Eichener Zamilienblätler Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (927 Dienstag, den 23. August Nummer 67 Sommerbrld. Von Friedrich Hebbel. Ich sah des Sommers letzte Rose stehn, Sie war, als ob sie bluten könne, rot; Da sprach ich schaudernd im Borübergehn: So weit im Leben ist zu nah am Tod. Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, Nur leise strich ein weißer Schmetterling; Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag Bewegte, sie empfand es und verging. Eilhard Erich Pauls. Zum fünfzigsten Geburtstag des Dichters. Von Professor Dr. jur. et phil. Karl Esselborn. Man könnte im Zweifel sein, ob es berechtigt ist, den fünfzigsten Geburtstag eines in der Oeffentlichkeit hervorgetretenen Mannes zum Anlaß einer Ueberfchau über fein Leben und Wirken zu nehmen, oder ob dieses nicht besser einem späteren Zeitpunkt überlassen würde. Indessen sind die fünfzig nicht nur eine schöne runde Zahl, sondern sie haben pine nicht zu verkennende Bedeutung für das Leben des Mannes. Bis zu diesem Lebensjahr etwa erhält er sich auf der Höhe, die er mit vierzig, der Atme der Griechen, erreicht hat. Da er aber kein Werdender mehr ist, so läßt sich ein Bild und Urteil über sein Schaffen gewinnen, dos später im einzelnen gewertet werden mag, im ganzen aber zu Recht bestehen wird. Der fünfzigste Geburtstag ist darum eine Gelegenheit, einen Ueber- blick über das gesamte Leben und Schaffen eines Mannes zu geben. Bei einem Dichter ist oft ein vollständiges Verstehen seiner Werke ohne Kenntnis seines Lebens, das sich darin widerspiegelt, nicht möglich. In besonderm Maße ist dieses der Fall bei dem Erzähler Eilhard Erich Pauls, der am 26. August 1927 sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet; denn er hat nach seinem eignen Bekenntnis die Gestalten seiner Dichtungen immer der Gegenwart und dem eignen Erlebnis, im Grunde sich selbst, entnommen. Seine Wiege stand in Großsalze bei Magdeburg, einem ehedem adligen Städtlein, heute Salzelmen genannt. Sein Vater war der Lehrer und Vorsteher einer Privatmädchenschule Hinrich Jan Pauls (geb. zu Leer in Ostfriesland 1840, gest. zu Grohfalze 1903), seine Mutter Christel Oldenburger (geb. zu Leer 1848, gest. zu Grohsalze 1909). Beide Eltern sind ostfriesischer Abstammung. In seiner Ahnenreihe sind die Pauls seit dem Dreißigjährigen Krieg erbeingesessen in der Westermarsch, seine Vorfahren mütterlicherseits von 1717 bis 1885 in allen Geschlechtern ostfriesische Pastoren. Das ostfriesifche Blut, das in seinen Adern rollt, verbindet ihn mit den Menschen und der Landschaft und bestimmt seinen Charakter als niederdeutscher Erzähler. Wie er bluts- und wesensver- wandt mit diesem Norddeutschland ist, so sind auch die von ihm geschilderten Gestalten zurückhaltend und wortkarg, hart aus übermäßiger Innerlichkeit, aus der Not eines zu starken Gefühlslebens wie die Niedersachsen. Die Lust am Fabulieren erbte der Sohn von der Mutter, die „eigentlich eine Dichternatur" war. Er hat sie wiederholt in seinen Erzählungen geschildert, so auch in „Ion Iites Wanderbuch" mit den Worten: „Christelmutters Hände waren mager und zart, sie waren zu jedem Dienst willig und zu jeder Hilfe bereit, nicht aber zog sie in die Unruhe hinein. In Christelmutters Herz war der Mittelpunkt der Welt. Wenn Jan Jite in ihm zu Hause war, so war er in aller Welt nicht fremd. Aber er konnte nicht im Irdischen versinken." Den ersten Unterricht empfing Pauls in der Volksschule von Großsalze. Im Herbst 1888 kam Pauls als Quartaner nach Magdeburg in das Alumnat des Gymnasiums zum Kloster Unser Lieben Frauen wie Jan Jite und Hans Mendel (Die Geschwister im Salzkorb). Das galt es zunächst zu überwinden, dann aber „erzog das mutterlose Zusammensein mit zweiundsiebzig Kommilitonen früh zu starker Selbständigkeit". Er führte ein stilles Innenleben, weswegen ihn seine Lehrer als passiv schalten. Er las viel.^Deutsch, Geschichte und Mathematik waren seine Lieblingsfächer, fremde Sprachen waren nicht sein Fall, nur bei dem Griechischen „zog ihn ebenso die Musik und Anschaulichkeit der Sprache wie die Naivität und Graßheit des Stoffes bei Homer und Thukydides an. Homer und die Bibel sind auf seine eigne Sprache von ausbildendem und bleibendem Einfluß gewesen". Ostern 1894 verließ er das Gymnasium mit dem Zeugnis der Reife. „Ein paar glückliche, harmlose, freie Ferienwochen verbrachte er zu Hause", dann bezog er, um Geschichte und^ Germanistik zu studieren, „aller Erwartungen voll und mit einem Säckel, den er nie glaubte leeren zu Gönnen", die Universität Tübingen. Er wurde Burschenschafter; da ihm aber sein Baier nach Bezahlung der Schulden des ersten Semesters erklärte, daß er das finanziell nicht mehr leisten könne, so wurde er im folgenden, wo er nach Berlin übersiedelte, nicht wieder aktiv, „dabei auch innern Notwendigkeiten folgend". Zu Beginn des Sommersemesters 1897/98 vertauschte er Berlin mit Halle. „Bis dahin hatte er in di« verschiedensten Disziplinen hineingerochen, ohne irgendwo Befriedigung zu finden. Klassische Philologie, Jura, Nationalökonomie waren vorübergezogen, die Fächer Deutsch, Geschichte und Geographie blieben schließlich. Kurz vor Weihnachten 1900 schloß er seine Universitätsstudien mit dem Staatsexamen ab, durch das er die Lehrbefähigung in den erwähnten drei Fächern für alle Klaffen erwarb. Da er nicht zu dem Militärdienst tauglich befunden wurde, stellte er sich dem Schuldienst im Osten zur Verfügung. Das erste Jahr des Schul- oorbereitungsdienstes erledigte er demzufolge in Pofen und Bromberg. Als Probekandidat kam er nach einem Jahre an die Adelsschule zu Roßleben an der Unstrut und war daselbst zugleich Hilfslehrer und Alumnatsinspektor. Seine ersten dichterischen Versuche, meist schwermütige lyrische Gedichte, die, soweit sie „verdientem Flammentode entgangen sind, im hintersten Winkel