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An jenes Waldes Enden, Wo still der Weiher liegt Und längs den Fichtenwänden Sich lind Gemurmel wiegt: Wo in der Sonnenhelle, So matt und falt sie ist. Doch immerfort die Welle Das Ufer flimmernd küßt: Da weiß ich, schön zum Malen, Noch eine schmale Schlucht, Wo all die kleinen Strahlen Sich fangen in der Bucht. Ein trocken, windstill Eckchen, Und so an Grüne reich, Daß auf dem ganzen Fleckchen Mich krankt kein dürrer Zweig. Will ich den Mantel dichte Nun legen übers Moos, Mich lehnen an die Fichte Und dann auf meinen Schoß Gezweig und Kräuter breiten. So gut ich's finden mag: Wer will mir's übel deuten, Spiel' ich den Sommertag? Will nicht die Grille hallen, So säuselt doch das Ried; Sind stumm die Nachtigallen, So sing' ich selbst ein Lied. Und hat Natur zum Feste Nur wenig dargebracht: Die Lust ist stets die beste, Die man sich selber marin. 3m Turm Lsr Annette von Drofts-ZMshoff. Von Elle^r M i 11 r u p. Wir entnehmen diese Darstellung dem inhaltsreichen Februar- Heft der „Vierteljahrsblätter" des Volksverbandes der Bücherfreunde in Berlin. Das Jahr 1841 geht zur Neige, als Annette von Droste-Hulshoff zum erstenmal nach ihres Schwagers Lahberg altem Schloß in Meersburg am Bodensee reist, und jener schöne Winter beginnt, der die Dichterin zum Höhepunkt ihres Schaffens führt. In dem gewaltigen Schloß, „wo sich die wenigen Bewohner darin verlieren wie einzelne Fliegen", hat Annett« sich den entlegensten Winkel zum Arbeiten ausgesucht: einen altersgrauen, sagenhaften Turm. Er ist ganz nach ihrem Gefchmack — eher die Klause eines Eremiten als ein Damenzimmerchen — wie sie sagt: „einsam, graulich, heimliche «Stiegen in den Mauern, Fensterscheiben mit Sprüchen von Gefangenen eingeschnitten, eine eiserne Tür, die zu Gewölben führt, wo es nachts klirrt und rasselt und drinnen mein lieber, warmer Ösen — mein guter, großer Tisch mit allem darauf, was mein Herz verlangt, Bücher, Schreibereien und Mineralien . . ." Oh, alles, was ihr Herz verlangt, hat Annette in diesem Winter auf dem Schloß beisammen. Ihr junger Freund Levin Schücking weilt dort als Bibliothekar Lahbergs. Täglich sieht sie ihn und genießt die Teilnahme des einzigen, der sie ganz erkannt hat und versteht. Zaghaft löst sich aus dem Mantel ihrer Freundschaft eine überaus zarte und schwermütige Liebe und überschüttet die Dichterin mit ihren Blüten. Eines Morgens: Annette und Levin sind zum erstenmal allein beisammen. Auf dem Tisch vor ihnen liegen unzählige kleine Zettel, An- nettes liebliche Manuskripte, sie sind durchblättert und durchlesen. Er» mnerungen und Scherze, unendlich viele Fragen und Antworten sind aus» geiM^. Jetzt wird mit gesammeltem Ernst von dichterischen Plänen gesprochen und Vollendetes kritisiert, wobei sie oft hart aneinander gc- raten. Levin, entzückt von der zarten lyrischen Stimmung, die Annettes Gegenwart um sie beide zaubert, heißt sie Gedichte schreiben, da ihr wertvollstes Schaffen in der Lyrik liege; die Stimmungen dazu möge Ü5,Zeduldig erwarten „wie ein gutes Weinjahr". Annette lächelt schel- misri) und selbstbewußt. Nein, sie wird einen ganzen Band Gedichte in , Monaten, schreiben, versetzt sie ihm. Ein wenig schulmeisterlich widerspricht Schücking. Sie beharrt auf der Behauptung und treibt ihn m W«tte. Sodann eilt sie in den Turm hinauf, um sofort mit den Gedichten zu beginnen. Seltsam nimmt sich die zarte Gestalt zwischen dem groben Gemäuer der schmucklosen Turmstube aus. Hier herrscht nicht die Poesie der schönen Dinge, . die sich dem Ange aufdringlich einschmeichelt, aber hier sind Freunde eines poetischen Herzens daheim: uralte Steine erzählen, was sie sahen, sagenhafte Gewölbe locken durch die Tür, die hier mündet, in ihre Geheimnisse; die eingeschnittenen Worte der Gefangenen enthüllen aphoristisch unendliche Qualen — alles veranlaßt zum Träumen in die Vergangenheit zurück. Die toten Dinge saugen die Phantasie de« Träumenden gleichsam auf, werden lebendig und beginnen, Gestalt gewordene Wesen, dem Lauschenden ins Ohr zu flüstern. Jetzt schüttelt Annette die bunte Schar vertranter Gespenster von sich lind denkt an Levin. Oh. sie wird die Wette gewinnen. — Was ist es, das sie fe sicher macht? So reich? So zur Königin ihrer Gefühle und Stimmungen, die ihrem Wink gehorchen sollen wie blinde Sklaven? Die Siebe und immer wieder die Liebe! — Drunten glitzert der Nihige See, bewacht von den greisen. Bergriesen der Alpen. Sin seinen Ufern pressen die Häuser ihren Leib fest an die Erde, als feien sie der liebenswürdigen Laune de» schimmernden Gesellen nicht ganz gewiß. Annette ist zu wach, um sich jetzt Dem Zauder der Landschaft hinzugeben. — In schlummernder Unbewußt- Heck hatte ihre Seele verharrt wie die Natur selbst; die dichterische Vision ■ blühte so selbstverständlich auf wie die Blume, beide von der Erde ge» i "ährt. Nun aber hatte die Liebe alle schlummernden Kräfte geweckt, „Ge- , danken und Bilder pochen ihr ordentliri, gegen den Hirnschädel und ! wollen mit Gewalt ans Licht." Jetzt träumt ein Bild sich langsam durch ' den chaotischen Liebes- und Schaffensjubel hindurch, und die^Feder eilt über das Papier, es festzuhalten: „Wie war mein Dasein abgeschlossen, Als ich im grünumhegten Haus Durch Lerchenschlag und Flchtensprossen Noch träumt’ in den Azur hinaus! .,. Verschlossen blieb ich, eingeschlossen In meiner Träume Zaubernirm. Die Blitze waren mir Genossen Und Liebesstimme mir der Sturm ... Wie ist das anders nun geworden. Seit ich ins Säuge dir geblickt. Wie ist nun jeder Welle Borden Ein Menschenbildnis eingedrückt! .. Entzünden