Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang P27 Samstag, den 23. April Rümmer 32 3m Frühling. Von Eduard M ö r i f e. Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel: Die Wolke wird mein Flügel, ein Vogel fliegt mir voraus. Ach, sag' mir, alleinzige Liebe, wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe! Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus, Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüie offen, sehnend, sich dehnend in Lieben und Hoffen, Frühling, was bist du gewillt? Wann werd' ich gestillt? Die Wolke seh' ich wandeln und den Fluß, es dringt der Sonne goldner Kuß mir tief bis ins Geblüt hinein: die Augen, wunderbar berauschet, tun, als schliefen sie ein, nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet. Ich denke dies und denke das, ich sehne mich und weiß nicht recht nach was: Halb ist es Lust, halb ist es Klage: mein Herz, o sage, was webst du für Erinnerung in golden grüner Zweige Dämmerung? Alte, unnennbare Tage'. Dis Meitzen Handschuhs. Eine hessische Dorfgeschichte. Von Wilhelm Philipps. „Was ist der Mann im Zivilberuf?" Der General hakte das kalt und starr dreinschauende Einglas vor das scharf musternde Auge und erwartete die Antwort, die ebenso bestimmt und metallen wie die kurze Frage von einem Seitentisch herüberklang, an dem ein Schreiber mit Achtung gebietendeui Gefreitenknopf in Listen stöberte: „Müller, Herr General!" „Jardejrenadierrejement Nr. 1, Kaiser Alexander, Berlin!" Mit diesem kurzen Bescheid war Karls Schicksal für die nüchstetr drei Jahre besiegelt. Eine stramme Kehrtwendung, und der künftige Flügelmann der 1. Kompagnie des 1. Bataillons verschwand aus dem Musterungslokal; er mischte sich mit sichtlich gehobenem Selbstbewußtsein unter seine Kameraden aus dem gleichen Orte, die halblaut, aber eifrigst die Entscheidungen der Aushebungskommission begutachtend austauschten, während sie einander bei der etwas umständlichen Sonntagstoilette unbeholfen unterstützten. Das stand für sie alle fest: Karl hatte das große Los gezogen! Seine dreijährige Dienstzeit in der Reichshauptstadt zu verbringen, dünkte ihnen als eine besonders günstige Fügung des Schicksals. Wenige Minuten später zogen sie mit Bändern um die Brust und am Hut durch die Straßen der kleinen Kreisstadt, unter frohgemuten Liedern und ausgelassenen Scherzen und Neckereien. Das Musterungsgeschäft brachte &eben in die sonst verschlafenen Gassen und an die verträumten Fenster: die standen heute weit offen und nahmen und gaben freundliche Blicke und ungewohnte Zurufe. Der „lange Karl", wie man ihn daheim in der Spinnstube getauft hatte, führte vom rechten Flügel aus in einer Haltung, als ob er unter dem Brandenburger Tor sich zum Vorbeimarsch "vor dem obersten Kriegsherrn ein letztesmal straffte. Quer über der breiten Brust leuchtete ein farbenfrohes Band mit einet) Aufschrift in Goldbuchstaben: Garde-Infanterie! Don dem Hute, den er vordem nie so keck auf dem Kopfe getragen, nickte stolz ein Strauß künstlicher Blumen in den grellsten Farben untermischt mit vergnügtem Federwerk, das sich ehrerbietig vor einem schwanken Pfauenspiegel zurückhielt. Das einsilbige graue Band um seine fidele Kopfbedeckung lugte hier und da scheu und fremd hervor unter einer roten Schleife, die in zwei langen Fahnen hinter ihm herflatterte. Der dünne, buntbewimpelte Rohrstock pfiff alle paar Schritte schneidig durch die Luft und schnitt scharf durch die graublauen Rauchwolken, di« die rekrutenhast aufgemachte Zigarrenspitze kaum erkennen ließen. Wie man sich fühlte! Ein großer Tag war heute! Deshalb ging es auf kurzen Almtoegen zu dem Wirtshaus, vor dem ein mit frischem Tannengrün und roten und weißen Papierrosen aufgeputzter Leiterwagen auf die Gesellen wartete. Aus feiner Mitte tagte in die Straße hinein eine Fahne in den hessischen Landesfarben, an deren Spitze sich farbige Bandstreifen im Spiel der Winde fingen und wieder trennten. 3n der engen Türe des Gasthauses .Zur Wetterau" wischte sich der Wirt, für den die Pfosten einen gerade passenden! Rahmen bildeten, mit der Hellen Schürze die Finger und machte der lebensfrohen Schar vergnüglich den Weg frei. Die langweiligen Wände der Gaststube schienen plötzlich nicht ntehr so eintönig, in die faulen Tische kam Bewegung — man rückte sie zu einer langen Tafel zusammen, und die schäun'.enden Schoppen gingen von Hand zu Hand, wanderten leer zirrück und stanken im Au gefüllt wieder bei ihren Kameraden. Karl saß am oberen Ende der blank gescheuerten Dahn und beherrschte schon durch seine Haltung die Lage, Er lieh es sich heute etwas kosten und griff recht tief in den ausfallend gut versorgten Deutel. Die Garde weiß, was sie sich schuldig ist. .Soldaten fein'S fidele Drieder, habens frohen Mut" — immer und immer wieder stimmte er das Lied an, und seine Kameraden! feierten ihn als den, der es nunmchr am weitesten gebracht hattet unter ihnen. Was war da zu zarrdern: der Wirt, ein Ländsmanm saß schon in der Reihe und gab noch eine Runde, die ter neugebackene! Alexander an trinken muffte. Draußen aber stampften die ungeduldigen! Pferde das holperige Pflaster, warfen die Köpfe, ungewohnt des flatternden Flirtes an &en Schläfen, schnaubend in die Höhe und wieherten zum Aufbruch. Senn