SietzenerKmiilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Sietzmer Anzeiger Jahrgang <921 Samstag, den 25. Juni Mmmer 50 Nordland. Von Knut Hamsun*). Ewigkeitss-srn kann man draußen sshn Fliehende Horizonte, Wogen vom Meere kommen und gehn, Kommen und gehn. Meilenweit sichtet man Segel, weißschimmernd besonnt«. Winterfinfternis endlich sich dehnt, Nordlichter flammen dazwischen. Grübelnd der Fischer nach Schätzen sich sehnt. Träumt und wähnt. Täglich die Netze stellend das Glück zu erwischen. Sommersonne verschwenderisch reich, Alles in strahlendem Glanze, Jubelnde Lichter, Fanfaren gleich. An Gold so reich, — Nordland singt in festlichem Nammentanze. Fische wie Silber, ein großer Fang, Gruben mit Erz in den Fjellen, Unter dem Pfluge Talgrund und Hang, Taufrischer Hang. Land für zehnfaches Volk mit Vieh in den Stallen. Meerwärts die Möwe hebt sich grau, Macht ihre letzte Runde. Alle die Blümchen auf der Au, Rot und blau, Schließen sich abends still mit versiegeltem Munde. Nordland — Nordland, du reiches Land, Trägst in allen Gebreiten Dämmernde Jugend als sicheres Pfand, Zukunstsland! Gruß dir und Segen jetzt und zu allen Zeiten! Psr Hcrllftrom. Von Hans Georg Brauner. Nordische Literatur wird von jeher als Bestandteil der deutschen Literatur gezählt — gleichgültig, welcher der drei Nationalitäten sie angehört: von Hollberg bis Ibsen, der seinen Weg Wer Deutschland ging, Hamsum, der große Dostojewski-Jünger, Strindberg, von der Lagerlöf bis zu Ägrid Undset, von Per Hallström bis zu dem Dänen Joh. V. Jensen — sie alle scheinen uns ost mehr zu gehören als ihrem eigenen Lande. Der deutsche Geschmack bewies sich immer in der instinktmäßig richtigen Einstellung zu ausländischem Schrifttum. Er ging oft so weit, die Verehrung fremder Schriftsteller der Liebe zu deutschem Schrifttum vorzuziehen. Oft mit Unrecht. Solange Dichtung aus dem Eigenerleben eines Volkes, aus der Klangmelodie einer Sprache wächst, gibt es „nationale" Literatur, die -dem Außenstehenden fremd bleiben muß, höchstens eine Modeangelegeicheit werden kann. (Pirandello — Proust — Unamuno.) Wo die Grenzen zweier Völker die Gefühlswelt nicht zu trennen vermögen, wo die Erlebnismöglichkeit gleiche oder ähnliche seelische Voraussetzungen, d.h. Rassemerkmale auszuweisen hat, dort wird sich natürlich das Eigentumsrecht gegenüber geistigen und künstlerischen Erzeugnissen nicht auf die Farbflecke der Landkarte beschränken. Die Bevorzugung romanischen und russischen Schrifttums ist weniger der Beweis einer inneren Verwandtschaft mit deutschem Gefühlsleben, als der Verehrung einer großartigen künstlerischen Architektur, deren tiefstes Geheimnis uns fremd ist. Es ist die Reugier des Jünglings zu Sais. Anders ist die Einstellung zur nordischen Literatur, die — nur geboren aus dem Sinne -her nordischen Landschaft — ein abgewandelter Ausdruck deutscher Gefühlskomplexe ist. Per Hallström gehört zu den Stillen, Zurückgezogenen. Er ist nur um seine Kunst bemüht, stets abseits von einer Zeit, die wohl schon während seiner ersten Schafsensjahre ein herberes Gesicht gezeigt hat. Er formt nicht den. Wechsel, das Vorwärtsdrängen sich vorbereitender Ereignisse. Er lauschte nach innen — in das geheimnisvolle Verborgene eines jeden Menschen, er sucht nach Worten, die unausgesprochen oft zwischen den Menschen sind. Er formt Erlebnisse, die dem oberflächlichen Auge wohl entgehen, denen er aber ein