EietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (927 Dienstag, den 22. Nssemder Nummer 93 Das BlumenbosL. Von Werner B o ck. Warum ist aller Trubel plötzlich tot? Warum muß alles in die Ferne lauschen? Warum hörst du jetzt nur das Wasser rauschen Und blickst auf dieses eins schlanke Boot? O sieh, ein Wunbergarten schwimint heran: Ein Schiss trägt Blumen nur und Blütenbäume, Kein Ruder führt es und kein Steuermann: Es weht daher wie aus dem Reich der Träume. Wie wird so schnell nun alles ohne Sinn! Worum ging eben noch ringsum das Mühen? Wie stürzt da alle Qual beschämt dahin Bor diesem unbewußten stillen Mühen! Vielleicht, daß mancher in der starren Schar Wie ich des Glückes dachte, das im Leben Nur einmal kommt und dann so wunderbar Wie dieses Blumenschiffes sel'ges Schweben. Aus den Erinnerungen Iorgjs, Bon Grazia Deledda. Wir bringen im folgenden das 5. Kapitel aus dem Roman „Tauben und Sperber" von Grazia Deledda, die, wie bekannt, in diesem Jahr« mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde: Elfe H ad- rn i g e r besorgt« die Uebersetzung. Das Dörfchen, in dem ich geboren bin, bewohnen fast ausschließlich Hirten. Die Natur des gebirgigen, zerklüfteten Landes gestattete keinen Ackerbau; außerdem können sich aber auch di« Bewohner aus angeborener Trägheit nicht an eine regelmäßige und geduldige Feldarbeit gewöhnen. Der Mensch lebt in jenen Bergen noch im Urzustand; wenn es ihm gelingt, eine Ziege zu stehlen und sie mit seinen Kameraden oder seiner kleinen Familie zu verzehren, freut er sich wie Über ein wohlgelungenes Geschäft. Auch ihm ist den Tag oder die Woche vorher ein Böckchen gestohlen worden: warum sollte er den Schaden nicht wieder einzubringen suchen? Und wenn ihr ihm sagt, er habe übel getan, ist er beleidigt und hegt feinen Groll gegen euch, wie eben ein Mensch, dem man fein gutes Recht streitig nrachen will. Abgeschmtten von der übrigen Welt und in stetem Kamps mit den wenigen seinesgleichen, oft sogar mit den eigenen Verwandte, dem eigenen Bruder, glaubt der Dorfbewohner, das Recht zu haben, sich selbst mit den Waffen, die ihm die Natur verlieh, Gerechtigkeit zu schaffen: mit Muskelkraft, List und Zungenfertigkeit. Er weiß nichts von der Gesellschaft, und das Gesetz ist für ihn eine Naturgervalt, der man aus- weiche« muß, weil man sie nicht zu besiegen vermag. Uebrigens hat er ganz recht: die ferne Gesellschaft erinnert sich seiner nur, um ihn aus« zubeuten; sie verlangt Tribut, preßt ihn zum Heeresdienst und schützt Ihn weder vor fernen Feinden noch vor Dieben, sie hilft ihm nicht, wenn der strenge Winter sein Bich tötet, und sie schützt ihn auch nicht vor falschen Zeugen, wenn man ihn irgend eines Verbrechens beschuldigt. So greifen diese Menschen zur Selbstverteidigung, aus Instinkt, aus Gewohnheit, aus ihren, inneren Rechtsgesühl heraus. Seit langen Jahren zerfleischen die Bewohner des Dorfes einander in wütender Feindschaft. Diese Feindschaft war zwischen zwei Familien über ein Wegerecht durch ein Grundstück ausgebrochen. In dem Rechtsstreit, der daraus entstand, war die Frage nicht gerecht gelöst worden, und der Eigentümer, in der Ansicht, man habe sein« Rechte mit Füßen getreten, fdjaffte sich selbst Recht, inbem er den Feind totsching, der fein Feld betrat. Die Familie des Erschlagenen rächte sich; der Haß pflanzte sich wie ein Unkraut von Familie zu Familie fort; es kamen schreckliche Jahr« der Rache und der Mordtaten. Ich war damals noch ein Kind, aber ich erinnere mich noch ganz deutlich daran, wie traurig und finster alle Leute dreinblickten. Einer schien dem andern zu mißtrauen, auch wenn beide zur gleichen Partei gehörten; sobald der Abend hereinbrach, verschlossen sich alle Türen, und selbst wenn man Hochzeit feierte, war alles schweigsam und melancholisch. Diele, denen man Verbrechen zur Last legte, die sie begangen, oder mich nicht begangen haben mochten, lebten in der Wildnis, aber non dort aus erteilten sie den Doribewohnern ihre Befehl«: beide Parteien gehorchten bllndiings den beiden Oberhäuptern, di« noch den verfeindeten Familien ««gehörten: eines dieser Häupter war Ohm Remunu Corbu, unser Nachbar, das andere war Ohm Jmwsiu Arras, ein Verwandter meines Vaters. Beide waren landflüchtig. Auch »nein Baier war Hirt; nach dem Tode meiner Mutter hatte er eine Witwe geheiratet, di« öfter war als er, die aber einiges Vermögen hatte^und eine Verwandte des Eorbu war. Hochzeit feierten sie zur Zeit des Friedensschlusses zwischen den beiden Parteien, der nach langen Verhandlungen mti) unter Vermittlung der geistlichen und weltlichen Behörden zustande gekommen war. Ich erinnere mich noch an dieses großartige Ereignis. Di« Friedens- zeremonie fand in einer kleinen Feldkirche oben auf der Hocheben« statt. Den Landflüchtigen war freies Geleit zugesagt, damit sie an der Feier- lichkeit teilnehmen und ihren Feinden die Hand reichen könnten; aber man munkelte schon, eines der Oberhäupter, Ohm Jnnasiu Arras weiche nicht erscheinen. Der Bischof, der Präfekt der Provinz, und ander« Regierungsvertreter, oegleitei von einem zahlreichen Gefolge von Städtern und Bauern, von Frauen und Kindern, ritten über die Hochebene bin, die das Dorf Tibi vom Dorf Oronou trennt. Es sah aus, wie eine Prozession, und auch di« Fahne fehlte nicht. Sie trug ein alter Patriarch, dessen langer, gelber Bart bas Köpfchen eines Kindes zudeckte, das vor ihm im Sattel faß. Das Kind war ich; und meine Augen ließen die golden« Fahnenstange nicht los, di« meine Händchen umklammerten; die himmelblaue Seide des Banners kam mrr vor rote «in Stück des klaren blauen Himmels, der sich von einem Berg zum andern über di« felsige Hochebene ausspannte, die Wälder un» ' Wildnis bedeckten. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich noch den malerischen Zug, in ; d«m das Rot und Gelb der bäuerlichen Trachten vorherrscht«, ich sehe di« großartig« Landschaft, und bi« goldene Linie des fernen. Meeres. Die Sonne, die noch tief über dem Meere stand, goß sanftes, rofigee Licht,über das unvergeßlich« Bild: Der Bischof, ein wunderschöner Mann, mit frischem Gesicht und blauen Augen, ritt eine fromme weiße Stute, und, statt den Zug anzuführen, blieb er hin und wieder zurück, als ob di« Burger und Bauern, die alle halbwilde Pferde ritten, von denen eine» das andere Überholm wollte, ihn vergessm hätten. Dann schnaufte er, nahm den Dreispitz non seinen weißen Haaren, fchaute sich um und murmelte ein paar Wort« in einem Dialekt, der an «panisch erinnerte. Das goldene Kreuz auf feiner Brust blitzte, und di« Perle in seinem Hirtenring an seinem Finger glitzert« wie «in Tropfen Tau. Er war zweifellos die schönste und imponierenbfte Gestalt des Bildes, und die vielen Priester, die bei dem Zuge waren, betrachteten ihn mtt Bewunderung und auch mit einer gewissen Scheu. Wenn er zurückblieb, hielt niemand an, um auf ihn zu warten, denn olle wußten, daß es ab« sichtlich geschah, weil er einen Augenblick allein bleiben wollte. Plötzlich, als der Zug eben die Furt eines Bächleins durchschritten gatte, tarn in einer Keinen Takfenkung, die ganz mit Gras und violette« Bluten bedeckt war, ein berittener Mann aus dem Wald und scklloß sich dem Bischof an. Er war bewaffnet wie ein Krieger, eng in einen schwarzen Mantel gewickelt und trug eine schwarze Kapuze über dem Kopf. Di« beiden blieben allein zurück. Der Mann war nicht mehr Jung, aber er saß stramm im Sattel, wie auf einem Stuhl, kein« Muskel bewegt« sich an ihm, während das Pferd aus eigenem Antrieb weiterzugehen schien, da» tos Gewichts -und der Hand gewohnt, di« es Tag und Nacht zu fühlen pflegte. Das schwarze Rund der Kapuze rahmt« ein finsteres Gericht ein, daß ein struppiger, grauer Bart fast ganz bedeckte; leine beidm Spitzen bogen sich noch oben wie bei einem Teufel. Das Weiße der mißtrauischen 8tugen und das noch völlig intakte Gebiß stachen grell ans dem Grau und Schwarz der wilden Gestalt hervor. Gemurmel durchlief die Meng«; der Mann war Ohm Jnnasm Armst Der Alte, vor dem ich im Sattel saß, und der ein Verwandter des Arras war, machte allen ein Zeichen, sich nicht umzuwenden, die Zwiesprache des Bischofs mit dem Parteihaupt, das den Frieden nicht anerkennen wollte, nicht zu stören. Alle wußten, daß der Arras einige Bedingungen stellen werde, wenn er der Zeremonie beiwohnen solle. Die Unterredung mit dem Bischof dauerte ein gutes Stück Weges; dann sprach der Arras mit dem Präfekten, und nun wurden einige Männer des Zuges, darunter auch der Alt« mit der Standarte, herbeigerufen, um an der Unterredung teilzunehmen. Cs bildete sich eine Gruppe, und der Arvos sprach. Er war sehr erregt und nannte die ganze Zeremonie eine Komödie. Er verlangt«, man solle allen Landflüchtigen di« Freiheit gewähren und auf den ersten Bruch des Übereinkommens sollten schwer« Strafe« gesetzt werden. Der Bischof war wütend, der Präfekt lächelte und klopft« dem Arm« mit dem Griff seiner Reitpeitsche leicht auf die Schulter. Aber der Land- flüchtig« war ernst und tragisch. Plötzlich fingen alle schreiend zu streiten an; viele Teiliiehner des Zuges, die vorausgeritten waren, kamen zurück und schlossen fich der Gruppe an. i Hoch oben auf seinem falben Pferd saß schweigend Ohm Remundu Corbu und betrachtete ein wenig verächtlich die Szene. Schließlich gab der Arras feinem Pferd die Sporen und ritt davon, ohne daß es zu einem Abschluß der Verhandlungen gekommen wäre. All« gaben ihm Unrecht. Man ritt weiter, und der Bischof und her Präsekt sprachen fast di« ganze Zeit mit Ohm Remundu Corbu. Wie er so hoch und steil auf seinem Pferde saß, erweckte er in mir s große Bewunderung; er erschien mir majestätischer und auch furchtbarer j als der Präfekt und der Bischof. Und er ist ja auch jetzt noch eine imponierende Persönlichkeit mit seiner hohen Gestalt und seinen schwarzgrünen, leuchtenden, drohenden Augen. Die Haut seines Gesichts gemahnt an Eichenrinde, und auch das dichte graue Haar und der lange Bart mit seinen schwarzen und gelblichen Strähnen haben etwas Pflanzenhastes. Er war seit langen Jahren landflüchtig, und viele schwere Anschuldigungen lasteten auf ihm; deshalb mar er gefürchtet und zugleich geachtet. Endlich kamen wir beim Kirchlein der „Madonna zum guten Rat" an, das halbwegs an der Straße von Oronou nach Tibi liegt. Aus Tibi waren zahlreiche Familien herübergekommen, die mit denen von Oronou verwandt mären und an dem Friedensfest teilnehmen wollten. Der Ort ist angenehm und schattig: ein kleines Eichengehölz umgibt die Kirche, die aussieht wie eine Hütte mit einem Kreuz auf dem Dach. In der Nähe fließt zwischen zwei Hecken von wilden Oleanderbüschen ein Bächlein, und in der Ferne erblickt man das Meer. Die Bauern hatten schon Feuer angezündet, um an ihnen das Mittagessen zu bereiten. Wie bei allen ländlichen Festen waren auch heute viele Karren gekommen, in deren Schatten die Frauen und Mädchen saßen. Die Ochsen und Pferde grasten auf den Wiesen, die Hunde umsprangen die mit Mundvorräten gefüllten Satteltaschen, und die Männer schlachteten Lämmer für