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Heut' ist's ein Jahr. Und wieder Sonnenschein. Run ist mir ganz, Du müßtest frei mir sein. Ananas. Von Fritz Schwiefert. Herr von Berg hatte seinen Freund Henry für ein paar Wochen in sein Landhaus gebeten, — ein Holzhaus irgendwo in der Mark, nicht groß, aber heiter, mit weitem Garten, der zu dem dunklen Spiegel eines kaum jemals von Winden berührten Sees hinabstieg. Dicht am Ufer stand eine Hütte. Man nannte sie scherzhaft den „Pavillon". Es war eine schlichte Hütte aus Holz mit einem Tisch und einigen Stühlen. Henry war aus Berlin gekommen. Herr von Berg stand selber am Bahnhof und fuhr ihn in einem leichten Wagen durch melancholische Wälder zum Hause. Als Henry bann, abendlich angekleidet, das kleine Speisezimmer betrat, saßen von Berg und Frau schon bei Tisch. „Darf ich dir vorstellen, Imogen?" sagte er und erhob sich. Wie soll man Imogen beschreiben? Ohne daß sie die Miene verzog, schien sie zu lächeln. Nicht mit den Lippen. Es war ein Lächeln, das wie eine schwere, hellschimmernde Traube zwischen den beiden Augen hing. Henry nahm verwirrt ihre Hand, küßte sie kaum. „Sie ist köstlich!" schlug es ihm durch und durch. Während des Essens besprach man die letzte Zeit. Man hatte sich über drei Jahre nicht gesehen. Damals war von Berg noch ledig. Imogen hörte den Freunden zu. Sie hatte die Ellbogen aufgestützt, die Hände flach aufeinander gelegt und hielt das schmalgemeißelte Kinn wie eine verwöhnte Sache hinein. Während die Männer sprachen, und lachten, ging sie wie eine schöne Flamme rein und hell in sich selber auf. Henry empfand sie. Er saß bei Tische, verzaubert, verschrieben und sah Imogen mit Augen an, daß es von Berg ein Lächeln entriß. Als man nach dem Essen zu den Früchten überging, sagte Imogen zu Henry: „Ich esse Jo schrecklich gerne Ananas. Glauben Sie, daß er mir einmal eine Ananas kauft?" „Ananas ist zu teuer, mein Kind!" entgegnete ruhig von Berg. Nach Tisch ging man im Garten spazieren. Es hatte geregnet, Henry lief spornstreichs ins Haus zurück — als stünde das ganze Haus in Flammen und gälte es, kostbare Dinge zu retten —, und gerade, als sie den Gatten bat: „Ich habe den Schal bei Tisch gelassen. Magst du ihn mir wohl bringen?" kam Henry — stürzend wie ein Knabe im Wettlauf — und legte den Schal verzückt und ermattet um die Schultern Imogens. „Donnerwetter!" sagte von Berg. „Du bist aber flink und galant!" Imogen dankte mit einem Blick über die linke Schulter hin. Dieser Blick, geschärft wie ein Pfeil, mit einer schmalen vergifteten Spitze, schnitt ihm so tief und tödlich ins Herz, daß er innerlich schrie. Am nächsten Morgen, obwohl er vor süßer dumpfer Verwirrung kaum ein paar Stunden geschlafen hatte, sprang Henry schon um halb sieben auf, ließ sich vom Mädchen heimlich den Weg ins Dorf sagen, wo eine Post war, lief hin und telegraphierte an einen Berliner Freund: »Schicke umgehend drei Ananas. Die schönsten! Postlagernd nach N..." Lief zurück und war pünktlich und munter beim Frühstück. Nach dem Frühstück sagte von Berg: „Ich habe bis zum Mittag zu tun. Entschuldige mich bitte! Imogen wird dir gern Gesellschaft leisten." Imogen tat es, und beide gingen etwa zwei Stunden lang in den traurigen Wäldern spazieren. Henry kam ziemlich zerschlagen zurück. Er hatte mit einer wachen Lust nach wunden Stellen in ihr getastet. Aber von der Ananas abgesehen, schien die Ehe Imogens durchaus glücklich zu fein. . Vor dem Abendbrot faß man zu dritt im „Pavillon". Die Sonne gmg in den Kiefern unter. Die Lust in der Hütte war ein verwirrender weinroter Dunst. Imogen faß neben von Berg, gegenüber von Henry. 3l»r kupferfarbenes, lockeres Haar brannte in dem gleißendem Duft wie heiliges Feuer vom Haupte, machte sie unberührbar und fern. Ihr Besicht war der Abendglut inbrünstig hingegeben. Henry dachte: „Sie gehört mir nicht. Niemals. Aber auch ihm nicht. dieser Sekunde erkenne ich sie. Und wenn sie fünfzig Jahre [ein Weib !!.■ Aus diese Sekunden kommt es an. Sie ist die Geliebte eines Gottes. ®ie gibt dem Manne nur die äußerste Schicht. Ihre Süße beginnt erst «es innen." mv.®5 wurde öunfet. Man ging ms Haus. Imogen zwischen ben beiden «mnern. Sei es nun, daß sie fehl trat oder daß eine Wurzel vorderste. Halb belustigt, wie ein Tier, hob wieder fest. Dam« dichtesten Traub«» Heute zog sich von Berg auch nach dem Tee in fein Zimmer zurück. Ueberglucklich lockte Henry Imogen in den „Pavillon". Und da st« mm chßen und mancherlei schwatzten, fragte er plötzlich unvermittelt: „Haben Sie Lust auf Ananas?" Imogen sah ihn verwundert an. Schließlich nickte f»a[b begierig, wo das hinaus solle. Henry rannte hinter die Hütte, grub und scharrte ein« Ananas aus dom Schatze und stampfte die Erde trug er die Frucht zu Imogen. Imogens Gesicht wurde hell. Ein Lächeln hing in vor ihren Augen: kroch, plötzlich stolperte Imogen. Und mag es nun sein, daß Henry ihr naher ging, oder war es nur blinder Zufall, Imogen griff nach seiner Schulter, heftig, im leichten plötzlichen Schreck. Aber dann wurde der Druck sehr weich — als säße ein Kätzlein sanft auf der Schulter — uwb blieb, fünf Schritte, sechs Schritte, acht Schritte. Am nächsten Morgen war die Ananassendung noch nicht auf der Post. Aber am Nachmittag lag sie da. Und nun trug er sie zärtlich heim. Hinter