GietzenerKnnilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang Mr Dienstag, den 26. April Rümmer 3Z uTilml ' nätgrvr^^',na^**^^a!im^,aam‘ r~^"•rTnr"' w^HffiHMwmrMrn1*? * ........wn m 11 iw>a—awarog»»^ »».»h «-*.!■— Nachttted. Bon Paul Appel. Dun ist uns bas Dunkel gegeben. Wir können uns selber sehn. 2lun müssen die Fremden der Grd' allein Bei ihren Betten stehn. Sie wohnen in dielen Zimmern. Ich seh sie fensterwärts Lauschen in toter Treue Ihren Sternen ins Herz. Ich mag bei den Fremden bleiben: Die Schwermut hat ihre Stund. Sie geht umher auf den Zehen, Den Finger am Mund. Sie läßt mir wenig Sinne, Meine Augen, die macht sie bald blind. Ich denke der Ängebor'nen, Die bei den Müttern sind. Wie ruhn sie in zarten Kammern, Die nie ein Schritt durchquert. Ich will die Kammern loben. Äielleicht, das) es ein Fremder hört. Der erste Walzer des Herrn Chopin. Von Alfons v. Czibulka. Das war im Jahre 1829 mitten drin im heißesten August, daß der Kapellmeister vom Kärtnertortheater, Würfel, die enge Wendeltreppe eines für Vormärzzeiten hohen Houses des Kohlmarkts zu Wien hinaufkeuchte. Dabei brummte er fortwährend: „Wann er nur spielen wollt, Jessas, Jessas!" — — — Und bei diesem „Jessas, Jessas!" zuckte er immer sehr, als risse er mit dem Tattstock das Orchester empor. Man war auch damals schon nervös. Nach vielem wchnaufen und Pusten blieb er schnaubend und sich die Stirne trocknend vor einer Tür des vierte» Stockes stehen und zog die .Klingel. Als ihm ausgemacht wurde, stürmte er, ohne zu fragen, auf dis nächste Türe zu, klopfte und trat auch schon ein. Ein ganz junger, sehr schlanker Herr stand vorn Klaviere auf und lachte, als der kleine dicke Würfel sich theatralisch sein« grauen Haare zu raufen begann und verzweifelt fchri«: „Aber Herr von Chopin, wie können's uns denn so was antun, nit spielen wollen's, fchauen's Herr von Chopin, das geht gar nit, Jessas, Jessas!" Der junge Meister sah sich die Verzweiflung des Dirigenten «ine Weil« lächelnd an, dann sagte er: „Mais Monsieur, c'est impossible!" Als aber Würfel, der wohl einst in seiner Jugend, als er in Warschau lebte, ein wenig Französisch gesprochen hatte, aber jetzt kein Wort mehr davon verstand, nun verwundert und weinerlich dreinsah, setzt« Chopin hinzu: „Also ich meine, daß es unmöglich ist, ich kann bei der Musikalischen Akademie nicht spielen, ich kann nicht." ,Jessas!" jammerte schon mieber der Alte. „Ich kann nickst!" dek Junge. So flogen eine gute Viertelstunde lang das .Jessas, Jessas" und das polnisch ausgesprochene „Ich kann njicht durch das klein« Musikantenzimmer. Als der Würfel aber gar zu sehr jammerte, und vor Kummer beinahe schon weint«, gab Chopin nach und willigte in das schon längst geplante Konzett. Da siel ihm der alt« Musikus um den Hals und schrie jetzt noch aufgeregter „Jessas". Dann rannte er, das heißt, er rollte die Stiege hinab, umarmte eine Obstfrau, einen Fleischermeister und zwei Schusterbuben, ließ sich beinahe von einem Zeiserlwagen überfahren und stürzte schnurstracks ins Wirtshaus, wo di« Freunde saßen und jubelte: „Er spielt, er spielt!" Am nächsten Morgen begann di« Probe und es ging famos, bis das Orchester bockte. Und das kam so. Der Flügelhornbläser blies ein paarmal daneben und der Harfenist ließ Noten aus. Da wetterte der alte Würfel und war ernstlich böse. Aber das Orchester — es war Montag, folglich der Tag und der Himmel blau — war für des alten Herrn Donnerwetter nicht aufgelegt. Und der junge Grasteufel, dem zuliebe sie einen schönen Vormittag lang spielen mußten, ärgerte sie auch. So ging beim Krakauer Rondo alles drunter und drüber, und es war ein arges Gefiedel. Da riß auch dem Chopin die Geduld und er rannte ihnen davon und hinter ihm drein die Mufici, die die Probe mit angehört hatten: der Würfel, der Freiherr von Dammer, der Lachner, der Meyfeder und der Kreuzer. Und auch das Orchester, dem's plötzlich doch leid tat, stürmte mit allen Instrumenten hinterdrein, also es ein wunderlicher Zua wurde, der da durch das Kärknertor aufs Glacis hinauslief, allwo der Herr Chopin seinen Zorn zu Tode promenierte. Der alte Grenadier, der am Tore stand und noch mit dabei gewesen war, als man bei Leipzig den Napoleon bei den Ohren zog, schaute sehr verwundert drein, denn so etwas hatte er noch nicht erlebt. Draußen ging dann das Bitten an, und so sagte Chopin noch einmal Ja und Amen und wurde im Triumphe zurück ins Theater erl. Aber die Probe wollte nicht klappen, und so ließ er das Krakauer o sein und entschloß sich, im Konzert zu improvisieren. Am kommenden Samstag stand er das erstemal vor den Wienern. Der Saal des Kärtnertortheaters war bis zum letzten Platze angefüllt, weil alles den jungen Polen hören wollte, von dem man sich alle musikalischen Wunder erzählte und dann auch deshalb, weil der nächst« Tag ein Sonntag war, an dem man also fange schlafen konnte. Das Zischeln und Flüstern verstummte, Chopin verneigt« sich und trat ans Klavier. Die Variationen über „Don Juan" klangen auf, und das Händeklatschen unb der Beifall wollten kein Ende nehmen. Nach der Pause begann der Meister zu improvisieren. Ms er zu Ende war, schrien die Hörer vor Begeisterung, und Wiener Mädel trugen den Chopin im Triumph durch den Saal, und der Meister lächelte selig. Dann kam auch der alte Würfel, und Chopin mußte mit ihm und den anderen Musieis ins Gasthaus „Zur böhmischen Köchin", wo an jenem Abende just Strauß und Sanner geigten. Dort wollte man den Triumph begießen. So hört« Chopin zum erstenmal Wiener Tanzmusik. Nach einer Weile fragte der Kapellmeister Würfel, indes er das Glas hob und das Licht der Kerzen im Topas des Sievermger ®eines funkeln ließ: „Na, was sagen's zu Strauß. Herr von Chopin?" Der Meister wurde rot und sehr verlegen und antwortete ein wenig stockend: „Mein Gott, das ist doch nur Spielerei und keine «rnst zu nehmende Musik." So sagte er, aber