GiehenerKinnIienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger IahrgangMr Samstag,-en 22. Gltober Nummer 8^ Vergänglichkeit. Von Hermann Hesse. Vom Baum des Lebens fällt Mir Blatt um Blatt. O taumelbunte Welt, Wie machst du satt. Wie machst du satt und müd, Wie machst du trunken! Was heute noch glüht. Ist bald versunken. Bald klirrt der Wind Heber mein braunes Grab, Heber das kleine Kind Beugt sich die Mutter herab. Ihre Augen will ich wiederfshn, Ihr Blick ist mein Stern, Alles andre mag gehn und verwehn, Alles stirbt, alles stirbt gern. Nur die ewige Mutter bleibt, Von der wir kamen, Ihr spielender Finger schreibt In die flüchtige Luft unsre Namen. Beschneite Spinnweben. Eine Chegeschichke. Von Max Brod. (Nachdruck verboten.) Das junge Ehepaar Hopfner hatte den Brauch eingeführt, bei Mißverständnissen den schriftlichen Gedankenaustausch an Stelle des mündlichen zu bemühen. In Briefen begrenzt man sich, schon wegen der Schreibarbeit, und hält damit auch den Streitfall in den engsten Grenzen. Gespräche fließen, selbst bei kleinen Anlässen, leicht ins Aergerlich- Allgemeine. Andere als kleine Anlässe für derartige, stets halb spaßhafte Briefwechsel hatte es übrigens in dieser glücklichen Ehe zweijährigen Bestandes bisher nicht gegeben. Diesmal aber schien es Ernst. Es ging um mehr als um die in sich selbst widerspruchsvolle und daher gleichsam von Geburt an widerlegte Eifersüchtelei wegen eines Berliner Theaterschülers, um mehr als eine Meinungsverschiedenheit hinsichtlich eines Balles in Stadt Eger und Hmgegend — diesmal schien der Kern dieser Ehe, die ganze Süßigkeit ewigen, als ewig empfundenen Zusammenseins mit Auflösung bedroht. Anders wäre es nicht zu begreifen, daß Herr Stephan Hopfner statt in fein Fabrikkontor zu gehen, was er allerdings immer nur sehr ungern tat, oder mit seiner Frau zu frühstücken, was ihm hingegen eine stets erfreuliche und ausführlich zu dehnende Situation vorstellte, daß er statt dessen schon die zweite Stunde in seinem Bibliothekszimmer saß, schrieb und das Geschriebene überlas, wobei immer von neuem Bitternis des schon Dargelegten und Bitternis des nicht Darzulegenden sich auf der Fläche seines Antlitzes wie auf einer Malerpalette mischten und in unzähligen Furchen, wechselnden Figuren ineinanderliefen. — Sein dunkelhäutiges Gesicht gehörte zu jenen, denen die vielen Falten — Falten selbst an solchen Stellen, an denen sonst Falten ungewöhnlich sind, z. B. unterhalb der Schläfen, längs den Ohren hin — durchaus nichts Greisenhaftes, sondern eher sogar den Ausdruck erhöhter, weil doppelt lebendiger Jugendlichkeit geben. Freilich neigen solche Gesichter, ganz ebenso wie sie Freude gleichsam in all den scharfen Fältchen blinzelnd widerspiegeln, auch dazu, bei Eintritt einer Bekümmernis diese mit ganz besonderer Zerrissenheit und Verzweiflung auszudrücken. Stephan Hopfner las: (Seine Frau hieß Mathilde. Aber mit diesem hochgebildet norddeutschen Namen hatte er nichts anzufangen gewußt. So hatte er allmählich die Umformung ins geliebte Oefterreichische vorgenommen.) „Mirl' Das war nicht gut, das war nicht schön von dir. Ich meine jetzt nicht den Vorschlag, den du mir gestern gemacht hast. Ich meine: die Begründung. Siehst du — wenn du mir direkt gesagt hättest: ich habe wieder Lust zum Theater, ich halt's nicht mehr aus in der Einöde, in die du mich verzahrt hast — ich muß nach Berlin, in die Großstadt — zweimal im Monat Prag oder Nürnberg, das genügt mir nicht — ich will wieder hinaus ins wilde Leben, auf die Straße der großen Zukunft — siehst du, das hätte ich verstanden. Ich weiß ja sehr gut, vielleicht besser als du ahnst, welches Opfer du mir gebracht hast, als du mit mir von Berlin hierher zogst, wie in die Verbannung. Ein mittlerer Fabrikbesitzer in Eger, was kann der dir schon bieten; von Anfang an war es mir klar, daß deine Schönheit — deine Begabung — ja, laß mich alles sagen, wie es ist, laß mich alles mit dem richtigen Namen nennen — daß deine ganze großartige Person, die ich verehre, auf mehr als Durchschnittsschicksal Anspruch hat, das ich dir bieten konnte. Es kommt jetzt gar nicht in Betracht, daß zufällig in dem Zeitpunkt, in dem ich in deinem Leben auftauchte, selbst dieses Durchschnittsschicksal eine günstige Wendung für dich, vielleicht sogar (auch dies will ich offen so bezeichnen, wie es mir vorschwebt) eine Art Rettung bedeutete. Das war eben ein Augenblickstatbestand damals, Inflation in Deutschland, Abbau der höchsten Offiziere des alten Heeres- also auch deines Vaters, sein unaufgeklärter Tod — eine Augenblickskonstellation, in der du vorübergehend besonders hilfsbedürftig warst und in der ich zufällig zur Stelle war — ganz ohne mein Verdienst und ganz ohne, daß ich daraus irgendeinen noch so blassen Anspruch ableiten wollte — denn ebensogut hätte ein anderer, Besserer, Mächtigerer ... Doch wozu dies aufführen! Cs könnte dich verletzen, wie auch mich die Erwägung all dessen, was hätte sein können und was (zu meinem Glück) doch eben mir so gekommen ist, wie es jetzt ist und wie ich es als festesten, ja als einzigen guten Bestand meines Daseins erfasse — wie auch mich diese Erinnerung und Erwägung nur verletzt und erregt. Allerdings wollten wir gerade Erregung einander niemals ersparen. Im Gegenteil, unser Bund ging dahin, einander alles zu sagen und im Vertrauen auf die wirkliche, also schrankenlose Liebe, die wir zueinander haben ..." Stephan hielt ein, wollte die letzten Sätze streichen. Sie schienen ihm etwas willkürlich, zornig, falsch eingehakt in den sonst so unmittelbar