der Hütte grub er sie in die Erde, wie man Schätze von Gold vergrabt. Und war es nicht auch pures Gold? Ein schimmerndes warmes Gold von außen, und wenn man eindrang, ein Gold von der jähen Leuchtkraft der Sonne? Und wenn man schmeckte! War es nicht so, als fei das Mcht zur Süße geworden, als schmecke man reifes duftendes Licht? Als er die schönen Früchte vergrub, glaubte Henry, er habe selber noch nichts so trotzig und lechzend gewünscht, als Ananas essen. „Was haben Sie da?" Kapsel^nas!" So- 0(5 rooate er sagen: „Das Heilandsherz in goldener Jetzt erst tarn sie das Staunen an. „Wo haben Sie denn die Ananas her?" „Mein Geheimnis!" „Haben Sie die — für mich —?" „Gefunden!" ,Henry!" Und nun bebte er plötzlich. Ihm kamen Tränen. Er war vernichtet von feinem Glück. Er stammelte: „Habe ich — ihn beleidigt'?" Sie schüttelte wie begreifend den Kopf. Da legte er ihr die Frucht tat den Schoß, hingerissen von ihrer Verwirrung. „Aber Sie müssen nichts sagen!" „Kein Wort!" „Cs muß ein Geheimnis zwischen uns bleiben!" Sie nickte, obwohl sie es nicht ganz begriff. »Haben Sie denn ein Messer, Henry?" Er schält« mit seinem Tasche«, messer. „Und Teller?" Er lief zur Hütte hinaus, rannte zum See hinab, ritz eine Handvoll frischer Blätter von einem Strauch ab. Als er zurück kam, fratte der Duft der offenen Frucht die kleine Hütte üppig durchfüßt. Imogen kostete. UnÄ dann aßen sie beide — lachend, beaeiftert — Ne Ananas.' Als sie zum Abendessen gingen, sagte Henry auf halbem Weg: „Hier kommt eine Wurzel. Geben Sie mir die Hand!" Sie tat es. Er lieh sie über die Wurzel steigen. Die Hand ließ er erst norm Haufe los. Wo hatte von Berg feine Augen heuf abend? Sah er nichts oder wollte er nichts sehen? Oder hielt er für Bagatelle, was da vorging? Er war gesprächig, lachte, trieb Späße und überging es, daß sich vier Äugen durstig verflochten, daß ein böser, gefährlicher Glanz aus diesen Augen flackernd herausbrach, daß in den Lippen ein sinnloses Lächeln immer dunkler und zäher gerann. Aber die Nacht roar für Henry ein brennendes, dunkles Gewühl. Er sprang ans dem Bett, riß das Fenster auf, stürzte die nackte Brust in die Kühle. Er bildete ihren Namen mit Inbrunst, liebte die Sterne, Ne schweigend horchten, liebte die Winde, die stürmisch kamen, ihm den Namen vom Munde rissen und übermütig ins Dunkle warfen. Hebt«, liebte — litt Liebe und Qual. Am nächsten Morgen lief er zur Post und telegraphierte: „Schick« noch einmal sechs Ananas! Noch schönere!" Aber war das nicht schon Uebermut? Ein Gefühl von Reue atzt« ihm di« wilde süße Empfindung. Er vermied es den Vormittag über, mit Imogen zusammen zu sein und trieb sich in den Wäldern umher. Beim Mittagessen sah er sehr blaß ans. Aber dann machte es sich von selbst, daß sie sich nach der Stund« des Tees in dem „Pavillon" fanden. Imogen fragte spaßend: „Werden wir wieder Ananas essen?" „Nein!" sagte Henry, „heute nicht." „Schade r Sie heuchelte leise Enttäuschung. Plötzlich erschien ihm die Unternehmung geschmacklos. Er bog seinen Kopf zu ihren Händen, ohne an ihre Hände zu rühren und sagte: „Ich trfa so hilflos. Lachen Sie bloß nicht über mich! Die werden jeden Tag gnonos haben. Auch heute. Aber lachen Sie nicht! Es scheint mir, daß ich em Tölpel bin. Ich möchte etwas ganz anderes erfinden — etwas hinreißendes, Wildes, um Ihnen zu zeigen, wie verzaubert —" Er stockte. Dann nahm er sich männlich zusammen und riß das Gesicht zu ihr empor. „Ich hole jetzt die Ammas. Aber ich könnte es nicht ertragen, daß die Stunde nutzt gang so köstlich wie gestern —" Sie strich mit der rechten Hand einmal flüchtig über sein haar. „Sie wird! Sei ruhig!" sagte sie warm. .. Er taumelte aus der Hütte, rih -je Frucht aus der Erde, brach Matter und war in einer Minute zurück. Sie aßen die goldigen Scheiben so hastig, als wäre -das Essen nicht mehr die wirkliche Handlung dieser Stunde. Als käme das Eigentlich-Süße erst. Aber dann war er plötzlich in einer dichten, dunklen, wirren Verzweiflung. War das Süßeste nicht schon gewesen, in die sausende Zeit gefallen, abgetrieben, fern und verschollen?! War er nicht jene Sekunde gewesen, in der sie sagte: „Sie wird! Sei ruhig!?" War denn noch etwas zu erwarten? Küsse?'Berührungen? Brust an Brust? Er sah ihr zurückgehaltenes Gesicht, sah eine fast qualvollwche Er- wartimg. Wollte sie dennoch? Aus einem schmerzlichen Mitleid mit ihm, das er nicht faßte, vor dem ihm graute? Sie wollte ihm noch das übrige schenken, die äußerste Schicht. Warum? Weil das ihr wertlos war, weil sie wußte, daß ihre Süße erst tief innen begann. Henry stand auf. Er machte drei Schritte zu Imogen. Dann fiel er ihr mit dmr Kopf in den Schoß und schrie fast: „Vergib mir, vergib mir!!" Am näcksiten Morgen wurde von Berg vom Mädchen ein Brief ins Zimmer gebracht. Er las: „Ich habe mich fortgefchlichsn. heute morgen in aller Frühe. Frage Imogen niemals warum! Auch mich nicht! Niemals! Ick, bleibe Dein Freund. Henry. P. S. Auf der Post zu R. liegt eine Kiste mit Llu-anas. Auch im Garten ist noch sine vergraben, hinter dem Pavillon. Laßt sie euch schmecken!" Herr von Berg bekam ein behutsames, fretmdlich-bedauerndes Lächeln. Jedesmal, wenn Imogen Ananas ah — diese sieben und ander«, die ihr von Berg nun zuweilen schenkte —, wurden ihre Lippen vergrstbelt. Die sragte sich, ohne