seines Bücherschrankes pietätvoll aufbewährt" werden, gehen in seine Gymnasialzeit zurück. Schon als Obersekundaner schrieb er,, und sein Schreiben war ihm eine Entlastung. Hierin wirkte sich eine niederdeutsche Stammeseigenschaft bei ihm aus. Auch ohne erschütterndes äußeres Erleben gehen die Erlebnisse des Niederdeutschen vom Grunde der Seele aus und leben sich in stiller Innerlichkeit ab, er trägt oft schwer an einem Ding, das er auch den Nächsten nicht sehen lassen kann. Das trat besonders bei dem jugendlichen Pauls hervor, der „nicht an befondern leidvollen Erfahrungen, aber an 'der Einstellung zum Leben in schwerer, einsamer Art zu tragen und zu knacken hatte". Das kommt auch in seinem dichterischen Schaffen zum Ausdruck, bei dem er seine Menschen immer der Gegenwart und dem eignen Erlebnis entnommen, seine Stoffe aber gern aus der Geschichte gewählt hat. Das ermöglichte ihm eine leichtere Lösung vom Zufälligen und stärkere Gestaltung des Wesentlichen. Daher ist er trotz seinen „historischen" Romanen und Novellen im Grunde kein historischer Erzähler, denn der Blickpunkt ging jedesmal von der Gegenwart aus. Das verdeutlicht besonders ein Vergleich seines märkischen Romans „Der eine Mann" mit dem denselben Stoff behandelnden Roman von Willibald A l e x i s, „Der falsche Waldemar". Inzwischen war er am 1. April 1903 als Oberlehrer am Iohanneum, dem Gymnasium, zu Lübeck angestellt worden, wo er heute noch als Professor wirkt. Damit trat Lübeck in sein Leben und sein dichterisches Schaffen ein und reiht sich hier in fein ostfriesisches Stammland und neben feinem Heimatsort Großsalze, den Schauplatz seiner Erzählungen „Frau Christel", „Jan Iites Wanderbuch", „Kleinstadt", „Klein-Bettenhausen" und den „Geschwistern im Salzkorb". In den beiden Romanen „Der Freiheit Hauch" und „Kai Friedrich" schildert er Lübecker Jungen, wie er sie als Lehrer kennengelernt und liebgewonnen hatte. Die sieben Novellen umfassende Sammlung „Vom Leid" begründete den Namen ihres Verfassers in der Literatur. Das erste Stück der Sammlung „Karsten Düker" schildert, wie die Frau des Amtmanns dieses Namens aus Eifersucht als Hexe denunziert wird und es ablehnt, mit ihrem Manne zu fliehen, weil er sie wirklich für eine Hexe hält. Wahrhaft erschütternd ist die Geschichte von dem großen Seeräuber „Ubben Ubbena", wo der friesische Amtmann diesen und den ihn begleitenden jungen Matrosen töten läßt, nicht wissend, daß der vermeintliche Junge seine eigne Tochter ist, die der Seeräuber im Alter von fünf Jahren geraubt hatte. In die Zeit des Dreißigjährigen Krieges versetzt die Novelle von „Joachim Helldorf", einem mit zehn Jahren geraubten Pfarrerssohne, der schwedischer Offizier wird und bei seiner Rückkehr in sein Heimatdorf seine Jugendliebe als die junge Gattin eines andern findet und kurz darauf den Tod erleidet. „Heimkehr" und „Heimat" zeigen, wie Soldaten gewordene Dorfsöhne nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges entweder von ihren Angehörigen abgewiesen werden oder alles tot finden. „Briefe" schildern den Heldentod eines jungen Gutsherrnsohnes auf Deutsch-Edel in der Ostmark, und die letzte Novelle „Hans Jürgen" steht dar, wie ein Dater seinen Sohn, dessen Geburt der Mutter das Leben gekostet hat, diesen deshalb sieben Jahre lang übersieht, ihn dann als sein Alles gewinnt und nach weiteren sieben Jahren durch eine tückische Krankheit verliert. Wenn sich an dieses Werk in rascher Folge andre anschlossen, so war das dadurch bedingt, daß sein Erfolg manchen Erzählungen, die Pauls in seinem Schreibtisch liegen hatte, den Weg zur Veröffentlichung ebnete. Im Mittelpunkt des Romans aus der Franzofenzeit „Der Freiheit Hauch" (1910) steht der am 14. März 1792 zu Naumburg geborene Predigersohn Friedrich Staph, der am 16. Oktober 1809 in Schönbrunn erschossen wurde, weil er vier Tage vorher beabsichtigt hatte, Napoleon während der Heerschau zu ermorden; auch des Prinzen Louis Ferdinand Heldentod ist in die Erzählung eingeflochten. In die nämliche Zeit fällt die Handlung der Novelle „Frau Christel" (1911, 4. Aufl. 1925), mit der der Verfasser seiner Mutter ein Denkmal setzte. Die Stadträtin Christiane von Geyer in einer kleinen, stillen Stadt, ein paar Wegstunden südlich von Km mai kommenden den sie hin auf vor ma m Ub In als lur noi üb Vc Pc Sc INI m< Fc W ra 8«’ di< tie an all gr W eil de st« w in © fei bc de kl $i di H si- le B fil L haben. Anfiemö Knabenherz mit grai und lies; Abc er f kehl wet geft jun und frei auf heit die und eine große Steintreppe vor seiner Tür hat ausgetretene Füssen. Mächtige, zackige Eisenketten schwingen sich von Pfeiler zu Pfeiler das Haus entlang. Ein Flachskopf schaukelt sich auf der Kette. Dann springt er ab und klappert in schworen Holzschuhen die Straße hinunter. Jkn Hafen liegen Torfmutts und Fischerboote trag auf der Seite im silbernen Schlick Die Segel sind fest gerollt, und die kahlen Masten vagen in die Höhe. Die Möven kreischen, aber die Menschen schlafen. Am Abend wird die Flut kommen, dann trotten die Mischer m schenkel- hohen Stiefeln, die mit Stroh ausgestopst sind, in Friesjacken und Oelrock, das dicke blaue Tuch um den Hals dreimal geschlungen, herbei, ziehen die Segel auf. Aber sie lärmen nicht, sie singen nicht und sie reden nicht. Dann fahren sie hinaus. Und der Hafen schläft wieder. Leise nur schlagen bei steigender Flut die Wellen an das Bollwerk. In dem Städtchen ist me Bewegung gewesen. , . . ,. . , Und der flachshaarige Junge trollt wi-eder nach Hause, schaukelt noch einmal auf Der eisernen Kette. Dann klappert er die Stemfliesen hinauf, a-ber ehe er die Türklinke berührt, nimmt er die Holzschuhe von den Füßen und hält sie in der Hand, wenn er die Tür öffnet. In dem stillen Hause darf nur die Türglocke Lärm machen, die schrill durch die weite Diele gellt. Die Mutter drückt dem Knaben