GiehenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang {927 Samstag, -en 21. Mai Nummer Hy Christiane. Von Matthias Claudius. Es stand ein Sternlein am Himmel, Ein Sternlein guter Art; Das tat so lieblich scheinen. So lieblich und so zart! Ich wußte seine Stelle Am Himmel, wo es stand; Trat abends vor die Schwelle Und suchte, bis ich's fand; Und blieb denn lange stehen. Hott' große Freud' in mir: Das Sternlein anzusehen; Und dankte Gott dafür. Das Sternlein ist verschwunden; Ich suche hin und her, Wo ich es sonst gefunden, Und find' es nun nicht mehr. Durch das heimliche und unheimliche Deutschland. Von Manfred Hausmann. IV. 3m Lande der Grimmschen Märchen. Da ich gehört hotte, auf dem Königsplatz in Kassel gäbe es ein fünffaches Echo, wollte ich es eines Regentages, als ich die Stadt durchwanderte, gern einmal mit allerlei unartigen Reimen ausprobieren. Aber der Platz war gerade ganz von Markt und Geschrei erfüllt. Auch sah mich die viele Polizei so drohend an, als wüßte sie schon, was ich vorhatte. Da mußte ich denn mein Experiment für diesmal fein kaffen. Ach ja, die Bauern und die Polizei! Wie ich betrübten Herzens zwischen den dicken Schwälmer Marktfrauen und den blauen Talburen, zwischen Kötzen und Metzen, zwischen knusperigen Landbroten und grünem Salat, zwischen Quark und Radieschen, zwischen Würsten, die man dürre Hunde nennt, und lauter Blumen, deren Namen ich nicht kannte, umherschlenderte, entdeckte ich von ungefähr einen Korb voll wunderschönem Goldlack. Das war ein Gelb und Braun und dunkles Purpur, so samten und glühend, wie ich's noch nie gesehen hatte. Und um der herrlichen Farben willen kaufte ich dem Weibe, das hinter dem Korb hockte, ein Sträußchen ab. Cs kostete, so klein es auch war, seine zehn Pfennige. Viel Geld! Dann stieg ich in die Karls-Aue hinab und besah mir die Orangerie und den Park. Und da hatte ich mit einer Art von Prinzessin ein kleines Zwiegespräch. Das kam so: Seitwärts von der Orangerie, am Rande der großen Wiese entdeckte ich ein ganz allerliebstes Häusck)en. Meine Tage hatte ich so etwas nicht gesehen, so etwas Zierliches und Feines. Der Himmel mag wissen, wie es zu erklären ist, daß es weiland dem Architekten so wohl gelang. Vielleicht wohnte sein herztausiger Schatz drin und hieß des Gärtners Töchterlein, tat, sum . . . jedenfalls war das Häuschen gelb angestrichen, hatte dunkelgrüne Schalter, ein verwittertes Ziegeldach und eine mit Giebel und graziösem Schnörkel versehene Mansarde. Von der hochgelegenen Haustür führten rechts und links sieben Sandsteinstufen hinab. Weiter nichts. Dahinter stand und daneben der Parkwald in den zarten Farben der ersten und noch kühlen Maitage, ein Gewölk aus grauem, braunem silbrigem und grünlichem Duft. Es nebelte feucht vom Himmel. Nirgends ließ sich ein Mensch blicken. Jetzt war es Mittag. Ich guckte und guckte das liebe Häuschen an. Ich hatte mich so richtig breitbeinig hingestemmt, die Hände auf dem Rücken, in der einen Faust den Goldlackstrauch, so guckte ich und blinzelte und vergaß altes um mich her, vergaß sogar mich selbst ein bißchen. Und als sich die grüne Haustür auftat und ein Mädchen, man konnte schon eher sagen, eine junge Dame, die Treppe hinunterschlich und auf mich lostrippelte, guckte ich immer noch wie im Traum zu. Sie hatte einen fchwarzweißen Jumper an, oder wie man so ein Ding nennt, hatte kurzgeschmttenes schwarzes Haar, trug einen kurzen Rock und helle Strümpfe. Ihre Fingerspitzen steckten vorn rn den Jumpertaschen. Ich rührte mich nicht. Etwa drei Schritte vor mir blieb sie stehen und fragte, während sie sich mit durchgedrvckten Knien vorbeugte und mich von unten her ansah: „Nun, Herr Vagabunde?" Sie fuhr verdutzt zurück, lächelte aber gleich und nahm die Blumen knicksend an: „Danke schön, Herr Vagabunde!" Jetzt war es an mir, mich ein wenig vorzubeugen und zu fragen: „Nun, Fraulem Prinzessin?" Und ich hätte drei Jahre meines Leberts hergegeben, wenn ich besser rasiert gewesen wäre. Aber sie sah sich nur geschwind um, ließ ihre Zunge über die Lippen gleiten und. . . tupfte mir einen regelrechten Kuß auf den Mund: „Hmmda! „Danke schön, Fräulein Prinzessin!" sagte ich. Und sie, wahchaftigen Nun?" ne'0te mir noch einmal entgegen und fragte noch einmal: Da packte ich sie und küßte sie nach Herzenslust, und sie drängte sich an meine Brust, eine lange, lange Sekunde. Aber dann fing sie an *u zappeln und riß sich weg. „Ich glaube, du bist verrückt, was!" nef sie. Und wipp, wipp, wipp, war sie die Treppe hinaufgesprungen . . . zipp, zipp hatte sie mir mit dem Goldlackstrauß noch einmal zuaewinkt . . . bauz, war die Tür ins Schloß gefallen ... Und ich holte tief Atem und lachte und wanderte weiter in den Riesel- regen ginein. 1 * Ich wanderte fürbaß nach Schloß Wilhelmsthal. Am nächsten Morgen, als schon langst wieder Sonnenschein über Feld und Wald alünzte, kam ich dort an. Cs liegt nicht eben weit von Wilhelmshöhe entfernt in einem einsamen Buchengrunde, und ist ein Schloß, wie es im Märchenbuche stept. Rimdum em Park mit Alleen und geschwungenen Wegen, mit einem kleinen See und emer verträumten Wasserkunst und mit einer großen großen Mauer die all das heitere Wesen von der wilden Welt scheidet e.^ braune Knospen trieben, hatten unten am «■ ?«2*' ^on belaubte Zweige ausgestreckt. Die schwammen nun wie ein Lichtschimmer klar und grün im Dunkel des Waldes von außen schon köstlich genug anzusshen war, hatte ich mich doch auch drinnen gern ein wenig umgetan. Aber so etoas rmmer Geld. Und ich war augenblicklich gerade in einiger Verleqen- 1Unr 1° Jätern um den Flügel Herumstrich, in dem der Kastellan wohnt, saß da em Fraulem am Fenster und klimperte auf rfurr Zither. Man konnte fast meinen, eine alte Spieluhr rührte sich Ich stutzte mich auf meinen Stock, hörte zu und klatschte zur rechten Zeit in die Hande. Sie machte „Huu" und tat verschämt, blieb aber doch ganz zutraulich sitzen.