GietzenerLamilieMiitter UnterhaKungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang $927 Samstag, den 26. Nooemver Nummer 94 Der WeihnachLsftern. Von Franz P o c c i. Vom Osten strahlt ein Stern herein Mit wunderbarem, Hellen Schein, Es naht, es naht ein himmlisch Licht, Das sich in tausend Strahlen bricht! Ihr Sternlein auf dem dunklen Blau, Die all ihr schmückt des Himmels Bau, Zieht euch zurück vor diesem Schein, Ihr werdet alle winzig klein! Verdunkelt, Sonnenlicht und Mond, Die ihr so stolz am Himmel thront, Er nahet heilig leuchtend fern Vom Osten her der Weihnachtssterin c_/'l,'Tb ” war ein Tor," unterschied sie plötzlich die helle Stimme ihres Lohnes, der gegen Philipp Stellung nahm. „Halt'? Maul," empörte sich dieser. „Jawohl, es war eins — ich habe es genau gesehen." !!, klar nichts zu sehen. Kinder, die nicht einmal einen Baler haben gar nichts zu sehen." „Was — ich keinen Vater?", i „Ws — ich keinen Vater?", trotzte Tildes Kind. „Mehr Äs du!" imtÄ das kochende Gebrüll der älteren Knaben und das Gekicher der mnhe stehenden und den Zwist beobachtenden Erwachsenen hielt ihn nicht lortzusahreiu Jawohl — einen in Argentinien" — einen in Meriko einen m Bombay imd einen in Shanghai." Streit der Jungen. Eine Adventserzählung von Johannes Heinrich Brauch. QM1 Morgen des ersten Adventsonntages ' ^^nrzte ste tief. Ihr Mann trug nach, ob er zu Weihnachten heim- kehreii dürfe, ^hr Mann, Bor Jahren, als in Deutschland die Verhältnisse verwickelter waren als ein Knäuel Garn, das in Unordnung geraten ist "wnÄelang ohne Stellung war, Hunger in ihren Zimmern hauste, und das Elend kem Ende nehmen wollte, war er auf und davon gegangen. Well er sich schämte Aus Verzweiflung. Oder weit er glaubte, daß sie ’ti* h?ne.r> i”! „ y.eni. Armeleuteleben fertig werden würde. Er n J-^on5 ,ß0ft -Unb m l^ner Natur lag es, schaffen z,i müssen und nicht als Weggeworsener zu gelten. In einem hinterlassenen Schreiben k"k)^e er noch mehr Grunde an, die in Wort und Ausdruck schön klangen und auch zutreffen konnten. Aber keine Cntschiildi' gung half Frau Tilde die Harte des unvermuteten Schrittes, den sie als ÄhtÄ'?? betraastete leichter zu ertragen. Der Mann gehör! öu Wech und Kind, das war der Standpunkt, den sie mrtrat I-tri-f j oU!in den Kampf. Sie erteilte Klavierstunden, fetzte ia; langsam durch, gelangte zu festem Baden und gewann endlich guten, wenn auch immer mir Anstrengung erworbenen Verdienst. An das Leben und das Zurechtfinden ohne die Führung des Gatten gewöhnte sie schnell wie sie sich kurz urrb bündig mit dem Getratsch schwatz- i«OlV).. fx ...ü.L v • 7-^ag iUn l ausgefüllt mit Arbeit, unb d-.e Mußestunden, die sie erubngte, widmete sie in Liebe der Er- zlchung ihres Jungen. Mit Hingabe umhegte sie den Neunjährigen und glarchte, chm das Fehlen des Bakers ersetzlich zu machen. !eIt« SüdEerika kamen, beantwortete sie als Mutter und nicht Äs Frau. Das Bewußtsein der Zusammenaehörigkett llhmmden, ober ihr Stolz lehnte den Gedanken, daß' sich -Maa -r Dere,MMN« bewerkstelligen lasse, mit Entschiedenheit ab. • £%r ? f ,mt< bCn Ei"««, l° lautete das Urteil, Und jetzt das Schreiben. Ihr Mann teilte ihr mit, daß er nvnr die erhöhten goldenen Berge nicht gefunden, aber jo viel erspart habe daß X i^rÄrSy 5h .^rdneteren Verhältnissen gelangten Deutschland n u*?6 einen geruhsamen Hvusst-md zu gründen vermöge. Die Nngung, die sie einst miteinander verband, sei in' ihm nie er- ^lb f7”miPcI). Wen ihn stets gepeinigt. Jeist bitte er EM- die Antwort durch ein Telegramm wissen zu lassen. 9n1n'dQh,ntUns-5^U Si^e 'iberlegte, kämpfte mit sich und wollte von der ffnXÄ n,e °hr«m Emp,,nden und dem längst daraus entstandenen aukriü^-»"Ä>mm l?e'd)C'n; sich nieder, um das Telegramm ouszufi-tzen, und ichrieo fest und fast ohne Erregung die Adresse. Da mußte ste emhalten. Auf der Gasse ivar Geschrei, das Streit von Jungen ver- Aet und sie zum Fenster trieb. Die Knaben halten Fußball gespielt und Klemkramers Philipp zankte mit des Goldschmieds Jakob darüber, ob ein rin Ml ob?r nicht. Es gab Lärm, erhitzte Knabenköpfe und NN wiloes Durckstmander von fuchtelnden, drohenden und zur Abwehr erhobenen Armen. ing die Mutter >eln noch auf. —.utter — ja — aber —" „Was —• aber?" ^rftärktes Gelächter war der Erfolg dieser Entgegnung («fort-’Äsu.ÄÄin“- l“1’ »**•'**«**•• -** - „Was fällt dir ein, dir so viele Väter anzulüqen," emvst Lb.- 61 ** - — l»S „Ja — Mutter — ja — aber —" Aber am Ende merkten die Fledermäuse, daß ihre Schar bei der Sacke 6xQxm’ ä!,b> baB dieienigen, die sich am ehrlichsten zu schaffen machten und den Fuchs am Bart hochzogen, oftmals nach solcher Fahrt fehlten . "Du hast es uns abgeschmoren," sagten die Fledermäuse entrüstet zum Fucgs, „und frißt doch jeden Abend einige von uns." mie’n* h “9tst es nicht beffer, wir vertragen uns, gehen zusammen auf Jagd und treiben uns die Beute zu? Ich weiß z. B. einen ganzen Schornstein voll Fledermäuse, das ist doch ein Leckerbissen ohnegleichen für dich!" ' Als der Uhu von Fledennäusen hörte, lief ihm das Wasser im Munde zusammen. „Wie sollten wir wohl einen Schornstein voll Fledermäuse emfangen, alter Lügner?" fragte er. „Einen ganzen Schornstein voll,'gesotten und gebraten." erwiderte der Fuchs, „hilf mir nur erst ans diesem verwünschten Baum oder sag' mir, wo ich ein Loch nach draußen finde." Na, der alte Uhu hatte ja gleichfalls genug von der Rauferei und 1,3 j.’ Haie ich mir Oie feine Antwort ausgotwcht." ,,«ift du deswegen in den letzten Tagen jo schwer" eingeschlafen?" iinx$a s *D- !tb denn hinter anderen Jungen zurücksteden? Unb«Tbu b°rfst es mir glauben - es war doch ein Tor "3Un,tfW? . 's?.1"® “ stUjd — wußte Frau Tilde nur zu stammeln In ihr war m Rittern wie Schmerz und ein Herzpochen wie Freude -me zog Kurl an sich und strich ihm kosend über die Stirne Und Srau Tilde das Telegramm aufgegeben hatte, erstand ki« •« Blumenladen einen Adventskranz mit drei dicken raten Kerlen sie die Lichter an, fang Weihnachtslieder mit^iri unh ÄÄS SS L.'° 0060 das Fest, £ sie es HalbteU mit Reineke Voh. Von Hans Friedrich Blunck.- "schien Fuchs und Fledermäuse einen Vertrag miteinander h-er4cU^ usrschwor sich, den Fledermäusen nicht mehr nachzustellen und die Fledermäuse versprachen dafür, ihn durch die Lüste zu tragen wenn der Herr Fuchs bei den Bauern über den Hühnerdraht oder§durch die Dachluke zum Gänsestall einsteigen wollte rn) 0,e fiA^n^rrlaÄ eine aansc Zeit gut. Wenn Reineke sie rief, taten Mi, eilends «lle rtlsdermaufe zusammen, nahmen jede ein Stück Fell vom « wollte ben 7Jfl"lb' ^Oben i,)n hupdiwup hoch und ließen ihn fallens wo Der pünktliche Philosoph Von Friedrich B u r s ch e l l. :en ein gerichtet hat. . , , _. , , . ,. Die Fledermäuse haben aus der Sache viel gelernt. Sre hoben seit jener Zeit solche Angst vor Feuersgefahr, daß sie nachts keine Ruhe mehr finden und nur über Tag schlafen. Die Menschen und Tiere machen ab« oft noch mit Reineke und seiner Art HaMei! und wissen Immer noch nicht, daß sie allzeit die Betrogenen dabei sind. Schnee. »SU Karl Willy ©irauk Wie bie «eichen, weißen Flocken Mich umschmeicheln und betasten! «erst und dann vermessen t dust'aen Puderauasten ... Und ich stehe Ml und lasse Mich von ihnen ganz umhüllen, Die in immer neuer Se^vebe Mich mit ihrem Glanz erfüllen. Und mir ist, als wenn die Flocken Mich liebkosten wie mit Händen, Die in seliger Verwirrung Ihre Zagheit überwänden! freute sich, daß der Fuchs freiwillig davon wollte. Auch schien ihm das mit der Beuteteilung gar nicht so dumm. Er suchte also, wo die Rmde der alten Weide am dünnsten war und zeigte dem Fuchs die Stelle. Da scharrte der aus Leibeskräften und zwängte sich schließlich nach finb nun deine gebratenen Fledermäuse?" fragte der Uhu miß- tealXmm mit, Freund Uhu du sollst deine Fr-ude daran haben!" Nun wusste der Fuchs, daß die Fledermäuse, d,e ihn hatten fallen lassen, fast alle in einem alten halbverfallenen Futterstall am Dorfende wohnten, da war ein richtiger schwarzer Schlot daran, den niemand mehr gebrauchte, denn die alte geizige Hexe, d-r er gehörte, hatte Kuh und Schwein verkauft, nur eine feiste Gans mästete sie sich noch heimlich für Weihnachten, da sollte niemand drum wissen. Und die Fledermäuse hausten und piepten im Stall und Schlot, daß es eine Lust war. 9 Fuchs und Uhu 'gingen also abends spat bet kaltem Mondwind zu der alten Hexe, die hatte ja den Schlüssel zum Stall. Was wollt Ihr?" fragte sie mißtrauisch, als bie beiden dosen Jlad)- barn an ihre Tür klopften. „Geht man rasch weiter, hier ist mchts zu holen!" Die Alte dachte ja an die schone fette Gans, die sie selbst haben nämlich einen Plan, Ole Witsch", sagte der Fuchs und blinzelte vertraulich wie ein alter Dieb. „Wir können dir einige herrliche Braten verschaffen." Das lügst du gewiß , antwortete dte Alte. ''.Siebenundvierzig gebratene Fledermäuse für unsl flüsterte der Fuchs und der Uhu nickte dazu. , , . , . Da machte die Alte denn doch die Ohren lang, gebratene Fledermäuse sind für sie eine besondere Leckerei. Sie machte also d.e Tur auf und ließ die Herren erzählens was sie vorhätten. Wie s denn nut dem IeÜe3a"?“agtefrbTsfud)5,Obe?n9er selbst hatte etwas Besseres im Sinn als "gebratene Fledermäuse. Ja, er hätte seinem Freund, dem Uhu, die eine ^Hälfte versprochen. Aber um die Freundschaft m Gang zu brmgen, woille er gern auf seine Hälfte verzichten, die solle die gute Ole Witsch haben - so nannte er die Hexe. Er hätte nämlich, freimütig gesprochen, eine alte Sache mit den Fledermäusen abzurechnen. Und er erzählte, wie sie ihn schmählich in die Weide hätten fallen lassen. Das hört sich glaubwürdig an, die beiden anderen bekoimnen rechtes Vertrauen und erklären sich zu dem Unternehmen bereit. Reineke g,bt habet die Befehle aus. Der Uhu muß sich von der Hexe -'»paar Strohwische geben lassen, aufs Dach fliegen und den Schornstein von oben so gründlich verstopfen, daß niemand mehr davonkommen konnte. Er selbst läßt sich den Stall