das größte stand noch bevor: die Heimkehr in das harrende Dörfchen! Als letzter bestieg Karl den grünüberwölbten Wagen; die Fahne wurde aufgerollt, und mit übermütigem Winken und schallendem Liede ging es in dröhnendem Trab hinaus auf die ob der festlichen Auffahrt sich verwundernde Landstraße. Kein Ackersmann, dessen man in der Flur ansichtig wurde, blieb ohne Gruß und jauchzenden Anruf. Die wehende Fahne trug mit den fröhlichen Liedern die Kunde von dem hohen Tage weithin über die wogenden Felder. And je näher man dem von fernher leuchtende,; Kirchturme kam, um so straffer spannten sich die harten! Muskeln der schweißtriefenden Tiere. Vom Dorfeingang aus aber hielt jung u>rd alt Ausschau nach dem von den Spirmstubenfchknen mit soviel Liebe und Hingebung geschmückten Wagen. Wie ein Sturnr brach plötzlich die Schuljugend aus den Gruppen der Wartenden hervor und rannte schreiend und winkend dem festlichen Gefährte entgegen, das eben in dem weiten Bogen erschien, den die Straße vor dem Dorfe zog. Und während man die letzten Worte wechselte über die liebertafd?u«gen, die zu erwarten standen, staubte die Wolke rasch vorwärts und immer näher, die unter Hufen und Rädern dicht aufwirbelte, Schon hatten die Kinder den Wagen erreicht und umtollten ihn in wilden Sprüngen; er verlangsamte seine Fahrt, und in die • seither gesprächige Mädchenschar, die mit geröteten Backen und voll brennen- der Neugierde abseits sich gesondert hatte, kam eine Ruhe, die von der inneren Erregung zeugte, die sie beherrschte. Wie verängstigt fast rückten sie armvekschlungen einander näher und hielten geradezu verschüchtert Hand in Hand, als ob es irgendeiner gemeinsamen Gefahr zu begegnen gälte. Da brauste voir stolzem Fahnenwehen umwogt das Lied heran, das sie an den letzten Abenden so oft mit den Burschen unter der Linde vor dem Dorfe gefangen hatten, das schwermütige Lied von dem scheidenden Soldaten und seinem verlassenen Schätzchen. And bittere Wehmut und Herbes Leid durchzog die einfache, große Seele des blonden Mädchens, das noch zuletzt sich bei den Neugierigen eingefunden hatte, der Geliebten Karls, Denn Lina konnte nicht froh werden an diesem Tage voller Erwartungen. Die Rosen, die sie in das Tannengrün gebunden, glichen Tränen, die sie im stillen geweint bei dem Gedankeir des unvermeidlichen bevorstehenden Abschiedes. Der Blick, den sie Karl ant Morgen bei der Ausfahrt mitgegeben, seufzte von kommendem Herzeleid und schwamm in ungewisser Ahnung weher Enttäuschungen. Da hielt er auch schon ihre Hand umschlossen! „Hier, Lina, guck her! Alexander — Berlin!" Es hätte dieser Mitteilung, ja der ganzen Begrüßung nicht bedurft! Die goldene Schrift auf dem munteren Bande um die Brust, das wie beleidigend fast herausforderte, genügte: Garde-InfanterieI Lina wußte, was das hieß! Karl hatte ihr seit der ersten Musterung genug davon vorgeschwärmt. Fast alle anderen kamen in die Garnison in der Nähe, durften sicherlich alle paar Wochen auf SonntagsurlauV fahren, konnten vom Dorfe aus bei mancherlei Geschäften, die die Leute vom Lande in die Stadt führten, Besuch und Grütze erhalten. Aber Garde in Berlin! Mit halbem Ohre nur folgte sie Karls überhastetem Bericht von der Musterung, voir dem ausgelassenen Treiben in der Stadt, von der lustigen Heimfahrt durch die Rachbardörfer! Ja, mag das unvergeßlich schön für ihn gewesen sein! @nt%Kdl9’ wos hot's gewwe? Wos howwe die Herrn gesagt?" Mit Stolz; las des Vaters zufriedenes Auge die, blinkende Scyrm auf dem bunten Bande, während die Witter un Verlauf des knappen Berichts ab und zu mit der Schürze die mcht zu uitter- drückenden Tränen wischte. Was Karl zu erzählen hatte, war bald gesagt, und nach dem einfachen Abendessen suchte er seine Kammer auf deren vordem kahle Tünchwänüe getzt mit Strauß, Band un» Stock ausgepuht wurden. Er empfand es nicht als He^losigkeih daß er Linas Bildchen in dem aus rotem Z^rnholz elftes Siflawm kistchens ausgesägten Rähmchen wegnahm und statt d^sen dielnn licken Blumen mit der Pfauenfeder mitten uoer dem Bett seftniacyie. Sie rote Garde-Jnfanterie-Schleife wurde in weitem Dvgen darum- aeleat und mit kleinen Stiftchen gehalten, wenngleich sie fühlte, day sie anderwärts eine stimmungsvollem, lieblichere DeriEldung h finden können. Karl bedachte es nicht! Sie Zigarrenspitze bekam in einer Ecke seiner Kommode ein Plätzchen bis zum kommenden Somitag vorläufig. Ülnd wieder war ihm, wo er allein tu seinem migen Schlaf gemach stand, so eigen zumute: die niedere Decke schien ihn erdrücken, die Wände ihn zermalmen zu wollen. 3hm war zu eng daheim! Sas Wort aus der Schleife war die DerheOung. Hinaus in die Welt, in das große, uferlose, brandende Leben! Sie Heimat war ihm zu klein, zu unansehnlich! , „ . Im Sorte aber wachte in dieser Rächt ein blondes Landkind in seinem bescheidenen Stübchen. Auch ihm war so eng ums Herz, die Wände sperrten und hemmten seine drängenden Regungen und lagen wie ein Riegel davor! Zwei halb geknickte Blümchen von Karls Strauß steckten links und rechts in dem Rahmen, um s«n Bild, eine weihe Papierrose vom Wagen kam retzt noch dazu. Arber dem ganzen lag bei aller Einfachheit eine wahre ergreifende Feierlichkeit Lina ging ernst und still, fast traurig auf und ab. Erst wollte sie es nicht glauben; aber sie kannte die Stimmen ganz genau und unterschied sie im einzelnen: Käthchen und Erich von nebenan rissen und zerrten sich mit noch anderen von den Rekruten und Mädchen s laut auf der Straße unter ihrem Fenster herum. Konnte sie das vordem auch einmal? , , _____, Der nächste Morgen kam wie jeder vorhergehende. Sem Bauers- ■ sckreibt zumeist die Natur sein Arbeitsmah vor, und daß bet 6ie überwand sich selbst, lächelte gar und lieh es sich gefallen, daß •"-«SSÄ 88 gJftStS ÄS«-v Äug mit den Kleinsten den seltenen Auszug erlebten, 3n Lina mit zwei Freundinnen, weit weg von ihtem Kirmehburschen und ibm im 'nerven doch so verbunden! 