Dienstag, den 2t. Juni Jahrgang \92Z Nummer <9 Nacht, an der Wahrheit, ja an der Möglich- fchwörung gezweifelt. Man hat gesagt, daß Man hat, mit gutem N< Strom, wo er sprachen hatte. Bildnis der Kaiserin Konstanze. (1154—1198). Bon Albert Sj. Rausch. (Schluß.) Vom normännischen Königsgeschlecht ist — außer der Kaiserin — niemand mehr am Leben, als Tankreds unmündiger Sohn, den man nach seines Vaters Tod als Wilhelm 111. in Palermo zum König ausgerufen hatte. Er flüchtet mit seiner Mutter, der Königin-Witwe Sibylle, nach der völligen Niederlage der normannischen Truppen bei Catania in die Festung Calata Bellotta, während Heinrich in raschem Siegeszug nach Palermo weitermarschiert, wo er im Dezember von dem Bruder des verstorbenen Erzbischofs Offamilio, Bartholomäus, zum König von Sizilien gekrönt wird. Nicht nur die Tapferkeit feines Heeres, sondern die Anarchie unter den Großen Apuliens, die Führer- losigkeit des sizilianischen Volkes, und der namenlose Schrecken vor der Grausamkeit seiner Strafgerichte, vor allem des über die Stadt Salerno verhängten, hatten ihm so raschen Sieg gegönnt. Wie berechtigt diese Furcht war, beweist das schaudervolle Nachspiel, das seiner Thronbesteigung in Palermo wie aus heiterem Himmel folgt«: Er hatte sich als gütiger Fürst eingeführt. Fast schien es, daß ihm nur das Gerücht so maßlose Grausamkeit andichte. Gr hatte di« Abdankung des unmündigen Wilhelm verlangt und erhalten. Gr hatte dem Knaben Lecce, die Herrschaft seines Vaters Tankred, und außerdem diejenige von Tarent zugesichert, er hatte die Königin-Witw« Sibylle nach Palermo zurückkehren lassen. Gr hatte auch fürs erste all« Anhänger der tankredschen Herrschaft geschont. Da, wenige Tage nach seiner Krönung und all diesen Gnadecrakten, soll man ihn von einer Verschwörung eben jener von seiner Milde Betroffenen unterrichtet haben. Diese Nachricht habe ihn alle guten Vorsätze vergessen lassen und zur Ausübung der erbarmungslosesten Vergeltung bestimmt, die di« Geschichte jener Zeiten kennt. Abend am Rhein. Von Heinrich Zerkauten. Es steigt di« Nacht an goldner Leiter hoch, Auf Sternenstufen bis zum vollen Mond, Der st«ht ganz einsam da und lächelt bloß, Wie einer, der viel weiß und manche schont. Der Strom geht still und schläft wohl bald schon «in. Er zieht die Nebel wie ein Bettuch an, Schiebt sich am Brückenpfeiler sacht vorbei, Und gluckst und dreht sich auf die Seite dann. Ein einsam Schifflein treibt noch seine Bahn. Wer mag da sitzen bei dem roten Licht? Der Ström hat es vergessen, glaub' ich fast. Und auch der Mond tut so, als müßt' er's nicht . . . ihm ein besonderes einzigartiges Schauspiel verleit der angeblichen Verschwörung gezweifelt. Man hat gesagt, daß die Beschuldigten ja gar keine Zeit finden konnten, em Komplott anzuzetteln, man hat bemerkt, daß nur vollkommene Narren — und das waren jene gewiß nicht — ein so aussichtsloses Unternehmen hätten beschließen rönnen: in dem ungünstigsten aller Augenblicke, der nicht so?" Er ahnte aber nicht, daß die zierliche Schlanke, in die er sterblich sich verliebt hatte, die Nichte des Psarrherrn von Sankt Gereon war und als Schülerin ihres Oheims ihren Cicero so gut lesen konnte, wie eine deutsche Aventure; er ließ unermüdlich seine Augen sprechen, und als die Unbekannte sich erhob, folgte er ihr mit Walfried ins Gedränge. Sehr verwundert war er, als die Alte, die eben neben seiner Angebeteten saß, im Getümmel des Festes an seine Seite kam und ihm ein Zettelchen in die Hand drückte. Ein heißer Schwindel aber schüttelte ihn, als darauf der fremde gelehrte Herr zu einem Stelldichein gebeten wurde, abends um die zehnt« Stunde, Haus, Gaffe, Gartentürlein, Fenster, alles fand sich genau in bester Lateinität beschrieben, sogar, wo er in dem dunklen Garten die Leiter finden würde, stand da zu lesen. Als feiner Diplomat wußte er von dem guten Walfried sich die Gelegenheit zeigen zu lassen, ohne etwas von dem köstlichen Zettel zu verraten. Dann ver- abschiedst« er sich von dem Doktor und bat morgen früh um seinen Besuch in der Herberge. Er ging zur richtigen Stunde, sand alles, wie verzeichnet, stteg die Leiter zu dem schivachbeleuchteten Fensterlein hinan, dann aber kam durch einen jähen