möcht' ich alle Kerzen - Und rufen jeden! müden «Sein: Aus ist mein Paradies im Herzen, Zieht alle, alle nun hinein!" Bereits am Nachmittag lieft Annette ihrer Schwester und Levin da» erste Gedicht vor. Diesem ersten folgen Tag auf Tag neue Gedichte, und Schuckings lehrhafte Behauptung erhält ihre „wohlausgemeffene und verdiente Züchtigung". In der Einsamkeit der Turmstube Annettes enthüllt sich ihr reiches Herz — nicht in schwärmerischer Hingabe an den geliebten Menschen, nur mehr noch reift die Liebe sie für ihre Bestimmung. Seltsam ist es, sehr seltsam für eine Frau, daß — ihr liebendes Herz sich nicht aus« beichtet. Gewiß mußte Annette ihre Liebe vor den Verwandten geheim halten — aber ein dichterischer Wille kümmert sich nicht um solche Rücksichten. Nicht unmittelbar die Liebe singt Vers um Vers in schier unendlicher Reihenfolge, die Dichterin hebt aus der vagen Sphäre des Nur- gesühlten ihre wundervollen Bilder und schmelzt sie um zu jener Plastik, die ihre Dichtungen so lebendig macht. Doch geheimnisvoll glüht noch aus den Versen die Kraft, die Annette beschwingte, als sie entstanden, und teilt sich dem Lesenden und Lauschenden mit Im Jubel des Schaffens denkt die Droste manchmal an die Trennung von Schücking, sogleich ermuntert sie ihr trauerndes Herz mit dem „Carpe diem" — dem Carpe diem, das die Wände des Turms Tag für Tag zu wiederholen scheinen — dem Carpe diem, das mahnen« über ihrem ganzen kurzen Glücke steht. „Oh, nur, wer ernst und fest die Stund' ergreift, Den Kranz ihr von den bleichen Locken streift, Dem spendet willig sie die reichste Beute." Das hat die Diristerin erfahren. Schücking verläßt im Frühjahr 1842 die Meersburg, um eine Erzieherstelle anzunehmen. Die Droste bleibt „todbetrübt" zurück. Zusammengekrümmt liegt sie auf ihrem Kanapee „wie ein Igel", Ser sich gegen jede Annäherung mit gestreckten Stacheln wehrt. Sie dämmert dahin durch lange Tage und Nächte. Ihre Liebe ahnt den Schmerz und ist ihm schon preisgegeben, ehe das Leben ihn schickt. Still gleitet ihre ©eele und klaglos durch die Gefilde des Leids, dem «Schicksal um viele «Schritte voraus. Als es ihr den Schmerz bringt, deckt schon ein mütterliches Lächeln feinen Schleier schützend über ihre Liebe. Mütterlich bleibt ein wie ichmal ein gutes Stück mit Fuhrleuten für Geschichten erzählt, denn ich wutzte gut, ... So w«r ich die längste Zeit in Luzern gewesen. Das Frauenzimmer hieß namens Agathe, aber man rief ihr bloß immer Ageli, aber ich konnte ja doch nicht heiraten und geriet in eine Traurigkeit. Da ich nichts mehr gut machen konnte, mochte ich sie gar nimmer sehen und flüchtete vor ihr. Sie stand aber jeden Abend nahe bei der Werkstatt, und einmal ging ich mit ihr spazieren und wir standen beide unter einem schrägen Nußbaum an dem Waldstatter See. Hinter dem mächtigen Wasser stieg der große Rigiberg herauf und alles war herrlich zu sehen, mancher zahlt gern Geld dafür, auch Böte im Wasser und große Kähne, die dreißig Schuh lang und wohl mehr. Dennoch war es mir traurig, denn die Ageli weinte schier ohne Unterlaß und sagte: Ich wollt, ich läg im See und du auch! In derselben Zeit war mir sonderbar ums Herz. Wenn ich reden Tag die großen Berge und das viele Wasser sah, verlor ich ganz die Augen in die Ferne und mir schien, daß überall noch ein gutes Stuck Welt für mich übrig fei. In Luzern hatte ich auch bester Französisch Erdbeben in Deutschland. Bon Universitätsprofessor vr. August S i e b er g , Regierungsrat bei der Reichsanstalt für Erdbebenforschung m yeno. Im Vergleich mit den eigentlichen Erdbebenländern, beispiel-weisk schon Italien, nimmt Deutschland für gewöhnlich eine bescheidene Stellung ein. Trotzdem fehlt es nicht an Zeiten recht lebhafter Erdbebentätigkeit, wobei es nicht nur zu sehr «"sgebreiteten, sondern auch zu zerstörenden Beben kommt. Eine ganze Reihe von Beben, welche d- Be chädigung und den Einsturz zahlreicher Gebäude verursachten, ver einzeli auch' Menschen erschlugen und die betroffene Bevölkerung lange Feit in Aufregung erhielten, sind -uns schon aus den beiden leWi Aabrbunderten bekannt. Im Jahresdurchschnitt darf man für Deutsch land auf etwa 20 bis 30 Erdbeben rechnen. Allerdings treten zu Zeiten in bestimmten Gegenden monatelang, >a iahrelang bauernde Beben schwärme mit Hunderten, mitunter sogar mehr als tausend Emzelstobe auf. Beschränkt bleibt die Bebentätigkeit fast ganz auf die Mittelgebirgs länder West-, Süd- und Mitteldeutschland, wo zerbrochene Erdrinden teile abwechselnd als Hoch- und Tiefschollen zutage treten, wahrend d» norddeutsche Niederung so gut wie bebenfrei ist. Ihrer Ursache nach ge hört die Nrwieaende' Zahl dieser Beben zu den Dislokatiomsbeben ote tektonischen Neben d. h. st« treten als unzertrennliche Begleiter vs Störungen (Dislokationen) des Schichtbaus (Tektonik) inder spröde Gesteinsrinde der Erde auf zum Ausgleich von reifen Spannungen, o nornebmlich durch die gleichen geologischen Kräfte erzeugt roerbcn, bie Gebirge geschaffen haben. Schwache Lokalbeben sind manchmal $ EinskurzLV bür» bas natürlicher Hohlräume. Damit dürfen die erdbebenahnlichen. m, nungen nicht verwechselt werden, die rn BergweAsgegenden benn 3 bruchgehen von Stollen und Strecken zur Beobachtung gela g • ständig fehlen jedoch vulkanische Erdbeben, trotz brr verschied sä wä5«» »Sin ättÄt U. «g gebirges in Zusammenhang stehen. Zu Rerchenhall hat es am vember 1910 ein Einsturzbeben gegeben. ^.