Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1927 Dienstag, -en 25. Januar Nummer 7 Abendgang. Von Ernst Zahn. so geh' ich gern, recht in Gedanken so, Auf stillem Wege noch «in wenig Licht, Ein halbverlornes Läuten irgendwo, Ein Windhauch, der mir fächelt ums Gesicht. Sa fällt mir ein, bewegt sich allerlei, Vergang'nes, Künft'ges, Hoffnung, alter Gram. Ob mein Jnn'res voller Stimmen fei. Doch leise regt sich's nur, fast andachtsam. Es will mir sein, wie doch ein töricht Ding Der Wünsche und der Zweifel Saus und Braus, so wie des hohen Mittags Glut verging. Rinnt Lust und Qual in einen Abend aus. Und lang getrag'nes Leid, nun schmerzt es nicht, Und künftiger Freude werd' ich leise froh. Auf meinem Wege liegt ein wenig Licht. so geh' ich gern, recht in Gedanken fo. Aus meinem Leben. Von Ernst Zahn. Der Dichter vollendete am 24. Januar das 60. Lebensjahr. Ich bin geaoren zu Zürich am 24. Januar 1867 als Sohn des Wilhelm Zahn, damals Pächter des Kaffeehauses „Cafe litteraire“ an der Storchen- gasse, und der Anna Buck. Mein Vater stammte aus Arzberg in Bayern und hatte sich in der Schweiz naturalisieren lassen, ebenso wie der Vater meiner Mutter, der Metzgermeister Johannes Buck, der aus Reutlingen in Württemberg nach Zürich eingewandert war. Unter den täglichen Gästen des „Cafe litteraire“ befand sich auch Gottsried Keller. Wenn das auf meine spätere Schriststellertätigkeit irgendwelchen Einfluß gehabt haben sollte, so mühte ich dem alten Herrn dafür etwa fo dankbar sein wie dem lieben Gott, der mir eine Gabe verlieh, an der ich nicht das geringste bewußte Verdienst habe. Meine guten, tapferen Eltern zogen im Lauf meiner ersten 15 Lebens- ; fahre über das Gesellfihaftshaus auf dem Baugarten, einem Hügelwall ■ am See, einigen alten Zürichern wohl noch bekannt, aus dem Stadtbild I aber wie aus der Erinnerung der jüngeren Generation verschwunden, und ein Gasthaus in Sierre (Tibers) im herrlichen Wallis nach Gaschenen, wo mein Vater im Jahre 1880 die Bahnhofswirtschast om Eingang des Gott- hardtunnels übernahm. Aus dem Baugarten krabbelte ich noch in Mäd- chenkleidsrn herum, in Siders besuchte ich eine schlichte Dorfschule und ; knüpft« Jugendfreundschaften, die ein Leben lang hielten. Einige Jahre brachte ich im Hause meines Großvaters mütterlicherseits in Zürich zu, war in der Realschule ein guter und in den Entwicklungsjahren, wo Sinn und Sinne flackern, im Gymnasium ein schlechter Schüler, fand mich selbst wieder, als ich einige Jahre in dem damals berühmten Knabeninstitut Breitenstein in Grenchen weilte und das Glück hatte, einsichtige Lehrer zu haben, die dem Knaben das einzuimpfen verstanden, was im Leben einzig vorwärts bringt: Ehrgeiz. Rach einem Aufenthalt in England und einem solchen in Italien, die mehr der Lehre für das väterliche Geschäft galten, trat ich im Jahre 1887 in die Schule meines strengen Vaters und damit des Lebens ein, wurde 1897 Anteilhaber meines alten Herrn, der 1900 mit der Mutter sich von den Geschäften nach Zürich zurückzog und den ausgedehnten Betrieb des weitbekannten Wirtsgefchäftes mir allein überlieh. Im Jahre 1893 hatte ich in Lina Fäh aus Zürich di« treueste, geduldigste und verständnisvollste Lebenskameradin gefunden. Sie und unsere fünf Kinder, zwei Söhne und drei Töchter, sind mir bis heut« erhalten geblieben. Auch meine kluge, verehrungswürdige Mutter trägt noch aufrecht die Last ihrer 80 Jahre. Mit meinem 20. Altersjahre wurde ich in den Gemeinderat von Göfchenen gewählt und trug in den 38 Jahren, die ich am Gotthard ver- lebte, so ziemlich alle Amtswürden und Amtslasten, die Wohngemeinde und Kanton zu vergeben hatten. Kam ich dadurch in nahe Beziehung zu der ansässigen Bevölkerung, und konnte ich mir völlige Kenntnis von Land und Leuten aneignen, so zwang mich auch die dreifältige Pflicht, die Geschäft, Amt und Beruf meines Herzens mir brachten, jeden Augenblick meines Tages und der Nacht zu nützen. So hab« ich gelernt, fleißig fntl