Stoß, den ein« unbekannte, frevelhafte Hand sehr geschia. anbrachte, die Leiter ins seitliche Rutschen, und der gelehrte Doktor fiel in einen blühenden Rofenbusch. Es war ein uralter, umfangreicher Busch, der voller duftender Blüten stand, aber auch voller scharfer Dornen. Und «he Messer Francesko sich aus dem Geflecht -der stechenden Nadeln und duftenden Blüten gewickelt und feinen zerfetzten Mantel gelöst hatte, sprach von oben eine helle Stimm ein gutem Lateinisch: „Die gebratenen Täubchen, großer Meister, sind in Italien doch wohl angenehmer zu vsr- zehren, als wie am barbarischen Rhein!" — Am andern Morgen, als Doktor Walfried von Uelmen den Messer Petrarka aufsuchte, fand er ihn recht unwirsch auf seinem Lager sitzend, das Gesicht und die Hände mit groben Pflastern bedeckt, die schmerzende ©tim kühlend. Auf seine besorgte Frage antwortete der arme Dichter: „Ich wollte, mein guter Freund, im Dunkeln eine hübsche Katze streicheln, aber die verstand es salsch und kratzte mich gefährlich. Ihr habt hier sehr barbarische Katzen!" Pelrarkas Iohnnnisssgen. Bon Frank L y s k i r ch e n. Francesko Petrarka, der Dichter der Sonette an Laura, kam auf feiner Reise, >dis er im Auftrage feines Gönners, des Kardinals Giovanni Colonna, durch Frankreich, die Niederlande und Deutschland machte, im heißen Juni des Jahres 1333 auch nach Köln am Rhein. Die Hochschule hatte, um den berühmten Erneuerer der klassischen Studien, den Dichter bekannter lateinischer Heldenlieder zu ehren, ihnen in dem Doktor Walfried von Uelmen einen freigeistigen, dabei ritterlich heiteren Führer gegeßen, der Lateinisch und Italienisch wie seine Muttersprache beherrscht«, dabei aber luftig und trinkfest, feinem staunenden Gast« die Bücherschätze, die Kirchen, die Paläste, aber auch das fröhliche Leben in der mächtigen, volkreichen Rheinstadt mit Behagen vorführte. Da es gerade Johannistag war, brachte er unter anmutigen Gesprächen, nach einem Trunk und Imbiß im Keller des Rates, wobei Messer Francesko den gehaltreichen Bacharacher, weil er leichtflüssig war, wie den leichten Landwein von Avignon getrunken hatte, an den breiten Und wirklich, Petrarka vergaß über dem Anblick, der sich ihm bot, die Kirchen und Kapellen, die Paläste, sogar den gewaltigen Dom. Auf einem etwas erhöhten Standpunkt, hart am Ufer stand er, mit seinem schwarzen Barett, in seinem schwarzen, feierlichen Gelehrtenmantel und genoß die Schönheit, die sich ihm verschwenderisch zeigte, während Walfried von Uelmen hierhin und dorthin einen vertrauten Gruß sandte. Das ganze Ufer war von einer herrlichen Schar jugendlicher Frauen bekränzt, deren Schönheit den Dichter ebenso entzückte wie ihr höfischer Anstand. Es war ein unglaublicher Zudrang, jedoch ohne jede Verwirrung, überall war Heiterkeit. Die Mädchen waren mit duftenden Blumengewinden geschmückt, alle hatten die weiten 2(erm«I ihres Gewandes bis an die Schultern zurückgestreift und wuschen die weißen Hände und Arme im Strome, wobei sie gar holdselig in ihrer dem Dichter fremden Sprache flüsterten und ein wichtiges Wesen trieben. Wilfried, der gleich dem Messer Petrarka mit Behagen auf dies Gewühl frischer Arm« und Hände schaute, belehrte den Verwunderten, daß dies ein uralter Votksbrauch sei, und daß die schönen Wäscherinnen glaubten, dadurch im kommenden Jahr nicht mir noch lieblicher und weißer zu werden, sondern auch alles Ungemach und alle dunkle Sorge von sich abzuwerfen. Petrarka nahm sein Barett ab und bat seinen Begleiter, vom Vacha- racher Wein und dem prangenden Spiel der Arme gar weltlich angelockt, näher an die holden Gruppen heranzutreten und den Worten zu lauschen. Und obwohl er vordem nur von lateinischen Dichtern und der himmlischen Liebe zu einer angebeteten Dame im fernen Italien geredet hatte (ohne allerdings ihren Namen zu verraten), zeigte er sich nun sehr eifrig, die rheinischen Frauen und Fräulein aus der Nähe zu bewundern, und klagte nur feinem Führer, daß ihn die Unkenntnis der Sprache taub und stumm mach«, während er doch so viel reizende Anmut gebührend feiern möchte. Und dabei leuchtete es in seinen graublauen Augen so heiß auf, daß Walfried sich, gutmütig lächelnd, der lustigen Geschichtchen erinnerte, die