Dienstag, den 22. Februar Jahrgang 1927 wX i ms SchNetze Mir die Augen beide . . . Von Theodor Storm. Schließ mir die Augen Heide mit den lieben Händen zu! Geht doch alles, was ich leide, unter Heiner Hand zur Ruh. Und wie leise sich der Schmerz Well' um Welle schlafen leget, wie der letzte Schlag sich reget, füllest du mein ganzes Herz. Der innere König. Bon Friedrich v. Oppel n -B r oni k o w j ki. Mit groben Gegensätzen arbeitend, wie im Film üblich, hat der bekannte Fridericus-Rex-Film in seinem ersten Teil den brutalen, engherzigen Soldütenkönig Friedrich Wilhelm I. mit seinem edlen, unglücklichen Sohne kontrastiert. Dies Zerrbild Friedrich Wilhelms I. stammt aus den Memoiren seiner eigenen Tochter, der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die 1810/11 auf Betreiben der napoleonischen Regierung im damaligen französischen Herrschaftsgebiet veröffentlicht wurden, um dem bei Jena geschlagenen Preußen auch moralisch den Todesstoß zu versetzen. Umsonst haben Forscher wie Ranke und Droysen dies Werk einer gemütskranken, verbitterten Frau schon längst als unglaubwürdig nachgewiesen, und ihr eigner Briefwechsel mit ihrem Bruder Friedrich, den G. B. Volz neuerdings völlig erschlossen hat, straft ihre Memoiren immerfort Lügen Das Zerrbild bleibt dennoch im Volksbewutztsein unzerstörbar, obwohl gelehrte Kleinarbeit, namentlich Gust. Schmollers aründ- legende Studien und die stattliche Reihe der Acta borussia, alle Zweige der Staatsverwaltung des Soldatenkönigs durchforscht und daraus fein wahres Bild gewonnen hat, das des „größten inneren Königs von Preußen". Friedrich der Große, der. Erbe und Fortfetzer feines Werkes, hat in feiner „Geschichte des Hauses Brandenburg" selbst bezeugt, was er seinem Vater verdanke: „Wenn es wahr ist, daß wir den Schatten der Eiche, die uns umfängt, der Kraft der Eichel verdanken, die den Baum sprossen ließ, so wird die Welt darin einstimmen, daß in dem arbeitsvollen Leben dieses Fürsten und in der Weisheit feines Waltens die Urquellen der Wohlfahrt liegen, deren sich Preußen nach seinem Tode erfreut hat." Ohne die Erbschaft seines Vaters hätte Friedrich der Große da anfangen müssen, wo jener begonnen hatte: mit dem Wiederaufbau eines verschuldeten, zerrütteten, fremder Willkür preisgegebenen Staates. Durch diese Erbschaft war er imstande, die Machtmittel, die ihm in den Schoß fielen — ein starkes Heer, ein pflichttreues Beamtentum, eine musterhafte Finanzwirtjchaft — sofort einzusetzen und so Preußen zum Großstaat zu erheben, aber auch den soliden Unterbau, den sein Vater geschaffen, mit dem schmückenden Oberbau der Künste und Wissenschaften zu krönen, das Licht der Aufklärung in die dunkle Werkstatt preußischer Größe einzulassen. Was wäre wohl geworden, fragt Ernest Lavisse, der französische Historiker der Jugend Friedrichs des Großen, wenn auf den ersten König Friedrich I., der im Genuß feiner neuen Würde aufging, statt des SoldateNkönigs Friedrich Wilhelm I. eine brave Mittelmäßigkeit und statt feines großen Sohnes ein einfacher Ehrenmann gefolgt wäre? „Der ganze Lauf der Geschichte wäre ein anderer geworden." Friedrich Wilhelms erstes Auftreten und seine ganze Regierung ist ein Protest gegen das, was er vorfand. Und feine Persönlichkeit, seine Schöpferkraft war so stark, daß seine Neuordnung zwei Jahrhunderte überdauert hat. Es sind eben doch stets die Männer, die Geschichte machen, nicht die Massen, und nur da, wo sie fehlen, überläßt man sich fatalistisch dem „Wirlschaftsprozeß". Worin bestand nun die Neuordnung Friedrich Wilhelms, und was fand er vor? Als. fein Vater sich 1701 die Königskrone aufs Haupt gefetzt hatte, war es sein ganzes Streben, Ludwig XIV., den roi soleil, nachzuahmen, sich mit Glanz zu umgeben. Gewiß hat er dadurch dem Staate des Großen Kurfürsten einen Nimbus verliehen, gewiß auch durch die Begründung der preußischen Akademie der Wissenschaften, deren Präsident, Leibniz, ein Universalgenie war, durch Begründung der Universität Halle, wo Thomastus den Hexenwahn bekämpfte und der junge Pietismus eine religiöse Erneuerung einteitete, und durch eine Fülle von künstlerischen Bauten (Berliner Schloß, Zeughaus, Denkmal des Großen Kurfürsten usw.) die geistigen und künstlerischen Grundlagen geschaffen, auf denen fpätere Herrscher großartig weiter gebaut haben. Ader die Opfer, die die Erwerbung der Königskrone und der glänzende Hofstaat erheischten, zerrütteten die Finanzen; die ewigen Kriegsdienste für die Habsburger — am Rhein, in Italien, in Ungarn —, die Bedingung für die Anerkennung der Königswürde, fraßen am Mark des Landes, und trotz alles Kriegsruhmes waren keine Truppen verfügbar, um im Nordischen Krieg die eigenen Grenzen zu schützen. Diese allzuschwere Krone faß gleichsam auf dem Haupt eines schmächtigen Knaben, der 'sie nicht zu tragen vermochte. Es gatt, seinen Körper zu stählen, damit er ihrer Last gewachsen wäre. Insofern war sie, wie Friedrich der Große sagt, eine Lockspeise, die der erste König seiner ganzen Nachkommenschaft hinwarf. Gleichwohl war es eine furchtbar schwere Ausgabe, aus dem Schein em Sein zu machen, und diese Aufgabe fiel in ihrer ganzen Wucht auf feinen Sohn. Man lese die erschütternden Worte Friedrich Wilhelms I. in der Snftruttion von 1722 an seinen Nachfolger, einer Art von politischem Testament: „Da mein fel. Vater 1713 gestorben, fand ich das ganze Land sOstjpreußen von der Menschen- und Biehpest fast ausgestorben, alle Domänen im ganzen Lande verpfändet und in Erbpacht, die ich alle wieder ausgelöst habe, und die Finanzen in solchem schlechten Stande, daß ein Bankrott nahe war, die Armee in solchem schlechten Stande und klein an Zahl, daß ich alle gewesene Unrichtigkeit nicht genug kann beschreiben. Ist gewiß ein recht Meisterstück, daß ich in neun «ähre die Affairen alle wieder so in gute Ordre und Verfassung gebracht und Ihr auf Eure Domänen nichts schuldig seid. Eure Armee in solchem Stande als (eine) in Europa mit ist. Und versichere Euch, ich habe von meine Bediente (Beamte) wenig Assistenz gehabt, wohl aber bin von ihnen