^„Bravo!" sagte ich, „Sie sind ja eine Virtuosin! Guten Morgen auch, schönes Fräulein!" — „Guten Morgen! Na, so recht will's als noch nu gehn , meinte sie mit ihrem breiten Mund. — „Sagen Sie das nicht, ich hätte sogar Lust, Sie ganz was Neues auf diesem Instrument zu lehren, weil Sie Ihre Sache so hübsch machen!" — „Spielen ©e denn au. — „Gewiß!" — „Alsdann . . . kommen Se doch ma r*"-. "7 --Uno was sagt die Frau Mama, der Herr Papa dazu?" — £. ne Mudder, die is nit mehr bei uns, un mitt Vadder macht ganz da hinnen den Deich sauber, der wird nix gewaahr." — „Gut! Aber umsonst ist der Tod. Sie müssen mir erst einmal schnell das Schloß zeigen, wie? — „Das Schloß . . .? Na, gud, komme Se nur rin!" ., Da durfte ich, nachdem ich meine Elbkähne in Filzpantoffeln ^°ben statte, das ganze Schloß durchschlürfen. Sie erzählte mir, daß es em Rokokoschloß wäre, erbaut im Jahre 1783 von Landgraf Wilhelm VIH und baß dies die Schönheitsgalerie, dies der Tanzsaah dies das Schlafzimmer des Königs Jerüme und dies das Treppenhaus wäre Aber ich mußte immer stehen bleiben und den Atem anhalten, so leise schwebten die Raume und Möbel um mich her. Und die Farben waren o duftig em mattes Grün, ein blaues Rosa, ein verblichenes Gelb, und das Licht spielte zitternd darüber hin, allerlei feines Geranke war aus den Fensternischen, aus Türen und Wänden herausgeschnitzt, Zweige und Blüten flöten und Geigen von Schleifen gehalten, auch Degen, Flinten und Waffen, bann wieder Schalmeien, Körbchen mit Früchten, kleine Schelme Vogel und Getier, das schlang sich so hin, das schwang sich so eins zum anderen, so unirdisch, so leicht, so ruhig und selig in sich. Aber über alles war ein Hauch von mattem Golde gestäubt. Selbst die Luft schimmerte ein wenig golden. Und in diesen Schimmer senkten sich die kristallenen Kronleuchter hinein, zerbrechliche Gebilde aus Perlen und Tropfen, aus emem Hangenden Gefunkel, aus nichts, aus aneinandergereihtem Geblitze. Ich hörte immerzu Musik, aber es war keine da. Und wir schlürften von Zimmer zu Zimmer. Schließlich hatte ich alles gesehen, und das Fräulein wollte nun wissen, was ich ihr denn so Neues und Merkwürdiges auf der Zither zeigen könnte. Wir gingen in ihre Küche. Ich dachte, daß dies Schloß wobl ein kleines Geflunker wert fei, nahm das Instrument und zupfte, die Stirn kraus ziehend, an der kürzesten Saite. Ping. „Hören Sie, hier oben macht es ping!" Dann ließ ich die längste Saite ertönen. Zong. „Und hier unten macht es zong! Ist das nicht merkwürdig?" — „Waas schprachen Se do? Das is mir doch nix Neues!" — „Das ist Ihnen nichts Neues? Ja, Menfchenskind, wenn ich gewußt hätte, daß Sie die ganze Zithermusik sckon ausstudiert haben, dann —" ich hüpfte zum Fenster hinaus — „hätte ich Sie natürlich auf eine andere Weise beschwindelt. Aber adel Und ich bedanke mich auch schön! Lala!" < i Ei k«i roi uti F- fp< bli un Hi un a e 6 g l n b b 2 A h st st H b. R ni ui C in V ui vi tr 3«' T be P PhMpp dsr Zweite von Zpernisn. Zu feinem 400. Geburtstage. Von Dr. Eberhardt Birkhaus. Den Namm des zweiten Philipp von Spanien umgibt eine Gloriole von Blut; olle Furchtbarkeiten ber Inquisition, alle Greuel in den Nieber- Innben, ber Tob des eigenen, einzigen Sohnes sogar türmen sich zu einer bt M hi Jc jü he mi bi. Ti H> ba de Ak üb nii fö fei un $) 0 so n>< ge Di sti du in A! ab w< öii ft ha m m be ungeheuerlichen Schuld auf. Der kühle Geschichtsforscher- sieht die Gestalt dieses spanischen Habsburgers aber menschlicher; wenigstens nimmt seine Schuld ein anderes Gesicht an. Karl V., fein Vater, den das Blut seiner Mutter, der wahnsinnigen Johanna, zwischen zähem, gewaltsamem Zufassen und trüber geistiger Depression schwanken lieft, erkannte wohl das Wesen des Sohnes und Nachfolgers, er wuftte, was ihm fehlte, er übersah die Ausgaben, die seiner harrten, und er tat, was er konnte. Er gab ihm nicht nur die besten Lehrer, er erzog ihn auch aus das sorgfältigste selbst. Er merkte, wie schwer dieser junge Mann, den er schon mit 16 Jahren, ols ihn die groß« Politik aus Spanien fortführte, als Statthalter unter der Hilfe erfahrener Minister herrschen lieft von auften etwas annahm. Unermüdlich erzieht er an ihm, er denkt voraus, für jede Möglichkeit sucht er ihn zu wappnen, in Denkschriften, ausführlichen Briesen, in langen Gesprächen gibt er ihm seine Erfahrungen auf den Weg. Als er feine LeiderrschaWchkeit zu schönen Frauen bemerkt, vermählt er ihn mit 16 Jahren der Maria von Portugal; mit 18 Jahren war Philipp Witwer und Vater jenes Don Carlos, der so bitter in fein Dasein eingreifen follte. Der Vater versuchte, dem Sohne auch den kaiserlichen Namen zu sichern; das miftlang. Und auch ein zweiter Plan von gröftter politischer Bedeutung gelang nicht, Philipp reichte der katholischen Marie von England die Hand, die brnqchm Inseln sollten der Reformation entrissen, dem fpanisch-habsburgischen Weltreich verbunden, und Frankreich, der gefährlichste Nebenbuhler Spaniens, auf diese Weife in einem eisernen Ring erdrückt werden. Aber diese Ehe Philipps blieb kinderlos, und England fiel, als Marie starb, an, Elisabeth, die ihr Reich dem Protestantismus zuführte und fpätet Spanien die tödliche Wunde beibrachte. Als Karl V. im Herbst 1555 abdankte und sich zu feinen tickenden Uhren und wartenden Särgen nach St. Just zurückzog, war es aber doch ein gewaltiges Reich, das fein zögernder, zurückhaltender