das Festmahl. Eine magere, geibhäntige, schwarzgekleidete Frau — jene, die meine Stiefmutter werden sollt«, — hob mich vom Pferde und führte mich in die Kirche Ein grünes Tuch bedeckte einen Stein neben dem mit Feldblumen geschmückten Altar; ein großer schivarzer Christus lag mitten in der Kirche auf einem alten gelben Teppich, und die Frauen knieten rings um dieses goldene Viereck, beteten, seufzten, schlugen sich die Brust und küßten den Boden. Meine zukünftige Stiefmutter gesellte sich zu den Frauen um den Teppich, und auch ich kniete nieder und betete. Die Kirche füllte sich mit Andächtigen. Der Bischof las die Messe, und nach dem Evangelium trat er auf die Altarstufen, um zum Volke zu reden. Seine Stimme war klar und tönend, sein Wort Liebe, Drohung, Borwurf, Aufforderung zum Frieden, zur Arbeit; es hallte in der Kirche wider, machte die Frauen weinen und die Männer die Häupter auf die Brust senken. Ms die Messe zu Ende war, enthüllte der Präfekt eigenhändig den Stein: Ein« Taube mit einem Oelzweig schmückt« die Inschrift: Am 15. Akai 1895 Schworen die Bewohner von Oronou und Tibi stolz und stark nach langen Jahren des Hasses des Unheils und der Verblendung da sie die Augen dem Licht der Liebe öffneten Frieden und Vergebung j und den Beginn einer neuen Zeit bürgerlichen Lebens Paarweife schritten die Männer und Frauen der feindlichen Parteien an dem Christus vorüber und tauschten den Frisdenskuß. Hier erinnere ich mich noch an eines: Ohm Remundu Covbu in seiner Größe und Härte schien es eine bittere Anstrengung zu fein, sich, traurig und verächtlich, ein wenig zu dem kleinen Dionisi Arras hinunterzubeugen, dem $ ruber des friedensfeindlichen Parteihauptes. Ein Geflüster ging durch die Menge, als die beiden sich küßten. Ohm Dionisi, «in rotwangiges, heiteres Männchen, wandte sich um und öffnete die Hände, als wollte er sagen, mein Bruder ist nicht hier, was will man da machen? Aber dafür bin ich ja da. Dann folgten die andern: stolze, trotzige Manner, hochgewachfene Jünglinge mit bronzenen Gesichtem, Alte, um deren Antlitz Schlingpflanzen zu hängen schienen wie um die Eichen, unter denen sie ihre Tage und ihre Nächte verbrachten. In allen war etwas Hartes und Rätselhaftes: sie hatten etwas von der Natur des Felsgesteins, ans dem unsere Berge bestehen. Auch die Frauen küßten einander: einige weinten, andere lachten, und das waren vielleicht die Ergriffensten. Ach, endlich waren die finsteren ! Tage des Bangens und Schreckens vorüber; endlich würden di« Alten sich nicht mehr in den Sturmnächten in den Betten emporrichten wie Schlangen, den Feind verfluchen und jeden Augenblick auf die Nachricht von einem neuen Unglück lauern; endlich könnten die Mädchen ihrem Nachbarn zulächeln und sich unter den Jünglingen den Schönsten auswählen, ohne denken zu müssen: „Er ist ein Feind, den man hassen muß und nicht lieben darf." Eine Reihe von Paaren, die einander insgeheim liebten wie zu Julias heroischen Zeiten, zogen lächelnd an dem Christus vorbei; ein Priester verlas die Aufgebote vieler Ehen zwischen Verfeindeten; auch die meines Vaters mit der Witwe war darunter. Es war ein echter Festtag, ein Friedenstag. Der stille, fast feierliche Frühling der Hochebene und die großartige Landschaft mit dem Meer als Abschluß schienen ein würdiger Hintergrund für das Bild, das von wundervollen Gestalten belebt war, angefangen von dem ehrwürdigen Bischof, der wie ein Druidenpriester am Fuße einer Eiche faß, bis zu den alten Hirten, die nicht einmal während des Essens die schwarze Kapuze vom Kopfe streiften; von dem blassen, sarkastischen Präfekten im Jagdkostüm, bis zum Gemeindekretär, der sich eigens für diese Gelegenheit einen Gesellschaftsanzng und einen steifen Hut gekauft hatte. Die Frauen und die jungen Männer tanzten vor der Kirche, so emft und feierlich, daß sie einen religiösen Ritus auszuftihren scheinen. Ich hing den ganzen Tag an den Röcken der Witwe, sie saß im Schatten eines Baumes, starrte mit blitzenden Augen die verschiedenen Gruppen an, brummte und redet« Böses von allen. Mein Vater holte mich zum Festmahl; Berge von Brot, Säfen, Kuchen, getrockneten Früchten, lagen auf den Säcken und Mantelsäckm, die als Tischtuch dienten und zogen meine Blicke an. Mir war wie im Traum, wie bei einem Festmahl aus dem Märchen; von allem war Vorrat, und he? Wein floß aus 'den Fässern wie das Wasser aus den Brunnen; Milch mischte sich mit Honig; ganze Wildschweine, Berge von Rebhühnern, Holz, legel voller Aale wanderten an dem Bischof vorbei, der nur ein wenig Wasser trank und an einer wilden Ariischot« kaute. Roden, Lieder und Trinksprück-e folgten. Mein alter Großvater, die zukünftige Stiefmutter und ich kehrten vor Sonnenuntergang ins Dorf zurück, aber das Fest dauerte drei Tage, worauf einige Landslüchtige wieder in die Wälder zurückkehrten, andere sich stellten und noch anderen vorläufig die Freiheit geschenkt wurde. In der Nacht des dritten Tages war jemand in die Kirche gedrungen, hatte den Stein zerschlagen und etwas Geld als Schadenersatz zurück- gelassen. Alle sagten, es sei der Arras gewesen. Es geschahen nun keine Bluttaten mehr, die Hochzeiten wurden gefeiert, die feindlichen Parteien grüßten einander wieder, unterhielten Be- ziehungen und machten Geschäfte miteinander: aber die heimliche Ab- neigung zwischen den Familien und Einzelpersonen besteht heute, fünfzehn Sichre nach dem Frieden.oschluß, immer noch weiter. Ohm Remundu Corbu, der sich stellte, wurde freigesprochen; ander« wurden