SietzeimZaimlieiiblötter Unterhattungrbeilage z«m Gießener Anzeiger' Jahrgang |927 Dienstag, den 26. Juli Nummer 59 Wiegenlied bei Mondschein zu singen. Von Matthias Claudius. So schlafe nun, du Kleine! Was weinest du? Sanft ist im Mondenscheine Und süß die Ruh. Auch kommt der Schlaf geschwinder Und sonder Müh; Der Mond freut sich der Kinder Und liebet sie. Alt ist er wie ein Rabe, Sieht manches Land; Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt. Und bald riach ihren Wochen Hat Mutter mal Mit ihm von mir gesprochen: Sie sah im Tal. Sie sah mich an, für Freude Ein Tränchen lief; Der Mond beschien uns beide. Ich lag und schlief. Da sprach sie: „Mond, o! scheine. Ich hab sie lieb. Schein Glück für meine Kleine!" Ihr Auge blieb Noch lang am Monde kleben Und flehte mehr. Der Mond fing an zu beben, 2Hs hörte er. Und denkt nun immer wieder An diesen Blick Und'scheint von hoch hernied Mir lauter Glück. Er schien mir unterm Kranz ' Ins Brautgesicht Und bei dem Ehrentanze; Du warst noch nicht. Kindheit. • Von Friedrich Burs che l l. Wie gut ich di« Winde noch kenne von dem dunklen Loch im schmutzigen Lacksteingiebel, der über die traurigen Hinterhäuser und die Dächer hinweg zwischen den hohen Schornstein und den Kirchtürmen in den Horizont meiner Kinderaussicht stach! Wie ich die runde Scheibe noch sehe und das darüber gespannte Seil, das mit beiden Händen in das Unsichtbare hinunterlangte. Oft stand ich am Fenster und wartete, ich schaute in den Hof hinab, wo gewiß viel zu sehen war, ich betrachtete den dichten Rauch aus dem Schornstein, der, vom Wind zerteilt, in der Lust verging. Manchmal kletterte eine Katze über ein Dach, aber meine Blicke kamen immer wieder verstohlen auf die Winde zurück, und wie klopfte mein Herz, wenn ich erleben durste, daß die Scheibe sich wirklich drehte, das Seil darüber wegglitt, an einer Stelle kaum bemerkbar sich warf, dann stärker schwankte und mit der Scheibe stillstand, bis nach einer Pause, in der unten etwas geschehen sein mußte, die Scheibe sich wieder drehte, langsamer diesmal, und endlich über den letzten Dachfirst hinaus, ein Haken sich hochschob und, daran hängend/eine Last schwerfällig in der Luft sich drehte, ein Sack oder etwas Gebündeltes, ein kostbarer Schatz vielleicht, der eben im tiefen Loch des Giebels von Menschen nicht, von Zauberern erwartet wurde. Denn spannender konyte kein Märchen sein, wie sie jetzt danach griffen, ohne daß man Hände oder dergleichen sah, wie jetzt die Last am scharf angespannten Seil gerade vor dem Loch zu stehen kam und in der schwarzen Tiefe verschwand, hoch oben in den von Sterblichen nie betretenen Räumen, wo schon die anderen Schätze zu hohen Bergen sich häuften. Ich entsinne mich noch, daß ich einmal nad) einer solchen Szene, die ich oft und mit gleicher staunender Spannung erlebte, meinen Platz am Fenster verlieh und im stillen Zimmer umherging, wo nur die Kett« der Hängelampe leise klirrte, wenn unten ein Wagen vorüberfuhr. Ich entsann mich noch, daß ich wie eingehüllt in «ine Wolke von Staunen und Verwunderung durch das Zimmer ging, zum erstenmal deutlich mir selber entrückt, gehoben von einem leichten Rausch, von einem Uebermaß in mich eingedungenen Lebens. Ich entsinne mich, daß ich dann auf das braune Sofa mich legte, und die Augen schloß, damit di« Stille mich groß überwölben könne; ich entsinne mich, daß ich mit den Händen nach meinem Kopf griff, meinen Körper betastete, und daß ich hier das Gesuchte nicht fand, baß es mir schien, als sei es anderswo, von anderswoher unbestimmbar in einer Wolke, in dem Rausch um mich her, in mir zusammengeflossen, das Staunen und di« VerMunderung, das Ziehende, Lockende hinter den Bildern und Gerüchen, die Geister, die Zauberer und das belebte Dunkel . . . Aber das Kind, in seiner zarten Epoche geschützt durch wohltätige Mythologien, und rings vom Zauber umstellt, ist selber der Zauberer, der alle Kraft in sich vereinigt, und der bequemen Täuschung einer ausstaffierten Puppe, eines bunten Bildes ein rohes Stück Holz, drei Striche auf dem Papier vorzichi, weil es selber bewegen und schaffen will. Ich wußte es vor dem Krieg und weih es noch immer, wieviel von dem Reichtum des Kindes mir geblieben fein muß; denn wie käme ich sonst dazu, von meinem Leben zu erzählen? Wenn ich traurig bin, wenn dieses nagende Gefühl der Trauer mir mit vermehrten Schmerzen sich bezahlen läßt, daß ich mir nicht ganz wie ein überflüssiges, bald erledigtes Tier vorkomme, erinnere ich mich manchmal, daß ich ein Kind war, und wenn es mir nicht immer gelingt zu lächeln, mit dem leisen, auf die Lippen sich stehlenden Lächeln, dem der Rest folgt, nur weil es ein Hücheln war, das di« Lippen warm und zärtlich bewegte, dann könnte die Erinnerung an eine oft wiederholte Begebenheit genügen, die ich später datiere als das Erlebnis auf dem Sofa, nicht weil sie sich auf der Straße abspielte, sondern weil ich hier meiner Person deutlicher bewußt jenen Zauberstab der Phantasie nach Belieben schwingen konnte, und nicht mehr wie beim Anblick der Winde auf ein möglicherweise auch nicht sintretendes Wunder zu warten braucht«. Ich hatte nicht lange zu gehen, nur drei Häuser weiter, bis zur Apo- cheke, deren Tür sich beständig unter dringendem grellen Läuten öffnete und schloß, und aus der es mit lindernder Schärfe herausroch, ähnlich wie aus dem Medizinschränkchen meiner Eltern. Hier war nWin Platz, die Apotheke war