3;n Wirtshaus »Zur Krone Halle ^die hrimtsfühige Dorfjugend ihr K^Etübchm unmittelbar tage übertönte jede Änterfaliung; schon spielte der verkruppe te Cannes mit der Knutsch zürn Dreher auf. Lrna wurde, ohne daß-sie L gewolll hätte, hinei'gerissen in den Strudelnder Freude und beS lärmenden Äebermutes, und sie war °"ch autzerach dabei ^iel verderben lag ihr nicht. Sie litt es sogar, daß ihr Kart das aaanv mit dem ihr jetzt geradezu unheimlichen Aufdruck unter mancherlei Liebkosungen umhing. Erst auf dem Nachhausewege gab sie es zur. , ohne N in seinem'noch stetig sich,,steigernden Mutwil en das Beben der Hände merkte und das ängstliche flackern de. Augen. Sein Elternhaus, die Mühle, lag im ^esengrunde eine gute Viertelstunde von dem Sorse fort. Karl nahm sich tetz. Zeit a s dem Heimweg. Seinen Leuten hatte er fei Bet Ankunft am Rach mittaa den voller Unruhe erwarteten Bescheid gegeben. Das hatte vorläufig genügt. A>i diesem denkwürdigen Tage war er das erstemal mit sichallein. Erst jetzt begann er, losgelöst von allem ^ubel und Trübe? ruhig nachzudenken, sich klarzulegen, wasdenn «gütlich mit ihm geschehen war und ihm bevorstand. Wirklich, er war ein 7nder8 heÜte abend als am frühen Morgen, da er des Weges und der Umgebung des elterlichen Besitzes nicht geachtet hatte. Schon die von chmi schweren Frucht- und Mehlfuhren tief durchfurchte Z sabrt zu dem breiten Hoftor schien ihm anders; die über den Wiesen wogenden Rebel, die ihn so -oft, schon gezwungen, fern weit ausschreitendes Gespann fest in die Zügel zu nehmen, machten ww fremd, was ihm doch hätte so bekannt sein sollen, und was ihm auch vertraut war vmi Jugend auf. Und als er Plötzlich ein schwaches Licht die Umrisse des väterlichen Anwesens und die hammelstrefeide Papp am Mühlbach gewährte, da kam es über ihn. in wenig Wocheni yiey ^Abschied nehmen von Haus und Hof, und feinen Platz am^Tstche nahm der zweite Müllerknecht em, der bereits verpflichtet war nn fcincr Statt die Zweizentnersacke mit einem Schwung zu schultern und in den Trichter zu stülpen. Sa tauchte Berlin vor feinem inneren Auge auf, von dessen wogendem Leben, von dessen strahlendem Lichterglanz, von dessen eigenartiger Welt mit ferner Vielgestaltigkeit und seinen tausenderlei Abwechselungen und Unterhaltsamkeiten ihm der alte Grenzschmidt soviel schon erzählt hatte, dem vor Kahren das gleiche Regiment den Rücken gestreckt und den behäbigen Schlendrian ausgetrieben hatte. Unwillkürlich warf er sich in die Brust, und seine Gestalt schien den ©einen großer, er eben in der Türe stand und seinen reichgeschmuckten Hut zum der Grummeternte keine Minute fonnenMer Tage ustg«mtzt vor- überqehen durste, war nicht nur für die Angehörigen Linas und sie selbst eine Selbstverständlichkeit. Sie Manner schoben frühmorgens, die Sense über der Schulter, das Schlockerfaß hinten im Gürtel, in den Wiesengrund; die Frauen hatten erst im Haus ihr Gerechtes zu erledigen, versorgten das Vieh und verstauten , schließlich die schlichte Mahlzeit und das bunte Geschirr in den mit Heu ausg-e- polsterten Korb, um eine Weile später mit dem Rechen nachzukommmr Sraußen im Wiesengrund trennten sich ihre Wege. Lina hatte den Placken am Mühlbach auseinanderzuwerssn und zu wenden. Heute aina sie gerne dorthin, da war sie allem, allein fei dem Dache, fer Karls Räderwerk in Bewegung hielt, der sich an der Dank unter der mächtigen Pappel vorüberflüsterte und in weiter unterhalb kreuz und quer gezogenen Rinnen die Wiesen tränkte. Für .allerdings hatte das Bächlein nur in dem Teil Bedeutung, der seinen llfeg an der Mühle vorübernahm, soweit es Mühlbach ^V^^^Waro nicht, daß es immer neue Wellen waren, m denen s^ der lichtt.are Himmel spiegelte - daß flüchtiges Kommen und Gehen MW teins sich gleichbleibendes Los war; fte verstand nur sein Murmeln, und das war stets dasselbe, stets das gleiche Lied m dem gleichen Takt und mit derselben Melodie und demselben Traum von einer seliaen Stunde und einem heißen Gelöbnis. 9Auch Karl hatte heute früh schon am Mühlbawi gestanden, nM in stille Betrachtungen versunken — nein, er butte den dürftigen Steindamm geöffnet und die Schleuse gezogen, um das volle Waner kus sein Mühlenwerk zu lassen. Hett Wie das durch das enge Schleusenter stürzte und brauste und über das gemächliche Rad herfiei.. Sie Seitenbohlen des Kendels wurden s^r auseinandergebogm, mit solcher Wucht drängten die Wassermassen ihrer Arbeit uno oer , Freiheit entgegen. Lange genug hatten ^wahrend emes gang N Musterunastages und in der darauffolgendeii Nacht untätig imo fhimbf im Teich verharren und sich drücken müssen, auf den Augen blick wartend, an fern sich dte verrostete Schleusenkurbe. m Wtoegung fette und sich der breite Riegel hob unter Murre... Aecyzen uno Stöhnen. Karts Herz schlug rascher, -als er den Strom davonsturmen i rm;". ncf (chnn hatte er das Wasser geholt, das war fast täglich eine erste Arbeit im Morgengrauen Wohl gab es infeinet zeit manche Unterhaltung dabei, wenn die aus Ktefernrinde g schnitzten Boote schaukelnd und pützelnd -m.