verurteilt, noch andere starben. Nur Ohm Arras ist noch Übrig; er ist seit dreißig Jahren verbannt und wird bald das Recht haben, heimzukehren, freigesprochen von dem einzigen unbestechlichen Richter, der Zeih Bitte an Eva. Von Leo Sternberg. Du bist so gefährlich für mich: Du kannst mich gut machen und kannst mich schlecht machen — Hüte mich! Hüte — dich! Gott nahm nicht von Erde, sondern nahm von meinen Träumen: Himmel, der selig macht... Hölle, die selig macht ... Und ich sah dich ihm danken auf den Knien, daß er das deinem Wesen für mich verliehn ... Du könntest mich unselig machen Und dir wäre verziehn — denn schwach bin ich vor dir ... Hüte mich! Hüte — dich! Harfe, goldhaarige, du, die ich zum Tönen darf bringen — deine Seele und deinen Leib — mit meinem zartesten Hauch und meinen Stürmen auch! Laß meine Feuer und Sünden in reinem Widerklang deiner Schönheit münden! Du kannst mich verzaubern und kannst mich zerstören, daß wir beide das Heil verlören — Hüte mich! Hüte dich! LonDsn im Spätherbst. Bon George P o p o f f. London, im November 1927. Sn der «inen Hand die Palette, in der anderen den Pinsel und bann, bitte nur drei Farben — Gran, Grün und Rot. So sei versucht, ein kümmerliches Abbild von jener holden Wirklichkeit zu entwerfen, die „London im Herbst" genannt, ein eigenartig-schönes, ungewollt stilisiertes Gemälde darstellt, mit verschwommenen, weiten Flächen von Grau und Grün, überall belebt durch das Leuchten beweglicher und unbeweglicher roter Punkte. _ Grau, bläulich-grau ist her Himmel, sind die Straßen, erscheinen die Häuser, breitet der Nebel, der berühmte Londoner Nebel seine alles- umfafsenden Arme aus. (Brün ist der Rosen, der saftig-feuchte Rasen der Londoner Parks, dieser Parks, deren großzügige Dimensionen mitten in einer Weltstadt, Landschaften von unerhörter Schönheit entstehen lassen. Und rot ist der Rest. Rot sind die Autobusse, rot sind die Briefkästen, rot sind die neuen Telephonbuden auf den Straßen, rot sind die Uniformen der Guardsmen, rot find die Hüte der sportlich-gehärteten und doch so diftinguiert-hingehauchten Engländerinnen. Diese Vorliebe der Engländer für die rote Farbe ist psychologisch erklärlich und begreiflich: leisen sie da m dem ewigen Grau ihres ewigen Nebels dahin, fühlen sich dem Süden, der Sonne, dem Farbenrausch milderer Zonen Hoffnungslos fern, find selbst von Natur das, was man „etwas langstielig" nennt — ist es da nicht natürlich, daß fi« unter solchen grauen Umständen auf den verwegenen Gedanken verfallen sind, ihrer Umwelt künstlich etwas „Licht aufzusetzen"? So wurde Rot zur Lieblingsfarbe der Briten. Ueberatt, wo das Auge hinschaut — rote Punkte auf grünem Rasen, im grauen Nebel .... * Da hörte ich jemand etwas ganz Dummes über London sagen, und war doch das Treffendste, was sich über diesen eigenartigen Ort sagen ließe: „Diese Stadt ist so typisch englisch!" Es ist in der Tat diejenige i Weltstadt, welche den geringsten internationalen Anstrich hat. Die Leute auf den Straßen sehen genau so aus, wie man sich bei uns die Bilderbuch- Engländer vorzustellen pflegt: rote Gesichter, wollene Schals um den Hals, du ruble Stiefel an den Mißen, weit ausschreitend beim Gehen, und alle rauchen sie wahrhaftig Pfeifen. So viel Pfeife rauchende Wesen aus einem Fleck beisammen, wie hier, Hube ich meinen Lebtag noch man gesehen. Überhaupt — das Bild der Londoner Straßen. Es hat schon etwas zu bedeuten, daß es selbst solchen Fremden, die noch frisch das StraßenbiW von Berlin, Rom, Paris und Genf Im Auge haben, in London sofort auffällt, wie viel besser hier sämtliche Leute, als sonstwo in Europa, gekleidet sind. (Und wieviel besser gelaunt ...) Alle gehen noch im Slovember ohne Mantel, im einfachen Anzug, einher, viele abends auf der Straße — im Frack, eine Orchidee im Knopfloch, den Zylinder auf dem Kopf, ganz, wie während der „season“. Und sämtliche Leute hasten mit Würde, man könnte fast sagen — sie eilen langsam .... Manchmal wünschte ich, ich wäre ein« Stadt. Selten wird der Mensch mit den Jahren schöner. Freunde, die man nach Jahren Wiedersicht, bieten gewöhnlich einen recht unerfreulichen Anblick dar: der eine ist dicker geworden, der anders hat eine Glatze bekommen, und der dritte hat sich einfach in einen alten Pavian verwandelt. Anders die Städte — das Altern gereicht ihnen meistens nur zum Vorteil. Gewiß, die alte Regent- Street soll poetischer gewesen sein, als die neuerliche Fassung und dies und jenes war einstmals auch in London schöner. Aber keinerlei Anzeichen des Verfalls zeigt der um so und so viel Jahre meiner Abwesenheit gealterte Piccadilly. Hat sich nur ein bißchen verändert, ist gar jünger geworden. London wächst nicht so toll wie Berlin, wo ganze Häuser, ^altbekannte Geschäfte, vertraute Gaststätten, ihre Plätze so buchstäblich über Nacht wechseln, daß man oft die Straßen nicht wiedererkennt. Aber im Laufe der letzten Jahre haben auch auf dem Piccadilly, auf Regent-Street, am Haymarket, ganze Häuserzüge ein anderes Antlitz genommen. Nur ist alles Neue hier nicht, wie anderswo, flüchtig und kitschig, sondern mit jener Solidität, Monumentalität und jenem kultivierten Geschmack ausgeführt, wie sie für dieses Land und für dieses Volk schon einmal kennzeichnend sind. Die Leute, welche zu sagen belieben, -daß London gesellschaftlich „gar nicht mehr -das" wäre, sind ganz töricht« Täpse. Ihnen sei geraten, einmal am Sonntagvormittag mit offenen Augen und Ohren in den Hyde-Park zu gehen und Rotten-Row auf und ab zu flanieren. Ein