gleich darauf hätte er es am liebsten nicht gesagt gehabt, denn der Würfel ließ beinahe das Glas sollen und zetert« ganz erschrocken: „Jessas, Jessas!" Der Meyfeder brummte: „Na, so was!" und die Tafelrunde murrte. Beinahe wären sie dem Chopin ernstlich böse geworden. Der merkte das und schwieg, obwohl er gerne noch mehr gesagt hätte. Aber an demselben Abend ober vielmehr an dem gleichen Morgen, denn es war bei Wein und Geigen spät geworden, schrieb er noch an seinen Freund Titus im Polenlande: „Wien ist eine herrliche Stadt und es ist mir, als hörte ich meine Musik aus den Herzen dieser Wiener widerklingen, und sie haben mich sehr gefeiert. Aber einen Kult haben sie, den ich ihnen verüble. Da spielen zwei Leut«, die sich Kapellmeister nennen — Strauß und Sanner heißen sie — täglich in irgendeinem Wirtshause zum Tanze auf und ganz Wien vergöttert st«, und alles will nur Walzer hören." Ohne Walzer hätte Wien dem polnischen Musikus sehr wohl gefallen, aber so wurde er ganz nervös. Aus ollen Ecken klang ein Sechsschritt, die Leierkasten werkelie-n Strauß, und die böhmischen 'Musikanten fisdelten Lanner, und dazu tanzte di« halbe Stadt aus offener Straße. Chopin wär« am liebsten davongerannt. Er blieb nur in Wien, weil der gute Würfel und hohe Herren ihn baten und well — nun, jung« Musikanten hatten schon damals kein Geld. Dann war noch ein Grund. Da war in Wien eine junge Klavierspielerin, als schönstes Mädel an der Donau bekannt. Di« roar in den jungen Polen verliebt und auch er in sie, si> dünkte es seinen Freunden. Freilich hatte er ja droben in Warschau eine große Liebe, aber, weiß Gott, mit zwanzig Jahren hat neben einer großen auch noch eine kleine im Herzen Platz. Und von der großen Liebe hatte er nicht viel gehabt. So tom’s, daß Chopin seine Etüden und Rondos, die er bisher „an Konstanze" benannt hatte, manchmal zerstreut „an Leopoldine" beschrieb. Es kam ein Herbsttag, einer von denen, di« wie Märchen sind tief ' drinnen im Wienerwald. An denen di« breiten Höhenzüge des nicht endenwollenden Waldes rot, grün, braun und golden aus dem silbernen Geflimmer über dem Donaustrom und aus den Gassen der Stadt aufsteigen und zu der Ebene im Süden niedersinken, die im Osten di« ungarischen Berge als ein bläulicher Wall begrenzen; Tag«, an denen über den Farben der Wälder deutlich Kuppe um Kuppe hervortritt bis zu den Häupten der Alpen, deren erste noch als weiße Blitz« zu sehen sind, dort wo die unendlichen Forste und Höhen in der zitternden Weite verschwimmen. An einem solchen Morgen begegnete der Meister, als er über die Basteien promenierte, wieder einmal dem alten Würfel. Der rief schon von weitem: „Das is g'scheit, ich hab' grab zu Ihnen wallen. Wir machen nämlich heute eine Landpartie, der Meyfeder, der Kreuzer und seine Frau und das Fräulein Leopoldin' kommt auch mit. Da hab' ich Sie fragen wollen, ob's mithin wollen, Herr von Chopin?" „Ja, wohin denn," fragte dieser. „Nach Neuwaldegg hinaus, dort beim Dornbacher Wald, da ist nämlich Weinles', und der Lanner und der Strauß spielen." „Mon Dieu," seufzte Chopin, „der Strauß!" Aber schließlich schlug er ein, weil der Würfel so schön bat und vor allem, well Leopoldin« dabei war. Zu Mittag fuhren die sechs vom Gasthaus „Zur böhmischen Köchin" mit der Post hinaus nach Neuwaldegg, dessen Wälder damals noch nicht in die letzten Gassen der Stadt hineinrauschten, sondern noch ferne von den Basteien und Wällen als grüne Rücken zu sehen waren. Selten waren noch Häuser und Gärten; der Schwager blies und es war eine lustig« Fahrt. Im Dornbacher Wald, der noch viel schöner war als heute, „Gruh, Karl!" Das mar alles! nürrifch." Die weißen Handschuhe. Eine hexische Dorfgeschichte. Von Wilhelm Philipps. aber er hielt zu, die ihr an Karl überfeinen feubalen Anzug, was? Lauter neue »roaen ,u^^n^- nn6 bezogen. Überhaupt Berlin! Hier keenc Ahnunk mch von ^eir, Jroßstadt!" „Und Handschuhe?" kam es von Linas Lippen. ^uitke'" „Ohne die seht teen Jardejrenadier Sonntags zu die Mu, t . so recht. Alles ging ihm zu langsam, er zahlte die L,age bis zu seiner Abreise. Warum hatte man sich auch kürzlich nicht dazu entschlossen, den Betrieb mit Dampfkraft zu führen? Lina hatte wohl das finnige Plätschern in den Äadfchaufeln gerne und das verträumte Klappern, das aus dem mehlbestaubten Wahlraum durch Gänge und Zimmer melancholisch und in unaufhörlich gleichmäßigem Rhythmus hämmerte. Rückständige Wirtschaft, die! — Wie Trommelwirbel mutzte das dröhnen unter dem Zischen und Pusten des Dampfkessels. Ueber- haupt Lina! Es lehnte sich mehr und mehr etwas gegen sie auf in ihm; es trat etwas zwischen sie. worüber Karl sich nicht recht ins Klare kommen konnte, was diesen Gegenden fremd und unbekannt war und den Menschen, die sie ihre Heimat nannten; wovon er selbst nur ins Blaue hinein träumte: die Welt da draußen, meilenfern! Am Abend vor dem Abschied aus der Mühle saß man wieder in dem Burschen- und Mädchenzimmer zur Seite des Saales; wieder wiegte der buckelige Hannes sein geduldsames Instrument aus dem Knie, und der Dreher schürfte wieder über den rauhen Boden. Die Schoppen kreisten, und kecke Lieder drangen hinunter auf die Dorfstraße zu der Bank vor Linas Haus, auf der einige Alte faßen und sich von ihrer Militarzeit erzählten; drangen herausfordernd auch an Linas kleines Fenster und verschafften sich rücksichtslos Einlaß durch Scheiben und Vorhang, Lina hatte es nur schwer über's Herz bringen können, mit Karl, der sie vorhin kurz gefragt, zu dem Rekrutenabschied zu gehen. Sie waren Sonntags noch immer zusammengewefen mit den anderen und hatten sich beim Abendläuten mit einem kurzen Gruß getrennt; aber der Gruß klang ihr immer kälter und fremder. Müllers Karl war nicht mehr der alte, treuherzige, biedere Junge; sein letzter Händedruck war nichtssagend, weich und gleitend trotz der harten schwieligen Hand. Er hatte ihr zusetzen