Jahrgang 1927 Dienstag, den 22. März Nummer 25 SiehenerZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Dämmerstunde. Von Theodor Storm. 3m Nebenzimmer sahen ich und du; Die Abendsonne siel durch die Gardinen; Die fleißigen Hande fügten sich der Ruh, Don rotem Licht war deine Stirn beschienen. Wir schwiegen beid'; ich wußte mir kein Wort. Das in der Stunde Zauber mochte taugen; Nur nebenan die Alten schwatzten fort — Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen. Lob des Bauernmädchens. Don Anton Schnack. 'Verachte sie nicht. Tochter des großen Herrn, wenn sie nicht versteht, über bie weitfngigen und klingenden Gedichte des Inders Rabindranath Tagore zu sprechen, oder wenn sich ihr Gesicht in Der-- legenheit vor den unbegreiflichen und verzwickten Bildern des Malers Paul Klee senkt. Die Schule ihrer Kindheit war klein und hatte nur eine Tafel an der Wand mit den bunten Tieren ihres Dorfes bemalt. Cs stand aber ein Hollunderbaum vor der Türe, die zu ebener Erde aus dem Gras des Weges in die modrige und gedrückte Bescheidenheit des Schulzinnners führte. Du weißt es nicht, daß man die fächerartigen weißen Blüten dieses schönen Sagenstrauches in dünnen und tropfenden Teig taucht, bann in siedendes Butterschmalz wirft und braun bis zur Knusprigkeit werden läßt. Aber Brigitte buk sie von ihrem vierzehnten Geburtstage an. Ihr Lehrer war alt und sah aus wie Gottvater auf den Bildern ihrer Fibel. Er konnte nur die Geschichten des rheinischen Hausfreundes Hebel erzählen, aber ich glaube, daß Brigittes Herz tiefer erregt und verschönt wurde als du von den Memoiren des Herrn von Casanova. Brigittes Kammer ist klein und schmal. Ein blaues Wasch- schüsselchen steht auf einem dreibeinigen Stuhl. Aber im Frühling und Sommer sehe ich sie aus der Türe treten, da du noch im Schlafe liegst, und sehe wie sie Gesicht und Hände in das topasi- grüne glitzernde Bergwasser des Haustroges taucht. Was hat sie in ihrem Stübchen, bas gegen Sonnenaufgang liegt und unter dem zarten Schein des Abendsternes leuchtet? Sie hat beim Einbruch der Dämmerung das leise Tropfen der Schalmei im Ohr. Die Wollspindel ihrer zahnlosen Großmutter steht in der Ecke, wo der gekreuzte Palmzweig voin Palmsonntag hängt, der gegen Blitz und Feuersgefahr schützt . . . Einmal sah ich Brigitte im gelben Ginster des Spätsommers liegen: da wußte ich, daß ihr braunes spiegelndes Auge die große und samtene Schönheit des Nachmittags begriff. Was war ihr Hinsinnen? Ihre schwärmerische geneigte Haltung? Ihr dunkler, schwermütiger Blick? Da wußte sie, glaube ich, daß es große Maler gibt, gewaltige Musik, und Worte schöner Dichtung; Dinge, die die reichen Töchter der Städte hinnehmen, wie sie das braune, noch Erde riechende Brot aus dein Kasten nimmt, um es den Schnittern vorzuschneiden. Sie weih Dinge, die du, Tochter des reichen Herrn, nicht , kennst: wenn es März wird, und über ihr naturnahes Herz das i Frühlingsahnen kommt, nimmt sie den Spaten aus der Scheuer und I wirst die Erde im Küchengarien um. In das eine Deel sät sie die ! Sommerendivien, in das andere Blumenkohl und Karotten, deren zittriges seines Kraut sie freut, wenn es emporgeschossen ist. Ein Flecken Gurken- und Bohnenkraut muß gepflanzt werden, das zwischen die Gurken und die Bohnen gelegt wird, wenn sie zum Einmachen in die blaugeringelten Steinguttöpfe reif sind. Dann geht, sie zum Bienenstände, wo sie das Brausen der erwachenden Bienenvölker seit Tagen gehört hat und öffnet leise die Fluglöcher. Du hast keine Zeit, darüber nachzudenken, wann die Gartenbohnen blühen, aber Brigitte weih, daß es im Juni ist, wo der Blüten dunkles und großes Not, das wie Blut über daö Stangenspalier niedertropft, ihr Herz erregt. Ihre Besinnlichkeit und ihre Äaturverbrmdenheit sind vieler Weisheit voll: der alte Dater braucht es ihr nicht zu sagen, daß am Johannistag der Kamillentee gepflückt und getrocknet werden muß, da er um diese Zeit die höchste Heilkraft hat. Sind das nicht Dinge, die genau so wissenswert sind, wie der Rückhandschlag im Tennis oder die Dierteltonmusik von Haba, von der dir der kleine Kapellmeister mit dem fetten Haar bei der Abendgesellschaft erzählt? Ich möchte dos erste lieber wissen, da eS die Gröhe des Guten und die Wahrhaftigkeit jahrhundertelanger Erfahrung in sich trägt. And ist es nichts, den gluckernden Ton der Amsel von dem Worgenpfiff des spottenden Pirols zu unterscheiden, der aus dem Wipfel der hohen Eiche in das Gestrüpp stürzt? Oder ist es nichts, aus dem rötlichen Dernsteinschein des Mondes seltsame aber selbstverständliche Geheimnisse zu lesen: Korn, das während seiner Dauer gesät wird, wird schön und fruchtreich, Holz, das geschlagen wird, bleibt hart und voll Heizkraft, und der Fisch, der in der Reuse gefangen wird, hat rosigen und guten Saft im Fleisch. Ihr Tagwerk und ihr Tun sind großen Gesetzen unterworfen, die keine Laune und keine Verachtung, weder Aufschub noch Nichtwollen gestatten. Wenn die schwarzgescheckt« Kuh ihren dunklen, dumpfen Schrei in die Morgenfrühe stößt, die noch den Dampf dejS Zwielichts hat, so muß der Eimer unter das prall« Euter geschoben, und das Futter aus Heu, Stroh und den zerschnittenen Runkelrüben in die Raufe vor das wiederkäuendr und geifernde Tiermaul geworfen werden. Ihr Herz hat sich nach dem Satze