direete und inbirecte contercarrieret worden." Einen bankrotten Staat hatte der fünfundzwanzigjähriae König ge- erbt. Es bedurfte seines ganzen harten Pflichtgefühls, (einer ungeheuren Arbeitskraft, seines organisatorischen Genies und seines tiefen Gottvertrauens, um an dieser Erbschaft nicht zu verzweifeln: ,ein träges, in Armut dumpf hindämmerndes Volk, ein Land ohne inneren und äußeren Zusammenhang, von Memel bis Mors über ganz Deutschland verzettelt, von neidischen Nachbarn umgeben, von fremden Truppen durchzogen, ein kostspieliger Hofstaat, der Brutherd ewiger Intrigen und Geldvergeudunq, selbstherrliche 'Generale und Obersten, ein uneinheitliches Heer voll übler Elemente, ein Durcheinander in der Staatsverwaltung, leere Kassen, ein allgemeines Chaos, aus dem nur ein klarer Verstand und ein eiserner Wille herausfinden konnte. Gewiß ift Friedrich Wilhelm mit feinem Krückstock oft erbarmungslos dazwifchengefahren; er Hal Urteile geschärft und „gut russisch" gestraft, wie fein Nachbar, Zar Peter der Große. Aber ebensowenig wie Revolutionen mit Rosenwcksser gemacht werden, baut man zerrüttete Staaten mit weißer Salbe wieder auf. Friedrich Wilhelm begann mit dem berühmten „Strich durch den Etat": er schickte den ganzen prunkhaften Hofstaat „zum Teufel". Die kost- baren Weine, die Luxuspferde und Karossen wurden verkauft; das überflüssige Silberzeug wanderte in die Münze zur Bezahlung von Schulden. Die aufgeräumten Schlösser und Lufthäuser wurden verpachtet, die Lustgärten in Exerzierplätze verwandelt. Die weiteren Aufgaben waren Ordnung in den Finanzen. Einlösung der verpfändeten Staatsdomänen und Erhöhung ihrer Ertragfähigkeit, — ein Plus machen, wie fein Lieblingsausdruck lautete, — Reorganisation und Vereinheitlichung der Staatsverwaltung, Reorganisation und Verstärkung des Heeres, so daß trotz des zersplitterten Staatskörpers kein Nachbar einen Angriff oder eine Gebietsverletzung wagte; keine Kriegsdienste für andre ohne erheblichen Nutzen, Hebung des Gewerbefleißes, damit die Steuereinkünfte sich mehrten und „Land und Leute in floris- fernten Zustand kommen" konnten, Bezähmung der unbotmäßigen und eigennützigen Landstände, Aufräumen mit der Vetternwirtschaft-und Korruption in den Stadtverwaltungen und Entschuldung der Städte, Wieder- aufbau und Neubesiedlung Ostpreußens, Erziehung des Volkes zu Fleiß, Frömmigkeit und Bildung. Fürwahr ein ungeheures Programm, das dennoch beim Tode des Königs fast restlos durchgeführt war. „Arbeiten müßt Ihr, so wie ich beständig getan", heißt es in der Instruktion von 1722. „Denn ein Regente, der mit Honneur in der Welt regieren will, muß feine Affairen alle selbst tun. Also seien die Regenten zur Arbeit erkoren, und nicht zum faulen Weiberleben. Der liebe Gott hat Euch auf den Thron gesetzet, nicht zu faulenzen, sondern zu arbeiten und seine Länder wohl zu regieren." Welch eine Sprache in einer Zeit, wo jeder Kleinfürst Ludwig XIV. nacheiferte und die Höfe Brutherde der Sittenlosigkeit waren! Es versteht sich, daß dies Friedenswerk Frieden erforderte, langen Frieden. Der Soldatenkönig, der das preußische Heer schuf, war ein Friedensfürst. Nur zu Anfang seiner Regierung mischte er sich in den Nordischen Krieg, um die Odermündungen wieder in deutsche Hand zu bringen und den Zugang zur See zu gewinnen. Später hat er nur noch dem Kaiser ein kleines Pflichtkontingent in dem unglücklichen Polnischen Erbfolgekrieg gestellt, durch den Lothringen an Frankreich verloren ging. In seinen letzten Jahren, als seine Wassersucht zunahm, zeigte er sogar eine ausgesprochene Kriegsscheu, so daß Preußen- auf dem Schachbrett der äußeren Politik geringschätzig beiseitegeschoben wurde. Das war mit ein Grund, weshalb Friedrich der Große seine Regierung mit einem Kriege begann, als der Tod des letzten Habsburgers die schlesische Erbfolgefrage aufrollte: er wollte Preußen die politische Achtung wiederoerschaffen, die seiner inneren Stärke entsprach. Nicht als Außenpolitiker also darf man Friedrich Wilhelm I. werten; seine Verdienste liegen ganz in der inneren Ertüchtigung seines Landes. In der Wett des Schrffsarztes. Von Fritz Löwe. Bei einem modernen Ozeandampfer kommt es nicht nur auf gigantische Schiffsabmesfungen, auf komfortable Ausstattung der Kabinen und Gesellschastsräume, auf Schnelligkeit und auf die durch Gröhe und Bauart des Schiffes bedingte Sicherheit an. Cs gibt noch andere Faktoren, die mitsprechen. So müssen in erster Linie auch die hygienischen Einrichtungen allen Anforderungen entfprechen. Seine größte Tat war die Schöpfung des preußischen Heeres. Dies Äitterte Land mit feinen endlosen Grenzen bedurfte einer stärkeren macht als ein in sich geschloffener, durch natürliche Grenzen gesicherter Staat, sonst blieb es ein Spielball der Nachbarn. Daher brachte Friedrich Wilhelm sein Heer, das unter seinem Vater m Kriegszeiten 40 000 Mann betragen hatte, in Friedenszeiten auf das Doppelte. Zwei Menschenalter vor der französischen Revolution stellte er den altrom,- fchen Grundsatz auf, daß „alle Untertanen des Landes für die Waffen geboren find" (Kantonreglement von 1727). Aber das Land war menschenarm- die furchtbaren Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges machten sich noch überall fühlbar; allerorten, in Stadt und Land, gab es noch viele .wüste Stellen". Die kostbarsten Arbeitskräfte muhten alfo geschont werden sonst stockte das Wirtschaftsleben, wurden d,e Staatssinanzen vollends zerrüttet. Nach mancherlei Tasten und Mihgriffen, bei denen es nicht ohne Härten -und erbitterte Widerstände abging, kam der König, rein aus der Praxis heraus, zu einem Kompromiß zwischen dem damaligen Söldnerwesen und dem neuen Gedanken der Wehrpflicht. Unge- fähr die Hälfte des Heeres wurde durch Werbung im Ausland — be- mnders in deutschen Ländern —, aufgebracht, die andern aus den „Kanons" eingezogen, den Rekrutierungsbezirken der Regimenter im Irland. Ganze Stände wurden „eximiert" (von der Dienstpflicht befreit): der Adel nur theoretisch, denn gerade ihm legte der König die Ehrenpflicht auf, die