ein großes Brot in die Hand und zieht ihm die wollens Mütze von dem Blondkopf. Aber dann geht der Junge zur Mö. . .. Antjemö ist uralt, älter als alles, älter als Water und Mutter. Antje-mo ist nur Magd im Hanse, aber sie weiß alles. Sie weiß, was der Da.er gesagt hat, als er von seinem Vater Prügel bekam, und als er die Mutter heiratete. Aber sie weiß auch, wer vor vielen hundert Jahren m dem Haufe gewohnt hat, und was die Fischer draußen gesehen weiß alles und erzählt alle die Geschichten, die ein stilles großer Sehnsucht erfüllen. Antjemö arbeitet immer. Antjemö schabt Rüben für Mittag. Da geht der Knabe zu ihr. „Gib her, Antjemö!" Und die alte Magd gibt dem Knaben. Der setzt sich . , den Küchentisch. Die Lampe steht neben ihm und beleuchtet sein rundes Gesicht scharf von Der Seite. Sein Flachshaar leuchtet wie Gold, wie feine goldene Seide. „Erzähl, Antjemö!" _ Und Antjemö erzählt, erzählt von Ubben Ubbena. .Da werden des Knaben Augen groß und glänzen. Er kennt die Geschichten von Ubben Ubbena alle, aber seine Erwartung ist jedesmal neu und gewaltig, und die Sehnsucht mächtig in seinem stillen Leben. Denn Ubben Ubbena ist der große Seeräuber, ist größer noch als Gödecke Michael, der bei, der Springflut sein Schiff an dem goldenen Knauf des Kirchturms verblute, ist größer noch als Klaus Störtebecker, dessen Masten mtt reinem Golde ausgesüllt waren. Ubben Ubbena ist der Held des stillen Städtchens. unb der Gott seiner stillen Knaben. Ubben Ubbena lebte vor vielen, melen eiw Ma faß uni im Ab ist unl seir Jahren. t ,........ Und Antjemö schabt Rüben und Antjemö erzählt Da war Ubben Ubbena ans See und war an der ganzen Küste gefürchtet. Auf seinem Mast wehte eine große purpurne Flagge, 'barm war mit silbernen Fäden ein weißes Roß eingenaht das sprang hoch auf. Und darunter stand mit goldenen Buchstaben: „Hode di! Und alle Menschen an der friesischen Küste von Texel bis Spiekeroog -hüteten sich, mit Ubben Ubbena irgend etwas zu tun zu haben. Stur ber neue Amtmann, der in unserer Stadt am Markte wohnte, fürchtete sich mcht vor chm. Der war aber auch noch nicht lange in unserer Gegend. Der hatte gesagt, er wolle den Seeräuber hinrichten lassen und er werde ihn kriegen. Dieser Amtmann hieß Tön-ding und war ein strenger Mann. Aber er hatte em feines Töchterchen, das war fünf Jahre alt und war das zierlichste Ding, das es auf der Welt gab. Es hieß Engel, und alle Leute sagten, wenn sie auf dem Markte vorbeikamen und das Mädchen ipielte auf der Stem- treppe: „Es ist wirklich ein Engel!" * Und sogar der Scharfrichter, als er einmal voruberkam, sah er das kleine Mädchen spielen. Da ging er hin und hob es auf und küßte es auf das seidene blonde Lockenhaar. Aber das hatte die Fran Amtmannm gesehen: Die kam rasch herbeigelaufen und nh das Kind entsetzt an s ch. Da sagte der Scharfrichter: „Frau Amtmännin wenn ich auch sonst nicht gern wieder herausrücke, was ich einmal unter den Händen habe, solch epi Aber^ man weiß'dach ntt,' wie das Ende an eiwm Menschen kommt. Einmal spielte Engel aus dem Deiche hinter dem, Hasen und wars Hände voll Sand in das Meer. Es war Flut und die Wellen schlugen bock auf und der Wind flog in Engels Blondhaar. Und an diesem Abend warteten sie zu Hause umsonst auf Engels Heimkehr Die Mutter weinte, und der Amtmann ging mit feinen Knechten' hinaus. Sie gingen an Den Hafen und den De-.ch Sie arteten die Ebbe ab, und alle Manner, die in der: Stadt waren, gingen hinaus und wateten durch den Schlick und suchten ®e*P'!vn9 h „ suchten in den Booten und in den Torfmutts, sie schrien nach ihr auf ben Deichen unb auf den Wiesen sie tasteten mit langeri Stecken-nach► m allen Gräben. Da kam ein Fl -her und sagte: „Ich sah das fuberne m auf der purpurnen Flagge." Da sagten alle Manner leise ^vven Ubbena!" und gingen alle nach Hause. Auch die Knecht--de Amt n^ gingen nach Hause und erzählten der Mutter, daß Ubben Ämt^ Bet geraubt habe. Da wurde die Mutter ohnwacht^ Aber der^Antt mann suchte weiter. Er ging ous den Deichen und huf den W und wußte nicht, wo er war. Bald rief er '-Klein-Eng . Appen hinaus und weinte und betete, unb seine Hande zitterten und 1 bEbtUnb bald schrie er: „Ubben Ubbena!" in die Nacht und m ben Wwd hinaus, unb die 'Ader an seiner Schilase schwoll mächtig an, un T gräßlich und wimmerte leise. Und die Möwen schrien. gnedite Als es Tag geworden war, schickte die Amtmännin wieder d« aus, aber nicht nach Klein-Engel sollten sie suchen. Klem8 loren. Sie Knechte sanden den Amtmann ans Dem Deiche M;en uno ) voll Sand in die Wogen der See werfen, Denn es war Dim unb Und es vergingen viele Jahre. Der Amtmann war alt ge Magdeburg am linken Ufer Der Elbe (Großsalze) steht imJahre 1840 vorder Uebevsiedlung zu ihrem Enkel in die Großstadt unb durchlebt om Vorabend vor dem Auszug aus dem alten Hause in der Erinnerung nochmals ihr Leben, die Erschießung ihres Mannes durch die Franzosen im Ro- vember 1806 unb bcn Tod ihres Sohnes als Lutzower Jager im Suh 1813, ”omie den ihrer Schwiegertochter im darausfolgenden Januar bei der ^Scr Ulltmaeschichtliche Hintergrund des Romans „Kai Friedrich. Es ist eine Lust zu (eben"' (1912) ist die Zeit des Humanismus, unb ber Reformation. Kajus Friedrich von Cronenberg zieht, den heimatlichen Ostfeestrand und die blauen Seen verlassend, mit fernem Reiterbuben Lriedrt nach Erfurt, wo er den Doktorhut erwirbt. Bei einem Tumult daselbst bei dem Bauern, Bürger und unzufriedene Umoersitatsgenossen beteiligt sind, findet Briedel seinen Tod, doch sein Herr bringt davon Die Erfahrung, daß ber Tob nicht zu fürchten, sondern, der Freund der Menschen sei, in feine holsteinische Heimat zurück, in ine er juft um Die Zeit zurückkehrt, da Luther die Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg ""^Di^Erchhlung „Jan Sites Wanderbuch", ein großes Selbstbekennttiis Des Verfassers, erschien