über die Studentenzeit 'des großen, feierlichen Petrarka in Montpellier und Bologna bei den fahrenden Schülern umgingen. Und fand die begeisterte Zustimmung seines Gastes, als er ihm vorschlug, in ein nach dem Strom zu offenes leichtes Leinenzelt einzutreten, wo man auf kleinen Fäßlein faß und ein guter Wein ausgeschenkt wurde. Der groß« Humanist war nicht wiederzuerkennen, er höb seinen Becher und trank ihm einem schlanken Mägdlein zu, das da mit einer Alten saß und ihren hübschen Freundinnen recht viel Lustiges zu erzählen hatte. Er tauchte mit einem kennerischen Zug um den sonst so herben Mund in den blauen Himmel all der rheinischen Frauenaugen und bemerkte endlich in remftem Lateinisch zu dem -'tefior Walfried: „Die gebratenen Täubchen sind überall gut zu essen, mein Freund, in Toskana und im Barbarenlande, ist es sie auch noch, nach eben erwiesen«: Güte, in das schlimmste Unrecht setzen und dem Kaiser mikdernde Gründe zuLMgen mußte... Es ist nichts gegen dies« Erwägungen eierzuwenLen. Aber selbst wenn eine Verschwörung bestanden hätte, unter Teilnahme und auf Anstisten der Königin Sibylle: sie konnte niemals den fraglosen SicRcncrSaniilicnblättcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Ciecter und durch seine Heirat mit Konstanze rechtmäßigen Erben zu so unerhörten Taten verleiten, wie er sie nun gegen die angeblichen Verräter beging • Gr liest schinden, rädern, pfählen, «saufen, verbrennen, blenden. -Und wen? Die Söhne des Kanzlers Aiellus den Großadmiral Margarttus, dle Grafen von Avellrno, ia selbst den unglücklichen entthronten Knaben Wilhelm den Großneffen smner Gemahlin. And dies zur selben Stunde als ihm die ^dlicheGeburt seines Sohnes gemeldet wurde, den Konstanze m 2esi, fern von Sizilien, zur Welt gebracht hatte. Als Konftanze aus den Wochen genas, waren die Greuel geschehen. Sie fand sich abgeschlossenen Tatsachen gegenüber, zu denen sie Stellung zu nehmen hatte. Welche Stellung nahm sie. Wir haben keine Belege dasür, welchen unmittelbaren Eindruck die Schänd.aten in ihr hinterliehen. Es sind uns nur einige zeitlich nichtgenau bestimmte Nachrichten übermittelt, die ziemlich sichere DcUuffe Sulassmi. Heinrich kehrte, nach zweijähriger Abwesenheit, rm Fruhiahr 1197 mit Konstanze und dem dreijährigen Kronprinz«! Friedrich nach Sizilien zurück. Die Anwesenheit seiner Gemahlin hinderte ihn mch-, die Gratrsamkeiten des Jahres 94 fortzusetzen. Em Mönch des Klosters Santa Maria de Ferraria berichtet, der Kaiser habe vor leinen Augen ettom Priester verbrennen, mnen anderen eriausin lassen. Die Kaiserin, vor Abscheu über solche Taten aufgebracht, habe ihm heftige Vorwürfe gemacht: worauf er mit dem entblochen Schwert auf sie eingedrungen sei. Nur das Dazwischentreten eines deutschen Ritters habe ein Anglück verhindert, und vielleicht schwer«! Aufruhr unter den lateinisch«! und sarazenischen Druppendes Heeres die sich erst beruhigten, als bekannt wurde, daß dre Kaiserin am Leben sei. Dieser Bericht des Mönches ist von außerordentttcher 'Bedeutung, und ganz besonders aufschlußreich durch die Bemerkung über das Heer. Er wird ergänzt und auggellchtet durch ubersi^erte Gerüchte, die damals über die Kaiserin umgingen: sie wurde verdächtigt. an einzelnen Verschwörungen gegen das Leben ihres Gatt«! beteiligt gewesen zu sein und schließlich beschuldigt, natürlich mch vffmitlich, den Kaiser, der im September 97 starb, vergiftet zu haben. And das letzte, außerordentlich Bedeutungsvolle, das wer Horen, ist, daß sie unmittelbar nach dem Tode des Kaisers den Ausweisung» befehl gegen alle Deutschen auf der Insel ergehen liest. , .. Dieses ist, was wir von Konstanze wissen: geschichtliche Wahiheit und Gerücht (das immer wegweifend ist, wenn es sich um die Ausdeutung «nes Charakters handelt). 