zwingrichtig aus ihm hervorgesprungenen Gedankengang des Briefes. Doch fiel ihm in der Erregung nichts ein, was feinem Gefühl anschmie- gender entsprochen hätte. Heberdies hatte ja Mathilde die Fähigkeit, auch aus dem nur halbwahr Ausgedrückten das Wahrgemeinte herauszulesen. Er strich also nichts, begann aber reinlichkeitshalber einen neuen Absatz. „Das Hintenherum fft es, was mich an deinem Vorschlag kränkt. Du begründest deinen Entschluß, wieder zur Bühne zu gehen, mit den geschäftlichen Schwierigkeiten, in die mein Unternehmen geraten ist und van denen ich dir (muß ich jetzt nicht hinzufügen: leider — leider —) Mitteilung gemacht habe. Du sagtest gestern, daß du es nicht mehr mitansehen könntest, wie ich mich zerplage, und daß du dich verpflichtet und fähig fühlst, mir zu helfen. Mir in dieser Art, gerade in dieser Art zu helfen, das heißt: mit Geld, indem du Stargagen beziehst usw. Ich habe nichts mehr geantwortet. Wir sind schweigend in unsere Zimmer gegangen. Geschlafen habe ich allerdings nicht. Hier nun meine Antwort: Cs ist wahr, daß es mir schlechter geht, bedeutend schlechter als zu Beginn unserer Ehe. Es ist wahr, der Export leidet unter ganz ungewöhnlichen Hemmungen. Die Krise Europas, hierin wie in allem. Noch mehre ich mich, Arbeiter zu entlassen. Ich kann und will meine Leute, die schon ohnehin zwei Feierschichten in der Woche einlegen, nicht ganz aus ihrem Brot setzen. Ein Fehler, daß ich meine Sorgen so offen, so ganz und gar vertrauensselig mit dir diskutiert habe? Deine Bitte, alles zu wissen, was mich ängeht, ^vielleicht allzu wörtlich nehmend? Und wenn ich nun eben leider so bin, daß ich mich nicht verstellen kann, daß ich von Dingen, die mich bewegen, seien es selbst Geschäftsdinge, mit dir reden muß — vielleicht viel zu viel, vielleicht viel zu unbedacht —" Stephan blickte böse vor sich hin. Nur scheinbar böse, in Wahrheit gerührt — gerührt über sich selbst. Tränen in den Augen, da er sich seiner im Grunde so wehrlosen, so leidensbereiten Natur wieder einmal klar bewußt wurde. Gerade mn dieser Weichheit willen war er sich selbst böse. Sich selbst oder der ganzen Welt? Er wußte es nicht. Ein Aufruhr ließ alle seine Gefühle durcheinanderfahren. „Ich weiß, daß du mich nicht des Geldes wegen geheiratet hast." Sofort streichen! Viel zu grob, ganz und gar in falsche Richtung geraten. — Er strich mit vielen Kreuz- und Ouerzügen, füllte über und unter den kleinen Buchstaben, wie „ro" und „a", die ganze Zeilenbreite bis zur Höhe und Tiefe der „h" und „g" aus, nervös sorgfältig, damit mich nicht einmal aus der Form des Hntenntlichgemachten die Kontur der gestrichenen Worte erraten werden könne; es gibt dieses radikale, klecks- artige Durchstreicheu, das mit dem Vernichten richtig Ernst macht, neben einem viel nobleren, eigentlich ehrlicheren Verfahren, das durch die ungültigen Worte einfach nur einen oder zwei Striche zieht und sie damit dem Partner als immerhin noch lesbar, wenn auch überholt präsentiert. „Das Furchtbare unserer Zeit", begann er vom anderen Zipfel aus, es kann alles in Geld ausgedrückt werden! Zumindest gibt es, vorsichtiger und daher ätzender ausgedrückt, einen entscheidenden Geldanteil an allem. Ich brauche dich nicht zu erinnern, wie wir beide von Anfang an uns bemüht haben, dem Geld gegenüber als der Hauptmacht dieses grausamen (Erbentreibens eine klare, ehrliche Stellung einzunehmen. Es ist ja seltsam, daß alles so verlogen, was vom Gelds gesprochen und geschrieben wird. Ein aufrichtiges Wort kann man über alles hören, über die heikelsten Mißstände; über das Geld niemals. Vielleicht wird gerade deshalb, weil tatsächlich nahezu alle Gefühle unter die Herrschaft des Unwesen. No, Jahre Hindus ^er geschichtliche Schinderhannes. Ban Dr. Ernst Kayser. Dieser Tage fand im Berliner Lessing-Theater die erfolgreiche Uraufführung von Carl Zuckmay erneuern Schauspiel „Schinderhannes statt. Format, per deutsche Cartouche, syny)a- tdNctier als man wer lerner uener beleumundeten Zeitgenossen, ein r mit Humor, Galanterie, nicht geringer Schlauheit und mner GewäM keitsliebe, die manchmal mit den Schattenseiten seines Charakters ver öhnt Sein TätigkZtsfeld ist der Mittelrhein, dort, wo Hunsruck! ug Taunus einander grüßen, wo sich der Odenwald dehnt. Da sind sie Wälder «eit, dunkel, verschwiegen, des Räubers romantisches Nach quartier. Da treiben, seit dem dreißigjährige Krieg Räuberbanden ihr -- - ™ idj schlimmer wird es un 18. Jahrhundert — säst hunoeri rch wird am Rhein gekämpst und gerauft, gesengt und ge brannt,'geplündert und gebrandschatzt, Leben un^ Gtgentum Mla^^tet denn kein starker Arm schützt Ordnung und Recht. Die große Revolution läßt die Verwirrung der Gemüter ihren Höhepunkt erreichen. In solchen Zeitläuften wächst Schinderhannes auf. ^inen nom a guerre hat er von seinem Vater, der, wie die meisten seiner Vorfaywn, das Gewerbe des Abdeckers, des Schinders, betreibt. Der ber hmi^ Sproß der „Dynastie" wird um 1778 geboren. Seine Jugendsteht ume° einem unfreundlichen Stern. Der Vater, den die Armut auf die schäft treibt, der nach Polen auswandern will, „unterwegs tmienuw Soldat wird, desertiert, wieder in die Heimat zurück.kehrt, nm IW _ < schlecht als recht durchs Leben zu schlagen, wird andere Sorgen >w gehabt haben, als seinem Sohn eine sorgfältige Erziehung angeaeiy s1nirh„f wollte er seine Frau nicht entlassen. Es war schon an sich Ni Wirbel woure er fti v> Frau und Mann keinen gemem- “ Ä?anü aefübrt Ä - solchen Standesausfassungen entzieht L kick doch nur^aul Freude, aus Begeisterung über das, was