibt die junge, und. sofern man ihrem Bilde glauben darf, auch hübsche Frau Stefanie Luise Billet, geboren« Gräfin Montcairzin, angebliche Prinzessin Bourbon-Conti, „Beglaubigte Memoiren", in denen sie der Welt unwiderleglich beweisen will, daß sie eine illegitime Tochter des Prinzen Conti, also eine Dame ist, in deren Adern das königliche Blut der Bourbonen fliesst. Nur die Niedertracht der Hofkabalen und ein« entsetzliche Hofmeisterin haben sie um das höchste Gut — Legitimierung, Vorstellung in Versailles und unermeßliche Reichtümer — gebracht, Leidenschaftlich begehrt sie Zugehörigkeit zu einem Herrscherhause, das schon verweht ist, einen Titel, logie, wenngleich sich anfänglich Handlung und einzelne Gestalten des Dramas eng an die Memoiren anschmiegen. Hier wie dort die illegitime, hochbegabte Tochter eines Herzogs, die an der Schwelle höchsten irdischen Glücks durch Intrigen und eine infernalische Hofmeisterm m die Provinz ver chlevpt wird, indes man ihrem bestürzten Vater oorspiegelt, daß sie qestorben fei. Dcmn über korrigiert Goethe bas Glück ober vielmehr bas Unglück seiner natürlichen Tochter, indem Eugenfe einem Mar Ärgerlichen, aber sehr edlen Gerichtsrat vermählt wird. Der natürlichen Tochter des Prinzen Conti ist es dagegen in der Che mit einem ebenfalls bürgerlichen aber keineswegs edlen Gerichtsbeamten beträchtlich schlechter ergangen, unb diese Ehe beschloß auch nicht versöhnend ein „Trauerspiel , sondern war eine Episode in einer menschlichen Tragikomödie, die ihren Abschluß im tiefften Elend fand. Wan kann die Goethesche Beugung der Wahrheit sehr wohl verstehen, weniger dagegen den tiefen Eindruck, den dies« aufgeregten hysterischen Memoiren auf ihn gemacht zu haben scheinen. Doch jeder, auch der größte Mensch, ist eben ein Kind seiner Zeit, und wenn Goethe inzwischen auch „besinnlich" geworden war, so hatte er doch einst die Leiden des jungen Wertster überschwänglich empfunden und ... ewige Zier, und wie mir's gefallen. der nicht mehr existiert, Reichtümer, die entwertet oder konfisziert sind. Sie kritzelt und faselt und merkt in ihrem eigensinnigen Eifer nicht, daß ihr ein Unsterblicher über die Schulter guckt. Er liest, was sie da schreibt und phantasiert, und weilt über allem, was seine beneidete Hand berührt, ein Hauch von Ewigkeit schwebt, wird durch ihn auch dieser Torm, die nur Irdisches begehrt«, ein Quentchen Unvergänglichkeit zuteil. „Die natürliche Tochter Goethes" ist nun allerdings von Prinzen Conti sehr verschieden, sowohl nach Geschick wie Psycho- >enngleich sich anfänglich Handlung und einzelne Gestalten des aeidirieben Wenn nun' auch „Die natürliche Tochter" nicht zu seinen Meisterwerken gehört, und die Quelle, aus der sein Stoff geholt, nicht immer zuverlässig ist, so hat es für uns doch immer Interesse, dies Quellen-werk kennenzulernen, besonders wenn wir es nicht mit Goethes, sondern Mit unseren eigenen Augen lesen und uns ein selbstondiges Urteil darüber bilden. Hören wir also, was Frau Stefanie Luise zu erzählen weih . . . Sie ist im Jahre 1762 als Tochter des Prinzen Conti und der verheirateten Herzogin Mazarin heimlich geboren worden. Heimlich „hier stock ich schon!" — denn es scheint ein wenig unbegreiflich, wie, selbst anno 1762 zu Paris, eine verheiratete Frau ein Kind heimlich gebaren und dem Gatten dauernd verschweigen konnte. Doch für beriet kleine Zufälligkeiten ist der Krieg ein beliebter Helfershelfer und Schutzpatron, und da 1762 just der Siebenjährige Krieg tobte, wollen wir annehmem daß indes der Herzog von Mazarin im Felde stand, feine Gemahlin in den Wochen lag. Stefanie Luise wird heimlich, aber umgeben von größten Luxus und Elternliebe, erzogen. Alltagssäuglingen hängt man zu ihrer Belustigung kleinen bunten Tand über der Wiege auf, bei Stefanie Luise aber flattert das blaue Band „des Ordens vom heiligen Geist über dem Bettchen! Schon im zartesten Kindesalter verfügt sie über einen „riesigen Hofstaat, speist nur von Silber und erhält von ihrem uberzartlichen Vater neben anderen Kostbarkeiten den Titel einer Gräfin Montcairzin, ein Name, der ein indiskretes Anagramm aus den Namen Conii-Ma- zarin darftellt. Da man ihn lieft, staunt man ein wenig über die Unvorsichtigkeit der verheirateten Frau Herzogin, die dies verräterische Ana- gramm offenbar gebilligt und obendrein die heimliche