Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 192Z 24. Dezember Nummer M Weihnacht. Von Siegfried von Vegesack. Verwundert stehen Esel und Rind: In ihrer Krippe liegt ein Kind Nackend im Stroh, nackend im Stroh. Drei Könige aus dem Morgenland Und Hirten kommen hergerannt Und sind so froh, und sind so froh. Anbetend fallen sie ins Knie: „Gebenedeit seist du, Marie, Gebenedeit! Gebenedeit!" Die junge'Mutter lächelt schwer: Sie ahnt, — weiß selber nicht, woher, — Ein bitter Leid, ein bitter Leid. Weihnachten der Unruhe. Van Pfarrer Kornmann, Frankfurt a.M. „Viellausendfach ist Menschennot, — so einfach: „Liebt euch!" das Gebot; keine Not so groß, kein Leid so schwer, daß Menschenliebe nicht mächtiger wär'." Gewiß: seine Verse von Ernst von Wildeiibruch, — und ganz gewiß stimmst du, lieber Leser, dem ersten zu: daß heute die Menscheimot ocel- tausenidfach ist. Es war einmal, so fängt das Märchechn an ... Cs war einmal in Deutschland'eine Zeit, wo viele von uns etwas wußten von dem ergreifenden Zauber einer „gemütvollen, häuslichen Weihnachtsfeier". Es scheint, die Zeit ist lange vorüber ... Was manchen so romantisch umfing, ist zerstört; die schönen Schleier, di« Weihnachten umwoben, sind jäh zerrissen. (Eine herbe, harte Zeit hat uns vieles zerschlagen, — und wir selbst sind vielleicht wahrhaftiger geworden. Aufrichtiger. Wir sehen jetzt wohl deutlicher, — sehen nicht nur all das Freudige und Schöne, das Obenauf und das Außen, sondern ganz stark nun auch das Dahinter und das Verborgene, das schwere und das Trübe, das Dunkle und das Lastende. Auch an Weihnachten. Gerade auch an Weihnachten. Ungeheure Nöte umdrängen unser Volt heute. Unser Volk: ivenn nicht uns selbst, dann unsere Schwestern und Brüder. Die, die uns durch Geschichte und Blut besonders verbunden sind. Geh' mit mir hinein in eine „Herberge zur Heimat": wohlig warm drinnen, draußen diese Kälte des Winters, Drückend« Luft. Drückend besofnders durch die Gesichter, die sich zu dir kehren: wohl Typen von der Landstraße, — Menschen, denen dies unstete Dasein nicht Not mehr und sicrchtbares Geschick, sondern längst Bedürfnis und Lebensinhalt geworden ist. Alle die andern dann auch, die, einmal entwurzelt, mit dem Mut der Verzweiflung versuchten, wieder irgendwo, um jeden Preis, Fuß zu fassen, — di« dann, nach einem Jmmer-wieder-vergeblich-Anklopsen, Wut und Halt verloren und nun dahintreiben, wahrscheinlich dem Nichts entgegen. Ohne Hoffnung ... Und dann Gesichter, die du hier nicht vermutet hattest: von Menschen, die ganz andere Tage gesehen haben, — die nun von Stadt zu Stadt ziehen, mit einer an's Unglaubliche grenzenden Zähigkeit, auf der Suche nach irgend einer Beschäftigung: lohnend im eigentlichen Sinn brauchte sie nicht einmal zu sein, nur, daß man sich eben über Wasser halten fönte, und diesem Vegetieren entrinnen ... Wir feiern daheim unser Weihnachten! Darfst du, Glücklicher, einen Lichterbaum haben? Könnt ihr euch beschenken? Könnt ihr froh miteinander sein? — Weißt du, daß däs in dieser Zeit nicht eigenes Verdienst, sondern Gnad« und Geschenk des Himmels ist?! Geh' weiter mit mir, lieber Leser: nun siehst du so manchen verarmten Intellektuellen mit seiner Familie. Einst in glänzender Stellung, mittlerer aktiver Offizier vielleicht oder Regisseur eines der Theater in abgetretenen Gebieten: heute, nach vielfachen Versuchen, als Reisender zu fungieren, wo man vielleicht zehmnal einen Auftrag erhält, fünfhundertmal — und das ist sicher noch zu günstig gesehen — di« Türe mehr oder minder höflich vor der Nase zugemacht bekommt oder ohne Auftrag bleibt, schließliä), da alle ernsteren Bestrebungen erfolglos blieben, verarmt, in elementarster Not, oft nicht das Brot über Nacht im Haus ... Und dann alle die Alten, Alleinstehenden, — einst mit einem recht schönen Sparkassenguthaben, — heute kärglich das Leben fristend, weil sie ihre Not andern nicht zeigen wollen, wett sie andere nicht sehen lassen wolle», roie sie leiden ... Und wir feiern Weihnachten! Ein Weihnachten mit Lichterbaum, Ge- ichenken, Freude, — „fast wieder friedensmäßig"! Geh' weiter mit mir, lieber Leser, nun einmal zu einer Schar oox Arbeitslosen; da fallen uns solche auf, die, etwa Kaufleute gewesen, zu jeder Arbeit bereit sind: nicht mehr darauf sehen, Beschäftigung in ihrer Branche zu erhalten, sondern eben einfach Arbeit. Nur äarl Aber eben doch wieder einen Lebensinhalt! Nur nicht dies Jnnner-Her- umsteheir-müsfen, — dies Ueberall-im-Wege-sein, dies Gefühl: du bist überflüssig, du hast halt keinen Platz im Getriebe des Arbeitslebens, be bist auch zu alt, bist eben neben drauß und kommst nicht mehr hinein! Seit Monaten geht das so, — seit Jahren vielleicht, und keine Aussicht, daß es bald, daß es überhaup t einmal wieder anders wird! Ausgeschlossen bist du, ausgestohen geradezu, — was soll aus bk werden? Ist bald alles Besser« in dir tat?! Me stark ist noch dein Wllle zum Leben? Unb wir feiern Weihnachten: mit Lichterbaum, Geschenken, Freud« ... Geh' noch ein kleines Stückchen mit mir, lieber Leser; wir treten in* Jugenügefängnis. Ich meine: wenn Licht von der Weihnacht her irgendwohin fallen soll, bann doch gewiß auch hierher! Siehst du ihn da, den einst so straffen, frischen Jungen, der freilich „ein bißchen leicht war, wie man ja wohl so sagt, und der darum, — Schluß einer laugen Kette —, schließlich hier „geämdet" ist? Wie war's im letzten Fruchahr -hm schon so merkwürdig, als draußen, in den Bäumen, Me »mn, weil das Fenster so hoch liegt, nicht erblicken tonn, Vogelsang wiederklang; und jetzt, — jetzt fällte in seine Seele hinein, — denn wer könnte die in sich ganz totschlagen, — das Zauberwort: Weihnachten! Wird für ihn alles sich darin erschöpfen, daß, wenn di« geweihte Nacht wieder Wirklichkeit wird, wie so oft der junge Pfarrer in fein« Zelle tritt, mit ihm ein Lied singt, betet und dann sich brüderiich ausfpridyt?! — Ich weiß um eine Mutter, di« trug in sich etwas von jenem tieferen öinn der Weihnacht; sie fand Mittel und Weg zum verirrten, einzige« Kind fern in der Fremdenlegion, — und zum heiligen Abend hielt es in beb «den Händen ein kleines Päckchen aus Deutschland, bergend: ein paar in der TroMnhitze vertrocknete Tannenzweige und ein paar Kerzen. Sonst nichts! Und eben doch: alles ! Die Sprache verstand der Sohn. — die Sprache der Weihnacht! Wieder feiern wir Weihnacht. Wir wollen sie feiern mit Lichter- bäum, Geschenken, Freude. In all der ungeheuren Not heute aber fei'» doch bei uns: eine Weihnacht der Unruhe. Der Unruhe über all der xa geringen Liebe in dieser Welt, — der Unruhe darüber, daß wir f» Glieder dieser Wett der zu geringen Liebe sind, oft ohne uns viel Gedanken darüber zu machen. Der Unruhe über unser vielleicht recht ungeklärtes Verhältnis zu der lebendigen Wirklichkeit, die mit Weihnachten in unser Lebe» einbrechen möchte ... Zwei inhaltsschwere Wort« nur nenn’ ich, di« diese Wirklichkeit: Weihnachten, kennzeichnen; Frieden und Liebe. , Friede auf Erden! Friede! Sange haben mir uns bei diesem Wort nichts Rechtes gedacht; wir nahmen den Friede» jeden Morgen neu, ohne uns feines Wortes recht beroußt zu fein, und stumpften schließlich geradezu ab, weil er uns zu selbstverständlich war. In schwerster Zeit ward uns dann bewußter, was „Frieden" ist; und heute? — Aber ich meine nun nicht so sehr solchen Frieden; ich meine den von Mensch zu Mensch, — den in der Familie, im Volk, zwischen den einzelne« Schichten und Klassen, — und auch da nicht einen faulen Frieden, der Schwierigkeiten vertuscht und wirklich ernste Heummiss« verkleinert und gefahrdrohende Abgründe verkleistert, sondern einen Frieden, der au» tiefer Einsicht in die Wirklichkeit kommt, wie .sie ist, — der aber nicht Halt macht bei dem Gegebenen und Tatsächlichen, sondern kühn in Neuland sich vorwagt, alles auf die eine Karte der Hoffnung setzt und den erste n Schr itt tut. Denn gerade daran sehlt's heute so sehr: an dieser wahren Friedensbereitschaft und Friedfertigkeit, die, statt zu warten, bis der andere kommt und Nachgeben zeigt, dem andern entgegengeht und zuoorzukommen sucht in einem heiligen Eifer, bet' aus der Einsicht in jene andere Welt, jene Welt der Wirklichkeit kommt, di« hinter und über all unserem Leben steht: jene Wett des Friedens und der Siebe ... In ihr leben, das heißt: sich Hinausheden lassen Über «in Scheinleben, über ein Leben der UnMifrichtigkekit im engsten Kreis, — über das Jn's-Gesicht-ganz-anders-fein als „hinten herum", — über da» Leben der Inhaltslosigkeit und tiefsten Undefriedigung, roie ein Adler, der die Schwingen reckt. — Und nun treten wir vor das eigentliche Tor, durch das eine gesegnet« Weihnacht sich finden läßt: das Tor der Liebe. Fragst du mich, was Weihnachten von uns fordert, dann will ich erwidern: ein Nicht-Stehen bleiben im Gefühl, in der „Stimmung", — «s fordert von uns Kraft und Tat! Kraft, ine das Angesicht der Welt wandett, ward hier sichtbar: Kraft, die bas Verhältnis von Mensch zu Mensch wandelt, fordert elementar Einlaß bei dir! Tritt in den Bannkreis dieser Kraft! Ringe dich durch, raffe dich auf zur Tat, — im Sicht der Weihnachtskerzen endlich: werde wahrhaftig! Tire di« Tat, die Bruder und Bruder versöhnt, — tue die Tut, die Mann und firmt widergibt, was den Namen „Ehe" verdient, — tue, was Liebe gebietet! Laß' ab von aller Sentimentalität, die dieses Fest um- fchwelt; laß' in dir wirksam werden: Kräfte der Lergebumi, Wille zur Einigung, zum Begraben alter Gegensätze, — Liebesbereitschaft, die sich bewährt im Sturm und im Feuer ... Denk' an die, die dir zuallernächst leben, — denk' an deine Bruder und Schwestern im Volk: wie könnten wir froh Weihnacht feiern, in so viel Friedlosigkeit, in so viel Liebeleere, — wie lLunten wir froh Weihnacht feiern, wenn wir andere darben wissen?! Ueber die breiten, freubiaen Lichtbahnen, der Weihnacht lagern sich tiefe Schatten; Weihnachten der U n r u h e! „Keine Rot so groß, kein Leid so schwer, daß Menschenliebe nicht mächtiger wär'." Ungeheure Nöte heut; von einer elementaren Gewalt Frieden und Liebe, die Weihnachten in die Welt brachte! Unruhe darum, weil so ivenig Menschen heut lebendig mitten stehen in diesem Strom von Liebe und Frieden! Wohl dir, wenn du um solche Unruhe weiht, durch sie dich hindurchkämpsst, innerlich sie überwindest, — ivenn du Mitwisser werden darfst um das zarteste Geheimnis der Weihnacht: Frieden und Liebe! Wenn du dann Träger und Bringer werden darfst solcher Liebe und solchen Friedens, dann, — aber auch nur dann hat's