man aber oder gar Befletlttnmj e npw a(ten Bindungen ^ibm "fast unzulänglichen und jedenfalls unverständlichen Offiziers- fachitte wikder - oder^Schli'Nmerem (seltsam, wie hinter den schonenden — großer Tei! feines Unbehagens fchiich iich von der ^-sEde-en SItiiation ber in der er Mathilde kennengelernt hatte. Auf einem « inst «ball bat e er sie aus den Händen zudringlicher betrunkener Koll äen befreit Dann sofort mit wilder Energie die Alternative gestellt ^Berlin und dieses Leben weiterhin oder mich — was wählst du. Si^nickte^ernst ^Btan^klmüte^ihr^ ansehen, daß der Entschluß aus der Tiefe kam. — Eine Weile noch lief er vergebens Sturm gegen ihre Bofition bis ihm plötzlich einfiel, daß sie irrt Hereintreten, Mit ihrer schwingenden lachenden Stimme, doch eigentlich genau das Gegenteil Ät,9 feinen ganzen Brief für überflüssig erklärt hatte, um eines einzigen Satzes willen, der genügte. . , , ,, ' Da war es doch klar gewesen, daß sie bleiben «olleUnd> letzt hatte er sicb in die Irre locken lassen — immer Mit dem Gefühl, daß IN Ihrer Nähe das Denken so schnell und mühelos vonstatten Sehe. Schnell wohl. Aber unlogisch, falsch. Ihre Macht über ihn war zu groß. Ihr Duft Ver- sübruna Und in dieser wichtigen Stunde! Das durfte nicht fein! - Sachte 9machte er sich frei. Schob sie vom Schoß hinunter. „Warte em« "'°Nun9mertt?fst"wie er sich - auch innerlich - von ihr entfernte Das Wort von der Scheidung hatte sie scherzend mbie ^E seschleudert. Das macht gar nichts aus. Aber dieses etwas zaghafte "^arte einmal klang viel verletzender, klang plötzlich ganz scharf nach. Mathilde richtete sickt steif auf streifte mit zwei Fingern über die Morgenrockfalten, als Krippte ^^'ein SÄubchen weg^Plötzlich war die Witzsti—g m W ie einander auch Bedenkliches leichchin sagen konnten, von beiden gewichen. Die Frau ging schnell zur Türe und hinaus. Ein- Zeit der Schwäche fiel über Stephan. Ekel vor dem Leben. Sagte er’s lateinisch vor sich hin: Ta-aium vitae so klang es immerhin noch anständiger, weniger ekelhaft, als er s m feinem Herzen sitzen fühlte. (Fortsetzung folgt.) viststströser Uebertreibung, die nichts ersaßt und niemandem wehtut, oder SS srä »fer 5,?Ä Kd? n »fr® u»d Llrtofn« »IW«> «rerkn Ion« - ~g* » s Nickst aebörH Eine dieser Vorbedingungen: man muß nur über- auvt Mig sein Glück z.i empfinden - gesund, jung, dankbar für alles -rttöne Luft und Licht. Aber ist man das — dann, )a 9erabe bann es darauf an: ob man Mangel leidet oder ob man Geld hat. (Selb kann zu Lebenslust, Freude, ja zu Güte und Enthusiasmus norden. Das ist das Entscheidende. Geld geht seiner Substanz nad) n*4t in Fressen und Saufen Über — auch in Ethuflasmus, m reinste sattste- luna Warum die Augen vor dieser Wahrheit schließen. «ie ist schw uiÄ sie" hat etwas sehr Häßliches an sich. An ihr selbst hastet etwasv dem stwang, ich möchte sagen: von ber Schwerkraft des Gelbes ist schwer schwer, ich möchte bas Wort hundertmal hmteremander hm- »reiben — Schwer ist geradezu die Prägung, die unsrem ganaen®a- fein aufgedrückt ist Man soll es wissen. Man darf es mcht ableugnen wollen, mit Volksschulsentenzen. Aber gerade barau darf nmn auQ Kremen dieser Erkenntnis erkennen. Es gibt Geld, ungeheuer, saft a mächtia Aber Nicht-Geld gibt es doch auch noch. Unsere Liebe gab es, aibt^es noch Für mich die einzige Ausnahme innerhalb dieser Wüste von ZchE Ze?ns umgidd Steine Fabrik unten - Schwere Derganze anormale Wirtschaftskampf der Nachkriegszeit — schwere. Der ~oo meines Vaters, die Uebernahme ber Arbeit hier, ganz plötzlich für mich, lierausgeriffen aus meinen Studien (et ego in Berlin, darf «h G — Schwere, Schwere. Und nur dich habe ich als einziges Gegengewicht — nein wie selbst in unserer Sprache immerfort von Schwerem die Rede ist — nicht als Gegengewicht, als Aufstieg 'N die unbeschwerte Licht-und Heiterkeitszone ber Seele gehabt. Sieh nur, Muck, gerade das ist es, was mich gestern so fürchterlich gepackt hat: daß bu plötzlich Geld auch in unsere Liebe einmengst.— 1 „Dann ist ja alles gut!" rief eine schwingende, glanzvolle, gleichsam von Lachen gesättigte Stimme hinter seinem Sessel hervor ... „Mehr hättest bu gar nicht schreiben müssen, als diesen einen Satz. Es war Mathilde. Ach, wie mit einem Schlag alle Sorge von ihm abstel glatt ganz so, wie die aufgeknackte Schale vom Haselnußkern ab= fXÄff alle seine Sorge bezog sich auf Mathilde. Wenn aber dieser Sorgengegenstand ins Zimmer tarn, war alle Sorge weg. Es gab gewissermaßen zwei Mathilden. Eine abwesende, die seit 1- viel zu denken, zu mühen aufgab. Und eine anwefende, von ber mchte als h Freude ausging. Uebrigens hieß nur diese zweite Mathilde Mirl. „3a, wie kommst denn du — ,Zch habe gelauert, ob du nicht endlich in die Fabrik hinübergehst. Dann bin ich leise 'reingeschlichen." „Und du hast schon alles gelesen, was ich da schmiere?" „Ach Quatsch." Sie setzte sich ihm auf den Schoß, schmiegte sich an, küßte ihn. „Ich denke gar nicht daran. Du willst mir nur ärgern. Es ist aber bloß ’n schwacher Versuch." Sie gebrauchte mit Vorliebe die groben Berliner Bolksausdrücke und er hörte sie so gern aus ihrem Munde, in hem sie etwas ungemein Zartes annahmen, ja etwas natürlich Kefang- volles nach Art eines geheimnisvoll trockenen, knisternden Gesanges. Das hellblaue Morgenkleid legte ihm kühle, von innen heraus warm pulsierende, fchlankgestreifte Falten an sein glühendes Gesicht. Ihr lilien- frischer Körperdust, zusammen mit dem dunkleren, ein wenig betäubenden Parfüm des Haares; etwas ungemein Gebankenanregendes, Beschwingendes ging von