2. Deutung. Entweder: sie war ein armer, unglücklicher Mensch, zusammengesetzt aus allen Schwächen des Weibes, verängstigt und verdrängt, nichts als Werkzeug, lebendig nur im späten Hast mißhandelten Blutes — . Oder: sie war eine große, tragische Erscheinung, in d« sich «n stummer, ungeheurer Kampf vollzog zwischen geistigem Willen und revoltierendem Blut. , Beide Möglichkeiten bestehen nebeneinander. Man wird sich für die eine oder andere enffcheiden, je nachdem man «us den letzten uv«- kommen«, 'Gerüchten und Tatsachen Schluffe auf die Deweggn nde für die Haltung der Kaiserin vor der Geburt ihres Sohnes, zieht Nimmt man 7hre Niederkunft als die Erfüllung ihres Frauen- tumes durch die Mutterschaft: so könnte man ihr Leben.vor Augenblick dieser Erfüllung ohne weiteres deuten tote das Leben irgendeiner Frau, die in später, kaum noch erhoffter Ehe untertaucht fadenscheinige Träume und Hoffnungen rasch an der Wirklichkeit zerrinnen sieht und das Heil von einer, wenn auch noch Jo lange vergeblich ersehnten Schwangerschaft erwartet. Es wurde sich dann erklären die fast blinde Abhängigkeit, wenn Nicht sogar Hörigkeit von dem angetrauten, wenn auch noch so ungeliebten Gatten, die unbedingte Anterwürfigkeit unter feinen seelischen, geistigen und geschlechtlichen Willen, das gänzliche Vergessen aller Stimmen eingeborenen Blutes, Aiifopfern aller Rücksichten auf Gebote charaktev- | sicher Vornehmheit — wie es der Wortbruch gegen Tankred be- , kündet — und Selbstbesinnung erst in dem Augenblick, als der Lohn so langer Preisgabe körperlich greifbar ist: in dem lebendigen Sohne. Run aber können auch alle Verdrängungen sich Luft machen: nun ut der Gatte überwunden durch die Leistung, welche Sohn heißt. Run können eingeborene Gewalten ausbrechen, nicht im Kampf nut Den Gewalten geistiger, bewußter Disziplin: sondern nach weggeschobenen Gewichten. Run hat der Haß freies Spiel, der Abscheu, die Rache. Der Bundesgenosse ist ja vorhanden, die Quelle aller Weibeskraft: der Sohn. Was heißt Vater gegen die Dluteinheit von Mutter und und Kind — und zwiefach einer solchen Mutier? Er hat seinen Beruf erfüllt, hat den Samen abgegeben, aus dem der Leib der Mutter die Frucht formte: er ist abgetan: er hat sein Leben verwirft, das sich am nächsten Blut der Gattin so scheußlich verging: er hat im Blut der Gattin das eigene Kind geschändet, dessen er unwert ist. Verflucht ist er selbst, wie alle, die seiner Rasse sind. Die Rächerin vergißt, daß sie denselben Irrtum begeht, der sie zur Rächerin machte. Ihr Bild prägt sich zu dem einer unglücklichen, belasteten Frau, die me Vie Grenze ihres Frauentums überschritt, sondern immer nur nach den Gesetzen des Weibes handelte: naturhaft-erdgebunden, ohne Erhebung in die Gröhe tragischen Schicksals. Sv kann Konstanzes Leben gesehen werden, muh, es nicht. 3m Gegenteil. Schon regt sich das andere, tragische Bildnis, und zwingt zur Deutung: das Bildnis der fürstlichen Frau, die in ihrem. Mutter- tum nur eine Seite ihres Wesens, nur die Fortsetzung längst sich selbst gestellter groher Stufgaben sieht: der Frau, deren höhere Art von Anfang an — mit beispielloser Bändigung aller Kräfte und Anlagen — im Kampfe steht gegen die niedrigere Art des Gatten, und aushält, um der eigenen Größe willen, bis zum letzten Augenblick des noch Erträglichen: dann aber, aus ethischer Auflehnung und tiefem Glauben an ein inneres Recht, auch das Gift nicht zu scheuen brauchte, bas einen Despoten, ffunberttaufenben und ihr selbst zur Erlösung, beseitigt, um ganz zur letzten Aufgabe frei zu fein: ben Sohn zu bilden nach dem Gesetz des mütterlichen Blutes und ihn zum Entsühner an den Anzähligen zu machen, die fernes Vaters Rache schlug. , - Als Konftanze zur Welt kam, war ihr Vater, der sielen- und tatengroße Roger II., eben im 59. Jahre seines Lebens gestorben. Sie war genau so alt, wie ihr Reffe, der spätere Komg Wilhelm H,.. und um vierunddreißig Jahre jünger als ihr Bruder, der zur Zett ihrer Geburt schon regierende König Wilhelm L, Vater Wttherms U. Sie wuchs am Hofe auf, wenig beachtet, doch alle Schicksale dies es Hofes teilend. Sie erlebte die Flucht dieses Hofes nach Messina, im November 68, als die Wirren mit den Feudalen ausgebrochen waren, und die Rückkehr des Hofes nach Palermo im März 69 wo soeben die wachsende Empörung gegen den Grvßkanzler Stefanus — den Franzosen — sich zum Aufstande auswuchs. Sie war fünfzehn Labre alt: muhte sich also — mag das Geben der königlichen Frauen noch so sehr dem abgeschlossen«! Dasein der Mohammedanerinnen angepaßt gewesen fein ■— ein Urteil darüber bilden können, tote gefährlich die eigensüchtige Politik der Großen dem