das letzte Haus in unserer Straße, ich hätte nur um die Ecke zu biegen brauchen, so wäre ich in eine neue und sehr interessante Straße gekommen; aber ich tat es nicht, es war viel interessanter, stehen zu bleiben und die andere Seite der Apotheke im Dunkeln zu lassen. Natürlich wußte ich genau, daß es die Hauptstraße war, die gleich um die Ecke begann. Ich wußte, daß ich mit fünf Pfennigen in der Tasche in den elften Laden um die Ecke herum hätte gehen können zum Herrn Katzermaier, der ost bei meinem Vater saß, klein, beweglich, rund, sicherlich ein wenig verschlagen und seltsam kontrastierend mit der Würde seines Bartes, der in zwei Spitzen, beim Sprechen auf- und niederstoßenden Hörnern, auslief. Ich wußte, daß es bei ihm die schönsten glatten bunten Klicker zu kaufen gab, ich wußte, daß weiter oben, beim fünften Hutmacher Vogel, meine Mutter mir vor einem großen Spiegel die Mützen aufprobieren ließ, die doch immer eine Nummer größer genommen werden mußten, zu meinem Merger übrigens, denn so sehr ich wie jedes Kind wachsen und großwerden wollte, ebenso verdroß es mich, als etwas Provisorisches imb Veränderliches betrachtet zu werden. Kurz, es war eine höchst reale, von wohlbekannten Leuten bewohnte und mit mancherlei Erlebnissen gepflasterte Straße, deren Existenz ich auch dann noch nicht wahrhaben wollte, wenn ich alle paar Minuten die Trambahn nach Mannheim hinter den Platanen des Marktplatzes auftauchen, an der Ecke halten und in dem breiten, nicht abzuleugnenden Schacht der Apotheke und dem gegen- überliegenden Zigarrenladen verschwinden sah. Gewiß, ich glaubte nur soweit, wie meine Augen reichten, nur auf den Umkreis meiner Sinne galt das Leben, aber dieser kindliche Sensualismus war eher eine unbewußte List. Denn umgekehrt wie ein Erwachsener, der ein schmerzvolles Erlebnis, die Wirklichkeit überhaupt, dadurch von sich abzurücken versucht, daß er möglichst viel mit anderen Menschen über das Erlebnis spricht, jedoch nur wie über ein Faktum, das ihm untergelaufen ist, und der feinen Erfolg darin findet, daß der peinigende Schmerz oder der Stachel des Gefühls und damit di« eigentliche Realität aus der empstndlichen Stelle feiner Seele entfernt ist, umgekehrt wie ein solcher Erwachsener und schneller untertauchend löschte ich die Existenz, die Vorstellung einer wohlbekannten und vertrauten Straße möglichst radikal auf der Tafel der inneren Aufzeichnungen aus, und von seinem Objekt gelöst blieb mir das Gefühl noch in mir hängen, das die verschollene und unvorstellbar gewordene Existenz in den tiefen Schatten der weiten, unheimlichen, jeder Einbildung Raum gebenden Bezirke rückt. Es war ein großes Vergnügen für mich, so vorbereitet,an der Eck« zu stehen, das grelle Läuten der Apothekentür und zugleich den scharfen, kühlen und lindernden Geruch in meinem Nacken. Je unbeachteter ich mich an meiner Ecke fühlen durfte, desto kräftiger war ich von der Gewalt meiner kleinen Person überzeugt, und kein Mächtiger der Erde kann sich so freuen, wie ich mich freute, wenn ich aus dem unterweltlichen schattenhaften Bezirk jenseits der Ecke zuerst nur einen Arm oder ein vorgestrecktes Bein auf tauchen sah, und hintennach, rasch sich entwickelnd, die Person, die, von er sie lieb habe. .,, _v . . Aber das konnte man nicht, nein, das konnte man nicht. vielleicht später, vielleicht, wenn man groß war wie Mama und , Papa, ja, wenn man verheiratet war! Dies war die Lösung, und sie ging in chm auf wie ein starkes Licht,erhellte ihn und eine Zukunft voll Dunkel. Denn f)ier$ftieg zum erstenmal ein Verdacht in Peters zärtlichem Herzen auf. Was waren das ,'ür Erwachsenenreden? Kann man etwas vergessen, das einem weh tut? War das nicht das gleiche, wenn Mama sagte: „Höre weg, Peter!" Wie kann man weghören, wenn einer neben einem spricht/ Trotzdem beschloß er, dem Fräulein zu verzeihen, denn sie war gut zu,ihm. Nicht, daß sie sich mehr um ihn kümmerte, als sich Erwachsene um Kinder kümmern, nicht daß sie ein einziges Mal die turmhohe Mauer zwischen Kleinen und Großen einrih, indem sie zugab, auch Nägel zu knabbern oder die Schule zu hassen, aber sie las ihm vor, schalt ihn wenig und — m, und war da. Denn dies blieb als schönstes Erlebnis haften,, blieb Rausch und süße Ergriffenheit, dies einfache und schlichte Dastehen, ihn anblicken ohne Frage und um ihn sein wie ein st-st"" ,,Kor Haar die Schleier des Märchens trug. Ihr «nlr aerufen diese Bewegung vollführte. Sie wußten es nicht,die Armm, Ur Äe ich'zuAch das größte Mitleid hatte, daß sie ausschließlich von meinen Gnaden testen, daß mein Blut, meine Warme, mein Atom sie zu ibrer kurzen höchst flüchtigen Erscheinung beschworen. Aeuherst spaßhaft war es wie sie so taten, als wären sie nicht eben von den Schatten erstanden und als würden sie nicht gleich im Nichts verschwinden, den FiMren gleich die ich wieder in ihre Sihachteln legte, wenn es nüt dem sAel genug war. Rur waren es Menschen, die großen,, erwachsenen, dunklen Geschöpfe, über die ich diesmal so mächtig gebot. Sie traten auf, sie schlenkerten mit Armen und Beinen,, jede Bewegung war wichtig und unwiederbringlich, sie prachen auch mir zu gefallen manchmal, meist ab- geeckte und sinnlose Worte, aber schon im Klang ihrer Stimme war ihr ganzes Schick al. Verhetzt und glühend stand ich da viele Stundenlang und ganz hingegeben. Es war eine chwere Arbeit, die ich vollbrachte, ich gab alles her an diese Marionetten und