Leuchten gibt, das sie aus dem Rahmen des Alltäglichen hebt. Er schildert nicht Leidenschaften, die hart und nnerbitt- *) Dies und das folgende Gedicht wurden dem schmalen Bande fein- Uselierter Lyrik des großen nordischen Dichters entnommen, die der Verlag I. M. Spasch, Berlin, unter dem Titel „Der wilde Chon" veröffentlichte. lich einem Leben neu« Richtung geben. Leidenschaften wachsen bei ihm nicht aus dem unentrinnbaren Zwiespalt des eigenen Ich, sie entladen sich in -bem rätselvollen Gebaren einer unbezwungenen Natur, sie sind der Fels, der Strom, das Meer, und der Mensch steht abseits — nur das verkleinerte Spiegelbild entfesselter Naturkräfte. Jahre scheinbarer innerer Ausgeglichenheit bedürfen keiner Kunst die gewalttätig gegen verschlossene Türen klopft und neue Bahnen bricht Kunst sollte in verehrungswürdiger Isoliertheit über dem Leben stehen- Kunst um ihrer selbst willen als der Ausdruck eines in Jahrhunderte alter Kultur herausgebildeten Schönheitsideals. Liefe milieuhafte Abgeschlossenheit ist vielleicht di« Ursache, daß jetzt schon Hallström, des eben sechzigfahrigen Dichters, erinnernd gedacht werden muß. Die Süllen sind die Ruhepunkte fortschreitender Entwicklung. Das Alltägliche gewinnt an Bedeutung - so als fiele ein Sonnenstrahl auf ein vergessenes altes Bild. Das Unscheinbare wird zur symbolischen Größe einer schöpferischen Offenbarung erhoben. Hallström schildert Menschen, liebend verzerrte Gestalten, unschuldige Schiffbrüchige eines unbarmherzigen Lebens. Und es ist, als würfen sie alle riesengroße Schatten vor geheimnisvollen Lickst, quellen, als griffen unwahrscheinlich lange Arme nack unerreichbaren Trauimvorstellungen. lieber ihnen liegt etwas von dem Spuk der Gösta- Berlin-Saga („Schelmenroman"). Oder es sind Menschen, die die Ehr- furcht vor der Heiligkeit der Statur, schweigsam und doch sich beugend unter dem heißen Strom eigenen Empfindens. Und das erlösende Wort mit wachsendem Druck verschwiegen, wird endlich gleichbedeutend mit dem Spruch über Leben und Tod („Das Stumme"). Hallström schildert den Nordländer und -damit sich selbst mit einer Miene: ein bißchen einsam, ein bißchen träumend. Sie haben mehr den Ausdruck jemandes, der laut für sich selbst denkt, als eines Menschen, der spricht, um einen anderen mit- zureißen. In ihm sammelt sich noch einmal ein Rest verlorener Romantik, mit der Sehnsucht nach der Gotik des sterbenden Mittelalters, nach einer Zeit, in der sich der Traum des Lebens unberührt von harten Geschehnissen zu Ende träumen läßt. Etwa wie bei Hermann Hesse oder Franz Kafka, den vertriebenen Romantikern. Hallström hat den Wunsch, die bürgerliche Idylle des 19. Jahrhunderts in eine Zeit hinüberzuretten, die Miene macht, das Alte wie Staub von den Schuhen zu schütteln. Er wird feinen Weg zu Ende gehen wie sein Gabriel, der auf das erlösende Wort einer stummen Liebe wartete und dabei die Zeit um sich vergaß. Die Zeit wird sich erfüllen, fern von ihm, unbarmherziger als seine Welt es zulassen kann. Sie wird fein8 Welt zerstören, und er wird die Erinnerung auf sich nehmen wie einen letzten Segen, der unausgesprochen mit in die Grube wandert. Das eWig MLnnUche. Bon Per H a l l st r ö m. Sic waren zwei Vettern, von der gleichen alten, guten Familie und Vermögenslage, und hausten jeder ans einem Gute an den gegenüberliegenden Ufern eines langen, geschlängelten Sees. Mm findet solche an mehreren