„ahiirf^anerif^“ Sm vorgelagerten Schwemmlanddeckeri der ^chmcrb >z ) . -a, Hochebene entstehen hin und wieder schwache Dodeubewegungeng falls infolge des langsamen Vorruckens der Alpen, deffen 9gat)r den Messungen des Münchener Geodäten M. Schmidt hier hundert etwa ein Viertelmeter Vorschub unter gleichzeit g gelernt, weil zwei Geiiser mit mir eingestellt waren. Ich hörte sagen, J..i deutscher Sattlergesell findet in jedem Land ober Weltteil leichtlich fein Brot, und beschloß, mehr und mehr den Berliner zu packen. Mit der Agathe gab es eine große Not, und wir weinten alle zwei beide die kleinen Kinderlein. Auch mußte ich ihr fast alles Geld geben. Da hörte ich, daß in Mailand viel Arbeit sei, und zwei Bekannte von mir wollten hin machen. Davon lehnte einer mir sieben Franken und auch der Meister gab mir ein bares Geschenk, zwar war es wenig. Wir fuhren über den langen See bis an fein Ende, wo immer mehr Berge nach Art von allmächtigen Mauern kamen, daß mir Angst wurde. Wenigstens hatten wir gutes Wetter. Und obwohl ich des Tags acht Stunden vermag, waren die Strählein in dem Gebirge elend hart und fielen mir so sauer, daß ich jede Nacht wie eine Leiche dalag. Das erbarmte die andern, und wir fuhren manchmal ein gutes Stück mit Fuhrleuten für wenig Geld. Da hab« ich viel Geschichten erzählt, denn ich wutzte gut, datz die Fuhrleute auf ihrer langen, stillen Fahrt eine gute Gesellschaft so gut brauchen können als Bier und Tabak. Sie schenkten mir außer dem Mitfahren oft einen halben Schoppen oder eine von ihren Zigarren, die innen Stroh haben und unmenschliche lange Stengel sind, davon mir zweimal bitter übel wurde. Auf eine solche Art zwangen wir den St. Gotthardt, und bald darauf fing ein Welschen an, daß mir Hören und Sehen vergehen wollte. Unser gutes, sauer erlerntes Französisch war nicht besser, als wenn wir Böhmisch gesprochen hatten, «onst waren zwar die Leute geizig, aber vergnügt und gut; nur durften wir nichts von ihnen haben wollen. Da gab es manche Not, und unser Kleingeld ging nah beieinander. Auch siel mir nun freilich ein, was nur der gelbe Friedel seinerzeit gesagt hatte, nämlich, daß dieses Italien für uns Kunden das allerschlechteste Land auf der Welt fei. Wie sollte das werden? Denn wir waren noch immer in der Schweiz, und das teleni) mit den Italienerleuten fing schon an. Wenn nicht die Poststellen mit den vielen Reisenden gewesen wären, hätte uns bald der leidige Hunger geplagt. Lieber Gott, da stahl ich denn einmal, drunten im Weirüand eine lange Jtalienerwurst, die hart und salzig sind, und man kann sie ein Jahr lang haben. Fängt einer von den Kameraden zu raionnieren an, sagte, er fresse nichts Gestohlenes, und ich möge an meiner langen Wurst ersticken, wenn ich sie nicht wieder zurückbringe. Das ging aber nicht, und so versöhnten wir uns wieder miteinander; er fraß aber nichts davon. Und mich wollte nachher der Durst schier umbringen; denn das Zeug war heillos gesalzen, daß ich immer wieder aus dem großen kalten Dache trinken mutzte, und ein furchtbares Bauchgrimmen bekam. Es kam von dem kalten Waffer her, aber der andere sagte immer, das kommt von der gestohlenen Wurst. Gingen eine lange Zeit, da kamen wir nach Lugano, wo wiederum ein großes, blaues Gewässer war, viele Schifflein und Hotels, ein schlechter Ort für arme Kunden. Und daselbst bekam ich Streit mit meinen Kameraden, aber einer davon hatte mir sieben Franken L°leh°tt imd schrie: „Du bleibst bei mir, bis ich mein Geld wieder hab- Ich wollte in dem elenden Lande nicht weiter machen sondern Gottes Nam n umkehren, da muhte ich ihm meine guten Stiefel S°ben und b.e kaputten selber anziehen, und mein Sackmesser aus Bern mußte ick ihm auch hergeben, weil er zu zweit war. di« Grundstsinmung ihrer Siebe zu Leon, und auch ihre Hoffnung. Wenn der eine Haken bricht, so hält der andere, dein Mütterchen bleib« 1 ich doch, nicht wahr! mein JÜngei" schreibt ihm. Aber auch der andere Haken brach. Levin heiratet 1843, und nicht an Annette lag es, datz '"änSjiS«*!« ---«»N-N-» 3*1 ” ews »s:» rmLSNÄy Seufzer füllen wieder diese leidgewohnten Manern. Jetzt wagen sich die düstersten Gespenster aus dem Turmverlies. Zuweilen nur plätschert bas Lied von Annettes zahmem Kanarienvogel zwischen Seufzer und Gespenstergeräusche. Viel Leid hat der Turm gesehen, alle die Quäle« der Gefangenen und Verschmachtenden — solche Gefaßtheit sah er nie. Ach, was wissen seine Steine von der heroischen Tragödie, in der sich dies Frauenherz still zerquält? So wenig wie die Menschen aus Annet- Aus^dckEilosen Dämmerungen" hatte die Siebe der Dichterin Kräfte ans Licht geschleudert und ihnen Sinn verliehen. Jetzt warf Verlasfen- heit ihre Todesschatten über die ganze Seele. Enttäuschungen irrlichterten in ihr. Menschlich Schwerstes verwischte die Grenzen ihres schönsten Sinns in der Siebe, während ein göttlicher Finger die Limen ihrer Bestimmung ins Unendliche gezogen hatte. Aus der Walze. Aus den Aufzeichnungen eines wandernden Sattlergefellen. Bon Hermann Hesse. ... Wie ich also denn auf Freiburg kam, verzehrte ich denselben Schinken in der Herberge und erfuhr sogleich, in welcher Art Gesellschaft oder Schnapphähne ich gefallen war. Nämlich nächsten Tag war in meinem Berliner nicht Schinken noch Seife, noch Geld mehr drinnen zu finden, ich aber trug einen struppigen Kopf umher und sehnte mich nach meiner Heimat, wie ein wachsweicher Rekrut. Und vor ich noch in Basel war, war ich so arm wie ein nackter Sperling, denn ich hatte weder Berliner noch Flebb« mehr, weil nämlich beide mir im Elsässischen gestohlen wurden. Weil ich freilich meines Vaters guten Rat vergessen hatte und nicht in der Herberge abgeftiegen war, sondern in einer wilden Penne. Und so kam ich auf Basel, konnte dennoch