Schatten. Ich tand wie em Geisterbeichwörer im Zauberkreis, und gebannt und taumelnd zog ich sie an, ganze Scharen von Menschen, keiner dem andern gleich... sanftes Bild, das über dem schwarzen Haar die tocnieter oes wcarcyens irug. Ihr eitern, auf den er lauschte, wie wir später auf den Atem der Geliebten lauschen, ihr leiser, hauchartlger Atem wiegte ihn in den Schlaf, und manchmal richtete er sich iin Bett aus, blickte durch die offene Tür und sah sie, „bestrahlt vom Sicht der Nacht, vom schwachen grünlichen Schimmer der Bäume vor ihrem Fenster getroffen, so still und weiß in ihren Kissen, daß in seinem Herzen der Mut des Mannes erwachte und er Gefahren träumte, um sie beschützen zu können. Kleiner Mann, Mann von acht Jahren, feurig und hingebender als jemals später, aufgerichtet vor ihrer Stirn und in den kleinen Händen die einzige Waffe dieses Lebens: die Liebe. Denn dies war Liebe, ohne Wort und Laut, unerkannt und ohne Namen, ergeben und ohne Zweifel. „Ich will mit dir schreiben, Fräulein," sagte er, und mehr war nicht zu verschenken als solche Ueberwindung. Denn gab es Schlimmeres als 31! schreiben, die Feder zu führen, auf und ab, hinunter zu den tiefen Linien und hinauf zu den hohen, vor denen man bremsen muhte? Was für eine Qual, und darum: was für eine Freude! Kein Wort sagte er ihr, doch er wusch sich die Hände von selbst, spuckte nie mehr an die Milchglas- sckeibe im Flur und vergaß seine Spiele, Um neben ihr zu sitzen und seine heiße, braune Wange an ihren Arm zu lehnen. Da wurde es in seiner Brust warm wie damals, als er Fieber hatte, eine schöne und neue Zärtlichkeit machte ihn lächeln, einsam und für sich lächeln und erfüllte sein einfältiges, kindliches Herz mit dem Drang, zu meinen oder ihr zu sagen, daß Gürfte Siebe» Von Dinah Nelken. Beter sollte ein neues Fräulein bekommen. Das ivar nichts Besonderes, denn — so dachte Peter — Fräuleins gehören zum Leben wie Schuhe lind Murmeln, die Märchenbücher und Kasperletheater, m, fast wie Mama und Papa. Aber Fräuleins find nicht so nett wie Mama oder Schnieps, die Katze, o nein, Fräuleins sind manchmal gar nicht nett. Peter hatte schlimme Erfahrungen gemacht mit älteren, traurigen Damen, die immer strickten, und jungen Mädchen, die ihn kniffen, mit frommen alteren Tonten, die heimlich „kleiner Heide" zu ihm sagten Sonnte man dagegen etwas tun? Peter dachte: nein und erwartete das Fraulem ohne Neugierde oder Freude, doch in weißem Anzug und srisch gewaschen. Sein kleines, blondes Gesicht, das hübsche Gesicht eines achtjährigen Jungen Mit blauen Augen und Locken, einer Stupsnase, drei herrlichen Zahnlücken und einem wackelnden Zahn, glänzte vor Sauberkeit; dafür hatte er sich noch schnell die Hände mii Blaustift beschmiert, einen Knopf abgerissen und auf dem Spielschrank Aufstellung genommen. Er wollte hoch sitzen, I«, das wollte er, damit sie sah, daß er sich nichts gefallen lieh und schlimmstenfalls auch auf den Spielschrank ober das Fensterbrett klettern konnte. Um vier Uhr hörte er Schritte. Sein Herz begann zu klopfen wie damals, als er Papas Uhr badete. Da ging die Tür auf, und Mama trat in das weiße Kinderzimmer und rief: „Peter, wo bist du? Peter hatte keine Lust, zu antworten. Doch tn diesem Augenblick sah er das neue Fräulein. Sie stand neben der Mama vor der twifcen Tapete mit den gelben Blumen, vom Fenster her wie von einem fernen geuer beschienen, war kaum größer als die großen Jungen in feiner Klaffe und hatte ein Gesicht, wie er es nie gesehen hatte: schwarze, glatte, glanzende Haare mit Fransen, eine freundliche kleine Nase, braune Augen wie längliche blanke Steine, die lächeln, und ein ulkiges Kinn. Und nun blickte sie ihn an, lieh ihn erröten und schnell von dem Schrank herunter zu ihr eilen und aus einer tiefen Verbeugung heraus glühend und glücklich ihre ^gräutein,'" sagte Peter am nächsten Tage, als er aus der Schule tarn, bnrf ich Ihnen helfen?" Aber sie hatte schon ausgepackt. Trotzdem mußte Peter ihre Koffer anfasseii, stark und männlich anfassen und nach ihren blanken Augen schielen. Dabei fiel ihm der Koffer auf den Fuß. „Au! sagte Peter und schnell: „Das macht nichts." „Nein," erwiderte sie, „das vergeht. Du mußt nicht daran denken, mußt hatte er nicht schon oft gefürchtet, daß sie verschwinden könne,.„wie sie ge- kommen war, daß sie gehen könne wie alle die anderen Fräuleins mit eS Koffer in der Hand und Blicken, die schon die neuen Kinder suchen und ihn schon vergessen hatten? Ach, wie er zitterte, wenn er daran dachte! Bis ihm einfiel, daß sie zu ihm gehöre, hierher in das kleine weiße Zimmer neben seinem Kinderzimmer, daß sie dort wohnen „ olle immer ibm nab wie fetzt' lächelnd, wenn er lachte, und schlafend nut Atem wie Musikwenn er chlA daheim, wenn er auszog, Geld an „der Börse zu verdi E wie Papa, und Schlachten zu schlagen wie Siegfried, um trenn er heimkam zu feinem Baukasten, ihn anzublicken und rote heute zu rag7n7„Na/bist du da? War es schön im Krieg? Aber roas hast du wieder für Rabenhände, du kleiner Schmutzfink! Ja Mieter wollte das Fräulein heiraten. Nun wußte er es, trug es mit sich herum, glühendes Geheimnis, das größer ward druckender mit jeder Minute und brennend rote Liebe und Angst. Ich habe „if hqrfite er denn ich muß noch warten, dis ich groß bin. zl'ber fragen wollte er sie fragen mähte er sie, wie konnte sie sonst wissen, daß s e hier- bleiben sollte. Welchen Mut brauchte er, welches Uebermah von Mitt! Sem Blick kehrte sich nach innen, die Lippen sprachen ohne Laut, vom Zimmer ne et ta ben ®arün fud^e im Wehen der Bäume, im Kies des Weges säsää? srääsä. « Hände faltete und nachts, allein, allein, mit stummem Wem b 9 ^ Tranen beroeat betete: „Lieber Gott, sag mir, was ich sagen soll! fVHnete sich nicht ein Spalt dort oben, siel es nicht blank vom Glanz aus uni m fynnb die chwer waren wie fein cherz. 