einen tieferen Sinn, wenn wir uns wünschen, was ich jedem von Herzen wünschen möchte: Gesegnete Weihnachten! Dcrs größte Geschenk. Weihnachtserzählung von Elsa Marin B u d. „Kaufe für Jrenlein Uebcrsöckchen, eine Puppe und einen Färbern kästen. Für Putz was Quecksilbriges, was zum Toben und Hinwerfen, Schreien und Erfinden (vielleicht Kasperletheater!), Schuhe, sie braucht ja immer Schuhe, aber hübsch hell, denn das kleine Weibebsn liebt alles Hell^ —" Der Ehemann ui^> Later schob den oft gelesenen Brief seufzend in seinen Umschlag zurück und kaute mißmutig an einer kalten Zigarre. Weihnachten ohne Frau! Das war die Krippe ohne Maria, das war der Baum ohne Licht! Sich in die Ecke verkriechen und ein paar Flaschen Wein leeren, bis man nichts mehr spürte; die Kinder vergaßen ja, wenn sie Gesellschaft und Spielzeug hatten! Er dachte es dumpf. Der Zug ratterte heimwärts. Dann war es, als seien hinter der umdampften Fensterscheibe zwei Augen. Kätes liebe, mahnende Augen, die sagten etwas, das klang immer noch nach, von jenen schweren Kindheitstagen her: „Gib ihnen Liebe für zwei; laß nicht den Raum leer, wo ich stand!" Das war wie ein angstvolles Vermächtnis gesprochen worden. Blieb es nicht ein Vermächtnis, auch wenn die Gefährtin des Lebens nun im Süden langsam gesundete? Er stellte sich mit Sorgen den häuslichen Zustand vor, den er nach drei Wochen geschäftlicher Abwesenheit vorfinden.würde. Das Kinderfräulein (er hatte es kurz davor angenommen) schrieb komische Briefe, die an Traktätchen erinnerten. Aber nichts Wichtiges wurde damit angerufen,, sondern die Dummheiten, die Irene und Putz so vorzüglich auszuhecken wußten, wurden damit beschönigt, lind Anna, die Köchin, hatte auf den Briefumschlag einmal dazugekritzelt: „Mit das Fräulein kann ich mir nicht stehen!" So — so. Er tastete mit halbgeschlossenen Augen nach dem Briefe seiner Frau und fühlte ihn wie Tröstung. Wie Wärme in einer Eisluft. ♦2l!s er am späten Abend vor seiner Haustür stand, atmete er auf; denn Gott sei Dank, von außen sah alles noch ganz heil aus. Beim Aufschließen hörte er Kindergelächter. Sie waren also noch wach! „Himmel, wonach riecht es hier?" murmelte er stirnrunzelnd, denn ein durchdringender tierischer Geruch umpfing ihn in der Diele. Klirr—rr— klatsch — etwas Porzellanenes, wassergefüllt, platzte im Kinderzimmer auf den Boden. Er öffnete. Da stand Jrenchen mit verlegenem Gesicht vor den Trümmern einer Waschschüssel, auf dem Teppich aber wälzte sich mit mänadischem Triumphgelächter die dicke Putz. „Vati!" schrie Rcnlcin und stürzte über die Scherben hinweg in seine Arme, und Putz krabbelte, immer noch lachend, hoch und wollte dasselbe mit ihren nackten Wurstärmchen tun. Er herzte die Kinder, er hielt sich an ihnen. Aus ihrer gesunden Lieblichkeit und Heiterkeit kam unendliche Stärkung. Gleich erfuhr er, daß Fräulein dringend fortmußte, und daß Anna ausgegangen war. Und sie zogen sich „ebent" aus; ihm schien, seit mehreren Stunden sich selbst überlassen. Das Fräulein erschien bald darauf mit heißem Kopf. „Der Himmel erbarme sich", rief sie im Anblick des Hausherrn und der Scherbenbescherung. Doch die Scherben wurden nicht ganz, und die üble Meinung des Heimgekchrten nicht geringer; mit still fließenden Tränen des Fräuleins wurden die beiden Kobolde zu Bett gebracht. „Und was riecht hier so abscheulich?" fragte der Hausherr inquisitorisch. „Die Katze", murmelte das Fräulein kraftlos. „Das ist Wurzel", rief Putz aus ihrem Bett. „Sieh mal, ich hab' ihn hier. Ist er nicht süß?" Eine schwarze Katzenpfote reckte sich am Fußende hervor, die sofort von Renleins Hand gestreichelt wurde. „Heut kriege ich ihn in mein Bett!" „Vati, Wurzel ist ein Kater. Den hat uns der Portier geschenkt." „Der wußte, was er an dem Vieh los wurde!" knurrte der Vater. »Morgen kommt mir der Gestank aus dem Hause. Wie konnten Sic das zugeben, Fräulein?" „Der Gerechte erbarmt sich feines Viehes!" antwortete dieses spitz Die kleinen Kinder schrien entsetzt. Ihr Flehen, von Liebesbeteue- rungsn teils zu Wurzel, teils zum Vater hin abgelöst, mit dicken Kullertranen unerträglich gemacht, bewirkten einen vorläufigen Rückzug der ■ väterlichen Energie. ? Dieses Heultrio war zuviel für verbrauchte Nerven. Es endete mit l einem einstweiligen Lager für den schwarzen Liebling in der Diele. Tot- z müde von der Reise und im Gefühl einer Hilflosigkeit den kleinen Tücken gegenüber lag der Later lange wach und hörte das Kratzen des neuen Mitbewohners, der sich in der Diele auf Entdeckungsreisen begab. Am nächsten Tags waren zwei Kater im Hause. Dieser zweite gehörte in Riesengröße der Köchin Anna, die bei Morgendämmerung (bei Dezember- Morgendämmerung) von einem abstinenzfreicn Tanzvergnügen heim- £ gekehrt war. ! Sobald sie sich schlafwandelnden Schrittes erblicken ließ, entspann sich eine Debatte mit dem ergrimmten Manne. Anna meinte, daß der anständigste Mensch mal eine kleine Belustigung brauche; sie wolle nicht erzogen werden, sie sei nicht „hintertiickfch mit fromme Sprüche und abendliche Rendezvous". Es war schließlich genug an weiblichen Ergüssen; was sollte ein Mann tun, den Arbeit und größere Lebenssorgen voll beanspruchten? Mit einer anscheinenden Leichtigkeit wurde seine Frau in solchen Füllen