^n Abgrund lagren und das soralick gebaute Wasserrädchen um ferne dünne Achte raste, daß die Seitenstühen sich dem abströmenden Wasser zuneigten. (Schluß folgt.) e Eine Gestalt aus der Krnderzeit. Von Hermann Hesse. » Ser krumme alte Hausierer, ohne den ich mir die Falkengasse «SSKK ä--Ä •- sS'ssg ewsfif Stadtpolizei zwei Mann hoch langsam und angnii ) 1 j ^was und ich war natürlich Latenten und Rücken »SÄ- ÄÄ ”Ai - ^^Also'te dieser schlimmen Gasse vertehrte der aW Hotte so oft er mit feinem kleinen Dlechkarren nach G ffiÄ SÄSSÄ™’JJÄW trottend und schwer geworden. Man wußte nie, c habe oder feinm, denn er sah mmeraus w-mm er sich einer Woche rasiert hätte In teuer üblen Ga se bewegte^ so sicher, als wäre er dort geboren, und vielleicht war a[fe obwohl er uns immer für einen gatt. ®r trat, m^ diese hohen finsteren Häuser mitdenntedrigmi M da und dort an hochgelegenen Elstern auf, Zauderte und feuchten, schwarzen, winkckgen hinein ®r gab allen fluchte zu allen Erdgeschoß- und Kelleifenstern y • f r^erto mit diesen alten, faulen, schmutzigen Männern die Hand, bic den derben, ungekämmten, verwahrtosten Weibern »n» @L. mcg vielen strohblonden, frechen, lärmigen Kinder ^aÄfel^)€CT, Beaus und ab, ging aus und ein und hat olxaldufk der lichtlosen toegungen und Redensarten ganz den stertm Lokat^is mit Winkelwelt, die mich mit wohligem,G^ausmiaiizog u trotz der nahen Nachbarschaft doch seltsam fremd uno u blieb. vor» uni> zens, irtel, ch-tes bie n8g>e» tmen. : den heute der unter kreuz dings Weg chtete tklare Düch» •mein, eichen einer nicht ■fügen Lasser ichleu» ersiel! Sogen, tb der langen 3 unö lugen» >egung n und iirmen täglich iigenb» >e gejagten > raste, T. 'engasse n, war eit nur ; Haine unsere rt Hotte chaftlich kel ent» ammen» s, i mitten und die einsand, t etwas kengasfe, ondeveii an, vb< war, K n. Mm hen La- bcftanb; >n Tasse > Micken machte, gerbuben Ruf und te Hotte, ckm, was mit zu t Augen, gekleidet; »in Gang ten Dort sich vor e er sich das auch, t in all« rr tauchte tb in die serte und gab allen äkerte mit , annte die Er stieg dem, De» ■ lichtlosen ► die mw erforschlich möglich ist. Offenbaren also die Sprachen in ihren Eigentümlichkeiten als gedanklicher Ausdruck die Charakteristika der Völker, so tut es die an sich sprachlose Aeuherung, der Gesang, als Empfindungsausdruck nW w Niger. Sowohl der Charakter der Smgstimmen wecht bei den emzelnm Nationen große Unterschiede auf, wie auch die Werse des Gesanges. Natürlich spricht hier die verschiedene musikalische Begabung der Men in hohem Grade mit; es ist nicht zu verwundern, daß die m musikalisch chinficbt höchstbegabten Völker, die I t al i e n e r und die Slawe n, auch im rein Gesanglichen auf der höchsten Stufe,stehen. D.e sogenannten Raturstimmen sinden sich wohl am häufigsten südlich derAlpenund in Rußland- wie häufig hört man in Italien heute aus dem Volke mit Stimmen singen, deren Umfang und Wohllaut bet einer Ausbildung ihnen die schönsten Erfolge in Aussicht stellen wurden. Es handelt fich hierbei erfahrungsgemäß häufiger um Männer- als um Frauenstimmen, wie wohl in Rußland auch; und zwar fallen uns in Italien die gerade bei uüs und "n anderen Ländern seltenen hohen und Hellen Tenore aus wahrend die Russen sich durch die Fülle und unwahrscheinliche liefe Kr. - ft” Range war - oder wie sie sein Nachfolger Benjamino G.gli Horen lässt selten sind. Immerhin werden viele Jtalienreifende >n schonen Nächten klare und weittragende Stimmen von jungen Mannern gehört haben, die ein Ständchen bringen oder singend durch die stillen Straßen kleiner und verschlafener Ortschaften ziehen; diese muß man firh mir Beurteilung italienischer Stimmen halten, nicht etwa an in« ausaefchrieenen Kehlen heiser gröhlender Straßen- und Kneipensanger in den Fremdenzentren, die in ihren traurigen Resten kaum noch Spuren des ursprünglichen Klanges erkennen lassen. Die Frauenstimmen sind im allgemeinen weniger angenehm; häufig für unsere Ohren schrill, und, gerade bei Opernsängerinnen, nicht „frei vom Tremolo so daß z. B. die Chöre in Italien nicht gerade von an- genehmster Wirkung sind. In dieser Beziehung sind wohl die Russen nickt tu übertreffen; wir hatten in Deutschland wahrend der letzten Jahre mehrfach Gelegenheit, die unvergleichliche Güte des russischen Chorg^ wnaes durch die Konzerte des Ukrainischen Chores, der Frauen- und Männerstimmen zu höchstem Wohlklang vereinte, der Donkosaken und anderer Männergesangvereinigungen, kennenzulernen. Die außerordentliche Musikalität der Russen kam in diesen Darbietungen ebenso zur Geltung wie die Kraft, Schönheit und Gepflegtheit ihrer Stimmen, während des Krieges in Rußland hatte man häufig Gelegenheit, diese Eigenschaften und Fähigkeiten bei den Gefangenen zu bewundern, die of? ohne rede weitere