4510^ rustmnienineineTtefeohne^n DOn Fefern Licht gezogen, ©frei en Gelb, Gicht aus chstiii v , lauschend wie em Dieb ging Peter in das Haus, ging In« Stuf er' hmauj, wustyeno w* vielleicht so gut fein und tnt*■ en . nicht, ad), Seine Füße, das waren ferne Fuße »Arneyr. J con „i<2r sie gingen nicht d«" °EN Schimme: et und Täler des Lichts b,s in °men Abgrund non toct>ro a ^ein SBrpet hielt die Hand auf den Mund und die Augen g I y Scham, bebte aus allen Poren brach der Schweiß, die gratz.We W w @fl1. In feinem Rücken pfiff ^ta^^Gtan^stine Spitzen ® zu ihm. Da tens hob ein silberner und schwacher Glanz stme p v Uli)en Zweigen, kroch er noch tiefer in das ©ebufd), oerb«r3 feinen drängte Gesicht und Brust m die kalten D °tter !xren in der Tränen mischte. Denn wahrend er hier stano, aueii! uiw eni- tiefen Dunkelheit, während über feinem $a\ptJ’d) er lautlos und Sete und die Nacht märchen^ft verwandelte^^inte,er^E still, meinte, wie Männer roernen, uni) h ,5 konnte man das ver> Gesicht und auf die feuchte, buftenbe j£den' ip man nichts vergibt neben9 Ach nein, man kann es nicht vergessen, wie . Schmerzen, m* ll<£8nÄ"™« Ä« die Glut unb bie Scham und jebes unb in der N immer wieder begegnen: unter den Wolken bes Jtmme «ippen des b7s Gebens, auf tauchend aus Abgründen «J«b tajgnb 'mtf Ibm Wissenden, siegend ober besiegt unb eroig, ewig glaub g unserer ersten, wahrhaftigen Iranern Besuch in Hollywood. Von Rudolf Lothar. Um Hollywood, die Filmstadt, hat die Legende einen Glorienschein gewoben. Man weiß in Europa, daß in einer märchenhaft schönen Gegend märchenhaft schöne Menschen märchenhaft viel Geld verdienen. Und so erscheint denn jedem, den das Schicksal nach Hollywood bringt, oder der sich lellbst 'drüben sein Schicksal suchen möchte, die Fahrt an die Küste des pazifischen Ozeans wie eine Reise ins Märchenland. Hollywood ist eigentlich ein Borort von Los Angeles.. Aber um Los Angeles liegt eine Unzahl von Vororten, junger und jüngster Städte, die über Nacht wachsen und über Nacht größer werden. Sehr oft sieht man ein noch völlig unbebautes Terrain, durch das nur ein sorgfältig angelegtes Straßennetz führt, und irgendwo auf einem Schutthügel oder einer Wies« prangt eine, Tafel mit der Ankündigung, -daß hier die künftige Stadt Soundso stehen wird. Los Angeles mit all seinen angeschlossenen Gemeinden ist auf dem geraden Wege, die größte Weltstadt der Erde zu werden. Das ist sein Ehrgeiz, sein Stolz und sein Ziel. In dieser Stadt -kennt man keine Entfernungen. „Gleich um die Ecke", das sind sicher acht bis zehn Kilometer. Ein Mensch ohne Auto ist hier undenkbar. Die jüngste Zählung ergab, daß auf jeden dritten Einwohner in Los Angeles ein Auto kommt. Für das Auto wird auch in allererster Linie gesorgt. Die außerordentlich breiten Straßen sind spiegelglatt und meistens aus Zement. Sie find vollkommen staubfrei. Trotz der unzähligen Autos gibt es weder Staub, noch Gestank, noch Lärm. Denn der amerikanische Fahrer hupt in den seltensten Fällen. Der riesige Verkehr wickelt sich ganz lautlos ab. In wohltuendem Gegensatz zu Paris oder einer italienischen Stadt, wo einem der Autolärm rasend macht. Die Weltstadt Hollywood ist stolz auf ihre idealen Autostraßen. Sie sind eiugesäumt von Fächerpalmen, Dattelpalmen und Kokospalmen, von Eukalyptus- und Pfefferbäumen. Zwischen den Häusern und der Straße liegen die offenen, zaunlosen Gärten, die auf der Straßenseite meist nur aus wohlgeflegtem Rasen bestehen. Auch ein schmaler Bürgersteig ist da, gut gepflastert, durch das Grün gelegt, aber er wird selten benutzt. Man geht nicht spazieren, und Fußgänger trifft wan nur in den Geschäftsstraßen. Die Wohnhäuser sind fast lauter Einfamilienhäuser. Ueber 80 Prozent aller Häuser in Los Angeles und Vororten sind lauter Einfamilienhäuser. Diese Bungalows sind in allen möglichen Stilen erbaut. Die meisten — und das sind auch die hübschesten — in spanisch-mexikanischem Stil mit flachem Dach, manche in amerikanischem Kolonialstil mit einer Reihe schlanker Säulen, die das Gebälk des Daches tragen, aber man sieht auch Landhäuser in europäischen Stilen, die ebensogut in einer kleinen Stadt Deutschlands stehen könnten. Die Häuser haben alle weiten Ellbogen- raum, denn wie in Amerika alles gern verschwendet wird — waste ist ein Kennzeichen des Amerikanertums, das aus dem Dollen schöpft —, so wird Sier auch der Raum verschwendet. Zwischen den Häusern, oft mitten in der elebtesten Gegend, liegen noch große Flächen brach und harren der Käufer. Das Merkwürdigste aber ist: Die Straße ist hier kein Begriff wie bei uns in Europa, wo fast jede Straße ihr eigenes Gesicht hat. Was wir ein Straßenbild nennen, das gibt es hier nicht. Schnurgerade laufen die Boulevards und Avenuen und keiner der Strahenzüge unterscheidet sich in irgendeiner Weise von der Nachbarstroße. In Europa strebt jede Stadt nach Berdichtung. Sie hat ein Zentrum, ein Herz. Das ist erklärlich aus .der Geschichte des europäischen Städtebaues. Heute noch dominiert