Beherrscherin der Lage; nie zuvor hatte er gewußt, welch überlegene Kunst zur richtigen Behandlung von Menschen nötig war. Die Weihnachtstage marschierten eilig, eilig. Etwas Glitzerndes, Licht- erfülltes war da, wenn er ins Bureau und wieder nach Hause hastete — aber es war draußen, bei den andern, in den Schaufenstern. Ihm schien die Zeit dunkler als je. Käte schrieb heitere und tröstliche Briefe; sie wurde frischer, ihr Gewicht nahm zu. An Weihnachten rührte sie nicht mehr, und er verstand, daß es schweigend ertragen, sein sollte, diese Trennung am liebsten Feste. Auch er gab sich Mühe, in humoristischen Lichtern seinen Zustand darzustellen. Diese Besorgungen für die Kinder, bei denen das Kinderfräulein mehr mit guten Reden als vernünftigen Ratschlägen Beistand leistete. Wenige Tage vor der Christnacht meldete sich eine befreundete Nachbarin und erbot sich zur Darstellung des heiligen Nikolaus; Frau Käte hatte sie im Briefs herzlich darum gebeten. Irene und Putz waren nach Entledigung phantastischer Wünsche nur in. Sorgen um den Kater Wurzel, der von den Haupträumen in die Kammern des Obergeschosses verbannt war, aber am Feste durchaus teilnehmen sollte. „Wenn er nicht riecht", machte der Vater zur unerfüllbaren Bedingung. Wurzel erschixn am Weihnachtstage naßglänzend und unglücklich mauzend in den Zimmern; eine Duftfnhne Eau de Cologne wehte aus feinem Pelz. In unbezwinglichem Ehrlichkeitsdrang gestanden die beiden Heldinnen, in Mutters Kasten ein bißchen nach Wohlgeruch gesucht zu haben. Zur Bescherun^sstunde meldete die Klingel den erwarteten Weihnachtsmann. Der Vater drückte die Hand, die — merkwürdig genug — zu zittern schien, und gab der weißbärtig vermummten Dame noch ein paar leise Winke für Fragen und Ermahnungen au die Kinder. Antwort erfolgte nicht; stapfend in schweren Soldatenstiefeln trat der Wundermann ins Zimmer und fuhr mit allzu zarter Hand über die Köpfe der Kinder hin. Putz leckte die Lippen, die trocken vor Erregung waren und starrte zu dem knallrot geschminkten Gesicht hinauf. „Kannst du was fingen?" brummte der Weihnachtsmann mit unmenschlicher Stimme. Putz klappte das Mäulchen mehrmals, ehe sie begann: „Es ist ein Ros' entsprungen, aus einem Wurzel zart —" Keiner hörte die Variante so recht. Dem Vater war von der sonderbaren Stimme des alten Herrn ein süßer Schrecken in die Glieder geschossen; er starrte nur und klammerte sich an die Hände seiner Kinder — ängstlich und beseligt und märchenfroh zugleich, wie ein drittes gläubiges Kind. Danach kam Irenes Verslein, und dann folgten einige Fragen: „Habt ihr auch immer an euer Mütterchen gedacht?" „Ja!" - „Und Sie, mein Herr —?" „Käte!" stammelte der Mann, und die Augen wurden ihm naß. Der Weihnachtsmann drehte sich um, murmelte etwas von frohem Fest; gab seinen Sack ab und stapfte schnell in die Diele hinaus. Der Vater war ihm gefolgt. Er breitete die Arme wie ein Erlöster: „Du — du — geliebte Frau — mein größtes Geschenk —" Putz öffnete wenig später — neugierig, und wenn es das Leben kostete — einen Türspalt. Da sah sie den Weihnachtsmann am Halse des Vaters liegen, und der weine Bart baumelte ihm unerklärlich in der Hand. HüLtenWeihnachl. Von Sofie von Uhde. Ja, das ist eine eigene Sache, so eine Hütten Weihnacht oben auf dem Berge, und mit nichts zu vergleichen. Mir will es ja scheinen, als fei dies Überhaupt die einzige richtige Weihnacht, blutnahe der alten, holden Geschichte von der Verkündigung bei den Hirten und ganz erfüllt von Frieden und Wohlgefallen. Schon früh am Morgen geht's los mit dem Fest. Da wird geschrubbt und gescheuert und mit Tannenzweigen garnierst, bis die ganze kleine Skihütte vor Feierlichkeit strahlt. Und barm geht's durch den herrlich weihnachtlichen Flockenfall auf lustig schwingenden „Brettln" talwärts zu einem ganz bestimmten Walde, um eine Tanne — nun ja, zu klauen, man kann das wohl nicht gut anders bazeichnen. Und zwar unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln. Obgleich wir genau wissen, daß am zweiten Feiertag wie immer der Bauer, dem unsere Hütte und dieser Wald gehören, zu einem Almkafsee zu uns kommt — aus lvuchtigen Skiern, die er mit Bindfaden an seinen Stiefeln befestigt hat — und ungefähr folgendes sagen wird: „Eahna tragt wohl's Christkindl selm a Bäumcrl in's Haus? Denn von oaner Erlaubnis, a so a Prachs- tannen z'holn in mein Wald, da is mir nix bekannt" Worauf ein gewaltiger Pfesserkuchen ihm in den Mund geschoben wird und Gottseidank feinen Redefluß unterbricht. — Keuchend und häufig rastend, aber voll ungebrochenem Lebensmut geht es dann mit der schweren Tann« vier Stündchen wieder hinauf in unsere kleine Berg Heimat. Wir sind sechs gute Sportkameraden da oben, fünf Männer und ich. Ich hoffe, daß Sie meine Courage bewundern, denn, wenn man auch recht leicht mit einem Manne fertig wird, von fünfen wird man einfach überstimmt, basta! Aber ich lebe, wenn auch unter Protest, noch immer. • Die Tanne ist unter Entfaltung einer ganz eminenten, dem Fortschritt der Sache nicht immer dienlichen Geschäftigkeit geschmückt worden und steht nun endlich schimmernd und duftend im „Herrgotiswinkel". Es ist unerhört festlich; Robby, Pips und Hans find bereits rasiert, und Cläuschen und Detlef schwören, dies ebenfalls