Stellen unseres Landes, und sie scheinen von der Natur selbst zum Wog für die Geselligkeit im Winter geschaffen und zum Schutz für den Arbeitseifer oder auch für ein wenig lyrische Träumerei während des übrigen Teils des Jahres. Die Aehnlichkeit hatte übrigens damit nicht ihr Bewenden, sondern ließ sich in den verschiedensten Punkten sortsetzen. Sie waren von demselben angenehmen Alter in der Nähe der Dreißig, wo junge Männer gesetzt werden und all die Dummheit ablegen, die sich ablegen läßt, ohne dabei ihre gute Laune einzubüßen. Sie erfreuten sich beide einer guten Gesundheit und einer gleichmäßigen Stimmung. Sie hatten kühne, wettergebräunte Gesichter, von denen die Stirnen sehr weiß abstachen. Sie hatten lange, wohlgebaute, aber ein wenig steife Gestalten in gutsitzenden Kleidern, und ihre Augen spiegelten dieselbe sorglose Ruhe. In der Schule hatten sie miteinander Schritt gehalten, wenn nicht mit Ehren, so doch mit großer Treue gegeneinander, und dabei so viel Vergnügen herausgeschlagen, als eine gute Laune nur geben kann. Sie hatten ungefähr gleich gute, schlechte Zeugnisse im Frühling heimgebracht und sich im Sommer zusammen von Klasse zu Klasse hinaufbugsiert. Auf derselben Jagdpartie hatten sie ihre ersten Füchse zur Strecke gebracht und waren bei demselben Abiturinm durchgefallen und durchgekommen. Schließlich hatten sie Seite an Seite in der Kadettenschule von Karl- ber,g die Erniedrigung des ersten Jahres und den Triumph des zweiten gekostet. Sie hatten dann die Uniform desselben Regiments angelegt. Kurz gesagt, sie hatten aus demselben Becher die solide Freude und di« flüchtigen Sorgen des Lebens getrunken. Jetzt verwalteten sie in ihrer freien Zeit ihre Güter mit mittlerer Tüchtigkeit und ohne aufregenden Wetteifer. Sie warm auch so gute Freunds, als sie bei biefen Voraussetzungen sein mußten. Bis zum Zeitpunkt dieser Erzählung hatte sich zwischen ihnen nur leine Rivalität entwickelt, wo der eine nicht mit Gleichmut dem anderen *) Im Verlag der Deutschen Buchgememschaf hat Kasimir E d sch m i unter dem Titel „Das große Reisebuch" Eindrücke ES Welten bummlers veröffentlicht, die mit zu dem Besten gehören, was Uber schäften und Menschen, Länder, Sitten und Nationen,, ihr Werden un Sein in unser«. Tagen geschrieben wurde. Als Beispiel, wie Es) ferne Dinge sieht, sei hier bas Kapitel über seine schwedische Reise Lluszug wiedergegeben. Von Kasimir Ed-schmid*) Die Geschichte Schwedens besteht aus Schwermut und Abenteurerei. Man kann dasselbe von seiner Landschaft und von seinen Menschen sagen. Damit ist die Frage auch gelöst, was aus dumpfen Bauern immer wieder plötzlich Helden und aus den Fischern Wikinger machte ' Die Schweden haben alle ein wenig von Karl dem Zwölften und em wenig von den Barden in sich, deren Lieder voll tiefer Melancholie M- wenig von den Barden in sich, deren - .„„ a , m Das Heldentum überkam die nördlichen Germanen in einer Art Narr« hüt Sie waren Träumer und fanden sich plötzlich in Rasende verwanden, welche die Welt mit ihrem Ruhm erfüllen mußten ... In Tirol hot das Germanentum sich em buntes und mächtiges Ailoer buch seines Mythos geschaffen und seine Menschen zu gewaltiger und erd. naher Robustizität entwickelt. In Schweden hat die germanische Rasse tyr glänzendstes Schaustück gefunden: ein herrliches, blondes Volk, das naa) außen hin mit Wollust lebt. Aber sie sind Tieftinnige. . Sie leben wie Genießer, aber