Staate und der Dynastie Hauteville werden konnte. Vielleicht formte sich damals schon in ihr die Aeberzeugung, daß nichts ihrem Vaterlande so sehr not tue, wie die Bändigung des immer eigensüchtigen Adels durch eine unerbittlich starke Herrscherhand. Ledenfalls konnte sie eine solche Auffassung in ihrer nächsten Umgebung vorherrschend finden. Die kluge und gütige Regierung ihres mit ihr gleichaltrigen Neffen ließ allerdings erkennen, daß es auch ohne Anwendung von Gewalt möglich war, das Reich zu beherrschen und ihm Gedeihen ncwh innen und Geltung nach außen zu sichern. Aber eingenistete, gerabe in sehr jungen Jahren erworbene Aeberzeugungen pflegen nur scywev vor Tatsachen zu Weichen, und am allerwenigsten bei einer Frau, die immer ihren Instinkten eher folgen wird als, ihren Erkenntnissen. In den nächsten zwölf Jahren floh ihr Leben in ereignisloser Einförmigkeit dahin . . . Aber ganz unmerklich gewann ihr Name «ne Bedeutung, die sie sich selbst kaum jemals erträumt hatte. Die Ehe Wilhelms II., des einzigen Sohnes Wilhelms I., mit der englischen Prinzessin war kinderlos und schien es zu bleiben . . So blieb als einzige rechtmäßige Erbin des Reiches nur sie . . . <5ie tuar mittler» weile eine Frau von fast dreißig Jahren geworden. Es ist undenkbar, daß sie sich nicht über die politische Bedeutung klar gewesen fein soll, die ihre Person durch die Fügung des Schicksals gewonnen hatte. Es ist ebenso unbenfbar, daß die gewaltigen politischen Gegensätze, welche gerade in der Thronfolgefrage am Hofe spielten und sich in der Person des Großkanzlers Ajellus sowie derjenigen des Erzbischofs Offamilio verkörperten, nicht bis zu ihr herangedrungen seien. 2m Gegenteil: es ist anzunehmen, daß sie von beiden Gegew fpielern schon jetzt, heimlich und offen, umworben wurde, und daß Offamilio, ihr die Iugenderfahrungen zurückrufend, sie von ihr« außerordentlichen Sendung zu überzeugen wußte. Nichts bewerft übrigens, daß es überhaupt nötig war, ihr die volle Bedeutung der ihr zufallenden Aufgabe begreiflich zu machen. Warum sollte das große Blut des Vaters nicht in ihr gesprochen haben? Warum sollte sie mehr Frau als Fürstin gewesen sein? Ja, warum sollte gerade sie, die dreißigjährige, nicht bereit gewesen fein, ihr Frauentum einet Sendung zu opfern, die sie auf den glanzvollsten Thron der damaligen Welt erhob und chr vielleicht Wirkungen vorbehielt, die ihr den Stempel wirklicher Größe aufdrücken würden? Was hatte sie denn, als Frau, noch zu erwarten? And wenn sie auch keine Hoffnungen mehr auf ein Liebesglück nährte, wie sie die Seelen der jungen Mädchen erfüllen, wer sagte, daß nicht die Ehe mit dem um zehn Jahre jüngeren hohen [kauf ifchen Thronerben ihr vielleicht mehr erfüllen würde, als sie selbst erwartete? Sie war ohne Schönheit: aber auch der Mann, dem sie sich vermählen sollte, war von der Aatur nicht freundlich behandelt worden! Er war schmächtig von Gestalt, blaß von Antlitz, rötlich von Haarfarbe. Er galt als sehr Igelehrt. Freigebig gegen die Freunde, von großer Strenge gegen sich selbst, hart gegen die Gegner: ganz beherrscht von einem fanatischen Willen zur Macht. Ihr Entschluß stand fest. Für sie selbst konnte es kein Zögern geben. Was immer der Weg ihres Schicksals sein wurde: da sie ihn antrat, mar sie bereit, ihn ohne Wanken zu gehen. Was mag in ihr bei der ersten Begegnung mit dem angetrauten Gatten vorgegangen sein? Nach der ersten Witterung von Angesicht zu Angesicht, von Körper zu Körper, von Art zu Art? Und rnas mag diese Hochzeitsnacht gewesen fein? War auch die körperliche Vereinigung, für beide, nur ein geschäftsmäßiger Teil des abgeschlossenen Paktes? Erhob sich, Begattung noch tn ein Bewußtsein der Lust, oder versank sie sogleich in jener Niederung des Willens, der nur noch Pflicht heißt? Unaussprechlicher Schauder der fürstlichen Ehegemächer, ungewisse, dunsttge Luft: rote oft genährt mit Dingen wider alle Natur, und mögen sie tausendmal von einem Priester zum Sakrament erhoben [ein ... , Wir wissen nichts davon, was in Konstanze feit dem Tage ihrer Heivai vorging. Sie trug das Schicksal, das sie sich selbst bestimmt hatte. Boll» kommen lautlos. In kaiserlichem Schweigen. Leidenschaftliche Schns-uchl nach