des heiligen Franz von Assissi gerichtet, den der Pfarrer des Dorfes eines Sonntags zum Anlaß einer Predigt nahm. Dieser Satz: „Seid ganz Liebe, tut alles aus Liebe", bewahrte sich in ihrem Herzen, das damals die Demut und Reinheit eines Engels hatte. Und ihre Lieb« betätigte sich zum ersten Male, als gleich darauf aus dem Reste unter dem Scheuerbalken ein halbflügger Rotschwanz auf die Stallstreu fiel. Der Knecht wollte das Vogelkind, dessen rostrote spitze Schwanzfedern ihr höchstes Entzücken erregten, in einen alten verrosteten Käfig sperren, aber sie gab ihm ihre Verachtung zu wissen, bestieg eine Lecken und setzte es wieder in das Rest zu den anderen jungen Vögeln, die sie mit aufgerissenen gelben Schnäbeln futterheischend angilften. Seitdem trug sie mit vergnügter Zufriedenheit um* fröhlichem Ernste das Rachmittagsbrot den Schnittern auf das Feld, das weit draußen auf den Hügeln lag, und wo sie mit ihren nagten Füßen über dos scharfe Stoppelfeld der Weizenäcker gehen mußte. Große Freude machte ihr das Fronleichnamsfest, an dem sie mit noch drei anderen Gespielinnen die Statue der schmerzhaften Mutter durch das Dors tragen durfte. Sie schien sich wie eine weißgekleidete Heilige zu fein, mit dem Blumenkranz im kastanienbraunen Haar, den Blick voll zarten Glücks, umweht von Weihrauch, der aus dem Kessel des Ministranten in Wolken stieg und im Schatten der Monstranz dahinschreitend, die der Priester mit k rar Allerheiligsten segnend vorantrug. Das erregte ihr gottesfürchtiges Herz noch lange und die jüngeren Geschwister betrachteten sie mit Stolz und Verehrung und sahen in ihr eine Ausgezeichnet« und über sie strahlend Empovgehobene. Wird in dir, Tochter des großen Herrn von der Bank oder der Kaufhäuser, auch dieses zarte und schöne Glück sein, wenn du erregt von der Oper nach Hause kehrst, weil dir der Tenor, der an der Brüstung in silberglitzerndem Panzer stand, in die Loge zugelächelt hat, oder weil du im Tanzturnier deines Klubs den ersten Preis im Charleston errungen hast? Ich glaube, -nur dein« Eitelkeit und deinen Ehrgeiz wird dies erregen und über einem anderen Blick und auf einem anderen Tanz wieder vergessen werden, aber dort wird sich Ergriffenheit wie eine azurene Wolke in das Herz senken und unverrückbar in ihm bis in die Tage des Alters glühen. Einmal wird sie an den Zaun aus Tannenlatten am Abend treten und der Mundharmonika lauschen, die der Sohn des Nachbars bläst. Ihre kleinen Heimlichkeiten leben schon seit den Jahre« dec Kindheit, wo sie zusammen die blauen Heidelbeeren im Wald« pflückten und den Eingang der Grille am Wc -richrain belauschten. Ach, in ihrem Dasein nimmt das Kleine den Glanz großer Geheimnisse an: wird der rote Geranienstock, den jtt auf ihrem Fensterbrett, hinter dem Vorhang versteckt, mit emsiger Betulichkeit betreut, bis zum Geburtstage der Mutter seine Knospen öffnen? DaS glühende Hinrinnen des Mondlichts, das durch das obere, grünlich glitzernde Fenster ihrer Kammer auf den Boden fällt, gibt chr im Traum das Reich der Märchen ein: unter dem Sttchl tappt der Kobold hervor und hebt di« grün« Zwergmütze von dem altersgrauen Kopf. Geht da nicht durch die aufgetane Tür« der Silberfluh der Drunnenfrau? Wird nicht überirdische Musik auf leisen Flöten und kleinen Harfen über den Flur getragen? Was war das nur? — horcht ihr« kleine Seele in das Dunkel. Ein Hauch des Rachtwinds? Der müde alte Gang der Ahr an der Wand? Ein Tiergeschnauf im Stall, oder der Samttritt des Katers Peter, der vor der Türe war? Ach, in der Kommode sitzen Fingerhut und Wollfaden, das kleine goldene Kreuz, das Brigitte zu den hohen Feiertagen Weihnachten, Ostern und Pfingsten trägt, der Rosenkranz aus Perlmutterkugeln und der Groschenring, den ihr der NaHbarsohn auf dem Jahrmarkt geschenkt hat: zu lebendigen Dingen verzaubert sitzen sie im verschollenen und alten Blumenduft der 'Schublade und erzählen sich von Brigittes schönen und zarten Abenteuern, kindliche Gespräche, die sie geführt, ein Stück von einem Avemarialied, das sie gesungen hat, von einem blauen Nachmittag, als sie am Weiher das Lamm hütete, und von der kühlen Fensterbank hinter dem Blumenstock, wo sie an Sonntagnachmittagen des Sommers sah und weihe feine Stiche in die Tücher nähte . . . Änd Brigitte sieht, noch verzaubert vom Dorüberwehen des Traumes, ein wenig aus dem warmen Schlaf erwacht, den Engel stehen und lächeln. Ihr glaubt nicht, daß es eine Bestimmte ist? Doch. Sie, die ich meine, wird unter einem Eisenkranz begraben werden, der im Winde leise klappert, und unter einem Rand von dunkelblauen Stiefmütterchen und unbeweglichen Lilien. Die, die ich meine, wußte das versteckte Nest der Henne im dunkelgrünen Heu der Scheuerecke, wo die dicke gemästete Spinne im Windzug der kleinen Mauerlücke schwankte. Vierzehn weihe Eier, eines neben dem anderen, ftir eine heimliche Brut bereitet, fand sie unter dem Gefieder der aufgackernden und verängsteten Henne. Stunden des Wartens und des Lauerns kostete es, hinter der listigen und scheuen Henne her zu sein, bis sie den roten Kamm plötzlich im Lichtstrahl der Lücke aufleuchten sah. Änd ich war dabei und fand, daß im. Dunkeln der Mund von Brigitte röter war als der Kamm der versteckten Henne. Die ich meine, saß an einem Juni abend, als die Kühe mit kleinen blechernen