ausfchliehen und legt sich solange unter den Schlot. Da hatte die Fledermaus Witterung und wagte es nicht, zum 5er5)ie,^$e3ift,taebei Reineke. Sie ist so eifrig bei der Jagd, sie merkt aar nicht, wie der Fuchs aus alter Gewohnheit bie Ganseklappe em wenig hochkratzt. Er schiebt auch seine rote Rute aus Versehen m den Koben und kitzelt die arme schlafende ©ans, bis sie aufwacht, den Fuchsschwanz vor der Rase und in Todesangst mit einem einzigen Gackgack nach I bral^Crn Uhu ist etwas mißtrauisch, als er schreien hört. Er kommt mit hem Licht zur Tür herein. Aber Reineke sitzt und faucht von unten in den Schornstein und winkt und tut, als sei kein Augenblick zu verlieren. Und die Here ist schon dabei, ein Feuer auf dem Herd anzuzunden. Da röcheln die armen Fledermäuse auf und suchen zum Schornstein hmairs- zukommen. Aber der ist verschlossen. Und von unten brat und brutzelt das Feuer immer ärger. Sie müssen fammerlich ersticken und auf den ^^So"kamen sie Hexe und der Uhu ja auf ihre Rechnung. Einen Braten um den anderen holen sie mit Zange und Kralle aus dem Feuer. Sie find sehr vergnügt, spielen Hand «ist Hand und geMen einander. Und sie sehen dem Fuchs auf die Hungerfaden um den Bort, und der Uhu und Ole Witsch toben laut seine Uneigennützigkeit und sehen sich an und wundern sich insgeheim, wie dumm Reineke doch ist, daß er ihnen beiden die ganze Kost läßt. Ja, als er das freundliche Getue der beiden anbem sieht, tut er noch ein übriges, er geht höflich lachelnb nach draußen, um ein wenig Luft zu schöpfen. „ Das gefällt dem Uhl- und der alten Hexe ja noch besser. Wenn man selbst fati ist, mag man keine hungrigen Augen sehen. Wie die derben aber so im besten Ragen und Nachtmahlen sind, Horen sie draußen auf einmal ein böses Gänsegeschrei. Die Alte wird mißtrauisch, fie trugt den Uhu beim Kragen, aber der hält es für Scherz, er lächelt, er ist sich ja keines bösen Dornehmens bewußt. Die Frau schleppt ihn aber doch mit und hebt die Klappe zum Eänsestall. Der ist leer. Da ahnt sie l«, was geschehen ist und meint, daß er alte Uhr darum gewußt hat. Und sie so bitterböse, wie noch nie in ihrem Leben, zieht ihren Holzschuh ab unb drischt auf den Armen los, daß di« Federn fliegen. Da mutz der ja auch kratzen unb hacken, um sich feines Lebens zu mehren uiid ste fahren miteinanber über Koben, Trog unb Herd. Unb das Feuer fährt mit ihnen unb läßt ben alten Stall lichterloh aufbrennen. Da seyen sie drüben in der Helle Gevatter Reineke in einem weißen Federhaufen. Sr ist ein wenig verlegen über all bas Licht, damit hatte er wohl nicht «rechnet. Er ist so verlegen, daß er lieber mit dem Rest der Gans Uber alle Felder geht, als auf bie Herrschaften zu warten. Da haben sie ja beide helle Tränen in ben Augen, die Hexe wegen der ©ans, der Uhr, weil der andere mit dem besseren Braten davon ist. Und ein paar Fledermäuse, die durch einen Ritz im Schornstein entkommen sind, piepen auch vor Wut über Reineke, der doch alles an» Es dürfte keine Legende fein, daß bie Königsberger m der letzten £>älfte des achtzehnten Jahrhunderts, als cs noch ferne öffentlich angebrachten Normaluhren gab, ihre Zeitmeffer nach ben Awaren Gewöhn- Heiken ihres seltsamsten unb größten Mitbürgers, des P-hilosophen Immanuel K a n t, zu richten pflegten. Einen zäheren, unerbittlicheren Menschen hat es nie gegeben, unb feine Pünktlichkeit, sein« Genauigkeit bei der geringsten Errichtung seines grauenhaft geregelten Lebens war nur der Aus uß dieser Unerbittsichkech die mit durchgehaltenster Konsequenz seinem Werk sowohl, wie einem Dasein aalt. An dieser Unerbittlichkeit liegt es, daß bas Leben Kants, der doch wahrhaftig in der Geistesgeschichte, als «ner der fruchtbarsten Schöpfer glänzt, fast keinen einzigen genialen Zug, aufweist. $n feiner Existenz war alles Gleichmaß und Regel, peinlichste Gewissenhaftigkeit und ein zur Groteske gesteigertes, ängstlich getreues Befolgen aller «hrhast durchdachten Maximen, mit denen er aus fernem Wachen und schlafen und selbst aus der Unerwünschtheit des Traums und feder Erregung gleichsam einen Annex zu dem System seiner Kritiken machte. Wir besitzen aus seinem eigenen Mund bas Zeugnis, dah er, gesetzt den Fall, er müsse von allen Gegenständen, die er besitze, sich trcnwm, am schmerzlichsten seine Uhr vermissen würde. Welch em Symbch für das Leben eines der bedeutendsten Menschen, der allerdings sich tucht einmal etwas aus Büchern machte, nichts aus Möbeln, Säubern, Fülle unb Schmucks des Daseins, nichts aus Frauen, aus der Musik und Natur, dm höchstens eine gesellige Mahlzeit schätzte, aber sonst nichts als feine Arbeit, fein« Gesundheit, feine Ordnung unb den geregelten Gang. Wir wissen, daß er Punkt fünf morgens ausstand, sein ganzes Leben hindurch und zu jeder Jahreszeit. Sein Diener stand um brewteriel aui fünf an seinem Bett, ein Zeiger der Uhr, der leibhaft gewordene Pfticht- beqrtff aus dem Geist der praktischen Vernunft. Der Diener hatte ge- meffenen Befehl, seinen Herrn, auch