zuerst 1916. Der Pfarerrsfohn Jan Jite, dessen Entwicklung den Gegenstand der Erzählung bildet, stirbt Den Soldatentob. In den von Pauls mitaeteilten - Erinnerungen eines Jnfanleneoffiziers , Ich hott' einen Kameraben" (1916) bearbeitete er stilistisch unb literarisch bie Kriegserlnnerungen seines Schwagers Gerhard. Von den unter dem Titel ,Meern inschlungen" (1917) vereinigten drei Novellen hallt nur in der letzten, „Meister Thieme", bas große Weltgeschehen wider. Drei Jesus-Geschichten faßte Pauls unter dem Titel „Der Heibe- nxmberer" (1919) zusammen. Im inneren Zusammenhang damit steht der Roman aus deutscher Not „Der Wolfshof" (1920). Der in ber Heide gelegene Wolfshof gehört Judas Ischorioth, der nach dem Tob des em- famen Heidewanderers sich in feinen Dolch stürzt. Die Gestalt des Judas enthält des Dichters tiefftes Kriegserlebnis. Wie auf alten Holzschnitten ist die Szenerie der biblischen Vorgänge in die deutsche Landschaft, und zwar in die Heide, verlegt. . Die unter dem Titel „Die Kleinstadt" (1920) vereinigten fünf Novellen spielen in Grohfalze unb werben durch die Gestalt der Frau Stadtratm Aba Gercken unb ihres im Jahre 1870 geborenen Sohnes „Hatfchelhans in einen inneren Zusammenhang gebracht. Die lübische Mär „Papeböne", deren Held em junger Mensch ist, ber für die Nichtausführung eines gedungenen Mordes an einem Mädchen durch dessen Liebe belohnt und bann zum Wegelagerer unb Räuber wird, erschien, vereinigt mit einer zweiten Novelle, „Hans Habenichts , in deren Mittelpunkt ein tröstend im Land umherzichender Beg-Harde ist, unter dem Titel Habenichts" (1924). . Das folgende Jahr brachte „Stille unb Sturm", vier Erzählungen, deren erste, „Der Schulmeister von Preifingen" schildert, wie Jung-Sttlling, der Schneider, daselbst Lehrer wird: in Der zweiten, der Seumeerzcihlung „Johann Gottfrieds Freiheit" versucht Pauls „über letzte Erkenntnisse zur Bejahung Des Lebens zu kommen", die Hauptpersonen Der Dritten, „Die Tochter Des Wandsbecker Boten", sind der Hamburger Verlagsbuchhändler Friedrich Christoph Perthes (1772—1843) unb seine Frau, Karoline Clau- Dius (gest. 1821) sowie bereu Daker Matthias Claudius (1740—1818), während Die letzte, „Die weiße Frau", Die letzten Stunden des Prinzen Louis Ferdinand zum Gegenstand hat. Eine anmutige Biedermeiererzählung ist „Klein-Bettenhausen. Die liebe alte Stadt" (1925), worin ein siebzigjähriger Berliner Geheimrat tm Jahre 1835 seine kleine Heimatstadt besucht und Der Enkelin feiner von ihm einst treulos verlassenen Jugendliebe zum Chestifter wird. In feinem neuesten Werke „Die Geschwister im Salzkorb. Erinerungen an eine Kleinstadtjugend" (1927) führt Pauls den Leser in seine Geburts- stadt Grohfalze. Die Handlung der gemütvollen Erzählung gruppiert sich um Grete Mendel, Die Tochter des Kolonialwarenhändlers Lazarus Mendel, die mit zehn Jahren Die Mutter verlor und ihrem um acht Jahre jüngeren Bruder Hans die Heimgegangene ersetzt und die Seele des väterlichen Geschäftes wird, bis sie schließlich Das Glück Der Ehe an Der Seite Des Pastors Gerhard Hausen findet. Ihr Urbild ist die 1922 verstorbene Schwester des Dichters. Eilhard Erich Pauls ist ein gedankenreicher Schriftsteller, [eine Werke sind keine flache Unterhaltungslektüre, bei der man Seiten überschlagen kann, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Er verlockt Den Leser oft dazu, sich schöne Stellen am Rande anzumerken ober herauszuschreiben. Als Probe seiner plastischen Ausbrucksweise mögen nur ein paar Stellen aus „Jan Sites Wanderbuch" dienen. Da spricht er einmal von „einem alten Städten, Das in seiner altjüngferlichen Einsamkeit nichts vergessen konnte, daß es einmal, einmal jung und Residenz gewesen sei". (S. 22.) Ein andermal „schellte die Pfortenklingel unb lärmte unb schalt und keifte noch nach, wenn Minuten vergangen waren" (S. 49). „Ein süßer, schwerer Honigduft wehte über die blühende Heide, und Das Summen von zehntausend Bienen, Das tiefe Kirchenglockenbrummen Der dicken Drohnen dazwischen, bas feine Sirren wie Geigentöne der Fliegen und das noch seltenere Pfeifen der Mücken, die ganze Musik hing wie eine leichte Decke über Der Heide, die von mächtigen Händen langsam aufgehoben und langsam gesenkt wurde" (S. 108). Das innerste Wesen seiner Dichtung kennzeichnen zwei Aussprüche: „In -ber Vorstellung der Dinge leben, wenn die Dinge nicht in Wirklichkeit sind, das ist Dichtung", und „Sehnsucht ist Leben, Erfüllung ist Tod". Der Tiefe seiner Empfindung und Gedanken entspricht eine weniger ausgedehnte als treue Gemeinde von Lesern. Wer einmal eines seiner Werke in sich ausgenommen hat, wird stets gern zu den übrigen greifen. Ubben Ubbena. Von Eilhard Erich Pauls. Ein Fifcherstädtchen träumt hinter den Deichen. Die Strohdächer seiner niebrigetf Hütten sind von Der grünen Patina dichten Mooses überzogen. Unb wo ein stattlicheres Hans am Markte steht, da ist fein Ziegeldach braun vom Alter unb schwer eingebogen. Seine Fenster sind niedrig, grausam und hart. Er rüstete Schiffe aus mit tapferen, starken Mannern unld mit Kanonen. Und wenn er einen Seeräuber gefangen hatte, dann lieh er ihn und alle seine Matrosen gleich am nächsten Tage hmrichten. Aber alle Frauen, die er auf den Seeräuberschiffen gefangen nahm, lief? er frei. Aber Engel war nicht darunter.,Und Ubben Ubbena fing er nicht. Zehn Jahre vergingen so. Da kam ein großer Tag. Der Amtmann kehrte heim mit seinen Schiffen, und am Mast des vordersten Schiffes wehte die purpurne Flagge mit dem weihen Pferde. Ubben Ubbena war geronnen und ein junger Matrose. Die andern waren entkommen. Und am andern Mittag standen Ubben Ubbena und der gefangene junge Seeräuber auf dem Richtplatz, und der Henker stand vor ihnen, und der Amtmann saß vor ihnen und war bleich in hartem Grimm. Da sagte Ubben Ubbena zu dem Amtmann: „Gib meinen Matrosen frei! Er