sofort zu tun; im Herd knistert das harzige Holz und es riecht nach Bratäpfeln und Fichten- zweigcn. Nur Wasser fehlt noch, Wasser —. Aller Augen sind auf mich gerichtet, nicht mit Unrecht. Vom Kochen werde ich ängstlich ferngehalten, mit der Begründung, daß dies zu unserer aller Wohle notwendig sei — was natürlich übelste Verleumdung ist; denn ich kann «inen fabelhaften Kaiserschmarrn machen und Bratkartoffeln. Aber auch die gräßliche Beschäftigung des Spülens haben diese fünf guten Männer übernommen; und wenn es mir gelingt, sehr leideird zu sagen: „Gott weiß, was mit mir los ist heute, ich bin recht elend —", so räumen sie auch noch die Hütte auf. Doch für Angelegenheiten sportlichen und dekorativen Charakters muß ich herhalten und zu ersteren gehört das Wafferholen unbedingt. Auf Skiern, womöglich noch in der stockfinsteren Nacht, mit zwei gefüllten Eimem vom fernen Bache heimzuwandern, erfordert schon bei gutem Schnee einige sportliche Qualitäten. Aber bei Harscht wird die Sache schwierig und endet durchaus nicht immer gut; sondern es kommt vor, oaß man sich mit Schwung und unter unparlamentarischen Lleußerungen niedersetzt und zwar in den Inhalt der Eimer, was bei 10 Grad minus peinlich ist. Aber heute stehen mir die Chriftenglein bei und ich lande unversehrt wieder vor der Hütte. Schon steigt die Nacht herauf aus den Tälern, es ha: zu schneien aufgehört und ist kalt und klar und über den vom letzten Schein beglänzten Gipfeln wandert der Abendstern. Friedlich leuchtet das Lichtchen der kleinen Hütte durch dis Bergeinfamkeit, friedlich und mrendlich weihnachtlich, als lüge dort drinnen in matt erleuchtetem Stalls zwischen Ochs und Eselein und dem Staunen der Hirten wahrhaftig das göttliche Kind im jungfräulichen Schoße. Holde, heilige Nacht. Oeffnet man die Hüttentür, dann zerrinnt die Illusion vor Wolken von Tabak und vor fünf fabelhaft rasierten Männern in Pullover und Knickerbockers, die mir unter Triumphgsschrsi dis Eimer entwinden und zur Bereitung des Punsches schreiten, indem sie sich bei jeder Kleinigkeit, wie dies bei Männern so üblich ist, sachlich und dröhnend in die Haare geraten. Während ich nun meinerseits Toilette mache und die Tafel decke; denn es erwarten uns noch unerhörte Genüße heute, sogar ein ueritaBier Karpfen liegt im kalten Stall, der uns als Vorratskammer dient, auf Schnee; es haben ihn zwar über Nacht die Mäuse ein wenig cngefreffen, aber das tut uns nichts. — O, welch' geschäftiges Treiben! Pips kostet bereits zum fünften Mals mit Kennerblick den Punsch. Robby wirft vor lauter Eile mit Krach und Klirr die Schals mit den griffen herunter, während Hans stillvergnügt allerhand Weihnachtspakete aus dem Rucksack holt rind Cläuschen und Detlef mit beachtenswertem Geraffel am Herde hantieren. Ich aber, auf einem Stuhle turnend, die Kerzen anzünde. Und dann fitzen wir alle sechs aufgereiht wie die Spatzen am Dach auf der „Chaiselongue", dem Glanzpunkt unserer Hütteneinrichtung, und schauen in das knisternde Wehen der Lichter am Baum. Freundlich fällt ihr Schein durch die kleinen Fenster hinaus auf den einsamen Schnee, daß das ziehende Wild erstaunt den Kopf hebt und mit dunklen Tier- aunen in die Menschenweihnacht schaut. Wir aber leeren unsere Gläser auf ein fröhliches Fest und auf gute Kameradschaft und nicht zuletzt auf einen schönen Pulverschnee. Wir haben uns natürlich auch beschenkt und die merkwürdigsten Dinge aus dem Tal hsraufgeschleppt. Meiir Rucksack war in der Hauptsache Smit Tabak und zauberhaft schönen Krawatten, während meine de Schokolade, Parfüms und Pudsrdöschen aus ihren männlichen Taschen ziehen. Robby hat sich sogar zu einem Paar ganz unerhört schöner Seidenstrümpfe verstiegen, die er unter allgemeinem, atemlosen Staunen aus der zarten Hülle nimmt. Freudenrufe, Toaste, Becherklingen! Und dann kommt das Weihnachtsdiner. Der Karpfen sei wundervoll geraten, behauptet Detlef, der ihn aus dem Gewissen hat. Ich finde zwar, daß er in der Hauptsache nach Essig und Zwiebeln und nebenbei auch noch ein wenig nach Skiwachs schmeckt, aber da Christfest ist, äußere ich mich nicht — und wir vertilgen ihn mit Stumpf und Stiel. Dazu gibt es Selleriesaiat, was eine aparte Zusammenstellung ist. Aber hinterher kommt ein Mokka, der wirklich exquisit ist, wie dies von Junggesellen auch erwartet werden darf und dazu Herzen, Sterne und Männchen, die ich gebaden habe. Sie werden zunächst mit beleidigender Vorsicht beäugt und berochen, stellen sich aber als vorzüglich und keineswegs sitzengeblieben heraus, und mein Ansehen steigt. Auch die Stimmung steigt mit dein Punsck)e. Hans und Cläuschen haben sich der Zither bemächtigt und geben: „Zwei Brettln, a g’füriger Schnee" zum besten, während Robby und Pips ohne Rücksicht auf diese musikalische Darbietung zur Gitarre fingen. Und zivar das nichtswürdige Lied von der „Junggesellenweihnacht", in dem der süße, kleine Amor mit den ruppigen Worten bedacht wird: „Stimmt er eini, der Lauser, Schmeiß mer'n glei wieder außer, Mir san lieber attoan." Da ich das als auf mich gemünzt betrachten muß, entwende ich ihnen mit raschem Griff die Pfefferkuchen, und da« werden sie augenblicklich zahm; charakterlos, wie Männer nun einmal sind, stimmen sie ihre Leier auf inoll und machen