betörendes Schauspiel: durch den herbstlichen, ober sonnigen Park ergießt sich eine, nach Taufenden zählende Menge; kein sogenanntes Sonntagspublikum; nein — Society; oder zu-m mindesten Leute, die wie Society aussehen. November ist nämlich klein« „season“. Und Sonntags um zwölf Uhr, wenn alles hübsch brav in der Kirche gewesen ist, gehört es zum guten Ton, sich im, sonst etwas zu populären Hyde-Park zu ergehen ... Oder zu reiten. Den großen Reitweg von Rotten-Row entlang — der in aerober, viele Kilometer zählender Linie den Park durchschneidet, und den von beiden Seiten breiten Alleen für die Fußgänger flankieren — den großen Weg entlang reiten ganze Kavalkaden zu-m Bewundern smart gekleideter Ladies und @entfernen. - Und die Kinderchen! Immer und immer wieder sprengen Gruppen von vier oder fünf Kindern, Knaben und Mädchen, auf Ponys reitend, vorüber. Meistens ganz allein, ohne Reitlehrer oder Stallknecht. Manche von ihnen kaum acht oder neun Jahre alt. Auch sie — gekleidet ganz wie die Erwachsenen, in putzigen Reitanzügen von ausgewähltem Geschmack. Viel« der kleinen Reiter und Reiterinnen tragen knallrot« Wamse, knallrot« Halstücher oder knallrote Mützen. Ans dem grünen Hintergrund des Hyde-Park-Rasens nehmen sich die vielen knallroten Punkte gar malerisch aus. Und eine wahre Augenweide ist es, diesen kleinen, reitenden roten Punkten nackWischauen solange, bis sie in der Fern«, im Blau-Grau des Nebels von Rotten-Row verschwunden sind. Geht man aber einige Schritte tiefer in den Park, so stößt man auf bas Hyde-Park-Flüßchen Serventine, wo Kinder und Erwachsene ständig allerhand Federvieh füttern. Doch kann man hier auch den ganzen Winter Über einige besonders verschrobene Menfchenwesen britischer Rasse baden sehen. Die Blätter vermerken das von Zeit zu Zeit, und ganz England freut sich -dann über diese abgehärteten Exemplare der Londoner Bürgerschaft ..... Mit dem Londoner Nebel ist das so eine Sache. Er ist nämlich nur ganz selten .undurchsichtig und dick wie Milch". Meistens liegt er nur wie ein ganz zarter, feiner Hauch über der Stadt und hüllt die altehrwürdigen Gebäude, die von Englands Geschichte sprechenden Monumente, das Filigranwerk der knorrigen Bäume in einen, dem Auge wohltuenden Schleier, der dann eine rauchige, rußige Großstadt in das verwandelt, was London nämlich ist — ein Gedicht. Dies« Stadt hat landscbaftliche Partien, die sich mit den Reizen der alferfchonsten Stadt« der Welt messen tonnen. Da schaut man beifpiels. weise vom Picadiily über die grünen Flächen des Green-Park hinweg, weit, unendlich weit. Nur riesige Flächen, di« vorne ganz saftig grün sind und allmählich immer bläulicher und unwirklicher werden. Dort, ganz In der Ferne aber, wo das Grün schon in die andere der drei britischen Rationalfarben übergegangen ist, dort im Blaugr-au des fernen Nebels, steht man nur andeutungsweise die märchenhaft schöne Silhouette von Westminster. Nur ein Weniges abseits tost der Piecadilly. Hier aber ist Land, Essex, Devon, Cornwall. Milten an diesem kühlen, feuchten Novemberabend hat ba jemand «inen Liegestuhl ausgebreitet imb schläft. Weiter haben sich ymet alte Leutchen im Rasen niedergelassen und verzehren ihr Abend- vrot. Und auf einer anderen Wiese, dicht neben dem h-ochfendalen Ritz- Hotel, spielen einige Mrbeiter, die sonst am Piccadilly etwas bauen, spielen mitten auf diesem herrlichen Rasen (den anderswo zu betreten, di« Behörden strengstens untevsagen würden ....), spielen, ohne im Geringsten jemand um Erlaubnis zu fragen — Fußball. Und wie ich das alles sehe, da überkommt es mich plötzlich wie kindische Unart, auch ich betrete nun das saftige, grüne, aoenblich-f suchte Gras, das st« hier noch stn November mähen, und stampfe drauflos, in der Richtung nach Pall-Mall, querfeldein, wohlgemut, fürbaß, daß es eine wahre Lrrft ist ... Es ist Abend, und di« Nebel werden dichter. Wie sämtstche Gespenster Alt-Englands steigen sie rechts und links von mir aus dem hohen Rasen auf. Irgendwo teilt sich die Fernsicht der Häuser, und ich werde plötzlich am Firmament, durch einen zarten Schleier von Rauch und Dunst, die untergehende Sonne gewahr. Wie eine große feurige Kugel steht sie ganz niedrig am Himmel und berührt saft das Gitter von Hyde-Park-Corner, wo jetzt die Guardsmen stehen, Virginia-Zigaretten rauchen, mit rm» wahrscheinlich dünnen Stöcklein herumsuchteln und da« Knallrot ihrer Uniformen erleuchten lassen. Doch auch die Sonne, die in Großbritannien nur vorübergehend unterzugehen pflegt, auch die Sonne ist rot, knallrot — wie die englischen Briefkästen, die Autobusse, die Telephonbuden, die Lady-Hütchen, rote alles in dieser malerischen Stadt der roten Tupfen, des grünen Rasens, der blau grauen Nebel...... Ja, das ist London, und nie wird es anders {ein. Der grserg Nase. Von Wilhelm Hauff. (Schluß.) So lebte Nase beinahe zwei Jahre in äußerlichem Wohlleben und Ehre, und nur der Gedanke an seine Eltern betrübte ihn. So lebte er, ohne etwas Merkwürdiges zu erfahren, bis sich folgender Vorfall ereignete. Der Zwerg Nase war besonders geschickt und glücklich in seinen Einkäufen. Daher ging er, so oft es ihm die Zeit erlaubte, immer selbst auf den Markt, um Geflügel und Früchte einzukaufen. Eines Morgens ging er auch auf den Gänsemarkt und forschte nach schweren fetten Gänsen, wie sie der Herr liebte. Er war musternd schon einigemal auf und ab gegangen. Seine Gestalt, weit entfernt, hier Lachen und Spott zu erregen, gebot Ehrfurcht; denn man erkannte ihn als den berühmten