Siehener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang \ Die Regenbö rauscht vorüber wie weißer Dampf, und nun oow ) freien Ausblick und stehe am Rand des Felsens und starre mit zusam gekniffenen Augen übers Meer hin. Vom Horizont her drangt f cy Dünung heran, weihe Spritzer werfen sich hoch, uberichlagen s ) fallen breit zurück, die Wogenkämme zucken auf, klatschen ureder schmettern, sich gegenseitig zersetzend, die Gischt in die Luft. -Oei packt das bleiche Geschäum und weht es in langen Fahnen über die grünen Abgründe. Ein tiefes Dröhnen steht in der Ferne. Aber das höre ich nur für Sekunden. Meist überbrüllt der Donner zu meinen Füßen alles, der Donner da unten, wo die Nordsee sich heulend gegen Fels und Beton schmeißt und in wahnwitziMr Raserei aufkocht. Wieder kommt eine Regenbö übers Meer geflogen. Vom Himmel bis nieder aufs Wasser hängt die graue Nässe. Der Sturm heult sich bis zum Orkan empor, im nächsten Augenblick ist Land und See in Rauch gehüllt, ich hänge wie blind am Geländer, verloren in Donner und Schaum und Salz. Mein Gesicht schmerzt wie von Peitschenhieben . . . Und dann ist es mit einem Male vorbei. Der Wind läßt ein bißchen nach, die Wolken reißen auseinander, und in schrägen Strahlen schießt die Sonne über das Meer. Glanz und Gloria, so weit ich sehen kann! Ich kann in diesen Minuten bis an das Ende der Welt sehen. Heber mir jagt die blauschwarze Wolkenmasfe davon, vor mir entzündet sich die Luft zu feuchter Klarheit, das dunkelgrüne und weiße Wasser zu tiefem Geleuchte. Ich sauge den bitteren Wind in meine Lungen, ich trinke die funkelnde Unendlichkeit mit meinen Augen, meine Haut bebt unter dem Winddruck, mein Hirn wittert die Sage, das Märchen, den Glauben, der hinter dieser stürmischen Sonne und diesem donnernden Grün verborgen ist. Ich stehe wie der Urmensch vor der Nordsee, fassungslos und erschüttert, und ahne Götter, Grauen und Untergang. * Ich wandere langsam auf dem Deich gegen Norden. Eine dunstige und faue Nacht ist über die Marsch und das Meer gesunken, Landeinwärts ruht Wiese und Weide in Finsternis, und wenn da und dort einmal ein trübes Licht glüht, so macht es all die Dunkelheit umher nur noch dunkler. Aber die See ist nicht völlig verhüllt. Ganz da hinten steht ein ungewisses Dämmern am Horizont und erhellt das Wasser, das sich da draußen gleichgültig du rche in an derw Azt zu fahlem Grau. Manchmal weht auch ein langer Windzug gegen den Deich und läßt das Brausen der fernen Brandung anschwellen. Das dauert eine Weile, dann versinkt es wieder. So war es gestern abend und all die Abende vorher auch. Aber heute will etwas Besonderes werden. Wir haben heut die Osternacht, und es ist hierzulande Brauch, den Frühling und die Auferstehung mit allerlei Gluten zu begrüßen. Es wurde den Fischern und Bauern nicht gegeben, ihre Freude über die guten Tage, die jetzt anheben sosten, mit Tanz, Gesang und Gelächter zu bezeugen. Da lassen sie denn die Flamme sprechen. Jede Familie steckt ihr Osterfeuer an, und dann stehen sie daneben, alle miteinander, die Großen und die Kleinen, und starren in das Geflacker. Was sie sich dabei denken, weiß kein Mensch, sie selbst wissen's wohl auch nicht recht. Es ist die uralte Lust am Feuer, am Spiel der Flamme, am Glanz in der Rächt. Vor mir muß Spikaer Neufeld liegen, hinter mir, das weiß ich, Cap- peler Neufeld. Ich schlendere nur so vor mich hin. Nacht... Gebrause ... lauer Wind... Da, es beginnt! Und da noch einmal, und da wieder, und da und da und -da auch! Rote Pünktchen erst, dann im Nu mächtige Fanale. Fünf, sieben, zehn, immer mehr, den ganzen Deich entlang und draußen im Watt auch. Das ist Spika. Ich dreh mich um, im Cappeler Neufeld sind sie noch nicht so weit, aber noch mehr nach der Weser hin, im Dorumer Altendeich brennt's auch schon allenthalben, sich, nun lodert's auch auf dem Cappeler Deich empor. Längs der Nordsee von Wesermünde bis Cuxhaven brennen in dieser Stunde die Feuer, sinnen blanke und trübe Augen in die Flamme und in die Nacht hinein. Ein bißchen Christentum, ein bißchen Osterhoffnung, ein bißchen Heidenglaube, ein bißchen Freude, ein bißchen Dumpfsinn ... Die Menschen vom Meer begehen das Osterfest. Und das Meer rauscht seinen alten Gesang, es rauscht in sich selbst, unempfindlich gegen alles ringsumher. Das Geheimnis des Kreml. Von Harry v. H a f f e r b e r g. Spricht man heute irgendwo in der Welt von Moskau und der Sowjetmacht, so erwähnt man dabei immer den „Kreml". Diese, inmitten von Moskau errichtete, mit hohen Mauern umgebene Stadt, gilt als ein Symbol, als der Inbegriff Rußlands schlechthin. Das ist zum großen Teil richtig. Denn der „Kreml" ist nicht nur in seinem Aeuheren, gleich dem Lande der Russen, vielfältig, bunt und verworren, sondern er birgt auch, genau wie es dieses ewig unergründliche, mystische Land tut, eine Reihe finsterster Geheimnisse in seinen Schlössern, Kirchen, Türmen und unterirdischen Verließen, deren restlose Enträtselung wohl nie gelingen wird. Der Kreml — eine Feste — wurde in seinen wichtigsten Bestandteilen im 15. Jahrhundert vom Fürsten Iurie Dolgorukij erbaut. Seine Nachfolger zogen italienische Architekten zum weiteren Ausbau der Kirchen, Schlösser und Mauern heran. Es waren dieses namentlich die Italiener Fioraventi und Solari, welche hier, dem Wunsche der Moskowiter Fürsten und 'dem Geist der damaligen Zeit entsprechend, auch unter- fEsche Gänge und Verliehe anlegten, um den Zaren und reichen Bojaren ftchere Verstecke für ihre Schätze und — ihre Gefangenen zu schaffen. Die Geschichte Rußlands (und des Kreml) wurde mit -den Jahren immer grausamer: und finsterer. Sie scheute immer mehr und mehr das Tages- ucyt, zog sich in „unterirdische Labyrinthe" zurück, und was Wunder, daß £!