mir mit einer so subtilen Kenntnis der Frauenpsyche den Hof, daß sie nach fünf Minuten ihre Kuchen wieder haben und einen liebenswürdigen Blick noch obendrein. Aber ist's nicht halb Zeit, uns die Skier anzuschnallen? Denn es gehört zur Tradition der Bergweihnacht, daß man seine Sportkameraden auf den umliegenden Skihütten besucht und seftstellt, ob sie ihren Punsch auch richtig gebraut haben. Also auf! Schweigend umhüllt uns die klare, kalte, deutsche Winternacht mit dem ruhigen Glanz ihrer Gestirne. Der Schein unserer Laterne huscht über die märchenhafte Pracht des tiefverschneiten Hochwaldes und über unsere einsame Spur. Wir sind still geworden, ergriffen vom Zauber der Stunde, als zögen wir wahrhaftig hier durch die Nacht, dem Sterne nach, um Gottes Botschaft zu schauen. Auf dem Kamm füllt uns der Gipfelwind an; aber da unten liegen ja schon die Almhäuschen mit den kleinen, erleuchteten Fenstern. Und in einem sausenden Schuß pfeifen wir hinunter und halten mit stäubendem Christiania vor der Hiittentür: „Fröhliche Weihnacht!" WsihNRchtSN. Von Hans Scheffler-Breitenbach. La ich den Tannendauin wie jedes Jahr Mit Sterzen kröne und mit Aepfeln schmücke, Weiß ich: Du bist derselbe, der stets war — Wie ich: ein Brennender im Weihnachtsglücke. Derselbe und doch jedesmal ein Neuer, Ein Junger, ein Verjüngter jähen Lichts. Aus Sternen fällt der Mystik ewiges Feuer Und wird zum Spiegel unsres Angesichts. Cs riefeln Tannennadeln: Jahr um Jahr. Die Kerze knistert, tropft in wächfner Träne. Nicht dieses Märchens Anfang heißt: Es war ... Zum Engelshaar verwandelt sich die Strähne. In diesem Leuchten glüht die Liebe hell, Die alle Menjchenherzen heut verbindet. Ihr tiefer Sinn ist der lebendige Quell, In dem sich endlich alle Einheit findet. Droben im Werld. Eine Weihnachtserzählung von Wilhelm Jensen. (Fortsetzung.) „Nein, mein Mann ist fort; doch er muß —" Ein Freudenschrei brach ihr die Worte auf der Zunge ab: „Da ist Melae, er kommt!" Unwillkürlich trat der Fremde einen großen Schritt von ihr ins Dunkel zurück, als wollte er auf der anderen Seite des Hauses feinen Weg allein juchen. In mächtigen Sprüngen tarn der Leonberger Hund heran, hielr jählings, in die Luft witternd, und stieß ein zorniges Geknurr aus. Aber dann sprang er weiter gegen Johanna und packte mit den Zähnen ihr Kleid. toie streichelte ihm glückselig den zotügen Stopf. „Freust du dich auch auf den Abend, Melae, und bist deinem Herrn so weit vorauf?" Doch er ließ nicht los, sondern zerrte an ihren Röcken und zog. „Was willst du?" wehrte sie ihn ab, „du zerreißt mir die Schürze." Aber plötzlich stieß sie schreckensvoll hinterdrein: „Wo ist dein Herr, SJiclac?" Da stieß der Hund ein kurzes, dmnpfes Gebell hervor; allein im nächsten Moment hatte er ihr Kleid wieder gepackt und zog und zerrte. Ein eisiger Schauer durchgraufie sie, und sie schrie auf: „Er ist gestürzt, ist tot — du willst mich zu ihm holen!" Dann schlug ihr das Blut siedend, alle Besinnung lähmend, zurück. Barhaupt lief sie geradeaus vorwärts, der Hund ließ.jetzt die Zähne von ihr und sprang, freudig bellend, voran. Doch vorsichtig hielt er nach wenigen Schritten inne und blickte mit grünflimmernben Augensternen achtsam durchs Dunkel nach ihr um. Der Fremde hatte inzwischen bas Haus umschriiten und kam von der anderen Seite wieder an die Tür. Er starrte der mit dem Hunde verschwindenden Frau nach, dann schrak er jäh zusammen. „Melae! Melae!" riefen verwundert und ungeduldig die beiden Kinder mit hellen Stimmen von der Schwelle. Er hatte dis jetzt nichts von ihnen wahrgenommen, da sie sich vor dein Schneesturm etwas in den Flur zurückgeflüchtet gehabt. 9tun trat die kleine Johanna halb unter der Tür und sagte hinauslugend: „Waruni ist die Maina auch noch fort, fremder Mann? Es wird gar nicht Weihnachtsabend." Sein Gesicht blieb eine Sekunde lang regungslos dem Kinde zugewandt, von dessen Antlitz nichts als ein weißlicher Schimmer zu unterscheiden war; darauf versetzte er kurz: „Geht hinein!" und er folgte nach und schloß die Tür hinter sich mit dem Riegel. Die Kinder gingen in die Wohnstube, doch er blieb auf dem Flur und trat nach flüchtigem Anhalten rasch in die Küche, deren Gestaltung das matte Schneelicht von draußen noch wahrnehmen ließ. Dort hob er eilfertig, als ob er ein Herdfeuer anzünden wolle, Holzscheite aus dem Kasten, aber er legte sie nicht auf die Eisenplatte, sondern türmte sie, luftig übereinandergeschichtet, auf einen Tisch, den er hart, an die bretterue Wand gerückt hatte. Darum her staute er Späne und Reisig; der sonderbare Aufbau reichte fast bis an die niedrige Decke. Dann stand er eine halbe Minute und drückte die Hand auf die Augen, als ob er unter den geschlossenen Lidern etwas zu sehen suche, weine Knöchel preßten gewaltsam die Augäpfel, bis ein gelber Ring vor ihnen entstand. Derselbe dehnte sich schnell aus, größer und größer, und kleine, hurtige Flämmchen begannen darin zu züngeln. Run schoß aus der Mitte eine rote Säule gerade auf, eine knatternde, prasselnde Lohe jetzt, in die der Sturm hineinbrach und sie zu glutwirbelnden Garben sunkensprühend anseinanderwühlte; und mit wildem Griff riß der Mann die Hand von den Lidern und eine kleine Schachtel aus seiner Tasche, von der beim krampfhaft