daselbst nicht bleiben, wegen Grenzpolizei, und wanderte leer wie ein Schlauch nach Neuchatel. Es fehlte auch wenig, so hätte mich der Hunger erwürgt; und ich stahl ein Brot und drei Eier, nahe bei Biel in einer Mühle an der Straße, wo bann bald ein welsches Wirtshaus kommt. Alle Leute parlierten Französisch, und ich war stolz genug, datz ich es vorher ein wenig uom heiligen Schorsch in Durlach gelernt hatte. Dennoch aber verstand mich niemand und ich merkte, daß hier noch nicht das rechte Welschland war; denn alles, was sie redeten, kam mir ganz kurios und unvernünftig vor. Damals erlitt ich denn Elend genug und wäre schier lieber gestorben. Nur in der Stadt Neuchatel regulierte man mich aufs beste, sogar Wein dazu, und wiesen mir den Weg. Darauf muhte ich bei einem Bauern Weinbergvfähle spitzen und Holz tragen, bis er mir ein wenig Geld geben wollte, und kam in den großen Wald Jura, zwischen Murten und Bern, wo sie wenig Deutsch vermochten und die Zehrung war spar- iam, wächst auch kein Wein mehr dort. Man trinkt dort auch niematen Wein, Bier ober Most, sondern lediglich Branntwein und einen grünen scharfen Schnaps, ber' ist so stark, man vermischt ihn mit kaltem Wasser und heißt es Absinth. Die Religion war unterschiedlich, jedoch mehr katholisch, aber wenig gute Pfarrhäuser. . . . In Bern redeten sie Deutsch, aber eine unausgebildete Sorte, und die Stabt ist zum Teil ganz alt unb schief gebaut, ähnlich wie man Städte im Bayerischen hat. Doch erging es mir überaus wohl, ich traf nämlich zwei Landsleute an. Johann Miegel zahlte mir die Kost und Nachtgeld und brachte mich in feine Werkstatt. Der Meister war lau. unb mächtig, wollte mich aber doch behalten und wies mir Arbeit. Sogleich fing ein schönes Wohlleben an, ich hatte immer Geld unb brauchte nie fein«. In unserer Penne nämlich war keine Seele, welche Mundharmonika und Ziehharfe spielen unb schön fingen konnte, ich konnte aber alles sehr gut unb würbe bald bei allen Gesellen berühmt. Brauchte niemals eine Zeche zu zahlen, und wenn ich sollte Geschichten erzählen, besann ich mich lang und wartete zu, bis sie mich stark drängten und mir Wein einschenkten. Ms ich viel getrunken hatte, fugte ich zu allen Gesellen, sie seien 'Nachteulen, und ich hätte meine Geschichten alle selber ausgedacht unb keine einzige wahrhaftige darunter. Da bekam ich mehr Streiche, als mir lieb war. Das nächst« Mal, fängt einer wieder an. Niklas, ein« Geschichte! Ich aber stumm wie ein Aas, bis sie alle wieder zuhören wollten, sei es wahr ober nicht. Und sie glaubten mir alles, namentlich wenn ich von Totschlägen und Hochzeiten erzählt«. Da kam mir alles zu gut, was ich beim Oheim gelesen hatte, auch sielen mir immer neu« Geschichten ein, jeden Tag, wenn nur einer danach fragte, aber alle verlogen. Auch mußte ich immerzu singen unb ausspielen. aus B«l p.ad gro hin Boi See bas 34 9 des bru uni Fe, Sck Jal ma geb Sch Ein nah Rhi Kiss des Erb Sal Ent sind fern zun sicht von spn Am übe zett Sa, Sta mei Ein des bur roe$ len! mü gefi Bel Wi bis ber Br frei fchl Su 11. Kil feil bili frä 18k me tel ar ick ch bi« fisi he be bli im f'S Ml Al DO Al bi ai er eil (Ei w m N ausmacht. Besonders bemerkenswert sind trotz ihrer Geringfügigkeit die Bebenherde am Bodensee, der ein junges Embruchbeckcn mit noch jetzt nachweisbaren Senkungen und Hebungen darstellt. Eine Fortsetzung dieses Einbruchsbeckens gegen Nordwesten ijt der «rotze Bonndorfer Graben, der bis in den Ostabhang des Schwarzwaldes hineingreift. Hier find schon kräftigere Beben an der Tagesordnung. Von solchen sei das Beben vom 22. Januar 1896 genannt; die Grenze seines Schüttergebietes schlotz die Vogesen bis Buchsweiler ein und verlief dann über Pforzheim—Göppingen—Ulm zum Bodensee und Gsnser See Dem Südrand des Schwarzwaldes gehört das berüchtigte Beben an, das am 10. Oktober 1356 die Stadt Base! fast vollständig zerstörte nebst 34 Burgen und Dörfern. Weitere schwarzwälder Hauptherde sind die Schollen des Dinkelberges, der Dornstetter Graben, sowie lange Teile des Randbruches gegen die Oberrheinische Ebene, vor allem die Freiburger Bucht und die Lahr-Osfenburger Schollen, zu Zeiten auch die Odenwaldspalte. Ferner beruhen die Beben des Kaiserstuhls, einer den Randbrüchen des Schwarzwaldes aufsitzenden Vulkanruine, wie wir seit etwa einem Jahrzehnt wissen, auf Spaltenbewegungen im Untergrund, und nicht, wie man früher annahm, auf versuchter, jedoch in der Crdtiefe stecken gebliebener (Eruption. Auf ungebrochenen Abschnitten der Ostseite des Schwarzwaldes ist an manchen Stellen auch mit dem Vorkommen von Einfturzbeben zu rechnen. . Auch das Mitteldeutsche Bergland verhalt sich bis auf wenige Ausnahmen sehr ruhig. Vom Spessart sind Beben nicht bekannt und in der Rhön gürfte es sich höchstens um ganz vereinzelte Ortsbeben auf den Kissinger Brüchen gehandelt haben. Die Bebenschwärme am Südostfutze des Harzes zu Eisleben in den Jahren 1892—97 waren keine wirklichen Erdbeben, da hier die Bodenerfchütterungen durch die Auslaugung eines Salzstackes mit nachfolgendem Einbruch des Deckgebirges infolge der Entleerung eines Sees in die Bergwerksstollen hervorgerufen worden sind. Selbst der von Brüchen umrahmte Horst des Thüringer- und Franken-Waldes sowie seine Vorländer haben nur höchst selten Lokalsiöße auszuweisen gehabt. Die heute noch in weitesten Fachkreisen herrschende Ansicht, das einzige historisch bekannte große Beben jener Gegend, dasjenige vom 6. März 1872 mit fast 600 Kilometer Durchmesser, habe seinen Ursprung auf den nordöstlichen Randbrüchen des Thüringer Waldes bei Amt Gehren gehabt, ist