all dem aus. In die Atmosphäre der Frau eingehullt, die er liebte, spürte er die während des Schreibens mühsam genug zusammengereihten Ueberlegungen jetzt rasch hintereinander Form werden. Sie hatte eine Art, eine seiner Hände zwischen ihre beiden weichen, lauen Handflächen zu nehmen und zu reiben, die ihm ungemein half. Solch eine Kleinigkeit, ein ganz zarter Druck: und wie Hilft es, wie streicht es alle Slngft weg, die einem auf ber Brust sitzt. Wie erscheint plötzlich die Welt schrankenlos, voll von Möglichkeiten guter Art! In ihrer Gegenwart dachte er so gern. Das war es. Das war (so schien es ihm mit einem Schlag) ber Kernpunkt feines Glücks, ber Kern aber auch bes ganzen Zwistes. Denn gerabe ihre Gegenwart ihm zu entziehen, barauf zielte ja ihr böser Wunsch. „Geh' nich weg, bleib’ bei mir, Mirl", schmeichelte er. Ihr Gesicht würbe traurig. „Das kann ich nicht." „Unb wenn ich es verbiete." „Reben wir nicht davon." „Dann laß' ich mich scheiben." „Gut, angenommen!" Sie sprachen oft unb leicht von Scheibung — wie man von etwas ganz Unvorstellbarem leise spricht, wie man in luftiger Gesellschaft von Tod und Gespenstern erzählt, um sich doppelt bes Lebens zu freuen. „Unb bu mußt wirklich in biefes Berlin?" Er hatte eine geradezu abergläubige Scheu vor Berlin. Nicht baß er Berlin für nüchtern, ungraziös gehalten hätte, wie man bies als gedankenlos nachgesprochene Meinung so oft zu hören bekommt. Im Gegenteil, Berlin erschien ihm verwirrend reizvoll, zauberhaft, fein Steingrau strahlend von allen Leuchtfarben ber Welt. Gerade dahin aber, in diesen Das 18. Jahrhundert ging zu Ende unb mit ihm eine ganze Welt. In ff rankreich hatten die Sturmglocken die Revolution eingelautet, unter Strömen schäbigen und unschuldigen Blutes waren die Menschenrechte proklamiert worben; die Heere der Republik hatten die Grenzen über- schritten, um Europa eine neue Ordnung aufzuzwingen. Es mar ba frnft- iinb macktlose in Hunderte von Landern und Ländchen, Fursten- !Lrn und Ärschafttn zersplitterte, längst totkranke Deutsche Reich auf bas ber wuchtige Anprall dieser Revolutionsarmeen traf. Es mar ein ausaesoqenes, rechtloses Volk, zu dem die neue Lehre ber Freiheit brang, das sie nut Begeisterung aufnahm und den Freiheitsbaum auch in deutschen Landen aufpslanzte. -,. ,, ; „ Wie immer an den entscheidenden Punkten deutscher Geschichte, spien sich auch diesmal am Rhein das große Welttheater ad. Jn biesen letzten Jahren des 18. Jahrhunderts wird em buntes Stuck gespielt, nut gsist- Wn und weltlichen Potentaten, französischen Generalen und Sendboten, französischen und rheinischen Jakobinern und sansmlotten, hungerndem Volk und Abenteurern, Hasardeuren, Räubern und Wegelagerern, die s ) die allgemeine Verwirrung zunutze machen, der alten Ordnung, tee tone Autorität mehr besitzt, und 'der neuen, die noch mcht da ist, eine Nass drchen Vor diesem 'pittoresken Hintergrund spielt, selbst eine Proteste — ein Rauberhauptmann von L thischer als mancher seiner besser Madrider Zerbstbilder. Von E. v. Ungern - Sternberg. Der Oktober ist der sonnige Festmonat Kastiliens. Der Schutzheilige der Hauptstadt, der heilige Isidora, feiert seinen Namenstag, und Zehntausende von Fremden strömen nach Madrid, füllen die Hagels und .Pensionen, bestaunen in den Theatern, Cafes und VergnugungHtacken das großstädtische Leben, tanzen auf den Verbenas,trinken in der Vom- bilia roten Valdepenas oder fahlgelben feurigen Manzanillos und ver- lniieu Der Einfluß der häuslichen Not und der turbulenten Zeit macht ick schock früh bei Schinderhannes bemerkbar. Er betätigt sich als Pferde- ' daneben geht er, der Tradition getreu, bei einem Abdecker tn die Sein Brotgeber hat den jungen Hannes in besserem Andenken - Rallen als die Prozeßakten des Mainzer Tribunals. Uebsrhaupt ist der . lcböne Hans" bei aller Welt, besonders aber bei dem Weiblichen Gedeckt wohlgelitten. Und vielleicht wäre er bis an sein Lebensende ein ebrticher Mann geblieben, wenn er nicht in jungen Jahren ungerechter- cheile in dem Nahestädtchen Kirn öffentlich ausgeprügelt worden wäre, ^i er sich Tierfelle angeeignet hatte, die ihm rechtens zustanden. Dieses ^lebnis, das seinen Gerechttgkeitssinn empörte, treibt ihn auf die schiefe Bahn, an deren Ende das Schafott steht. Ackt Jahr», von 1795 bis 1803, dauert dieses abenteuerliche Dasein. Dis Franzosen sind im Land, das Volk leidet Not und hungert, «chmder-- Iiannes beginnt beim Eigentum des Feindes und.. reagiert sich so tue letzten Hemmungen a-b. Er wird festgesetzt, er entflieht wieder. Er gerat in Mubergesellschaft, wo er als anstelliger Novize angesehen ist, er uber- trunwst seinesgleichen als Meister. Bald hat er feine eigene, sorgsam aus- aeluckte Bande, seins Räuberburg, seine Rüubecli-ebchen, alles, was zum Wmantischen Banditen gehört. Unzählig sind die Anekdoten aus jener Tit üppig ist der Legendenkranz, der sich um diese wahrhaft populäre Er- icheinuna windet. Er'stiehlt in der Stacht einem Gerber sein ganzes Leder, um es ihm am nächsten Tag wieder zu verkaufen; er überfallt emen Ede - mann des Mainzer Hofes in seiner Prunkkarosse und zwingt den An g st - schlotternden, der auf Ehrenwort zum Schweigen verpflichtet wird, zu einem kleinen Rollenwechsel, fährt als Marquis nach Ems, wo er rmt bestem Gelingen den Kavalier spielt. Er schützt und fordert die Annen, er spielt den ritterlichen Verehrer schöner Frauen, er halt eine jur das Mainzer Theater engagierte Tänzerin in seinem Waldquartier aus und macht den liebenswürdigsten Gastgeber, nur nm fernem Feinds dem Mainzer Präfekten