der Marktplatz, wenn er auch in Großstädten alle möglichen Formen angenommen hat. Wie aber für die europäischen Städte der Marktplatz kennzeichnend ist, um den sich die Häuser lagern, so ist für eine amerikanische Stadt die durchlaufende Hauptstraße charakteristisch, die Mainstreet, die Verkehrsstraße, die Autostraße. Mehrstöckige Gebäude sieht man in Hollywood — die wenigen Geschäftsstraßen ausgenommen — nur in geringer Anzahl. Fast alle Häuser bestehen nur aus einem Erdgeschoß und sind einstöckig. Und so ist eigentlich Hollywood nichts anderes als eine Villenstadt in riesenhaftem Format. Die Villenstadt kriecht auf alle Berge hinauf, legt sich über alle Hügel, und wahrscheinlich werden in ganz kurzer Zeit alle Berge rings um Hollywood mit Häusern bedeckt fein. Heute schon führen überall die breiten Straßen hinauf, die dem künftigen Verkehr dienen werden. Hier ist immer zuerst die Straße da und dann kommen die Häuser. Wenn man in Europa auf eine Stadt aus der Ferne oder von der Höhe herabsisht, dann haftet das Auge an Kirchen und Türmen. Türme und Kuppeln sucht man hier vergebens. Nur hier und da ragt ein Wolkenkratzer ober ein Kinoprachtbau über die niederen Häuser empor. Das Sonderbarste ist, wenn man ein Haus, ob groß, ob klein, entstehen sieht. Es entsteht genau so, wie die Bauten in den Studios der Filmgesellschaften. Ein Holzgerüst wird aufgestellt und die Wände, die Stein, Granit ober Marmor vortäuschen, sind Rabitzwände, die mit einer dünnen, festen Masse verkleidet sind. Man muh hier so leicht und lustig bauen, weil die Erde nie aufhört, zu beben. Es gibt sehr oft solch kleine Erdbeben und niemand beachtet sie sonderlich. Zuweilen sreilich ereignet sich da ober dort eine Erdbebenkatastrophe. Die Häuser fallen zusammen wie Kartenhäuser und es gibt Tote und Verwundete. Aber die Zahl der Toten und Verwundeten wäre viel größer, wenn die Lebenden in Steinhäusern wohnten. Das Haus spielt im Leben des Amerikaners eine sehr geringe Rolle. Die Wohnfreude, der Genuß des eigenen Heims ist ihm völlig unbekannt. Man darf eben nie vergessen, daß unsere Wohnfreude das Ergebnis von Jahrhunderten ist und in der Liebe zur Vergangenheit wurzelt. Wir lieben die Dinge, die wir geerbt haben. Urväterhausrat, Stücke, die an vergangene Zeiten, vergangene Schicksale erinnern. Der Europäer hat ein Verhältnis zu allen Dingen, di« ihn umgeben. Dem Amerikaner bedeutet das Haus nicht mehr als ein Zelt, das er heute abbricht, um es morgen anderswo aufzubauen. Darum ist eine amerikanische Wohnung selten gemütlich. Die Wohnung hat meistens ebensowenig Charakter wie die Straße. Unter den Villen, die man sieht, gibt es manche, die freudig vom Reichtum des Besitzers Zeugnis ablegen. So Chaplins Villa mit ihren vierzig Zimmern, so die Billen mancher anderer Filmgröhen, die es sich leisten können, die herrlichsten Häuser zu haben. Denn nirgends auf der ganzen Welt kann ein Künstler so viel Geld verdienen wie hier. Cs gab eine Zeit, wo Gloria Swanson 175 000 Dollar die Woche erhielt, und Wochengagen von vier- bis fünftausend Dollar sind nichts Ungewöhnliches. Der Film ist das große Goldbergwerk, das magisch Tausende und Tausende anzieht. Der Film ist der Gott von Hollywood. Für einen Film, der eben gedreht wird, interessiert sich die ganze Stadt weit mehr als für irgendein Ereignis in der ganzen weiten Welt. Eine Zeitlang hielt der Christus- Film, der bei de Mille gedreht wurde, Hollywood in Atem. Jetzt rückt Alt-Heidelberg ins Zentrum des Interesses, das Lubitfch im Studio von Metrogoldwyn „schießt" (denn was bei uns „drehen" heißt, negnt man drüben „schießen"). In Alt-Heidelberg spielt übrigens ein blendend schöner, junger Mexikaner Navarro den deutschen Prinzen. Und ich habe selten etwas Deutscheres, wenn der Ausdruck erlaubt ist, gesehen, als die Straße der kleinen Residenz auf kalifornischem Boden, durch die der Erbprinz mit seiner jungen Gemahlin feinen Einzug hält. Die Filmgesellschaften bauen sich hier ihre eigenen Städte, das heißt, um das Studio kristallisiert sich eine große Stadt. So ist z. B. Universal City entstanden, die Schöpfung der Universal-Filmgefellschaft. Die Fllm- gesellfchaften setzen Millionen und Millionen um und bilden eine Erscheinung, die einzigartig in der Geschichte der Kunst ist. Niemals, zu keiner Zeit und in keinem Land und bei keiner Gelegenheit hat sich die Kunst so innig mit der Industrie verbündet. Und dieser Ehe bekommt der blaue Himmel Kaliforniens besonders gut. Strahlender blauer Himmel. Psalmen im Sonnenlicht. Im Januar sitzen wir auf der Terrasse des Hotels, und zwar im Schatten, weil es in der Sonne zu warm ist. Eine wundervolle Landschaft, lauter frohe liebenswürdige Menschen um einen herum, und doch — und doch — leiden alle Europäer hier am Heimweh. Auch diejenigen, die es nicht sagen, die es leugnen. Denn, um sich in Amerika wohl zu fühlen, muß man sich entschließen, Amerikaner zu werden. Man muß feine europäische Mentalität abftreifen und amerikanisch denken und fühlen. Manche können es, manche können es nicht. Und die es nicht können, werden das Heimweh nicht los. Wom gefundnen Reinhold und „verlorn" Gretlein. Bon Heinrich St e i n h a u f e n. (Fortsetzung.) Jetzo muß ich aber erzählen, aus was Urfach Gretlein nur immer mehr dahin gelanget fei, wider sonstiger Jugend Art so für sich zu bleiben. Denn östevmals, was Gott vor einen Geist in den Menschen gegeben hat, wird