Sohn zu verwalten hatte, Spanien, die spanischen Niederlande, Mailand, Neapel, Sizilien und die unabsehbare neue Welt mit ihren Silbers Hissen, Abenteuern und ungehobenen Reichtümern; meisterhaft geführte Heere standen ihm zur Verfügung; am Quaderbau der Verwaltung, die Karl eingefuftrt ftatte, waren noch keine Riffe zu sehen. Sein erster Krieg, der mit Frankreich, wurde für ihn günstig beendet und die italienischen Besitzungen be< stätigt. Als Karl 1559 starb, war sein Sohn 32 Jahre alt. Nicht ganz ‘ 40 Jahre hat er geherrscht, und man hat das Gefühl, haft er nie Unterweisungen feines Vaters, die Denkschriften, die Gespräche, die Briese gleichsam als Bibel benutzt habe, an die er sich ängstlich hielt, in ber er sich Rat holte bei jedem wichtigen Schritte, die ihn fuhren mufttro m der verwirrenden Vielfältigkeit der Ausgaben unb _5oroerimgen neuer Ent- Wicklungen. Denn Philipp war kein großer Seift; seine Kunst war, zähe zu fein, verschloffen, sein Inneres zu verbergen. Zu lemtr Zeit schon nannte man ihn den König mit den bleiernen misten. Ihm fehlte ine Schwungkraft grofter Gestalten, er wuftte, was er zu verbergen hatte, und er verbarg es meisterlich. Er nahm fast nie an Kronraten teil, er lieft sich über die Meinungen berichten, zog sich in feine Eimomkeit zurück, und entschied allein. Er wuftte, baft er Rittgeber eines starken stils notig hatte, aber er fürchtete ihre Uebermacht und ipieltc einen gegen den anderen ans, auf der einen Seite den furchtbaren Herzog von Alba, auf der anderen Ruy Gomez, den Fürsten von Eboli, den klugen geichmeidigen r Politiker der in Verhandlungen und Ausgleichungen und Vermiittungen das Heft fall, wo Alba mit eifernem Fuß niedertrat, was sich nicht dem Gedanken der spanischen Majestät fügte. Seitdem Philipp König war, hm er Spanien nicht mehr uerlaffen, er fast in feinem Arbeitszimmer, las uns schrieb Er wuftte, daft er langfam dachte und sich langsam enftchloft, uns , er fürchtete den Einsluft begabterer Räte, deshalb hone er alle an und entschied dann in ungestörter Stille allein . . . immer langsam, oft recht spät Seine Art brachte es mit sich, daft er, ba er alles selber machen wollte, alles verschleppte, das Gröftte nicht minder, als dos Kleinste; er fürchtete den Entschkuft. Grofte Kühnheit, genialer Wagemut lagen ihm weltfern. Einsam und ängstlich, bienenfleifttg und matt, so hat er «• arbeitet, ein mittelmüftig beanlngter Mann; jo hat er pflichtgetreu do Seine getan unb dennoch unendlich dazu beigetragen, durch die Fehler jeiner Art fein eigenes Werk ftu bedrohen und zu z-erftoren. _ I Zwei Bilder umreiften sein geistiges und körperliches Wefen. I" Madrid hängt sein Jugendbild von Tizian; im goldfchnmnernden Panzer steht ber schmale blutleere König, aus dessen ganzer Haltung eure gewW Unücherheii spricht, die Unbehaglichkeit des mtttelmdftigen Geistes, vo» dem Große und Genialität verlangt wird. Und ein gutes Menschenalter später zeigt ihn uns Antonis Moro im Eskorial, etwas Müdes, Getnar- , tertes liegt in dem Auge, und hinter der erhabenen Hofgeste W ur Greis, ber allüberall die engen Grenzen fühlt und verbergen mutz, wen ihn die groteske Laune des Schicksals auf den wichtigsten und sthwnnMn Thron Europas fetzte und ihm aufgab, das Programm eines gtoßen Herrschers, feines Vaters, zu erfüllen. Dieses Programm war die ME katholische Weltpolitik. Diese Idee, von ihm mit kastilianischer Geisteseng erfaftt, ist feine Lebenspflicht. Er fühlt sich als das Haupt der katholisch Christenheit, als ihr gewappneter Arm; ist der Papst ihm. zu lau, I ; rüttelt er ihn rücksichtslos auf; spanische Grofte und katholische Propa ganbä wurden ihm eins. Was feiner Macht schadet, ist ihm auch gom - : In voller Beschränktheit setzt er sein Reich und die Welkkirche Sketch, deren Verteidigung und Erweiterung fetzt er alles. So erkampste Halbbruder Johann von Oesterreich den großen Sieg bei Lepanto uoe die Türken, bei dem auch die edle Dichterhand des Cervantes das «vM» führte, fo wüteten auf seinen Beseh! Alba und ber Blutrat in den Nie landen, ohne des neuen Gedankens Herr zu werden, fo zerbrach an Kräften des Aermelkanals die groftmächtige Armada, die gegen ine P testantifche Elisabeth ausgeschickt war. Man hat Philipp -"to- ' feines eigenen Sohnes, des Dan Carlos, gemacht, aber barm tm wohl feiner Politik unrecht. Im Gegenteil hat er gerade in dreier ««> \ am meisten Gröfte gezeigt. Man braucht nur das Bild zu betrachten, die Kaffeler * Galerie von dem unglücklichen Urenkel der wal n u.- Iohanna besitzt, es ist von Moros Meisterhand. Auf einem fch selbstbewußt getragenen Körper ein unverhältnismäftig grofter, >• ■: Burg und Stadt Münzenberg, hoch aus dem Felsen, beherrschen die ganze Gegend, die ganze Wetterau. Man sieht die beiden,mächtigen Türme imb das romantische Gemäuer mit Fenstern, durch die der Himmel schimmert, schon von weitem. Die Stimmung des Dreiftigijä-Hrigen Krieges wittert um Münzenberg. Die Schweden sind es denn auch gewesen, die damals Burg unb Ort genommen, gebrandschatzt unb verwüstet haben. Man kann sich aber ganz wohl denken, daft in dem einen ber dicken Türme einst das Fräulein Allerleirauh gefangen gesessen und nicht gemerkt hat, wie der Sturm über die Burg hingebraust ist, bis sie dann mit ihren zarten Händen ein Loch in die Mauer grub, ans Licht kroch i und ringsum alles verbrannt und öde fand. Allerleirauh. Arme Jakobsbrüder, die gern den großen Turm dieser Märchenburg besteigen möchten, befragen den Burgwart bescheiden, wo denn der Weg nach 'Friedberg wäre, und dann müssen sie sich allen seinen Beschreibungen gegenüber fo dumm zeigen, baft er ihnen den Turm