Offiziere zu stellen, und gelegentlich half er auch mit Zwang nach; tatsächlich dagegen das ganze höhere Bürgertum, das die Unternehmer in Handel und Industrie, die Aerzte, Geistlichen und Ge- !ehrten fowie zahlreiche Staatsbeamte stellte, schließlich alle Bauern mit ycius und Hof, die Wollarbeiter und andere „Manufacturiers". Es waren im ganzen die ärmsten Volksschichten, die für den Heeresdienst verpflichtet wurden, aber sie standen — im Gegensatz zu den Ausländern - nicht dauernd unter der Fahne. Waren sie zwei Jahre lang ausgebildet, so wurden sie in die Heimat beurlaubt, um die Arbeitskräfte zu vermehren, und nur zur Exerzierzeit (wie früher unfere Reservisten) für ;wei Monate eingezogen. Das stehende Heer bestand also in der Haupt- 'iche aus Ausländern, hergelaufenen oder gepreßten Leuten, die man wenigstens durch das Band der Ehe an die Fahne zu fesseln suchte. Diesen Ausländern ist vor allem die furchtbare Härte der damaligen Manneszucht und die grausame Bestrafung der Desertion durch das Spießrutenlaufen zu danken, dis ein notwendiges Hebel aller damaligen Heere war. Den einheitlichen Rahmen für dies zwiespältige Heer schuf der König fich in einem fast durchweg nationalen und adligen Osfizierkorps, das durch ausgeprägte Standesfitte, Ehrgefühl und Lehnstreue eine Gewähr für Zuverlässigkeit und Diensteifer bot, die dem internationalen Söldner- tum gefehlt hatte. Jedoch war das Bürgertum vom Offiziersstand nicht ausgeschlossen; der König forderte die Obersten vielmehr selbst auf, geeignete bürgerliche Unteroffiziere zur Beförderung vorzuschlagen; bei der Artillerie waren bürgerliche Offiziere sogar häufig; selbst unter den ' Lieblingen des Königs befand sich ein Bürgerlicher (Koppen). Unter Friedrich dem Großen fand in dieser Hinsicht eher eine Rückbildung statt, besonders nach dem Siebenjährigen Kriege, obgleich auch zu seinen Ver- • trauten ein bürgerlicher Offizier (Guichard) gehörte. Durch Belohnungen und Strafen, durch persönliches Inspizieren aller Regimenter, vor allem durch sein eignes Vorbild zog der König sich ein Offizierskorps heran, das seine Probe in den Kriegen Friedrichs des Großen glänzend bestehen sollte. Er selbst trug stets die Uniform seiner Potsdamer Riefengarde und führte dies Musterregiment selbst. , Durch das nationale Offizierskorps aber wurde noch ein Zweites erreicht, das dem ganzen Staate unmittelbar zugute kam. Das Dienen im Ausland, damals gang und gäbe, hörte in Preußen auf, und der preu- fifche Junker, der noch immer gegen die neue Fürstenmacht fronbierte und die schönen Zeiten der Ständeherrschaft zurücksehnte, wurde jetzt dem Staatsgedanken gewonnen und aus einem widerspenstigen, selbstsüchtigen ober faulen „Krippenreiter" ein Träger unb Werkzeug ber Staatsgewalt. „Mein Succeffor", heißt es in ber Instruktion von 1722, „muh bas für eine Politik halten, die von Adel in der Armee (zu) emploiren und fdahf die Kinder unter die Cadets gefetzet werden. Ist formidable für die Armee und ruhiger in seine Länder, daß der ganze Adel in seinen Diensten erzogen wird unb keinen Herrn kennt als Gott unb den König von Preußen". Der Edelmann war zudem der natürliche Führer des aus- gehobenen Bauernsohnes, der an die Gutsuntertänigkeit gewöhnt war. Freilich wurde gerade diese durch das Heer gelockert. Der zur Aushebung bestimmte „Enrollierte" wurde von ihr befreit unb unterftanb lediglich der Militärbehörde, und wenn er des Königs Rock anzog, feinen Offizieren. Das war der erste Schritt zur Bauernbefreiung. Sie ist zwar erst durch die Sieinfchen Reformen voll durchgeführt worden, aber auf den Staatsdomänen begann schon Friedrich Wilhelm I. seit 1719 mit der Aufhebung der Leibeigenfchaft, so groß auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Widerstände von feiten der Amtleute waren. Die Frondienste wurden stark eingeschränkt ober durch Gelbablösungeii ganz aufgehobeii, die Freizügigkeit unter bestimmten Bedingungen ermöglicht — auch das zwei Menschenalter vor der französifchen Revolution. Erfolgloser waren die Bemühungen des Königs um die Befreiung der Gutsbauern, die nicht Soldaten wurden. An dem Widerstand der Guts- Herrschaften scheiterte er ebenso wie später sein Sohn. Es waren vor allem die Rücksichten auf den Osfizierserfatz, die den König bestimmten, sich hier mit halben Maßregeln zu begnügen und nur dem Bauernlegen und dem Prügeln der Bauern Einhalt zu tun. (Schluß folgt.) Für jeden, der eine größere Seereise unternimmt, hat der Gedanke, daß sich an Bord des Schiffes, das ihn über das Meer tragen soll, dem er Leben und Gesundheit anvertraut, ein erfahrener Schiffsarzt, modern eingerichtete Krankenräume und eine gut ausgerüstete Apotheke befinden, etwas ungemein Beruhigendes. Bei den großen Ozeandampfern ist nichts gespart worden, um sie mit den modernsten hygienischen Einrichtungen zu versehen. Die gewaltigen Fortschritte der Reisetechnik machen sich auch auf diesem wichtigen Gebiete bemerkbar. Im Zeitalter des Weltreiseverkehrs sind mit den Dimensionen ber Schisse auch bie für Krankheitsfälle reservierten Räume an Umfang gewachsen. Hygiene unb Wissenschaft, Technik unb Jnbustrie haben sich die Hand gereicht, um mustergültige Lazarette zu schaffen. Lustige Krankenzimmer, blütenweiße Laken unb peinlichste Sauberkeit fallen beim Betreten dieser Räume sofort ins Auge. Alle modernen Hilfsmittel zur Krankenpflege sind reichlich vorhanden. Da fehlt auch keiner der Apparate, die die neuesten Errungenschaften der Technik dem Arzte nutzbar gemacht haben. Röntgenapparate, Blutdruckmefser, blitzende Sterilisierapparate, chirurgische Instrumente jeder Art, kurz, die ganze Einrichtung eines modernen Krankenhauses steht heute dem Schiffsarzt zur Verfügung. Anher erfahrenen Aerzten sorgen für das Wohl erkrankter Pasja- giere ober Mitglieder ber Besatzung geübte Sanitätsgehilfen und Krankenschwestern. Wie ein Kinberspielzeug wirkt bie mit allen Hilfsmitteln ausgerüstete Liliput-Apotheke. Praktisch eingerichtete Orbinations- und Operationsräume fetzen bie Schiffsärzte in bie Lage, allen vorkommenden