ist unschuldig. Er tat nur, was ich ihm befahl." Da sahen der Amtmann und alle Menschen, die versammel waren, auf den jungen Seeräuber. Und sie waren betroffen von so viel Schönheit. Es war eine edle, schlanke Figur und ein feines, weißes Gesicht Und die großen, Hellen, blauen Augen sahen unverwandt auf Ubben Ubbena. Aber in des Amtmanns Augen war der Haß. „Ubben Ubbena," sagte er, „du weiht, was du mir getan hast. Dem Knabe stirbt, damit ich dir vergelte." Da warf sich der mächtige, große, gewaltige Ubben Ubbena dem Amtmann vor die Füße Und flehte ihn an um das Leben seines Matrosen. Da ward des Amtmanns Gesicht verzerrt. „Hast du ihn lieb?" fragte er. . „Ja!" schrie Ubbena. „Ich habe ihn lieb." Und es war der Schrei eines gequälten Herzens. Aber der Schrei erstickte unter den Küssen 'des Matrosen, der Ubben Ubbenas Hals mit seinen schlanken Armen umfaßte. . . „Wenn du ihn so liebst," sagte der Amtmann, und er war aufgestanden und sprach es voll Haß, „so soll er vor dir sterben. Daß ich vergelte, was du mir getan hast." .. Da arbeitete wilde Erregung in Ubben Ubbenas mächtigem Körper. Wer er richtete sich hoch auf und sprach: „So höre, Amtmann! Es ist _ — — —" Aber da küßte ihn der Matrose von neuem mitten auf den Mund und sprach — hell klang die Stimme und süß: „Du sollst nicht demüttg fein, Stolzer, ich will mit dir sterben!" Da schwieg Ubben Ubbena. Der Amtmann winkte. Und ats -bes jungen Matrosen feines Haupt in den Sand rollte, sprang Ubben Ubbena wild herzu,'hob, das Haupt auf und küßte es mit toller Inbrunst und bedeckte es mit seinen Tränen. Er ließ das Haupt, das feine, junge, geliebte, nicht aus den Händen, als er selbst niederkniete. Aber ehe des Henkers Schwert seinen Nacken traf, rief er dem Amtmann zu: „Es war Engel, deine Tochter!" Mit Erlaubnis von Gustav Schloehmanns Verlagsbuchhandlung, Leipzig und Hamburg, der Novellenfammlung „Vom Leid" entnommen. In Beeglrönigs Eispalast. Ein Besuch in der Rieseneishöhle des Dachsteins. Von Dr. Hedwig Fischmann. In den Spalten des Gletschers, wo sich riesige Eisquadern unheimlich übereinander wölben, wo nach dem Glauben der Bauern die Seelen der Verdammten bis zum jüngsten Tage eingemauerf find, türmt sich der Palast der Eisjungfrau. Menschengierig zieht sie ihre Opfer zu sich hinab. So erzählt der nordische Dichter Andersen. Aber tief in der Berge innerstem Schoß floh in Urweltstagen, die Menschheit hassend und meidend, ihr Vater, der Bergkönig. Dort, von dem schützenden Wall der Felsen umschlossen, bauten und bauen noch heute seine Sklaven, die Wassergeister, unermüdlich auf sein Geheiß schimmernde Paläste und ragende Dome, bauen und zerstören und bauen aufs neue. Doch vergebens seine Flucht. Der Menschen neugieriges Geschlecht erspähte die dunklen Deffnungen in den Felswänden und drang ein, tiefer und tiefer, allen Gefahren trotzend, mit denen der König sein Reich verteidigte, angezogen mit magischer Gewalt von dieser ungeahnten Märchenwelt. So ward das Zauberreich der Dachsteinhöhlen erschlossen, in das jetzt alljährlich tausende wundersehnsüchtige Talmenschen smporpilgern, um ein großes heiliges Erlebnis mit sich hinabzutragen. Aus allen Teilen der Welt strömen sie zu diesem einzigartigen unterirdischen Zeugen ewig schaffender Naturgewalten. Und wenn erst der eifrig erwogene Plan einer Seilschwebebahn, die den Besucher schnell und mühelos vom Ufer des Hallstätter Sees zu dem in das Höhlentor hineinlugenden, dem Dach- fteinmasfiv zugehörigen Däuml emportragen soll, Ereignis geworden sein mirb — wodurch auch zugleich ein Skifeld zugänglich gemacht würde, das in der Welt kaum seinesgleichen fände —, dann ade, du große, du göttliche Gebirgseinsamkeit, dann wird der alte Bergkönig auch in dem letzten seiner noch unerforschten Labyrinthe nicht mehr sicher fein. Einstweilen heißt es freilich noch auf recht mühseligem Pfade zu den beiden hochgelegenen Dachsteinhöhlen, der in 1450 Meter Höhe sich öffnenden Rieseneishöhle und der unfernen gewaltigen Mammuthöhle hinan- klimmen. Doch welch bilderreicher Weg führt aus dem lieblichen, im Wiesental der Traun eingebettet träumenden Dörfchen Obertraun empor durch eine machtvoll ernste Gebirgsszenerie, bis das finster drohende Höhlentor, im innersten Winkel des vom Hagenock bis zum Mitlagskogel sich spannenden, vom Hirschberg und Krippenstein überhöhten Bogens gelegen, erreicht ist und noch einmal ein voller, die Mühen reich lohnender Blick zwischen den Bergwänden auf den 1000 Meter tiefer liegenden, silbern schimmernden Hallstätter See alle Schönheit dieses leuchtenden Bildes in sich trinkt, ehe die Nacht der Unterwelt uns aufnimmt. Als die ersten wagemutigen Erforscher die Rieseneishöhle, die einstmals mit der Mammuthöhle und den zahlreichen kleinen, in gleicher Höhe gelegenen, uim Teil noch unbefahrenen Höhlen des Dachsteinmasfivs ein zusammenhängendes, später durch Einsturzkatastrophen getrenntes System gebildet l>at, im Jahre 1910 zum erstenmal in dies von Menschenschritten unentweihte Bergreich eindrangen, da bedurften sie zu ihrem kühnen Unternehmen, das die größte bis -dahin bekannte Eishöhle erschloß, einer sorgfältigen Ausrüstung, darunter 30 Meter Drahtseilleitern und der zum Ueberqueren der gähnenden Abgründe notwendigen Selle. Heute, da in die den Besuchern zugänglichen Teile überall gebahnte Wege und ins Gestein und Eis gehauene Treppen führen, besteht die ganze Ausrüstung der Expedition aus Karbidlampen, die der Führer jedem Dritten der hintereinander schreitenden Kolonne zuteilt. Vor allem aber gilt es, sich wohl gegen die Kälte des Höhlenreiches zu verwahren; liegt doch die Durchschnittstemperatur im Innern der Eishöhle, in der die Eisbildung auch im Sommer andauert, bei — 1 Grad, während in der Mammut- unb der tiefer gelegenen Koppenbrüllerhöhle die Eiswunder während der warmen Monate zum größten Teil