auffchlietzt, hinauf stampft und ihnen von dort oben die Strafte zeigt. Das kostet bann weiter nichts. Es ist herrlich, vom Turm aus über die hessischen Länder und Wälder ; z» blicken und die Wege zu prüften, die man hergewandert kam, und die Berge zu suchen, die man morgen bezwingen, die waldigen Täler auch, in denen man sich verlieren will. Neben einem, unter einem schwimmt ber Sperber . um den Felsen. Ganz da unten ruht das Städtchen. Sie haben gar so viel Schönes, die Bürgersleute von Friedberg in Hessen, sie haben hoch oben über aller Welt einen Burggarten mit blühenden Gängen, mit Zinnen und Türmen, mit Lauben und heimlichen Winkeln und dunklen Bänken für Verliebte, sie haben das ganze verträumte Städtchen, sie haben die großartigen Paraden der Stubenten vom Polytechnikum, und sie haben eine ber seltsamsten Architekturen der Welt: bas Judenbad. Als ich es mir besehen wollte und an' die betreffende Tür in ber Judengaff« klopfte, lieft mich eine freundliche Frau ein. Sie fragte mich gleich, woher ich käme, wohin ich wollte, ob ich Arbeit suchte und dergleichen, sie erbarmte sich richtig wie eine Mutter über mich, weil ich fo abgerissen daherkam, und gab mir nebenan in ihrer Küche eine Tasse Kaffee und zwei Butterwecken. Zum Dank machte ich ihr ein paar Zauberkunststückchen vor, die mir mein Kollege Oskar gestern gezeigt hatte. Und sie verwunderte sich baft. Und die fünfzig Pfennig Eintritt brauchte ich auch nicht zu bezahlen. Das Judenbad besteht aus einem senkrechten Schacht von etwa zehn Meter im Geviert, ber an die siebzig Meter tief in den Felsen ein« gehauen ist. An den Seiten führt eine fäulengestützte Steintreppe bis aus die Schachtfohle hinab. Da unten blinkt kristallklares Grundwasser, in das sich früher — das Bad ist im Jahre 1260 gebaut — die verheirateten Frauen des Gettos alle vier Wochen aus rituellen Gründen eintanchen mutzten. Sie benötigten dazu Wasser, das noch keine Menschenhand berührt hatte. Und das war eben nur in dieser Tiefe zu bekommen. Der Scbacht ist oben zugedeckt, eine kleine Oeffmmg sendet bleiches Licht in die Tiefe. Und wenn man in ber feuchten Einsamkeit die Treppe hinuntersteigt, so Überkommt einen, ob man will ober nicht, eine eigenartige Erschütterung, es ist, als wäre man in einer Kirche, Totenstille ... zuweilen ein Tropfen . . . sickerndes Licht. . . gotische Säulen . . . Und auch ber leichte Landstreicher, auch ich verneige mich vor der starren Inbrunst eines Glaubens, der, um feine Gesetze erfüllen zu können, diesen büftfren und phantastischen Brunnen in den Felsen trieb. Ich bin einen Augenblick fromm und verwirrt. Jemand kommt mir von unten entgegen, vorsichtige Frauen schritte... da bringe ich schnell wieder zum Tag empor. 2Benn man das Kloster Arnsburg, das man von Gießen aus, lange Beine vorausgesetzt, auf dem richtigen Wege durch die Oetonomie und die barockem Wohngebäude betritt, so muß man dem gräflichen Gartner, der da wohnt und wacht, ziemliche Pfennige m die Hand schütten. Ich kletterte lieber hinten über die Mauer des Gartens und trieb mich auf eigene Faust in den Ruinen herum. Im Brunnenhof unb über bem verfallenen Kreuzgang blühten grofte Birnbäume, und die Bienen summten bald hoch und bald nieber im Duzt unb in ber Stille des Nachmittags. Wie ich in den dunklen Kapitelfaal schlich erschrak ich ordentlich, eine so holde Dämmerung sickerte zu den gotischen Fenstern herein. Die Buchen des Gartens hatten ihre Zweige davor gehängt, und nun lieft die Sonne das junge Laub gedämpft auf= glühen, und leise strömte das Gold und Grün hiernieder. Von der Kirche stand nicht viel mehr als die Seitemoänbe. Die Dachwölbung war eingestürzt. Nur ein paar Bogenrippen erhoben sich kläglich und hilflos gegen den blauen Himmel. Die Natur hatte allmählich die Stätte des Geistes unb ber geistlichen Versunkenheit, aus der sie einst gänzlich vertrieben war, wieder erobert. Das Gras war unb ‘bas wilde Unkraut am Gemäuer hochgekrochen, Efeu hatte sich düster empor und hinüber und wieder hinabgeworfen, Bäume hatten mit ihren Wurzeln das Gestein gesprengt unb sahen mit ihren Wipfeln triumphierend von oben in den Chor und in die Sakristei hinein. Auch die Lärche, dieser in Fetzen niederhängenbe Baum, war oben auf das Mauerwerk geklettert und freute sich feines Sieges. Nur mühsam behauptete sich die Architektur noch gegen das Gewuchsr. Heute noch, morgen noch, aber übermorgen wird alles versunken sein. Der Wald wird sich schweigend über das vernichtende Werk hindrängen und wachsen und rauschen und duften. Der Wald ist ewig. Der Waid . . . die großen Wälder . . . den gute von ehrt den y jestalt seine iNi-gen istiger ; uich seiner besten >, wie große hrener eht er ppnen, >r ihm eit zu in von s Don suchte, lind i nicht, irischen gischen t Epner diese i Elisa- ;ien die ck enden er doch zu ver- Reapel, , Aben- standen i geführt Frank- igen be- ht ganz Unter- Briese der er i in der er Ent- ar, zähe •it schon chiie die Ute, und Uetz sich rück und !s nötigen den Ma, aus meidigen ilttungen ncht dm war, Hot , las und stotz, und : an und oft recht r machen einste; er agen ihm nt er ge- etreu das it Fehler butionen, ach, lieber Heiland!" „Nix, nix!" lehnte der Offizier ab, „gehen Er ßu die Leute und sagen, wir wollen nix sprech mit ihnen, wollen nix mehr oben tzu tun mit diese Leute. Wir wollen verhandeln bloß mit der Bürkermeister. Der ist ein Freund von die republique. Allez!" — Zabel ging, sich hinter Ohren kratzend, hinaus. — „Ich bin serr erfreut, tzu finden eine Freund, wo soviele Feinde überall! Jsch begrüße Ihnen im Namen die republique." Der Offizier gab dem Sekretär die Hand. „Es mich über die Maßen", erwiderte der Sekretär und wischte sich •.