Vorbereitung zusammentraten, und in vollendeter Reinheit, in vierstimmigem Satz ihre sehnsuchtsvollen und schwermütige Volkslieder anstimmten, deren Klage in der steppenweiten Melancholi des Landes, vor allem unter herbstlich-dusteren Himmel mit ergreifender Kraft an die Seelen der Zuhörer rührte. Das auf dem Kontinent oft als völlig unmusikalisch verschriene E ng- l a n d ist in dieser Beziehung bedeutend besser als sein Rus. In den keltischen Gegenden, in Wales, Schottland und Irland, treffen wir aus eine große Menge schöner Stimmen und auf eine alte Kultur des ^Zolksge- fanges, wie schon die sehr reichhaltige Volkslied-Literatur jener Gegenden | beweist. Aber nicht nur die keltischen Teile des Landes sind dem Ge- Wir Kameraden aber standen am Ende der Gasse, warteten, bis der Hausierer tum Vorschein tarn und schrien ihm dann jedesmal das alte Scklacktaeheul in allen Tonarten nach: Hotte, Hotte, Putzpulver! Meistens »i8 v-ihio weiter grinste auch wohl verachtungsvoll herüber; zuweilen aber blieb er rote lauernd stehen, drehte den schwerfälligen Kopf mit bösartigem Blick herüber und senkte langsam mit verhaltenem Zorn Hand in stne tiefe Rocktasche, was eine seltsam tückische und drohende ^^Dieser^Blick und dieser Griff der breiten braunen ijanb roar schuld baran daß ick mehreremal von Hotte Hotte träumte. Und die —raume wieder waren schuld dman, daß ich viel an den alten Hausierer oenken mußte und zu ihm in ein seltsames, verschwiegenes Verhältnis kam, non welchem er freilich Nichts wußte. Jene Traume hatten nämlich imme^ irgend etwas mifregend Grausiges und beklemmten mich wie Alpdrücken Bald sah ich den Hotte Hotte tn seine tiefe Tasche greifen und lang- scharfe Messer daraus heroorzlehen, wahrend mich em Bann am Make festhielt und mein Haar sich vor Todesangst sträubte. Bald loh ick ihn mit scheußlichem Grinsen alle meine Kameraden in seinen PeKrren schiebstund wartete 'gelähmt vor Entsetzen, bis er auch m'<2Bennleberl Alte nun wieder kam, fiel mir das alles beängstigend und aufregend wieder ein. Trotzdem stand ich aber mit ben anberen an ber Gassenecke unb schrie ihm seinen Üebernamen nach unb lachte, wenn L,r in die Tasche griff unb sein unrasiertes, farbloses Gesicht verzerrte. Dabei hatte ich Heimlich ein Heillos schlechtes Gewissen unb wäre, solange er um ben Weg war, um keinen Preis allein burch bie Falken- gaffe gegangen, auch nicht am Hellen Mittag. Vom Besuch in einem befreunbeten gastlichen LcmbpfarrHauje zu- rückkehrenb, wanberte ich einmal durch den tiefen fcfjonen J-annenforft und machte lange Schritte, denn es war schon Abend, unb ich hatte noch anberthalb Sfunben Wegs vor mir. Die Straße begann f^an stark zu hämmern, und der ohnehin dunkle Wald rückte immer dichter und feindseliger zusammen, wahrend oben an hohen -lannenftainmen noch schräge Strahlen roten Abendlichtes glühten. Ich schaute ost hinauf, einmal aus Freude an dem weichen, schönfarlngen.Lichte und dann auch aus Trostbedürfnis, denn die rasche Dämmerung nn stillen tiefen Walde legte sich bedrückend auf mein elfjähriges Herz. Ich war gewiß nicht feig, wenigstens hätte mir das niemand ungestraft sagen dürfen. Aber hier war kein Feind, keine sichtbare Gefahr, — nur das Dunkelwerden und das seltsam bläuliche, verworrene Schattengewimmel im Wald- innern. Und gar nicht weit von hier, gegen Ernstmuhl talabwärts, war einmal einer totgeschlagen worden. ... ™ .. Die Vögel gingen zu Nest; es wurde still, still und kern> Mensch war auf der Straße uierwegs außer mir. Ich ging möglichst leise Gott weiß warum, und erschrak, so oft mein Fuß wider eine Wurzel stieß und ein Geräusch machte. Darüber wurde mein Gang immer lan^cmie* statt schneller, und meine Gedanken gingen allmählich ganz ms Fabelhafte hinüber. Ich dachte an den Rübezahl, an bie ,chrei Männlein nn Walde" und an den, der drüben am Ernstrnühler Fußweg nmgekom- Siimmsn der Völker. Von Dr. Anton Mayer. Die auffallendsten Unterschiede im Wesen der Völker verkörpern sich in den verschiedenen Sprachen, deren Eigentümlichkeiten die durch^hlsto- risches Geschehen, rassenmäßige Entwicklung und geographische Lage be dingttn charakteristischen Eigenschaften der Nationen in grammatikali. scher wie in klanglicher Beziehung wiedergeben. Die prakttzche,.auf äußerste Vereinfachung hin durchgearbeitete Sprache des Englemders spiegelt d-n tatkräftigen, unsentimentalen, auf Sachliches gerichteten Sinn der Angelsachsen ebenso wider, wie bas geschliffen-liebenswürdige, mit vielfach blumigen Floskeln verzierte Französtzch, die nicht immer gans ehrliche, zuvorkommend-galante Form des Galliers, das wuchtig- gründliche Deutsch die schwerblütige Grobheit des Germanen ober das tönenb-grotzartige Italienisch, die ein wenig pofen^ajte mit Gesten be gleitete Redseligkeit der Bewohner der Apenmnhalbinsel. Ist nun bie Sprache selbstverstänblicher Ausdruck unserer Gebanken, in nerfaat fie häufig beim Versuch ber Reproduktion von Ernpfindun- Len ober ®efüK9bie mit horten nicht zu fassen finb. Liebe, Sehn- sucht, Trauer unb andere die Menschenseele bewegende Kräfte haben infolgedessen von Anfang an einen anderen Ausweg gesucht, um bie von ihnen beengte Brust zu befreien, unb haben ihn iogleidj im musikol chen Ton aefunben der fähig ist, ohne