wenn,er einmal darum bitten sollte, | unter keiner Bedingung länger als bis fünf im Bett zu taffen, um) es • war ein besonderes Vergnügen für Kant, wenn er größere Gesellschvst hatte, von diesem Diener, dem berühmt gewordenen Lampe, auf ferne Frage, ob in den vielen, am Ende nahezu dreißig Jahren seines Drostes, er, der Philosoph, auch nur ein einzigesmal beim Aufstehen sich versttumt habe, ein kurzes, militärisches Nein zu hören. Gleich nach dem Aufstehen nahm Kant sein Frühstück ein, bas ein für allemal aus einer bis zwei Tassen Tee und aus einer Pfeife Libak bestand. So mar es aus gesundheitkchen Gründen festgesetzt, und so blich es auch, obwohl er später den Kaffee über alles siebte. Auch die PMe diente nicht dem Genuß, es war eine der unzähligen, hypochommschw Schrullen Muts, daß sie der Gesundheit in besonderem Muße förberfc!) sei Psi diesem Frühstück war niemand zugegen, und mchts ist imftenöc, uns dieses wahrhaft gespenstische Leben klarer und ergreiferiber vorAugm m führen, als ein Zug aus seinem späteren Atter, wo die zunehmeM Schwäche des Philosophen die Pflege feiner Person notwendig Ein früherer Schüler ta eines Morgens um fünf zu dem achtunbfievztg- jährigen Kant, um nach ihm zu sehen und setzte sich mit chm an den FrühstÄckstlsch. Dem Schüler fiel die Unruhe des verehrten Meisters aus, die ich ohne jeden licht baren Grund in ben verstörten Blicken muner deutlicher zeigte. Auf die besorgte Frage, was ihm benu fehte, Jagte Kant in der höflichen Form, bie seine Regel war, er möae freundlichst gebeten haben, den Platz fo zu wählen, dag er den Besucher nicht scheu kSrwb denn feit länger als einem halben Jahrhundert fei er gewohnt, keines Menschen Antlitz bei feinem FrShftstck vor Augen zu haben. Bei diesen zwei Tassen Tee und bisfer einen Pfeife medisierte Kant dann arbeitete er und überdachte noch einmal seine Doriesung, ine wn sieben Uhr begann und gewöhnlich um neun Uhr W Ende war. inu f Hörer bezeugt, daß in den neun Jahren, in denen er Kants Schüttr w«, 1 ber Philosoph auch nicht eine Stunde habe ansftillen lassen. feiner Vorlesung hatte Kant bie Gewohnheit, einen vor ihm ft Hörer aus der ersten Bank schari arznichen, um m dessen Ges lesen, ob er verstanden worden fei. Fehlte nun diesem Studem Knopf am Rock, trug er einen offenen Kragen oder gar lose Haare,, bann war irr sonst unerschütterliche Weister des ^ertrags/ber S" aSer udr.gM Genauigkit auch den größten Wert auf eine adrette, faub«re Kleidung legte, in feinen Gedanken gehemmt und mitunter zerstreut. . . Der ganze übrige Vormittag, von neu« Uhr an. liehe, nie unteri-rochene, nie veMmnie Arbeitszeit. Im mütze und Pantoffeln schrieb er, der mit gutem Grund ben Nmmn ors Meszermalmendeu erhielt, die scharfen, dobrenbemsrch«^^WmibS denen alles wie ein ichrwerk ineim-ndermeM. Äe weÄ> an Präzision, bie -nur kühien, wisftnfchastUchen W« L* nicht an manchen Stellen und unvermutet mw dem sauberen GSsiige Genie der HunmnMt mit unsteMich« MNur spränge. So schuf ich dich mit meiner nichtigen Kraft- '* Damit ich nicht der größ're Künstler sei. V Schaff mich — ich bin ein Knecht der Leidenschaft — , Nach deinem Bilde schaff mich rein und freil Den ersten Menschen formtest du aus Ton. Ich werde schon von Härtern, Stosse sein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon. Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein! Rom-Neapel in drei Stunden. Von Gustav W. E b e r l e i n. Rom, im November 1927. Die gutmütigen Reisehandbücher räumen den Schnellzügen zwischen Rom und Neapel eine „Fahrzeit von 5 bis 62 Stunden" em, und In der Regel haben sich die Dampfrösser auch mit Dieter weitherzigen Aus. lequnq zufrieden gegeben. Man schaffte eben seine fünfzig Kilometer m der Stunde. Leute, die es im Leben und im Reifen schon jo weit gebracht haben, daß sie zwanzig Jahre zurückdenken können, versichern, damals sei man halt in Rom bei Morgengrauen auf den Bahnhof gegangen und glücklich gewesen, wenn tatsächlich über kurz oder lang ein Zug nach Süden abging, der dann gegen Mitternacht, heulend vor Freude, den Flammenschein des Vesuv begrüßte. Und das muß wahr sein, denn schon die Italiener, die 1871 in Rom einzogen, beschlossen, da sie schon einmal so hübsch im Vorwartssturmen waren, eine „direkte Linie" nach Neapel zu bauen, weil d.e bisherige in Tagereisen denke. Immerhin ging es eine Weile, so dreißig Jahre eben bis der kühne Plan Gesetz wurde und wieder em Dezennium spater der erste Spatenstich erfolgte. Dann vererbte wieder eine Regierung der anderen das interessante Unternehmen, der Tripoliskrieg tarn, der Türken- fcien der Weltkrieg, der Kommunismus — man fuhr immer noch gemächlich durch die Bolskerberge. Bis Mussolini dahinter kam. Eisenbahnprojekte, so sagte er, seien nicht dazu, um Generationen von Architekten und Ingenieuren zu ernähren. Was, die kleine Bahn ans Meer nach Ostia bringt ihr nicht fertig? Men chenalter kauen daran herum? Was „unüberwindliche Schwierigkeiten 1 Ich will euch! Am 