% altkluger, fast lasterhafter Kopf, dem krankhafte, psychopathfiche Zuge tief eingegraben sind. So war der Knabe, so war der Jüngling, und, das iah der übervorsichtige Vater genau, in die Hand dieses Schwachsinnigen gehört das Reich nicht. Es gibt keine häßliche Leidenschaft, kein tierisches Unwesen, keine Quälerei seiner Umgebung, die man dem Don Carlos nicht nachsagen könnte, und der Don Carlos der Wirklichkeit hat mit dem des Dramas nichts, aber auch nichts gemein; immer wieder versuchte es der Vater, immer wieder antworteten ihm Tollheiten, Unmenschlichkeiten, Wüstheiten und eine sinnlose Zügellosigkeit. Januar 1-568 ließ er den Kronprinzen nach schwersten Gewissensbedenken gefangen setzen, und ein halbes Jahr später starb der Unglückliche in der Hast, mit größter Wahr- cheinlichkeit an den Folgen seiner geistigen Störung, die immer chwerere Form angenommen hatte. Und di« Tränen, die der Vater hm nachweinte, waren echr und berechtigt. ' Es ist das Schicksal Philipps gewesen, daß die Unterweisungen und Pläne Karls V. schneller veralteten als die ewig junge Zeit, und so wird das Ende immer düsterer. Mißerfolg auf Mißerfolg, Niederlage auf Niederlage, und vor allem im Innern des Landes eine Zerstörung, die nicht vorauszusehen gewesen war. Als^Philipp 1598 starb, war sein Land verarmt und ruiniert, die Weltmacht Spaniens entthront, Frankreich und England groß, sein Nachfolger, ein Sproß seiner vierten Ehe, nicht einmal im Haushalten mit geringeren Kräften bedeutend wie er selbst. Aber der Verschlossene ging, feierlich, rote es sich für einen spanischen König ziemt, und stumm in den Tod. Wir wissen nicht, wie \ er den Zusammenbruch feiner Arbeit getragen hak. ;esen. n Panzer nc gewisse jftes, von rschenalter s, Gewar- steht ein muß, iw1 Iwicrigften ' es groß«" e spanisch geistescnge acholisch«' , zu lau, \« 1 he Pro!»' ich gotto51 | gleich, o" mpste J61" aanto über as Sch««! >en Nieder- ach an den m. die PW m Mörder, n tut man ieser rächten, ch Vorzimmer, Zabel", befahl er dem mit bedeutungsvollem Blick. „Es darf uns niemand stören." Zabel nickte. „Jawoll, Herr Bürgermeister." Er ging hinaus und stellte sich draußen wie ein Wachtposten vor die Tür. Der'Eekretär machte eine kurze Verbeugung und sagte: „Ich habe die Ehre, die Herren Repräsentanten der Republik begrüßen zu dürfen." Die Offiziere nickten, und der erste, angenehm berührt durch die höfliche Anrede, antwortete: Bonjour, citoyen Bürkermeister! Jsch brauchen nicht hu repetier, was die republique fordern von die Stadt in aller Freundschaft. Eh bien, wir sind gekommen, um hu mitnehmen die contributions. „Allons," wandte er sich an die Jakobiner, „allons mit der Koffer!" Die Jakobiner stellten die Kiste vor den Sekretär. Der Erste Offizier öffnete sie und sagte: „Zuerst wir wollen haben die fünfmal« hunderttausend Livres in dieser Koffer. Jsch bitte sans fa?on. Die andere contributions können werden gebracht in Karren. — He, ifch bitte, worauf warten wir?" Der Sekretär machte ein tiefernstes Gesicht. „Meine Herren Offiziere, Sie sehen mich in der größten Bestürzung, Ihnen die Kontri- bittionen, so gering sie auch großmütigerweise angesetzt worden sind, nicht zahlen zu können." --- „He?" — „Wenigstens vorläufig nicht." — „Was sollen heißen das? Wissen Er nicht, was passier in dieser Fall?" „Ich bitte die Herren, Ihren immerhin gerechten Zorn einstweilen noch zu unterdrücken. Ich bin unglücklich und verzweifelt, Ihnen mitteilen zu müssen, daß die Vertreter der Bürgerschaft gegen meinen Willen und so eindringlich ich ihnen die schrecklichen Folgen vorgehalten habe, anderen Sinnes geworden sind —" „fie?" „— und beschlossen haben, die Stadt um jeden Preis zu halten, nicht zu übergeben und keine Kontributionen zu zahlen." „Sacre Dieu!" schnaufte der Offizier. „Allons, wir brauchen nix mehr ßu verhandeln." Er schlug den Deckel der Kiste krachend zu. „Allons! Wenn der Magistrat nicht anders wollen, eh bien, er soll haben seinen Willen, ä la banne heute! Jsch üben nix dagegen! Dann die Stadt wird bombardiert und der Magistrat selber ist schuldig, wenn Stadt und Bürger werden Imitiert ohne Erbarmen! Bonjour!" Er drehte sich mit den anderen zur Türe um. „Verweilen Sie noch einen Augenblick, meine Herren!" rief der Sekretär. — „Nix! Er brauchen sich machen keine Mühe!" — „Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen einen bequemeren Weg vorschlage." — „He?" „Ich, der Bürgermeister, will dafür sorgen, daß die Stadt ohne Schwertstreich und ohne einen Schuß Pulver in die Hände der Republik kommt." — Die Offiziere kamen näher, und der Erste sagte: „Machen Sie keine Scherze!" — „Es ist mein Ernst. Cs würde mir das Herz brechen, unsere schöne Stadt in Trümmern zu sehen. Das möchte ich verhüten. Und dann, meine Herren, ehrlich gesagt, Sie sehen in mir einen begeisterten Freund der Helden der Freiheit und der großen Republik." „He, qu’en dites-vous?" fragte der erste Offizier die anderen. »11 faut reflöchir sur cette affaire, n'ett-ce pas? Zabel stürzte herein mit allen Zeichen des Schreckens. „Was gibt's, Zabel?" fragte der Sekretär und wurde ein wenig blaß. „Straf' mich Gott!" rief Zabel hinter Atem, „.Herr Bürgermeister, bat Ding geht schief!" — „He?" „Draußen sind die Stadträte, der Finnickel an der Spitze!" Der Sekretär biß sich auf die Lippen. „Was wollen fiese Leute?" fragte der Erste Offizier. — „Sie wollen mit den Herren Parlamentären sprechen, ich glaub' wegen der Kontri- Schweiß von der Stirne. „Alors, ich bitte, wie wollen Sie machen, daß wir können occupier die Stadt commodement?" — Zabel kam wieder herein. — „Mille tonneres! Stören Er doch nicht!" „Mit Erlaubnis, aber die Stadträte wollen nicht fort." — „He?" — „Sie lassen sich nicht abweisen." — „Un moment!