alle Worte durch ferne melodischen unb rhythmischen Sanierungen all das ans Licht zu bringen, was dem gestammelten Wort zu sagen verwehrt bleiben muh. Im rauhen, te$t» Fofen, wohl jodlerhaften Musikschrei der Vorzeit liegt, der Ursprung bcs Siebes- suchen wir noch nach einem Vorfahren für ihn, fo f'^en ihn irn Brunstlaut des Tieres. Die Gesangstimme also ist als Bent-l fur die Kefüblskomvlere von Wichtigkeit wie die Spvechstlmme sur die Ge- kanken und ebenso lächerlich, wie es wäre, wollte man emen mathe- matiscken Lehrsatz in Musik setzen unb als Lied vortragen, ebenso felbft» Stänblich It ber liebföLmige Ausdruck für die . von.heftiger Empfm- duna Bewegten, mögen fie nun als Trauernde m wilde Klagegesang« ausbrechen, wie es im Orient geschieht, mögen sie als Liebende sich i" ftegreifcntftanbenen Ritornellen aussingen, wie es noch vor nicht langer Zeit in Italien üblich war und auch jetzt noch gelegentlich in abgelegenen, vorn Fremdenverkehr noch nicht verdorbenen Gegenden zu Horen Da erhob sich ein schwaches, schnurrendes Geräusch. Ich blieb stehen und horchte — es machte wieder rrrrr — das mußte hinter mir auf ber Landstraße fein. Zu sehen aber war nichts, denn es war unterdesien fast völlig dunkel geworden. Es ist ein Wagen, dachte ich, und beschloß, ihn abzuwarten. Er würde mich schon mitnehmen. Ich besann mich, wessen Gäule wohl um diese Zeit hier fahren konnten. Aber nein von Ros en hörte man nichts, es muhte em Handwagen fein, nach dem Ge- räu cii zu schließen, und er kam auch so langsam naher. Freilich, em Handkarren. Und ich wartete. Vermutlich war es ein Milchkarren, viel- l-jcht vom Lützinger Hof. Aber jedenfalls muffte er nach Gerbersau fahren, vorher lag keine Ortschaft mehr am Wege. Und ich wartete. . T Unb nun sah "ich ben Karren, einen hochgebauten Kasten auf zwei Rädern unb einen Mann gebückt dahinter gehen. Warum bückte sich wohl ber so schrecklich tief? Der Wagen mußte schwer fein. Da war er endlich. „Guten Abend", rief ich ihn an. Eine fiebrige Stimme hüstelte den Gruß zurück. Der Mann schob sein Wägelchen üwei drei Schritte weiter und stand neben mir. . Sott helfe mir — der Hotte Hotte Putzpulver! Er sah mich emen Augenblick an, fragte: „Rach Gerbersau?" unb ging weiter, ich neben» her. Und so eine halbe Stunde lang — wir zwei nebenemanber durch bie stille Finsternis. Er sprach kein Wörtlein. Slber er lachte alle paar Minuten in sich hinein, leise, innig unb schadenfroh. Und jedesmal ging das böse, halb irre Lachen mir durch Mark und Bem. Jaj wollte sprechen, wollte schneller gehen. Es gelang mir nicht. Endlich brachte ich mübtcitn ein pnnt 9Borte heraus. , . <>, < r . Was ist in dem Karren da drin?", fragte ich stockend. Ich sagte es sehr" höflich und schüchtern — zu demselben Hotte Hotte, dem icy hundertmal auf ber Straße nachgehöhnt hatte. Der Hausierer blieb stehen, lachte wieder rieb sich die Hände, grinste mich an und fuhr langsam mit der breiten Rechten in die Rocktasche. Es war die hämisch häßliche Geste, die ich so oft gesehen hatte, und deren Bedeutung ich aus meinen -träumen kannte — "ber Griff nach ben langen Messern! Wie ein Verzweifelter rannte ich davon, daß der finstere Wald widerhallte, und horte nicht auf zu rennen, bis ich verängstigt und atemlos an meines Vaters Haus die Glocke zog. — Das war der Hotte Hotte Putzpulver. Seither bin ich aus dem Knaben ein Mann geworden, unser Städtlein ist gleichfalls gewachsen, ohne dabei schöner geworden zu sein, und sogar in der Falkengasse hat sich einiges verändert. Aber der alte Hausierer kommt noch immer, schaut in die Kellerfenster, tritt in die feuchten Flure, schäkert mit den verwahrlosten Weibern und kennt alle die vielen ungewaschenen, strohblonden Kinder mit Namen. Er sieht etwas älter aus als damals, doch wenig verändert, und es ist mir seltsam zu denken, daß vielleicht noch meine eigenen Kinder einmal ihn an der Falkengasse erwarten und ihn seinen alten Üebernamen nachrufen werden. fang ergeben: es existiert immer noch in England die alte Kunst des Madrigalsingens, die wohl weniger große und umfangreiche Stimmen verlangt, dafür aber eins gewisse Vollendung ihrer Behandlung voraussetzt. Das häusliche Madrigalsingen, bei dem die Fähigkeit, a cappella vom Blatt zu lesen, vorausgesetzt wird, spielt bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein die größte Rolle in den Familien; dann ging sie allerdings wohl zum größten Teil verloren, wird aber in den letzten zwanzig Jahren zusammen mit dein Chorsingen auf dem Lande wieder sehr gepflegt. Die Chorvereinigungen, welche sich über ganz England verteilen, zeigen bei ihren jährlichen „Festivals", Wettgesängen, was sie können: gute Dirigenten stellen den ganz demokratisch zusammengesetzten Thören, in denen der Gutsherr mit seinen Bauern und Dienern, die Lady mit ihrer Zofe und ihren Mädchen zusammen singt, ihre Kräste zur Verfügung. Schwierige Chorwerke, wie das Brahmsche Requiem und Bachsche Messen, werden mit bestem Erfolge aufgeführt, und die Begeisterung, die Ausdauer, mit welcher die Mitwirkenden sich den langwierigen Proben und anstrengenden Aufführungen unterziehen, sind bemerkenswert. Da jedes Dorf von etwa fünfhundert Einwohnern seine Chorvereinigung hat, ist ohne weiteres klar, daß die