zu beweisen, daß er, der Schinderhannes, Herr un Hunsrück ist. Wer sich an dieser wahrhaft barocken Komödie des deutschen Räuberhauptmannes noch eingehender ergötzen will, vertiefe sich M die Literatur; zuletzt hat der bekannte Theatermann, Curt El wen s p o e k, dem Helden eine ausgezeichnete Monographie gewidmet. Freilich, urdiesAn Räuberleben geht es nicht immer scherzhaft zu. Ermge bluckge Hfaren heften sich an seinen Namen, und er wird mittelbar mit Mordtaten in Verbindung gebracht, obwohl er selbst stets klug genug ist, Buitvergiesten zu vermeiden. Man macht auf ihn Jagd; dte Franzosen, Herren im Lande, ziehen andere Saiten aus; ein Gesetz stellt Einbruchdiebstahl unter Todesstrafe. Aber Schinderhannes ist nicht leicht zu fangen. Denn er ist populär im Lande wie kaum einer, weil er sich gelegentlich ritterlich zeigt und de Anwalt der Gerechtigkeit spielt. „Schinderhannes fuhrt mir Krieg gegen Reiche lind Franzosen", manifestiert er einmal auf einem Schenktlsch, an dem er Rast gehalten hat. Die Unordnung und die Bestechlichkeit der Be- Eten leisten i^i Vorschub. Er ist der unbestrittene Herr des Waldes, dm man ungestraft nur mit seinem Geleitbrief passieren dars. Zum Verhängnis wird ihm das Ewig-Weibliche. Iulchen Blasius, seine Herzallerliebste, die ihm auf feinen Zu gen m Rimmer- klsibung folgt, die ihm nachher im Kerker zu Mainz em Kmd schenkt, eine praktisch denkende Frau, soll ihn auf bessere Gedanken gebracht haben Ihm selbst fehlt der Mut, bis ans Ende zu gehen. Er will ein neues Leben beginnen. Da fällt er den Häschern in die Hande, wird ernannt und verhaftet. Ganze Gemeinden kommen aus dem Hunsrück nach Mainz, um zu sehen, wie der berühmte Schinderhannes emgebracht wird. Eine Wohnungsnot entsteht in der Stadt. Fünfhundert Zeugen, sechs dicke Aktenbände, eine halbe Million Francs Gerichtskosten, das ungeteilte Interesse des Volkes machen diesen Prozeß vor dem Tribunal cnmmel sp&ial zur Sensation. Im Akademiesaal des kurfürstlichen Schlosses, wo ehedem bei den graziösen Festen des Mainzer Hofes Mozarts gowich heitere Muii-k erklungen war, wird verhandelt. Da steht em reuiger Sünder/ der um sein^Leben und um Schonung für den alten Vater und ‘ Iulchen bittet. Aber so günstig der Eindruck ist, den er bei semen Richtern hinterläßt, — mit neunzehn seiner Genossen besteigt er am 21. November 1803 das Blutgerüst und beweist noch im Sterben, daß er em Kerl war. Seine Popularität bleibt ihm bis zum letzteik Augenblick treu. Sie ötabt ist ein Heerlager von Fremden; geschSftsiüchttge Umernehmer haben „Extrafahrten zu der am 21. November, mittags 1 Uhr stawindenden Hinrichtung des Schinderhannes und seiner Gesellen, jims Franken die Person", eingerichtet. Die Schulen sind geschlossen. <-chon am Morgen werden — was sagt ihr, Reporter von 1927? — &Etrablatter mit sämtlichen Einzelheiten der Hinrichtung, verkauft, aus die das Volt noch wartet Unübersehlich ist das gefühlvolle Publikum, das Mumzig Kopfe fallen sieht. Ohnmächten und Nervenschocks sind an der Tagesordnung, aber es gibt auch robustere Naturen, die das ausgefangene Blut der Delm- quenten als Zaubertrank genießen. Schinderhannes lebt noch heute in der Erinnerung des Volkes Und wer durch ten Mainzer Stadtpark nach der Stelle wandert, wo ehedem das Lustschlötzchen des Kurfürsten stand, gelangt auf einen runden Platz, wo neunzehn Pappeln einen mächtigen Baum umstehen. Durch die Lichtung genießt der entzückte Blick dos alte, immer neue Bild der Vereinigung von Rhein und Main im Angesicht der blauen Taunusketten und der in flimmernde Luft getauchteii tunnreidjen Silhouette des goldenen Mainz. Auf diesem Platz, einem der schönsten Aussichtspunkte dieser Erde, singen heute im Rauschen der Baume Jpietenbe Kinder. Hier stand an jenem Novembertag das Schafott. Hier ist schinderhannes gestorben. zehren allerlei Krabben, Schnecken und Schaltiere dazu. Orchester (pieten Sevillanas, Seguidillas ober auch ganz modernen Charleston, dazwischen klimpern Gitarren, und irgendein Jüngling im breittrampigen Hut preßt die Mißtöne eines „Canto Iondo" aus feiner Kehle, die Chulas haben das bunte langbefranste Seidentuch um die Hüsten geschlungen und aus der Wiese des San Jsidoro werden Picknicks ab gehalten. Sas belfere Publikum flaniert auf der Castellano, die Frauen und Mädchen wollen ihre neuen Herbstkostüme bewundern lassen, und roenn es auch jeder weiß, daß diese eleganten Kleider oft Wochen und Monate Fasten gekostet haben und daß die Rechnungen auch heute noch nicht beglichen worden sind, so hat das weiter nichts zu bedeuten. Gute Kleidung ist für bett Spanier und für die Spanierin Lebensbedürfnis Man fd)rankt sich im Essen und in der Wohnung aufs äußerste ein, ja man ist barm allzu bedürfnislos, aber man hat einen guten Schneider. Gegen zwei Uhr nachmittags flaut der Korso ab, es ist bas die Madrider Fruhstuckszeit, in der die sorglosen Spaziergänger ihren befrfjeibenen Gocido rmt Kichererbsen oder gefallenen Stockfisch zu verzehren pflegt, die, mit Knoblauch vermischt, die beiden Nationalgerichte sind, die ost neben dem Brot die Nahrung ganzer Familien bilden. Um drei ober hier Uhr versammeln sich dann die Herren, noch mit dem Zahnstocher im Munde, mit einer Miene, als ob ihnen ein Lukullusmahl serviert worden wäre, in den Cafes oder Klubs und verbringen dort bei einer Taffe Kaffee die <>eck bis zu den Abendstunden, bis die Stunde zum Nachtmahl schlagt. Der Spanier pflegt gegen zehn Uhr abends feine Hauptmahlzeit emzunehmen, er geht nachher, wenn fein Geld dazu reicht, ins Kino oder ms