Krankheitsfällen wirksam zu begegnen. Aber nicht nur für Kranke ist an Bord in jeder Beziehung gesorgt. Auch Rekonvaleszenten unb Erholungsbedürftige finden auf dem Meere ihre Gefundheit wieder,. Von früh bis abends in ber frischen Seeluft, finben sie in dem schwimmenben Hotel warme unb kalte Seebäber, Licht- und türkische Bäder. In bem mit ben mobernsten mebiko-mechanischen Apparaten versehenen, auf hohem Booisbeck befinblichen Turnsaal können sie reiten, rabeln, rudern, boxen, kurz, jeden Sport treiben. Dem Schisssarzf ist das Wohl ber ihm anvertrauten Passagiere und Besatzung höchstes Gebot. Tag und Nacht muh er auf den Beinen fein. An seine physische unb psychische Kraft wirb bie höchste Ansorberung gestellt. Ereignet sich an Bord ein ansteckender Krankheitsfall, so muh der Arzt ben Kranken unb feine Umgebung sofort in den hierzu bestimmten Räumen ijolieren. Da jedoch jede Beunruhigung der anderen Passagiere vermieden werden muh, so gehört hierzu Takt und Geschick. Oft genug wird ber Arzt, wenn er an festlicher Tafel sitzt, burch den stummen Wink eines Stewards herausgerufen. Eine plötzliche Erkrankung oder ein Un- glücksfall im Mafchinenrauin. Die Passagiere dürfen von alledem nichts merken. Der Verunglückte muß oft bei schwerem Sturm unter den größten Vorsichtsmaßregeln aus der Tiefe ins Lazarett befördert werden. Dann soll ber Verunglückte gelagert, unter allen Umständen sofort operiert werben unb alles dies mitunter bei hohem Seegang. Bei allen schweren Erkrankungen muß ber Schiffsarzt schnell und selbständig handeln. Bei großen Reisen ist im allgemeinen noch em zweiter Arzt an Bord, aber für gewöhnlich muß er doch ber eigenen, schnellen Entschlußfähigkeit vertrauen. Er kann nicht wie sein glücklicherer Kollege an Lanb in zweifelhaften Fällen einen Spezialarzt hlnzuziehen, es sei benn, daß sich ein solcher zufällig unter ben Passagieren befindet. Oft genug muß er auch Seelenarzt sein und mit Nervösen und Gemütskranken umzugehen verstehen. Es ereignen sich da an Bord mitunter unvorhergesehene, ganz komplizierte Fälle. Kurz, er muß m allen Sätteln gerecht sein. Wenn alle anderen leitenden Persönlichkeiten an Bord Riihe haben, der Schiffsarzt hat eigentlich niemals Ruhe. Bei Lag und bei Nacht muß er stets bereit sein, Hilfe L» leisten. Wie oft wird er nach des Tages Last und Muhen aus dem odjlafc geweckt. Irgendeine Dame hat sich den Magen verdorben, oder ein Kavalier hat des Abends zu viele Cociails und Flips gemischt, mit dem Er- folge, bah ihn das graue Elend gepackt hat. Trotz alledem dar; der Schisfs- arzt nie die Geduld verlieren und muh auch solche „Patienten durch freundlichen Zuspruch und entsprechende Medikamente wieder auf die Nähert sich das Schiff einem Hafen, |o harrt seiner doppelte Arbeit und Verantwortung. Er muß den ärztlichen Behörden über den Gesundheitszustand an Bord genauen Bericht erstatten. Er tragt ihnen gegenüber die volle Verantwortung, daß sich unter ben Passagieren unb ber Mannschaft kein Fall einer ansteckenden Krankheit ereignet hat, die bie Quarantäne des Schiffes zur Folge hätte. Seit der Verwendung der drahtlosen Telegraphie an Bord hat sich bas Wirkungsfeld unb damit bie Verantwortung des Schiffsarztes ungemein vergrößert. Oft genug werden Funksprüche anderer Schiffe aup gefangen, die den drahtlosen Wunsch nach ärztlichem Beistand aus- sprechen. Da ist z. B. ein Matrose eines in der Ferne fahrenden Dampfers von schweren Herzkrämpfen befallen worden. Der Schiffsarzt behandelt ihn drahtlos. Bevor die Schiffe durch die zunehmende Entfernung aus der Verbindung kommen, hört er zu seiner Genugtuung, bah bas Be- finben bes Kranken sich gebessert hat. Es kann auch vorkommen, daß mitten auf dem Ozean das Schiff durch Funkspruch von einem anderen Dampfer, der sich Hunderte von Seemeilen entfernt befindet, bringens um ärztliche Hilfe gebeten wird. Ein Passagier ober ein Mitglied der Mannschaft ist schwer erkrankt. Da heißt cs bann, sich zunächst drahtlos über bie Art der Krankheit zu orientieren. Mitunter genügen bie per Radio erteilten Ratschläge des Arztes und bie Befolgung ber von * gegebenen Verhaltungsmaßregeln. Es kann aber auch vorkommen, daß im Falle von Lebensgefahr bes Patienten bie beiben Schiffe sich out Vollbarnpf einander nähern unb ber Arzt selbst bei hohem Seegang nach dem anderen Schiffe übersetzen muß, um dem Kranken zu helfen oder ihm wenigstens Linderung seiner Leiden zu verschasfen. Die Entwicklung ber Rabiotechnik, bes jüngsten Sohnes der Elekiro- technik, wird, wie auf alten Gebieten, so auch dem Schiffsarzt in Zukunft reichlich Gelegenheit zur Lösung ber verschiedensten medizinischen Pro- Meine geben. Die Fernkonsultation unb Erleichterung der drahtlosen ärztlichen Hilfeleistung von Schiff zu Schiff wird sich auf ben großen Lzeanverkehrsstraßen in naher Zukunft immer mehr entwickeln. Der mit einigen Röhren erzielte hohe Verstärkungsgrad ermöglicht es nämlich ßon heute, den Gitterkreis eines Telephoniefenders zu besprechen und i Hochfrequenzstrom im Rhythmus der Herztöne zu beeinflussen. Eine Vergrößerung der Reichweite ließe sich, sobald das Problem eine prinzipielle Lösung gefunden hat, durch Erhöhung der Sendeenergie ohne weiteres erzielen. Vielleicht ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, an dem der Schiffsarzt aus einem Hunderte von Seemeilen entfernten anderen Dampfer das Herz eines erkrankten Menschen schlagen hört, daß er die Herztöne nicht nur gut hört, sonden auch zwischen einem normalen und krankhaft veränderten Rhythmus unterscheiden und danach seine Maßnahmen treffen kann. Kapitän und Schiffsoffiziere wachen Tag und Nacht auf der Brücke Über das Wohl der ihnen anvertrauten Passagiere. In der Tiefe des Schiffes arbeiten im Wirbel der Maschinen die Ingenieure. Wenn Schiffswände reden könnten, würden sie von stillen Heldentaten, von selbstlosester Aufopferung des Schisssarztes erzählen, der oft genug Leben und Gesundheit «insetzt, um anderen Hilfe zu bringen. Windkraftwirtschaft. Bon Ingenieur Johannes Becker. (Nachdruck verboten.) In der technischen