“ sagte der Offizier und befahl den Jakobinern: „Wersen raus diese Leute!" Die vier Soldaten gingen hinaus, und gleich darauf hörte man draußen im Flur Schimpfen und Geschrei, Türzuschlagen, dann Stille. Bald darauf kamen die vier wieder herein, und der erste meldete: L’ordre execute, citoyen officier.“ „Bien", erwiderte der Offizier und lachte. „Da können sehen, isch bin rasch bei die Hand, n’est-ce pas? — Rach diese Unterbrechung, bitte, citoyen Bürkermeister, wie wollen machen —" „Mit Ihrer gütigen Erlaubnis' werde ich in meinem Hause den Herren Parlamentären ein kleines Fest geben." „Äh, merci bien! Aber was hat hu tun diese Fest mit die occupa- iion?" „Der Magistrat und die Bürgerschaft werden auf diese Weise beruhigt und in Sicherheit gewiegt. Feiert der Bürgermeister Feste mit den Franzosen, so kann keine Gesahr sein. Die Torwachen werde ich mit Branntwein versorgen, daß sie um Mitternacht schnarchen. Und so glaube ich, mit Ihrer gütigen Zustimmung, die Stadt auf die kommodeste Manier in Ihre Hand zu bringen. Denn ernsten Widerstand brauchen Sie ’ nicht zu besorgen." tix elleme t! Pröferablement! - Qu’en diies-vous, camarades? „ Die beiden anderen Offiziere schienen einverstanden zu sein. Der Erste Offizier überlegte noch. — „Hm — aber warum nicht heute? Warum morgen?" — Verzeihung! Ehe ich alles auf das sicherste vorbereitet habe —" Wsm Aller« Der Sterns. Von Professor Dr. Küsterman n. Ewig jung nur bleibt die Sonne, Sie allein ist ewig schön! Dem Menschen, dein poetisch empfindenden sowohl als auch dem unbefangenen Nururbeobachter, erscheint die Sonne als die lebenspendende Mutter; sie ist ihm in gewisser Hinsicht die Jugend selbst. Der Fixstern- Himmel aber gar erschien schon den alten Weifen und auch den langen Jahrhunderten" abendländischer Himmelskunde bis zum Beginn der allerjüngsten Sternforfchung als ewig unveränderlich, als das einzig Beharrende gegenüber dem Fluß der Erscheinungen, die sich „unter dem wechselnden Mond" abspielsn. Erst der allerjüngsten Sternforschung blieb es vorbehalten, zu erkennen, daß das ewige „Stirb und Werde" für den Himmel genau so gilt wie für unsere Erde. Cs waren auch ungeheure Hilfsmittel dazu nötig, um bis in die uns jo ferne Fixsternwelt mit den Mitteln messender Forschung einzudringen. Das weitaus wichtigste dieser Hilfsmittel ist der spektrographifche Apparat, der das Licht selbst von Sternen, die dem bloßen Auge unsichtbar sind, wenn es durch das Fernrohr aufgefangen und gesammelt ist, in ein langgezogenes Lichtband mit vielen, ja vielen Hunderten zarter Linien auseinanderzieht. Und diese Linien sind es, die uns so unendlich vieles über die Natur der fernen Welten zu erzählen haben. Sie geben uns zunächst einen fidjeren Anhalt über die Ober- flächentemperaiur der Sterne, ja bei der Sonne können wir sogar auf diese Weise ins Innere eindringen und Temperaturen in bedeutender Tiefe bestimmen. Vergleichen wir-die Temperatur mit der uns bekannten Helligkeit, so ergibt sich mancher Schluß über die Raumausdehnung und dann, da uns off auch ihre Masse bekannt ist, über die Dichte der Sterne. Das alles hat dazu geführt, daß man sich etwa folgendes Bild von der Entwicklung der Sterne macht: Richt alle Sterne find an sich gleick). Aber diese ihnen eigentümlichen Unterschiede treten an Wichtigkeit gegenüber denen, die auf deut verschiedenen Alter beruhen, doch zurück. Man nimmt z. B. an, daß alle Sterne mindestens ein Zehntel, höchstens etwa künfstgmal so schwer sind wie die toonne. Aber in ungeheuer viel stärkerem' Maße ändert sich im Laufe ihrer Entwicklung ihre Ausdehnung und dementsprechend ihre Dichte. Sie beginnen ihre Laufbahn als „Riefen" mit der verhältnismäßig niedrigen Temperatur von etwa 3000 öroi; der von ihnen' eingenommene Raum ist oft viele Millionen mal so groß wie der der Sonne, sie strahlen in rötlichem Licht und leuchten wegen ihrer Größe recht hell/ Run ziehen sie sich zusammen, die Farbe geht ins Gelbliche und schließlich ins Weiße über, die Temperatur an ihrer Oberfläche wächst bis etwa 20 000 Grad, und alsdann beginnt der Abstieg. Immer weiter ziehen sie sich zusammen, Temperatur und Farbe durchlaufen die vorige Entwicklung rückwärts; die Sonne ist hierbei schon im Gelblichen angelangt und also schon stark gealtert. Bei noch weiterer Abkühlung und Zusammenziehung werden die Sterne nun wieder rof, aber infolge ihrer Kleinheit leuchten sie nur noch schwach, um bei nock) weiterer Abkühlung und Zusammenziehung unserem Auge zu entschwinden. Nattirlich beansprucht diese Entwicklung ungeheure Zeiträume. Wie- viele Jahrmillionen diese betragen mögen, ist schwer zu sagen. Aber jedenfalls wenden wir vier Größenordnungen von Zeiten zu unterscheiden haben. Der Mensch mißt sein Leben nack) Jahren, die Geschichte rechnet mit Jahrhunderten und Jahrtausenden, die Erdgeschichte nach Jahrmillionen, und darüber stehen als letztes die uns schier unendlich dünken- den Zeiträume der Entwicklung im Weltenraum. Die Erzählung aus den Revolutionskriegen von $). Müller-Schlösser. (Fortsetzung.) Zabel öffnete die Haupttür und ließ drei französische Offiziere und vier Republikaner herein, von denen zwei eine eisenbeschlagene Kiste trugen. „Bitte.einzutreten, meine Herren!" sagte Zabel. Der erste Offizier fragte grob: „Eh bien, wo ist der citoyen Bürgermeister?" Gleich werd' ich ihn rufen", erwiderte Zabel, ging auf die kleine Tür zu und rief: „Herr Sekre —" er schlug sich aufs Maul und verbesserte sich: „Herr Bürgermeister!" Rach einer Weile trat der Sekretär in des Bürgermeisters Mantel, Perücke und B b«rnn, sehr würdig und gemessen. „Geh' Er ins „Bien!