Mundkoch des Herzogs, und jede Gänsefrau fühlte sich glücklich, wenn er ihr die Nase zuwandtc. Da sah er ganz am Ende einer Reihe in einer Ecke eine Frau sitzen, die auch Gänse feil hatte, aber nicht wie die übrigen ihre Ware anpries und nach Käufern schrie; zu dieser trat er und maß und wog ihre Gänse. Sie waren wie er sie wünschte, und er kaufte drei samt dem Käfig, lud sie auf feine breite Schultern und trat den Rückweg an. Da kam es ihm sonderbar vor, daß nur zwei von diesen Gänsen schnatterten und schrien, wie rechte Gänse zu tun pflegen, di« dritte aber ganz still und in sich gekehrt da saß und Seufzer ausstieß und ächzte wie ein Mensch. „Die ist halb krank," sprach er vor sich hin, „ich muß ellen, daß ich sie umbringe und zurichte." Aber die Gans antwortete ganz deutlich und laute „Stichst du mich, So beiß' ich dich. Drückst du mir die Kehle ab. Bring' ich dich ins frühe Grab." Ganz erschrocken setzte der Zwerg Nase seinen Käfig niebcr, unö bW Gans sah ihn mit schönen, klugen Augen an und seufzte. ® der lau- send!" rief Nase. „Sie kann sprechen, Jungfer Gans? Das hätte ich nickst gedacht. Na, fei Sie nur nicht ängstlich! Man weiß zu leben und wir» einem so seltenen Vogel nicht zu Leibe gehen. Aber ich wollte wetten. Sie ist nicht von jeher in diesen Federn gewesen. War ich ja selbst ein- mal ein schnödes Eichhörnchen." „Du hast recht," erwiderte die Gans, „wenn du sagst, ich sei nicht in dieser schmachvollen Hülle geboren worden. Ach, an meiner Wiege wurde es mir nicht gesungen, daß Mimi, des großen Wetterbocks Tochter, in der Küche eines Herzogs getötet werden soll!" „Sei Sie doch ruhig, liebe Jungfer Mimi", tröstete der Zwerg. „Es wahr ich ein ehrlicher Kerl und Unterküchenmeister Seiner Durchlaucht bin, es soll Ihr keiner an die Kehle. Ich will Ihr in meinen eigenen Gemächern einen Stall an weisen, Futter soll Sie genug haben, und meine freie Zeit werde ich Ihrer Unterhaltung widmen; den übrigen Küchenmenschen werde ich sagen, daß ich eine Gans mit allerlei de- sonderen Kräutern für den Herzog mäste, und sobald sich Gelegenheit findet, setze ich Sie in Freiheit." Die Gans dankte ihm mit Tränen; der Zwerg aber tat, rote er versprochen, schlachtete die zwei anderen Gänse, für Mimi aber baute er einen eigenen Stall unter dem Vorwande, sie für den Herzog ganz besonders zuzurichten. Er gab ihr auch kein gewöhnliches Ganse- futter, sondern versah sie mit Backwerk und süßen Speisen. So oft er freie Zeit hatte, ging er hin, sich mit ihr zu unterhalten und sie zu trösten. Sie erzählten sich auch gegenseitig ihre Geschichten, und Rase erfuhr auf diesem Weg«, daß die Gans eine Tochter des Zauberers Wetterbock fei, der auf der Insel Gotland lebe. Er sei in Streit geraten mit einer alten Fee, die ihn durch Ränke und List überwunden und sie zur Rache in eine Gans verwandelt und weit hinweg bis hierher gebracht habe. Als der Zwerg Nase ihr seine Geschichte ebenfalls erzählt hatte, sprach sie: „Ich bin nicht unerfahren in diesen Sachen. Mein Vater hat mir und meinen Schwestern einige Anleitung gegeben, soviel er nämlich davon mitteilen durfte. Die Geschichte mit dem Streit am Kräuterkorb, deine plötzliche Verwandlung, als du an jenem Kräutlein rochst, auch einige Worte der Alten, die du mir sagtest, beweisen mir, daß du auf Kräuter bezaubert bist, das heißt: wenn du das Kraut auffindest, das sich die Fee bei deiner Verzauberung gedacht hat, jo kannst du erlöst werden." Es war dies ein geringer Trost für den Kleinen: denn wo sollte er das Kraut auffinden? Doch dankte er ihr und schöpfte einige Hoffnung. Um biete Zeit bekam der Herzog einen Besuch von einem benachbarten Fürsten, feinem Freunde. Er ließ daher seinen Zwerg Nase vor sich kommen und sprach zu ihm: „Jetzt ist dte Zeit gekommen, wo du zeigen mußt, ob du mir treu dienst und Meister deiner Kunst bist. Dieser Fürst, der bei mk zu Besuch ist, speist bekanntlich außer mir am besten und ist ein großer Kenner einer feinen Küche und ein weiser Mann. Sorge nun dafür, daß meine Tafel täglich also besorgt werde, daß er immer mehr in Erstaunen gerät. Dabei darfit du, bet meiner Ungnade, solange er da ist, keine Speise zweimal bringen. Dafür kannst du dir von meinem Schatzmeister alles reichen laßen, was du nur brauchst. Und wenn du Gold und Diamanten in Schmolz backen mußt, so tu es! Ich will lieber ein armer Mann werden, als erröten vor ihm. So sprach der Herzog. Der Zwerg aber sagte, indem er sich anständig ocrbei gte: „Cs sei, wie du sagst, o Herr! So es Gott gefällt, werde ich alles jo machen, daß es diesem Fürsten der Gutschmecker wohtgefällt. Der kteine Koch suchte nun seine ganze Kunst hervor Er schonte die Schütze seines Herrn nicht, noch weniger aber sich seibsi. Denn man sah ihn den ganzen Tag in eine Wolke von Rauch und Feuer eingehüllt, und seine Stimm« hallte beständig durch das Gewölbe der Küche; denn er besahl als Herrscher den Küchenjungen und niederen Köchen. Der fremde Fürst war schon vierzehn Tage beim Herzog und lebte herrlich und in Freuden. Sie speisten des Tages nicht weniger als fünf- nral, und der Herzog war frieden mit der Kunst des Zwerges, denn er sah Zufriedenheit aus der Stirne seines Gastes. Am fünfzehnten Tage aber begab es sich, daß der Herzog den Zwerg zur Tafel rufen ließ, ihn seinem Gast, dem Fürsten oorstellte und diesen fragte, wie er mit dem Zwerge zufrieden sei. „Du bist ein wunderbarer Koch," antwortete der fremde Fürst, „uno weißt, was anständig essen heißt. Du hast in der ganzen Zeit, daß ich hier bin, nicht