sie sind voll der traurigen Mußt chr- Skalden Bellmann. Ihr Temperament liegt zwischen Paris und Mos während sie schöner als die Engländer sind. Eine unheimliche Vermahlung. Das steht auch in ihrer Literatur. . Welcher Gram und welche Furcht vor den Geheimnissen der Erde 'y überall bei der Lagerlös, bei Heidenstam, bei Halstroem. Aber wie liev neben sich Raum ließ. Das war in bezug auf die Traber die im Winter ihre einspännigen Schlitten demselben Ziele zuführten, den Schlag auf Schlag aufeinanderfolgenden Vergnügungen der Umgegend _ Auch hier lag nicht Mißmut oder Egoismus zugrunde. Nicht für eigene Rechnung erwartete man den Preis, sondern für die Pferde. Die Menschennatur ist nun einmal so beschaffen, daß, wo starke Gefühle für einen anderen ins Spiel kommen, man wünscht, daß ihr Gegenstand sich auszeichne, auch wenn es jenen, denen man sonst alles Gute gönnt ein wenig Demütigung bringen sollte. Die sanftesten Mütter können für ihre Kinder ehrgeizig werden und scheuen dann nicht vor ein wenig Jntriguen zurück, um sie zur Geltung zu bringen, selbst auf Kosten derer ihrer besten Freundinnen. So war es auch mit den beiden Vettern und ihren flinken Pferden, die Möglichkeit eines Konfliktes war gegeben. Aber es ist nun an der Zeit, im Interesse der Klarheit alle handelnden Personen reinlich voneinander zu scheiden. Die Barone hießen Karl und Gustav, die Tiere Hektor und Ban Houten. Es ist von Gewicht, die vier nicht zu verwechseln, und man muß sich darum genau merken, daß Hektor braun war und dem Erstgenannten gehörte, während Gustavs Pferd eine eigentümliche Farbe, wie Schokolade mit etwas Milch versetzt, hatte, daher der Name! Es konnte in gewissen Beleuchtungen fast lila aussehen und war also keine Augenweide. Aber ein durchaus respektables Tier von ebenso gutem Körperbau und inneren Eigenschaften wie das andere. . Denn auch die beiden Pferde waren einander ebenbürtig, und bet den Rennen der Umgegend hatten sie abwechselnd erste Preise heim- gebracht, je nach der augenblicklichen besseren Disposition, nicht aber infolge irgendeiner andauernden Ueberlegenheit. Die Besitzer hatten einander dann gutmütig beim Champagner des Mittagessens beglückwünscht, doch mit einer herabsetzenden Bemerkung über den Wein und den stillschweigenden Entschluß, die Scharte wieder auszuwetzen. Auch im übrigen hatte die Rivalität den Schatten einer Scheidemauer zwischen ihnen aufgerichtet. Van Houtens Herr, der -das Schokoladefavbene in Ehren halten mußte, war dadurch dahingekommen, auch in anderen Dingen als Pferdefarben eine gewisse Vorurteilslosigkeit zur Schau zu tragen, wodurch er bei älteren Standesgenossen einige Bedenken erregte. Auch wenn er ein Herren-Mittagessen hatte, konnte es ihm einfallen, das herzenswarme Bankarrangement um den Smörgastisch abzustellen und Anderson mit kleinen modernen Assietten auf einem Tablett herumgehen zu lassen. Später beim Likör konnte es passieren, daß er sich in fröhlichem Leichtsinn darauf einlieh, politische Veränderungen zu diskutieren, die er un- gehört hätte verdammen müssen. Die Gäste stand«! etwas steif vorgebeugt und spießten Sardellen mit Oliven mit den viel zu kleinen Silber- gabeln auf, versuchten sich den Rücken freizuhalten, schmatzten, aßen und schluckten und ließen dem, was geboten wurde, Gerechtigkeit widerfahren. Aber wenn die geistigen Neuigkeiten kamen, da schluckten sie nicht mehr, denn die blieben