wegschmelzen. Aber auch in der Riefeneishöhle find die Formationen einem beständigen Werden und Vergelten, einem Ausbau und Abschmelzen unterworfen, und das Wachsen und Wandeln der Formen gehört mit zu den interessantesten und reizvollsten Erscheinungen dieser Wunderwelt. Eis aus der Diluvialvergletscherung hat sich nach den neueren speläologischen Forschungen nur in ganz unbedeutenden Mengen in den Höhlen erhalten. Der beständige Neuaufbau ist außer durch die günstige Höhenlage der Rieseneishöhle durch die besondere Richtung und Lagerung ihrer Haupträume bedingt. Es sind dies nämlich Sackhöhlen mit einem nach Norden liegenden Eingang und einer nach abwärts sich senkenden Längsachse. Im Gegensatz zu ihnen kann es in den in gleicher Höhe gelegenen, aber horizontal ober nach aufwärts dem Berginnern zustrebenden Höhlen nie zu einer Eisbildung kommen; denn nur in dem nach abwärts gerichteten Höhlensack kann in der kalten Jahreszeit die kalte Luft in die Tiefe bringen, wo sie sich über dem Boden sammelt, diesen sowie die Wände bedeutend abkühlt und eine mittlere Jahrestemperatur dieser Räume bewirkt, die unter dem Jahresmittel der Außenluft liegt. Ein eisiger Wind, gleichsam ein letzter Abwehrversuch des Berggeistes gegen die Eindringlinge, empfängt uns bei dem Eintritt in das unterirdische Reich. Mit leisem Grauen tastet man vorwärts ins ungewisse Dunkel. Doch kaum daß sich der Blick ein bißchen an die vom huschenden, matten Lichtstrahl der Lampen, vom aufflammenden und erlöschenden Magnesiumlicht des Führers phantastisch aufgehellte Finsternis gewohnt hat nimmt uns das Wundevmärchenreich mit atembeklemmendem Zauber gefangen. Hier wächst eine Riesensäule, mit funkelnden Diamanten besät, gegen das Dach der Höhle, sich im schattenhaften Dunkel1ber Wölbung verlierend; dort hängen reihenweise mächtige Eiszapfen, schimmernden Dolchen ähnlich, vom Gewölbe herab und zücken gegen den unwillkommenen Gast die Schärfe ihrer aufleuchtenden Spitzen. Geheimnisvoll gähnend öffnet sich plötzlich zur Rechten ein unheimlicher, 30 Meter tiefer Eisabgrund, aus dessen Schlunde, sekundenlang durch hinabsmkenbe Leuchtraketen erhellt, gespenstische Gebilde emporzuwachsen scheinen. Im Weiterschreiten weitet sich nun die Höhle, ein hochgewölbter Eisdom, der Tristandom, umfängt uns, und aus dem in schimmernden Wogen gleichsam chwingenden und singenden Boden baut sich ynngrfront, llirm- rfjenüberragt der Monte Cristallo, eine der formenreichsten Eiskegel- ^Unb" meiter geht es von Wunder zu Wunder. Alle Zaubergebllde ber alten keltischen Sagen, die diesen Räumen ihren Namen geliehen, werden hier lebendig. Hell strahlend, mit Türmen und Säulen geschmückt, ragt eine kristallene Burg empor, die hehre Gralsburg, aus dem Monsalwassch- Gletscher des Parzivaldomes aufstrebend. Unb Menschenkulturepochen wie Minuten überschlagend, schimmert dort am Rande eines Gletschers ein schlankes gotisches Kirchlein, dem des Wassers emsige BiIdnerarbelt zierliche Fenster genagt, filigran artige Turmgebilde aufgesetzt hat. Hier droht, unheimlich gelagert am Wege, die riesenhafte Gestalt eines eisgeblldeien Sömen dem die groteske Schöpferlaune der heimlich webenden Naturkräfte in den letzten Jahren einen immer -deutlicher sichtbar werdenden Höcker wachsen läßt — in diesem Wunderlande wahrlich nicht der Wunder 9r°Sodi nun, da wir hinabsteigen auf vereisten steilen Stufen in noch größere Tiefen, scheint auf einmal jedem weiteren Vordringen gebieterisch Halt geboten: in weihen schimmernden Falten, wie in gleitender Be- u>2Qunq zu dem Versuch des Zurückschiebens verlockend, Jtnft em Eis- vorhang von dem Gewölbe zum Boden herab. Nur eine schmale, dreieckförmig sich öffnende Spalte gewährt kargen Einlaß in die dahinter befindliche „Kapelle". Und wie die Falten des Vorhangs herabzuriefetn meinen von der geheimnisvoll im Dunkel verschallenden Wölbung, so streben hier und in der einzigartigen „Großen Kapelle die mächtigen aneinandergereihten Säulen einer Riesenorgel, rote sie keine Kirche von Menschenhand ihr eigen nennt, sehnend empor in bte Höhe-Zeit- unb weltentrückt, im Banne dieser unwirklichen Wirklichkeit, glaubt man die Säulen schwingen und tönen zu hören wie im mutwilligen Spiele, gigan- Hiebe «sebickeu ... Schwer nur finden wir uns zurück aus jener Zaicherwelt, als wir hinaustreten durch das dunkle Tor an bas Licht des Tages. Maß und Wertung aller Dinge scheint verwandelt. Edi Stevens. Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung.) „Warum hast du an die Ladenkasse gewollt?" fragte Edi mit der Strenge eines Kriminalrichters. . „Weil ich zehn Mark zu bezahlen hab' und nicht weiß woher nchmen. „Und da mußt du dich an deinem Vater {einem Geld »ergreifen? Bei all beinern Griechisch und Lateinisch hast du nicht einmal das siebente ^^Der^hochmütige Paul war ganz zerknirscht unb schluchzte laut; „Du mir den Gefallen, Stevens, unb sag' nichts. „Ich werd' mir’s überlegen", antwortete dieser unb wandte dem bleichen Sünder -den Rücken. Im Kontor bedachte Cdi, ob er seinem Ches über den Vorfall Meldung erstatten oder ob er schweigen solle. Dabei gelangte er zu der Reflexion: wenn sich über kurz oder lang in der Kasse ein Manko heraus- stelle. werde man ihn oder einen der anderen Ladengehilfen zur Verantwortung ziehen. „Aber nein," beschwichtigt« er sich, „so schlecht kann der Paul nicht sein. Er wird keine langen Finger mehr machen. Er hat doch auch ein Gewissen. Und wie jammervoll hat er ausgeschaut, wie ich ihn am Kragen hatte. Herrje, wie muß so jemand zumute sein! Und er hat das Geld' gewiß furchtbar nötig. Guck, neun Mark zwanzig hab' ich mir jetzt für dis Harmonika gespart. Wenn ich ihm die geb', und die Frau Krämer achtzig Pfennig drauflegt, ist er aus der Schwulität heraus und braucht nicht mehr auf Diebeswegen zu lungern. Die Harmonik« bleibt mir lang gut. Jawohl, ich