staffelweise und ohnmerklich im Leben modifiziert, dergestalt, daß endlich der Mensch nach Sitten und Meinung ein weit andrer worden ist, als es ursprünglich das Ansehen hatte; denn unser Herz ist wandelbar. Jedoch bei dem Mägdlein, von dem ich reife, trug sich nichts zu, sie von ihrem Sinn abzulenken, sondern das Widerspiel; geftaltf-am sie ohn' Mutter, als die über ihrer Geburt starb, im .Derlorn* Hof aufwuchs, allwo selten jemand vom Dorf oder anders woher einsprach; denn ihr Baier war ein Kratzer und Schabhals, keines Menschen Freund und Leutschinder (verstehe: so bei ihm in Arbeit wirkten und denen er ab knaps en konnte). Ihm ist auch das Gretlein, ob es gleich sein einzig Kind war und er Wittmann blieb, immer im Weg gestanden, er hat sich fein im geringsten gar nicht väterlich an- genommen und sie wohl oft ohn einig Urfach mit Schlägen traktieret. Dahero ist denn das überbas schüchterne Kind je länger je scheuer geworden und froh gewest, so es allein sein konnte. Danach vor jetzund acht Jahren hat sich auf dem ,uertorn‘ Hof etwqs zugetragen, das hinterher für ben Melzer (so war er geheißen) und all sein Ding gar sehr zum Uebel ausschlug. Ach! auch ich, indem ich davon dem geneigten Leser vermelden will, werde dabei an ein groß Herzleid erinnert, fo mir widerfahren ist und gleichsam einem bittren Myrrhentrank gereicht, ja mich lange Jahre hindurch hochbetrübet hat. Damals, als ich unter der Tür Hinterm Holunderbufch lugte, ob das Gretlein, das feit zehn Tagen bei mir nicht Vorgesprächen hatte, nicht käme, während unten die Bauren vor Föremonts Truppen flohen, stund dies Herzeleid wiederum ganz nahe und groß vor mich hin, und inwendig rief’s in mir: „Reinhold, o mein Reinhold, warum hast du mir das getan? Da bürdete mir die kummerhaste Erinnerung desto schwerere Herzens- gedanken auf. Ich schreite nun aber zu meiner Historie. In dem Jahre, davon ich schreibe, lag der kurfachfische Hauptmann v Holmer etliche Zeit im ,Derlom‘ Hof zu Quartier, eine Convoi erwartend, fo er weiter geleiten sollte. Er war trefflich gut montiert, wie auch seine drei berittene Knechte gleich also. Wie nun die besagte Convoi verzog, ritten die vier häufig nach ihr aus. Einmal nun reuten sie tiefer wie sonst in Wald, fo kracht aus'm Hinterhalt ein Musketenfchuh, und Holmer finkt, ohne einen Laut zu geben, vom Pferde. Alsbald fpringen Bufchklöpfer, alle mit Feuerrohren, aus dem Dickicht hervor und in solcher Menge, daß die Knechte Müh haben, sich durchzuhauen und zu entrinnen. Ihren Herrn fchen sie fiir tot im Grase liegen, das von feinem Blute berieselt wird, indessen fein geschwind Pferd, das ohne jegliche Verletzung geblieben ist, in gestrecktem Lauf den Weg zurückfprengt, ben sie gekommen sind. Solches hat sich in der Frühe zugetragen, beim Tagesgrauen. Abends nun reuten zween von den Knechten, wie leichtlich zu erachten mcht zur Kurzweil aufgelegt, wieder in ben ,verlort Hof ein und finden den Bauern, wie er sich im Stall zu tun macht. „Wo ist unfers Hauptmanns Pferd, Kerl?" fragen sie und tun ihren Soldatenfluch dazu. „Eures Hauptmanns Pferd?" fragt der und hantiert in feinem Stall weiter. „Ha! -darnach sollt' ich euch fragen und nach eurem Hauptmann auch! Denn die Soldaten lagen ihm schon viel zu lange aus'm Halse, und er hatte sie daran gewöhnt, sie merken zu lassen, wie molest sie ihm waren. „Was? du reudiger Hund," schre'ien sie da, „willst du leugnen, daß das Vieh wieder zu seiner Kripp« getrachtet; und die alte Hex«, drüben am Kreuzweg, der wir begegnet sind, hai's auch den Weg her rennen sehn? Darnach sind sie abgesehen und haben allerorten in Stall und Scheune nach dem Roh gesucht, aber selbiges nicht auch kein« Spur davon funden. Nun muß aber der geneigte Leser wissen, daß der v. Holmer allezeit em ledernes Ränzlein mit sich geführt hat, von dem er sich auch nächtens niemals getrennet, sondern er legte es unter sein Hauptkisien. Luch hat er daraus, als einmal eins Zahlung zu tun war, an seine Knechte für Sold oder Four-age, blank« Dukaten herfürgelangt, in des Melzers Beisosm. Weil nun besagtes Ränzlein dem Pferd« am Sattelknopf geschnallt war, auch dazumal, als das Tier feinen Herrn zum Letzten trug: also waren die . zween Knechte, di« des Melzers Geiz und Gier gut genug erkannt hatten, gar nicht zweifelnd, daß der Filz ein Schelmstück verübet, den Ranzen | vom ledigen Tier geraubst und das Pferd, feiner Dieberei Auskommen zu verhüten, beiseite geschifft hätte. Solches schrien sie ihm denn auch auf den Kopf zu, nachdem sie genug und satt im Hause herumrumoret, nannten ihn einen Schelm und Spitzbuben und kollerten mit Drohen und Fluchen gewaltig daher. Der Melzer aber verschwur sich hoch und teuer, er müßt von nichts, weder vom Gaul noch vom Ranzen und wäre eben erst jetzt hereinkommen. Di« Knechte aber agten, sie glaubten ihm nicht das Schwarze vom Nagel, redten von Cu- ranzen mit schwedischem Trunk, wann sie nur Zeit hätten und anderen lieblichen Dingen, und zum Angeld gab ihm der eine der beiden eine dichte Maulschelle, daß ihm der rote Saft aus Maul und Nase quoll; denn sie waren erzähltermaßen dem Bauern ohnedas nicht hold. Indem so sehen sie meinen Reinhold hinter der Scheune herfür- treten und nach'm Hof lugen zzu ihnen hin. „Blitz," sagte da der eine, „Bruder, da ist der Jung! Hui, was meinst wohl, ob uns der nicht mehr zu sagen hat!" Cs ist aber der Reinhold dazumalen an di« sechzehn Jahr gewest