ihnen im Halse stecken, und die Gesichtsfarbe wurde dunkel wie alter Burgunder. Zu einem eigentlichen Skandal war es jedoch nicht gekommen, und Baron Gustav war noch immer beliebt, obgleich man nach und nach überall dazu neigte, Van Houten auf die Länge doch für weniger solide zu halten als den Nebenbuhler. Und nun kam noch ein anderes Gebiet hinzu/ auf dem die Gefühle der beiden Freunde Gefahr liefen, zufammenzustohen. Sie verliebten sich in dieselbe junge Same, die Ebba hieß und in einem Schloß an der einen Ecke des Sees wohnte, unaefähr gleich weit von beiden entfernt. Sie galt allgemein für schön und war selbst zu wohlerzogen, um eine andere Meinung zu haben als ihre Umgebung, ohne doch darum in Koketterie mit ihren Vorzügen zu verfallen. Sie war blond, rosig, hübsch gekleidet, saß gut zu Pferde und ebenso gut auf dem Klaviersessel, auf deni sie auch leichte Musik korrekt ausführte. Sie nahm sich anmutig aus, gleichviel ob sie in einem Fauteuil lehnte und sich den witzigen Ideenreichtum, der auf sie einstürmte, mit vorwurfsvollen kleinen Ausrufen vom Leibe hielt, oder ob sie tanzte oder ging, letzteres mit gleitenden Schritten ohne bestimmten Rhythmus. Ihre blauen Augen waren ehrlich und unberührt, und sie hatte nie einen herben oder entscheidenden Gedanken gedacht oder irgend etwas fest angepackt außer den Zügeln ihres eingerittenen Pferdes. Und mm war sie beinahe verliebt und hatte sich klarzumachen, welcher von den beiden Anbetern der Gegenstand war. Es muhte eine Wahl getroffen werden, die darüber entschied, daß einer von ihnen, wie es sich gebührte, ihr vollkommen gleichgültig war, während im Zusammensein mit dem anderen alle Fülle des Lebens lag. Dies war nicht so leicht getan, da ihr beide präzise gleich den Hof machten, da kein Mensch sie von rückwärts unterscheiden konnte, und da es überhaupt unmöglich war, bei einem von ihnen eine Eigenschaft zu finden, die der andere nicht im gleichen Maße besessen hätte. Die Lage begann recht kritisch für ein korrektes junges Mädchen zu werden, das allerdings nicht ausgesprochen worden war, aber doch genug über die Liebe als sakramentalen Gnadenakt gelesen hatte, bei dem es sich um ewige Glückseligkeit oder ewige Verdammnis handelte, je nachdem, ob man den rechten Glauben hatte oder nicht. Es war, als hätte man ihr zwei Kelche Altarwein gereickst, von baten sie wüßte, daß der eine vergiftet war, aber nicht welcher. Sie wurde in ihrem ganzen Wesen so unschlüssig, daß es ihr zuweilen unmöglich war, auch nur zwischen zwei Teebrötchen von derselben Sorte zu wählen. Sie begann abzumagern. Auch die jungen Männer hatten es unruhig. Wenn sie nicht bei ihr waren, verbrachten sie die Tage in ihrem Turmzimmer und guckten durch große Fernrohre auf das Eis des Sees, der weiß wie ein unbeschriebenes Blatt dalag. Sobald ein Schlitten mit einem der wohlbekannten Pferde über die Schneedecke dahinschoß, machte der andere den seinen bereit und war am Ziele angelangt, ehe noch das Tete-a-tete mit der Angebeteten feste Form hatte annehmen können. Oder sie saßen auch da und hielten einander gleichsam mit drohenden Kanonenmündungen davon ab, sich auf den Weg zu machen, bis die Dunkelheit einbrach und man va banque fuhr. Glücklich angelangt, konnten sie jedoch nicht umhin, sich zu brüt sehr gemütlich zu fühlen, denn sie hatten sich noch immer gerne, unb die Spannung lockte nur ihre liebenswürdigsten Eigenschaften