Antwort zu finden: „Warum hat er sich nicht getraut, mich zu küssen?" LöVEK r-nd Tiger. Von Paul E i p p e r. Als ich das erstemal einen Löwen im Arm gehabt f,abe, konnte ich weder lesen noch schreiben. Da heiratete der Besitzer des Zoologischen Gartens meiner Vaterstadt eine Tante von mir, und am Nachmittag der Hochzeit brachten zwei Dienstmänner einen Reisekorb, der für die junge Frau abgegeben worden war. Ich, der Abc-Schütze, sollte die Verschnürung aufknoten und befand mich fünf Minuten später einem Wunder gegenüber: dem Löwenkind, das ich tags zuvor noch im Tiergarten bestaunt hatte. Alle Befehle meiner Eltern und der Verwandten, das gelbe Geschöpf der Eigentümerin abzuliefern, blieben erfolglos. Ich schwur mit verzweiflungsheißen Seufzern, das „Löwle" nie wieder wegzugeben und nur unter Anwendung von Gewalt wand mein Vater dem brüllenden Jungen die Beute aus den Händen. Von diesem meinem ersten Löwen stammt wohl die Sehnsucht nach den großen, gelben und gefleckten Katzen, eine Sehnsucht, die mich immer wieder von Schreibtisch und Beruf hinweg zu jenen Orten führt, an denen wilde Tiere in Europa leben»- zoologische Gärten, Wander-Menagerie, Zirkus und Variete, Tierfangstationen, Exporthäuser für Großwild, Züchtereien, Schaustellungen und abseits liegende stille Privat- fiedlungen. * „Alle Katzen sind falsch", sagen. Hundeliebhaber und wollen nicht glauben, daß Freundschaften zwischen Großkatzen und Menschen möglich sind. Tiger feien heimtückisch, Löwen blutgierig, Panther unberechenbar, eben Katzen, Schleicher, Bestien. Da muh ich an jenen Novembernachmittag denken, als ich Tilly Bsbs aufsuchte, auf dem leeren Platz hinter dem Berliner Zoologischen Garten. Sie hatte ihren Raubtierwagen in einem offenen Schuppen untergefteHt; draußen riefelte, ein neblig kalter Regen und frierend stand die kleine tapfere Frau neben mir. „Keine Beschäftigung seit vier Tagen. Das neue Engagement beginnt erst nächste Woche, solange liegen die großen Tiere im engen Wagen, werden mürrisch und beißen sich während des Fütterns. Man hat's schwer mit feinen Löwen im Winter; den ganzen Tag kaufe ich im Regen herum, Fleisch zu beschaffen, Stroh und einen warmen Stall. Wenn man die „Buben" nicht so lieb hätte!" Während Tilly Beb« mir so erzählt, nimmt sie an der geschützten Innenseite des Wagens das Deckblech weg, und durch die Gitterstäbe (ehe ich die mächtigen Berberlöwen, eingekuschelt in der wärmenden Strohschütte. Saum erblicken sie die Herren, springen sie rautcnb auf die Füße und streichen am Eisen auf und ab. Wahrhaftig, so aus der Nähe gesehen und die Erinnerung an die Löwen des Zoologischen Gartens im Kopf, glaubt man die Arkisten- behauptung, daß Tilly Böbs die größten aller Löwen besitze. Das Schmeicheln nimmt kein Ende; immer wieder faßt die Frau durchs Gitter und zaust die Mähnen, reibt über das Nasenbein des einen Tieres, klatscht dem andern auf die Schulter. Pfui, der Schwarze hat zugefaßt und spielerisch in die Hand der Frau gebissen. Tilly Böbs macht ruhig und langsam die Hand frei, schüttelt den Missetäter am Ohr und sagt vorwurfsvoll und ganz traurig: „Was, beißen tust du? Und ihr andern helft mir nicht? Schämt's euch, was hab' ich nicht schon um euch ausgehalten! Gehungert habe ich, mich geplagt mein Leben lang, ihr tieben Jungen!" Wenn ich's nicht selbst gesehen hätte, würde ich nicht daran glauben; aber so weiß ich, daß der große Löwe schuldbewußt und rührend mit breiter Zunge die Menschenhand gestreichelt hat. Eines Tages rief mich das Telegramm eines Tierfängers in dessen Sammellager: Morgen eintreffen acht Tiger, vier Leoparden, drei Schwarzpanther. Eine nächtliche Bahnfahrt, und ich war zur stelle. Der große indische Elefant, der auf dem Hof der Station Rangierdienste versah, schob mit bedächtigen Stößen einen vollb-stückten ®age,n bis vors Naubtierhaus. Die indischen Transportleute hoben die großen Kästen zu Boden, aus denen dumpfe Laute hörbar wurden. Und als sie verteilt waren, je einer vor einem leeren Käfig, da begann der Oberwärter, ein alter, erfahrener Mann, das verantwortungsvolle Werk. Die betreffende Kiste wurde mit der Stirnseite dicht ans Eisengitter gerückt, mit Stricken und Klammern fest verankert, der Mann kletterte auf die Kiste und zog den Verschluß hoch. c . . ,, . Ein zischender, rasselnder Schrei, Poltern, und wie eine flamme schoß jäh irgendetwas aus dem Dunkel der Kiste ganz weit nach hinten in den Käfig hinein: ein Tiger. Bei sechsen ging es glatt; die beiden letzten wollten nicht aus ihren Kästen heraus, kein Rütteln half und kein Geschrei. , Wir lassen sie am besten gewähren," sagte der Oberwärter, „gehen wir inzwischen Mittag essen!" Sprach'-, sprang von der Kiste herab und warf auf alle Fälle in den leeren Käsig einen verlockenden Klumpen Fleisch. ... ... Als wir einige Stunden später zurückkamen, waren auch die beiden Widerspenstigen herausspaziert; nun konnten wir die Herrschaften beobachten, die sechzig Tage zuvor noch im Dschungel geräubert und weiße Menschen nie gesehen hatten. . ha, was für ein Unterschied zwischen ihnen und den friedlichen Insassen der zoologischen Gärten, deren Großeltern ja häufig schon in der Gefangenschaft geboren worden sind! Am tollsten benahmen sich zwei junge Sunda-Tiacr, vielleicht zwanzig Monate alt, also bestensalls halb