Theater wo die Vorstellungen bis ein Uhr nachts dauern, um sich dann spater wieder mit Bekannten im Stammcafe zu treffen und erst gegen drei oder vier Uhr morgens nach Hause zu wandern. Der naive Fremde mag nun fragen, wann denn die Madrider Arbeitszeit ist, — ja, das ist em Ge- sondere Ueberraschung. Unter der väterlichen Diktatur GeneralJttmo be Riveras hatte das Land mehr als drei Jahre in politischem Schlummer gelegen und nun wird ihm eine Nationalversammlung geschenkt. Die steinernen Löwen vor dem Cortespalast tn ber carrera■*« San Jeronymo, die in dem vom Prado ammirbelnben «taube ganz grau geworden waren, müssen griesgrämig Zuschauern wie über der Inschrift Congreso de Diputados" eine neue „Asamblea Nacional angebracht luirb Die Jnschrifteil sind ein Symbol, eine Epoche lost hie andere ab, benn in der Nationalversammlung finden die Cortes ihr Grab. Die Volksvertretung hat ausgehört in Spanien 3» bestehen, die ^geordneten der Versammlung werden nämlich nicht gewählt, sondern von ber lut- tatur unter den tüchtigsten Leuten des Königreiches ausgesucht und durch Mas ernannt, sie dürfen keine Parteien bilden, sind in ihren Reden be- sckränkt und die Regierung ist nicht vor ihnen, sondern sie sind vor ber Regierung vercmtnwrtlich. In ben früheren Jahren war die Erosjnung her Cortes stets von außerorbentlichem Prunk begleitet. Alle Gala eouioaaen mit ihren kostbaren Verzierungen und Schnitzereien wurden aus den Hofremisen geholt, und ganze Züge edler Pferde goldbelabenen Geschirren vorgespannt. Läufer und Lakaien schritten vor dem t°mg- llcken Zuge die ganze Pracht des spanischen Hofes wurde habet entfaltet Hoftnarjchälle, Granden, Adjutanten, die königliche Eskorte tn ihren weißen, wehenden Mänteln, alles das wurde zur Parlament-- eröffnung aufgeboten. Aber jetzt ist von jedem großen Zeremoniell ab= aefeben worden. König Don Alfonso kam in seinem Auto vor den Palast der Asamblea Nacional vorgefahren, von der Regierung am Eingänge erwartet und bis zum Präsidentensessel geleitet, nahm die Huldigung der Versmnmlung entgegen und begab fick) wieder zurück ins Konigsschloß. Aus Anlaß ber Nationalversammlung ist in Madrid wieder viel von Verschwörungen und Komplotten geflüstert worden. Sowohl das Lebe, des Königs als auch des Diktators sind viele Male in Gefahr gewesen, aber immer hat ein glückliches Geschick über ihnen gewacht. Am Hoch' n>itsfnni’ des iungen Königs, am Tage seiner Vermahlung tm Sabre 1906 mit der Prinzessin Viktoria von Battenberg, platzte an dern Ruck- wea von de! Öe ein Meter vor dem Brautwagen eine Bombe. Die Pferde wälzten sich im Blute, Kutscher und Adjutant f°wte nm gan^eu 31 Personen wurden getötet, König und Königin aber stiegen 'umckten einer entsetzllchen Panik, zwar blutbefleckt und von Glas- und Holzsplittern übersät, aber selbst unverletzt, aus dem zertrümmerten Wagen. lmnn snram pon einem Wunder, und dasselbe „Wunder hat sich seitdem u»n"gstens zehnmal wiederholt. Noch im Vorjahre wurde eme knappe Minute bevor der Zug, in dem sich die königliche Hamicke, der Dittator Vrimo de Rioera und einige Minister befanden, tn einen -tunnel entfuhr, iuirrfi einen reinen Zufall unter den Schienen eme Bombe von ungeheurer Durchschlagskraft entdeckt. Mehrmals haben Kugeln ihr Ziel oer= fehlt fo «Sn beim ber König und Diktator ihr Leben gefett unb ver= irfimähcn9 alle befoubereu Vorsichtsmaßregeln. Sei bewegen sich ohne LL, Rrfjui, in her Oeffentlichkeit, besuchen Theater und die Arena, jähren L recken durchsL belebtesten Straßen und lächeln über die Gefahr, mit der man sie schrecken will. Wenn natürlich auch nimumbvor ber Bombe ober ber Kugel eines fanatischen Attentäters gesichert ist, so hat ■ wen gstens Primo be Rivera den Vorzug, daß er sich nicht vor Revolu- > Hmu.» m iürditeu braucht. Die Spanier haben es aus ber Erfahrung gelernt?daß politische Systeme an fick) allein kein Wo'wjwl auf Volks- ■ healüduna besitzen, der Ehrgeiz der Spanier pflegt abfeit» politischer und ' fonater Stürme zu liegen, ber Spanier hat immer ben Gewinn baß fern Bä awfiaTnM In mengen die ihn nichts angehen. Man lebt hier Nicht m sozialem Kriegszustände man sieht hier selten vergrämte Gesichter und mit Problematik beladene Gestalten, Menschen mit angeborener Zerrissenheit, benn Beherrschtheit und Takt sind hier etwas Natürliches, Nicht 2lner= togenes und es gehört viel dazu, um die Leidenschaften anzufachen. Noch im vorigen Jahrhundert waren es politische Fragen, die das Volk in Aufruhr bringen konnten, heute interessiert man sich für die Arena und für die Sportfeste und läßt Primo de Rivera und die Herren in der Asamblea National schalten und walten, ohne daran einen seelischen Anteil zu nehmen. Im Oktober beginnt auch die Theater-Saison, und obwohl das spanische moderne Theater sich nicht durch interessante Vorführungen auszeichnet, so sind sie doch, wenigstens am Beginn der Saison, stets überfüllt. Die spanischen Theater leben nämlich — soweit sie leben — von Konversationsstücken. Manches davon ist sehr nett. Niemals aber ist in diesen Stücken eine Passion, selten eine Sünde. Die Spanier, einst das Volk der Romanzen, sind jetzt unromantisch geworden, sie regen sich nicht gerne auf, und die Liebe ist dem Caballero oft uninteressanter als seine Handschuhe. Auch gibt es in Spanien keine Ehescheidung, und so S denn der Ehebruch auf der Bühne nicht sonderlich beliebt. Z. B. der ann ist mit einer Künstlerin verheiratet und deshalb unglücklich. Die Frau ist mit einem Spieler verheiratet und deshalb unglücklich. Das find so die gewohnten Themen! Meistens