Glocken um den Hals vorüberkamen, unter der Türe, in die die Jahreszahl 1752 eingeschniht war, und lächelte mich an ... Ich werde dieses Lächeln nie vergessen. Es war das Lächeln der Madonna, an der schon mein Kinderherz hing. Es war das Lächeln des schönen Nachmittags um fünf Ähr, da ich die seidenen Schmetterlinge fing. Es war das gute Abendlächeln des Sterns, der im Duft der Wiesen über die Hügel steigt. Es war das Lächeln der verschollenen Quelle, tief im schattenreichen Geheimnis des Rehwaldes. Ich wußte nichts auf dieses Lächeln zu erwidern. Nur mein Herz klopfte, wie es bei dir, Tochter des reichen Herrn, nie geklopft hat . . . Kunst als Geschäft. Don Walther A p p e l t - Plauen. Wir alle wissen, wie wenig es der Jdealzustand ist: dah ein Künstler, der vielleicht Ewigkeitswerte schafft, die in Zahlen gar nicht zu fassen sind, zu Lebzeiten darauf angewiesen ist, vom Erlös eben dieser Schöpfungen sein Dasein zu fristen. Aber wenn auch in besserer Zeit, hoffentlich, mehr öffentliche Mittel für Kunst und Künstler flüssig gemacht werden können, so werden dennoch immer wieder Genies in den Jahren des Reifens, des Kampfes um Geltung Not leiden an den Erfordernissen des täglichen Lebens. Änd vielleicht ist dieser Dornenweg, der nur die Kleinen aufreibt oder umkehren läßt, für die wirklich Großen sogar förderlich, mitunter wohl geradezu notwendig. Senn allzu bald und leicht errungener Ruhm birgt mit seinen materiellen Einträglichkeiten nur die Gefahr in sich, dah ein Künstler im Ausruhen auf den frühen Lorbeeren das Weiterstreben verlernt. Auch auf die geschäftlich-materiellen Singe muh es sich auswirken, daß der Künstler — eine begreifliche Folge seines gesteigerten Innenlebens — in manchem anders ist als der Durchschnitt. Nur die wenigsten sind von Haus aus so gestellt, daß ihr Leben und ihr Schaffen sich im ruhigen Gleichmaß sicherer Existenz abwickeln kann — wie Max Liebermann (der erfreulicherweise dennoch ein Kämpfer war und blieb). Andere haben, verwirrt vom Reichtum des klingenden Ertrages, den Maßstab ftir die Dinge verloren, sind in der Kunst gleichgültig und im Leben zu Verschwendern geworden. Das letztere gilt besonders für Rembrandt, der auf der Höhe seines Ruhmes einen beinahe exotischen Prunk entfaltete. So unsinnig, daß kaum etwas anderes dabei herauskommen konnte als schmählicher Bankrott und drückende Vereinsamung. (Die Abkehr der Auftraggeber von dem einst Verwöhnten hatte übrigens, neben an« verein, einen Grund, der sich einer Betrachtung „Kunst als Geschäft" bestens einfügt: Die Mitglieder einer Schützengilde hatten je gleichviel für das Zustandekommen des heute als „Nachtwache" bekannten Bildes bezahlt. Einige aber, und darunter sehr einfiuh- reiche Persönlichkeiten, fühlten sich beleidigt, weil sie nicht auch, wie andere, in ganzer Figur auf dem Bilde zu sehen waren.) Diel geschäftstüchtiger als Rembrandt wußte fein Landsmann Rubens die Einkünfte aus seiner Malerei zusammenzuhalten und zu vermehren. Zwischen beiden kann San Steen eingereiht werden. Dem verrann zwar der Ertrag feinet Kunst rasch zwischen den Händen, da er dem Leben und seinen Annehmlichkeiten allzu reichen Tribut zollte, — aber er besah genug nüchternen Sinn ftir das Notwendige, neben seiner Kunst — einen Bierausschank zu betreiben. Weniger drastisch, aber doch ebenso aufs Praktische gerichtet war es, wenn unser Dürer vorurteilslos seine Holzschnitte auf Märkten feilbot. Auch Porträtausträge mag er ebenda entgegengenommen haben. Aber obgleich ihn auf den Reisen meist seine wirtschaftliche und — resolute Agnes begleitete, kam es doch auch vor, dah er regelrecht um den verdienten Lohn — geprellt wurde. Wenigstens nnn es kaum anders aufgefaht werden, feehn er im Tagebuch der Niederländischen Reise einmal resigniert schreibt: „Sechs Personen, die ich zu Brüssel porträtiert habe, haben mir nichts dafür gegeben." — Häufig zwangen häusliche Sorgen einen Künstler, Drokarbeit zu leisten, deren erklärlicher Minderwert dann wie ein Fremdkörper in seinem Gesamtschaffen steht. Beispiel: Chodowieckis Äeberproduktion jener trockenen Illustrations-Kupferstiche, deren viele nicht recht zur lebendigen Frische feiner freien Arbeiten passen wollen. Kinderreicher Familienvater wie Chodowiecki war auch Vöcklin. Deshalb muhte er, wie Feuerbach, Lenbach und mancher Künstler früherer Zeit, viel Schaffenskraft auf das nut finanziell, nicht künstlerisch lohnendere Kopieren verwenden. Aehnlich ist wahrscheinlich auch die Entstehung gewisser Böcklin-Dilder zu erklären, die uns heute mehr handfertig als aus innerstem Müssen gemalt scheinen. Vielleicht find auch Wiederholungen oder Abwandlungen des gleichen Motivs nicht immer nur in Gestaltungsproblemen begründet. (Allein die „Toteninsel" existiert in fünf Fassungen.) Von Hodler wird vollends behauptet, dah er seinen berühmten „Holzfäller" sehr oft gemalt habe, bzw. von Schülern habe malen laffen, so dah er selbst sich mit der — Signierung begnügen konnte. Das Bild soll, so unglaublich das klingt, nicht weniger als achtzig mal sein Atelier verlassen haben. — Kaltblütigkeit im Gefchäftemachen, die hart an Skrupellosigkeit grenzte, wird auch Trübner nachgesagt. Als einmal seine Werke aus einer bestimmten Periode seht hoch im Preise standen, forderte er von einem damals