Tochter so oft ungeniert besucht, als ob der Siebenjährige Krieg nie em Ende genommen hätte. Auch trägt die heimliche Anagramm-Tochter em Armband mit den ^Doch nicht mm auf Titel und Glanz wird geachtet, sofern auch auf ! eine treffliche körperliche und geistige Ausbildung, und Eem Genngerer als Jean Jacques Rousseau wird zum Erzieher der Kleinen bestellt. Da versteht sie denn in kürzester Zeit lateinisch, griechisch alientzch, chinesisch spielt Harfe, Geige, Klarinette, Flöte, kann ebensogut kochen und Pferde satteln, Kranke pflegen oder einen Wagen konstruieren, ficht wie ein junger Edelmann, exerziert und biwakiert mt freien mie ein rechter Soldat. Es ist nur selbstverständlich, daß jeher, der dies Wunderkind zu Gesicht bekommt, hingerissen ist, unb nur zu begreiflich scheint es, daß die Vatereitelkeit des Prinzen dies herrliche Geschöpf der Welt nicht i länger verbergen, sondern in Versailles präsentieren will, was für Me i Kreise des Prinzen ja ungefähr die Welt bedeutete. Schon wird em herrliches Kleid aus Silberbrokat für den großen Tag der Vorstellung ge- chneidert, und der Prinz übersendet der Tochter 5>nen Dtamantenstrauh ! von unschätzbarem Wert. Da aber naht das Unhe.l m ©eftal der infernalischen Hofmeisterin, Frau Delorme, und statt nach Ber a.lles ahrt Stefanie Luise nach dem gottverlassenen Provlnznest Lonsste-Saulnier. Wie das tarn? Auf sehr romantische Art. Frau Delorme packte nämlich : unter dem Vorwand einer Fahrt zu einem Gartenfest ihren Zoglmg m i eine Kutsche, die in rasendem Tempo und mit immer wechjelnden Rossen nach besagtem Provinzncst jagte. Unterwegs oder nachderAnkunftver- i kündet Madame Delorme dem entsetzten Mädchen, daß Prinz Conti jalsimgs i in Ungnade gefallen, und daß es nunmehr fein Wunsch fet, Oie Tochter entweder im Kloster oder provinzial verheiratet zu wißen. Alles^was i« gewesen, müsse vergeßen fein, und flugs gibt Mme. Delorme Luise für ihre eigene Tochter aus. Auch einen Freier hat sie Won twt die Zwölfjährige aufgefunden: einen ältlichen, gewöhnlichen Gerichis beamten namens Billet. Die zwölfjährig« (!) Heldin zieht dieser -ne bindung zunächst das Kloster vor, besinnt sich aber nach einem yawen Jahr eines Befserm oder, wenn man will, eines Schlechteren, und nimmt Herrn Billet. Warum diese ganze Entführung und Vernichtung der prin- zeßlichen Herrlichkeit inszeniert wurde? Die natürliche Tochter meirn, daß es auf Betreiben der eigenen Mutter geschehen fei (vorher mar m aber doch so zärtlich), die durch die Legitimierung bloßgestellt woroen wäre. Auch der eheliche Sohn Contis sollte Mitschuld, tragen, Scheusal, das der Vater längst verstoßen hätte, wäre nicht immer wiese die engelhafte Halbschwester als Fürbitierin für den unbekannten, ao dennoch heißgeliebten Bruder aufgetreten! ... Dem Vater Conti wird kurzerhand gemeldet, daß seine Tochter p og- lich gestorben fei, man legt ihm einen gefälschten Totenschein vor, nach Stefanies Aussage ein erkaufter Geistlicher in drei Exemplaren > gefertigt hatte, von denen eins fpäterhin in ihre eigenen Hanv« lichkeit Gerichteten anscheinend m die Nahe der kommenden revolutionärsten Bewegung des Jahrhunderts, des Sozial i s m "s, gebracht > hat. Wir denken dabei natürlich an. die sogenannte „Pädagogifche Pro- virir" in Wilhelm Meisters Wanderjahren, die er erst im achtzigsten Lebensjahre oottenbet hat. Von revolutionärer Gesinnung kann habet allerdings nicht im geringsten die Rede fein. Auch vom Alfammenhang mit wirtschaftlichen Grundlagen und verschiedenen sozialen Klaffenschichten hören wir nichts, wenn auch das Norausfchen eines bevorstehenden wesentlich technischen und werktätigen Zeitalters von dem Scharfblick des ®M®laa$er$nun durch eine natürliche Gegenrichtung wider die in fast . völligem Individualismus »der im mittelalterlichen Romantizismus sich ergehende Zeit dazu veranlaßt worden sein oder durch den gleichzeitigen Saint-Simonismus in Frankreich allerlei Anregungen empfangen haben; ! es ift eine von oben, im Sinne eines modern gefinnten, aufgeklärten ■ Absolutismus (dem Goethe überhaupt nah« steht), eingerichtete unb ge= f leitete sozialistische Utopie. Die Leitung haben, ahnlichwie m Pla- tons und Mores Gemeinwesen, iveitblickende, über «onderwunsche und «int»reffen erhabene, das Ganze der sozialen Zufammenhänge überschauende Greise in der Hand. Alles, auch