1. August nächsten Jahres fährt sie, verstanden? . „ Und sie fuhr. Rach diesem Muster wurde nun auch die „Direttissnna nach Neapel behandelt. Am 1. November dieses Jahres sollte sie fahren. Sie fuhr. * Mit einem Uff!! der Erleichterung sanken sich Römer und Neapolitaner in die Arme, die Fremden sind selig. Um das gleich für Schnellreisende vorweg zu nehmen: Man kann jetzt tn Rom nach dem Frühstück abfahren, ‘in Neapel Mittag essen, auf den Ve uv hinauffahren, in Pozzuoli Kaffee trinken, sich in der Solfatara einschwejeln lassen und zum Abendessen wieder in Rom sein. Die Direttissnna braucht nur noch 170 Minuten und wenn die Elektrisierung vollständig durchgesuhct sein wird nur noch 150. In einigen Jahren ist Mailand mit Neapel verbunden wie Berlin mit München. Schon heute verkehren auf der Direttissnna durchgehende Züge, die „rapidi", für die auch, em Novum tn Italien, Platzkarten ausgegeben werden. Allerdings verlangen sie einen Zuschlag von 12 bis 25 Lire, aber es genügt ja auch vollkommen, bloß den diretto“ zu nehmen, der ein paar Minuten langer jährt und dafür Halbwegs ungefähr, in Formia, hält. Einer der chauptvorzuge der neuen Linie, wie wir gleich sehen werden. Ich habe die «ache ausprobiert, die mit dem Vesuv an einem Tage und die mit Formia. Sonnen- und falernertrunken, taumelt man mehr, als man geht und sährt von Schönheit zu Schönheit. * Gut geschlafen? Nur zu gut, ein bißchen zu lange? Schon neun Uhr? Tut nichts schone Frau, die Tugend der Direttissima ist ihre Bequemlichkeit — fetzen Sie sich ruhig an den Frühstückststch! Wir haben Zeit genug, wir nehmen heute den Diretto um zehn Uhr. Der klassische römische Herbst über der Campagna. Weite und Licht. Weidende Pferde und uralte Aquädukte gawpp-eren mit d.eeuervolen Quaderbogen viel länger als die Fohlen, kilon^terwe.t, bis auch sie e schrocken zurückbleiben und der Neuzeit das Feld überlassen. Der Zug kreuzt die Dia Appia, mit einer unsagbaren, immer aufs neue ergreifen- den Feierlichkeit stehen die Pinien und Zypressen an den verfallenen Um dreiviertel Eins «er dies ftÄltch zu und der Schlaftock wurde mit dem dunklen Rock vertauscht. Hierauf erwartete Kant jeine Gäste jum Mittagessen, der einzigen Mahlzeit, die er waren obligatorisch und auch chre Zahl war festgesetzt- ®5 feen Gastgeber mtt eingerechnet, unter drei und nie über neun bei Tisch «rin oder, rote Kant es liebenswürdig auszudrücken pflegte, nie unter der Zahl der Grazien und nie über der Zahl der Musen. Den Speisen mußte Mftig zugesprochen «erben, ein Mann sah am Trsch, der fett fünf Uhr morgens ununterbrochen gearbeitet hatte, mit nichts sonst, <&> Öen lassen Tee im Leibe. Die Unterhaltung war lebhaft un-d pausenlos, über alles wurde gesprochen, nur nicht über die kritische Philosophie, die hatte er Vormittags schon erledigt. Ueber Küchenrezepte, über die Sorgen mit feinem Diener Lampe, über Derdauungsvorgange, über Schutzmaß- Nahmen gegen den verderblichen Schweiß, über feine Grillen und Scheuchen, seine sonderbaren Erfindungen sprach der Gastgeber >mt besonderer Freude: aber auch über Fragen der Politik, über an thio Logische, über etnographifche, naturwissenschaftliche Gegenstände wurde viel debattiert und gelegentlich auch ein Witzchen erzählt, em gahmes Bonmot oder eine belehrende Anekdote. Kant liebte es, lang bei Tisch zu sitzen, nach antiker Sitte das Mahl lange hinzuziehen. Bis vier Uhr wurde bei ihm getafelt und bei größerer Gesellschaft manchmal bis sechs. Dann kam der Spaziergang, mcht zu wert, nicht zu nah, der gewöhnlich eine Stunde dauerte. Er gmg meist allein, seinen Gedanken nachhängend, und manchmal sah man ihn stehenbleiben, um einen Schweißausbruch zu vermeiden oder um stch eine kurze Notiz zu machen. . Noch dem Spaziergange las er, oder er empfing Besuche und abends setzte er sich an den Ofen und überdachte, was er morgen su tun haben würde. Punkt dreiviertslzehii war sein Tag zu Eick«, er machie Schiuß mit sich und seiner Arbeit, er stellte alle Gedanken ab, um möglichst rasch einschlafen zu können. 11m zehn Uhr ging er immer zu P^lt, unter Beobachtung bestimmter, genau eingehaltener Zeremonien undinsieudgem Bewußtsein erfüllter Pflicht, in Zufriedenheit über ferne Gesundheit schlief er tief und traumlos bis zum nächsten Tag, der genau so war rote der vergangene und alle. Das war das Leben Kants, das ungemäßeste, ungeniasite Leben eines bedeutenden Menschen, das wir kennen. Es hat sich buchstäblich ,onst nichts ereignet, außer seiner Arbeit gab es keine LeideiÄchast, außer, ber SIrbeit keine besondere Freude, keinen besonderen Kummer, keinen Freund, keine Frau, in achtzig Jahren keinen freund, keme Frau, nicht einmal eine Reise, außer einem gelegentlichen, furien Besuch in einem Landhaus unweit der Tore Königsbergs. Aber schließlich war dies die Luft, die er brauchte, um fern ungeheures Werk zu vollmdm und wenigstens die pünktliche Art mit der er zu leben ver- nob hat den Schimmer einsamer, furchtbarer Große. , r t . 