tu's!" Er ging hinauf ins Wohnzimmer, wo Paul am Fenster saß und dumpf vor'sich hinbrütete. „Da, Paul," sagte er, sein Geldtäschchen hervorziehend, „hast du erst 'mal neun Mark zwanzig von mir. Du kannst 'mir's später rotei) er geben. Nun sieh zu, daß dir die Frau Krämer noch achtzig Pfennig leiht. Und dann bezahl, was dich drückt. Dein Vater bleibt auch keinem Menschen etwas schuldig." „Das willst du für mich tun?" „Jawohl, aus freien Stücken." „Ich nehm's an, Stevens. Und einen Schuft sollst du mich heißen, wenn ich dir das vergesse!" Von Stund an war Paul in seinem Benehmen gegen den Lehrling wie umgewandelt. Es war nicht allein das Gefühl der Dankbarkeit, das ihn durchdrang, weil Cdi geschwiegen und ihm obendrein aus der Patsche geholfen hatte, er meinte, er müsse nun auch zeigen, daß er kein schlechter Kerl sei, und daß er nie mehr straucheln werde. Er machte den jungen Kaufmann zum Mitwisser seiner Freuden und Sorgen und vertraute ihm, daß er gar keine Ahnung habe, was er 'mal studieren solle, daß er aber sein Ehrenwort verpfändet, sobald er immatrikuliert sei, beim Korps „Rhenania" einzutreten. Die Stunde des Abiturientenexamens rückte immer näher. Paul faß bis spät in die Nacht hinein bei seinen Büchern. Herr Martinius aber war voll Zuversicht, denn der Direktor des Gymnasiums hatte ihm bei Gelegenheit gesagt, er glaube, daß Paul mit Ehren bestehen werde. Am selben Tage, da der Abiturient freudestrahlend. mit dem Reifezeugnis für die Universität nach Haufe kam, wurde Edi nach vierjähriger Lehrzeit zum Handelskommis befördert. Herr Martinius gab beim Mittagessen eine gute Flafche zum Besten, und der Repetent brachte auf den „hoffnungsvollen Bruder Studio" und den „neugebackenen Kommis" einen feierlichen Toast aus. „Was kann er anders studieren, der Paul," rief er weinselig, „als Jurisprudenz, die erlauchteste, die idealste aller Wissenschaften. Welche Perspektive für Ihren Sohn, Herr Martinius! Er kann sich zur Diplomatenkarriere aufschmingen, er kann Reichsgerichtspräsident werden und Gott weiß was alles. Und in den ersten Semestern soll sich der Paul von den Schulstrapazen erholen. Das fordert die Billigkeit. Hat noch Zeit genug zum Ochsen. Und kommt das Fakultätsexamen, und es hapert, jo helfen wir ihm nach mit Vehemenz. Denn das ist unsres Amtes!" Paul verhielt sich durchaus schwankend, sobald man ihn anging, sich über seinen Beruf zu entscheiden. Als Herr Martinius verlauten ließ, der Jurist sei ihm am sympathischsten, zeigte sich Paul bereit, darauf einzugehen und wählte in der Tat das Studium der Rechtswissenschaft. Indessen kam es gleich bei Beginn ter Universitätszeit zwischen Vater und Sohn zu Differenzen. Paul hatte zwar nach mancherlei Ueberredungs- künsten die Einwilligung erlangt, Korpsstudent zu werden, allein Herr Martinius wollte unter keinen Umständen zugeben, daß sein Sohr: sich schlage. Paul mußte sich wohl ober übel dazu bequemen, nur als Konkneipant dem Korps anzugehören, wobei er denn freilich dem Vater verschwieg, daß er dessenungeachtet mindestens zweimal seiner Mensurpflicht zu genügen hatte. Als er nun eines schönen Tages mit einem riesigen Abfuhrschmiß erschien, war Herr Martinius dermaßen erbost, daß er sofort an den ersten Chargierten der „Rhenania" schrieb und den Austritt seines Sohnes aus dem Korps anzeigte. Der Brief der „Alten" wurde nach den Grundsätzen des Korps zwar nicht respektiert, allein Paul geriet in der Folge seinen Kommilitonen und seinem Vater gegenüber in eine Zwitterstellung, die ihn aufs schlimmste bedrückte und einem ziellosen Vummelleben in die Arme führte. Das artete nach vier Semestern planlosen Flanierens so aus, daß Herr Martinius sich schweren Herzens entschloß, den Studenten -der Jurisprudenz gänzlich zu kassieren und den Sohn unter seiner Fuchtel zum Kaufmann heranzubilden. Der stolze Paul, der so oft über die Ladenschwengel seine Witze gerissen hatte, stand nun selbst unter den Kaffeesäcken und mußte all die Handlangerdienste verrichten, die sein Vater mit äußerster Strenge von ihm forderte. Ilnerachtet seiner Jugend hatte sich Edi Stevens im Hause Martinius bereits eine Vertrauensstellung erobert. Herr Martinius zog ihn bei allen wichtigen Einkäufen zu Rate und berief ihn zur Mitarbeiterschaft an der Preisliste, die im Laufe der Jahre zu einem stattlichen Buch angeschwollen war und in großer Aufmachung nicht nur im engeren Vaterland, sondern auch in den angrenzenden Provinzen verbreitet wurde. Herr Martinius schätzte Edis Arbeitskraft, feinen gesunden Menschenverstand und sein liebenswürdiges Wesen, mit -dem er sich die Herzen -der großen und kleinen Kunden gewann. Der Einfluß, den der rastlos Tätige auf den gleichaltrigen Paul Martinius übte, war ungemein günstig. Paul führte nach seinem Abgang von der Universität das Leben eines Einsiedlers. Da ihn seine ehemaligen Korpsbrüder, wo immer sie chm begegneten, vollkommen „schnitten", so ging er in einem Gefühl von Scham und ängstlicher Zurückhaltung jeder Ge-selligkeit aus dem Weg und spann sich in der väter« ächen Klause ein. Das trieb er so weit, daß er sich weigerte, den Vater Sonntags auf einem Spaziergang zu begleiten. Aber Edi gelang es, den Widerstand des krankhaft Verschüchterten zu brechen. „Sieh' mal, Paul," sprach er zu ihm, „so oft ein Professor oder ein Student in den Laden kommt, zuckst du zusammen und wechselst die Farbe. Ich bitt' dich, warum? Ist denn das eine Schande, daß du bei deinem Vater arbeitest? Ich hab' hier und dort bei den Leuten herumgeh orcht. „Das war nur so 'ne Schrulle," sagen sie, „daß der Paul Martinius studieren sollt'. Sein Vater ist bei Jahren und hat das einzige Kind. Ja, das versteht sich doch von selbst, daß der Paul beispringt und das blühende Geschäft im Schwung erhält. Und wenn er noch etwas von den Studentenpossen im Kopf hat, der Alte treibt sie ihm aus," sagen