müssen, mitzukommen. „Sah ein Knab ein Röslein stehn . . . langen sie; das war das Lied des Abschieds! „Und der wilde Knabe brach 's Roslein auf der Heiden! — Vor Kummer krampfte sich ihr das Herz zusammen. Sie durste es naC$3o4en fib Monate darnach lAgmgcn. ote nueÖOe" Ha^krn tat« und den Fastnachtsabend des Gesangvereins, obwohl , Karls Eltern ih/geschickt hatten; sie ging dem Fragen ihrer Angehörigen und der Freundinnen aus dem Weg, die schon zu munkeln anfingen wegen ihrer sonderbaren Zurückgezogenheit. Was sie arbeitete, tat s'egew'senhaft und Lerne- sprach mit ihren Leuten von der kommenden Feldbestellung und dem N uanstrich von Haus und Scheuer, der bis zu den Ostern v° genommen sein sollte. Kurz vor dem Osterfeste kam unerwartet eine dntte Nachricht von Berlin, in der Karl mitteilte, daß er zu den Feiertagen Urlaub erhalten hätte und sich aus die Gesichter der BEriidahem freute, wenn er als Gardegrenadier den Weg durchs Dors zur Muyie g y Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von Karls Aukunj im Dörfihen. Sein erster Gang führte ihn M dems reundlich uberd^n, reich geschnitzten Hostor, durch das seine drei sparlichen Karten geimg worden waren. Lina kam ihm halbwegs entgegen, blieb aber iiö rafdit sa enttäuscht stehen, als sie Karl in strammer Haltung, faf größer als st- L in der Erinnerung hatte, in einer funMnagetneinn Uniform mit bebuschtem Helm vor sich sah. Und was hob sich da ! .^ von seinen Händen ab? Weihe, bleirdendweihe Handschuhe trug-r W Fürst kam er ihr vor. Er legte die rechte Mand an den Hel.n, n^ an die Hosennaht und rührte erst, als Lina ihm »hre e n \ i __ einmal mit der Schürze abgewischte Rechte entgegeiihielll Er erg ff Qq5 Hand lag in Hand! Aber was war das? Em ganz ®et7ehemen war Karls Hand nicht mehr, sie spurte nichts i^ber losmachen; Haut; sanft und weich mutete es sie an. Sie wollte sich wieder-1 - , und sie starrte von neuem auf die weißen tzanvs - so fremd und unverständlich waren: er kani w Handschuhen. „Ra,, Steene,jü^je^U? rtaub nicht merken lassen. Sie hatte sich nicht getäu|cht; zwei Postkarten waren m der Zeit zwischen Oktober und Weihnachten vom Briestrager mit einem sonderbaren Blick in ihrem Hause abgegeben worden. Stolze Gebäude waren darauf abgebildet mit ungewohnt hohen Fenstern imd gebieterstchen Säulen an der Vorderseite. Auf der breiten Straße zogen unzählige Menschen in dichtem Gedränge beiderseits neben der in Parade ausmarschie- rcnben Truppe her, an der Spitze die Musik! „Die Wachtparade vor dem Schloß", so sagte eine vornehme Zeile in fremden Buchstaben unter dem Bilde Und was stand sonst zu lesen? — „Gruß, Karl!" Das mar alles! Lina genügte «s; was durfte sie mehr erwarten? Sie hatte ihm jedesmal geantwortet, erzählt von daheim: daß der alte „Schmidts Schorch" gestorben wäre, der die Mullerpferde lahrzehnte- long beschlagen und das Geschirr in Ordnung gehalten hatte; daß die „Mehlgatz" eben die Dampfmaschine hatte und verschiedene Mehlgass" kürzlich mit anderen Dorsbewohnern sich nach einem Herzhasten -Sort- wechsel geprügelt hätten, weil sie zu Unrecht als die letzten an die Reche gekommen wären; daß „Hainbuche Gustav vom Militär entlass n - den wäre wegen einer schweren Lungenentzündung, und daß sie sich gut ben Tag freute, an dem er einmal auf Urlaub käme, und wann das wäre. Davon stand auch aus der zweiten Karte kein Wort, die lange, lange aus sich hatte warten lassen. Schon eine Andeutung hatte ihr gerade an Weihnachten so gut getan; dann hätte auch sie ihre Fefttagsfreude gehabt wie die anderen, deren Soldaten restlos in Urlaub waren. Sie ging S an den Feiertagen nicht mit dem Volk. Am Christabend war sie n der Kirche; hörte eine Predigt von dem aus der Finsternis erlösenden Licht und von der Liebe unter den Menschen, die in Liebe schenkt und hingibt, um wieder Siebe zu ernten; vergaß bei einem Krippen Piel, das die Schuljugend am Altar ausführte, ihren Herzenskummer und verlor s <) dann wieder mitsamt ihrem sehnsüchtigen Schmerz und wehen Lech ,n dem Lichterglanz des bis zur D°cke d-m Kirchleins ravenden tveiy (Schluß.) Das lag alles weit, weit dahinten! Wie das Wasser in der breiten Abflußrinne ihm zu Füßen, so jagte ihm das sonst sosHw^ ^lut Lurch die Adem, trieb fein Sehnen und Suchen hinaus in di« Welt, in mibekanntes Land, zu neuen Menschen. Auf drei Jahre fort aus Der langweiligen Einsamkeit des Mühlbaches und oem ihm bald unerträglichen Frieden des Dorfes, und hinein m das wild bewegte Leben und Treiben der unermeßlich weiten, ruhelosen Stadt. Sie warm Freunde geworden: er und das stürmende freiheitfuchende heimatlose Wasser. In seinem Innersten hatte er sich schon losgelost von seinem ihm vordem unmtbehrlichen AUtagshandwerk und sich aewandt nach einer zwar ungewissen, deshalb aber um so rnz- ra Zukunft. Es war ihm manchmal, wenn er so dem Wasser die Bahn freimachte, als ob der Dodm unter ihm toegglitte und ihn unter Hohn und Spott als säumige Schlafmuhe zurücklwße Lind weih der Teufel: die harte Arbeit auf dem Fruchtboden imd das stete Einerlei am Mehlkasten schmeckte tatsächlich nicht mehr ahmen sie wackeren. Vorne Chopin, Würfel und der Kreuzer, dahinter N Fraulein Leopoldine, Meyseber und die Kreuzerin. Die drei Musiei vorne taten weiblich fachsimpeln und erzählten einander eine Sütnbe lang uon Kontrapunkt und Instrumentation. Die drei dahinter sprachen wenig Besonbers die schöne Leopolbine schwieg beharrlich, bis es ihr endlich an einer Waldbrücke gelang, an die Seite Chopins zu gelangen und Würfel und Kreuzer zu verdrängen. Da mürbe sie auf einmal gesprächig. So gegen drei Uhr begann die Weinlese, und em lustiges Volk Der« sammelte sich unter den reifen Reben. An jenem Nachmittage wurde viel gelacht' und gesungen auf diesen Hangen voll Sonne. Als dann dl Winzer die Reben über die Hügel heimtrugen, von denen d,e ferne Stadt mit ihren Wällen und Türmen nur mehr