die ganze äußer« Umgebung h-s Bundes": Wohnung, Kleidung, Gerät, ja sogar Landschaft wird von oben"herab bestimmt. Nur über Religion unb Sitte, Obrigkeit und Polizei wird einiges bemerkt. ... Die Hauptsache aber ist die Erziehung, oie findet, wie auch bei anderen Utopisten, in großen Anstaltsgebäuden für alle gemeinschaftlich statt damit die Zöglinge von Anfang an „selbstische Vereinzelung vermeiden." Ganz moderne, erst in unserer Zeit allmählich zur Verwirklichung kommende Züge sind, daß der gesamte Unterricht auf Anschauung gegründet, auch die Sprachen lebendig-praktisch geleyrt, alles tote Wor^ wißen verworfen, auch körperliche Ausbildung unb technische Arbeit hoch bewertet wird. Jeder soll sich in einem Fache, am besten einem Handwerk ausbilden, das gebe höhere Bildung als „Halbheit im Hundertfältigen". Später wird ihm dann die paßende Stelle im Gemeinwesen ungeteilt. Nur aus das, was jemand leistet, kommt es an; alle Standes- unterschiede fallen weg. Willkür und Laune werden, auch schon in der Erziehung nicht gebulbet. Von wirtschaftlicher „Sozialisierung" ist nicht die Rede, dagegen soll die „pädagogische Provinz" sich mit der Zeit zu einem Weltbund erweitern. Aber als der Leitgedanke dieses Weltbundes wird doch lediglich Gemeinnützigkeit bezeichnet: Trachte ein jeder überall sich und anderen zu nützen (wie beim gleichzeitigen englischen Utilitarismus)! . _ m Wie man steht, manche wertvolle Gedanken tm einzelnen. Das Ganze jedoch wirkt, noch dazu in der steifen, breiten und abstrakten Goethefchen Altersprache ausgeführt, recht schemenhaft und unlebendig, daher auf die Dauer - langweilig. Stammte der Text nicht von Goethe, würde man ihn bald beiseite legen, ja mich so wird es mancher Leser tun. An eine praktische Wirkung hat der Dichter wohl selbst nicht gedacht: er läßt zum Schluß seine Jdeälgesellschaft, des nicht zu überwindenden Schlendrians der Alten Welt müde, zur weiteren Fortsetzung ihrer sozialpädagogischen Arbeit nach Amerika auswandern. Uebrigens zeigt auch schon her Neben- titel „Die Entsagenden" (!) die roj Sanierte und unfrische Stimmung des Entwurfs. Sollten mir das sozialistische Ideal mit Goethe in inneren Zusammenhang bringen, so würden wir dazu statt dieses schemenhaften Produktes ein anderes, edleres Erzeugnis des Goethefchen Alters wählen, nämlich die wundervollen Verse des sterbenden Faust: „Eröffn' ich Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch tätig frei zu wohnen. Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn." Es mutet ja ein wenig unwahrscheinlich an, daß ein zärtlicher Later sich gleich damit zufrieden gibt, wenn fremde Leute ihm Len Tod der Tochter melden, daß er gar nicht weiter nachgeforscht und sich um Begräbnis und Familienurkunde nicht weiter gekümmert haben soll, aber aus eine Unwahrscheinlichkeit mehr oder weniger kommt es der Memoirenschreiberin nicht an. Nun ist sie also Billets Weib, ist es aber nur der Form nach, denn mit der ganzen Sachkenntnis und Stärke, die man einer Zwölfjährigen zutrauen kann, entzieht sie sich dem Gatten, der sie aus Rache gleich einer MaU behandelt und arbeiten läßt. Selbstverständlich unternimmt sie Fluchtoersiiche aller Art, die aber stets scheitern: das eine Mal hat sie vergessen, ihren Schmuck mitzunehmen, und muh, da sie keine fluffigen Barmittel bei sich hat, wieder umkehren, und ein anderes Mal steigt em noch viel schrecklicheres Hindernis auf. Der Gatte hat die seelisch Zusammengebrochene in ein kleines Bad unfern der Schweizer Grenze gebracht, un-d auch hier unternimmt sie alsbald, im notdürftigsten Baüe- anzua, einen Fluchtversuch. Hat auch schon beinahe die rettende Grenze erreicht und ruht nun im Gefühl der Sicherheit, aber auch recht mnde, in einer Walddichtung, die auf eine Wiese blickt. Wie bei allen echten Romanheldinnen hatte sich auch bei ihr das Haar gelöst (es wallte sicherlich bis zur Erdei), und wie sie jetzt tief erschöpft an einem Baum lehnte, fühlte sie, daß sie an besagtem Haar gezupft wurde. Zuerst achtete sie nicht darauf, doch Las Zupfen wurde stärker, und als sie endlich den Kops wendet, bleibt sie erstarrt vor Schrecken. Wer hatte gezupft? Niemand- anders als — ein Bari Jawohl, ein leibhaftiger Bär! Dian begreift, daß enad) solchem Abenteuer halb tot wieder in ihr kleines Bad und später ihr Provinznest zurückkehrte, bis