hastigen Oesfnen ein halbes Dutzend von Zündhölzern sich über den Boden verstreute. Da kam ein Ton durch die Stille des windumheulten Hauses, kleine, scheu tastende Schritte auf dem Flur, die Kllchentür ging auf, und eine Stimme frug: „Wo bist du, fremder Mann? Warum kommst du nicht zu uns?" Und die beiden Kinder schlüpften herein und faßten ängstlich nach seinem Mantel. Er stieß sie rauh zurück und gebot barsch: „Fort von mir, in die Stube!" Aber sie klainmerten sich an ihn und baten: „Geh mit uns! Wir fürchten uns drinnen allein, es ist so dunkel." „Und bei mir sürchtet ihr euch nicht?" Unbewußt, mit einem höhnischen Auflachen war es ihm entfahren. Sie antworteten zusammen: „Nein, wenn du nur da bist! Aber bleibe, bis die Mama und der Papa wiederkommen!" Und, von seiner Gegen- ivart beruhigt, musterte das Mädchen den noch halb erkennbaren wunderlichen Aufbau auf dem Tisch und frug: „Machst du das für uns?" und der Knabe fiel vergnügt, geheimnisvoll raunend, ein: „Du, ich weiß, Hier er ist, Hannchen." „Wer denn?" , „Cs ist der Weihnachtsmann, er sieht zu, ob wir artig sind." Was war's — der starkknochige Mann hatte mit einem Doppelruck feine Arme ausgereckt, um die beiden Kinder gewaltsam von sich zu schleudern. Aber an beiden Händen zuckten ihm die Finger zusammen, als sie hier das weiche Gesicht, dort das glatte, warme Hälschen berührten. Sie zuckten und lagen einen Augenblick still und fielen herunter. Einen Augenblick war es auch im Haufe wieder lautlos still, nur der Wind rüttelte draußen am Dach und schnob winselnd um den Schornstein. Dann sagte der Knabe: „Weiht du was, frenrder Mann, spiele mit uns, bis die Mama den Papa heimbringt. Du siehst wie der böse Wolf aus, und Hannchen ist das Rotkäppchen. Kennst du's? Du mußt an der Mama Beit gehen und dich hineinlegen, komm, ich zeig's dir. Dann hast du die Großmutter gefressen, und das Rotkäppchen kommt mit dem Korb, das mußt du auch fressen." „Und wenn ich's täte?" stieß der Freinde mit zahnschlagend sonderbaren: Ton aus, und seine Finger hoben sich wie fünf starre Krallen nach dem Hals des Mädchens. „Dann kommt der Papa und schießt dich tot; das wird hübsch!" „Nein," fiel die Kleine ein, „bitte, tue das nicht, die Mama würde trqurig sein und meinen." „Doch, er soll's!" rief der Knabe. „Dann kommt der Papa und wir haben Weihnachtsabend. So soll er schießen — bum bum!" Mit den Händen vorfahrend, stieß er gegen das aufgeschichtete Holz aus dem Tisch, daß die Scheite lauten Aufschlags an den Steinboden herunterkollerten. Doch gleich darauf frug er, sich umwendend, halb erschreckt: „Was hast du, fremder Mann? Tilt dir etwas weh?" Ein dumpfes Stöhnen war aus der Brust des zwischen ihnen Stehenden gekommen, er setzte sich plötzlich auf die kleine Wasferbank nieder, sprang jedoch,, die Hande der beiden Kinder fassend, gleich wieder auf und murmelte stockend: „Kommt, ich bringe euch in die Stube hinüber." „Ja, hier ist's kalt, die Mama würde schelten, wenn sie wüßte, daß wir in der Küche find", antwortete das Mädchen, und sie gingen mit ihm ins Wohnzimmer, aus dem ihnen behagliche Wärme entgegenjchlug. Es war ein kleines, heimlich-köstliches Asyl inmitten der öden, schneestarrenden Wildnis; wie ein Anhauch schönen, friedlichen Glückes kam es von den schirmenden Wänden. „Bitte, nun erzähle uns eine hübsche Geschichte, bis sie kommen", sagte der Knabe. Der sie hereingesührt, hatte ihre Hände fahren lassen. „Bleibt," versetzte er, hastig wieder nach der Tür greifend, „ich habe noch in der Küche zu schaffen." ' Aber das kleine Mädchen sprang ihm nach und hielt ihn. „Rein, du darsit nicht wieder fort. In der Küche ist es kalt, da frierst dir, und dann schilt die Mama dich auch. Warum ist sie denn noch weggegangen?" Sie zog mit ihren mannen Fingerchen an seiner Hand; er wollte sich losmachen, dach die kleinen, weichen Gliedmaßen hielten ihn wie eiserne Ketten. Er strengte alle Kraft seines Armes an und konnte ihn doch nicht regen. Nur sein Mund brachte mühsam hervor: „Hast du denn deine Mama lieb?" Sie antwortete mit verwundert fragendem Ton: „Die Mama? Die 1)1x6*11 alle lieb. Hast du's nicht?" Im Dunkel hörte man, daß seine Zähne, wie von Fieberfrost gepackt, aufeinanderschlugen. Er wollte etwas zwischen ihnen herausstoßen, aber wie eben sein Arm gelähmt gewesen, war jetzt seine Kehle verschnürt. Unbewußt, halb verständlich vermurmelten seine Lippen nur: „Wie heißt du?" „Weiht du's nicht? Johanna, wie die Mama." Es klang silberhell durch die dunkle Stube. „Und heißt du Adolf?" frug er rasch, als ob er den hellen Ton in seinem Ohr zu übertönen suche. „Rein, das ist der Papa, ich heiße Wolfgang", antwortete der Knabe. „Wolfgang" — sprach der Fremde nach, und der stöhnende Laut kam - wieder aus feiner Brust, der di« beiden Kleinen in der Klicke schon ein. ' mal erschreckt. Doch zugleich machte er einen großen, wankenden Schrict in die Finsternis, und seine Hand tastete zitternd um sich, und bann saß et regungslos auf einem Stuhl, den Kopf vornüber auf die Knie herunter- gedrückt. Der Wind heulte draußen, sonst war alles totenstill; auch di, Kinder standen schweigend, wohl eine Minute. Darauf sagte das Mädchen: „Bist du betrübt, fremder Mann, daß du weinst? Bekommst du kein« Weihnachtsgeschenke