als Meines Spielzeug zu sehen mar manberte hinter ihnen- ein endloser Zug lustiger Leute durcy die Gärten in denen das Obst leuchtete und dustete, und durch die kleinen Gäßchen hinunter zum Dorf. In einem Wirtsgarten voll gelber Kastanien, der am Berghange lag, ergoß sich der Menschenschmarm. Der Wirt lachte und buckelte vergnügt, als er das freundliche Verhängnis nahen sah. Die musikalischen sechs, Frau Kreuzer mar es nämlich auch, ließen sichs an einem Tisch ein wenig abseits von den übrigen, nieder. Auf der einen Seite saß die Kreuzerin, rechts von ihr Würfel, links ber Meyfeder, auf ber andern Leopolbine zwischen Kreuzer und Chopin. Die sonne ging unter und ihr letztes Licht fiel über die Weingarten, über die roten Dächer in den stillen Garten. Ein paar Sonnenflecken zuckten noch aus Bänken Bäumen und lachenden Gesichtern. Dann verblaßten sie auch, uni) es war ein Abend voll Duft. Vorerst aß man redlich, ®emle|e-arbett macht hungrig, dann floh der milde Wein, ber rings um die singende Stabt reist, in goldenen Strömen. So wartete man, bis bie Geiger kamen. Ws es vom Kirchturme acht schlug, ba jtiurf)3te unter emem bre!teri Baume ein Geigenstrich auf, und ein narrischer Walzer jubilierte durch Garten Menschen und Mondenschein. Die Leute sangen nut, und es war ein attes Stück Wien, das sich dort an jenem Weinleseabend zusammenfügte. Auch die Freunde summten und, o Wunder, auch Chopin trällerte indes Leopolbine mit ihren allerliebsten Füßen den Tanz markierte. Als das Tanzlied zu Ende war, da sah der junge Pole Leopolbine so seltsam an, sprang auf, rannte auf den Sanner zu und fagte. „Sitte, die Violine!" Der war darüber so erstaunt, daß er sie dem Meister, den er nicht kannte, ganz ohne Frage gab. Chopin aber lehnte sich an den Stamm des Baumes und sah wild und feurig aus, als der Schein der Windlichter auf ihn fiel. Er begann. — Biele hatten den Austritt nicht aefeben unb schauten auf, als urplötzlich eine schwermütige, wunderschöne We durch den Abend bebte. Hat damals keiner geahnt, daß es .Chopins schönstes Notturno war, das da zu den Sternen klang. Dann auf einmal ein jubelnder Geigenruf und ein Walzer, den keiner noch gehört, sprang schleifend über die weinsrohen Leutchen. Da und dort erhob sich ein Saat lum Tanze und im Nu walzt alt und jung im Mondenschein. Selbst Herr ’Bürfel Ä fff solo imKreije herum, bis die Leopoldine sich einer erbarmte. Dann noch ein schmeichelndes Streschen, und die Musik erlosch. Da erkannte einer den Meister und rief jauchzend: „BravoChopm! Nun ging's los. Der alte Würfel kam über die Tische und Stuhle gesprungen und es war ein Wunder, daß sie den Chopin am Leben ließen. - -9- Ms der Meister zu seinem Tische zurückkehrte,«da, war daserfte, daß der Kreuzer fragte: „Von wem ist der Walzer? und Chopin erwiderte sehr verlegen und ganz weinerlich: „Bon mir! — — der Würfel ein so begeistertes „Jeffas" hervor, wie er noch me feinem aansen Leben keines hervorgebracht hatte, und begann dann eine Rede, Re schon sehr nach Wein und Traubeninost schmeckte. Als er zu Ende mar, geschah es das zweite Mal, daß die Wiener den Chopin auf den Schultern trugen. Da er wieder am Boden stand, sagte die schone Leopol- dine ganz leise: „Chopin" und bann nach einer Weile: „Das haben Sie mir zulieb' getan!" Es°wurb?Mt, als man Ausbruch. Kreuzer, seine Fram Meyseber und Würfel gingen voran, die anderen Gäste solgten mit Fackeln und Wmd- lichtern. Chopin und Seopoldine waren die letzten. Am Gartenzaune sagte die schöne Leopoldine noch einmal „Chopin! und da war s inber Gartentür, daß sie sich küßten. Als sie.wieder aufsahen waren d,e Gaste längst verschwunden, nur ein paar Lichter tanzten noch in den Weingärten, ein Lied klang herüber und dazwischen bebte leise em Walzer: Strauß und Lanner führten den Zug. Zwei Tage darauf gab ber Meister wieder ein Konzert, diesmal auch mit einem Notturno, und die „Wiener ^!.lung" schrieb: »Http Cbopm spielte gestern noch talentierter -.wenn s möglich ist — aber sicherlich mel inniger und wir möchten sagen, sündhaft schon. Der aber schrieb an seinen Titus: »Strauß und Sanner geigen n ch immer. Eine merkwürdige Musik, dieser Wiener Walzer, er macht einen ihm. Aus Verhalten mar es still; sie hatte bei dem ersten Erfttmnen ihrer Umgebung das ihr nicht unbemerkt bleiben konnte — ihre Nachbarin hatte sie noch angestoßen — eigentlich unabsichtlich, ja unbewußt nach der Seite gesehen und die weißen Handschuhe einen Augenblick nur ivahr- aenommen um sich sofort wieder in ihr Gesangbuch zu vertiefen und nach dem ungeschriebenen Lied zu blättern. Das war ihr Karl mcht mehr, der vaßie nicht ins Dors. Was brauchte der sie mit Handschuhen zu begrüßen So waren die Städter; die trugen solche ausfallenden, unnötigen linse die einem natürlichen ländlichen Empfinden lächerlich vorkommen bürte und wie das schon immer gewefen. -uns woitesyau» unu in einer 'Reihe saßen die eckigen Gestalten mit den bunten Namenszügen nch Regiment-nummern - ging'kurz vor dem Vorspiel die Türe noch einmal auf und „Müllersch" kamen herein. Sie hatten den weitesten Weg und wußten der Pfarrer wartete nach dem Läuten noch em paar Minuten. Alles wandte die Köpfe nach dem Mittelgang; es war ein feiner Triumphzug für den Gardegrenadier, als er sich nach der Lank begab, in der seine Kameraden schon zusammengeruckt ^ren, um ihm den Eckplatz freizumachen. Ein Gemurmel ging durch die schwarzen Reihen, hie und da reckte noch eine besonders Neugierige den Kopf, -tie Manner auf der Orgelbühne lehnten über die Brüstung und sahen nur den einen, der eben den spiegelblanken Helm vor sich auf das Geiangbuchbrett stell e und die weißen Handschuhe von den Fingern streifte, um sie quer in die mbesstn'tiche, die gingen nef und verwundeten unfagbar cu^^n we tzen Wdschühen ging er immer mitten unter den zahllosen $to rJL„ md dann die Andeutung mit der Musik am Sonntag! Karl