falsch. Vielmehr liegt nach neuesten Untersuchungen sein Herd in dem Bruchfeld von Postersteiir bei Gera, nahe dem Südostrande des Thüringer Beckens gegen die Leipziger Bucht. Auch über eine Reihe kleiner Beben aus der Gegend von Gera liegen Aufzeichnungen vor. Am 28. Januar 1926 wurde das Flachland zwischen Saale und Elster von einem Einsturzbeben heimgefucht, dessen Herd unter Stadtroda zu suchen ist. Dieses Beben ist deshalb ganz besonders bemerkenswert, weil es die ersten instrumentellen Aufzeichnungen eines Cinsturzbebens geliefert und auch zum erstenmal erlaubt hat, die Tiefe des Erdbebenherdes mit Sicherheit zu ermitteln. Das von Brüchen ganz durchsetzte Vogtland an der Fichtelgebirgs-Erzgebirgs-Ecke ist berühmt wegen seiner häufigen Schwarmbeben mit oftmals nach Hunderten zahlenden Einzelstötzen, meist geringerer Stärke und Ausbreitung. Diese müssen anfcheinend aus die unterirdische Bildung neuer Spalten zurückgeführt werden. Verhältnismäßig lebhaft gestaltet sich zuzeiten die Bebentätigkeit auch in den Sudeten und im Schlesischen Hügelland. Wurden doch diese Gebirge in geologisch junger Vorzeit zwischen NW bis SO verlaufenden ländlichen Bruchsystemsn versenkt unter weitgehender Zertrümmerung im Innern, die im Hirfchberger Kessel mit dem Bruch von Kudowa-Frankenau am deutlichsten zutage tritt. Infolge des treppenförmigen Absinkens am Außenrand gegen das Odertal stellt das fchlesifche Vorland einen versenkten und in sich zerbrochenen Teil der Sudeten dar. Bei dem bekannten schlesisch-sudetischen Erdbeben vom 11. Jun! 1895 erreichte der Durchmesser des Schüttsrgebietes fast 200 Kilometer. Das Rheinische Schiefergebirge, ein aller, starrer Rumpf, scheint in seinem Innern keine Erdbeben mehr hervorzubringen. Eine Ausnahme bildet das Bruchfeld des Neuwieder Beckens mit feinen manchmal recht kräftigen und ausgedehnten Beben, unter denen dasjenige oom 2. Oktober 1869 besonders hervorzuheben wäre. Auch die nicht seltenen und bisweilen zerstörender Beben im erloschenen Vulkangebiet des Laacher Sees teilen voraussichtlich mit dem Einbruch des Neuwieder Beckens in Zu- ammenhang, desgleichen der Bebenherd von St. Goar im Rheintale, der ich am 29. Juli 1846 zerstörend betätigte bei einer Reichweite der Er- chütterung von fast 300 Kilometer. Ganz anders verhalten sich die durch Bruch entstandenen Randgebiete, ausgenommen die durchaus bcbenfreien Abbrüche gegen die Hessische Senke und den Saar-Nahe-Graben. Schon die Taunusabbrüche gegen das Mainzer Becken und das stark zerrüttete Bruchfeld der Trierer Bucht bringen Beben, wenn auch von untergeordneter Bedeutung, hervor. Aber der Rordrand von Eifel und Venn, sowie der junge Einbruch der Kölner Bucht sind diejenigen Gegenden Deutschlands, die im Hinblick auf die Erdbebentätigkeit der Rauhen Alb den Vorrang streitig machen. Jedenfalls sind sie im Lause der geschichtlichen Zeit am häufigsten von schweren Erdbeben mit großen Schüttergebieten heimgesucht morden. Das niederrheinische Beben am 6. Januar 1926 hat aus dem Abbruch des Bergischen Landes gegen die Kölner Bucht in der Näh« von Siegburg seinen Sitz gehabt. Nach neueren Untersuchungen spielt das Aachener Bruchfeld bei weitem nicht die überragende Rolle, die man ihm bisher zugeschrieben hat. Wohl hat es häufige Ortsbsben, mitunter recht schwere, hervorgebracht, aber die Hauptherde liegen anderswo. Die beiden zerstörenden, sogenannten Herzogenrather Erdbeben vom 22. Oktober 1873 und vom 24. Juni 1877 gingen vom Kohlenbecken der Wurmmulde aus und entstanden auf dem Feldbiß, einer großen, durch den Bergbau erschlossenen Bruchlinie jüngsten Alters. Groß war der Schrecken, den eine vom 26. Dezember 1755 bis zum 30. September 1757 währende Crdbebenperiode in der Gegend von Aachen bis Köln verursachte. Hier wurden durch die beiden Hauptbeben vom 27. Dezember 1755 und namentlich vom 18. Februar 1756 viele Hunderte von Gebäuden, darunter Kirchen und Burgen, mehr oder minder schwer beschädigt, einzelne auch zerstört, und die Schüttergebieie hatten Durchmesser von 320 ozw. 9W Kilometer, bis nach Dover in England hin. Diese Beben entstanden aus Brüchen von Schollen, die beim Einbruch der Kölner Bucht Zur Tiefe gesunken und heute von Lockermassen überdeckt sind. Für beide Beben kommt der Einbruch des Roertalgrabens bei Düren als Erreger ut Frage. Das letzte große Beben jener Gegend, dasjenige vom 26. August 1878, ging aus einer Bruchzone zwischen Jülich und Bergheim hervor; dort, in der Gegend von Oberembt, vermag der Geologe heute noch die Spuren der damals aufgerisienen Erdspalten zu erkennen. Zülpich, Köln und Bonn sind die Herde von häufigen Lokalbeben, die mitunter geringfügige Zerstörungen anrichteten. Beim Einbruch der Kölner Bucht wurden auch die Randteile des Hohen Venus und seines nördlichen Vorlandes durch Brüche mehr untergeordneter Art zerstückelt, die den Hauptrandbrüchen parallel laufen; auf ihnen liegen eine Reihe von Herde:, schwacher Lokalbeben. Diese Feststellungen brachten die altüberlieferte Ansicht zu Fall, der Bebcnerreger sei die riesige Gebirgsstorung der Aachener Ueberschiebung oder Grand Faille du Midi, die 368 Kilometer weit bis Boulogne am Aermelkanal verlaufend, den Nordrand von Beim und Ardennen gegen die Kohlenbecken bildet; diese Ueberschiebung ist seismisch tot. Vulkanische Beben gibt es nicht, trotz der erloschenen Vulkane, namentlich in der vulkanischen Eifel und im Siebengebirge, sowie der bis zu 75 Grad heißen Schwefelquellen von Aachen und Burt- ' ^Jn der norddeutschen Niederung sind die untergetauchten Schollen des Rheinischen Schiefergebirges und des