Mutterschaft muß sie erfüllt haben. Sie schien ihr nicht gestillt zu werden. Vielleicht mag sie manchmal die geringe Hoffnung aus em Mino milde gestimmt haben gegen die dem Buchstaben nach unrechtmäßige | Herrschaft ihres Neffen Tankred in Sizilien. Vielleicht auch war er iQ I nur der Usurpator, für den es überhaupt keinen Raum tn ihrem Aenr | gab. War sie wirklich innerlich noch ergriffen von ihrer ^Sendung, ! konnte sie nicht gut anders denken. Auch dann nicht, wenn sie tm Sanne des Gedankenkreises stand, der den Kaiser gefesselt hielt. Wtr fmoen I im Jahre 91 im Heerlager vor Neapel, sie begleitete also ihren G auf dem Eroberungszug nach Apulien und Sizilien. Die erste Erkenn von Heinrichs ©raufamteit mußte ihr gekommen fein, sie mt ! Ahnung erfüllt haben . . . Gab ihr die furchtbare Seuche, bte den stau zur Rückkehr zwang, ein Zeichen? Stiegen Zweifel in ihr hoch, an dem Sinn ihrer Ausgabe? Was war sie noch dem Gatten, dem fte immer noch nicht den Erben geboren hatte? Sie gerät in die Gesangenschaft ihres Nsfsen Tankred . . . wird Sem Kaiser und seinem Einsluß entrückt, dem Einstutz der Heimat für lange zurückgegeben. Was war dieser Ein- ftnh? Schwächung der Ueberzeugung des Berufenseins? Stärkung? Es schont, das letztere. Wir sehen sie, nach fürstlicher Ehrung, als Wortbrüchige zurückreisen. Schuldet man dem Usurpator unter k«men Umstanden das Einhalten gegebener Versprechen? Fand sie sich als die lebendige Verkörperung vertraglichen Rechtes frei von Verpflichtung? War alles Leben des Gefühls schon so verwundet in ihr, so zertreten, daß nur noch der kalte Gedanke ber Macht in ihr lebte? Warum ging sie nicht zum Papst und vermittelte den Frieden zwischen dem Kaiser Md Tankred? Das wäre Anerkennung des Usurpators gewesen: und sie erkannte ihn nicht an. Das wäre Aufgabe ihrer Ansprüche gewesen: und ste gab nichts auf Das wäre Verrat an dem Kaiser gewesen: Md sie verriet — den Ehepakt nicht. Sie nahm den Wortbruch auf sich: und überließ es dem Schicksal, eine Frage zu lösen, die für sie keine Frage war.. An diesem Irrtum mutzte die eigentliche Tragödie ihres Schicksals beginnen. Noch kehrte sie nach Deutschland zurück ganz als die kaiserliche Frau, unnahbar, jede Regung im Abgrund ihres Wesens hütend: aber die Wunde war ihr geschlagen worden, heimlich, fast unempfindbar. Doch sie schloß sich nicht mchr. Sie wuchs allmählich in die Gedanken hinüber . . . durch die steigenden Jahre. Sie wartete daraus, ihr Erbe anzutreteii. Da geschah das Unaussprechliche: sie fühlte sich schwanger. Eben in dem Jahre, für welches Heinrich den großen Zug nach Sizilien anberaumt halte: 94. Sie konnte ihm nicht folgen: chr Zustand zwang sie, in Jesi zu blechen . . . Wenn sie je auch mir einen Augenblick an ihrer Bestimmung, an dem Walten göttlicher Gnade über ihr gezweifelt hatte: nun mußte alle Glut des inneren Er- grifsenseins auflodevn: sie trug in ihren Lenden das Kind: den Sohn, der der Körper ihres gestrigen Machtgedanksns werden würde: «das Sinnbild ihrer stummen, ohne Wanken jahrelang durchgeführten Tat. Und sie vergaß — zum erstenmal — den Preis, um den dieser Sohn geboren worden war, als sie das Kind in Händen hielt: den fchauderoollen Preis von Unlust, Ekel, erzwungener Gier des kaiserlichen Bettes, tragbar, weil entstofflicht, nur durch einen namenlosen Willen nach Erlösung. Nun war sie erlöst. Was sie alle die unfruchtbaren, fast hoffnungslosen Jahre hin aufrechterhalten hatte gegen den artverschiedenen Stoff des Gatten, den sie unmöglich lieben konnte, den sie eben nur, als notwendigen Helfer, ertrug, wenn nicht vielleicht schon heimlich haßte: das war nun Fleisch und Blut geworden: Gestalt, welche großes politisches Wollen in die erdenhaste, sichtbar umgrenzte Arbeit für den Erben unb berufenen Vollender dieses Wollens — ihren Sohn — verwandelte. Unermeßlich muß ihr so das Glück ihrer verspäteten Mutterschaft erschienen sein — sie war vierzig Jahre alt —, unfaßlich fast die plötzliche menschliche Höhe ihres seltsamen Lebens — und um so tiefer der Sturz in das Grauen, das schon seine Schatten von Sizilien her in das entlegene Jesi herüberwarf. Das Glück ihrer Mutterschaft hätte sie bestimmt gütiger gemacht gegen den iwch so