B&erte brauf 6a§ es nur fo eine Art 'hatte. Wahrhaft g er schwadron geworden! Lina war einen Augenblick rote betäubt; die Umstellenden aber9 fühlten sich wachsen mit den lebhaften Schilderungen vm Bettln, seinen Straßen und Menschen, bei benen es immer ®onn= toq wäre. Das war doch ein Staatsbursche, der Müllersch Karl! Und seine Kameraden, die schon auf Urlaub roaren, gingen em «tück Wegs mit ihm auch de! Ewrn der stmminste Soldat, den das Dorf gestellt; Gartens Otw der Husar war ja auch eine Mordserscheinung, aber her Müllersch Ä f o etSmtte man $t Jahr und Tag nicht ge ehen! Und wo nut innntr die Dorslmie zusammensaßen oder zustimmenstanden, gab es em ®¥^arnVX0mignm9 bie Gemeinde gekommen,. und am nächsten Sonntag ging mancheiner zum Gotteshause, der dort '"bbN leßten Monaten ein seltener Gast gewesen. Es gab was zu sehen! Die Angehung>.n und Verwandten machten mit ihren Urlaubern ötaat, wie sich, da^ ge- das schon immer gewesen. Das Gotteshaus war übervoll; iaßen die eckigen Gestalten mit den bunten Namenszügen in ihren Anfängen geradewegs auf den öteinna icner trunreuen des Gottes Dionysos zurück, die an den Festen bez Gottes, als Böcke verkleidet, in. lärmenden Prozessionen te:nem Heiligtum zogen. In mannigfachen Tiervermummungen finden ich die ch gowegestterten Schwärmer auch in der attischen Komödie, wo sie in höchst origineller Weise vor allem Aristophanes verwendet hat. Em- LL Ner Komödien, die'„Wespen", die „Vögel", dw.„Frösche" haben loao>- ihren Namen von den dort auftretenben Tierchoren erhalten. In dem erstgenannten Stück begleitet ein Chor von Gallwespen bte Hand» ttemr Ä M den „Fröschen", jenem köstlichen Muster einer Literat,ir- komödie umhüpft ein Chor von drolligen Fröschen den Nachen Charons, in dem Dionysos in die Unterwelt fährt. Der Hro;chchor, der;edenfalls m naturgetreuer Vermummung auftrat, hat hier kaum einen anderen Hweck gehabt, als die Zuschauer durch seine „artistischen" Darbietungen in guter Laune zu erhalten: er torkelt in luftigen Sprüngen um den Kahn und sing" dabei ein Charlied mit dem berühmten Refram „Brokekekex keax kear", den Gerhart Hauptmann in der „Versunkenen Gl^e sur feinen Nickelmann verwendet hat. Höheren Sinn gewinnt die Einführung der i Tierwelt in den „Vögeln". In diesem Stuck ziehen bekanntlich zwei mCSatiS' nagelte auf seiner Kammer den Reservistenstock im Kreuz über das Rekrutenrohr mit dem verblaßten und verstaubten Zierat und Mief den W des Gerechten, bis i'hn das Mühlengeklapper weckte. Und heule nach fünfzig Jahren?! 9r1Ut hem Mühlweg und in dem geräumigen Hoi wocylt du. Gr a ban" sich das Mächen lohnte. Die stets gefchlostenen Fiugei des breiten Tmes hängen schläfrig in den rostzerfresfenen, von oturm und Wetter aelockerten ^Angeln. Das Hühnervolk blinzelt vor der halb geöffneten, rolndick e en Haustür nach dem ersten Fenster, dessen gesprungene Scheibe mit einem Papierstreifen überklebt ist. Wallende Spinnweben Men die Ecken unb Winkel; vor der Mühle steht ein kleiner merradnger Manen mit rostroten Reifen, rissigen speichen und angefaulten Rungen, ^r dem dunklen, dumpfen Statt brummt verlassen eine Kuh. Nur das : 6nmmerienfter gähnt nach dem Bache hinunter. Das Rad steht moos- überwuchert mit9 gebrochenen Armen still; lässig rieselt das Wasser an i,eraMnL!n‘fan!erqetttIeinb^ei5; der steife Hut und die weißen Handschuhe^ |SV Än R Opfer ge'faÄn. Der Alte hatte fern langes Leben allein verbringen muffen; es war ihm keine recht ge- te ÄM< SW *» NW ihn wieder zu sich genommen. Der Schauspieler als Tier. Von Dr. Franz Pfeffer. au heu seltsamsten Ausgaben des Schauspielers hat es feit jeher ge- hört auk dem Theater Tiere darzuftellen. Die Geschichte der Tierrolle aber ist fo alt wie die Geschichte des Dramas selbst. Lchon der uralte, primitive Natur - Minus bringt in pantomimischer Darstellung n^ben vbantastischen Gestalten, Geistern und Dämonen mit Vorliebe das Tier oor hie Bühne"' Tiergestalten spielen in diesen ältesten dramatischen Dar stettun gen 'ei ne große Rolle, da sie, von heiliger Weihe und em er ^nmbnlit umkleidet als Träger geheimnisvoller Ncfturkrafte gelten. Als ^er^rekigiös^ernste Charakter des Urdramas burlesker Ausgelasfenheft mar erzielten die Schauspieler durch naturgetreue Tiernach- öhmungen komische Wirkungen, etwa beim Känguruhtanz der Australier oder beim Austreten als quakende Frösche rm alten Mimus. Befoudere Ausgestaltung erstihr jedoch die Tierrolle erst auf der aiti- fcben Bühne. Die Tragödie geht in ihren Anfängen geradewegs auf den Sefana jener trunkenen Verehrer des Gottes Dionysos zurück, die an gelang jener u , „orN»ih»t in lärmenden Prozessionen mUE’m'®erf war er geworden. Wieder regte es sich in ihrer Seele: was war das mit der Musik am Sonntag? Fand man sich da in einem solchen auiammen^ Und mit wem? Hatte Nicht immer die alte Großmutter9 vor der Eitelkeit gewarnt und vor der Gefallsucht? Wüste Bilder von rauchigen, mit wirbelnden Paaren erfüllten Tanzfalen " woher ihr das nur kam? — hasteten an ihrer Seele vorbei; sie muhte den fchweren Kopf zwischen die Hände nehmen, fast schwindelte ihr. Dann wurde sie ruhiger und sah klar: Karl, den sie so herzlich heb gehabt, kam ihr vor wie ein von der Großstadt Angekränkelter. ; Mächtiger regte sich die Abneigung gegen ihn, s'° könn e , ihn .acht mehr achten. Sie'ließ es sich vorerst nicht so sehr anmerken, ging auch am Abend in die „Krone". Aber der Riß war da. Was für Dieben Jüljrte er; und Berlinisch, scheint'-, war es, wie er sprach! Schielte er nicht auch mit verführerischen Augenzwinkern nach der so vornehm ausftafherten Ella vom Hof „Schön-Eichen"? Wohl sah er ihr zur Seiten und suchte ab unb zu nach ihrer Hand; aber jedesmal, wenn er sie gefunden und geatzt hatte, wußte sie sich wieder langfam freizumachen von ihm. Aus einem Händedruck, aus feinen Mienen, aus seinem ganzen Verhalten chloh sie auf einen, mit