Bewegung den besten Einfluß auf die Ausbildung der Stimmen hat. Auch hier scheinen nur bie tiefen Stimmen der Männer an Zahl und Qualität in erster Linie zu ^Es ist noch nicht lange her, daß die Musik der Neger anfing, Einfluß auf das europäische Musikleben zu gewinnen. Die Frage, ob dies von Nutzen oder von Schaden ist, soll hier nicht erörtert werden. Die Tatsache beweist, daß in dieser Musik Werte liegen, an denen nicht einfach vorbeizugehen ist. Wie in der Musik der Neger aber finden sich in ihren Stimmen Werte, die in ihrer Art einzigartig sind. Die schwarzen sind Naturmusikec, ihre Stimmen, auch wenn sie ganz unausgebildet sind, oft voii schönstem Wohlklang und hinreißendem Timbre, -und zwar hier wohl ausschließlich Männerstimmen — wenigstens ist mir noch nie eine wirklich bemerkenswerte Regersängerin begegnet. Auch hier darf man nicht nach den beruflich singenden Cafe- und Barieteenegern urteilen, obgleich man unter diesen auch sehr anziehende Stimmen findet; hören wir aber die Farbigen in ihrer amerikanischen Heimat, in den Südstaaten der Union, wo sie noch nicht in den etwas unklaren Zivilisationsverhält- nissen der Nordstaaten sind, auf den Plantagen fingen, so wird uns neben der tiefen Empfindung und dem grotesken Humor ihrer Lieder auch die Schönheit der Stimmen und die Reinheit ihres stets mehrstinmügen Gesanges ausfallen. Einige Konzerloereinigungen singender Neger haben auf dem Podium den Reiz der „Spirituals", der geistlichen Gesänge, der Plantati,i- und Kinderlieder auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. und der Negertenor H a y e's bewährte sich als einer der kultiviertesten und geschmackvollsten Sänger Schubertscher und Wolfscher Lieder: und doch wird der Zauber der Niggersengs, der in den Verdrehungen des Jazz, im Dröhnen des Schlagzeuges eine Welt musikalisch revolutioniert hat, seine eigentümlichste Schönheit nur in seiner unverfälschten Art übermitteln, im Gesang der Nachkommen jener Sklaven, deren Schicksal ihnen die Melodien als musikalischen Trost geschenkt hat. Karthago. Von Friedrich TL a l l i s ch. Man fährt mit der elektrischen Dähn quer durch einen See. Auf dem schmalen Damm des neun Kilometer langen Schiffahrtskanals, der den seichten Bahirasee durchschneidet, liegt bas Geleise, das von Tunis au den kleinen Hafenort La Gou kette führt und weiter dann länos der Meeresküste auf die Höhe des Kaps von Karthago. Wie eine dichte Schneedecke erscheinen von fern die weißen Häuser res Arabers;ädtchens Sidi-Bu-Said. Station Karthago: Aufdringliche Fremdenführer und .Kutscher und Wünzenhändler. Lästige, anwidernde Gegenwart summt tote Schwärme von Aasfliegen auf dem heiligen Boden heroischer Vergangenheit. Fori aus der schwirrenden Geschäftigkeit eines armseligen Geschlechts — der Vorhang rauscht auf über der gewaltigen Tragödie, die diesem Stück Erde Weihe u;;d Größe gegeben hat. Bor zwei Jahrtausenden rangen hier Nord und Süd um die Herrschaft der Welt. Laufgräben wurden mit den Leibern Toter und Lebender gefüllt, stürmende Reiter setzten über diese blutige Brücke hinweg. Haß und Heimatliebe glühten zu wildesten Bränden auf. Die punische Weltstadt starb in verzücktem Heldenmut. Die Taue ihrer Kr;egs- schiffe waren aus den Haaren ihrer Frauen gewunden. Als d;e Mauer gefallen war, legten die Besi-egten die Heiligtümer in Flammen und warfen sich, hundert und hundert, in die breimenden Trümmer. Hasdrubal, den die Last der unglücklichen Führerschaft niedergebeugt hatte, flehte Scipio uni Gnade an, aber sein Weib fluchte ihm, schleuderte seine Kinder vor den Augen des Vaters in die Flammen und folgte ihnen in den Tod. Der Strom der erbitterten Sieger goß sich zermalmend über die Stadt, die überlebenden Helden wurden als Sklaven verkauft. Mit dem Triumphator sind die Götter des Himmels: Scipio verfluchte das tote Karthago und weihte die Stadt den Göttern der Unterwelt. Die Rivalin Roms verschwand vom Erdboden, kein Mauerstück, kein Stein sollte mehr über das nackte Hügelland ragen, niemand durste sich mehr an der Stätte ansiedeln, über die Rom, die Herrin der Welt, den Fluch der Verdammnis ausgesprochen hatte. Aber die Macht, die sich in der see-- und landbeherrsHenden Lage des Hügels barg, war stärker als der Fluch eines erbitterten Feindes. Ein neues Karthago entstand, Roms reiche Colonia Julia, später ein glänzender Bischofssitz der jungen christlichen Kirche, an der Schwelle des Mittelalters Königsstadt der Vandalen, dann prunkvolle Residenz byzantinischer Statthalter, bis die Araber im siebenten Jahrhundert diesen starken Vorposten des Nordens fast ebenso gründlich zerstörten, Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. —Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch-undSteindruFerei, R. Lange, Gi eh tote es Scipio getan hatte. Das letzte traurige Kapitel begann: Dl« Trümmer der römischen und byzantinischen Stadt wurden als Bausteine tief in den afrikanischen Süden und nach dem Norden bis Spanien, ja in Italien bis Genua verschleppt. Aus dem geschundenen Leibe Karthagos formten der Islam imd Italien die Pracht ihrer Paläste. Die Erde aber beginnt zu reden: Wir schreiten über den Mosaikboden einer römischen Villa, dann in einem Felsenrund durch die Sitzreihen eines Theaters, dessen wuchtige Proszeniuiumauern der Zeit widerstanden Haben. Scharen von Säulen liegen umher. Ungastlich verschließt ein Zaun den Einlaß zu mächtigen Hallen, die von Amerikanern kürzlich ausgegraben worden sind. Auf einer Anhöhe arbeiten Archäologen aus Tunis: Der Boden, unerschöpflich als treuer Hüter der Vergangenheit, schenkt in reicher Fülle Hebet« raschendes und Neues. Eine byzantinische Basilika ersteht hier seit kurzem, Stein fügt sich an Stein, Säulen aus grauem und rötlichem Granit und aus Porphyr ragen in doppelter Reihe wieder auf, von prunkvollen Kapitellen gekrönt. 