endlich nach zehnjähriger Ehekampagne Herr Billet die Position aufgab und seine widerspenstige Gattin nack) Paris entließ. Dort waren inzwischen freilich alle gestorben, die einst Stesanie-Luise geliebt und bewundert hatten, und die ihre hohe Abkunft hätten bezeugen können! Nur der abscheuliche legitime Conti lebte noch, hütete sich aber wohl, die plötzlich aufgetauchte Schwester anzuerkermen oder auch nur ein einziges Mal zu empfangen! Doch Stefanie Luise läßt sich nicht entmutigen, und wenn man sie hört, steht sie immer wieder am Vorabend des Glücks. Allerdings nur am Vorabend, denn sobald der Glückstag anbrechen soll, stellt sich ein böser Zufall oder auch eine Katastrophe ein und reißt der Dürstenden den Becher von den Lippen weg. Am 6, Oktober 1789 soll sie von M a - rie Antoinette empfangen werden, da ereignet sich ausgerechnet an diesem Tag der schreckliche Pöbelzug nach Versailles. Am 20. Juni läßt ihr der jüngste Bruder des Königs, Graf Artois, sagen, daß er sie als seine Cousine anerkennen will. Doch schon am nächsten Tage emigriert er und kehrt erst mit der Restauration zurück. Das Jahr daraus gelingt es ihr, in der Uniform der Nationalgarde, mächtig bewaffnet, dem Königspaar beizustehen und nicht nur die Zusicherung einer Jahresrente, sondern auch die feste Aussicht auf den Posten als „Surindentante" zu erhalten, den ehedem Frau von Lamballe bekleidet hatte. Leider aber kommt der böse 10. August dazwischen, und das Königspaar ist nicht mehr in der Lage, Jahresrenten und reichdotierte Posten zu vergeben, denn es wandert in den Schutz, d. h. Gefängnis der Nationalversammlung . . . Stefanie Luise ist jetzt so recht in ihrem Element. Zunächst setzt sie die gerichtliche Scheidung ihrer Ehe durch, damit sie endlich dm verhaßten Namen „Billet" ablegen und fid) offen zu ihren königlichen Verwandten bekennen kann. Viel Roheit muß sie darob ertragen, aber es erfüllt sie mit stolzer Freude, wenn der Pöbel sie „Tochter Capets" schimpft. Cs stört sie auch nicht, daß sie bettelarm geworden ist. Geduldig steht sie beim Morgengrauen vor dem Bäckerladen an, holt ihren Gratis-Laib Brot, den sie sofort wieder verkauft, um ein paar Sous in der Hand zu haben, für die sie ein wenig Gemüse ersteht. Durch einen Sturz ist sie ein Krüppel geworden, schleppt sich an Krücken dahin, doch ungebrochen ist die Hartnäckigkeit, mit der sie von Amt zu Amt, von Behörde zu Behörde, von Minister zu Minister humpelt, um ihr Erbe, ihren stolzen Namen und wenigstens die Hälfte von dm Liegenschaften der Conti zu begehren. Vergebliches Bemühen! Sie besitzt ja keinerlei Dokumente, auf die ihre Ansprüche sich stützm könnten, keines, das ihre hohe Geburt bezeugt, ihre einzige Legitimation ist — ihr Totenschein. So verneint sie sich selber, gerade dann, wenn sie sich bejahen möchte, und bei aller Ehrfurcht vor Goethe liegt hier der interessantere, wenn auch nicht der tragische Konflikt dieses Frauenlebens, denn Stefanie Luise kann wohl beweisen, daß sie gestorben ist, nicht aber, daß sie lebt . . . Alle Gänge, alle Bemühungen sind vergebens — in den Kanzle im legt man ihre unaufhörlichen Gesuche allmählich ungelesen beiseite. Einmal aber leuchtet noch ihr Stern auf: nach dem Sturz der Schreckensherrschaft barf sie die gefangene Tochter des Hingerichteten Königspaares im Temple besuchen und wird von ihr mit größter Freude empfangen. Mme. Royale (die bekanntlich unnahbar zeitlebens war und blieb!) nannte sie „Hiebe Cousine". Doch auch dies innige Band wird von Intrigen zerrissen, und später wird Mme. Royale sagen, sie hätte die „liebste Cousine" niemals gekannt! ... Für eine Weile kommt dann Stefanie Luise ins Irrenhaus, wird als Bettlerin entlaffen, landet in Orleans, wo niemand sie aufnehmen will, erhält schließlich in Anbetracht ihrer gräßlichen Armut ein Tagegeld von 30 Sous und richtet einen Tabakladen ein, auf dessen Schild „Bourbon-Conti" und m dem sie mit dem himmelblauen Ordensband über der Brust steht und für etliche Sous Tabak verkauft. Nach der Restauration versuchte sie noch einmal hie königliche Familie für sich zu gewinnen, aber die eiskalte Ablehnung durck) Mme. Royale bewies ihr endlich, daß alles und für immer vergeblich fei. Inzwischen war sie auch alt und müde geworden, und so starb sie im Jahre 1825 aus einem Prellstein. Doch auf einem Prellstein gegenüber den Tuilerien ... Das ist die Geschichte der Gräfin Monteairzin, einer Monomanin, deren Geschick auch ohne die Verklärung durch Goethe interessant genug wäre. Interessant durch die unerschütterliche Hingebung, mit der sie an einer A>ee festhielt. Zugegeben: an einer fixen Idee! Aber wer für einen Gedanken sich und sein Leben hingibt, verdient immer Achtung, und so mag denn diese natürliche Tochter für Augenblicke noch eine andere Wiederauferstehung haben als in der Dichtung Goethes . . . Edi Stevens. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) Die Bayern waren ihm die Träger der deutschen Kulturidee. Soviel Norddeutsche jedes Jahr an die Isar wanderten, die Poesie der unvergleichlichen Kunststadt und ihres göttlichen Biers — er schnalzte laut mit der Zunge — würden sie niemals verstehen. Fräulein Dornhöser ging auf seine hall' komische, halb ernsthafte Weise ein. Ohne ooberlid) gebildet zu sein, besah sie jene flotte Redegabe, die dem Groh- tädter unter einer Fülle täglicher Eindrücke anfliegt und die der Klein- täbter mit geheimem Neide und unverhohlener Bewunderung stets als eine gewisse Ueberlegenheit empfindet. Die ganze Tischgenossenschaft war unter dem Einfluß der idealen Buchhalterin wie neubelebt und es ging eine behagliche Fröhlichkeit von ihr aus, die in dem ernsten Kaufmanns- Haus alle wie mit einem Zauber umspann. „Du, Edi, wie gefällt dir eigentlich die kleine Münchnerin?" fragte Paul, als die Freunde eines Abends trauliche Zwiesprache pflogen. „Gut", antwortete Edi. „Gut, gut! Und so gleichgültig hingesprochen! Ist das ein Ausdruck für dieses Prachtmädchen? Mensch, du hast Fischblut!" „Wer weiß." — „Ich muh dir etwas anvertrauen, Edi. Die Kleine hat mir's angetan. Ich brenne lichterloh." „Um Himmelswillen, im eignen Haus! Paul, du machst dich und das Mädchen unglücklich." „Hör 'mal, du bist ein wunderlicher Heiliger. Als ob ich schlechte Gedanken hätte! Nein, Lieber, ich mein's ehrlich. Die Peppi braucht bloß „3a" zu sagen und wir halten den Versprich." „Also hast du's ihr schon nahegelegt?" „Noch kein Wort hab' ich mit ihr darüber geredet. Aber bas merk ich, daß sie mich leiden mag." „Und dein Vater?" „Da möcht's freilich nicht so glatt verlausen. Es ist doch fern Plan, ich soll die Wartmüllers Babette, die plumpe Bauerndirne, nehmen. Da sitzt viel Geld!" ..... „Dein Vater hat sich das halt jo auskalkuliert. Und rote ich ihn taxier', läßt er sich von dir so leicht keinen Strich durch di« Rechmmg machen." ,.. „Und ich verschwör' mich hoch und heilig, mit dem Klotz behäng tch mich nie und wenn er noch so schwer wiegt. Guck' Edi, da sind die Mädchen in der Stadt. Die was vorstellen und Moos haben, die wollen um's Leben keinen Detailhändler. Das muß schon ein Fabrikbesitzer sein ober ein Advokat ober ein Doktor. Und unsereins soll auf die Dörfer gehen und auf die reichen Bauernmädchen Jagd machen. Ja, wem Las paßt, der mag's in Gottes Namen tun. Ich will aber mein Leben lang nicht io’n Stück Möbel um mich haben, dem kein gescheites Wort aus dem Mund herauskommt. Und gerab’ die Peppi Dornhöser hat einen offenen Kopf. Die ist wie geschaffen für die Frau hier im Haus. „Ich glaub’ schon, du hast Recht. Aber denk' an mich, du kriegst nut deinem Vater einen harten Stand." „Edi, du bist so ’ne treue Seel' wenn du mir ein bißchen helfen roollfst. Der Vater fragt dreimal dich, eh' er einen andern hört." „Nein," sagte Edi und eine brennende Röte überflammte sein Gesicht,' „ich bitt' dich um alles, laß mich aus dem Spiel. Ich hab' kein Ge- chick für derlei Sachen. Vierzehn Jahr' hab' ich mit dem alten Herrn im Frieden gelebt. Ich weiß, wo er kitzlig ist. Für's Geschäft ist mtr nichts zuviel. Aber in Privatangelegenheiten misch' ich mich nicht. Ja, das muht du mir wirklich zugut halten, Paul." — Paul war verstimmt. Zum erstenmake erfuhr er von dem stets hilfsbereiten Freunde eine Ablehnung, und diese traf ihn um so empfindlicher, als er sich von Edis Fürbitte bei seinem Baier die beste Wirkung versprach. In seinem Herzen hatte eine heftige Neigung für die anmutige Münchnerin Wurzel gefaßt und «in leidenschaftliches Gefühl, das allmählich jede nüchterne Ueberlegung verbannte, drängte ihn, zu gelegener Stunde bei dem Mädchen feiner Wahl das entscheidende Wort zu sprechen. Die kleine Peppi sah ihn zuerst wie erstarrt mit großen, glanzlosen