in geschultem und beherrschtem Gleichmaß hervor. Sie lachtai ohne Hintergedanken gegenseitig über ihre Einfälle, und Fraulein Ebba lachte mit; aber nach welcher Seite sie auch den Blick wendete, sie konnte jene treuherzige Freundlichkeit nicht unterdrücken, die in einem männlichen Gemüt den Gedanken an ein mögliches und naheliegendes, unglaubliä) großes Glück heroorlockt. Und wenn sie gefahren waren, kam sie sich unwürdig und ungetreu vor, ohne zu wissen gegen wen, was die Peinlichkeit noch verschärft, weil man niemandem die Schuld geben kann. So standen die Dinge an einem Abend im Februar, an dem in dem Hause der jungen Dame eine Mittagsgesellschaft stattfand. Sie war ganz einfach, das heißt, es gab keinen Champagner, und die Herren waren nur im Salonrock, aber die Gesellschaft war ebenso zahlreich ,und ganz ebenso zusammengesetzt wie an den großen Festtagen. Man hielt in der Gegend zusammen und unterließ es nie, irgend jemanden einzuladen, der zu dem durchaus nicht engen Herrschaftskreis gerechnet werden konnte. Alle kannten sich gut und hatten einander mehr als einmal alles gesagt, was sie überhaupt zu sagen wußten. Dies hinderte sie jedoch nicht, es mit unvermindertem Eifer noch einmal zu sagen und Dispute quer über den Tisch anzuknüpfen, bis man entdeßte, daß niemandes Ansichten zu er- schlittern waren, und dies auch ganz in der Ordnung fand. In einem Punkt waren alle derselben Meinung: die für solche Gelegenheiten vorgeschriebenen drei Weinsorten schmeckten ebenso gut wie immer, und das hundertjährige Bier war noch immer hundertjährig. Das wurde in einer besonderen Art hoher Gläser serviert, mit Teelöffeln und Steruzucker darin, den nes war vom Alter ganz sauer. Es war voll Bodensatz, der sich zwischen jede mSchtuck erst setzen mußte. (Eigenlid) war es gar kein Säkulum alt, aber es war doch jedensalls sehr, sehr lange her, seit das große Faß zum ersten Male gefüllt, im Laufe des Jahres halb leer getrunken — das war ein ungeschriebenes Gesetz — und nachgefüllt worden war. So war es feit Generationen ^^^Jm^Hause lebte ein pensionierter Hauptmann, der seit vielen Jahren mit zwei Gewehren und einer größeren Handtasche als Gast zu einer Jagdpartie gekommen und seitdem dageblieben war. Er hatte einen mathematischen Kopf und versuchte jedesmal, wen «dieser Trank auf den Tisch kam, vermittels einer mathematischen Serie zu berechnen, wieviel von der ursprünglisten Masse noch übrig sein mochte. Er zeichnete mit der Dessertgabel Formeln auf die Manschette und verwirrte seine Tischdame und sich selbst den Kopf, denn mit jedem Jahr, das ging, nniröe es immer schwieriger. Die Hauptsache war, daß das Bier unberührt im selben Keller gestanden hatte und nie auf der Wanderschaft gemejen war, daß es eine vornehme, fideikommißartige Natur bekommen hatte, wenn auch die Familien gewechselt hatten und die Ehen nicht imnwr standesgemäß gewesen waren, und daß sich die Dielen darüber alljährlich in Tanz und Freude gewiegt l-atten. Es hatte einen feinen, wemarügen Geschmack und rief eine besondere Stimmung beherrschter Fröhlichkeit hervor, in der man alle materiellen Sorgen vergaß. Ungesund war es au chnicht, wen man es mit Maß trank, und das tat man immer, denn es war etwas Feierliches an der ganzen Sache. Die Haustochter nippte zum Schein daran, um der Aufforderung des Hauptmanns am anderen Tischende nachzukommen. Wenn , sie em anderes Glas genommen hätte, jo