erwachsen. Sie lagen wie Schlangen plattgeduckt hinten im Käsig, den Kopf flach am Boden, und starrten uns mit phosphorreszierenden Augen an. Di« Zeichnungen Ärs Fells «nes fast keine weißen Streifen auf; schwarz und dunkelgelb geringelt peitschte der Schweif. Und aus ihren gebleckten Rachen kam ein böses Fauche», dem rasselnden Zischen einer Schlange verwandt, doppelt unheimlich, weil die langen weihen Schnurrbarthaare klirrten, als seien sie von Glas. Bewegungslos lagen die Tiger. Alles Leben konzentrierte sich im Blick und all« Wildheit. , Den größten Schreck aber jagten mir die Leoparden em, die ebenfalls im Transport mitgekommen waren. Sie saßen zusammengekauert in einer Ecke, und sobald man sich dem Käfige näherte, (prangen fie mit einem unbeschreiblichen Satz vom Boden auf, mitten in die Eisenstäbe des (Sitters hinein, so als wollten sie die Trennung im Sturm zerbrechen. Das waren wirkliche Bestien. * In diesem Raubkierhaus, das kein „Schauhaus", sondern ein stilles Zweckhaus ist, habe ich gelernt, mit wilden Tieren umzugehen. Ich stand oft tagelang allein auf jenem schmalen Raum, der — ein Quadrat von vielleicht fünf Metern — ringsum begrenzt ist von Raubtierkäfigen. In der ersten Stunde rührt man sich am besten gar nicht, beobacht:!, wie sich die Tiere bewegen, lauscht auf die Töne jedes einzelnen und, studiert Körperbau und Kopfbildung. Während man beim Eintritt nichts als eben lauter Löwen und Tiger oorfindek, unterscheidet man bald unh weiß halb gefühlsmäßig, wo Freundlichkeit erwartet wird und wo man Ablehnung findet. Einmal bin ich nach solch einer Stunde der Beobachtung schnurstracks auf einen ausgewachsenen Tiger zugegangen, habe ihn mit halblauten Worten angesprochen und lockend gewartet, obwohl er sich mit verlegenem Fauchen in den Hintergrund zurückzog. Es dauerte etwa fünf Minuten, ich sprach pausenlos auf ihn ein und stand — ohne mich zu rühren — zehn Zentimeter vom Gitter entfernt, da kam er wieder nach vorn, strich auf Katzenart an den Stäben auf und ab, den Kops gesenkt und gab jenen Tigerlaut von sich, der ein Freundschafisgruh ist: ein Gemisch aus dem behaglichen Schnurren des Angorakaters, aus Schlan- gengezisch und dem Rasseln von Krokodilen. Als er zweimal an mir vorüber gelaufen war, riskierte ich's, faßte zwischen den Eisenstangen hindurch und streichelte feinen Rücken. Er drückte dagegen, kehrte um und ich — gestehe ich's nur — mir war nicht ganz wohl dabei, wartete, bis auch fein Kopf an meiner Hand vorbeistreifte. Der Tiger prustete fortdauernd; es machte ihm sichtlich Freude, Gesellschaft zu haben. Und ich wurde mutiger, tätschelte seinen Leib, faßte am hals entlang, unter ine Kehle. Er schnurrte, der große Tiger, und richtete den Kopf hoch, so daß die Kehle sich spannte. Ich begriff und traute ihn. Das war wohl sehr angenehm, denn Plötzlich richtete das Tier sich auf feinen Hinterbeinen auf, preßte die weiße Unterseite seines Bauchs dicht an die Stäbe und verlangte nichts weniger, als daß meine Finger sein ganzes Fell durchkämmten. Da kam gerade der Inhaber der Tierhandlung ins Haus. Ich trat zurück, besorgt, wegen Unvorsichtigkeit Vorwürfe zu bekommen. Aber im Gegenteil. „Sie haben, es ganz richtig angefangen. So, durch Beobachtung in aller Abgeschlossenheit, suchen die Dompteure das geeignete Tier aus. Der anschmiegsame Tiger ist nicht zu verkennen, wenn er auch, wie dieser hier, erst vor wenigen Wochen importiert worden ist Von der aüernerrften Momtheorie. Von Professor Dr. Paul Kirchberger. (Nachdruck verboten.) Unsere heutig« Atomtheorte ist nicht etwa eine naturwissenschaftliche Entdeckung wie so viele andere auch, die irgendeine Naturerschemung beschreiben ober eine Frage beantworten, und alsdann als sicherer BW der Wissenschaft gelten können. Sie ist vielmehr eine Lehre und uve 2000 Jahre alt; im Lauf ihrer langen Geschichte hat sie mancherlei langen erfahren, die am meisten einschneidende zu Beginn des 19. UM Io ihre Fortschritte J verschloffen Meitt. Wer gerat« in Nr Erfoischung der v-schutlUad» W ^chrm tonelleT I Dinge zuemander leistet uns die Auffajfung emes Sorganges Äs WeSm- shmen, daß sie nicht > Erscheinung häufig sehr wertvolle Dienste. , >ird. Diese Ähre ist Wir konnten die ungemein wichtigen Fragen nur nut uxmigen ötnäen Mittsweise erscheint, anbeuten. Es mag also nochmals betont werden, daß die neuen ®eT“g®* jolqt »unkte von allen maßgebenden Forschern als Milz ungemein wefeumch Atomtheorie ist seit betrachtet werden. Sie werden gemdezu als Erlösung aus pemsiHsv rt worden; denn es Zwiespalt «npfirndm. Die Wissenschaft dankt r^rts^G Zwiespalt em» uniöen. ine miuenig^.fi wwiu uisieii dem Züricher Physiker E. Schrödinger der kurzttch einen Ruf n«, Berlin erhalten hat. Reben ihm kann als bahnbrechend in dieser -'üchttA auch der deutsche Physiker Heisenberg genannt werden, der se einiger Zeit in Kopenhagen, der Arbeitsstätte Niels Bohrs, wirkt. BsschnsitZ Spinnweben. Eine Lhegeschichle. Von Max Brod. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Alles ist ausgemessen, alles streng ausgewinkelt, alles ist er^°r^£' alles ist berechenbar — wie qualvoll und langwellig alles dadurch wiÄ. Unsere Kraft reicht gerade noch aus, daß wir erkennen, sv müsse es ftstr und könne nie anders werden. Und wenn wir das erkannt haben, sind wir fertig. Fertig in jedem Betracht. . . Wohl waren ja Zeiten gewesen, m denen Stephan akLers gef^ hatte — mit einer gewissen Zuversicht, die im Grund« eix^rattel W* und nicht auf ihre letzten Gründe verfolgbar dte Berzweisl^ jetzt. Sn solchen Zeiten spürte er, daß es lttll fthafftnde Kraste 0äb- ^ um jeden Stein, um jode Blume, jedes Menichenanttttz spielten.' wi immer wieder ein neues Aussehen verliehen, zumindest ^wirkten, t«h man ganz anders, mit echöhtsm Widerstand der Seele.ge^abt, auch auf das Grauenvollste sah. Auch wenn man s mcht andern konrüe — man ertrug es und fortte doch Hoffnung, in irgendeiner fernen Zukunft 0^r vielleicht fvgar sofort würde sich vieles bessern lassen. Rings um Mathilde machten sich solche Kräfte kund eine Lust, «rn Ungschi^n, Neuem, das mit jedem Pulsschlag überraschte und entzückte. Sa, manchmal iÄen es ihm, daß Machilde ausreiche, um uoer alle diese FraMn, Mer bte Fabrikhölle und über Vergessen oder Mchtvergessen Mer Holte M- wegzukommen. Mathildes ganz einfacksts Dasem fdM Me ß^e b«r Mn? glättete die sebreckliche Welt — ia mehr nocy, es laßt sich allerdings kaum mehr in Worten ausdrücksn und muh wohl mißverftandenmorden: _ es war ihm gelegentlich, blitzweite so zumute, als^hatte mm beides feinen Sinn, zumindest für ihn; beides — das Weh der Wett und die engelhaft schöne, liebe Frau. Di« Frau war da, um das Weh der Welt ,U Das Weh war da, um von ihr geglattÄ zu. werden. Nun Moß sich der Kreis, batte Ordnung und Ruhe in sich selbst. '21 ugenblickswesiesctten es so. Aber es war natürlich unrichtig imd vicltelclst mgar verstand er wohl), seiner Geliebten eine solche Kraft und Rangordnung, fei es auch bloß in seiner Borstelkmg, einzuräumen. Es war eine zu arge Belastung für die Frau, gab ilft eine Bedeutung, die ernstlich der Welt und all den Lebensgreueln nicht gerecht wurde — aber auch der Frau selbst beinahe Unrecht tat. Nüchtern betrachtet. Freilich fiel ja, wenn er es fühlte, die nüchterne Betrackstng weg. Und das war gut {o. Mr stürzte dann eben bei nüchterner Betrachtung — also gerate letzt —das Ganze ein, auch bei geringem Anlaß. Denn etwas so Ungeheuerkchss war es ja wohl rächt, daß Machilde einiges Geld verdienen wollte, auch • gut, auch sie begab sich irr den Geldbann. Hafte ste nicht das volle RM dazu? Gewiß. Und ganz im geheimen mußte er sich sogar emgeftchen, daß ein tüchtiger Geldzuschuß ihm gerade jetzt nicht unimllkommemja, rettend gewsten wäre Nw stürme dann eben alles ein. Rur mir bann 7bm alles vorbei - die Lücke in der Wett klaffte wieder, Wch und ich.«».- M ÄS und langweilig. Die Natur tröstet nicht. Nach diesen oder jenen Gesetz«, wird der Schnee in einigen Monaten auftauen, zwangsläufigl — es ist mte bei den Menschen das Geld, man kann es voraus berechnen, und es if, immer dasselbe Einerly. Die Natur schafft nichts Neues^ Es ist immer derselbe Lauf. Dabei drang ihm Nässe durch Ne SchuhsoUen, was sttne oute Laune nicht eben erhöhte. Eine Tanzmusik klang aus dem Wirte - Ms ^r alt und sehr schlecht; ganz maschinenmäßig em dumpfes Auf- fchlaaen von Trammel und glanzlosem Becken zu Beginn jedes Wa^er- taktes — die rechte, klägliche Begleitung und ^r^fnstsmusik für sein Hofs rmnaslvses Traurigsein. War das schon der Wahnsinn daß «r jetzt eine gewisse Freude empfand, als der Rhythmus sich Mtzlich zu beschleunigen begann? Rur diese Regelmäßigkeit nicht! Aber die Trommel hatte sich durchaus nicht in Bewegung gefetzt, es war nur das ^Ep^usstoßen einer!fernen Lokomotive, 'das in das stumpfsinnige Gleichmaß hereinklang und eine Weile lang schnelleren Puls vorgetäuscht hatte. Wie er Nm merkte erschrak er fast. Trommel und Becken hakten klagttch roeiter. Die teere Nacht über den Schneefeldern erfchien ihm doppelt nichtssagend 11 ^,2)u, was ich eben geträumt hab'", sagte auf wachend die Fran, als er spät nachts in ihr Schlafzimmer eintrat. „Nein," erwiderte er. „Du willst nicht? —* schnwllte sie. . Es galt als ausgemacht unter ihnen und war eine ihrer kleinen gemeinsamen Spitzbubenbeobachtungen, daß jedemmnn gern und> m aller Naivität seine Träume zum besten gibt, daß dies aber eigen.lich euten Anschlag auf die Geduld des Nebenmenschen, wo mcht eine FreckHeit, bedeutet. Traume intereflteren nur den, der geträumt hat. Der andere hat schon genug temtit zu tun, des Mitmenschen Wachleben zu »erfolgen. Rim mich noch die Träume? Zuviel des Guten! — Und eben deshalb schenkten sie einander Pliveilen die Glichst, -daß einer die Traumerzm-lung i öeS anderen nihig anhörte, gleichsam das dumme Vertrauen des anderen. dann wieder zu Beginn des 20. Jahrhunderts; wenn \ m den letzten 25 Jahren, besonders aber in den letzen . uMiren als je zuvor, so wäre es doch vermessen, anzunehmen, aud» in Zukunft ihre Form noch mannigfach ändern wird. Diese Lehre ist allo sozusagen einem Roman vergleichbar, der nur abschnittsweise erscheint, mtt der jedesmaligen Schlußbemerkung: Fortsetzung folgt. . Das hierzu zu erörternde, alterneueste Kapitel der Atomtheorie ist fett mehr als zehn Jahren mit großer Spannung erwartet worden; denn es fott eine bisher als besonders peinlich empfundene Schwierigkeit beseitigen ' mrd einen als fast unüberwindlich angesehenen Widerspruch lösen. Natur- 8be- hstten, ihre Mängel aber beseitigt werden sollen, geht wohl am besten von einem Vergleich aus. In der