SietzenerZamilieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1(927 Dienstag^den 20. September Nummer 75 Gesang Weylas. Von Eduard M ö r i t e. Du bist Orplid, mein Land! Das ferne leuchtet; Vom Meere dampfet dein besonnter Strand Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet. Uralte Wasser steigen Verjüngt um dein« Hüften, Kind! Vor deiner Gottheit beugen Sich Könige, die deine Wärter sind. Die Insel der Stimmen. Erzählung von Robert Louis Stevenson. Keola hatte Lehua, Tochter Kalamakes, des weisen Mannes von Mo- lokai, geheiratet und wohnte bei dem Vater seines Weibes. Es gab keinen schlaueren Menschen als jenen Propheten; er las in den Sternen, er verstand aus den Körpern der Toten und mit Hilf« böser Geschöpfe zu weissagen: ja, er konnte allein auf die höchsten Spitzen der Berge gehen, in das Reich der Dämonen, wo er Fallen zu stellen pflegte, um die Geister der Alten einzufangen. Aus diesem Grunde war im ganzen Königreiche Hawaii keines Mannes Rat so begehrt wie der seine. Vorsichtig« Leut« kauften und verkauften, heirateten und richteten ihr Leben ein nach seinen Ratschlägen; und der König hatte ihn zweimal nach Kona kommen lassen, um die Schätze der Kamehamehas zu suchen. Auch war keiner so gefürchtet wie er; von seinen Feinden hatten sich einige kraft seiner Beschwörungen in Siechtum verzehrt, und einige waren an Leben und Leib verzaubert und verschwunden, so daß die Leute vergeblich sogar nach ihren Knochen suchten. Man flüstert«, daß er die Kunst und Gaben der alten Helden besäße. Menschen hatten ihn des Nachts in den Bergen gesehen, wie er von Fels zu Felsen schritt; in den hohen Wäldern hatten sie ihn wandeln sehen, und er überragte die Bäume um Haupt- und Schulterslänge. Dieser Kalamake war seltsam anzuschauen. Er war aus dem besten Blute Molokais und Mauis, von reinster Herkunft, und dennoch von weißerer Hautfarbe als jeder Ausländer. Sein Haar hatte die Farbe trockenen Grases, und seine Augen waren rot und sehr trübe, so daß der Ausdruck: „Blind wie Kalamake, der jenseits von Morgen sieht", sprichwörtlich in den Inseln wurde. Von allem diesen Tun und Treiben seines Schwiegervaters wußte Keola manches vom Hörensagen, einiges mehr argwöhnte er, und von dem Rest wußte er nichts. Aber eines war, was ihn bekümmerte. Kalamake war ein Mann, der sich nichts abgehen ließ, weder Essen noch Trinken noch Kleidung, und für alles zahlt« er in blanken, neuen Dollars. „Blank wie Kalamakes Dollar" war ein weiteres Sprichwort auf den acht Inseln. Dennoch verkaufte er weder, noch pflanzte er, noch nahm er Lohn — außer gelegentlich für seine Zaubereien -r- und eine Quelle für so viele Silbermünzen war undenkbar. Und es geschah eines Tages, daß Keolas Weib auf Besuch nach Kgu- nakakai, auf der Leeseite der Insel, gegangen war, und die Männer befanden sich auf See beim Fischfang«. Keola aber war ein müßiger Gesell, er lag auf der Veranda und sah, wie die Brandung gegen die Küste lief und die Vögel um di« Klippen flogen. Er war ständig zuoberst in seinem Sinn — dieser Gedanke an die blanken Dollars. Wenn er im Bette lag, wunderte, er sich, warum es deren so viele seien, und erwacht« er am Morgen, so fragte er sich, weshalb sie alle neu wären, und die Sache wich niemals aus feinem Geiste. Aber gerade an diesem Tag« war er in seinem Herzen einer Entdeckung sicher. Denn es schien, als habe er den Ort bemerkt, wo Kalamake seinen Schatz aufbewahrte, einen verschließbaren Schreibtisch an der Wand des Wohnzimmers, unter einem Oelöruck Kamehamehas des Fünften und einer Photographie der Königin Viktoria mit einer Kron« auf dem Kopf; und es scheint wiederum, daß er erst in der vorigen Nacht Gelegenheit gefunden hakte, hereinzuschauen, und siehe da! Der Beutel war leer. Heut« aber war der Tag des Dampfscksiffs; er konnte ben Rauch in der Höhe von Kalaupapa sehen, und bald mußte es ein- treffen mit Waren für einen Monat: Dosenlachs und Gin und alle möglichen seltenen Delikatessen für Kalamake. „3ft er heule imstande, für seine Waren zu zahlen," dachte Keola, 'A „n mei» 'ch