Ausnutzung der Windkräste zur wirtschaftlichen Kraftgewinnung machen die auherordetlich großen Schwankungen in der Windgeschwindigkeit und damit in der Windstärke die meisten Schwierigkeiten. Die Erfahrung lehrt, daß im allgemeinen die mittlere Windstärke am Vormittag zunimmt, bald nach Mittag ihren Höchstwert erreicht, dann allmählich abfällt und in der Nacht oft in Windstille übergeht. Diese tägliche Veränderung der Windstärke ist im Winter kleiner als im Sommer. Errechnet man die mittlere Windstärke für jeden Tag, so findet man sie durchschnittlich im Winter größer als im Sommer. Neben diesen täglichen und jährlichen Schwankungen finden sich die ganz unregelmäßig wieder- kchrenden windarmen und windstillen Tage. Im Jahresdurchschnitt beträgt die Windgeschwindigkeit in Deutschland nach den Beobachtungen des meteorologischen Institutes zu Berlin 4.4 Meter in der Sekunde. Das ist die Geschwindigkeit eines mäßigen Windes, der schon die schwächeren Zweige der Bäume bewegt. In Berlin z. B. herrscht in 87 v. H. der Stunden eines Jahres eine Windgeschwindigkeit von mindestens 3 Meter in der Sekunde, in 71,5 v. H. eine Windgeschwindigkeit von mindestens 4 Meter in der Sekunde. Für noch höhere Windgeschwindigkeiten fallen diese^ Zahlen rasch. L-olange man aus die unmittelbare, sofortige Verwendung der aus dem Winde gewonnenen Kraft und auf Windmotor« angewiesen war, die hohe Windstärken verlangten, blieb der Wind daher als Antrieb auf solche Zwecke beschränkt, bei denen die Arbeit aus das Vorhandensein der Kraft warten konnte, wie etwa beim Mahlen des Getreides. Windmühlen gb infolgedessen Jahrhunderte hindurch die einzige Anwendung der indkraft geblieben. Noch im Jahre 1895 dienten von damals in Deutschland vorhandenen 18 242 Windmotoren 16 638 dem Mahlen von Getreide. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begann man jedoch in Nordamerika verbesserte Windkraftmaschinen, sog. Windturbinen, die mehr als die früheren Windräder von der Kraft des Windes nutzbar machten, jum Betrieb von Pump- und Schöpfwerken zu verwendend Diese neuen Windturbinen fanden auch in Deutschland Eingang und wurden hier vielfach verändert und verbessert. Auf eine neue Grundlage wurde die Windkraftwirtschaft gestellt, als man die Windturbine zum Antrieb von Dynamomaschinen verwenden und so die aus dem Winde gewonnene Energie in elektrische Energie um- wandeln konnte. Nun war es durch Speicherung der elektrischen Energie in Sammlerbatterien möglich, die Schwankungen in der Windstärke wenigstens einigermaßen auszugleichen. Abnahme und Schwinden der Windstärke zogen keine sofortigen Schwankungen in der zur Verfügung stehenden Kruft mehr nach sich. Während bei der Wasserkraftausnutzung der Ausgleich in der Menge des zur Verfügung stehenden Wassers durch Stauung und Speicherung des Wassers erzielt wird, also vor der Umwandlung der Wasserkraft in elektrische Energie, wird die Energie in der Windkraftwirtschaft nach der Umwandlung gespeichert; die speicherbare Menge ist dabei allerdings wegen der hohen Anlagekosten umfangreicher Sammlerbatterien bedeutend kleiner. Die Möglichkeit, den elektrischen Strom bequem verteilen und fernleiten zu können, begünstigte ferner das Entstehen größerer, für mehrere Verbraucher, mehrere Gutshöfe, einzelne Dörfer und ganze Landgemeinden gemeinsamer Windkraftwerke. Durch den gemeinsamen Betrieb solcher Kraftwerke nahmen die Anlage- und Betriebskosten und damit der Preis der Kilowattstunde ab. Freilich machte das Zusammenarbeiten zwischen Windturbine und Stromerzeuger zunächst groß« Schwierigkeiten, weil die Schwankungen der Windstärke Drehzahländerungen und damit unerträgliche Spannungsschwankungen zur Folge hatten. Nachdem diese Schwierigkeit aber überwunden und die Vorteile des elektrischen Antriebes für die Zwecke der Landwirtschaft und des Kleingewerbes auf dem Lande eingesehen waren, begann ein schneller Aufstieg in der Ausnutzung des Windes in der Kleinkraftwirtschaft. Die neueren Fortschritte in der Windkraftwirtschaft betreffen hauptsächlich die Fortbildung der Windturbinen und die Betriebsweise der Windkraftwerke zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit. Bei den Windturbinen ist man gegenwärtig bemüht, das Verhältnis der Flllgelspitzenge- schwindigkeit zur, Windgeschwindigkeit zu steigern. Früher betrug die Flügelspitzengeschwindigkeit etwa das Zweifache der Windgeschwindigkeit, gegenwärtig ist sie auf das Drei- und Mehrfache gestiegen. Damit vergrößert sich für eine bestimmte Flügelfläche die Leistung, und die erhöhte Drehzahl vermindert die Zahl der Uebersetzungsglieder zwischen Windrad und Stromerzeuger und damit die Uebertragungsvcrluste. Bei den üblichen Windturbinen liegt der Nutzbereich zwischen den Windgeschwindigkeiten von 3 bis 8 Meter in der Sekunde. Bei höheren Windgeschwindigkeiten wird die ganze Turbine durch den Winddnick aus der Windrichtung herausgeschwenkt. Wo bei neueren Ban- arien luftschraubenartige Flügel verwendet werden, sind die Flügel um ihre Längsachse drehbar und werden mit der Breitseite so weit in den Wind gedrückt, wie es der notwendigen Kraftentnahme bei der gerade herrschenden Windgeschwindigkeit entspricht. Die dadurch angebahnte leichtere Anpassungsfähigkeit an wechselnde Windstärken zielt offenbar dahin, die Kraftentnahme aus dem Windftrom nicht mehr von der herrschenden Windstärke abhängig zu machen, sondern vom Verbrauch im Netz, wie dies ähnlich ja bereits in der Dampfkraftwirtschaft geschieht. Schon jetzt arbeiten Windkraftmaschinen unmittelbar auf das Netz, unter Umständen neben einem zweiten Stromerzeuger, der durch einen Benzin- oder Petroleummotor angetrieben wird, denn es ist vorteilhaft und notwendig, als Vorrat eine Brennkraftmaschine aufzustellen, damit man in windstillen Zeiten die notwendigste Leistung stets abgeben und in Zeiten der Höchstbelastung den Mehrbedarf befriedigen kann. Die Leistung einer Windkraftanlage wächst rechnerisch mit dem Quadrat des Windraddurchmessers, in Wirklichkeit etwas langsamer. In größeren Windkraftanlagen gehen die