verträgt man sich dann zum Schluß, weil man in den beiden ersten Akten ein goldenes Herz unter der rauhen Schale herumgetragen hat. Familienverlobungen spielen auf der Bühne eine große Rolle. Deshalb wimmelt es von wohlwollenden Tanten, ironischen Onkeln und fröhlichen Kusinen, es wird deklamiert, man bewegt sich nach den vorgeschriebenen Regeln, das Publikum spendet Beifall, aber besondere Lorbeeren lassen sich bei ähnlichem Inhalt nicht erwerben. So geschieht es denn, daß das Kino dem Theater immer mehr und mehr Abbruch tut, ja manche Theater sehen sich gezwungen, eine weiße Leinwand vor das Szenarium zu hängen (z. B. das Teatro de la Princesa) und den Besuchern amerikanische oder deutsche Filme zu zeigen, denn mit der einheimischen Filmproduktion ist es nicht weit her, man ist zu sehr im Konventionellen stecken geblieben, und die Technik läßt trotz guter Ausnahmen manches zu wünschen übrig. Aber der Spanier kritisiert das Leben seiner Hauptstadt weniger, als daß er es liebt. Für ihn ist Madrid das Schönste, und darin hat er Recht. Es gibt ein Sprichwort: „de Madrid al cielo, yen el boquete para verlo" (d. h.: Aus Madrid in den Himmel, aber im Himmel ein Loch, um es zu sehen). Es gibt für ihn keine Seligkeit ohne den Anblick Madrids. Einfahrt in ein Kalibergrvsrk. Von Dr. Paul Bloch. Eben sah man noch durch die hohen Fenster Licht und Bäume, die verregnete Landschaft, zwei Minuten später liegt Dunkel um einen und Erde und Stein, ist man 774 Meter unter der Oberfläche, unter dem Licht. Nur 130 Sekunden dauerte der Weg zur Unterwelt. Man hatte ein kleines eisernes Brett betreten, zwei Stangen schlossen den Raum ab. Man hielt sich an ihnen fest, Klingelzeichen ertönten sehr laut, 775 Meter ties sollten sie zu hören {ein. Dann schwand der Boden. Man sank. Ein ungeheurer Luftstrom drückte von oben. Es ward dunkel. Die kleine Lampe, die man mitbekommen, erlosch. Es war ein endloses Fallen, und doch nur zwei Minuten. Seltsame Kreuze und Zeichen scheinen die Wände des Schachtes zu bedecken — es find nur die Balken und Bohlen des Gerüstes. Die Leitern — „Fahrten" nennt sie der Bergmann —, der am Aufzug entlang 700 Meter tief in die Erde führen, gleichen einer eilig sich emporräkelnden Schlange. Aber die 130 Sekunden des langsamschnellen Fallens vergehen rasch. Wieder ertönt ein Klingelzeichen, hebt sich der eiserne Balken, gibt den Weg frei in die K a l i g r u b e. Von hier aus begann der Vorstoß in das Gestein, der Kampf, um die Schätze. Hier ist der älteste Arbeitsplatz, der Mund der Sohle. Elektrische Lampen erleuchten die Stätte, ein Telephon verbindet mit Einfahrtsstellen und der Fabrik, mit allen übrigen Hauptpunkten der Grube. Hier nimmt der Gang ins Innere seinen Anfang. Vier Meter breit, etwa zweieinhalb Meter hoch ist das Erdreich, der Fels ausgebrochen, ausgehöhlt. Bequem schreitet man, der Boden ist weich, die Salze sind zum Teil verbröckelt und füllen den Grund. Vor einem liegt die Dunkelheit. Endlos. Im Rücken verschwinden die Lampen, nur der fahle Schein der Grubenlaterne in der Hand begleitet einen und erhellt die nächsten Schritte. Dreihundert Meter schreitet man so. Kein Mensch begegnet einem, kein Laut fast. Gespenstisch nur rollen einem aus der Dunkelheit des Ganges immer wieder und wieder in gleichen Abständen Wagen entgegen, gefüllt bis an den Rand mit kostbarem Salz, dem Kali, hochaufgetürmt mit den gehauenen Blöcken, den kleinen, in allen Farben schimmernden Stücken. Nur das Singen des Seiles, an dem die Wagen zur Förderstelle gezogen werden, diese leise gleichmäßige Melodie, ist unablässig mit einem, an den Kurven verstärkt, wo die Seile, über die Sternrolle hinweggeführt, weiter ins Innere sich ziehen. So geht man 300 Meier durch das Gestein, 300 Meter, die von der ersten Bohrungsstelle durchgebrochen wurden, durch unedles Material, an dem Lager der kostbaren Salze entlang, ein Gang, von dem aus dann an die Gewinnungsstellen des Kali vorgegangen wird. Kleine Stchgänge zweigen ab und führen zu neuen Lagern: Gesenke, kleine Schächte öffnen den Weg nach oben zu anderen Abbauseldern. Neun Meter hoch wird jeweils die Erde ausgehauen, ausgehöhlt, werden alle Salzgesteine abgebaut und mit den Feldbahnen zu den Förderschächten gebracht. Gigantische Höhlen entstehen, die selbst im Dunkel leise widerglänzen, in rötlichem und gelblichem Ton, und die, beleuchtet man sie mit den Laternen, seltsame Muster zeigen, seltsame Farben und Ornamente, sich verschlingende Linien, dazwischen sich schiebende Keile, Wellen und Wellen, die ganze Faltung, die das Gebirge angenommen, als es vor Jahrtausenden sich emporschob, und sein Inneres zusammenpreßte. Meter für Meter wird vorgebrochen. Zuerst in die Breite, dann in die Höhe. Und wenn ein solches Gebiet abgebaut ist, wenn solche ungeheuren Hallen im Innern des Berges entstanden, füllt man sie wieder mit den Ueber- Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brüh - reffen, Sie bei der Fabrikation geblieben, füllt sie mit unedlen Salzen und Gestein. So wird die Gefahr des Einsturzes vermieden, somvird die Möglichkeit gegeben, weiter abzubauen, in die Höhe zu gehen, aus der eben abgebauten Sohle ein neues Abbaufeld zu beginnen. Nur eine kleine Zwischensohle wird freigelassen, immer neun Meter hoch folgt eine neue Sohle, so lange das Lager reicht. Oft sind es ausgedehnte Felder, die das kostbare Salz enthalten in den verschiedensten Breiten, oft nur sind es ganz Heine Lager, die kaum den Abbau lohnen. Dann wieder schließen sich neue ausgedehnte Felder ' an, und wieder beginnt die