llewiß, daß der Mann ein Zauberer ist, und daß die Dollars aus des Teufels Tasche stammen." Während er so überlegte, stand plötzlich sein Schwiegervater hinter ihm, und er sah ärgerlich aus. „Ist das das Dampfschiff?" fragte er. „Ja", sagt« Keola. „Es läuft nur noch in Pelekunu an und wird dann hier fein. --So bleibt nichts anderes übrig, als dich in mein Vertrauen zu ziehen, Keola, sagte Kalamake, „ich habe keinen Besseren. Komm ins Haus Yerem. So betraten sie denn gemeinsam das Wohnzimmer, das ein sehr schöner Raum war, tapeziert und mit Oe tont cf en behangen, und mit einem Schaukelstuhl, einem Tisch und einem Sofa nach europäischem 6tU möbliert. Außerdem gab es da noch ein Regal mit Büchern; eine Fa- milienbibel lag in der Mitte des Tisches, und der verschließbare Schreib- tisch stand an der einen Wand, so daß jeder erkennen konnte, daß es da, Haus eines wohlhabenden Mannes war. Kalamake ließ Keola die Fensterläden vorziehen, während er selbst all« Türen verschloß und den Deckel des Schreibpultes öffnete. Diesem entnahm er ein paar Halsketten, an denen Amulette und Muscheln hingen, ein Bündel getrockneter Kräuter, dürres Laub und einen grünen Palmzweig. „Was ich jetzt vorhabe," sagte er, „liegt jenseits aller Wunder. Dk Manner der Vergangenheit waren weise, sie wirkten Wunderbares, unter anderem auch dieses; doch geschah es in der Nacht, im Dunkeln, wie es sich ziemte, unter den Sternen und in der Wüste. Das gleiche werde ich hier in meinem eigenen Hause und unter dem offenen Auge des Tages tun? Mit diesen Worten schob er die Bibel unter das Sofakissen, so daß st« ganz bedeckt war, holte von der gleichen Stelle eine Matte von wunder- bar feinem Geflecht hervor und häufte die Kräuter und Blätter auf ein« mit Sand bestreute, zinnerne Pfanne. Dann hingen er und Keola sich bk Halsketten um und stellten sich an gegenüberliegenden Ecken der Matte auf. „Die Zeit ist gekommen," sagte der Hexenmeister; „fürchte dich nicht." Gleichzeitig setzte er die Kräuter in Brand und begann unter Schwingen des Palmzweiges vor sich hinzumurmeln. Anfangs war das Licht nur trübe, dank der geschloffenen Fensterläden; allein die Kräuter brannten hell, die Flammen schlugen Keola entgegen, und das Zimmer glühte von dem Brande. Dann stieg ber Rauch auf, so daß ihm schwindelte und feine Augen sich verdunkelten, und das Geräusch von dem Gemurmel Kalamakes summte in seinen Ohren. Und plötzlich ruckte und zuckte es, schneller als der Blitz, an der Maite, auf der sie standen. Im gleichen Augenblick waren Zimmer und Haus verschwunden, und der Atem wich aus Keolas Leibe. Wellen von Licht schlugen über seinen Augen und seinem Haupte zu- sammen, und er fand sich an dem Strand des Meeres unter eine starke Sonne versetzt, während eine gewaltige Brandung tobte; er und der Zauberer standen immer noch da auf der nämlichen Matte, atemlos und sich aneinanderklammernd, und fuhren sich mit der Hand über die Augen. „Was war bas?" rief Keola, der, da er der jüngere war, als erster wieder zu sich kam. „Der Schmerz war wie der Schmerz des Todes." „Es ist gleich", keuchte Kalamake. „Nun ist es vorbei." „Und wo in Gottes Namen sind wir?" fragte Keola. „Das tut nichts zur Sache", entgegnet« ber Zauberer. „Da wir hier sind, haben wir Arbeit zu verrichten, die erledigt werden will. Begib dich, während ich meinen Atem zurückgewinne, an den Saum des Waldes und bringe mir di« Blätter von einem bestimmten Kraut und von einem gewissen Baum, die, wie du sehen wirst, dort in Mengen wachsen — drei Handvoll von jedem. Und eile dich. Wir müssen daheim sein, noch ehe bas Dampfschiff eintrifft; es würde Staunen erregen, wenn wir verschwunden wären." Und er setzte sich, nach Atem ringend, auf den Sand. Keola ging den Strand hinauf, der aus leuchtendem Sand und Koralle« bestand, vermischt mit seltsamen Muscheln, und er dachte in seinem Herzen: „Wie kommt es, daß ich diesen Strand nicht kenne? Ich werde wiederkommen und hier Muscheln sammeln." Vor ihm zeichnete ein« Reihe Palmen sich gegen den Himmel ab; sie glichen nicht den Palmen der