Porträtierten das Bild zurück mit der komischen Begründung, den Bart, den der Dargestellte sich inzwischen hatte wachsen lassen, nachmalen zu wollen. Sn Wirklichkeit verkaufte er das Bild für teures Geld und malte es dem bisherigen Eigen- filmet — mit Bart — neu. . Nicht immer aber und nicht ausschließlich braucht nackte Habgier die Triebfeder zu sein, die einen überragenden Künstler veranlaßt, Kapital aus feinem Ruhme zu schlagen. Eine Episode aus dem Leben Whistlers beweist wohl doch, daß unsere großen Könner" einen nicht zu leugnenden Anspruch auf angemessenen Entgelt für ihr Schaffen haben. Der genannte Engländer hatte einmal einen Herrn gezeichnet, dem hinterher das gefordert® Honorar viel zu hoch schien. Da keine Partei nachgab, kam es zur Klage. Der Porträtierte blieb auch vor Gericht bei seiner Behauptung, daß die Summe, die Whistler verlange, in gar keinem Verhältnis zu seiner Leistung stehe, und bat die Richter, den Künstler zu fragen, wieviel Zeit er auf die umstrittene Zeichnung verwandt habe. „2hm," sagte der ohne Zögern, „so ungefähr zehn 'Minuten." — „Da sehen Sie," rief der andere triumphierend den Richtern zu, „wie er mich überteuert! Für eine Arbeit von zehn Minuten fordert er eine so hohe entmine!“ — „Sa, aber wissen sie denn," entgegnete Whistler, nun auch erregt, aber doch zutreffend, „wieviel mal zehn Jahre ich gebraucht habe, um soweit zu kommen, daß ich eine solche Zeichnung in zehn Minuten anfertigen kann?!" Das Gericht mußte Whistler Recht geben. Änd auch für uns kann diese Geschichte lehrreich sein — ohne d"" Jie uns natürlich zu hindern braucht, wirkliche Mißstände in der Preispolitik des Kunstmarktes nach wie vor zu bekämpfen. Oft, da» iest- zustellen gebietet die Gerechtigkeit, sind es allerdings weder die Künstler noch die ernsthaften Kunsthändler, die die Preise ins Aben- teuerliche hochschrauben, sondern „Sammler", denen ein Kunstwerk nicht anders als ein Dörsenpapier lediglich Handels- und Derdienst- objekt ist. Deren starre Front — im Interesse einer gesunden, allgemeindienlichen, wahrhaften Kunstpflege — zu erschüttern, wird freilich nicht leicht sein. Dennoch muß ess gelingen, wenn Schaffende, berufene Mittler und Ausnehmende — wozu bereits Anläufe erkennbar sind — zusammenstehen. Frau Föntz. Don Sens Peter S a c o 6 f e n. (Schluß.) Eines Abends damals saß Frau Föntz allein zu Haus; Ellinor hatte sich früh zu Belt gelegt, und Sage war mit den Kastagers ins Theater gegangen. Sie hatte in dem langweiligen Hotelzimmer gesessen und in dem Halbdunkel einiger Kerzen geträumt, bis die Träume, ewig kommend und wiederkommend, haltgemacht halten unb sie müße geworden war, aber es war jene sanfte lächelnde Müdigkeit, die sich über uns breitet, wenn glückliche Gedanken in unferm Sinn in Schlummer finken. Aber hier konnte sie indes nicht sitzen bleiben und den ganzen Abend vor sich Hinsehen; nicht einmal ein Buch war zur Hand, und das Theater mußte noch mehr als eine Stunde dauern. So begann sie im Zimmer auf und ab zu gehen, blieb vor dem Spiegel stehen und ordnete ihr Haar. Sie konnte ja ins Lesezimmer hinuntergehen und die illustrierten Blätter ansehen. Dort war es um diese Abendzeit immer teer. Sie warf einen großen, schwarzen Spitzenschleier über den Kops unb ging hinunter. Sa, dort war es leer. Das kleine, dicht möblierte Zimmer war von einem halben Dutzend breiter Gasflammen blendend hell; es war heiß drinnen und die Luft fast sengend trocken. Sie zog den Schleier auf die Schultern herab. Die weihen Zeitungen dort auf dem Tisch, die Mappen mit ihren großen Goldbuchstaoen, die leeren Samtstühle, die regelmäßigen Quadrate des Teppichs und die parallelen Falten der Ripsgardinen, das alles miteinander sah in dem starken Licht merkwürdig stumm aus. Sie träumte noch, und träumend stand sie und lauschte dem lang- gezogenen Gesang der Gasflammen. Die Wärme war so stark, daß ihr beinahe schwindelte. Langsam streckte sie, um einen Halt zu sinden, die Hand nach einer großen, schweren Bronzevasen empor, di« auf einer Konsole an der Wand stand, und griff in die 'Blumenornamente des Randes. Cs war bequem, so zu stehen, und die Bronze fühlte sich so herrlich kühl an. Aber wie sie dastand, kam ein anderes hinzu. Sie begann es wie eine Befriedigung ihrer Glieder, ihres Körpers zu verspüren, die plastisch schöne Stellung, in die sie versunken war, und das Bewußtsein dessen, wie gut es sie kleide, das Bewußtsein der Schönheit, die in diesem Augenblicke über ihr war, und selbst di.« körperliche Empfindung einer Harmonie — das sammelte sich zu einem Triumph- gefühl, strömte wie ein wundersam festlicher Jubel durch sie. Sie erschien sich stark in diesem Augenblick, das Leben lag^vor ihr wie ein großer und strahlender Tag, und nicht mehr wie ein Tag, der sich den stillen, wehmütigen Stunden der Dämmerung zuneigt, sondern wie eine große und wache Zeitspanne, mit heißen, in jeden Sekunde pochenden Pulsen, mit Lust am Licht, voll von Handlung und Hast und unendlich nach außen und innen. And sie begeisterte! sich an der Fülle des Lebens und sehnte sich nach ihr mit dem Taumel und der Glut eines Reisefiebers. Lange stand sie so, tief in Gedanken, alles um sich vergessend. Dann plötzlich hörte sie gleichsam das Schweigen in 6em Raut«, der Gasflammen langgezogenen Gesang: und sie