dem sie nichts gemein haben ^'inte. llnter Scherzen brachte er sie heim; im anderen Arm aber hing die Ella mit dem Pofen Mundwerk, im modischen Gewand, der dic Dorfleute hinter den Gardinen kopfschüttelnd nachfahen, die überdies sich chres Wertes als einzige Tochter eines begüterten Landwirtes voll bewußt war. Sie war auch schon »n der Wett da draußen gewesen! Und als Karl Lina beim Abschied küssen wollte, sie sich aber zur Wehr setzte, da meinte er leichtfertig zu feiner willfährlicheren zweiten Begleiterin. „In -Berlin find die Mädels anders, nich wahr Ella? Das war für ^na genug. Sie entwand sich feinem Arm; einmal hatte sie die Hand mit dem weißen Handschuh gedrückt, vor wenig Tagen bei 6er Ankunft; znm Empfang — und zum Abschied, wie sie letzt es. fühlte, für immer. Den Weg nach Schön-Eichen kannte Karl bald recht genau; er ging ihn in später Nacht vor seiner Abreise in die Garnison und mied sorgfältig das Dorf. Lina wartete nicht mehr auf ihn. Ihre Freundinnen udjten anfänglich sie umzuftimrnen, machten chr sogar Vorwurfe und verlachten sie schließlich. Sie konnte das ertragen. Karls Bild verschwand aus ihrem Ziinmerchen; nur die weiße Rose behielt sie; die trug sie als Begleiterin im Gesangbuch! , Tränen! Die Hoffen reichlich in ihrem mitteilsamen Kämmerlein, das ihre Zuflucht war, unb das auf Trost unb Heilung fann und sie auch für sie and. Den Müllersleuten war es ja unbequem, wenn sie unten am Mühlbach mit dem Rechen in den Wiesen stand ober sich »ur kurzen Ruhe am Bachrand niedergesetzt hatte. Sie wußten, sie war tuchng im Haushalt und im Feld; ihre Eltern als ehrbare, iparamc Leute bekannt und wohl gelitten. Unb sie brachte schon was mit in die Ehe. Aber die Ella mit den feinen Manieren unb der flotten Haartracht, bas war doch auch nicht übel! Unb Kar! als Unteroffizier bei den Alerandern — in wenig Wochen ging er ab — das war soviel wie sonst beim Militär fast ein Offizier. So machten sich die Miillersleute ihre Gedanken, Karl hakte eben recht bei ihnen. . Ella hatte wohl selten ihr Haus betreten; sie war viel auf Reifen, und man kannte sie in der Mühle nur flüchtig. Dennoch war dort mel von ihr bie Rede. In jedem Brief erkundigte sich Karl nach ihr, machte manchesmal ganz bestimmte Dtnbeutungen unb legte einmal ein Lud von sich bei, das die Eltern ihr beim nächsten Bestich geben sollten. Sie war auch vorübergekommen; die Mutter hatte das Bild schnell zur Wb, aber fie brachte es nicht übers Herz, Karls Auftrag auszuftihren. Ella hatte bie Photographie betrachtet, dazu nichts, rem gar »^gesagt; es sWir mit einer lässigen, nebensächlichen Handbewegung au. den Tisch gewor- fen, fo daß Karls Mutter ihren Augen nicht traute. Noch acht Tage nor Karls Entlastung sprach sie in der Muhle vor. Sie kam gerade auf einem Spaziergang vorüber und wollte der Mühle Lebewohl sagen; sie fuhr auf längere Zeit weg zu Verwandten in die Stadt, d»e sie schon vor Monaten zu sich gebeten hätten. Karl lieh sie freundlichst gruhen; er wäre ihr Wer ein famofer Tänzer und netter Gesellschafter m bem oben Dorfe gewesen; ste wünschte ihm eine liebe Frau und Gotte- reichsten Segen! Händedruck! Und fort war sie! mrnn»^-l»tte Sie tänzelte los, war schnell außer sehweite — bte Mullersleute standen 'wie versteinert; sie kamen erst wieder zur Lesmnung, als die Schelle in der Mühle zum Aufschütten bimmelte und bimmelte unb bun- melte So hatten sie an noch keinem Abend beieinander gesessen wie an dleem. Sie redeten kaum miteinander; Ella hatte genug verraten! Zwischendurch fiel auch einmal das Wort Lina! Es war zu spat, ba_> hatt!n sie eVfahren. Die zog in einigen Wochen ins Nachbardorf, um. 9^Ein Unangenehmes stand ihnen noch bevor: wenn Karl heimkäme,' und wie sie ihm das alles beibringen sollten. Und er kam! Im mobernen "ackrock flotten Schlips, mit Manschetten — '.mb weißen Handschuhen, i7uf dem Ohr das steife Hütchen: den beauafteten Refetwistenstock ließ, er mit einer fabelhaften Fertigkeit in den Fingern der Rechten rmid laufen Wußte er Bescheid? Es fchien.fo! Er stülpteumstandttch d,eManschetten mi« unb legte sie mit den Handschuhen au, den Lehn estel am unm. Dann rü(tte9er einen Stuhl an feinen alten Platz am Tisch und Aahtte unb erzählte während des Essens und nachher bis tief mine Nacht hi w ein Viel Lustiges unb Heiteres von Berlin und den letzten Manovetn von fänen Quartieren bei den märkischen Bauern unb den endlosen Seibern unb rmHen Küttrne c5 nichi uerroinben können, so zu fragen Karl lachte halb bitter, halb vergnügt auf; ine hatte er m Den Ettern genügte die Andeutung. Sie fanden m dieser Rachr nut Athener aus, um eine Welt wolkenlosen, ungetrübten Glückes, ein Schlaraffenland zu entdecken. Ihr Ratgeber ist König Tereus, den die Götter in einen Kuckuck verwandelt haben. Die drei beschließen, einen neuen Staat unter den Vögeln zu begründen, der sie selbst zu Beherrschern des Luftozeans und damit der gesamten Götter- und Menschenwett machen soll: Wölkenkuckucksheim lautet der unsterblich gewordene Name dieser „Luftgründung". Bei der Aufführung dieser Komödie bot das attische Theater den bewegten und ungewohnten Anblick eines Vogelkäfigs, denn den girrenden Lockrufen Tereus' folgt eine große Vogelschar, und von allen Seiten kommen bte Vogelschauspieler auf die Bühne „geflattert", „erst einzeln, damit man sie grünblid) bewundern könne, dann in Scharen, bis die Orchestra erfüllt ist von vierundzwanzig hüpsenden, flatternden, schreienden Vögeln, die sich nun in die festen Glieder der Choraufstellung ordnen..Sogar die mannigfachen Vogelstimmen hat Aristophaues in den Liedeinlagen des Stückes naturgetreu nachzuahmen gesucht. Auch im Mithelalter erscheint die Tierrolle hin und wieder auf der Bühne. In Lübeck, wo der berühmte Reinke de Vos, das Urbild von Goethes Tierepos, heimisch ist, hat man die Gestalten dieser Tiersage auch auf das Theater gebracht, wie eine