Windraddurchmesser schon bis zu 30 Meter, die elektrische Leistung für Windantrieb bis zu 50 Kilowatt. Der Anschluhwert der Motoren und Lichtanlagen kann dagegen viel größer sein, bei nur 50 Kilowatt Gesamtftromerzeugung wohl auf 300 und mehr Kilowatt ansteigen, weil sich in diesen kleinen Versorgungsgebieten leicht Vereinbarungen über die Bemitzungszeit der Motoren treffen lassen. In den Windkraftanlagen ist die Wartung außerordentlich einfach; die Kosten für die Instandhaltung sind gering, und die Antriebskraft kostet nichts. Daher sind für die Wirtschaftlichkeit einer solchen Anlage die Anlagekosten von ausschlaggebender Bedeutung. Früher war man vielfach geneigt, die großen Windgeschwindigkeiten auszunutzen und dementsprechend Stromerzeuger kleiner Leistung mit großen Sammlerbatterien zu verwenden. Die Batterien waren wohl auch Doppelbatterien, deren Hälften einzeln abwechselnd geladen und entladen wurden. Welche Bedeutung der Größe der Sammlerbatterie für den Betrieb eines Wind- krastwerks zukommt, mag das folgende Beispiel zeigen: Von zwei Wind- krastwerken gleicher Leistung, die etwa unter den gleichen Windverhältnissen standen, arbeitete das eine mit einer Doppelbatterie, das andere mit einer nur halb so großen Einfachbatterie. Im ersten Falle mutzte der als Aushilfskraft vorhandene Motor während eines Betriebsjahres nur 11 v. H. der Gesamterzeugung, im zweiten Falle aber 27 v. H. der Gesamterzeugung leisten. Dieses Beispiel beleuchtet die Bedeutung der Speicherfrage Überhaupt: Wenn wir erst einen wirklich brauchbaren Elektrizitätsspeicher haben werden, wird die Ausnutzung der Windkraft einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Wegen der Schwierigkeiten der Speicherung für die Zeiten schwächeren Windes geht man neuerdings dazu Über, die fast stets vorhandenen Windstärken von 3 bis 6 Meter in der Sekunde auszunützen. Dementsprechend muh die Leistung des Stromerzeugers größer fein, während man mit kleineren Batterien auskommen kann. Die Erfahrung spricht für diese neue Betriebsweise. Mehr noch als in der übrigen Elektrizitätserzeugung wird in der Windkraftwirtschaft die Wirtschaftlichkeit der Anlage durch eine möglichst weitgehende Anwendung der Elektrizität für alle Kraft- und Wärmezwecke gefördert, damit günstige Windverhältnisse erschöpfend ausgenutzt werden können. Die Windkraftwirtschaft ist gegenwärtig noch eine ausgesprochene Kleinwirtschaft, die hauptsächlich für Gegenden in Betracht kommt, denen keine andere Elektrizitätsversorgung zur Verfügung steht. Es ist schon häufig die Frage aufgeworfen worden, ob die Windkraft in der Groß- kraftoersorgung Bedeutung gewinnen wird. Die Aufgabe, die Windkraft im großen auszunutzen, bietet heute noch viele Schwierigkeiten. Eine davon besteht darin, daß man den elektrischen Strom in Windkraftanlagen noch fast ausschließlich als Gleichstrom erzeugt, während in den Großkraftnetzen Wechselstrom fließt. Die Bemühungen der Windkrafttechniker gehen nun dahin, auch in Windkraftwerken den elektrischen Strom als Wechselstrom zu erzeugen und ihn dann unmittelbar und ohne Speicherung in die Netze der Dampf- und Wasserkraftanlagen zu leiten. Diese Aufgabe findet gegenwärtig die Beachtung, die sie verdient, denn auf 1 Quadratmeter Lüftquerschnitt kommt, gering gerechnet, eine Wind- leistung von etwa 50 bis 100 Watt. Auf einem quer durch Deutschland gezogenen Streifen von 10 bis 20 Meter Höhe und 1000 Kilometer Länge ergibt sich somit eine mittlere Leistung von etwa 1 Million Kilowatt. Da man nun mehrere Tausend solcher Streifen quer durch Deutschland ziehen kann, beträgt die in Deutschland verfügbare Windleistung viele Milliarden Kilowatt und damit ein Vielfaches der verfügbaren Wasserleistung. Eine Grotzkraftversorgung aus der Windenergie würde also unsere Kohlenlager außerordentlich entlasten und dieses schwer ersetzbare Gut für ferne Zukunft sparen. Das Ei. Von Sherwood Anderson, (Schluß.) In diesen langen Nächten, wenn es wenig zu tun gab, hatte Vater Zeit zum Denken. Das war ein Unglück für ihn. Er kam zu dem Ergebnis, daß er bisher ein vom Erfolg gemiedener Mann gewesen sei, weil es ihm an Heiterkeit mangelte, und er beschloß, sich für die Zukunft eine heitere Lebensanschauung anzueignen. Am frühen Morgen kam er nach oben und legte sich ins Bett. Die Mutter wachte, und die beiden redeten miteinander. Ich, in meinem Bett in der Ecke, lauschte. Vaters Idee war: Beide, Mutter und er, sollten versuchen, die Gäste unserer Wirtschaft zu unterhalten. Ich kann mich seiner Worte nicht mehr entsinnen, aber es lief etwa darauf hinaus, daß er auf irgendeine, ihm selbst noch unklare Art so etwas wie ein öffentlicher Unterhalter werden wollte. Wenn die Leute, und besonders das junge Volk aus Bidwell, nach Pickleville kamen (was freilich höchst selten der Fall war), so sollte ihnen heitere und belustigende Unterhaltung geboten werden. Aus Vaters Worten wurde mir klar, daß es ihm darauf an kam, auf irgendeine Weise den lustigen Gastwirt zu machen. Mutter traute der Sache sicherlich von vornherein nicht, aber sie sagte nichts dawider. Es war 23aters lieber- )ai 3in Verantwortlich: Dr. Hans Lhyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, V. Lange. Gieße" stück vorzuführen. „Ich werde dieses „Dann werde ich es Schale zu zerbrechen. Ei in dieser Pfanne mit Essig erhitzen", sagte er. durch den Hals einer Flasche bringen, ohne btt Wenn das Ei in der Flasche ist, wird es feint wieder annehmen, und die Schale wird wieder die Tür entwischte und verschwand. Vater kam die Tr'sppe herauf zu Mutter und mir mit einem Ei in der Hand. Ich weiß nicht, was er damit vorhatte. Aber ich stellte mir vor. daß er die Idee hatte, es zu vernichten, alle Eier zu vernichten, und baff er Mutter und mich dabei als Zeugen haben wollte. Als er aber vor Mutter stand, ging eine Wandlung mit ihm vor. Er legte das Ei behutsam auf den Tisch und ließ sich vor dem Bette auf die Knie sinken — wie ich schon erzählt habe. Später entschloß er sich, die Wirtschaft abends $u schließen und die Nächte oben in der Kammer