Lehre vom Licht lassen sich mele Erscheinungen, beispielsweise der Durchgang des Lichtes durch Linsen, und im weiteren Verfolg der Bau aller optischen Apparate, mw z.B. Mikroskop, Fernrohr u.dgl. sehr gut verstehen, wenn man ine Lichtstrahlen einfach durch gerade Linien darstellt. Sie machen uns den Durchgang des Lichtes durch Prismen und Linsen, feine Zurückwerfung an Spiegeln nsw. völlig Var, und niemand wird so leicht auf dieses einfache Hilfsmittel bet ber Beikdreibuna der Wirkung von Fernrohren ufw. verzichten wollen. Ader « gibt Erscheinungen, die man sich auf diese Weife Mcht erklären kann. Die einfachste von ihnen ist Ne folgende: Wenn man Licht m einem sonst verdunkelten Raum durch einen sehr engen Spalt gehen laßt, so entsteht auf einem dahinter gehaltenen Schirm nicht nur ein .einzelner schnwler Lichtfteck man sieht vielmehr abwechselnd Helle und dunkle Streifen. Dies läßt sich 'nur verstehen, wenn man das Licht als Wellenbewegung auffaßt. Aber mit dieser Auffassung gibt man nicht etwa die Errungenschaften der früheren einfacheren Erklärungsweise preis, sondern man kann zeigen, haß sie nach wie vor bestehen bleiben, sozusagen in Ne neue Lehre ein» A€I)?Tl. Ganz ähnlich ist es nun bei der Atomtheorie. Man kann sich vorstellen, daß die oben erwähnten linienförmig gedachten Cie k ft ob ahnen ebensolche Vereinfachungen des wahren Sachverhalts find, wie die durch Striche angebeuteten Lichtstrahlen. Stellen wir uns vor, daß in Wahrheit auf diesen Bahnen Wellen untiaufen, wobei wir vorläufig noch nicht verraten wollen, welcher Art diese Wellen sind. Mit dieser Vorstellung gelingt es, die Bevorzugung einzelner Dahnen für Ne umlaufenden Elektronen, um uns dieses einfachen Bildes zu bedienen, in ganz ähnlicher Weife zu erklären, wie es bei der oben erwähnten, einfachen Erscheinung aus der Lehre vom Lickst gelingt, mit Hilfe der Wellenlehre das Auftreten einzelner Heller Streifen hinter dem schmalen Spalt zu erklären und die Stellen, wo sie erscheinen, im voraus zu berechnen. Wir können uns etwa vorstellen, daß sich eine von einem bestimmten Punkte der Bahn umlaufende Welle, oder sagen wir besser, ein ganzer Wellenzug, noch nickst geglättet haben, wenn ste nach geschlossenem Umlauf an Ne Ausgangsstelle zurückkehren. Fällt nun ein neu ankommender Wellenberg in ein Wellental des alten Zuges, so heben sich die Wellen auf. Ein solcher Wellenzug kann sich auf die Dauer nicht halten und demnach keine Wirkungen nach außen hervorbringen. Es werden nur einzelne, ganz bestimmte Bahnen sein, wo sich die umlaufenden Wellen gegenseittg verstärken und aufrechterhalten, ganz ähnlich wie es bei ber obenerwähnten Erscheinung nur einzelne Lichtstreifen sind, die bestehen bleiben, während sie sich an anderen Stellen gegenseitig aufheben, so daß Dunkelheit ein- tritt. Diese Wellenaussassiing bietet also Ne Möglichkeit, Ne Bevorzugung einzelner Umlaufbahnen, die vordem so unerklärlich schien, von innen heraus zu verstehen. Es ist mm gelungen, in den einfachsten Fallen diese schwierige Rechnung wirklich durchzuführen und zu zeigen, daß bet nch-. tigern Ansatz haarscharf die Elektronenbahnen herauskommen, Ne wir nach der bisherigen Atomlehre als tatsächlich bestehend kennengelernt Freilich bleiben noch manche Fragen offen. Wir können z. B. nicht tagen, welcher Art eigentlich die Wellen sind, Ne nun alles erklären sollen. Aber das ist bei den 'allbekanntes Lichtwellen und den beinahe ebenso bekannten Wellen unserer drahtlosen Fernsprecherei auch nicht mel anders; denn das allbeliebte Wort „Aetherwellen", ohne das heutzutage kein Funkhörer mehr auskommt, ist eben nicht viel mehr als ein Wort. Wem es Freude macht, es zu gebrauchen, den soll man in seinem Vergnügen Nicht stören. Wirklich erklärt ist mit dem Wort nichts; aber Nefer Mangel ist erträglich; denn der Naturforscher weih sehr wohl, daß wir vor allem danach trachten müssen, die Beziehungen der Dinge untereinander $u erforschen, während uns Ne Natur der Dinge selber mehr oder weniger fein Traum müßte interessieren (immer wieder fällt man in dieses Ver- i trauen zurück), nicht Lügen strafte. Sprang man dem anderen dabei in die Rede, so war das schon ein Zeichen, daß es zwischen ihnen nicht zum | besten staub. „Bös?" fragte Machiide. i In seine trüben Schneefelder- und Fabrikgedanken versunken (wie ! hätte er das selbst einer so nahestehenden Seele erklären sollen), konnte er ! die Zunge nicht rühren. Sie kam gleich wieder auf ihren Zwist zurück, in bester Absicht natür- ' lief}, denn anders konnte ja der einmal geschürzte Knoten nicht gelöst werden. Er müsse sich doch eigentlich freuen, meinte sie, daß sie ihm helfen und feine Kameradin sein wolle — zur Verstimmung sei da gewiß kein ' Anlaß gegeben. — . . \ „Ich will aber keine Kameradin. Keine Nora Nummer zwei. Ich will ; dich, Mirl. Du bist mein Engel. Das ist mehr als Kameradschaft. Etwas ’ ganz anderes. Dieses Wort von der „Frau als Kameradin" haben genau ! dieselben nüchternen Leute erfunden, die „Zeit ist Geld" sagen — die aller nur in „Geldwährung" auszudrücken vermögen. Schau, Mirl, was bedeutet denn eigentlich diese Kameradschaft? Die Frau soll dem Mann helfen, das Leben erleichtern: also wieder nur lauter Geld, Geldvorteile, Geldgehilfen. Mir ist es viel lieber, wenn du mir das Leben erschwerst — ruiniere mich — verschwende — das alles wäre mir lieber..." Er war aufgeregt, die Fältchen seines braunen Gesichtes bebten taktmäßig — Bluttakt hob sie, senkte sie zitternd. Die Frau richtete sich in den Kissen zum Sitzen auf. „Du bist es, nur du, der immer von Geld spricht. Es ist deine Idee. Gut, vielleicht hat es mich wirklich ein wenig aufgeweckt, daß dir das Geld knapp wurde. ; Aber das ist mir nur lieb. Dafür bin ich dem Schicksal dankbar. Es ist । ein Stolz in mich gefahren — ein guter Stolz, glaube mir — ich möchte ■ dir beweisen, daß ich ein kompletter Mensch bin, wie du ... Und du : sollst und wirst mich dann noch viel lieber haben als jetzt. Du fürchtest dich i vor Berlin, vor allen möglichen Dingen, die du dir einbildest. Laß sie : herankommen; es ist alles" lange nicht so schwer, nicht so arg, wie du - vreinst. Ueberall gibt es Glück für uns, wenn wir einander nur sicher j sind und sicher bleiben. Und du bist meiner doch ganz sicher, Steffl, — j bist du es nicht? Er seufzte auf. Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt, vielleicht aus i Müdigkeit nach dem angestrengten Geschäftstag, vielleicht, um dem Körper der Frau, den er durch die Decke spürte, näher zu sein. „Also, daß das ‘ Geld knapp geworden ist — wie sagtest du? — aufgeweckt hat es dich? , — Nun, habe ich nicht recht? Geld, nur Geld. i Das Sprichwort meines Baiers, das ich immer so verlacht habe, jetzt ! wird es an mir wahr. Geld, pflegte er zu sagen und wackelte andächtig i mit dem Kovf: Wenn Geld nur Geld wäre — aber Geld ist alles! — - Er sang es 'förmlich, dieses Wort: „Alles!" Und wild faßte er nach der Frau. Alles, auch du — das lag in dem harten Griff. Als wolle ihm , nun auch die Frau ins Geldland entfliehen. „Ach, das alles so schwer ist, seufzt« er auf. Er hatte den Kopf an ihrer vom Schlaf schon kindlich erhitzten Wange. Sie hielt ihn dort fest. — Draußen vor dem Fenster ; Schneeflocken. Der Lichtkreis der Nachtlampe zeigte ihr leises Nieder- J schweben nahe an der Glasscheibe. „Die leichten Schneeflocken," sagte die ; Frau. „Steh' nur, was für beichte Dinge es gibt." „Leicht?" seufzte er. „Du solltest den Schnee auf den Kohlenhalden i schon — oder im Fabrikhof. Wie mit Keulen hingefchmettert, wie niemals mehr wegzuwAzen sieht er da aus." Sie sahen lange zum Fenster hin, stumm, jedes in sein« Gedanken ab- gespcrrt. Die Hoffnungsfreude in ihrem festen, glatten Gesicht erlosch nicht; auch der Schmerz nicht in dem seinen. „Weißt du, was komisch ist?" sagte sie endlich, gab offenbar stärkstem >. Antrieb nach. Er hob den Kopf. „Du hast mich noch nie spielen gesehen. Ich habe dir noch nie vor- ! gesprochen." . Es ist wahr, daran hatte er noch nie im entferntesten gedacht. — Wie vielen Menschen, deren Gefühlsleben stark, bis zur Schmerzhaftigkeit stark ist, waren ihm die Künste im Grunde gleichgültig! Ihm genügte vollauf das Leben, mit seinem Elend, das er sah, vor dem er sich nicht t obsperrte. Aber warum es abschildern, also verdoppeln? — Nein, mit : Kunst möchte er nicht behelligt fein. Den Geist liebte er wohl — den Geist der die Welt verändert, das Stu-dium, technische Erfindungen, Schaffen und Bessern; nicht aber die Langeweile 6er Wiederholungen; — Seine Frau verehrte er. In ihr war noch viel, das wußte er; nicht grundlos verehrte er sie — da waren noch Rätsel, unerfüllt gebliebene Wünsche, Wege im Nebel... Aber daß nun gerade Schauspielkunst es fein sollte, was in -der Frau steckte und an den Tag wollte, daß etwa diese , noch nickst qeoffenbarte Begabung den ahnungsweise erfühlten Grund für all seine Verehrung und Leidenschaft darstellen solltedieser Gedanke kam einer Enttäuschung gleich, faßte ihn geradezu mit Entsetzen. Er sah sie starr an. Die Frau nahm sein Schweigen für Ueberlegung und Staunen in dem von ihr gewünschten Sinn. „Soll ich dir etwas vorsprechen? Was willst du hören? Puck, Sommernachtstraum? Willst du?" ! Er konnte kaum reden, stammelte: „Jetzt? Jetzt gleich?" ■ Sie hatte die Decke zur Seite geworfen, wollte aus dem Bett auf- i springen, von tätigem Eifer erfaßt, vielleicht ein Buch holen, vielleicht zu agieren beginnen. Im Schlafpyjama? Das Zuchtlose, auch ein wenig Lächerliche, das sich für ihn stets mit dem Begriff „Theater" verbunden hatte und ihn seit je abstieß, sand unerwartet Bestätigung. Wie um etwas -■ Entwürdigendes nicht zu sehen, schlug er rasch die Hände vors Gesicht. : „Nie, nie! Nie will ich das mitmachen!" Er stand schon an der Tür. Wie eine Verwünschung schrie er ihr noch einmal zu: „Nie!" Als würde ihm erst jetzt klar, daß sie feit dem ersten Auftauchen ihrer neuen Berufsidee, keinen Augenblick von ihr abgelassen -haste. Das war die Kraft, die Hartnäckigkeit, die er an ihr kannte! Nur diesmal nicht zu verehren, nicht zu billigen — einem schändlichen Beginnen zu gewendet. Also, offener Kampf! Es blieb nichts anderes übrig. Er warf die Tür hinter sich zu, floh in fein kaltes Bett — mit einer Hast, als hätte die Frau ihn aushalten wollen, hätte nicht die Hande traurig, unschlüssig zu Boden gesenkt. Eine schöne Frau und ein verriegeltes Schlafzimmer, wie er es nun in den nächsten Nächten vorfanü — &as war von einer ganz fanatischen, bösen Gewalt über ihn. So sehr er sich dagegen wehrte: er sah ihre Arme vor sich, während er darüber nachdenken sollte, brieflich