8 Es ist nach allem kein Wunder, daß das Leben eines so bedeutenden Sonderlings zu mancherlei Anekdoten Anlaß gab, die allerdings nicht immer verbürgt sind. Aber gerade was die Pünktlichkeit angeht, laßt skch nach dem Bericht zeitgenössischer Biographen eine besonders hübsche Geschichte erzählen, aus der zu entnehmen ist, daß auf diesem Gebiete selbst Kant seinen Meister sand. , Zum näheren Umgang des Philosophen gehörte eine Zeitlang em malischer Kaufmann namens Green, dem Kant vor der endgiltigen Niede^chrift der „Kritik der reinen Vernunft" jeden Satz vorlas, um an dem gesimden und unvoreingenommenen Berjtand des EnMnders m leder Einzelheit sich kontrollieren zu können. Nebenbei war Green -mnt in vielem ähnlich, ein Original von monströsem Ausmaß, rote es nur bas achtzehnte Jahrhundert, die Zeit des Gegensatzes zwischen den großen Ideen und den engen Verhältnissen, ausbrüten konnte. Immerhin hatte ®ant noch seine Philosophie, aber Greens Ausgabe {djisn aOcrn varin zu bestehen, mit raffiniertester Eigenheit unablässig nach der u$r 311 ieben. 1 Mt diesem Engländer hatte sich Kant eines Tages vermutlich während ber Ferien, verabredet, am nächsten Morgen um acht Uhr eine gemein» .feine Spazierfahrt in Greens Wagen zu unternehmen. Green tat wie Amer- dMe Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit tief, er mit der Uhr Kr'üanb, im Zimmer umher: fünf Minuten fpater fMe fernen Hut auf, fünf Minuten darauf nahm er seinen Stock, ging zur Tur, Sie Treppe hinunter, immer genau nach der Uhr, um mit dem Elockenschlag acht und zwar mit dem ersten Glockenschlag in den Wagen zu steigen, der aus der Stelle anfahren mußte. Wenige Augenblicke spater bog Kant um die Ecke, sah den fahrenden Wagen und winkte Greenl zu, daß er ihn einsteigen lasse. Aber der Engländer destihl feinem Rutger »eitersu« fahren, imb ließ den Philosophen aus der Straße stehen, tief gekrankt über einen so unpünktlichen Menschen. 5it der Siftina. Von Conrad Ferdinand Meyer. In der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nerv'gen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand. Laut spricht hinein er in die Mitternacht, Aks lauscht ein Gast ihm gegenüber Mr, Bald wie mtt einer allgewakfgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier: „Umfaßt, umgrenzt hab' ich dich, ewig Sein, Mit meinen großen Linien fünfmal dort! Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein gab dir Leib wie dieses Bibelwort. Mit wehenden Haaren stürmst du feurig wild Von Sonnen immer neuen Sonnen zu, Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenkommend und barmherzig du! ®rn^ Dunkel, taucht kurz auf, noch einmal unter und wieder heraus ms Licht — Formia. * Al- wir eine Karte für die Zweigbahn ans Ende der Welt ver- lanqen, na» Gaeta staunt uns der Herr Bahnhofsvorsteher an wie Mondkälber: wieso wir denn zurückgeblieben seien. Noch bedenklicher yat zuerst, dann ein Offizier, dann zwei Karabiuieri zogen die Augenbrauen hoch. Ausländer hier? Alsa Spion«! Derantwvrtlich: Dr. Han« Thyrivt. «iitrf und Verlag: Brühl sche UuiversitSts-Vvch- und Steiudrnckerei, R. Lange, Gießen. Drüben Baia. Auch Horaz war des Faterners voll, als er das nieder- schrieb: NulluS in orbe sintts Bais praeiucet amoer.is! Heute fährt man im Rachen über die versunkene Lasterstadt hinweg, aus der Tiere leuchten die weißen Säulen herauf wie die sündhaft schönen Leiber der ambubaiae, die Kaiser und Dichter berauschten, aber das Licht, das gewaltige Licht ist geblieben. Feuer in der Erde und im Himmel, flammen« krr Blau dazwischen. Cuma. Diana, Lucifera, Venere Lurrina, Bacoli, Miseno, der Posilip — wer soll das alles schildern^ Die Direttissima führt direkt hin. Ins Herz einer Landschaft, die man besser erlebt. Ma Appia und Bia Domiziana verbunden, Campagna und phlegräische Gefilde, Rom und Neapel: das ist eine Tat. Etwas von der ichänheitsgcwaltigen Straßenbauknnst des römsichen Imperiums lebt in ihr aus. Es gibt aber keinen zweiten derartigen Balkon ins Meer hinaus. Durchrauscht von Bläue und Gefunkel, in ein Pferdewägelchen. Längs der Bucht über Elena nach Formia zurück! Hat man schon je ein derart malerisches Fischernest gesehen wie dieses blau und rosa angestrichene St. Helena? Die Treppen winden sich wie verrückt gewordene Rampen, wie Saumwege von außen die Häuser hinauf und verschwinden hinter mysteriösen Türen. Einmal huscht ein Blick hinein; da läßt eben ein teufelsrassiges Mädel den Eimer in den pozzo hinuntersausen, den mitten im Haus gelegenen Schöpfbrunnen. Sämtliche Weiber sitzen vor den Schwellen und binden Besenreiser, sämtliche Männer machen sich rechts — die Straße führt zwischen der endlosen Häuserzeile und dem Strand hindurch — an den braunen Retzen zu schaffen. In Conca steigt eine zurückgebliebene Sommerfrischlerin triefend aus dem Meer. Die msdsr°tts •UJimberlampe. Der Rönkgensirahl als Detektiv. Bon Dr. Siegfried K u r t h. ■ »erborgen trägt, , ilügel aus Aluminium, die Gewalt seit dem