Theaterankündigung „Wie der Löwe vom Throne gestoßen ward" (1447) dartut. In einem Straßburger Spiel erscheint gar Billeams Eselin leibhaftig auf der Bühne. Am englischen Hofe wurde unter Eduard V. ein Stück „Aesops erow" (Aesops Krähe) gegeben, bei dem die Darsteller in Vogelmasken auftraten, und für Fastnacht 1553 war in London die Ausführung einer „masque of cats" (Katzenmaskerade) geplant, die aber wegen Erkrankung des Königs nicht in Szene gehen konnte. Die Schwänze der Katzen aber figurieren noch in den Hofrechnungen. Diese an die Märchenkomödien der Antike anklinge-n- den Vorführungen von „redenden Tieren" wurden damals, wie aus zeitgenössischen Schriften hervorgeht, als etwas völlig Neues .und Ungewohntes empfunden. Aehnlich überglänzt von Märchenzauber wie die aristophanischen Komödien sind aber erst wieder Shakespeares Märchenstücke, wie etwa „Sommernachtstraum" und „Sturm", in denen Meister Zettel mit einem Eselskops elegisch durch den Wald wandelt, Schnack einen furchtbarem Löwen mimt und Geister in Hundegestalt die Menschen schrecken ... Von Shakespeare führt die Entwicklung der Märchenkomödie zu den Romantikern. In den romantischen Märchenstücken, besonders in denen Tiecks, werden altbekannte Tiergestalten aus der Märchenwelt auf die Bühne gebracht. Im „Gestiefelten Kater" läßt gar der Dichter ganze Tier- chöre von Affen, Bären, Elefanten, Löwen, Adlern auftreten und die Titelrolle dieses Stückes ist zweifellos die populärste aller romantischen Tiergestalten auf der Bühne: Hinze, der Kater, der noch 1920 da Publikum zu belustigen verstanden hat, wie die Ausführungen in Berlin und Heidelberg bewiesen. Neben der mehr oder weniger symbolhaften Verwendung von Tier- gestalten auf der Bühne hat aber insbesondere die rein artistisch-akrobatische Seite der Tierdarstellung, die Gewandtheit des Schauspielers, mit der er sich der Mimik des Tieres zu bemächtigen wußte, das Publikum angezogen und begeistert. So parodieren zu Ausgang des 19. Jahrhunderts die Wiener Borstadttheater mit Vorliebe die damals üblichen Hetztheatervorstellungen, bei denen kleinere Tiere durch Raubtiere zu Tode gehetzt und auf offener Bahn erschlagen wurden, durch Tierschauspieler. Witten in irgendeinem Kaiperlstück begann eine pomphafte „Tierhetze" mit Affen, Ochsen, Löwen, Bären, die der Hetzmeister mit Peitschen und Hunden antrieb: wütend mußten die als Tiere verkleideten Schauspieler aufeinander losbeißen, bis einer „tot am Platze blieb". Auch sonst wimmelt es auf den kleineren Bühnen des theaterfreudigen Wiens damals von Tierdarstellern, die den Ausstattungsstücken und Zauberdramen eine besonders originelle Note zu verleihen suchten. Man führte förmlich aristophanische Bogelstücke auf, bei denen es aber in erster Linie auf die Pracht und das Raffinement der prunkvollen Ausstattung ankam. Mit der zunehmenden Ausgestaltung des Menageriewesens zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand vollends eine wahre Manie, wilde Tiere zu spielen. Großen Erfolg hatte in den dreißiger Jahren der „Viehfchau- spieler" Mayrhofer, der mit gleicher Virtuosität Löwen, Leoparden, Wölfe und Hunde spielte. Don seinen Nachahmern war der russische Tänzer Springer am bedeutendsten, der besonders als Affenspieler großen Beifall fand. Die Affenrolle wurde überhaupt bald die am hän- i figsten gespielte Tie rolle. 1825 war in Paris der Tänzer Mazurier als Affe in der Hauptrolle des Spektakelstückes „Joko" ausgetreten, ein paar Jahve später ließ sich Springer das rührselige Affenstück „Demi" auf den Leib schreiben. Den größten Erfolg aber errang der Affenspieler Klischnigg, für den Nestroy u. a. das Stück „Affe und Bräutigam" geschrieben hatte und der in den dreißiger Jahren einen förmlichen Tri- umphzug durch Deutschland hielt. Seltsamerweise ist gerade die Affenrolle in den letzten Jahren zu neuem Leben erwacht in einer Reihe von Affen- stücken, wie in Fauchois' „Der sprechende Affe" und in Vegesacks ,Mann im Käfig", das im Urwald bei den Affen spielt. Auch der von Irland ein- gewanderte amerikanische Dichter Eugene O'Rekll mit seinem Drama „Der haarige Affe" ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Mit solchen und ähnlichen Stücken reicht die Tradition der Affenrolle bis in die Gegenwart hinein. Die Herkunft der Farbe. Von Dr. Robert Pot o n 16, Privatdozenten an der Techn. Hochschule Berlin. Wer wüßte nicht, daß es unserer Damenwelt erst durch die moderne Kohlenforschung möglich geworden ist, sich so recht bunt und farbenfreudig zu kleiden? Wie aber kommt das schwarze Gestein dazu, solche bunten Geheimnisse zu bergen? Diese scheinbar kindliche Frage ist sehr berechtigt. Ich horte einen populär-naturwissenschaftlichen Vortrag, in dem der Red- »er b'? große Skala der dem Steinkohlenteer entstammenden Farbstoffe begeisterte. Er sprach dann auch von den künstlichen Riechstoffen und schließlich sagte er: So sehen wir denn, wie Blumenduft und Farbenpracht des uralten Steinkohlenwaldes durch eine raffiniert» Technik von neuem erwachen. Diese Redewendung muß bei vielen Hörer den Eindruck erweckt haben, als finde die Technik im Stein fohlen, teer noch ganz dieselben Farbstoffe und Riechstoffe vor, die einst de» Blumen des Steinkohlenwaldes eigen gewesen sind. Daß dies nicht der Fall lst, wird man dem vorsichtigen Leser kaum zu sagen brauchen. Allw weltgehende Umsetzungen hat die abgestorbene Pflanzensubstanz bunfc gemacht, ehe sie zur Steinkohle mürbe. Und wer dies nicht glauben will, den braucht der Geologe nur auf die Tatsache Hinweisen, daß es im Stein kohlenwald überhaupt noch gar keine Blumen gegeben hat. Wir kennen aus der Carbonzeit nur unscheinbare Windblüten, die noch nicht so weit waren, die Jnsektenwelt zu ihrer Befruchtung durch Farbenpracht und Blutenduft herbeizulocken. So bleibt es denn für viele eines der wunde» baren Rätsel der Natur und für andere eine