sie, „und bringt ihn wieder auf den Damm. Die Martiniusse sind ein guter Schlag, die kommen nicht um." Sei doch gescheit, Paul! Was liegt dir daran, ob dich die Rhenanen über die Achsel cmgucken. Du weiht jetzt, was es heißt, sein Brot verdienen. Und dann euer gutes Geschäft! Ist ja 'ne Goldgrube, wenn ein bißchen aufgepaßt wird. Ihr sitzt heut so fest -bei der Kundschaft, ihr könnt eure ganze Konkurrenz, einen nach dem anderen, aus dem Sattel werfen. Und wie stehst du später 'mal da? Hast Geld wie Heu, brauchst nach niemand zu fragen und keine Kratzfühe zu machen. Ei, ich an -deiner Statt töt’ nicht den Geknickten spielen, sondern trüg’ den Kopf sehr hoch!" Diesen vernünftigen Gründen gegenüber blieb Paul auf die Dauer nicht -unzugänglich. Er begann sich für Unternehmungen seines Vaters zu interessieren, und sobald ihm dieser eine größere Selbständigkeit ein- geräumt hatte, griff er mit so viel Umsicht und Energie in -den Gang der Geschäfte ein, daß Herr Martinius sich für die Zukunft von der Mitwirkung seines Sohnes die glänzendsten Bilanzen versprach. Sonntag nachmittag durchstreiften Paul und Edi -die schöne Umgebung der Stadt. Auf diesen weiten Gängen überließen sie sich einer harmlosen Fröhlichkeit, teilten einander ihre Hoffnungen und Wünsche mit; was dem einen fehlte, bot der andere dar, und so schlossen sie in glücklicher Ergänzung einen innn-igen Freundscha-ftsbund. „David und Jonathan redivivi!" scherzte der Repetent. Die Feierabende widmeten sie dem Studium fremder Sprachen, insbesondere dem Englischen, denn Paul trug sich mit der Absicht, zur Erweiterung seines Gesichtskreises einige Zeit in einem befreundeten Londoner Hause Stellung zu nehmen. Edis Vater war nach kurzem Krankenlager einer schweren Lungenentzündung erlegen. Der Nachlaß des Schuhmachermeisters war so gering, daß Edi, um alle Gläubiger zu befriedigen, das elterliche Häuschen verkaufen mußte. Nun mietete er in freundlicher Gegend vor der Stadt ein kleines Logis und ließ es sich angelegen fein, als guter Sohn für die Mutter zu sorgen, die nicht -mehr von der Stelle konnte und hilflos an das Bett ober den Rohrstuhl gebannt war. Der Alten schossen die Tränen in -die Augen, wenn er ihr liebreich bei stand und sie auf feinen starken Armen aus dem Wohnstübchen ins Schlafzimmer trug. „Edi," sagte sie, „du bist herzensgut, Gott vergelt dir's tausendmal, was du an deiner alten Mutier tust." „Wie kannst du nur so reden?" wehrte Edi ab. „Hast du mir nicht oft erzählt, was ich für ein elendes Würmchen war, wie ich zur Welt gekommen bin. Und wie die Leute gesagt haben, das Kind wird kein halbes Jahr alt. Und wie du mich monatelang dem Tod abgerungen hast, bis ich endlich gedieh und Pausbäckchen bekam. Und wie du dann zusammen- gebrodjen bist und dich gar nicht hast erholen können. Ei, Mutter, du hast ein schlechtes Gedächtnis'! Ja, siehst du, du mußt sehr alt werden, wenn ich das wettmachen soll, was du für mich eingefetzt hast." Zärtlich ließ sie ihre treuen Augen auf ihm ruhen. Sie fühlte wohl, daß ihre Lebensflamme am Verlöschen war, aber sie wollte ihm das Herz nicht schwer machen und erduldete klaglos, was ihr auferl-egt war. Als Edi sich einmal auf einer Landfahrt verspätet hatte und wie von einer dunklen Ahnung getrieben dem Kutscher die größte Eile befahl, kam ihm Paul an der Stadtgrenze entgegen. Er wußte was geschehen war. Nachmittags war seine Mutter ohne Kampf hinübergeschlummert. Ein paar Tage später begrub er sie. Und ein tiefes Weh schnürte ihm die Brust zusammen, da die Schollen dumpf -dröhnend auf den Sarg fielen, und es war ihm, als es ein Stück von ihm selbst, das er da in die Erde versenkte. Paul Martinius aber umarmte den Verwaisten am offenen Grad. „Du darfst nicht verzagen, Edi. Laß mich dein Freund, dein Bruder sein!" II. Herr Johann Emmerich Martinius durfte ohne Ruhmredigkeit behaupten, daß er alle Konkurrenten in feiner Vaterstadt überflügelt habe. Der Zudrang zu seinem Geschäft war so bedeutend, daß die alten Sahen« und Lagerräume nicht mehr ausreichten und sich -daraus die Notwendigkeit, einen Neubau aufzuführen, ergab. Ein geschickter Architekt legte feine Pläne vor. Herr Martinius war nicht engherzig und bewilligte eine ansehnliche Summe, die dem Baumeister den meiteften Spielraum ließ. So wuchs in Jahresfrist ein stattliches, im deutschen Renaissancestil gehaltenes Kaufhaus empor. Bei den größeren Verhältnissen, die nun, zu berücksichtigen waren, mußte man an eine Vermehrung des Geschäftspersonals denken. Paul und E-di waren mit der Leitung des Berfand« geschäftes betraut, drei Kommis bedienten die Laden-kun-dschaft. Herr Martinius, der an seinem Stammtisch von Sozialreformen schwärmte und mit Freimut über die Frauenfrage sprach, engagierte zur Verwunderung seiner Mitbürger für das Kontor eine Buchhalterin. Fräulein Dornhöfer, die Tochter einer Beamtenwitwe in München, war ihm von einem bayrifchen Geschäftsfreund warm empfohlen worden. Sie erwies -sich denn auch in ihren Arbeiten so gewandt und zuverlässig, daß Herr Martinius ihr fein volles Vertrauen schenkte. Fräulein Dornhöfer war keineswegs eine hervorragende Schönheit, aber aus ihren Augen sprach so viel Güte und Liebenswürdigkeit, daß sie jedermann für sich einn-ahm, der mit ihr in Berührung kam. Dabei wußte sie -durch ein sicheres, taktvolles Auftreten eine Schranke um sich zu ziehen, die niemand zu überschreiten wagte. Die Tischgesellschaft im Hause Martinius erhicki durch -den Zuwachs der Münchnerin eine andere Physiognomie. Der Repetent, dem auch rm Neubau, dem Himmel benachbart, auch ein Plätzchen eingeräumt wor^n war, überbot sich in Aufmerksamkeiten gegen die Buchhalterin. Er hatte in München studiert und dort, wie er pathetisch ausrief, seinen Bebens« frühling durchbraust. (Fortsetzung folgt.) Deranttoortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.