Jahre 1913 hat sich in dieser Technik ein außerordentlicher ‘ Wandel und gleichzeitig ein großer Fortschritt vollzogen. Als Röntgen - 1898 die nach ihm benannten Strahlen entdeckte und zugleich auf di« ! mannigfaltigen Anwendungsgebiete für sie hinwies, tauchte natürlich zu- gleich die Frage auf, welcher Natur diese wunderbaren Strahlen seien. ! Wohl hatten die Physiker Grund zu der Vermutung, daß sie «ne dem ' Ächt verwandte Erscheinung Erstellen: aber zunächst fchite dafür ein ' v ÄAl"llercher Betveis. Da das Licht eine Wsllmbewegrmg stt, hätten Sie Röntgenstrahlen dann auch Wellen von bestimmter Länge kein müssen, trm Wellenlängen zu messen, bedient man sich in der Optik gewöhnlich der wgenmmten Beugungsgitter. Das sind Metallspiegel, auf die man n, gleichen, außerovdenllich kleinen Abstäirdon seine Spalte, bis zu 10 900 Dr. Frebold, der Privatdozent an der Technischen Hochsckmke in Hannover, kürzlich ausführte, ist man nun aber doch schon in der Ausbildung dieser Forschungsmethoden verhältnismäßig weit gekommen, selbst Kohlen. hat mau „rüntgenographiert", wie der 'Fachausdruck lautet, und aus der Artites Bildes lassen sich ohne weiteres genaue Rückschlüsse auf den Afck^nHehalt des Brennstoffes ziehen. Was das für die Verwer- tung der deutschen Kohlenjchätze bedeutet, liegt auf der Hand. Für den Ma- ichmenbauer, der sich ein Urteil über die von ihm hergestellteu Maschinen- teile bilden will, ist es oft außervichentlich wichtig, 'zu erfahren, welche Leraiiderung«, in idem bearbeiteten Metall durch sogenanntes Kaltstrecken cntsteyen. Auch in diesem Falle leistet ihm der Röntgenstrahl wertvolle Hilf»; der Techniker lernt also bald abschätzen, welche Metallegierungen ■r, Herstellung Zwei sen am geeignetsten sind, und spart dadurch mel MateviÄ. Sorgfältige Prüfung durch das RöntgeNverfahren ver- hindert, aber auch,, daß Maschinen wegen unsichtbarer Materialschäden mitten in der Aroeit versagen, Ereignisse, die sonst zuweilen nicht nur zu Betriebsstörungen, sondern mich zu Katastrophen geführt haben. In einein Märchen wird erzählt, daß einst ein Derwisch, der sich mit einer bestimmten Salbe das Auge bestrich, sofort die unterirdischen Schätze der Erde schauen konnte. Das ist zwar nur ein Märchen; aber der richtig angewandte Röntgenstrahl erfetzt diese Wundersalbe, gibt wertvoll« Fingerzeige für die Erforschung und Beurteilung der Erzlagerstätten. Er kann uns sogar unter gewissen Umständen sofort sagen, aus welche« Metallen eine unbekannte Legierung besieht. Vor Jahren waren schon aus Amerika die abenteuerlichsten Gerüchte über die Verwendung der Rontgensirahlen im Dienst der Metalltechnik zu uns gekommen. Man !>iNtd diesen Meldungen in Deutschland ei was skeptisch gegenüber, prüft« aber smt deutscher Gründlichkeit, und heute ist dieser neue Zweig der Rontgenteckmik — das sagt die Abteilung für Metallsorschunq im Mater,alprufimgsanrt in Groß-Lichterfelde, das sagt auch das Institut sur EiMzorschung m Düsseldorf, das sagen schließlich die verschiedenen Darbletzingen auf der Werkstofffchau — bereits so ausgebildet, daß selbst der einfache Lgvormck -ich seiner erfolgresch bedienen kann. Kaum sind wir wieder in den Zug gestiegen, jagt er durch die phlegräi- schen Gefilde, die leuchtenden, die feurigen. Vulkan an Vulkan. Da der Gauro, dort der erst vor vierhundert Jahren entstandene Monte Nuovo. Ei» Berg wächst in zwei Tagen und zwei Rächten mitten in unserem aufgeräumten Europa, ja, in der „guten Stube". Vierhundert Meter hoch! Unerhört. Es ist unerläßlich, der Sache nachzugehen, steigen wir also aus, wo die Natur Allotria treibt: Station Pozzuoli-Solfatara. Zeit genug. Alle halbe Stunde geht jetzt von hier ein Zug nach Neapel. Und man tritt, den zweiten Falerner im Vorbeigehen entwurzelnd, ein, wo dieses Feuer wächst. Tranipelt der Erde auf dem hohlklingenden Bauch herum, schaut ihr in die dampfenden Eingeweide und macht bei Lu- stfer seinen Besuch. Der Alte haust noch immer in dem Schwefelkrater, wie damals, als meine Feuilleton schreibenden Vorfahren eine abenteuerliche Tagesreise von Rom aus unternahmen, um an die Quelle des ^Falernes zu kommen. Zehn. Kinder hat er inzwischen in diese gelbe Welt gesetzt. . ßa1le schloß weiter, daß eine photographische Platte, die man hinter einem vom Röntgenstrahl getroffenen Kristall ausstellen würde, bei eignetet Beriuchsanordnung symmetrisch angeordnete schwarze Flecke aus. ve' an itlUrsC’ 6er Sa9e dieser Flecken hätte man dann einer;eite der aus d«n Kristall tretenden Röntgenstrahlen und andererseits auch den Aufbau des oenutzten Kristalles (feine Struktur) er« rennen können. Das Experiment bestätigte Laues theoretische Heber- legungen glanzend: die aus Kristallen heraustretenden Röntgenstrahlen nefen auf der photographischen Platte die vorausgefagten eigenartigen badei hervor. LcUies Entdeckungen der fogenannten Interferenz der Röntgenstrahlen wurde zum entscheidenden Versuch für die Wellennatur biefer Tkrahlenart. Die wiffenschaftliche Großtat, die mit dem Nobelpreis ausgezeichuel wurde, leitete einen neuen Abschnitt der Naturwissenschaft «'N. Sie enthüllt, nicht nur den Ausbau der Kristalle, sie führt auch zur Auffindung der sogenannten Röntgenspektren und gab ein Mittel an di« Hand, in den inneren Bau der Atome hineinzuleuchten. Biete rein wissenschaftlichen Errungenschaften, deren Tragweite noch $u. 