schlichte Tatsache: Der Stein- ! kohlenteer liefert Produkte, die die früher gsbräuchlicheki natürlichen Färb- stosfe weit in den Schatten gestellt haben. I Ganz anders lag das vor noch nicht allzu vielen Jahrzehrtten. Da war der Teer nichts als ein lästiges Nebenprodukt der Leuchtgasfabriken Bei der Destillation der Kohle erhielt man nicht nur das gewünschte Gas sondern auch dieses schmierige schwarze Etwas, mit dem man zunächst gar nichts und später nur wenig anzufangen wußte. Erst im Jahre 1856 wurde die erste Anilinfarbe aus dem Steinkohlenteer hergeftellt, und kam unter dem Namen Mauvein in den Handel. Als erster durchschlagender Erfolg hat jedoch die Darstellung des Fuchsins zu gelten. Das ist ein schöner roter Farbstoff. Dann kam das prächtige Anilinblau, Hofmanns violett das Anilinschwarz, das Safranin Perkins und 1864 die ersten Naphthalinfarbstoffe, bis endlich eine unabsehbare Reihe aller Farben- nuancen beisammen war. Einen besonders großen Triumph erlebte die Chemie mit der künstlichen Herstellung des Alizarins und des Indigos, Hierbei wurde so recht klar, daß der Chemiker in der Lage ist, einen Farbstoff in weit ratonetlerer Weise und in einer viel reineren Form her- zuftellen, als dies durch den lebenden Pflanzenkörper geschehen kann. Der Krappbau zur Gewinnung des natürlichen Alizarins bedurfte großer Landflächen, die nun anderen Zwecken zur Verfügung gestellt werden konnten. Auch die indischen Indigokulturen wurden immer überflüssiger, und man konnte vor dem Kriege mit Genugtuung feststellen, daß die Werte, die bis dahin für den teueren Farbstoff ins Ausland gegangen waren, immer mehr im Lande-blieben. Mit der Darstellung des Alizarins war zum ersten Male die vollständige Synchefe eines natürlich vorkommendsn Farbstoffs gelungen. Man ging dabei von dem aus dem Steinkohlenteer bereits bekannten farblosen Kohlenwasserstoff, dem Antracen, aus. So tarn in das bis dahin mehr oder minder übliche Herumprobieren ein neues Prinzip: das der zielbewuhten Synthese der Farbstoffe. Dies war ein großer Fortschritt, größer als jener erste, der einem jungen Chemiker das Glück in die Arme trieb, aus dem farblosen Benzol des Steinkohlenteers den schönen, jetzt als Mauve bezeichneten violetten Farbstoff herzustellen, lind doch war . das Aufsehen bei jener ersten zufälligen Entdeckung begreiflicherweise größer. Stand man doch damals noch ganz auf dem Boden der Anschauung, die Entstehung der Farbstoffe sei eine der schönsten Wirkungen der Lebenskraft. Erst als man sich von derartigen Gedanken losgermigen hatte, vermochte man spätere Fortschritte richtig und höher zu bewerten. So neben der Darstellung des Alizarins das planmäßige Vorwärts- bringen, das schließlich zur technischen Herstellung des Indigos führte. Und das gestaltete sich so. Es gelang zunächst am natürlichen Produkt, den | genauen Aufbau dieses Königs der Farbstoffe zu ergründen, und nun setzte man sich mit größtem Eifer für die Sache ein, und die Erfolge der Chemiker brachten es schließlich mit sich, daß um die Jahrhundertwende ein Produkt auf den Markt gebracht werden konnte, das mit dem natürlichen Indigo in Wettbewerb treten konnte. Wir sind setzt soweit, ungefähr voraussagen zu können, welche Färbung eine organische Verbindung besitzen dürfte, deren Ausbau uns bekannt ist. Schon lange wissen wir, daß die einfachsten der farbigen orzo- nifchen Verbindungen gelbgrün bis gelb sind. Je komplizierter nun die Zusammensetzung der Farbstoffe durch Einführung neuer Gruppen wird, desto mehr geht ihre Färbung aus dem Gelben über Rot, Pupur urJb , Violett in das Blaugrüne über. Vollkommen klar sind wir uns jedoch noch lange nicht. Trotz diesem Prinzip der mannigfaltigsten Abweichungen. Häufig wird den Teerfarbenstoffen der Vorwurf gemacht, sie seien im allgemeinen „unecht". Hierzu ist zu sagen, daß es keinen Farbstoff gibt, der allen „Echtheitsanforderungen" in gleicher Weise entspricht. Dafür gestatten uns die Teerfarbstoffe eine um so bessere Auswahl im Hinblick auf ganz bestimmte Bedürfnisse. Möbelstoffe müssen lichtecht, nicht aber waschecht fein; bei Tischwäsche dagegen wird man weniger auf Licht- als auf Waschechtheit sehen. Für jede Art von Echtheit sind heute Farbstoffe jeden Tones vorhanden, und dies weit billiger in der Erzeugung als die „natürlichen" Farbstoffe. Zudem gibt es sehr wohl künstliche Farbstoffe, die sogar noch weit echter sind als die natürlichen. Die Herstellung von weniger echten Färbungen bleibt dennoch für billiges Gewebe usw. notwendig, weil sich echte Farbstoffe meist teurer Herstellen und schwieriger auffärben lassen. Doch zurück zu unserem Ausgangspunkte. Der Chemiker hat es also nicht so leicht, wie es die Worte des Redners vermuten liehen, die ich vorhin erwähnt habe. Keineswegs liefert uns der Steinkohlenteer fertige Farbstoffe, die man nur auf mehr oder minder mühselige Weise von der schwarzen „Mutterlauge" zu trennen Hai. Der Teer gibt uns nur die Bausteine, die zum größten Teil noch weit von dem entfernt sind, was sie unter den Händen des Chemikers werden. Und wenn bann der Erforscher der Vorwelt die wunderbaren Fortschritte der Farbenindustrie überblickt, bann kann er nicht anders, als zugeben, Herr hat der Chemiker weit mehr geleistet, als der alte Steinkohlenwald es je vermochte. Zwar hat die wunderbare Vegetation von Farnen, Barlapp- bäumen und Riesenschachtelhalmen ihm die Bausteine für sein Werk geliefert, er hat aber unendlich viel mehr aus diesen Bausteinen gemnaji, als die Pflanzen der Vorzeit es je gekonnt haben. verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Truck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch-- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Erz Sta Iah Es Sek wie Bill grä Roc Bin Sei mit mit wid Ian Fie wvl zu -das mit reg Sei Sri teir Hai der an sp« tag Sri ,;bc kän bre gro Ku sah bas Se vol Fn De bai sch an dn