“ gab sich der Offizier zufrieden, „ich verstehe! Und wenn diese Streich nicht reüssier, wir können bombardier noch immer! — Alors, bis morgen abend!" Er gab dem Sekretär die Hand, und die beiden anderen Offiziere grüßten militärisch. In diesem Augenblicke hörte man im oberen Stockwerk ein starkes Pochen. Der Sekretär erschrak. Die Offiziere schauten verwundert nach der Decke. „He, was bedeuten das?" Der Sekretär putzte sich den Angstschweiß ab. „Da oben?" sagte er mit heiserer Stimme, „oh, nicht der Rede wert! Das ist mein alter Schreiber." — „Schreiber? Secretaire, n'est-ce pas?" jawohl. Sonst ein ganz brauchbarer Kerl, aber jeden Mondwechsel bekommt er Anfälle von Verrücktheit." „Ah, ein Verrückter?" — „Jawohl, dann tobt er durchs Haus, und ich muß ihn einsperren." — „Eh bien, ein Verrückter. — Bonjour, citoyen Bürkermeister!" — Auf Wiedersehen, meine Herren! Bis morgen abend." Die Offiziere schritten zur Türe. Da klirrten oben Fensterscheiben, und man hörte einen dumpfen Fall. „Zabel!" rief der Sekretär voll Schreck, „was war das?" — „Ich sag', dat Ding geht schief!" Zabel lief hinauf. Die Ossizere waren auf das Scheibengeklirr stehen geblieben und schauten den Sekretär fragend an. Der erst« meinte: „Der Verrückte ist ausaerissen, passen auf!" Da hörte man draußen im Flur ein heftiges Schimpfen und Stampfen. Die Mitteltür flog auf. Man sah, wie Zabel mit dem Bürgermeister rang. Zabel versuchte ihn zurückzuhalten, aber der Bürgermeister stieß ihn zurück und stürzte in höchster Aufregung und Wut ins Beratungszimmer. Ein Acrmel war ihm zerfetzt. „Der Verrückte! Nom de Dieu!" rief der Erste Offizier und sprang zur Seite. Der Sekretär starrte den Bürgermeister mit weitaufgerissenen Augen, blaß wie der Tod, an. — „Meine Herren Zitojängs!" keuchte der Bürgermeister wütend, „Sie sind aufs schändlichste betrogen und beschwindelt. Dieser Betrüger da —" er zeigt« auf Len Sekretär — „ist gar nicht der Bürgermeister! Er ist mein Sekretär! Der Bürgermeister bin ich!!" — Die Offiziere lachten. „Was er etwa mit Ihnen abgemacht hat, erkläre ich für null und nichtig. Denn i ch bin der Bürgermeister." „Meine Herren, es ist mir sehr peinlich. Ihnen diesen Anblick nicht verhindern zu können. Sie sehen, der Aermste ist in der höchsten Ekstase. In diesem Zustande leidet er immer an der fixen Idee, der Bürgermeister zu sein." Die Offiziere belustigen sich und lachten. ,Fixe Idee?" schrie der Bürgermeister. „Fixe Idee? Dieser abgefeimte schlechte Kerl! Oh, wir sprechen uns wieder! Meine Herren, ich beschwöre Sie, lassen Sie sich doch nicht zum Narren halten!" — Aber die Offiziere lachten noch mehr. „Um Gotteswillen, was ist geschehen?" rief voller Schrecken Sabine, die herbeieilte. — „Hier, meine Tochter!" rief der Bürgermeister schnell, „hier, meine Tochter soll Ihnen bezeugen, daß ich ihr Vater bin, daß ich der Bürgermeister bin!" — Der Sekretär lächelte krampfhaft. „Mein Sekretär ist ja gar nicht verheiratet." „Oh, du Halunke! — Sabine, Kind, ist e r dein Vater oder bin i ch es?" Sabine schaute in hartem Kampfe abwechselnd auf den keuchenden Bürgermeister und auf den Sekretär, der totenblaß sich an einen Stuhl klammerte. Dann rief sie aufschluchzend: „Mein Vater!" Und eilte auf den Sekretär zu, fiel ihm in die Arme und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Der Bürgermeister starrte beide fassungslos an, griff sich an den Kopf, fuhr sich wild über den kahlen Schädel und sagte tonlos: „Ich — ich — ich bin verrückt!" „Arme, alte, verrückte Mann," sagte lachend der Erst« Offizier, „kommen Er! Wir Ihn bringen in seine chambre." Er gab den Vieren einen Wink. Die vier Jakobiner nahmen den widerstandslosen Bürgermeister in die Mitte. Zabel ging voran und führte sie ins Amtszimmer, wo sie ihn wieder in die Aktenkammer sperrten. Die Offiziere grüßten den Sekretär und Sabine militärisch und gingen. Sabine hing weinend am Halse des Sekretärs. Er umschlang sie innig und drückte ihr einen Kuß auf den Scheidet. „Sabine!" Mehr brachte er nicht über die Lippen. Ain Spätnachmittage des anderen Tages deckte Bärb in dem holzgetäfelten Beratungszimmer den großen Tisch für das Festmahl, das der „Bürgermeister" den französischen Offizieren geben wollte. Neben die Porzellanteller legte sie blahlila Astern und gelbe Sternblumen, die letzten, die noch im Garten blühten, während das welke Laub der Bäume schon über sie fiel. Mitten auf dem Tische stand ein schwerer silberner Barockleuchter mit acht Armen. Bärb war gerade dabei, frische Wachskerzen in die Halter zu tun, als sie von der kleinen Tür her ein leises „Pst!" hörte. Es war Flipp, der ängstlich den Kopf hereinsteckte und auf dem Spange war, bei jedem Geräusch zu verschwinden. Er war ganz niedergeschlagen und blaß. Seine Augen waren unruhig; das böse Gewissen flackerte in ihnen. „Ach, geh'!" rief Bärb und wendete ihm, ehe er noch ein Wort gesagt hatte, unfreundlich den Rücken, „geh'! Das ist so recht nach Männer Art, mich obendrein zu schelten!" „Man soll nit auf die Weiber hören, nit im Guten und nit im Bösen. Ihr Rat taugt allemal nix." — „Was Rat? Was hab' ich dir geraten?" — „Du Hexe! Du hast mich festgehalten gestern nacht." — „Festgehalten?" Bärb drehte sich böse zu ihm um. „Hör' mir einer diesen Maulfechter an! Hab' ich nicht gewarnt, gefleht, gebettelt? Flipp, es wird Zeit! Geh'! Aber nein! Der Mußjö Nimmersatt mußte noch ein Küßchen haben und noch eins. Und jetzt freilich steht er da und schneidet ein Gesicht." „Bärb, bat gibt ein Unglück!" antwortete Flipp ängstlich. „Jetzt haben wir