Augen an, bann lief ein Zucken durch ihren Körper und sie brach in ein krampfhaftes Weinen aus. , m < „Aber liebe Peppi, was hab' id) Ihnen denn getan? fragte Paul bestürzt. _ _ Sie brauchte geraume Zeit, ehe sie ihre Fassung mieber^eroann. Schau'» Sie, Herr Paul, Sie haben mir da förmlich einen Antrag gemacht. Und in allen Ehren, daß muh ich sagen. Wer ich schnür jetzt doch mein Bündel und geh’ wieder heim." Paul stieg eine Blutwelle bis unter die Haarwurzeln. „Sei'n Die nur ganz ruhig, Fräulein Peppi. Wenn ich Ihnen jo zuwider bin, dann mach' ich mich lieber fort. Die Welt ist ja groß.' ,Lch weiß gar nicht, daß Sie so zornmütig sind, Herr Paul. Ja, das darf ich Ihnen schon verraten. Sie wären mir gewiß recht. Son anständiger Mensch und so reich. Was sollt' sich dann ein armes Mädchen Besseres wünschen? Aber haben Sie sich das wirklich ordentlich überlegt? Ich glaub’ fast, nein." .. . Paul ergriff ihre Hand. „Wenn wir nur einig sind, Fraulem Peppi. Hernach soll uns nichts auseinanderbringen." ,Ei, Sie müßten den alten Herrn doch kennen. Der hat die Zugel stramm in der Hand. Der wird Sie schön stäupen, wenn Sie ihm mit so Geschichten kommen. Die sind der Sohn vom Herrn, und ich bin bloß die Buchhalterin. Gelt', das wär' doch die verkehrte Weit, wenn wir zusammenkommen täten. Sie müssen mir's halt nicht Übel nehmen, daß ich so red'. Ach du lieber Gott, Herr Paul. Ich hab’ eine harte «chul durchgemacht. Ich bin vernünftig geworden. Und weil mir's ahnt, daß das doch jetzt zu nichts Gutem führt, pack' ich lieber meine Siebensachen. Was ist dann unsereins, wenn's sein bißchen Bravheit sortwirst? Aus den Augen, aus dem Sinn, Herr Paul. Der alte Herr hat für Sie ichon was warm gestellt. Aber hart wird mir’s doch, zu gehen. Also nichts für ungut, Herr Paul." und sagte mit zitternder treuen Freund den 14. November 1883. Dein Paul. Verantwortlich: Dr. San8 Lhhrivt. — Druck und Vertag: Drühl'sche Aniverf itätS-Buch- und Steindruckerei. D. Lange, Giehew an, daß sie verwirrt die kränkt? Daß Sie in der Edi Stevens. London, den 25. November 1883. machen. Lebe wohl, lieber Edi, mit herzlichem Gruß Paul sah die klein« Peppi so wehmütig Augen niederschlug. Augen niederschlug. „Wissen Sie, Fräulein Peppi, was mich Dache so furchtbar vernünftig sind." Sie preßte die Hände auf die Brust , „ Stimme: „Was hilft's dann, wann ich Sie hier hmeinschauen lass'? Di« Korrespondenz der Freunde nahm ihren regelmäßigen Fortgang Auf seine Frage, was Pauls plötzliche Abreise veranlaßt habe, erhielt ®S keine Antwort, und er war zu feinfühlend und taktvoll, der Sache weiter nachzuspüren. Seine Besorgnis, daß zwischen Vater und Sohn ein Zwist ausgebrochen sei, schwand vollends, als er sah, daß beide miteinander Brief« wechselten, und daß Herr Martiirius fast täglich den Namen seine« Sohnes mit Herzlichkeit nannte. Es lag ja auf der Hand, Paul hatte dem alten Herrn von seiner Flamm« vorgeschwärmt, gar von Verlöbnis und Heirat gesprochen. Herr Martinius hatte ihm grinrdlich die Leviten gt* lesen und ihn zur Abkühlung nach England geschickt. Paul hatte klein beigegeben. Das klügste, was er tun konnte. Denn das war doch nur so ein» romantische Id«, di« Peppi Dornhöfer an den Altar zu führen. So t*r- nüiMg mußte er als der Sohn des Hauses sein, sich zu sagen, daß du Buchhalterin seines Vaters feine Partie für ihn war. Wo blieb denn da di« Rangordnung? Und was hätten di« Leute bei dieser Heirat 8** tuschelt. Auf di« Kundschaft hätte die Sache einen sehr schlechten Eindruck gemacht. (Fortsetzung folgt-) Lieber Paul! Ich muh Dir gleich schreiben. Mr ist das alles noch wie ein Traum. Hals über Kopf bis Du abgereist. Sonst hattest Du fein Geheimnis vor mir. Diesmal hast Du Dich ausgeschwiegen und mich in der größten Unruhe zurückgelassen. Du weißt, ich bin nie indiskret, aber wenn Du mich lieb hast, so sag mir, was geschehen ist. Hast Du Dich mit Deirrem Vater erzürnt? Du kennst mich, ich würde ihn um leinen Preis fragen. Er läßt sich nichts merken und ist gestern abend mit schweren Kommissionen von einem Abstecher nach Lauterbach zurückgekommen. Petroleum ist noch höher gegangen. Peter Mannsseld hat seine Zahlungen eingestellt. Wir kommen mit einem blauen Auge davon. Ich habe dem Mann nie so recht getraut Ich werde jetzt manchen Abend einsam auf meiner Stube sitzen müffen. Gestern