Arbeit der Bohrer, der Hauer, und wieder b eg inen die Sprengungen. ! Je weiter man vom Fövderschacht sich entfernt, desto wärmer wich I die Luft. Eine große Ventilatoranlage führt zwar unablässig frische kalte - Luft in das Innere der Erde, in die Gänge zu den Abbaustellen. An den • einzelnen Arbeitsstätten sind außerdem noch kleine Ventilatoren auf. ‘ gestellt, die gleichfalls für eine Luftzufuhr sorgen sollen, aber die innere Wärme der Erde ist größer. Selbst der leichte Drillichanzug, in den man ! geschlüpft, dünkt einen zu schwer und den Arbeitern, die hier unter Tag das wertvolle Salz gewinnen, perlt immer von neuem, wie über Tag in sommerlicher Glut, der Schweiß. * Da stehen sie in kleinen Haufen in den Gängen, in den Höhen auf dem niedergehauenen Gestein, klettern an den Wänden empor. Vor sich haben sie die Lampen aufgepslanzt, die die Arbeitsstätten erhellen. Hier schaufeln ein paar die Blöcke in die Wagen, hier lockern andere mit harten Picken die Salze, bahnen sich einen Weg vorwärts, dort wieder setzen zwei den Bohrer an, der in den harten Fels mit elektrischer Kraft hinein. - getrieben wird und einen schmalen runden Gang anshöhlt. In dieses zwar ; meterlange, aber nur wenig Zentimeter schmale runde Bohrloch wird dann der Sprengstoff geschoben, denn nur dieser Gewalt weicht der Fels. Im allgemeinen wird ein Salpetergemisch benutzt, um das Gestein niederzuschießen. Zweimal am Tag wird gesprengt. Vor der Frühstücks, pause, wenn die Bergleute die Arbeitsstätte auf eine kurze Weile verlassen, wird der Sprengstosf eingelegt, wird die Schnur entzündet. Wenn sie wieder zurückkehren, ist neues Gestein niedergebrochen, und ebenso geschieht es, wenn die Bergleute am Ende ihres Tagewerkes den Schacht verlassen — am Morgen ist das Gestein abgeschossen. Die Gefahr, daß durch die Sprengungen Menschenleben verletzt, Bergleute von den niedergehenden Massen getroffen werden, wird durch diese Einteilung nach ' Möglichkeit ausgeschaltet, und nur der gelbe Dunst der Sprenggase, die stickig dicke Luft an der Sprengstelle gibt Zeugnis von der gewaltsamen Veränderung. 1200 Wagen werden etwa täglich in den acht Stunden der Arbeitsschicht an Kalisalzen zutage gefördert, 10 000 Doppelzentner eingehenden Materials wiegen in der Fabrik die Waagen zur Weiterverarbeitung ab. Mit einer Schicht nur wird unter Tag gearbeitet, etwa 160 Mann, Hauer und Bohrer. Eine zweite Schicht nach zwei Uhr mittags wird im allgemeinen nur zu Reparaturzwecken eingesetzt: Hier sind Gleise zu verlegen, aus -der einen Sohle zurückzuziehen, in der andern weiter vorzuschieben, dort sind neue elektrische Leitungen zu legen, kleine Reparaturen an den Bohrern und sonst am Gerät vorzunehmen. Um zehn Uhr in der Nacht verläßt auch der letzte Mann den Schacht, liegen die gigantisch« i Höhlen unbewacht, herrscht die Dunkelheit und Stille wieder im Innern i der Erde. Das Hauptmaterial, das hier gewonnen wird, ist der Sylvimt, ein Gestein, das aus Steinsalz und Chlorkalium sich zusammensetzt, und k>e- I sonders rein ist. Daneben wird Karnallit gefördert, der außerdem noch Chlorma-gnesium enthält, beides Produkte, die als Düngemittel besondere Verwendung finden. Die ungeheuren Mengen des Nebengesteins, des Kochsalzes sind im Wert dagegen ziemlich bedeutungslos. i Vom Förderschacht aus wandern die vollen Wagen Zug um Zug 1 mittels einer Seilbahn in die Fabrik. In großen Hammermühlen werden 1 die Blöcke zerschlagen, in Mischanlagen gemischt, Transportbänder führen die Salzstücke weiter in große Bottiche, in denen Laugen den chemischen Zersetzungsprozeß bewirken. Denn ganz so, wie das Material gewonnen wird, kann es als Düngemittel nicht verwendet werden. Eine gemifit chemische Verarbeitung, ein Läuterungsprozeß ist notwendig. Heiße, 110 Grab heiße Laugen werden bei der einen Verarbeitung mit ben Salzen in Verbindung gebracht, in Klärbottichen fließt die Lösung weiter, indes der Rückstand aus den weiten Kesseln mit Schabern ausgeräumt wird, auf Transportbändern wieder weiter wandert. In einer Äcckuum- station geben die heißen Lösungen mehrfach einen Teil der Wärme ab, und während das Salz sich in Bruiden niederschlägt, und im Kühlraum seine letzte Gestalt wiederfindet, wird die Laugenlösung in verschiedenen Stationen wieder auf ihre alte Hitze erwärmt und beginnt von neuem ihren Arbeitslauf. Andere Teile des gewonnenen Materials werden mit kalten Laugen bearbeitet, in beiden Fällen ist es ein ausgedehnter komplizierter Prozeß, dem die Salze unterzogen werden, sind es seltsame Maschinen, die sie ' aufnehmen, zerkleinern, vermischen und wieder ausspeien, die sie, verflüssigen, zerstäuben und wieder zu Kristallen werden lassen, die sie emporziehen in die Höhe des Kühlturmes und wieder hinabwerfen in den unendlichen Gleichlauf der Trockentrommeln. Maschinen und Maschinen, hier und da eist Arbeiter, der einen Hebel zieht, eine Klappe öffnet, hier und da einer, der den Gang des Mechanismus überwacht und regelt. Em Zischen und Fauchen, ein Hämmern und Schlagen, ein Stoßen uno Fallen. Die Luft ist von Gerüchen seltsamer Art erfüllt, von Dampf uiw Schwefel; Geräusche durchzittern die Hallen, es ist wie ein Aufruhr, und ruhig nur fließt, unendlich scheint es, in den länglichen Bottichen der Strom der Laugen, ruhig nur ziehen auf den breiten Transportbändern, unendlich scheint es, die Salze von Maschine zu Maschine,und immer im gleichen AbU-md rollt Wagen auf Wagen vom Schacht heran, rollt Wagen auf Wagen zurück. ' ______ , l'sche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, D. Lange, Giehen.