würde er das als eine Urchomchkeit aufgefaßt haben, so etwa, als antwortete man auf eine andere Frage, als die an einen gerichtet wurde. Sie war wie alle besonders aufmerksam gegen ihn, im Hinblick auf feine abhängige Stellung, der er seinerseits durch eine stille, anspruchslose Riterlichkeit Wurde zu geben wußte. Im übrigen war Fräulein Ebba schon wirr S«wg im Kopf, ohne überhaupt ein Glas anzurühren. Da Damenmangel herrschte, hatte sie ihre beiden Anbeter als Tischkavaliere, mit der ausgesprochenen Ungewißheit, welcher den Vorzug haben sollte Da saß sie nun w^rergewohn- i ich en Unschlüssigkeit und glich, ohne daß sie es wußte, Buridans G|elm den Gedankenexperimenten der Scholastiker über die Willensfreiheit. Wie dieser war sie zu philosophischer Hungersnot verdammt, wenn die Stel- lünq zwischen den gleich starken Willensimpulsen, das Hm- und Hergezogenwerden zwischen den beiden Heubündeln, langer fortbauerte. (Fortsetzung folgt.) Dis GermanenhaupLftadt Stockholm. Wir sind gekommen. Bon Knut Hamsun. Wir sind gekommen Weither von entlegenen Inseln und Tälern weit vom entferntesten Meeresstrand! Wir sind die Mauer, Wir brechen die Wogen, Brechen die Wogen für Norwegs Sache und nordisches Land. Wir sind die Wächter, Wir hüten die schlafenden, Traumverwunschenen Wiesen und Welten und Haus und Herd. Wir sind di« Sänger, Die nie verstummenden. Ewig kündend von allen Gütern, die Gott uns gewährt Mtaben in einer bezaubernden Reinheit. Die Dänen sind zu politisiert und als Rasse zu weiblich geworden. Die Norweger haben sicy mit den nunder- wertigen Randvölkern ihrer Küste zu heftig gemischt. Sn Stockholm scheint in weitläufiger Weise jenes Gefühl des Germanentums W strahlender Festlichkeit geworden, das wir fast verloren haben, und besten Myiho. uiis mit einem 'düsteren §euer dennoch immer umgibt. Das Germanische hat hier das Süße, welches alle großen Figuren seiner Gefckfichte und seines Heldentums hatten. Es blitzt und glanzt hier der^Morcki^über Stockholm hingeht, über die Fjorde und die Eranitpracht der Schäronparks, wenn die silbernen -.ropfen aus den Fischernetzen in den blauen Mälar, Stockholms glühende Lagune, fallen, wemi das Läuten anfängt am Turm der Södermalm, wenn die Fischer Hörner nahe Rorrström ihr Helles Tuten durch die Nacht beginnen, wenn die Dämmerung sich pfirsichrot auf der zischenden Salzsee heranbewegt und die Reiter anfangen im tauvollen Djurgarden zu traben, wenn die üppige Fahne der Schweden, tiefblau mit dem gerben Kreuz, sich unter den wilden Brisen bauscht, wenn in Kungstrüdgarden Musik anhebt und her ewige, nie endende Möwenschrei, der über Stockholm liegt, sich zur Fanfare steigert . . . beginnt die Stadt in einem Rarisch zu glühen, der diele Germanenstadt einzig macht. Weder Wien noch München noch Berlin haben diese wilde, geh-lmms- volle und heldisch« Temperatur. t r, , Die alten Götter, deren Nanren von den schwedlschen Kindern noch getragen werden, haben sich hier allein mit dem Christentum vereinigt, statt sich von ihm erschlagen zu lassen. . Und sicher lag in dem Blut der großen Könige Schwedens der Instinkt, in dieser Stadt den Mythos sich aufrichten zu la sen, der im Süden durch die Verbindungen mit der großen Vergangenheit Rom immer unsterblich machen wird. Wenn auf Walpurgis die Feuer der Santen über hundert Berge nach gang Schweden hinemgluhen, scheint über den iliorden der Tag der Bölkerwanderun-g zu wehen. Stockholm ist mit einer Gewalt in den Grämt gesprengt, die dieser Stadt einen einzigartigen Prunk gestattet. Es blüht und glüht wie Silber zwischen den Riffm und Felsen und türmt, sich von seinen umahligen Inseln in den Himmel, den nrnde Wolken wie Allons ubevschlehen. Vor dem Nationalmuseum stehen zwei „Baitespannare in Bronze. Diu naht was zergangen: man sagte ez wolde tagen. 