heute abend?" Doch die Frage rief gewaltsam die Ungeduld und Erwartung de» Knaben wach. „Ich schlafe ein," fügte er halb schluchzend hinzu, „wenn es jetzt nicht bald Weihnachtsabend wird." Nun fuhr der medergebückte Kopf im Dunkel von den Knien auf und sprach langsam mit hörbar zitternden Kiefern: „Du wolltest ja, daß'ich dir etwas erzählen sollte, Wolfgang. Es war einmal ein böser Wolf, der kam in der Dämmerung hoch oben im einsamen Gebirge an ein Haus —" Aber der Knabe fiel ein: „Die Geschichte kenne ich schon, die ist lang, weilig." Und weinerlich setzte er hinzu: „Der Papa und die Mama solle« kommen und den Baum anzünden." i „Ja, ich schlafe sonst auch", schluchzte Johanna, geschwisterlich ein. i stimmend. ! Da war's wie ein überrinnendes Maß, dem ein Tropfen gefehlt. Ei« , Rütteln durchlief den starken Körper des „fremden Mannes", eine Angst, ' ein Grausen. Er rang umsonst nach Luft, die Brust versagte ihm bei Atem in bem warmen, heimlichen Zimmer. Hinaus in den Sturm, in bi, Nacht, in den Schnee! Nur hinaus! Und er sprang jäh auf, gegen die mattgrau sichtbare Tür. Doch ba» kleine Mädchen sagte jetzt, die schläfrig müden Wimpern aufhebend: „Da hinein darfst bu nicht, da ist die Weihnachtsstube." „Die Weihnachtsstube — Weihnachtsabend", wiederholte er mit einem sinnoerworrenen, bitter ausschluchzenden Ton, und sein Kopf schlug halb los, dröhnend gegen die Tür. .So stand er ein Dutzend Herzschläge lang bann drehte er plötzlich bas hohle Gesicht und sagte leise: „Ich hab, niemals als Kind eine Weihnachtsstube gesehen, da darf ich jetzt wohl hinein." Er öffnete und schloß die Tür hinter sich. Ein kurzes Weilchen hocchtei die Kinder auf die Fußtritte und Laute, die ab und zu aus dem geheimnisvollen Wundergemach herüberklangen, doch allmählich fielen ihnen bi, Lider zu. Das Gewisper auf ihren Lippen verstummte, sie schliefe» ein. Da hörten beide im Traum eine Tür gehen, und eine Stimme sagte: „Kommt, ihr .Kinder!" Und sie fuhren zugleich in die Höhe und starrte« um sich und rieben sich die Augen. Und bann stießen sie einen doppelte« Jubelschrei aus. 1 \ Draußen war Frau Johanna eine Viertelstunde laug durch Sturm uni \ Stacht und Schnee gelaufen. Der letztere fiel nicht mehr aus den hastig vor- ; übergewirbelten Wolken, aber er lag überall beinahe fußtief zwischen bei ! Stämmen. Der große Leonberger Hund ging, oftmals anhaltend und M • umblickend, immer voran durch den schroff' aufsteigenden Felswald, uni i die junge Jfrau folgte nach. Sie tat es mit erstaunlicher Kraft und instinkt- i mäßiger Lücherheit des Schrittes; die feit einer Stunde höher und höher, ; erstickend in ihr herangewachsene, unheimliche Angst war vorüber, und mit i dem unbezwinglichen Willen der Verzweiflung ging sie dem Schreckliche« > entgegen, das vor ihrer Phantasie stand. Sie sah den geliebten Mann, ; irgendwo von einer Steimvand herabgeftürzt, liegen, regungslos hinge- streckt und den Schnee rot um ihn von Blut. Und sie dachte an nicht, ' hinter sich, selbst nicht an ihre Kinder; an gar nichts, als ihn zu finden. ; Aber dennoch schrak sie jetzt mit einem tödlichen Herzkrampf zusammen, s und ein geller Ausschrei flog ihr vom Mund, als der Hund nun plötzlich bellend und rafchelnd vorsprang. Ein Hindernis sperrte den Weg, bei Sturm hat eine mächtige Föhre quer hinübergeschmettert, hoch griffen vom Stammeseube bie ausgeriffenen Wurzelknorren in bie Luft. Das Aug« gewahrte auf dem zerstäubten Schneeuntergrund nichts als ein wüstes, zersplittertes Durcheinander, in das der Hund sich mit einem Satze hinei n- geschnellt. Doch bei dem Schrei Johannas sagte unter dem schwarze« Nadelgezweig hervor eine traumhafte Stimme: „Was ist denn — wer schrie ba?" Sie mußte nicht, ob sie es wirklich gehört, ob es nur ein Fieberwahn ihres Ohres gewesen. Doch mechanisch stürzte sie vorwärts in ber Richtung, strcmchelnb, fallend, sich aufraffenb. Ihr Kleid und Haar verfinge« sich an dürrem Gezack, sie riß sich los. Aber als ob ihr Herz dadurch am feinem Stillstand geregt worden, fing es wieder an zu schlagen, und fk rief: „Adolf — Adolf!" Da lag'er vor ihr, Überwirrt und halb verdeckt von dem Gestrüpp dei windgestürzten Baumes, doch nicht, wie ihre Einbildung ihn gesehen, so» der» er hob ihr halb den Kopf entgegen und sprach mit der sonderbare« Stimme wie eben zuvor: „Was willst du, Hannchen?" „Du lebst!" stieß sie besinnungslos aus, und ihre Arme klammerten sich um seinen Racken. „Ich? Du träumst, liebes Närrchen; ich wollte ja eben in den Wall gehen und küßte dich." Mit der Hoffnung umr ihr auch die Angst zurückgekommen. Sie drückt« ihre Handflächen -um seine Schläfen, seine Stirn und fragte hastig durch einanber: „Was ist dir, Alf? Du blutest nicht; hat ber Baum dich nicht getroffen? Warum bliebst bu hier liegen, daß mein Herz vor Todesschrech ftillstand?" „Der Baum," wiederholte er und drehte etwas mühselig den Kaps, „was für ein Baum?" Dabei tasteten seine Finger um sich, und er lächelst „Warum hast bu Schnee in die Stube getan?" „Um Gottes willen, Alf, du redest irre!" rief sie, „du liegst ja im Wald, und die Föhre ksier ist über dich gestürzt. Ws hat sie dich getroffen?" (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitätr.Vnch. und Steindruckeret, R. Sange, Gießen-