und ein Jüngling stark und schlank von Gliedern, wie keiner unter allen Bauernknechten im Dorf und sonst umher in seinen Jahren. Hat auch bei allen Gelegenheiten seine ausbündige Courage an Tag geben und hat schon als Knab und fürderhin unter allen seinen Kameraden in allen Sachen sich als Meister ausgewiesen. Verwunderlich aber wird's manchem sein zu hören, daß er des ,oerforn‘ Grelleins bester, ja einziger Spielgesell von je an gewesen, und daß die beiden beständig zusammenhielten, unangeschn sie so verschiedentlicher Sinnesart waren. Jedoch davon wird später mehr zu erzählen sein. Indessen nun aber sei hier an dieser Stelle nur das gesagt, daß der Jung', seit Holmer draußen im Quartier gelegen, wohl täglich im ,oertern* Hof sich eingestrichen hat, wo ihn auch der Melzer n'icht ungerne gesehen, dieweil der Jüngling zu allerlei Hilf und Dienst in der Wirtschaft sich geschickt erwiesen und ohne das auch umsonst dazu sich brauchen lassen. Sonderlich oft aber ist er um die Soldaten gewesen und hat sich mit ihren Gewehren, Rüstungen und Pferden zu schaffen gemacht. Denn er hatte von Kind her einen möglichen Sinn, er hörte nichts lieber denn von Kriegen und Siegen, Gefahren und Abenteuer. Von des Mazedonischen Alexanders Taten tonnt’ ich ihm nie genug erzählen, und in der Bibel hat er sich die Kapitel, darin von streitbaren Männern berichtet wird, wie z. E. von Gideon und Jephta, am besten gemerket. So hatte auch der v. Holmer auf den Jungen bald acht und zeigte ganz kein Mißfallen an seinem Wejen; ließ sich auch, wenn's die Gelegenheit gab, in ein freundlich Gespräch mit ihm ein, obwohl er sonsten sich schweigsam hielt, beinahe wie ein Melancholikus. Er erlaubet« ihm auch, ihm 's Pferd zu satteln, zur Schwemme zu reiten u. dgl. m. Einmal sogar hat der Reinhold zum Hauptmann gesagt (welches ich alles nachgehends erfahren), er hätte wohl eine Lust auch der Welt zu brauchen und zum Soldatenhandwerk zu greifen; wozu der v. Holmer gelachet und gemein et: er solle sich zuvor nur erst ein gut Stück Geld sparen, sich zu montieren. Alsdann wollten sie weiter sehen. Solche Rede hat auch der Melzer mit angehöret. Wie nun, als ich droben allbereits angezeiget, Reinhold von des Hauptmanns beiden Knechten ersehen wird, so wischt der eine zum Jungen hin der mich gar nicht zu entlaufen trachtet. Darauf heben sie an ujm zuzusetzen, er solle gestehen, wo das Pferd mit dem Felleisen verblieben. Wie sie aber nichts aus ihm herausholen können, als nur, daß er nicht leugnet, während des Tages anf'm Hof gewesen zu sein, so binden sie ihn an einen Stallpsosten und traktieren ihn mit grausamen Schlägen. Indem so sprengt ihr dritter Kamerad zum Hof herein, vermeldend, die Konvoi sei heran und von einer Partei angegriffen. Auf solche Zeitung sind sie eilig ausgesessen und davongeriUen. Aber im Dorf, durch das sie hindurch mußten, haben sie den Schulcheißen gerufen und dem gesagt, sie wüßten vollkömmlich wohl, was vor ein arges Schelmstück aufm ,verlorn° Hof verübt, und wann die Gemeinde den Malefikanten nicht zur Strafe brächte, auch das Geraubte wieder schaffte, alsdann sollte das ganze Diebsnest (verstehe das Dorf) davor büßen. Nachdem die Reuter mit solchen Reden davon gejaget, so ist leichtlich zu gedenken, wasgestalten die Gemeinde in Sorge geschwebet hat von wegen des schuldbegebenen Frevels. Auch wird sich jedermann ohnschwer einbilden, wie heftig ich erschrocken, als mir die Zeitung von dem be- meldten Handel zu Ohren gekommen ist. Zwar daß Reinhold zum Schelmstück, so es wirklich geschehen, als v. Holmers Knechte sagten, die Hand gereichet und mit zum Spiele geholfen, war mir den Abend ohmnöglich zu gedenken. Aber, hilf Gott, in was vor dicken Verdacht war er doch verstrickt! Sein häufiges Weilen im ,verlorn' Hof die letzte Zeit, seine Zu- tulichkeit zu dem Hauptmann und dessen Pferd, des sanertöpfischen Bauern freundlicher Umgang mit ihm (den man, wenn es Geld zu scheren galt, ein Schalk zu sein sattsam wußte), endlich daß er gar nicht in Abrede gestellet, auch dieses Tages um die Mittagszeit auf'm Hof gewesen zu sein: sprach nicht all das wider ihn, mit dem Melzer am gleichen Strang gezogen zu haben? Derohalben gewißlich im geringsten gar nicht zu verwundern, daß, was die Aeltesten und Schöffen der Gemeinde waren, noch am selbigen Abend wegen vorhandener Not hinausgingen und dort meinen Reinhold, dem sie unterwegs begegnet waren und ihnen zu folgen hießen, mit dem Melzer zusammen verhöreten. Der nun streitet alles ab wie vorhin, währenddem mein Jung mit verbissenen Zähnen und bleich im Angesicht als eine Wand (ich schätze aber mehr wegen der Schande, so gebunden und geschlagen worden zu sein, als wegen der erlittenen Schmerzen) auf all ihr Fragen und Drohen nichts erwidert, sondern nut steif nach dem Bauten hinblickt und unterteilen nach dem (Brettern, die von ferne stund mit vielem Kummer und Angst in ihrem Gesichtlem. Darnach so sahen die Bauern auch an und denken, es sei altes am End nur ein ungerechter Argwohn der Hauptmannsknechte, Holmers Pferd werd« sich wohl sonsten wo im Walde verlaufen haben oder sei etroan einer Partei ins Garn geraten. Lassen derohalben den Reinhold los. Denselbigen Abend ist er dann spät wie verwandelt und ausgetausclst heimkommen, und als ich ihn durch die Tür schreiten sah, war's mirs anders nicht, als wenn er um zehen Jahre älter geworden; all feine Färb war aus'm Gesicht gewichen