66 hiez diu edel« vrouwe zuo dem muenster tragen Sifrit den Herren, ihr viel lieben man. zwaz er da vriunde hete,, die fach man weinend« gan. Stockholm ist zwar erst 1225 von Jarl von Bjelbo gegründet worden, der die Inseln Helgeandsholmen, Staden und Riddarholmen gegen die Seeräuber in Gestalt von schwimmenden Festungen ausbaut«,, und erreichte erst im siebzehnten Jahrhundert den Augenblick, wo es die Hauptstadt der Ostsee war. . Trotzdem bietet sie die Einmaligkeit, alle Träume des mrmamschen Mythos in ich zu vereinigen, wie es Venedig für den romantischen Süden und Athen für die Schwärmer der Antike tun. Darum cheidct sich Stockholm auch m allem von der zweiten Großstadt Schwedens, die ihr Gesicht gegen das andere Meer hinaus dreht... Hat Stockholm nahe bei sich eine romantische Umgebung, von dem Weltbad Saldsjöbaden bis nach Storängen und noch zweihundert Badern und Schären und Villenorten, so hat Göteborg eine Natur m der Nahe, die vollkommen wild ist. , . , „ __s In 6lesen Badeorten steht die Nordsee vor einem hellen Strand. Dann kommen blühende Obstbäume, und dann schwingt sich der Basalt zu gewaltigen Steindünen auf, über denen die kleinen Schlosser und Herrenhäuser liegen, furchtbare Kontraste von Helligkeit und Schwere. In den Seitenbuchten liegen große Möwenvolker nnt ausgebre.teten Flügeln während der Ebbe und sonnen sich. Auf den geschorenen Steppen, welche in die Monotonie einer gedankentiesen Landschaft die schwedischen Herren ihr Golf auf unendlichen.Lmks. Unten flattern ihre Segeljachten auf der wie ein Tier stählern hinaus sich spannenden ''^Die° Schären nehmen abenteuerliche Formen an nach , Norden zu. Aus den kleinen nackten Ursteinen stehen winzig« Hauser manchmal, blaue oder rote, die einen furchtbaren Wanz ausatmen. Zwischendurch Wn sich Gmnitklippen, glattrückig, nicht größer als Wale. Sie smd Mit Drähten bespannt, an denen Hunderte Fische hangen. Diese Tiere trocknen nicht an der Sonne, sondern an dem Wmd, der üe wie Glas macht. Er formt sich aus ihnen ein magisches Orchester. In der hellen Nacht, wenn die Segeljachten voruberkreuzen, scheinen sie deii Seefahrern die metallene Musik eine Teufelei, deren der Norden ' in der Wahlen Sonne des Kattegats find diese Klänge der ein- famen Fisch« daV unerhörte Gespenst, das dieses Land überspannt, nmiimbaftcr als die Wut des Donners, Mit der die Trollhattafalle her- niedersausen entsetzlicher als die Einsamkeit der nordischen Wüsten, wo d e Sanne nur noch die Kraft hat, die Menschen gelb wie die Lappen au brennen . . . und furchtbarer als jene Kessel aus Grämt, mst denen die Natur die Anfänge der Erd- beschreiben zu wollen scheint, jenes »---»'«« »», b° sinnfichen Glanz, bei dem die alten germanischen Sanger mit Staunen tomre verweilten, wenn sie umständlich die Pracht ihrer Helden von den Iüaeln ihrer Werde bis zu den Helmen und Sporen beschrieben. Es hat eine Rasse von Bewohnern, deren Frauen mehr nach der Tief« und deren Männer leicht nach der Höhe reden, was einen wunderbaren Zwreklang