die Nacht vertändelt, und in meinen Beinen lag das Geschick der Stadt. Und wenn Ich Beine häti' wie Schiffsmasten, jetzt könnt' ea nimmer nützen. Bärb, wo soll ich bleiben? Es geht mir an den Kragen!" - „Hasenfuß!" „Du kannst gut lachen! Du hast ja kein Gewißen, du gewissenlose Person!" — Es klopfte. „Barmherzigkeit! Da kömmt einer! Bärb, Herzensbärb, wo soll ich hin?" — „So schlüpf' in meine Kammer vorderhand." Flipp verschwand. Stadtrat Finnickel trat ein. Bärb machte einen Kn ix. „Herr Stabt« rat?" — „Tag, Jungfer Bärb", erwiderte Finnickel und überblickte erstaunt die festlich geschmückte Tafel. „Ei, der Tausend, was gibt es hier? Weißer Damast? Blumen? Silbergeschirr? Ei, hier wird wohl ein Fest gefeiert?" — „Freilich, Herr Stadtrat." „Was Sie nicht sagt! Ein Fest?!" Das ist ja recht erstaunlich, hm, hm. Und — und darf Sie mir verraten, Jungfer Bärb, wem zu Ehren dieses Fest?" „Die Sanscoulotten kommen doch heut abend." Finnickel zog die Augenbrauen hoch. „Wer? Die Sansculotten?" — „Freilich, die Herren Offiziere." — „Ha! Hm, hm — wer — wer — hm — Wer gibt denn das Fest? Etwa der Herr Bürgermeister?" — „Freilich! 28er sonst, Herr Stadtrat?" „Das ist ja sehr erstaunlich!" meinte Finnickel gedehnt, fügte aber, als Bärb auffchaute, rasch hinzu: „Ich meine, wo der Herr Bürgermeister — hm — krank ist.' „Er scheint sehr krank zu fein, Herr Stadtrat." — „Er scheint?" — „Freilich. Es darf kein Mensch zu ihm hinein." — „Hm — was sagt denn der Doktor?" — „Der Doktor ist nicht hiergewesen." — „Hm — und trotzdem ist der Herr Bürgermeister so krank — ich meine, trotzdem der Bürgermeister so krank ist? Hm!" Er kam näher und zwinkerte mit dem rechten Auge. „Jungfer Bärb, ist der Herr Bürgermeister wirklich krank, he?" Er ergriff ihre Hand und drückte einen Taler hinein. Sie knixie. „Schönen Dank, Herr Stadtrat! Aber krank fein muß er schon." — „Muß er? Hm! — Das ist mir doch sehr erstaunlich: „Erstaunlich ist hier im Hause mancherlei, Herr Stadtrat!" — „Was Sie nicht sagt, Jungfer! Zum Exempel?" — „Zum Exempel da oben in der Aktenkammer, wo die vielen Akten liegen, da klopft's und poltert’6 seit einigen Tagen, als süß' ein böser Geist darinnen." — „Ei, in’ der Aktenkammer?" — „Freilich!" antwortete sie, und ein Gruseln lief ihr über den Rücken, „freilich, in der Aktenkammer!" Finnickel lächelte. „Närrin! Da arbeitet doch der Schreinermeister/" — „Schreinermeister? Muß das ein fleißiger Mann [ein, daß er bis spät in den Abend hinein klopft. Ich weiß nichts von einem Schremer- meifter." Finnickel schnalzte mit der Zunge. „Hm, bis spät in den Abend hinein, sagt Sie? Hm, hm. Und kein Schreinermeister, meint Sie?" — „Nein, 'nein." — „Uno seit wann, Jungfer — denk' Sie gut nach! — feit wann rmnort's da oben?" — „Seit — feit zwei Tagen, mein' ich." — „Just seitdem," fiel Finnickel rasch ein, „just seitdem der Bürgermeister — krank ist?" — „Wahrhaftig!" Finnickel rieb sich die spitze Nase. „Hm, hm, hm, hm." — „Und daß ich’s Ihnen nur grab’ heraus sage, Herr Stabtrot, — mit den beiden ist es auch nicht richtig!" — „Mit welchen beiden?" fragte Finnickel scharf und runzelte die Stirn. — „Ei, mit dem Sekretär und der De- moiselle Sabine." Finnickel wurde heftig. „Zum Teufel, Jungfer, was schwatzt Sie da? Schnell, was weiß Sie von den beiden?" — „Mein Je, der Herr Stadtrat kommen ja in Hitze!" — „Ich rate Ihr gut, Jungfer, mach' Sie keine Späße mit mir! Was ist mit den beiden?" — „Gott soll mich bewahren! So schlimm ist's ja nicht! Ein bißchen verliebt Getuschel bloß.' — „Verliebt Getuschel!" wiederholte Finnickel grimmig, „hm, hm! Und weiter?" — „Was weiter? Ein paar verliebte Blicke hin und her, sonst nichts." „Verliebte Blicke? Ganz recht, ja, ja, verliebte Blicke, das muß wohl fein!" Er quetschte den Knopf seines Spazierstockes und kaute an der Lippe. Bärb schaute ihn verstohlen von der Seite an und zuckte mit den Schultern. Durch die kleine Tür trat der Sekretär herein. „Herr Setretarius!" redete ihn Finnickel an. — „(Ergebener Diener, Herr Stabtrat!" antwortete der Sekretär, unangenehm berührt, und wollte weitergehen. — „Auf ein Wort, Herr Sekretär! Ich muß mit Ihm reden." — Verzeihung Herr Stabtrat, ging's nicht ein andermal?" „Es ist rasch abgetan. — Jungfer, unterbrech' Sie Ihr Geschäft für kurze Zeit." Bärb ging, mit einem neugierigen Blicke auf die beiden, hinaus. „Ich stehe zu Dero Diensten, Herr Stadtrat", sagte der Sekretär nervös. Finnickel räusperte sich, nahm eine Prise, nieste und putzte sich umständlich die Nase. Darauf sagte er mit Katzenfreundlichkeit: „Wie steht denn das Befind..1 des Herrn Bürgermeisters?" — „Der Herr Bürgermeister wird die Amtsgeschäfte wohl morgen wieder übernehmen können." — „Morgen? — Und heute — gibt er dies splendide Fest? „Der Herr Bürgermeister," erklärte der Sekretär verwirrt, „will — es gilt, die Parlamentäre durch ein Traktement zu hofieren." Fin- nicket lächelte. „Sehr klug! Sehr berechnend!" Der Sekretär wurde ungeduldig. „Mit Verlaub, Herr Stabtrat, isi das alles, was Sie mir zu sagen haben?" — „Oh, Herr Setretarius, ist Er so pressiert? — Was ich noch fragen wollte, — der Schttinek- meifter oben in der Aktenkammer..." — „Der ist mit seiner Arbeit fertig", fiel der Sekretär ein. Finnickel kam näher, schloß das linke Auge und blinzelte ihn mit dem rechten an und sagte freundlich, aber scharf: „Wenn das nun — gar fein Schreinermeister gewesen wäre, hm?" Der Sekretär stutzte: nur mühsam unterdrückte er feine Aufregung. „Was will der Herr Stabrat bamit sagen?" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl’sche D,niversitätS«Buch° und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.