hab' ich bte Braut von Messina fertig gelesen. Die Tränen standen nur In den Augen. Wie schauder- haft ist der Brudermord. Und daß der Don Cesar nicht am Lebe« bleiben will, wie ihn sein« Mutter so herzzerbrechend bittet. Und das alles wegen der unglücklichen Beatrice. Denk 'mal, wenn heutzutage so was passierte? Und die Geschichte soll sich doch wirklich so in Messina zu- getragen haben. Und was der Chor am Schluß spricht: „Ich möcht's aber für mein Leben gern." „Beim Abschiednehmen hätt' ich's Ihnen doch gesagt." „Was, liebes Fräulein Peppi?" „Daß ich Ihnen gut gewesen bin, Herr Paul." „Also doch!" laä)te er glücklich, zog die leicht Widerstrebende an sich uni) drückte auf ihren Mund einen Kuß. „Jetzt dürfen Sie nimmermehr fort, Fräulein Peppi. Gleich geh' ich zum Vater und mach's klar zwischen uns. 's mag kommen wie's will." — Herr Martinius hatte einen guten Tag. Der Handelsbericht seines Leibblattes meldete eine enorme Preissteigerung vom Petroleummarkt. Herr Martinius hatte ä la Hausse spekuliert und schwelgte in dem Vorgefühl, sein« großen Vorräte mit bedeutendem Nutzen verkauft zu sehen. „Petroleum in Neuyork 6,75", rief er seinem Sohn entgegen. „Ich hab' einen guten Riecher gehabt. Wir machen einen feinen Schnitt." Paul nahm die heitere Laune seines Vaters als ein gutes Zeichen und rückte ungesäumt mit seinem Heiratsprojekt heraus. Herr Martinius gehörte zu den Leuten, die immer auf dem qui vive sind, die nichts überrascht und, was auch geschehen mag, ihre Haltung bewahren. Völlig ruhig ließ er den Redestrom des feurigen Liebhabers an sich vorüberrauschen und sagte dann mit einem Gesichtsausdruck, der sich aus einem Gemisch von Überlegenem Spott und väterlichem Wohlwollen zusammensetzte. „Schön, mein Sohn. Wie alt bist du doch gleich?" „Achtundzwanzig." „Ganz recht. Guck' Paul, ein anderer Mensch ist mit achtundzwanzig Jahren in sich fertig. Den braucht man nicht mehr am Gängelband zu führen. Das sind jetzt sieben Jahre her, daß ich dich ins Geschäft genommen hab'! Damals war's so weit mit dir gekommen, daß die Leute mit Fingern auf dich gedeutet haben. Was ich da alles in mich hineingefressen hab', hat kein Mensch erfahren. Aber ein Vater trägt seinem Kinde nichts nach. Hier bei mir hast du gut getan, das ist wahr. Gott sei Dank, hab' ich gedacht, nun hast du ihn endlich zur Raison gebracht. Heut wird's offenbar, du bist doch noch der alte Schwiemelkopf. Sonst kämst du mir nicht mit so dummen Possen —" „Das nennst du dumme Possen, Vater?" „Unterbrich mich nicht. Ja, was bild'st du dir denn eigentlich ein? Wie ich so alt war wie du, halt' ich ein Stück Welt geseh'n und mir di« Hörner abgelaufen. Und du bist, meiner Treu', noch nicht über unsre Stadtmauer hinausgekommen und predigst mir hier was vor von Lebensglück und Liebesroman? Wahrhaftig lächerlich! Mit dir mach' ich kurzen Prozeß. Du gehst mir jetzt nach England." „Gut, Vater. Aber wenn ich heimkomm', ist's ganz dasselbe. Ich lass' von dem Mädchen nicht." „Nur sacht', Hitzkopf! Wie viele hübsche Lärvchen werden dir noch über'n Weg laufen, wo dir das Herz schockeri. Ich kenn' meine Pappenheimer." „Ich mein’; jeder mutz sich selbst am besten kennen, Vater." Herr Martinius schüttet« gleichmütig ein« Kaffeeprobe auf die Tischplatte, als sei die Sache für ihn abgetan. In Wahrheit besann er sich, wie er Herr der Situation bleibe, und blitzartig schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. „Was soll ich mich denn für nichts und wieder nichts mit dir herum- streiten. Ich will dir einen Vorschlag machen." „Nun?" „ „Zwei Jahre bleibst du weg. Kommst bu dann heim und hast deinen Sinn nicht geändert, sollst du sie haben, die Peppi Dornhöfer." „Ist/das dein Ernst, Vater?" „Mein völliger Ernst." „Und wann soll ich reisen?" „Je eher, je lieber. Und das bind' ich dir auf die Seel', du läßt mir die Dornhöfer jetzt ganz in Ruh. Ich duld' kein Süßholzgeraspel mehr. Und von drüben wird nichts geschrieben. Das Mädchen läuft dir nicht weg. Ich will, du sollst deine Freiheit haben. Ist dein« Verliebtheit so schrecklich groß, hält sie die Probe aus. Bist du's zufrieden?" .Lawohl, Vater. Ich denk', daß du's gut mit mir meinst." „Das denk' ich auch. Und was wir hier gesprochen haben, bleibt unter uns. Das versprichst du mir." „Ja, Vater." „Und jetzt hab' Charakter und mach dich parat." Lieber Paul! Gottlob, daß es Dir gut geht. Wir haben einen großen Schreck gehabt und einen harten Verlust zu tragen. Der Repetent feierte seine« Namenstag. Dein Vater hatte ein« Flasche Laubenheimer auffahren lassen und stieß eben mit Herrn Weizenlust an, als die Lina herein» stürzte und meldete, der Frau Krämer sei m der Küche schlecht gern orben. Als wir hinauskamen, lag die Aennste entseelt am Boden. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ganz plötzlich ein Ende gemacht. Wir betrauern sie aufrichtchig. Sie war eine herzensgute, brave Person, di« kein Falsch kannte. Dienstag ist sie begraben worden. Dein Vater will nun gar keine ältere Person mehr ins Haus nehmen. Fräulein Dornhöfer überwacht die Haushaltung, ohne daß sie darum ihre geschäftliche« Pflichten Prnachläfsigt. Sonst geht alles seinen gewohnten Gang. Das neue Jahr läßt sich gut an, wir sind vollauf beschäftigt. Ich habe mich Überreden lassen, einen Tanzkursus bei Böhmer mitzumachen. Der possierliche Mann hat seine Last mit mir gehabt. „Was für Beine, was für schreckliche Beine, Herr Stevens!" war seine ständige Redensart. Endlich hab' ich's kapiert, beim Walzer komm' ich noch nicht recht herum. Uebermorgen gibt Böhmer seinen Ball. Weil wir aber de« Todesfall im Haus gehabt haben, geht mir’s gegen die Natur, hinzugehen. Die Frau Krämer hat mir so manchen Bissen zugesteckt, und wie die Mutter starb, war sie doppelt zutunlich. Das vergess' ich ihr nicht. Am liebsten hock' ich abends bet meinen Büchern. Das ist doch eine Welt für sich. Nur schade, daß ich eine so geringe Schule durck- gemacht habe, es geht einem doch viel verloren, was man gar nicht versteht. Da bist du mir weit über. Der Repetent klagt über Gicht, er hat aber neulich siebzig Mark in der Braunschweiger Lotterie gewonnen. Das vergnügte Gesicht hättest Du sehen sollen. Ich schließe, weil es bereits auf Mitternacht geht. In treuer Freundschaft Dein Edi Stevens. London, den 9. Januar 1884. Lieber Edi! Di« Nachricht vom Tode unsrer lieben Frau Krämer hat mich sehr betrübt. Sie war eigentlich meine Vizemutter. Sie hat mich aufgezogen und mich gehalten wie ihr eigenes Kind. Jetzt tut mir’s weh, daß ich mich so oft ungeziemend gegen sie benommen habe. Bestelle einen schönen Kranz für mich und lege ihn auf ihr Grab. Wie wir hier arbeiten, davon habt Ihr zu Hause gar keinen Begriff. Das geht mit einer Frühstückspause den ganzen Tag durch, immer in einer Hetze. Nur am Sonntag rührt hier keiner die Hand, da ist's, als wenn's den Leuten zuviel wäre, einem etwas Warmes kochen. Di« Herren Herbst Brother» wohnen im vornehmen Viertel, Kensington Gardens, und fahren jede« Tag mit der Eisenbahn in die City, wo unsre Bureaus sind. Ich glaub«; die Herren sind unermeßlich reich. Sie sind aber kulant gegen ihr Personal, und ich habe mich über nichts zu beklagen. Das Gedränge und Getriebe in den Straßen ist ungeheuer. Es liegt immer eine Dunstwolt« über der Stadt. Daher muß man hier am hellen Tag noch Lickt brennen. Heimisch werde ich hier nicht, aber ich profitier« etwas. Manch- mal kommt mir’s vor, als hatte ich jetzt erst die Mnderschuhe ausgetreten. Ich schicke Dir «inen Führer durch London unter Kreuzband. Da kannst Du Dir doch ungefähr ein Bild von der Größe der Stadt „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der liebel aber größtes ist die Schuld", das geht einem durch Mark und Bein. Fräulein Dornhöfer hat von Deinem Vater fünfundzwanzig Mark Zulage erhalten. Sie führt jetzt auch das Versandbuch und ganz musterhaft. Wie kommst Du denn mit der Sprache zurecht? Der Repetent läßt vielmals grüßen. Du möchtest Dir doch die Westminster-Abtei und das Britische Museum ansehen. So was gäb's in der Welt nicht zum zweitenmal. Antwort« bald Deinem Lieber Edi! Herzlichen Dank für Deinen Brief. Ich bin wohlbehalten hier cm» gekommen, aber in« Ueberfahrt war sehr stürmisch. Die Herren Herbst Brothers haben mich sehr freundlich aufgenommen. Es ist ein riesengroßes Geschäft mit siebzig Kontoristen. Ich bin zuerst in einem Boards ng house abgestiegen. Jetzt habe ich in einer anständigen Familie volle Pension. Mit der Sprache hapert es noch sehr. Bon der Stadt habe ich bis jetzt so gut wie nichts gesehen. Ich habe unbändig viel zu tun. Für heute mußt Du mit dieser kurzen Mitteilung vorlieb nehmen. Dein Paul. . . . ., den 4. Januar 1884.