's^sthm ist, l«t die Technik wiederum in ihren Znenft gestellt. Man hat sich besondere Röntgenröhren konstruiert, mit deren Hilie man in die Metalle sehen kann. Die Technik begnügte sich aber nicht nin der Anordnung des Apparates, wie ihn Laue gefäfaffen hatte. Wie ' In . der gewöhnlichen Spektralanalyse mit Ab orptions- und ®mi|fwnsfj»ftreit zu tun hat, so wurde auch bei den neuen Röntgenröhren die Avmrpiions-und Enulsionsmethode gewissermaßen kombiniert. Es gab mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, und keineswegs find sie heute schon alle beseitig!. Vor allem ist die wichtigste Aufgabe,'die nötige ; VochjpMining Ni erzeugen, knimit die Rohren in' Betrieb' kommen. Aber vorläufig sind die Grenzen für diese Hochspannung noch ziemlich eng gezogen, und die Elektronenröhren, die in der Radiotechnik eine so wichtige Rolle spielen, find auch für den Röntgentechniker, der sich in den Dienst der Metallkunde gestellt hat, ein sehr wichtiges Hilfsmittel, das ireilich nur in sehr veränderter Form benutzt wird. Außerdem darf man nicht unberücksichtigt lassen, daß die Röntgenstrahlen nicht allzu tief in das Innere des Metalls eindringen können, in Eisen etwa bis zu 7 tu j Aluminium bis zu 15 Zentimeter Dicke. Wer mit diesen Strahlen operiert, | Techniker ebenso wie der Arzt und seine Gehilfen, muß sich vor uw i angenehmen Nebenwirkungen natürlich schützen: anstatt ' der Blei- i bewahrung wählt man jetzt oft dazu Varnimäude. Roch stehen wir am Anfang dieser sorfchungsmethode, die die Techniker planmäßig weiter vervollkommnen und für ihre Zwecke ausbllden. In der Werkstofffchau in Berlin, wo der Ingenieur Blitze schleudert, rm sich die Gebilde aus Eisen und Stahl den mannigfachsten Geduldpraben umerwerfeu müssen, gibt es seltsame Dinge, Wunder moderner Technik zu schauen. Mag auch der Dichter sprechen: „Ins Innere der Natur bringt kein erschaffener Geist", ins Innere der Metalle dringt das mit dem Rüstzeug der Wissenschaft bemuffnete Auge des Technikers. Wir haben nicht nur gelernt, durch ein Brett zu sehen, wir können auch den Aufbau der Moleküle erspähen. Manch geheimnisvolle Fehler, manche Keime einer „Krankheit", die ein scheinbar so robustes Kernstück aus Metall im Innern "erborgen trägt, werden dem Beschauer enthüllt. Da hängt ein Propeller- flügel aus Aluminium, die Gewalt der Stürme unnd sonstige Tücken können ihm sicherlich nichts anhaben, aber siehe da: eine Laborantin schaltet den Röntgenapparat ein. Bald hat man sich an die Finsternis in der Dunkelkammer gewöhnt, und es kostet nicht allzuviel Muhe, im Innern des Propellers zwei Gußsthler zu entdecken. Das Röntgenogramm ist nicht nur für den Arzt von außerordentlicher Bedeutung. Auch der Metallograph, der Maschinenbauer und der technische Ehemiker haben gelernt, den Röntgenstrahl in den Dienst ihrer Untersuchmrgen zu stellen und seine geheimnisvollen Zeichen mit untrüglicher Gewißheit zu deuten. Formia. Noch geduckt in Staub und Vergessenheit, bald aber wird es die Brust dehnen. Erste Flasche Falerner. An, Morgen, beim Oessnen der vier Balkontüren, stürzt das Licht in solchen Wogen herein, daß , man schier in die Knie bricht. Es ist unmöglich, ohne Handschirm übers Meer zu schauen. Brennender Sommer. Und dabei Allerseelen ... der Mann in Gaeta den Kopf geschüttelt: Was es beim um Himmels- i auf einen Millimeter, mit Hilf» eines Diamant-»« «'«-» in diesem gottverlassenen Nest zu sehen gäbe! Und ein Matrose ' solchem Beugungsgitter können in verhch n »Mßig8 du zuerst, dann em Dfmier. dann zwo, Karabinier, «men hi» »r.menf.™ ; Wellenlängen gemessen werden, wofern K nichl gkößer 2^ . i wesentlich kleiner sind als der Abstand zweier benachbarter SnX -runiden, zum Teck auch aus experimentellen Schlüssen, volle Be>»ckn - vernmten, daß die Wellenlängen der Röntgenstrahlen s ähnlich sind, etwa tausendmal kleiner sein müßten als . die Wellenlängen des ultra-violetten Lichts. Wo sollte n 'olÄ । Beugungsgitter herbekommen? Die Spalten hätten ja jo eng berrodS ' mehrere Millionen auf einen Millimeter kämen! l?in ! n f 1 i V f/vf hff I ' ivtAyi- i7' r. . vv 'J/' war unmöglich. Aber'dsi , Natur elbst liefert uns wche Gitter. 1922 kam Professor Laue der km m Berlin die theoretische Physik vertritt, auf den Gedanken, statt di^er unerreichbaren künstlichen Gitter einfach Kristalle zu verwenden. Dß i erblickten Nämlich die Ursache der regelmäßigen Form der i In, Aner refl81ni«|iflen Anordnung ihrer Atome 'und MnlekAe i ?®ar das richtig, dann mußte, wie Laue erkannte, ein Kristall eine Foto« - taKtt?“*9 feiner TeiIrf>en ^"-iche Wirkungen ausübm