ließ die Hand von der Base herabfallen, setzte sich an den Tisch und Begann in einer Mappe zu Blättern. Sie hörte Schritte an der Tür« Vorbeigehen, hörte sie umkehren und sah dann Thorbrögger eintreten.. Ein paar Worte wurden gewechselt, aber da sie mit ihren Bildern beschäftigt schien, machte auch er sich an die Zeitungen, die da lagen. Sehr interessierten sie ihn indessen kaum, denn als sie etwas später aufsah, begegnete sie seinem forschend nach ihr hinüberstarrenden Blick. Er sah aus, als wolle er gerade sprechen; und um feinen Mund war ein nervöser, entschlossener Ausdruck, der ihr so bestimmt sagt«, welche Worte er sprechen würde, daß sie errötete und instinktiv, gleichsam um die Worte zurückzudrängen, ihm ihre illustrierte Zeitung über den Tisch reichte unD auf das Bild einiger Pampasreiter wies, ine nach wilden Stieren Lasfos fchleuberten. Er war auch nahe daran, sich zu einem Scherz über des Zeichners naive Boxstellungen von der Kunst des Lassowerfens verlocken zu lassen: es war ja so verführerisch leicht, darüber zu sprechen, im Gegensatz zu dem, was er vorhatte; aber doch nahm er resolut das Blatt, schob es beiseite, beugt« sich ein wenig über den Tisch vor und sagte: „Ich habe so viel an Sie gedacht, seit wir uns getroffen haben, ich habe immer fo viel an Sie gedacht, sowohl damals in Dänemark als da drüben, wo ich gewesen bin. And ich habe Sie immer geliebt, und trenn es mir nun bisweilen dünkt, daß ich Sie nie früher geliebt habe, als erst jetzt, da wir einander wieder getroffen haben, so ist das nicht wahr, wie groß auch meine Liebe ist, denn ich habe immer Sie geliebt. And wenn Sie sich jetzt entschließen könnten, mein zu werden, Sie könnten nicht verstehen, was das für mich sein würde, wenn Sie, die man mir so viele Jahre lang weggenommen hat, wenn Sie zurückkommen wollten I" Er schwieg einen Augenblick, dann erhob er sich und trat näher zu ihr. „Aber sprechen Sie doch ein Wort, ich stehe hier und rede wie ins Leere, ich muß ja mit Ihnen reden, wie zu einem Dolmetsch, zu einem Fremden, der es dem Herzen, zu dem ich rede, wieder sagen soll; ich weiß ja nicht. . ich kann meine Worte nicht abwägen... Wie fern ober wie nah, ich weih es nicht; ich darf ja die Anbetung, die mich erfüllt, nicht aussprechen — ober darf ich?" Er ließ sich auf einen Stuhl an ihrer Seite niedersinken. „Könnt' ich es wagen, brauchte ich nicht zu fürchten, — ist es wahr? O. Gott segne dich, Paula!" „Aichts soll uns länger scheiden," sagte sie, ihre Hand in der seinen, „was auch kommen mag, ich habe das Recht, einmal glücklich zu fein, meine Natur einmal voll auszuleben, meine Sehnsucht und meine Träum« zu leben. Ich habe niemals entsagt; ob auch das Glück nicht za mir kam, habe ich doch nie geglaubt, daß das Leben eitel Armseligkeit und Pflicht sei, ich wußte, daß es Glücklich« gab." Schweigend küßt« er ihre Hand. „Ich weiß," sagte sie traurig, „die mich am mildesten beurteilen werden, werden mir wohl das Glück gönnen, mich von dir geliebt zu wissen, aber sie werden auch sagen, daß mir das genügen solle." „Aber mir würde es niemals genügen, du hättest nie das Recht, mich so ziehen zu lassen." „Rein," sagte sie, „nein.“ Ein wenig später ging sie bann zu Cllinor hinaus. Ellinor schlief. Frau Fönß setzte sich an ihr Bett und sah auf das bleiche Kind, dessen Züge im gelben dürftigen Schein der Rachtlampe nur undeutlich wahrnehmbar waren. Am Ellinors willen mußten sie warten. Ln ein paar Tagen würden sie sich von Thorbrögger trennen und nach Nizza gehen und dort allein bleiben; den ganzen Winter wollt« fiel nur der Pflege Ellinors leben. Aber morgen wollte sie den Kindern erzählen, was geschehen war und was bevorstand. Wie immer sie es aufnehmen würden, ihr war es unmöglich, mit ihnen tagaus tagein zu leben und dabei durch ein solches Geheimnis von ihnen fast abgesperrt zu sein. And sie mutzten ja auch Zeit haben, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen; denn zu einer Trennung zwischen Mutter und Kindern würde es ja doch kommen, ob zu einer größeren ober kleineren, das kam auf die Kinder selbst an. Wie sie ihr Leben im Verhältnis zu ihr und zu ihm einrichten, wollten, das sollten sie ganz und gar 60* stimmen. Sie wollte nichts fordern. Hier war es an ihnen, zu geben. Sie hörte Tages Schritte im Salon und ging zu ihm hinein, — Er war gleichzeitig so glückstrahlend und so nervös, daß Sie Frau sofort dachte, es müsse etwas geschehen sein, und sie ahnte auch was. Aber er, der eine Art Einleitung zu dem, was er auf dem Herzen hatte, finden wollte, saß da und führte zerstreute Reden über das Theater, und erst als seine Mutter zu ihm hinging und ihre Hand auf seine Stirne fegt« und ihn zwang, zu ihr aufzuschauen, brachte er es fertig, zu erzählen, daß er um Ida Kastager angehalten und daß sie geantwortet habe: ja. Roch lange sprachen sie davon, aber Frau Fönß fühlte die ganze Zeit, daß über ihren Worten eine unüberwindliche Kühle tag, weil sie sich, bewegt wie sie selbst war, scheute, allzusehr in Tages -Ton einzustimmen, und dann auch dies: ihr war es unleidlich, daß ihrs mißtrauischen Gedanken auch nur den schwächsten Schatten eines Zusammenhangs auswittern könnten zwischen der Tatsache, daß sie heute abend freundlich wär«, und dem, was sie morgen zu erzählen haben würde. Tage indes