mitteldeutschen Berglandes unter gewaltigen Massen von Gesteinsschutt Hunderte von Metern tief begraben. Wenn hier im Untergrund auch Beben entstehen sollten, können sie an der Erdoberfläche nicht mehr gefühlt werden infolge der dampfenden Wirkung dieses Schutts. Nur aus Schleswig-Holstern, von der Ostseekiiste in der Kokberg-Belgrader Gegend, sowie aus dem Gebiet -Königsberg—Goldap—Gumbinnen—Tilsit find schwache Bodenerichutte- rungen bekannt, die jedoch von einzelnen Forschern nicht als Erdbeben anerkannt, sondern anders gedeutet werden. Immerhin konnten sie mit dem jungen Einbruch des Ostfeebeckens in Zusammenhang gebracht tücrbßH« Selbstverständlich werden deutsche Gebiete hin und wieder auch von Erdbebe,r erschüttert, deren Herde außerhalb der Landesgrenzen liegen. Diele Beben scheiden aber als landfremde für uns hier aus. Der innere König. Von Friedrich von Oppeln-Drvnikvwfki. (Schluß.) Ein organisatorisches Meisterstück des Königs war di« Ausbildung des Heeres. Früher, als die Obersten die Ilnternehmer Kriegshandwerks gewesen waren, gab es weder einheitliche toetoaff* nung, noch Fechtweise, noch Uniform. Auf solche Truppen war tnt Ernstfälle kein Beriah. Der König vereinheitlichte dies alles und schrieb selbst die Reglements bis in die kleinsten Einzelheiten vor, denn er war nicht nur Organisator großen Stils, der dre leitenden Gesichtspunkte stets im Auge behielt, sondern er verstand es auch, in die kleinsten „Details" einzudrmgen, und war groß un Kleinen. Sein alter Freund, der Feldmarschall Leopold von Anhait-Dessau, ein ruhmbedeckter Kriegsmann, der gleich ihm ein Musterregiment ausbildete, war sein technischer Berater, ein „KriegSmeeqamkus, wie ihn Friedrich der Große nennt, der Ersmder des GleichschrE, des eisernen Ladestocks, kurz aller Neuerungen, die die Deweglich- I keit, Manneszucht und Feuergeschwindigkeit des preußischen Heeres e steigerten und es zum Vorbild Europas machten. 2kur untoulig um. murrend Wurde diese harte Kriegszucht ertragen, und die Welt witzelte über die „Potsdamer Wachtparade. Erst als sich in den Kriegen Friedrichs des Großen ihre .Unüberwrndlichkett zeigte, erkannte auch der Soldat ihre Notwendigkeit, und Europa äffte fr« nach, statt sie zu verspotten. „ . r ...., Zum einheitlichen nationalen Offizlerkorps und zum einheitlich ausgebildeten Heere trat die einheitliche Staatsverwaltung. Hi« war die Einheit noch schwerer duvchzusetzen. Die verstreuten Provim zen, mit verschiedenartiger wirtschaftlicher Lage und sozialer Gliederung, hatten einen großen Teil ihrer alten Gerechtsame aus vor- preußischer Zeit bewahrt, und die Beamten stammten aus ihrer engeren Heimat. An eine völlige Berwaltungseinheit, wie sie bei der Aeuordnung von 1806 möglich wurde, war vorerst also nicht zu denken; sie Hätte nur die Widerstände und den Partikukarismus verschärft. Aber Friedrich Wilhelm vereinheitlichte doch die höchsten Behörden, die neben- und teils gegeneinander gewirtschaftet hatten, schuf klarere, übersichtlichere Verhältnisse und schaltete unnötige Rei- bungeii aus Durch das Derbot, die Beamten aus ihrer engeren Heimat zu entnehmen, beseittgte er den Derwaltungspartikular'.smus, schuf eine Einheitlichkeit des Berwaltungspersonals und zugleich groß- staatliches Denken. 'Nächst der Krone selbst und dem Heere wurde das Beamtentum zum Träger des Staatsgedankens, die eigentliche Re- formpartei Preußens. Hier herrschte das studierte Bürgertum, die Intelligenz des Landes vor, aber neben den Juristen, die der König nicht liebte, sahen Domänenpächter, Militärbeamte, Gewerbetreibende, alle „offenen Köpfe", die man finden konnte. Mehrere von ihnen wurden Minister. Dies Bürgertum trug den Kopf nicht gebückt; Männer tote der Kammerdirektor Hille, der dem unreifen Kronprinzen seine Adelsvorurteile mit barschem Spott verwies, waren keine Seltenheit, und der König selbst liebte freie, mannhafte Ant- b Die magna Charta der preußischen Staatsverfassung, jenes Edikt von 1722, das der König in der winterlichen Stille seines Jagdhauses Schönebeck eigenhändig entwarf, war die Krönung seines Reformwerkes Dies Edikt vereinte das Generalfinanzdirektorium (die oberste Domänenbehörde) mit dem Generalkriegskommissariat (Heeres- und Staatsverwaltung) zu einer einzigen Zentralbehörde, dem Generaldirektorium, das in vier Provinzdepartements zerfiel und die gesamte Zivil- und Militärverwaltung zusammenfaßt«. Die Beschlüsse wurden kollegial gefaßt,- bei Unstimmigkeiten und m wichtigen Sachen mußte die Entscheidung des Königs eingeholt werden. Wie er diese Berichte zu haben wünschte, sagt er in dem Edikt selbst: „Wir wollen die Flattereien (Schmeicheleien) durchaus nicht haben, sondern man soll Uns allemal die reine Wahrheit sagen." In gleicher Weise wurden in den Provinzen die Kriegs- und Domänenkammern zusammengelegt, die etwa unseren jetzigen Regierungen entsprachen. Neben diesen staatlichen Behörden verloren die alten ständischen Selbstverwalllmgskörperschasten in ehr und mehr an Macht und De- deulling: über alle legte sich beherrschend und erdrückend das königliche Beamtentum, das die Staatsinteressen an Stelle ständischer Sondertnteressen vertrat. Bor allem wurde den Ständen ihr Hauptrecht, die Steuerbewilligung und -Verwaltung, genommen, und die Landtage hörten aus oder wurden zur Ohnmacht verurteilt. Das ging natürlich nicht ohne Kümpfe ab: am heftigsten waren sie iw Ostpreußen, wo die Stände von der Ordenszeit und der polnischen Oberherrschaft her ein hohes Maß von Selbstherrlichkeit besaßen. Hier fielen auch die berühmten Worte des Königs: „Ich ruinire die Junkers ihre Autorität. Ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränite wie einen Racher von Bronze." Aber auch in den wirtschaftlich und sozial so ganz anders gearteten westlichen Provinzen kam es zu hartnäckigen Kämpfen mit den Ständen, und der König begnügte sich hier sogar mit einem Kompromiß. Was er aber den Ständen an selbstherrlicher Macht nahm, kam ihren Mitgliedern als Personen wieder zugute durch die ehrenvolle Stellung im Heeres- und Staatsdienst und durch die Hebung der Landwirtschaft, die nicht zuletzt die wirtschaftliche Lage der Gutsbesitzer- verbesserte. Die städtische Selbstverwaltung ließ der König bestehen, reinigte sie aber von ihren schreienden Mißständen und stellte sie unter scharfe Aufsicht. Erst nach diesem Läuterungsprozetz, der die Stadtbevölkerung von der Vetternwirtschaft befreite, die sich unter dem Schutz der Selbstverwaltung eingeschlichen hatte, war die Steinsche Städte- ordmmg möglich, und es ist kein Zufall, daß es einer der viel- geschmähten staatlichen .Ueberwachungsbeamten, der Kriegsrat Frey, war, aus dessen Feder diese Städteordnung hervorging. Der Absolutismus ist für die Städte eine harte, aber notwendige Schule des Gemeinsinns geworden. Aber nicht nur die staatliche Ordnung der Selbstverwaltung und der städtischen Finanzen, durch die Abdeckung der ungeheuren Schuldenlast, die sich seit dem Dreißigjährigen Kriege angesammelt hatte, durch Markt-, Verkehrs-, Sanitäts- und Baupolizei, begünstigte Friedrich Wilhelm das Wiederaufblühen der Städte, sondern auch durch positive Förderung deö Gewerbesleißes und der Manufakturen. Nach dem damaligen Merkantilsystem lag die höchste Staatsweisheit darin, alle Bedürfnisse eines Landes nach Möglichkeit im Lande selbst zu decken, damit das Geld nicht ins Ausland ging, fremde Einfuhr durch Zollschranken möglichst abzuwehren, dagegen den eigenen Lleberschuß im Ausland abzusetzen. Der König verbot daher die Ausfuhr von Wolle bei Todesstrafe und setzte in den Städten so viel Wollspinner an, daß die gesamte inländische Wolle verarbeitet wurde. Mit diesen Tuchen wurde nicht nur das Heer und die Zivilbevölkerung gekleidet, sondern es wurde auch ein namhafter Lieber- schuh im Ausland, besonders in den östlichen Ländern, abgesetzt. So hob sich der städtische Wohlstand mit der Zunahme der Manufakturen bedeutend, und jedermann fand Arbeit. Stadt und Land wurden durch eine systematische Einwanderungs- Politik gleichmäßig befruchtet. „Die Wohlfahrt eines Regenten ist das," heißt es in der Instruktion von 1722, „wenn sein Land gut peupliret ist; das ist der wahre Reichtum eines Landes." Ostelbien war von altersher ein Kolonialland gewesen. Unter den Askaniern und dem Deutschorden waren die Siedler aus allen Gauen Deutschlands jahrhundertelang den deutschen Eroberern gefolgt. Nach den Ber- Heerungen des Dreißigjährigen Krieges hatte der Große Kurfürst das Werk des Mittelalters wieder auf genommen; Friedrich Wilhelm setzte es mit den gesteigerten Machtmitteln seines Staates großzügig fort. Wie sein Großvater die französischen Hugenotten ausgenommen hatte, so öffnete er sein Land allen wegen ihres Glaubens Verfolgten, vor allem den vertriebenen Salzburgern. Rund 20 000 von ihnen fanden in Preußen eine Freistatt, besonders in dem entvölkerten Ostpreußen. Llnendliche Mühen, Kosten und Derdrieß- lichkeiten, nichts schreckte den König ab, und an seinem Lebensende war das „Retablissement" Ostpreußens vollendet, „eine Wüste bevölkert und fruchtbar gemacht", wie Kronprinz Friedrich 1739 begeistert an seinen Freund Voltaire schrieb. Was Goethe am Schluß seines „Faust" als das Glück großer Menschen und als der Weisheit letzten Schluß preist, das war in Preußen schon vor seiner Geburt zum Ereignis geworden. Beim Tode Friedrichs des Großen, der dies Siedlungswerk seines Vaters in noch großartigerem Maße fort- setzte, soll etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus Siedlern und deren Kindern bestanden haben. Es waren Deutsche aus allen Gauen, Franzosen, Wallonen und Tschechen (die „böhmischen Brüder"), lauter Menschen, die schweren Drangsalen entronnen waren, die auf dem Schutt verbrannter und verfallener Städte und Dörfer neue Häuser bauten, Brachfelder und Sümpfe urbar machten. Sie brachten den Schwung der Arbeit, andere Volksgeister und Gewerbe mit und verschmolzen mit der alten Bevölkerung zu einem neuen Volke voll Unternehmungslust, das bei weiser Finanzwirtschaft selbst die Last einer ungewöhnlich starken, aber notwendigen Rüstung zu tragen vermochte. .Auf die Finanzwirtschaft des Soldatenkönigs näher einzugehen, ist ui diesem Rahmen unmöglich. Wohl aber ist im Zusammenhang mit dem eben Gesagten darauf hinzuweisen, daß der König die Staatsdomänen nicht nur wieder auslöste und ihre Erträge steigerte, fondern auch, daß sie am Ende seiner Regierung ein Drittel der Nutzfläche des ganzen Landes betrugen und die Hälfte der Staatseinkünfte erbrachten. So vermochte er ohne Aeberspannung der Steuerkraft das Heer zu verdoppeln, großartige Meliorationen durchzuführen und einen Staatsschatz von fast 9 Millionen Talern zurückzulegen mit denen sein Sohn die schlesischen Kriege finanzieren konnte, die neuen Wohlstand, Macht- und Gebietszuwachs zeitigten. Zum Schluß noch ein Wort über Friedrich Wilhelms Leistungen auf sozialem und kulturellem Gebiet, wo sein Wirken wohl am mei- ften verkannt worden ist. Er gilt ja als Banause, ohne Verständnis für geistige Werte, der sich allein im Qualm seines Tabakskollegs, bet fernen Hetzjagden und bei seiner Potsdamer Riesengarde wohl fühlte. Seine Lebensführung war in der Tat schlicht