fremden und gleichgültigen Gatten, hätte ihr Leben mit ihm, «ich nach rückwärts, verklärt: Größe der Erfüllung hätte ihr Gröhe der Nachsicht gegeben: wenn nicht ihre von großem Ahnen her überkommene Vorstellung von edler Menschlichkeit — deren tiefster Ausdruck Duldung, Gerechtigkeit und Milde war — so grausam verletzt worden wäre: wenn sich nicht plötzlich, in erschreckender Nacktheit, das Wesen des Mannes vor ihr enthüllt hätte, der ihr Gatte und der Vater ihres Kindes war. Ganz bestimmt vertrat sie — wie der Kaiser — die Auffassung, daß dem Aufruhr und der Empörung, der Eigensucht und Anmaßung der Feudalen ein Ende zu machen sei: denn was hatte sie denn anderes durch ihre Heirat angestrebt als eben dieses, dem Heimatlande ein ruhiges und gesichertes Blüten im Schutz der höheren kaiserlichen Macht zu sichern? Was ober nach Heinrichs Krönung in Palermo geschah, das war nicht mehr Bändigung der Feinde durch Macht: das war sinnloses Wüten eines Entarteten der nun, da mit der Geburt des Thronerben das letzte Ziel der Geschäftsehe erreicht war, sich, niedrigsten Regungen folgend, jeder menfch- vchen und kaiserlichen Hoheit enttleibete. Eine stechende Flamme, muh der Hatz der im eigenen Blut geschändeten Kaiserin emporgeschlagen sein: ein Autorennen ihrer ganzen Menschlichkeit, Signal offenen Kampfes, Kriegserklärung — und wundervolle Läuterung ihres ganzen Wesens. Wüßten wir doch, daß sie die Kraft fand, den Kaiser zu töten! Sie würde zu Mendlicher Größe und sittlicher Schönheit aufwachsen, sie wäre den Maßen ihres großen Vaters, ihres großen Sohnes anzugleichen und schritte durch die Geschichte als eine der erhabenen Frauen, die die Erd- gsbundenheit ihrer Natur überwanden und als Verwalterinnen göttlicher Rechte nach eigenem Ermessen zu handeln wußten . . . Daß ihr das Gerücht die Tat andichtete, beweist, daß der Ausbruch ihres Haffes offenkundig war, und daß man fast die Tat von ihr erwartete. Der Ueber- ticferüng nach ist Heinrich an der Malaria oder dem Typhus gestorben. Er hatte sich die Krankheit, wie es heißt, in den giftigen Jagdgründen der Gliederungen um Messina zugezogen, nachdem er eben fürchterliche, neue Blutgerichte in Sizilien hatte ergehen lassen. Daß Konstanze ihm den Tod wünschte, daß ihr leidenschaftlichster Wunsch ihm tausendmal den Tod gab: ist ohne Zweifel. Dürfen wir Willen und Tat gleichfetzen? Gewiß nicht ganz. Denn die Tat setzt voraus: letzte Ueberwindung noch irgendwelcher vorhandenen Hemmungen, in diesem Fall also äußerste Reinigung und äußerst« Gröhe. Ungeheuer war die Aufgabe, die sie nach dem Tode des Kaisers vor sich sah: Entsühnung der Frevel durch eine völlige Hingabe an den Dienst an ihrem Volke, Herrschaft im Geiste ihres großen, duldsamen Vaters, Erziehung des eben dreijährigen Sohnes nach den Vorbildern ihrer Ahnen, Austilgung auch der leisesten Instinkte, die ihm von feinem Erzeuger überkommen sein konnten — Wiedergutmachung durch sich selbst und ihn: zwei Menschenleben lang. Ihre erste Tat: Reinigung der Lust. Sie ließ alle Deutschen aus Sizilien ausweifen. Die Tat war ungerecht, denn sie mußte Unschuldige, ja Verdammer der Verbrechen Heinrichs treffen: aber sie war begreiflich, sie war notwendig . . . Nun stand ste gerüstet zu ihrer unendlichen Aufgabe, beseelt von dem gleichen, w«m auch durch die Ereignisse abgewanüelten Willen zum Glück ihres Vaterlandes: einem hMdertfach vertieften, vsrseelten, in unausdenkbarer Qual geläuterten Willen: aber ihre äußer« Kraft erscheint gebrochen. Sie starb, ganz am Anfang ihres Werkes, das ste als Vermächtnis dem unmündigen Kinde hinterlieh. Der Sohn hat dieses Werk erfüllt: dem Geiste, dem Blute und dem Leiden der Mutter getreu: denn er war ihr und ihrer Ahnen Sohn. So ist das andere Bild der Kaiserin: so die andere, erhöhter« Deutung der Zusammenhänge. Noch eine allerletzte, übersinnliche Deutung bleibt, die den Boden der Erde verläßt, den menschlichen Willen ausschaltet und in den Gang der CS cf time greift: Vielleicht war Konstanze nur ein Opfer, höheren Zwecken dargebracht. Vielleicht hatte sie überhaupt keine andere Bestimmung, als der Welt ihren Sohn zu schenken: Friedrich IL, «inen der außergewöhnlichsten Menschen, die jemals lebten. Vielleicht