ward ihr kühles Wesen nicht gewahr. Wenig war es, was ihr diese Rächt an Schlaf brachte; zu viel waren es der Gedanken, mit denen sie sich wachhielt. Sie dachte daran, wie seltsam es war, daß er und sie sich fressen muhten, und daß sie, nun sie sich getroffen, einander lieben sollten wie in den alten Tagen. Aber es waren alte Tage, zumal für sie, sie war ja nicht jung, sie konnte es in jedem Fall nicht länger fein. And es würde sich geigen, er würde mit ihr Nachsicht üben müssen, sich daran gewöhnen müssen, daß es lange her war, daß sie eine Achtzehnjährig« gewesen. Aber sie fühlte sich jung, sie war es in so vielen Beziehungen, und dennoch war sie sich unzweifelhaft ihrer Jahre bewußt; ft« sah es so deutlich: in tausend Bewegungen, in Mienen und Gesten, in! der Art, wie sie einem Wink nachkommen, in der Art, wie sie bet einet Antwort lächeln würde, zehmnal des Tags würde sie sich bei derlei alt machen, weil ihr der Mut fehlen würde, im Aeutzeven so jung zu sein wie in ihrem Geist. And Gedanken tarnen und Gedanken gingen, aber durch all dies brach immer dieselbe Frag« hervor: nach ihren Kindern, was die sagen würden. Es wat am nächsten Bormittag, daß sie die Antwort herausforderte. Sie saßen im Salon. Sie sagte, sie habe ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen, etwas, das für sie alle eine große Veränderung bewirken, etwas, das ihnen seht unerwartet kommen würde. Sie bat die Kinder, so ruhig wie möglich zuzuhören und sich nicht durch den ersten Eindruck zu unbedachten Worten hinreihen zu lassen; denn sie müßten wissen daß das, was sie ihnen erzählen würde, fest abgemacht sei und daß nichts, was sie sagen könnten, sie von ihrem Entschluß abbringen! würde. „Ich will mich wieder verheiraten," sagte sie, und sie erzählte ihnen, wie sie Thorbrögger geliebt hätte, ehe sie den Vater bet Kinder gekannt, wie sie von ihm getrennt worden wäre und wie sie einander jetzt gefunden hätten. Ellinor weinte, aber Tage war ganz verwirrt aufgeftanben, bann zu ihr hingetreten, vor i§r in die Knie gesunken und patte lhw Hand ergriffen, die er schiluch-zend, I)alb erstickt von feiner Erregung, gegen feine ^ü)ange sirestte, mit unfägkieher Härtkichkeit, mit einem Ausdruck von Ratlosigkeit in jedem Zug seines Gesichtes. Aw, aber Mutter, liebste Mutter! Was haben wir dir denn getan, haben wir dich nicht immer geliebt, haben wir nicht, wenn wir bei dir und wenn wir fern von dir waren, uns zu btr hingesehnt, als zu unserem besten Besitz auf der Welt? Sen Vater haben wir ja nur durch dich kennengelernt, du hast uns gelehrt, ihn zu lieben, und wenn Ellinor und ich einander so liebhaben, ist es denn nicht darum, weil du Tag für Tag unermüdlich dem einen gezeigt hast, was am andern liebenswert fei — und ist es nicht so mit jebent Menschen gewesen, dem wir uns anschlossen? Haben wir nicht alles von dir? Alles haben wir von Dir, und wir beten dich an, Mutter; wenn du wüßtest... O du ahnst iiicht, wie oft unsere Liebe zu dir alte Ufer und Grenzen überschreiten möchte, hinauf zu Dir, aber wieder bist du es, die uns gelehrt hat, sie niederzuhalten, und wir Dürfen Dir nicht so innig nahekommen, wie wir gerne wollten. And nun sagst du, daß du ganz von uns sortgehen, uns ganz zur Sette schieben willst! Aber das ist ja unmöglich, was konnte uns der schlimmste Feind in der Welt Fürchterliches antun als dies, und du bist doch nicht unser schlimmster Feind, du meinst es jai gut mit uns, wie kann es Denn möglich sein! Sag schnell: es ist nicht wahr, tag. ,Es ist nicht wahr, Sage! Es ist nicht wahr, Ellinor!' „Sage, Sage! Komm doch zu dir selbst und mach' es nicht so schwer, dir nicht und uns andern nicht." Sage stand auf. „Schwer!" sagte er, „schwer, schwer, ach ich wollte, es Ware nichts anderes als schwer, aber es ist ja fürchterlich 5?’ denkt man daran, so ist's, um wahnsinnig zu werden. Ahnst Du auch wirklich, welchen Stoff du meinem Denken gegeben hast? Meine Mutter eines fremden Mannes Liebkosungen hingegeben, mein» Mutter begehrt, umfangen und wieder umfangend, o das sind für einen Sohn Gedanken, Gedanken, schlimmer als die ärgste Verhöhnung, — aber es ist unmöglich, es muh unmöglich sein, es muh, denn sollte nicht so viel Macht in Den Bitten eines Sohnes semi? Ellinor, sitze nicht weinend Da, komm und hilf mir, Mutter zu bitten, daß sie Mitleid mit uns habe!" Frau Wutz machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte: „Latz Ellinor, sie mag schon müde genug fein, und ich habe euch ja ohnehin gesagt, daß sich nichts ändern läßt." .Wär ich nur tot“ fugte Ellinor, „aber altes, was Tuge fugt, Mutter, ist wahr, und du kannst niemals das "locht haben, uns in unserem QTlter einen Stiefvater zu geben“ „Stiefvater!" rief Lage, „ich will nicht hoffen, daß er nur einen Augenblick wagt... Du bist toll! Wo er eintritt, da gehen wir hinaus, es gibt keine Macht auf Erden, die mich zwingen kann, die mindeste Gemeinschaft mit dem Menschen zu dulden. Bei Mutter steht die Wahl: — aber er oder wir! Gehen die Neuvermählten nach Dänemark, so find wir landesverwiesen, bleiben sie hier, dann bleiben wir nicht." „Meinst du das wirklich, Sage?