im Bett zu verbringen. In jener Nacht blies er schließlich die Lampe aus, und nach einem langen geflüsterten Gespräch schliefen beide, er und Mutter, ein. Vermutlich schlief auch ich ein, aber mein Schlaf war unruhig. Ich erwachte denn Morgengrauen und betrachtete lange das Ei, das auf dem Tische lag. ; Ich grübelte verwundert darüber nach, warum es wohl Eier geben müße, ! und warum aus dem Ei die Henne käme, die ihrerseits wiederum das Ei -legte. Die Frage ging mir ins Blut. Da ist sie denn wohl stecken E blieben, meine ich, weil ich der Sohn meines Bakers bin. Jedenfalls trage ich das Problem noch immer ungelöst im Sinn. Und das bedeutet so schließe ich, abermals einen vollständigen und unwiderruflichen ^ri* umph des Eies -■ wenigstens soweit meine Familie in FE kommt. Stg, daß em leidenschaftliches Verlangen nach seiner und Mutters chasi alles Jungvolk aus der Stadt Bidwell packen wurde. Im Abendglanz würden fröhliche Scharen glücklicher Menschen singend die Turner's Pike dahergezogen kommen. Und sie würden sich jauchzend vor Lust und Lachen bei uns versammeln. Gesang und Frohsinn würden herrschen. Nun will ich damit freilich nicht sagen, daß Vater seinen Plan in so klarer Form aussprach. Er war, wie ich sagte, ein wenig mitteilsamer Mann.' „Sie brauchen was, wo sie hingehen können. Ich sage dir, iie brauchen was, wo sie hingehen können", sagte er immer und immer wieder. An dieser Stelle seines Gedankenganges sah er fest. Die Lücken hat meine eigene Einbildugskraft ausgefüllt. Zwei oder drei Wochen lang drang Vaters Plan m alles Leben unseres Hauses ein. Wir sprachen nicht viel davon, aber in unserem täglichen Leben versuchten wir ernstlich, an die Stelle verdrießlicher Blicke ein fröhliches Lächeln zu setzen. Mutter lächelte unsere Gäste an, und ich, vor der Ansteckung ergriffen, lächelte unsere Katze an. Vater wurde ordentlich ein bißchen fieberhaft in seinem Bemühen, sich angenehm zu machen. In irgendeinem verborgenem Winkel seines Wesens steckte ein Stuck Komödiantentum. Allerdings ging er mit feiner Munition an Ein- iällen gegenüber den Eisenbahnern, die er nachts bediente, sehr sparsam um; offenbar wollte er auf den Besuch eines jungen Herrn oder einer jungen Dame aus Bidwell warten, um feine Fähigkeiten ins Treffen zu führen. Auf dem Schanktisch in der Gaststube stand stets ein mit Eiern gefüllter Drahtkorb, und dieser Drahtkorb muß Vater wohl sozusagen vor der Seele gestanden haben, als der Belustigungsplan in ihm geboren wurde. Zwischen den Eiern und dem Plane hat wohl vor dessen Geburt irgendeine zeugende Verbindung bestanden. Sei es, wie es fei — jedenfalls war es ein Ei, das Vaters neuen Aufschwung ins Leben jäh beendete. Eines Nachts spät erwachte ich von einem Wutgebrüll, das aus Vaters Kehle kam. Wir beide, Mutter und ich, saßen sogleich vor Schreck aufrecht im Bett. Mit zitternden Händen zündete Mutter die Lampe an, die zu Häupten ihres Bettes auf einem Tische stand. Unten fiel die Haustür mit einem Knall ins Schloß, und wenige Minuten später trappte Vater die Stiege herauf. Er hatte ein Ei in der Hand, und diese Hand zitterte wie in?'Fieberfrost. In seinen Augen war ein Funkeln wie von beginnendem Wahnsinn. So stand er und starrte uns an, und ich war überzeugt, daß er das Ei entweder nach Mutter oder nach mir schleudern würde. Aber dann legte er es behutsam auf den Tisch neben die Lampe und ließ sich vor Mutters Bett in die Knie fallen. Er begann laut zu meinen wie ein Kind, und ich, mitergriffen von feinem Schmerz, weinte mit ihm. So erfüllten wir die kleine Dachkammer mit unseren Klage- lauten. Es klingt lächerlich — aber von dem Schauspiel,' das wir dar- boten, kann ich mir nur noch des einen Bildes erinnern, wie Mutter unablässig mit ihrer Hand über die breite, kahle Straße auf Vaters Schädel strich. Ich habe vergessen, was Mutter zu ihm sagte, und wie sie ihn schließlich so weit brachte, daß er erzählen konnte, was da unten vor sich gegangen war. Sein Bericht ist meinem Gedächtnis entfallen. Ich erinnere mich nur noch meines Kummers und meiner Angst Nun also das Ereignis selbst. Aus irgendeinem mir unerklärlichen Grunde kenne ich die Geschichte so genau, als wäre ich selbst Zeuge von meines Vaters Niederlage gewesen. Man erfährt mit der Zeit so mancherlei Dinge und weiß nicht woher. An jenem Abend kam ein junger Mann namens Joe Kane, Sohn eines Kaufmanns in Bidwell, nach Pick- leville, um feinen Vater abzuholen, der mit dem Zehnuhrzuge vom Süden erwartet wurde. Der Zug hatte drei Stunden Verspätung, und Joe kam in unsere Wirtschaft, um bis zur Ankunft die Zeit totzuschlagen. Der Güterzug kam an, und das Personal wurde abgefüttert. Dann blieb Joe Kane in der Gaststube mit Vater allein. Vom ersten Augenblick an muß der junge Mann durch Vaters Benehmen beunruhigt worden sein. Er stand unter dem Eindruck, mein Vater wäre böse auf ihn, weil er da so untätig herumlungerte. Da er bemerkte, daß der Wirt sich offentsichtlich durch seine Anwesenheit gestört fühlte, wollte er fortgehen. Aber es begann zu regnen, und er verspürte wenig Lust aus den einsamen Weg zur Stadt und zurück. So kaufte er sich eine Fünicentzigarre und bestellte eine Tasse Kaffee. Er hatte eine Zeitung in der Tasche, zog sie hervor und begann zu lesen. „Ich warte auf den Abendzug. Er hat'Verspätung", sagte er gleichsam entschuldigend. Lange Zeii stand mein Vater, den Joe Kane nie zuvor gesehen batte, lind starrte feinen Gast schweigend an. Offenbar hatte er es mit einem Anfall von Lampenfieber zu tun. Wie es so oft im Leben geht: Er hatte sich so oft und so viel in diese Lage hineingedacht, daß er nun, da er sich ihr gegenübersah, ein wenig nervös wurdet Vor allen Dingen wußte er nicht, was er mit seinen Händen an» fangen sollte. Eine davon streckte er mit nervösem Ruck über den Schanktisch und schüttelte Joe Kanes Hand. „— gehts Ihnen?" sagte er. Joe Kane legte die Zeitung weg und starrte ihn an. Vaters Blick fiel ans den Eierkorb, der auf dem Schanktisch stand, und er begann zu reden. „Tja," fing er stockend an, „also — Sie haben doch von