war fie nichts anderes als der fast unpersönliche Durchgang von ihrem großen Vater zu ihrem größeren Sohn, dem sie die unterirdischen Kräfte, die in ihr nicht sichtbaren, ihres vermittelnden Blutes, mitgab. Mutter und Hohn haben sich kaum gekannt. Sie starb, als er noch ein kleines Kind war. Melleicht auch, nach unerforfchlichen Schlüffen, starb sie, weil ste ihm nichts hätte fein können, nicht einmal Liebe . . . Was wissen wir? Seligkeit Von Hans Bethge. Waren's die Rosen? War's Der blau« Tag? Dein schimmerndes Gewand? Gelöst vom Erdrund, trieben wir roie Vögel Durch Blumenduft und Juni, nah dem Mond Und nah den Träumen, welche Gott umfluten. Von deinen weihen Schultern troff di« Wonne Des Daseins, ganz verwirrend, und wie Wein Atmeten wir den Glanz der Himmelsfrühe, Und goldner Taumel wehte durch uns hin. Wie ferne war das Wandern und di« Schwere, Und deine Augen funkelten, ich wußte Nicht, waren's Sterne, waren es Gedanken Der äthersühen Ewigkeit, und meine Wie Blumen überglänzten Hände mifchten Liebkosend sich in dein gelöstes Haar, Das meergrasfalb«, und es war ein Tönen Der Himmelsharfe um uns, in uns, über Dem fernen Schluchzen der versunknen Erde, — Und holder Aufgang tiefster Seligkeiten Durchrann die Haut und di« verzückte Seele, Und alle Tore, alle, standen strahlend Geöffnet unsrer blütenheitern Luft . . . Waren's die Rosen, Fleanor? War's Der blaue Tag? Dein schimmerndes Gewand? Gosthss „Wsrthsr" und die Frauen seiner Zeit. Von Dr. Fritz Adolf Hünich. Mit den „Leiden des jungen Werthers" trat in der Herbstmesse des Jahres 1774 ein Buch zutage, dem ein uns heute kaum faßbarer Aufruhr der Seelen folgte. Die Wertherzeit ist dadurch zu einem gejellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Problem geworden, das zu bewältigen ein Buch zu schreiben nötig wäre, denn die Wirkung des Romans unmittelbar m das Leben war so vielgestaltig und weitschichtig wie das Leben selbst, unb feine literarische Wirkung, wie sie sich in Nachdrucksausgaben, Nach- ahmungen, Bearbeitungen, Ueberfetzungen und Schriften aller Art für und wider ihn bekundete, ist kaum übersehbar und kann allenfalls an der Hand einer Bibliographie wirklich anschaulich werden. Ist demnach Einhalt und Beschränkung geboten, so soll seine Wirkung aus die Frauen als den reizendsten Gegenstand, an dem sich seine Macht erweisen konnte, zur Darstellung gelangen. .__ Es leuchtet ein, daß der Roman von den Schmerzen eines jungen Mannes, die er aus hoffnungsloser Liebe litt, auch im weiblichen Geschlecht einen tiefen Eindruck hinterlassen muhte: das Mitleid mit bem Miqlucklichen wurde rege und äußerte sich etwa in tränenreichem Gedacht- nistutt vor Urnen, die dem „edlen, lieben Dulder" unter Trauerweiden errichtet wurden oder drängte sich am Spinett zusammen im hinschmelzen, den Gesänge des Liedes „Lotte bei Werthers Grabe" (Ausgelitten hast du — ausgerungen armer Jüngling, deinen Todesstreit ...). Andere Gelegenheiten, das Andenken Werthers immer wieder zu erneuern, bot bea Frauen der Industrie, indem sie auf die Emaille der Broschen mw Gürtelschlöffer zierliche Bildnisse von Werther und Lotte ober Dafftel- lungen aus bem Roman zauberte; noch andere die Kunstfertigkeit ihrer eigenen Hände, die z. B. entzückende Malereien en mininture auf Stamm« buchblättern schufen, Szenen, wie fie den Kupfern abzusehen waren, mit denen Daniel Chodowiecki den Roman für die von dem Verleger Himburg in Berlin veranstaltete Nachdruckausgabe von Doktor Goethens Schriften geschmückt hatte. Von diesem Künstler rührt auch der Entwurf zu einem Wertherfächer her, der aber nie ausgeführt wurde. Auch eine tau de Werther hat es gegeben. Im Kostüm konnten es die Frauen den Mannern nicht gleichtun, denen die charakteristische Tracht Werthei» (gelbe Hose und Weste, blauer Frack) erlaubte, ihr Vorbild wenigstens äußerlich Kuschend zu kopieren; dagegen waren die blahroten Schleifen an Arm und Brust die einzig« Besonderheit des simplen, weißen Kleides, bas Lotte trug, als Werther sie zum erstenmal sah, nachahmungswürdig um so mehr, als die eine ihm so teuer geworden war, dah er ihrer noch tn der Todesstunde gedacht«. ,, . Wichtiger als solche äußeren Kennzeichen teilnehmender ®mpf