eine einzige Speise wiederholt und alles trefflich bereitet. Aber sage mir doch, warum bringst du so lange nicht die Königin der Speisen, die Pastete Souzeraine?" Der Zwerg war sehr erschrocken; denn er hatte von dieser Pastetenkönigin nie gehört; doch faßte er sich und antwortete: „O Herr! noch lange, hoffe ich, sollte dein Angesicht leuchten an diesem Hoflager, darum wartete ich mit dieser Speise; denn mit was sollte dich denn der Koch begrüßen am Tage des Scheidens als mit der Königin der Pasteten!" „So?" entgegnete der Herzog lachend. „Und bei mir wolltest du wohl warten bis an meinen Tod, um mich dann noch zu begrüßen?, Leun auch mir haft du die Pastete noch nie vorgesetzt. Doch denke auf einen anderen Scheidegruß, denn morgen muht du die Pastete auf die Tafel setzen." „Es fei, wie du fagst, Herr!" antwortete der Zwerg und ging. Aber er ging nicht vergnügt; denn der Tag seiner Schande und seines Unglücks war gekommen. Er wußte nicht, wie er die Pastete machen sollte. Er ging daher in seine Kammer und weinte über sein Schicksal. Da trat die Gans Mimt, die in seinem Gemach umhergehen durste, zu chm und fragte ihn nach der Ursache feines Jammers. „Stille deins Tränen," antwortete sie, als sie von der Pastete Souzeraine gehört, „dieses Gericht kam oft auf meines Vaters Tisch, und ich weih ungefähr, was man dazu braucht; du nimmst dies und jenes, so und so viel, und wenn es auch nicht durchaus alles ist, was eigentlich dazu nötig, die Herren werden keinen so feinen Geschmack haben." So sprach Mimi. Der Zwerg aber sprang auf vor Freuden, segnete den Tag, an welchem er die Gans gekauft hatte, und schickte sich an, die Königin der Pasteten zuzurichten. Er machte zuerst einen kleinen Versuch, und siehe, es schmeckte trefflich, und s der Oberküchenmeister, dem er davon zu kosten gab, pries aufs neue ! feine ausgebreitete Kunst. Den andern Tag setzte er die Pastete in größerer Form auf und 5 schickte sie warm, wie sie aus dem Ofen fam. nachdem er sie mit Blumen- ' kränzen geschmückt hatte, auf die Tafel. Er selbst, aber zog sein bestes i Festkleid an und ging in den Speisesaal. Als er eintrat, war der Ober- '■ vorschneider gerade damit beschäftigt, die Pastete zu zerschneiden und auf I einem silbernen Schäuflein dein Herzog und seinem Gaste hinzureichen. : Der Herzog tat einen tüchtigen Biß hinein, schlug die Augen auf zur | Decke und sprach, nachdem er geschluckt hatte: „Ah! ah! ah! mit Recht s nennt man dies die Königin der Pasteten; aber mein Zwerg ist auch . der König aller Köche! Nicht also, lieber Freund?" Der Gast nahm einige kleine Bissen zu sich, kostete und prüfte auf- ; merksam und lächelte dabei höhnisch und geheimnisvoll. „Das Ling ist recht artig gemacht," antwortete er, indem er den Teller hinwegrückte; „aber die Souzeraine ist es denn doch nicht ganz; das habe ich mir wohl gedacht." Da runzelte der Herzog vor Unmut die Stirne und errötete vor Beschämung. „Hund von einem Zwerg!" rief er. „Wie wagst du es, deinem .Herrn dies anzutun? Soll ich dir deinen großen Kops abhacken lassen zur Strafe für deine schlechte Kocherei?" „Ach Herr! um des Himmels willen, ich habe das Gericht doch zubereitet nach den Regeln der Kunst, es kann gewiß nichts fehlen!" so sprach der Zwerg und zitterte. „Es ist eine Lüge, du Bube!" erwiderte der Herzog und stieß ihn mit dem Fuße von sich. „Mein Gast würde sonst nicht jagen, es fehlt etwas. Dich selbst will ich zerhacken und backen lassen in eine Pastete!" „Habt Mitleiden!" rief der Kleine und rutschte auf den Knien zu dem Gast, dessen Füße er umfaßte. „Saget, was fehlt an dieser Speise, daß sie Eurem Gaumen nicht zusagt? Lasset mich nickst sterben wegen ; einer Handvoll Fleisch oder Mehl." „Das wird dir wenig helfen, mein lieber Nase," antwortete der : Fremde mit Lachen; „bas habe ich mir schon gestern gedacht, daß du diese Speise nicht machen kannst wie mein Koch. Wisse, es fehlt ein ■ Kräutlein, das man hierzulande gar nicht kennt, das Kraut N i e s m i t - • tust; ohne dieses bleibt die Pastete ohne Würze, und dein Herr wird i sie nie essen wie ich." Da geriet der Herrscher in Frankistan in Wut. „Und doch werde ich ' sie essen," rief er mit funkelnden Augen; „denn ich schwöre auf meine fürstliche Ehre: entweder zeig« ich Euch morgen die Pastete, wie Ihr '■ sie verlanget — oder den Kopf dieses Bursckjen, aufgespießt auf dem Tor meines Palastes. Gehe, du Hund, noch einmal gebe ich dir vierundzwanzig Stunden Zeit." So rief der Herzog; der Zwerg aber ging wieder weinend in fein Kämmerlein und klagte der Gans fein Schicksal, und daß er sterben müsse; denn von dem Kraut hab« er nie gehört. — „Ist es nur dies," Sfie, „da kann ich dir schon helfen; denn mein Datei lehrte mich alle er kennen. Wohl wärest du vielleicht zu einer anderen Zeit des Todes gewesen; aber glücklicherweise ist es gerade Reumond, und um diese Zeit blüht das KrSutkein Doch sage an, sind alte Kastanisnbäume in der Nähe des Palastes?" „O ja!" erwiderte Nase mit leichterem Herzen, „am See, zweihundert Schritte vom Haus, steht eine ganze Gruppe; doch warum diese?" „Rur am Fuße alter Kastanien blüht das Kräutlein", sagte Mimi. „Darum laß uns keine Zeit versäumen und suchen, was du brauchst; nimm mich auf deinen Arm und setze mich im Freien nieder; ist will dir suchen." Er tat, wie sie gesagt, und ging mit ihr zur Pforte des Palastes. Dort aber streckte der Türhüter sein Gewehr vor und sprach: „Mein guter Nase, mit dir ift's vorbei, aus dem Hause darfst du nicht, ich habe den strengsten