Christopher Columbus gehört, was?" Er schien ärgerlich. „Daß Christopher Columbus ein Schwindler war, mein’ ich", erklärte er mit Nachdruck. „Behauptete, er könnte machen, daß ein Ci auf der Spitze steht. Behauptete das, weiß Gott, und ging her und knickte die Spitze von dem Ei ein." Der Gast mußte den Eindruck haben, daß mein Vater über die Verlogenheit des Christopher Columbus außer sich war. Er brummte und fluchte. Er erklärte es für eine Schlechtigkeit, den Kindern in der Schule beizubringen, daß Christopher Columbus ein großer Mann gewesen wäre, wo er doch im entscheidenden Augenblick geschwindelt hätte. Hätte behauptet, er könnte machen, daß ein- Ei auf der Spitze stände, und als ers vormachen sollte, hätte er einen Kniff gebraucht. Während dieses zornigen Gebrummels über Columbus nahm Vater ein Ei aus dem Korb auf dem Schanktisch und begann auf und ob zu gehen. Er rollte das Ci zwischen den Handflächen. Er lächelte siegesgewih. Er begann Lehrsätze zu murmeln über die Einwirkung der' menschlichen Körperelektrizität auf ein Ei. Er könnte, sagte er, ohne die Schale zu zerbrechen, durch einfaches Rallen zwischen, den Handflächen, das Ei auf der Spitze stehen lassen. Er erklärte, das Ei betonte durch die Wärme seiner Hände und durch die sanft rollende Bewegung einen anderen Schweremittelpunkt. Joe Kane zeigte nur mäßige Anteilnahme. „Ich habe Taufende von Eiern in der Hand gehabt’" sagte Baier. „Von Eiern verstehe ich mehr als irgendein anderer." Er stellte das Ei auf den Schanktisch; es fiel uni. Er versuchte es wieder und wieder; vorher rollte er das Ei jedesmal zwischen seinen Handflächen und wiederholte seine Lehrsätze über die wunderbare Wirkung der Körperelektrizität und das Gesetz der Schwere. Als es ihm I nach halbstündigem Bemühen gelang, das Ei eine Sekunde lang auf der Spitze balancieren zu lassen, entdeckte er, daß [ein Gast gar nicht mehr achtgab. Und als er Joe Kanes Aufmerksamkeit wieder auf fein Kunststück gelenkt hatte, war das Ei schon wieder umgefallen und tag auf der Seite. . z. Entflammt von einer Leidenschaft, wie sie einen Schaubudenbesitzer I erfüllen mag, aber doch ein wenig aus der Fassung gebracht durch den ' mißglückten Anfang, holte Vater nunmehr die Gläser mit den Hühner- nbnormitäten von ihrem Bord und begann sie dem Gaste vorzuführen. „Möchten Sie auch wohl sieben Beine und zwei Köpfe haben, wie dies Ding hier?" fragte er und stellte das wunderbarste Stück seiner Schatzes auf den Tisch. Ein heiteres Lächeln verklärte seine Züge. Er langte über den Schanktisch und versuchte, Joe Kane auf die Schulter zu klopfen, wie er es einst von den anderen in Beu Heads Saloon gesehen * hatte, als er noch ein junger Farmarbeiter war und an Samstagabenden I feinen Stadtbummel unternahm. Dem Gaste wurde ein wenig übel von dem Anblick der scheußlich entstellten Vogelleiche, die im im Spiritus schwamm; er wollte aufstehen und weggehen. Aber Baier tarn hinter dem Schanktisch hervor, ergriff den jungen Mann am Arm und führte ihn wieder zu seinem Stuhl. Er war ein bißchen ärgerlich und mußte einen Augenblick das Gesicht abroenben, um sich erst einmal wieder zmn Lächeln zu zwingen. Dann stellte er die Gläser wieder auf bas Bord. In einem Ausbruch von Freigebigkeit bewirtete er auf eigene Kosten Joe Kane mit einer zweiten Tasse Kaffee und einer zweiten Zigarre, i Hierauf ergriff er eine Pfanne und füllte sie aus einem Kruge, der unter dem Schanktisch stand, mit Essig, um, wie er verkündete, ein neues KunstDas erftenm am Bo zum H sich die Annette altersgt eher di sagt: „ scheiden die zu ( lieber, i mein Sj alles, n Schloß Biblioth des ein; aus den Liebe ut Eine Jammen nettes ( inneruni getauscht gesprochi taten. L Gegenw wertvoll sie gebu wisch uti wenigen widerspr zu einer Sebiditet ursprüngliche Gestalt hart werden. Dann werde ich die Flasche mit dem Ei darin Ihnen geben. Sie können sie mitnehmen und immer bei sich tragen. Die Leute werden Sie fragen, wie das Ei in die Flasche gekommen ist. Sagen Sie et ihnen nicht. Lassen Sie sie raten, hören Sie? Auf die Art hat man seinen Spaß an dem Kunststück." Baker grinste und blinzelte seinem Gaste zu. Joe Kane verzeichnete abschließend den Eindruck, daß der Mann da vor ihm ein bißchen ver> l rückt, aber harmlos sei. Er trank die gespendete Tasse Kaffee und begann wieder in seiner Zeitung zu lesen. Ms das Ei in dem Essig erhitzt war, trug Vater es auf einem Löffel zum Schanktisch und holte aus einem Hinterraum eine leere Flasche herbei. Er war ärgerlich, weil der Gast ‘ sich gar nicht mehr um ihn kümmerte, als er sein neues Kunststück begann; dennoch begab er sich mit heiterer Miene ans Werk. Lange Zeit plagte er sich mit dem Versuche ab, das Ei durch den Flaschenhals zu zwängen. Er stellte die Pfanne mit dem Essig wieder auf Feuer, um dar , Ei auf neue zu erhitzen; bann nahm er es heraus und verbrannte sich " die Finger. Nach dem zweiten Bade in dem heißen Essig war die Schale des Eies ein wenig erweicht, aber noch nicht genügend für den beabsichtigten Zweck. Er arbeitete und arbeitete, und der Geist verzweistungs- völler Entschlossenheit ergriff Besitz von ihm. Als er dem Gelingen feines Versuches endlich nahe zu sein glaubte, lief der verspätete Zug in den Bahnhof ein, und Joe Kane erhob sich gleichgültig, um zur Tür M gehen. Vater machte eine letzte Anstrengung, um das Ei seinem Willen gefügig zu machen und den Erfolg herbeizuzwingen, mit dem er feinen Rus als tüchtiger und unterhaltender Gastwirt begründen wollte. Er quetschte das Ei. Er versuchte, ihm einigermaßen grob zu kommen. Er fluchte, und die Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Das Ei zerbrach ihm in der Hand. Als ihm der Inhalt über'die Kleider spritzte, drehte sich Joe Kane, der an der Tür stehen geblieben war, um und lachte. Ein Aufbrüllen brach aus Vaters Kehle. Er tanzte vor Wut und stieß eine Flut unverständlicher Worte hervor. Er grapste ein anderes Ei aus dem Drahtkorb auf dem Schanktisch und schleuderte es nach Ise Kane: Es fauste hart am Kopfe des jungen Mannes vorbei, als er durch >