den Gläubigern ein neues Arrangement anmutig zu machen. Anmutiger als alle Arrangements der Welt waren diese weißen Arme, weiß wie das Innere eines eben frisch ausgeschnittenen Apfels — und duftend wie -das Fruchtfleisch des Apfels ihre glatte kühle Haut, an die er im Geist glühend feine Lippen anpreßte. Eine zarte blaue Ader gab es da, in der Innenfläche des Ellbogens, und zwei ganz schwache Rinnen in der Armbeuge — beim Frühstück durfte er all dies Liebe sich für Momente aus der Seide des Morgenrocks enthüllen sehen. Dann wurde es weggetan. Und Mathildens Stimme blieb brüchig und langsam, saug nicht mehr, von: Lachen gesättigt, duldete keine Niche. Etwa vierzehn Tage n-achchem ersten Gespräch über Schauspielerei war unter der Geschästspost, die Stephan öffnete, ein Brief, dessen Firma ihm schon im ersten Anschauen ungewöhnlich vorkam, den er aber trotzdem zu lesen begann, ohne dabei etwas Besonderes zu denken. Dann erst hielt er ein. Es war ein Brief an feine Frau. Bon der Direktion der Reinhardtbühnen. Das Engagement war perfekt. Kontrakt lag bei. So weit also waren die Dinge schon vorgeschritten! — Die Frau hatte feine Wachsamkeit getäuscht, hatte ihn geradezu überlistet. Zwar hatte sie nicht gelogen. Aber geschwiegen hatte sie. Was genau dasselbe war; zumal er doch nicht annehmen konnte, daß sie in allem Ernste bereits Verhandlungen führe.... „Ist nicht ein Brief für mich gekommen?" fragte fie mittags. Es war merkwürdig. Darauf war er nicht gefaßt, daß sie gerade an diesem Tage fragen würde. — Sofort schoß ihm durch den Kops: Ob ich eigentlich das Recht habe, sie an der natürlichen Betätigung eines Talentes zu hindern. Zugleich war ihm aber der am Nachmittag drohende neue Gläubigeransturm gegenwärtig. Die Fabrik, mit so viel Hemmung geleitet (der alte Mann am Kuchenhobel hatte das mitverschuldet), die Fabrik ging immer schlechter. Eigentlich hätte es ihn ja nur freuen sollen, daß die Ausbeutungsmaschine, die Arbeitshölle ins Stocken kam. Aber so ist nun einmal die menschliche Natur nicht beschaffen. Stephan war kein Heiliger. Er fühlte es durchaus nicht als Erleichterung, daß ihm der Konkurs auf dem Nacken faß. Und die apfelweißen Arme der Frau, die sich fern hielt und' fori wollte — die fühlte er auch nicht als Erleichterung. Wir alle stehen im Krieg und üben Kriegsrecht aus, nach allen Seiten, in erster Linie sorgen wir jeder für uns selbst, leider muß das so sein. Das dunkle Gesicht knitterte seine Falten noch knittriger Äs sonst und sprach, wi« geistesabwesend, ein verträumtes „Nein". „Sein Brief für mich?" „Ich sagte dir schon: nein." . Aber am Abend — im Wohlgefühl einiger geschickter Verhand-lungs- züge, die er gegen die Gläubiger geführt hatte — kam ihm der Einfall, auch gegen -die Frau einen Gegenanschlag zu versuchen. Auf die Dauer, das sah" er, würde er sich ihren Plänen nicht widersetzen können. Der unterschlagene Brief brannte ihm ja schon in der Tasche. — Wenn sie nun aber, ehe es herauskam, ehe Reinhardt und Berlin und ©targage und all das, was er so fürchtete, sie in die fremde Eisre-gion hinauftrügen ... wenn sie vorher einen anderen harmlosen Vertrag schlösse. Was dann? Mit einem der kleinen Stadttheater im nahen Thüringen... im Auto binnen drei Stunden «reichbar, also doch noch in feinem Bereich, in seiner Macht... nicht bloß geographisch — auch weil bie-fe Theater natürlich nur schlecht zahlten. Seine Eifersucht war in diesen Tagen der Entfremdung aufs höchste gereizt. Die Frau sollte -und -durfte feiner Macht nicht entzogen werden. Ob er die Stargage bloß unter dem Gesichtswinke-l dieser Gefahr oder als gesteigert ausgeprägten Makel der „Geld-Währung" verabscheute — dies klarzustellen hatte er weder Zeit noch Neigung. Seine Gedanken liefen einen anderen Weg: einen dieser Stadttheaterinicht da nten kannte er sehr gut. Herrn von Unstrut. Im Krieg war er demselben Divi- sionsstab zugeteilt gewesen. Nun schrieb er an ihn — sein« Frau wolle ihm gern vorsprechen... Wenn sie Talent hat, wird -sie auch dort gefallen — beruhigte er fein Gewissen — und Berlin ist vermieden. Die Antwort kam bald. Wiewohl in ihr von „Vakanz" und einer „ersten Liebhaberin", „Sentimental-Naiven" nebst ähnlichen widerlichen Klassifikationen -die Rede war (Fabrikmarken hätte er sie in seinem Betrieb genannt und die geschäftsmäßige Ausdrucksweise kam ihm im Hinblick auf das einzigartige Wesen, das er in Mathilde sah, vollständig unerwartet), obwohl ihn also die Form abstieß, brachte er den Brief doch zu Mathildens Kenntnis und fetzte ihr sogar sehr zu, bte Sache zu probieren. Nimmt sie an — -dachte er dabei —, so kommt nun doch bald alles heraus und es wird diesmal mit -der Scheidung Ernst. „Warum ballst du -denn die Faust?" fragte sie und sah zur Seite auf feine Hand, die auf dem Brett hin und her rutschte. „Cs ist meine Gewohnheit." „Habe ich noch nie bemerkt." „Nun — und mein Vorschlag?" Mit kühlem Erstaunen blickte sie auf und sagte „Ja". Am andern Morgen ließ sie sich von ihm im Auto in den kleinen Kurort über die Grenze -bringen. „Wie ein Lamm zur Schlachtbank", spottete er, aber es war ihm nicht wohl zmnut dabei. Ein kalter Wind blies, und auch im Auto wurde es, trotz der vielen Decken, Ächt warm, da man so weit voneinander saß. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.