“ fragte Frau Fönß. „Du zweifelst Wohl gar? Stell dir nur das Familienleben vor, wie Ida und ich an einem Mondscheinabend brausten auf der Serrasse sitzen und hinter dem Lorbeerboskett jemand flüstert und Ida fragt, Wer da flüstert, und ich antworte, es ist meine Mutter und ihr neuer Munn. Nein, nein, dies hätte ich nicht sagen sollen; aber du siehst schon, wie es wirkt, welchen Schaden es mir getan hat, und es bürd auch Ellinor nicht besser machen, das magst tm glauben.“ Frau Fönst ließ die Kinder gehen und saß allein. Nein, Sage hatte recht, es war nicht gut für die gewesen; wie weit waren sie schon in dieser kurzen Stunde von ihr abgekommen! Wie fühlten sie sich ihr gegenüber nicht als der Mutter, sondern als des Vaters Kinder, und wie bereit waren sie, von ihr abzufallen, kaum daß sie bemerkt hatten, daß nicht jedes Gefühl im Herzen der Mutter ihnen gehörte! Aber sie war ja doch nicht nufr einzig und allein Tages und Ellinors Mutter, sie war ja doch ein Mensch für sich selbst, mit einem Leben für sich, mit einer Hoffnung für sich, auch ohne Zusammenhang mit ihnen. Aber so jung, wie sie geglaubt hatte, war sie doch vielleicht nicht. Sie hatte es in dieser Aussprache mit ihren Kindern gemerkt. Hatte sie nicht dagesessen, ängstlich, trotz ihrer Worte, und hatte sie sich, nicht fast wie jemand gefühlt der in das Recht der -Sugenb eingegriffen hatte, und war nicht die selbstsichere Anmaßung und die naive Tyrannei der ganzen Jugend durch alles gegangen, was jene gesagt hatten, — wir sind es, denen zu lieben gebührt, wir sind es. denen das Leven gebührt, euer Leben hat für" uns da zu sein. Sie begann zu verstehen, daß eine Befriedigung darin liegen könne, ganz alt zu fein; nicht daß sie es wünschte, aber es lächelte ihr doch schwach entgegen, wie ein ferner Friede, jetzt nach allen Aufregungen der letzten Zeit, jetzt, da die Aussicht auf so viel Unfrieden so nahe war. Denn sie glaubte nicht, daß ihre Kinder andern Sinnes werden konnten, und doch mußte sie ja mit ihnen wieder und wiederum darüber sprechen, ehe sie die Hoffnung aufgab. Es war am besten, wenn Thorbrögger gleich abreifte; war er einmal fort, so würden die Kinder vielleicht weniger reizbar sein, und vielleicht konnte sie ihnen beweisen, wie eifrig bestrebt sie war, alle möglichen Rücksichten auf sie zu nehmen; die erste Bitterkeit würde dann Zeit finden, zu verschwinden und alles... nein, das glaubte sie selbst nicht, daß alles wieder gut werden würde. Es wurde bann so eingerichtet, das; Thorbrögger einwilligte, nach Dänemark zu reifen, um die Papiere beider in Ordnung zu bringen. Vorläufig sollte er bann dort bleiben. Indes schien dadurch nichts gewonnen zu fein. Die Kinder wichen ihr aus, Sage war immer mit Ida ober ihrem Vater zusammen, und Ellinor mußte, wie es schien, stets der kranken Frau Kastager Gesellschaft leisten. Und kamen sie endlich einmal zusammen, wo war da nicht nur die alte Vertraulichkeit, das alte Behagen geblieben, sondern wohin waren auch die tausend Gesprächsthemen hingeraten ..... und fanden sie endlich eines, wohin das Interesse dafür? Da saßen sie und hielten ein Gespräch aufrecht, .wie Menschen, die eine Zeitlang aneinander Gefallen gefunden haben und sich nun trennen sollen, und bann haben die, welche abreisen sollen, alle ihre Gedanken auf das Ziel der Reise konzentriert, und die, welche zurückbleiben sollen, denken nur daran, möglichst bald in ein trauliches Leben und in trauliche Gewohnheiten znrüctzufallen, wenn die Fremden abgereift fein werden. Es gab nichts Gemeinsames mehr in ihrem Leben, alles Gefühl der Zusammengehörigkeit war verschwunden. Sie konnten darüber sprechen, wie sie sich in der nächsten Woche, im nächsten Monat, auch im nächstfolgenden einrichten würden, aber es interessierte sie nicht so, als wenn es sich um Sage ihres eigenen Lebens handelte, es erschien ihnen nur wie eine Wartezeit, die auf diese Weise oder auf eine andere überstanden werden muß, denn alle drei fragten sie sich in ihren Gedanken: und was dann? Weil sie keine Sicherheit für ihr Leben fühlen konnten, weil sie keinen festen Boden für dessen Aufbau hatten, ehe das geordnet war, das, was sie getrennt hatte. And mit jedem Sage, der dahinging, vergaßen die Kinder mehr und mehr, was ihre Mutter ihnen gewesen war, wie Kinder eben, wenn sie glauben, daß ihnen Anrecht geschehen ist, tausend Wohltaten über ein einziges Unrecht vergessen. Sage war minder hart als seine Schwester, aber zugleich auch der am tiefsten Verletzte, denn er war es, der am meisten geliebt hatte. Lange Nächte hatte er darüber geweint, daß er die Mutter nicht so, wie er wollte, behalten könne, und es gab Zeiten, wo die Erinnerung an ihre Liebe zu ihm jedes andere 'Gefühl in feiner Brust beinahe übertäubte. Eines Sages war er auch zu ihr hineingegangen und hatte gebeten und gefleht, daß sie nur ihnen, ihnen allein, und keinem sonst gehören möge, und sie hatte geafittoortet: Nein! Und dieses Nein hatte ihn hart gemacht, und kalt dazu, eine Kälte, vor ber et sich im Anfang gefürchtet hatte, da mit ihr zugleich eine fürchterliche Leere eingezogen war. Mit Ellinor stand es anders, feltfamertoeife hatte sie, was geschah, vor allem wie ein Unrecht gegen ihren verstorbenen Vater empfunden, und sie begann diesen Vater, dessen sie sich nur ganz dunkel entfinnen konnte, wie einen Fetisch zu verehren und machte ihn sich lebendig indem sie sich in alles, was sie von ihm gehört hatte, vertiefte sie fragte Kastager nach ihm aus