3n der sandigen Erde erscheinen die eigenartigen Ornamente des Fußbodenmosaiks aus schwarzen, weißen und roten Steinchen geformt. Inmitten der Basilika stehen noch un- '< gelenke Wohnbauten aus barbarischer Zeit, antiker Marmor ist zwischen roh behauenen Steinen in das plumpe Mauerwerk gefügt. Unerschöpflich, ich sagte es schon, ist der Boden. Greif in den Abhang, den die Arbeiter eben mit der Spitzhacke auf reißen, und du findest Bruchstücke von Gefäßen, Amphoren, Schälchen, Vasen! Wühle im Boden, wie ein Kind auf der Erde spielt, und kleine Münzen, mit grüner Schicht Überzogen, bleiben in deiner Hand! An den vielgestaltigen Säulen der gewaltigen Basilika des Heiligen Cyprian geht der Weg nach dem armseligen Araberdorf La Marga. Breite Tonnengewölbe römischer Zisternen reihen sich hier aneinander, Einige dieser wunderlichen Bauten sind mit kleinen Türen verschlossen: Die Eingeborenen verwenden die kühlen Räume als Vorratskammern. Sn alle Welt war der Ruf von der unvergleichlichen Pracht des großen römischen Amphitheaters von Karthago gedrungen. Heute stehen in der weiten Feldmulde nur die Grundmauern mit niederen! Säulenresten. Aber die unterirdischen Räume, Stallungen für wilde Tiere wohl und Aufbewahrungsstätten für Maschinen und Gewänder, sind erhalten, durch Detvneinbauten gut unterstützt. Das zentrale Gewölbe, von einem hohen weißen Kreuz überragt, ist in eine katholische Kapelle verwandelt. Die große Marmc rtafel über dem breiten Eingang gibt Kunde von dem Märthrercod, den die Heiligen Perpetua und Felicitas und andere Glaubensstarke in diesem Theater unter den Dissen afrikanischer Bestien erlitten haben. Auch hier allo hat der Boden Karthagos Heldenblut getrunken. Große, leuchtend grüne Eidechsen huschen über die weißen Steine, Halbnackte arabische Kinder bieten kleine Münzen, die sie in bet Erde gefunden haben, zum Kauf an. Zigeuner streichen bettelnd rings um die fremden Besucher. " . Unser Weg steigt an und führt auf die Byrsa, den B-rghuget von Karthago. Reste der römischen Stadtmauer liegen im Abhang. Auf der Höhe aber herrscht heute, weit über das Land und bte Bucht ragend, die katholische Kathedrale, das Kreuz als Sieger, Vor dreieinhalb Jahrzehnten erst ist dieses Wahrzeichen des neuen Karthago erbaut worden, abendländischen mit crientalifchem Stil prachtvoll !>erbindend, In Dem hellen imd kühlen Schiff der KUche steht der reiche Reliquienschrein Ludwigs des Heiligen, des eifrigen Königs von Frankreich, der hier im Zähre 12Z0 auf seinem Kreuzzug gegen Tunis an der Pest gestorben ist. ErschwiernS in seiner lebensvollen Schönheit ist aber das Grabmal des Karouials Lavigerie, der sein Leben dem afrikanischen Christentum und ter Propaganda für ein französisches Tunis gewidmet hat. Prachtvoll die dunklen Gestalten 6er befreiten Eingeborenen zu den Seiten «k Ruhestätte, mitreißend die Inbrunst und Trauer der weißen mw den Mönche davor. f „ Auf der Byrsa !nun stehen wir im Mittelpunkt des pumschw Karthagos. Byrsa heißt -Fell. Es ist der Hügel, um den die hecke« Sage von Didos listenreicher Stadtgründimg spielt: Dwo, die au» ihrer Heimat entflohene phönizische Königstochter, eroat na) öi? soviel Land, wie eine Rindshaut umspannt. Und als ihr ter bescheidene Wunsch gewährt wurde, zerschnitt sie die Haut m I» dünne Streifen, daß Der ganje Hügel damit umspannt war. Von dieser Höhe, die tief ins tunesische Land blickt und w-u über die See gegen Norden, herrschte Karthago als Rivalm -Ke - Aber nicht die punische Weltstadt entschleiert sich heute der S°r« schung aus den Trümmern, die die Erde bewahrt hat, smwwn nur die Provinzhauptstadt des römischen und des byzantinischen VetP-s. Ein kleiner Hain von Eukalyptusbäumen neben der Katyeorai« umschließt unbedeutende römische Tempelreste, am Abhang ves-v m Hügels aber liegt die panische Nekropole. Die Totenstad Karthago allein hat der Zerstörung widerstanden. 3m steikn Avstur, der Byrsa führen gewaltige rotbraune Quadern m ineö-ere . Kammern, lieber zwei dieser Grüfte erheben sich kartenhausahnuw« Ueberdachungen. Das ist alles, was dem Fluche Scipios standen hak. „ ... Am Fuße des Hügels sieht man lediglich noch einige Qaaoev^ reste, die, wie man der Lage nach anmmmt, Teile bet Grundma des panischen Admiralatspalastes darstellen. Seewärts aber führt von der Höhe der Byrsa, machst em Moschee beginnend, schnurgerade eine vorzügliche 2lutoitrau ■ massigen Palmen flankiert, bis ans Meer. ,, „nfc.it in Es ist der kürzeste Weg aus der heroischen Dergangenhel, eine Gegenwart, die hier in einem teuren Kaffeehaus, m 5. lichen Fremdenführern und unverschämten Kutschern ihre Y voll peinlicher Deutlichkeit findet. - .