Befehl darüber." „Aber in den Garten kann ich doch wohl gehen?" erwiderte der Zwerg. „Sei so gut und schicke einen deiner Gesellen zum Aufseher der Palastes und frage, ob ich nicht in den Garten gehen und Kräuter suchen dürfte?" Der Torhüter tat also, und es wurde erlaubt; denn der Garten hatte hohe Mauern, und es war an kein Entkommen daraus zu denken. Als aber Nase mit der Gans Mimi ins Freie gekommen war, fetzte er sie behutsam nieder, und sie ging schnell vor ihm her dem See zu, wo bie Kastanien standen. Er folgte ihr nur mit beklommenem Herzen; denn es war ja feine letzte, einzige Hoffnung; fand sie das Kräutlein nicht, f» stand fein Entschluß fest: er stürzte sich dann lieber in den See, als daß er sich köpfen ließ. Die Gans suchte aber vergebens, sie wandelte unter allen Kastanien, sie wandte mit dem Schnabel jedes Gräschen um, es wollte sich nichts zeigen, und sie fing aus Mitleid und Angst an zu weinen; denn schon wurde der Abend dunkler und die Gegenstände umher schwerer zu erkennen. Da fielen die Blicke des Zwergs Über den See hin, und plötzlich rief er: „Siehe, siehe, dort über dem See steht noch ein großer, alter Baum; laß uns dorthin gehen und suchen, vielleicht blüht dort mein Glück." Die Gans hüpfte und flog voran, und er lief nach, so schnell seine kleinen Beine konnten; der Kastanienbaum wars einen großen Schatten und es war dunkel umher, säst war nichts mehr zu erkennen; aber da blieb plötzlich die Gans stille stehen, schlug vor Freuden mit den Flügeln, fuhr dan schnell mit dem Kopf ins hohe Gras und pflückte etwas ab, das sie dem erstaunten Nase zierlich mit dem Schnabel überreichte, und sprach: „Das ist das Kräutlein, und hier wächst eine Menge davon, so daß es dir nie daran fehlen kann." Der Zwerg betrachtete das Kraut sinnend; ein süßer Duft strömte ihm daraus entgegen, der ihn unwillkürlich an die Szene seiner Verwandlung erinnerte; die Stengel, die Blätter waren bläulichgrün, sie trugen eine brennend rote Blume mit gelbem Rande. „Gelobt sei Gott!" rief er endlich aus. „Welches Wunder! Wisse: ich glaube, es ist dies dasselbe Kraut, das mich aus einem Eichhörnchen in diese schändliche Gestalt umwandslte; soll ich den Versuch machen?" „Noch nicht", bat die Gans. „Nimm von diesem Kraut eine Handvoll mit dir, laß uns auf dein Zimmer gehen und dein Geld und was du sonst hast zusammenraffen, und bann wollen wir die Kraft des Krautes versuchen!" Sie taten also und gingen auf seine Kammer zurück, und das Herz des Zwerges pochte hörbar vor (Erroarhmg. Nachdem er fünfzig oder sechzig Dukaten, die er gespart hatte, einige Kleider und Schuhe zu- saminen in ein Bündel geknüpft hatte, sprach er: „So es Gott gefällig ist, werde ich dieser Bürde los werden", steckte seine Nase tief in die Kräuter und sog ihren Duft ein. Da zog und knackte es in allen feinen Gliedern, er fühlte, wie sich fein Kopf aus den Schultern hob, er schielte herab auf feine Nase und ah sie kleiner und kleiner werden, fein Rücken und feine Brust fingen an, sich zu ebnen, und feine Beine wurden länger. Die Gans sah mit Erstaunen diesem allen zu. „Ha! was du groß, was du scholl bist!" rief sie. „Gott fei gedankt, es ist nichts mehr an dir von allem, wie du vorher warst!" Da freute sich Jakob sehr, und er faltete die Hände und betete. Aber feine Freude ließ ihn nicht vergessen, welchen Dank er der Gans Mimi schuldig sei; zwar drängte ihn sein Herz, zu feinen Eltern zu gehen; doch besiegte er aus Dankbarkeit diesen Wunsch und sprach: „Wem anders als dir habe ich es zu danken, daß ich mir selbst wiedergeschenkt bin? Ohne dich hätte ich dieses Kraut nimmer gefunden, hätte also ewig in jener Gestalt bleiben oder vielleicht gar unter dem Beile des Henkers sterben müssen. Wohlan, ich will es dir vergelten. Ich will dich zu deinem Vater bringen; er, der so erfahren ist in jedem Zauber, wird dich leicht entzaubern können." Die Gans vergoß Freudentränen und nahm sein Anerbieten an. Jakob kam glücklich und unerkannt mit der Gans aus dem Palast und machte sich auf den Weg nach dem Meerssstrand, Mimis Heimat zu. Was soll ich noch weiter erzählen, daß sie ihre Reise glücklich vollendeten, daß Wetterbock seine Tochter entzauberte und den Jakob mit Geschenken beladen entließ, daß er in seine Vaterstadt zuruckkam und daß seine Eltern in dem schönen jungen Mann mit Vergnügen ihren verlorenen Sohn erkannten, daß er von den Geschenken, bie er von Wetterbock mitbrachte, sich einen Laden kaufte und reich und glücklich wurde. Nur so viel will ich noch sagen, daß nach seiner Entfernung aus dem Palast des Herzogs große Unruhe entstand; denn als am anderen Tage der Herzog feinen Schwur erfüllen und dem Zwerg, wenn er die Kräuter nicht gefunden hätte, den Kopf abfchlagen lassen wollte, war er nirgends zu finden; der Fürst aber behauptete, der Herzog habe ihn heimlich ent, lammen lasten, um sich nicht seines besten Kochs zu berauben, und klagte ihn an, bah er wortbrüchig sei. Dadurch enlftanb denn ein großer Krieg zwischen beiden Fürsten, der in der Geschichte unter dem Namen „Kräuter, krieg" wohlbekannt ist; es wurde manche Schlacht geschlagen, aber am Ende doch Friede gemacht, und diesen Frieden nennt man bei uns den „Pastetensrieben", weil beim Versöhnungsfest durch den Koch des Fürsten die Souzeraine, die Königin der Pasteten, zubereitet wurde, welche sich der Herr Herzog trefflich schmecken lleß. Verantwortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Verlag: BrühL'fche AniversUats-Buch» und Steindruckerei, R. Lunge, Gießen.