und Sage, küßte jeden Morgen und Abend ein Porträtmedaillon, das sie von ihm hatte, und sehnte sich mit etwas hysterischem Verlangen nach Briefen von ihm daheim und Dingen, die ihm angehört hatten. Während der Vater solchergestalt stieg, sank gleichzeitig die Mutter. Daß sie sich in einen Mann verliebt hätte, brückte sie in ben Rügen ber Tochter herab, nun war sie nicht mehr die Mutter, die unfehlbare, klügste, vortrefflichste, schönste, sie war ein weibliches "Wesen wie andere auch, oder doch nicht ganz wie andere, aber eben tocil sie das nicht ganz war, eine, die man erst recht kritisieren und beurteilen, an ber man Schwächen und Fehler finben konnte. Ellinor toar froh darüber, daß sie ber Mutter ihre unglückliche Liebe nicht anvertraut hatte, sie wußte ja nicht, wie tief sie gerade ber Mutter dafür verpflichtet war. Tag um Sag ging dahin, und dies Leben wurde immer unertrüg- ttcher, und sie fühlten alle drei, daß es nutzlos toar und sie nicht zst. fammenführte, sondern auseinanderzog. Frau Kastager, nunmehr genesen, toar freilich bei dem, was sich ereignet hatte, nicht zugegen gewesen, wußte aber doch unter ihnen am bestell Bescheid, weil man ihr alles erzählt hatte, und hatte eines L.ages eine lange Unterredung mit Frau Fönß, die froh toar, temanben zu finden, ber ruhig anhören konnte, wie sie sich die Zukunft eingerichtet dachte; und in diesem Gespräch schlug Frau Ka» ftager vor, daß die Kinder mit ihr nach Nizza Übersiedeln sollten und Thorbrögger nach Avignon berufen würde, wo sie bann heiraten sollten. Kastager könnte ganz gut bleiben und Trauzeuge fein. Stau Fönß schwankte einige Zeit, denn es toar ihr unmöglich, die Ansicht ihrer Kinder zu erfahren: sie hatten, als man es ihnen erzählte, es mit vornehmem Schweigen hingenommen, und als man ihnen wegen einer Antwort zuseyke, hatten sie nur gesagt, daß sie sich hierin selbstverständlich nach den Entschlüssen der Mutter richten müßten. Also kam es so, tote Frau Kastager vorgeschlagen hatte; die Mutter sagte ben Kindern lebewohl und sie reiften, Thorbrögger kam, und sie wurden getraut. Spanien wurde ihre Heimat; Thorbrögger wählte es. um dort Schafe zu züchten. Nach Dänemark wollte keines von beiden. Und dann lebten sie glücklich in Spanien. Ein paarmal schrieb sie an ihre Kinder, aber im ersten heftigen Zorn darüber, verlassen zu sein, schickten sie die Briefe zurück. Später bereuten sie es Wohl, aber sie konnten es doch nicht über sich bringen, ihre Reue einzugestehen unb ihr zu schreiben, und so hörte alle Verbindung zwischen ihnen auf. Aber sie hörten ja ab und zu, auf anderen Wegen, wie es hüben und drüben ging. Fünf Jahre lebten Thorbrögger und feine Frau glücklich, aber bann erkrankte sie plötzlich. Es toar ein schnellzehrenbes Leiden, bas nottoenbigertoeife mit dem Tod enden mußte. Die Kräfte schtoanbeu von Stunde zu Stunde, und eines Tages, da das Grab schon nicht mehr ferne toar, schrieb sie ihren Äinbern. „Liebe Kinder,“ schrieb sie, „daß Ihr diesen Brief lesen werdet, weiß ich, denn er wirb Euch nicht erreichen, bevor ich tot bin. Fürchtet nichts, Vorwürfe sind in diesen Zeilen nicht verborgen, könnt' ich nur machen, daß sie genug Liebe in sich aufnehmen! Wo Menschen lieben, Sage unb Ellinor, meine Herzens-Minor, ba mutz immer der sich demütigen, 'der am meisten liebt, und darum komm ich noch einmal zu Euch, toie ich in Gedanken jede Stunde des Tages, solange ich kann, kommen will. Wer sterben soll, liebe Kinder, ist recht arm; ich bin es auch, denn diese ganze wunderschöne Welt, die so viele Jahre her mein reiches gesegnetes Heim gewesen ist, soll mir weggenommen werden, mein Stuhl leer stehen, die Tür hinter mir sich schließen und ich nie mehr meinen Fuß hierhersetzen. Deshalb kann ich nichts ansehen ohne die Bitte, daß es mich liebhaben möge, deshalb komme ich und bitte Euch, mich mit bet ganzen Liebe zu lieben, die Ihr mir ehemals geschenkt habt, denn, beherzigt es wohl: Nicht vergessen werden, das ist der ganze Anteil an bet Menschen Welt, ber mir von nun an übrigbleibt. Nur nicht vergessen toerben, gar nichts sonst. Ich habe nie an Eurer Liebe gezweifelt, ich wußte ja genau, daß es Eure große Liebe war, der Euer großer Zorn entsprang; hättet Ihr mich weniger geliebt, so hättet Ihr mich auch ruhiger ziehen lassen. Und deshalb laßt Euch sagen: Wenn es eines Tages geschehen sollte, bah ein gramgebeugter Mann an Eure Türe käme, um mit Euch von mir zu sprechen, von mir zu sprechen, damit er Trost finde, bann soflt Ihr Euch erinnern, daß keiner mich geliebt hat wie er, und bah alles Glück, das eines Menschen Herz ausstrahlen kamt, von ihm zu mir gegangen ist. Und bald, in der letzten großen Stunde, wird er meine Hand halten, wenn das Dunkel kommt, unb seine Worte werden die letzten sein, die ich höre... Lebt tvohl, ich sage es hier, aber es ist nicht das letzte Lebewohl an Euch, das will ich, so spät ich nur vermag, sprechen, und all meine Liebe soll darin fein und die Sehnsucht von so vielen, vielen Jahren und Erinnerungen von damals, als Ihr klein wäret, und tausend Wünsche und tausend Dank. Leb wohl, Tage, leb wohl, Ellinor! Lebt ivohl bis zum letzten Lebiwohl! Eure Mutter. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Berlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckeret, N. Lange, Diesten.