bürgerlich, In einem verwelschten, verweichlichten, sittenlosen Zeitalter war er ein kerndeutscher Mann, fromm, sittenstreng und grob wie Luther. Er hat keine Schlösser für sich gebaut: wenn er das Berliner Schloß vollendete, das beim Tode seines Vaters erst halb fertig war, so geschah es, um darin das Generaldirektorium und eine Reihe anderer Behörden unterzubringen; nur für seinen Sohn ließ er das Krow- prinzenpa-lais erweitern und trug einen Teil der Baukosten von Rheinsberg; aber er hatte eine offene Hand, wenn es galt, Kirchen, Krankenhäuser und gemeinnützige Anstalten (die Charite in Berlin, das Militärwaisenhaus in Potsdam) zu bauen. Er hat Potsdam au« einem Fischerdorfe zur Stadt gemacht, in Ostpreußen ganze Stadt« erbaut, Berlin fast um das Doppelte erweitert und es teils mit recht ansehnlichen Häusern und Palästen geschmückt, zu denen er fast stet« erheblich beisteuerte. (Freilich ging es auch hier nicht ohne Gewaltsamkeiten ab, genau wie bei den Jmmediatbauten seines Sohnes.) Und er hat zahllose Volksschulen errichtet, ja, die allgemeine Schulpflicht ein« geführt und seinem Volke Lesen und Schreiben beigebracht, zu einer Zeit, wo andernorts noch dumpfer Köhlerglaube herrschte und Hexen verbrannt wurden. Und auch die Hexenpfähle hat er erst ausreißen lassen. Untrennbar von der weltlichen war ihm die religiöse Volksbildung. „Wenn ich baue und verbessere das Land," schreibt er 1718 in Ost. Preußen, „und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts". Sein« Religion war der Pietismus A. H. Franckes, des Begründers des hallt- scheu Waisenhauses und der zugehörigen Stiftungen ein praktisches Christentum allem Dogmciigezänk der Konfessionen abhmd, das in tätiger Nächstenliebe, in der Hebung des geistigen, sittlichen und leiblichen Wohls der Menschen sein Ziel sah. Ergreifend sind in dieser Hinsicht di« Ermahnungen, die er in seiner Instruktion von 1722 an seinen Nach, folger richtet. Leider hat sein freigeistiger Sohn sie nicht beherzigt, aber er selbst hat in seiner schlichten Frömmigkeit, in der schweren Verantwortung, die er vor Gott fühlte, den Ansporn und Rückhalt für ein Leben voller Müh« und Arbeit gefunden, das nur dem Wohl seine» Volkes und Staates gewidmet war, „Ich bitte Euch," heißt es in der Instruktion, „betreffs der Verfassung meines Landes und (der) Arme« zu bedenken, daß ich stets mit Gott 'angefangen habe." Er hat auch mit Gott geendet, „mit der Festigkeit eines Philosophen und der Ergebung eines Christen", wie sein Sohn Friedrich schreibt. Gicht und Wassersucht, mit einem Herzleiden verbunden, rafften ihn schon mit 52 Jahren hin; seine heftige, rastlose Natur hatte sich in Arbeit und Sorgen und in unerhörten Anstrengungen aller Art vorzeitig ausgezehrt. _ Er hat die Saat, die er gesät hatte, nur zum Teil aufgehen sehen. Seine durchgreifende schroffe Art hat ihm mehr Feinde als Freunde gemacht, mehr Undank und Verkennung gebracht als Dankbarkeit und Be- wunderung, und nur spät ist die Gerechtigkeit seinem Wirken nachgehinkt. Am bekanntesten find die schweren Konflikte mit seiner eigenen Familie, an denen er nicht minder gelitten hat als seine Opfer. Man hat sie bis heute fast immer nur von der Seite der Gegenpartei betrachtet, aber das Unrecht lag auf beiden Seiten, wenn anders man von Unrecht sprechen darf, wo tiefe Charaktergegensätze und entgegengesetzte Weltanschauungen aufeinanderprallen. Friedrich Wilhelm fürchtete den Atheismus, das französische „efseminirte" Wesen seines Sohnes; er sah in ihm einen „Querpfeifer und Poeten", der sein mühseliges Lebenswerk vernichten würde, sah in ihm voll Schrecken die verschwenderische Zeit seines Vaters wieder Heraufziehen. Als er ihn in furchtbaren Lehrjahren zu seiner Pflicht erzogen hatte und erkannte, daß in diesem so anders gearteten Sohne doch „ein Friedrich Wilhelm steckte", ließ er ihn gewähren, ihn in seinem Musensitz mit Voltaire korrespondieren und seinen schöngeistigen Bestrebungen nachgehen, während er selbst in seinem Tabakskolleg, bei seinen Hetzjagden und bei seiner Riesengarde blieb. Und Friedrich seinerseits begann seinen Vater zu würdigen, wie es der oben zitierte Brief an Voltaire, ein begeisterter Hymnus auf da» „Retablissement" Ostpreußens, zeigt. Auf seinem Sterbebett schloß Friedrich Wilhelm den Sohn weinend in die Arme und rief: „Aber tut Gott mir nicht große Gnade, daß er mir einen so würdigen Sohn und Nachfolger gegeben hat!" Und in den Nöten des Siebenjährigen Krieges hatte König Friedrich einen seltsamen Traum. Sein Vater stand vor ihm. „Habe ich mich gut gehalten?" fragte er ihn. Und als der Vater es bejahte: „Wohlan, dann bin ich zufrieden. Euer Beifall gilt mir mehr als der der ganzen Welt." Zeiten vergehen, Regierungsformen wechseln. Das industrielle Deutschland von heute mit seinen 60 Millionen Einwohnern läßt sich nicht mehr in den absolutistischen Formen regieren, durch die das kleine Preußen, im wesentlichen ein Agrarland mit 24 Millionen Einwohnern, weniger, als heute Groß-Berlin zählt, hochgebracht worden ist. Aber Friedrich Wilhelms Geist ist darum für die Gegenwart nicht tot — der Geist der Pflichttreue und Arbeitsamkeit, der Geist, der das Gemeinwohl über eigenen Vorteil und persönliches Behagen setzt. Er selbst hat sich einmal als „guten Republikaner" bezeichnet, in dem Sinne, daß er feine ganze Kraft, seinen sittlichen Willen und seinen klaren Verstand für bi« res publica einsetzte. „Die Spuren seines weisen Wirkens," sagt Frieds rich der Große, „werden dauern, solange der preußische Staat besteht. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.