und seine Lippen waren zusammengezogen, schmal und gar bleich. „Oh, er fröntet sich schwer," dacht' ich da, „oder es druckt ihm Wadas Herz nieder, darüber er nicht hinwegkann!" Und wußte nicht, wie der Sachen zu raten, spürte nur aber um desto viel mehr seine Kummerhaftig» feit und seuszete in der Stille zu Gott für ihn. Er ist dann auf feinen Schemel hingefessen, hat keinen Bissen zur Nacht gekostet und nur stracks vor sich hingestarret, als wär' er in Träumen. Wie hartselig mir solcher Anblick angekommen ist, als unter welchem ich denken mußte, ob ihn etroan doch der Böss bezaubert und in einen Frevel gestürzet, wird der Leser leichtlich erachten. Mit welch überbetrübtem Herzen saß ich ihm da gegen, über, lauschte auf jede Bewegung, achtet« auf jeden Odemzug anders nicht als dazumal, wann ich einst vor Jahren an feinem Kinderbettlein, darin er in Fieberhitze glühet«, fein brennend Händlein hielt und mit jedem Pendulfchlag der Wanduhr di« Frage tat: Mein Gott, behalt' ich ihn? So antwortete sie immer: Ja, nein, ja, nein! Wie lange, bange Stunden schlichen also hin! Endlich: ja! Gott lieh ihn mir. Und jetzt? Warum doch mußt ich gedenken, wenn er dazumal gestorben wäre, so roär's vielleicht besser gewesen für ihn und mich?! Derohalben erschrak ich nicht wenig über das, was er sagte, als er nun aufstand und vor mich hintrat. „Ich hab' Euch", sprach er, „in groß Herzeleid gebracht heut und weiß wohl, Ihr werdet noch schwereren Kummer von mir haben. Einst, Vater, bin ich doch nur Cure Freud gewesen, und zu der Freud kamen licht« Hoffnungen —?" Unter solchen Worten war er vor mich hingekniet und blickte zu mir in die Höh, wie vor Jahren, wenn er als kleiner Knabe sich an mich lehnete. „Jst's nicht fo, Vater?" fragte er wieder. Mir war's inwendig, als wollt' miris Herz zerspringen vor Wehmütig- kett, und ich nickte nur zu ihm nieder. „O, so denket," sagt« er weiter, „ich sei noch, der ich damals gewesen Vielleicht lindert das! Vielleicht traget Ihr an meinem Undank nicht so schwer und an aller Uebelrede und Schmach, so auf mich fallen wird, wenn Ihr denket, ich fei vorlängst dahin und leb' nur als Kind in Eurer Erinnerung." „Reinhold," sagte ich, „bist du unschuldig andern, dessen sie dich zeihen?" Vergebt mir, Vater!" Weiter sprach er nichts und führte meine recht» Hand, so ich auf seine Schulter gelegt hatte, sanft auf sein Haupt uttt neigte sich tiefer. Ich könnt' nicht anders, tat die andre auch hinzu und sagte dabei: „Gott Helf dir, Reinhold!" Darnach bald so hatte er mir eine gute Nacht gewünschet und war in seine Kammer gegangen. Mit vielen Gedanken überdacht ich alles, ch ich letztlich erlebt, als ich allein war, und hatte wohl Urfach, Gott zu bitten, daß er möchte alles zum Besten lenken, auch der Soldaten Rache vom Dor; Andern Tages ist der Reinhold fortgeroeft und niemand hat jagen können, wohin er gegangen und was mit ihm geworden. Ich Hab s nicht allfofort wollen ruchbar machen, wie er verschwunden war, und ich bin mit meinen Sorgen (was Art sie gewesen, ist leicht zu ermessen) allem herumgegangen, hätte mich am liebsten ganz vor der Welt oeinrocheii. Aber schon desselbigen Vormittags ist der Schultheiß fürgesprochen und hat dem Jungen nachgefragt, maßen di« Uebeltat aufm ,verlorn Hof verübet ju sein wirklich ans Licht kommen war des Morgens früh, da ein Melzers- fnecht anaeaeiaet daß norm Stalle der tote Gaul mit abgefchnittenem Halse im ^Laufen hoch mit Mist zugedecket läge WÄchergestalt d.« Bauren, da sie hinausgegangen, di« Sache auch befunden hatten. Nunmehr wird der geneigte Leser leichtlich gedenken, wie ich ich er diese Zeitung schier verstürzet und gar entsetzet war; denn memes Reinholds geheime Flucht mußte ja nun allen Verdacht auf ihn laden. Also es auch aefchehn: Jedermann hielt ihn vor den Schelmen, der nut dem Raube da- vongewischt wäre. Dergestalt ging der Melzer frei aus zumal die Ku - fachen in diese Gegend nicht wiederkamen (die wechselnden Kriegslaufe führten sie dem Elbstrome zu); so wich auch aus der Gemeinde allgemach bie erste Sorge um die Büßung, die ihnen angedroht war. Aber meines Reinholds Angedenken tag im Schimpf und blieb darin; rote es ihm ohns- das unter der mit ihm aufwachfenden Jugend an Mihgonnern nicht gefettet hatte, maßen er beherzter und stärker war, denn sie alle. Was aber vor ein scharfer Herzenskummer von dieser Begebnis her an meiner Seele zehrte, will ich beliebter Kürze halber hier nicht weitläufig beschreiben; hm- gegen aber vom ,oertern* Hof sagen, daß der Wirt daselbst ,e langer je mehr ein seltsamlich Wesen angestellt hat, immer ärger im Schaben mw Kratzen geworden ist, und ganz und gar keiner um ihn hat mögen bleiven, derowegen der Hof mit desto viel mehr Gebichr der .verlorne heißen durfte. Wer nicht mußte, hat keinen Fuß imhin gehoben, ausaenommen die alte Lor«; mit der ist der Melzer viel zusammen gewest, und Gott isis wissend, was die beiden miteinander für Ding getrieben haben. Es aber dies« Freundschaft die Leute um desto scheuer gemacht, dem Bauer am- zuweichen. Denn keiner mochte, zwingende Not ausgenommen, mit oe Allen zu schassen haben. Sie war bald nach Holmers Tode ins Dorf ge- humpelt als ein Taterweib, mit langem, zottlichsm Haar, und murmelte immer vor sich her, häßlich und gelb. (Fortsetzung folgt.) Der an! wörtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Anivers itätS-Duch- und Steindrucker ei, Tk. Lange, Gießen.