Licht Inseln, sondern waren hochgewachsen frisch und schön, und ihre welken Fächer ragten wie Gold aus dem Grün hervor, und er dachte in feinem Herzen: „Es ist merkwürdig, daß ich diesen Hain noch nicht entdeckte. Ich werd« wiederkommen, wenn es warm ist, und hier schlafen." Und er dachte: „Wie heiß ist es plötzlich geworden!" Denn es war Winter in Hawaii, und der Tag war kühl gewesen. Und weiter dachte er: „Wo sind die graue« Berg«? Und wo die hohe Klippe mit dem hängenden Walde und den kreisenden Vögeln?" Und je mehr er sann, um so weniger begriff er, in welcher Gegend der Insel er niedergegangen war. Am Saume des Haines, dort, wo dieser den Strand berührte, wuchs das Kraut, der Baum jedoch weiter hinten. Als nun Keola sich dem Saume näherte, wurde er eines Mädchens gewahr, das nichts an ihrem Leibe trug als einen Blättergürtel. „Nun!" dachte Keola, „mit ihrer Kleidung nehmen sie es in diesem Teile des Landes nicht sehr genau." Und er hielt inne in der Meinung, daß sie ihn sehen und entfliehen werde, und da er merkte, daß sie immer noch vor sich hinsah, blieb er stehen und summte eine Melodie. Bei dem Klang sprang sie auf. Ihr Gesicht war aschgrau; sie blickt« nach dieser und nach jener Richtung, und ihr Mund stand weit offen vor dem Grauen ihrer Seele. Seltsam jedoch war es, daß ihre Augen nicht auf Keola ruhten. „Guten Tag", sagte er. „Du brauchst dich nicht so zu fürchten. Ich werde dich nicht essen." Und kaum hatte er feinen Mund aufgetan, als das junge Weib in den Busch entfloh. (Fortsetzung folgt.) wie eine Helsingfors. Dreierlei macht das Antlitz dieser üblichen kleinen Großstadt unvergeßlich: über einem pflasterweißen Platze von russischen Dimensionen, an dem Universität und Parlamentsgebaude liegen, echebt sich auf vielen hohen Steinstufen, die weiße Nikolai-Kathedrale mit ihren drei schiefergedeckten Kuppeln — wie ein fremder, in den Norden verschollener halbrussischer Nachklang von St. Peter. Diese weiße » beherrfcherin rahmt auch das Hafenbild ein, zusammen mit der fusiiich' orthodoxen Kirche, einem verzwickten Ungeheuer aus rotem Backstein, aas wie eine gigantische Fliegenpilzfamilie auf hohen Felsen thront. Beiden zu Füßen wimmelt der Hafen und der bunte Markt, und einfach üegi zu Füßen wimmelt der Hafen und der bunte Markt, und emsacy daran das Palais des Landesprästdenten, Re la n der. „ Das zweite: Dom Hafen läuft, viel breiter als die Verlier ,,-Äiwm - die vornehmste Geschäftsstraße, die „Esplanade gatan“, zum Byeaier. Wuchtige, schattendunkle Baumreihen machen die Mittelpro-msnaDe z» einem kühlen, flüsternden Park inmitten des Geschäftszentrums. PraMg Hortensienbeete, inmitten der ganzen Anlage das Standbild -^"everg-, des großen Nationaldichters, und das Wichtigste: an beiden Enden Musikpavillon, in denen über Mittag und am Abend Militär und Marm Freikonzerte geben. Man hört Sibelius und Marivanto, aber auch man ches Deutsche, den Torgauer Marsch oder Berliner Operettenschlag - während man im Esplanade-Cafe bei den nationalen Erdbeeren oder Smörgasbricka fitzt und draußen wie in südlichen Städten buntes jeden Alters und Standes sich feiner Muhe freut. , he£ Das dritte ist, vor allem mit dem rosa granitenen Batznyol, Barholmenkirche und dem Nationalmuseum, die moderne Archn Finnlands, die ja, ehe der Schnelläufer Nurmi da war, den gr v internationalen Ruhm und die stärkste nationale Eigenart Finnlands zu haben." , „ . . , Kein weiteres Wort lieh Kalamake fallen, noch kam er je wieder auf die Angelegenheit zu sprechen. Allein sie ging Keola fortwährend im Kopfe herum — und war er früher faul, so wollte er jetzt überhaupt n-rchts mehr tun. „Weshalb soll ich arbeiten," dachte er, „wenn ich einen Schwiegervater habe, der aus Seemufcheln Dollars macht?" Bald war fein Anteil ausgegeben. Er verwendete ihn ganz auf schone Kleider. Und dann tat es ihm leid. ,Denn," dachte er, „ich hätte besser daran getan, eine Konzertina zu kaufen, mit der ich mich den ganzen Tag hätte unterhalten können." Und er begann sich über Kalamake zu ärgern. Dieser Mann besitzt die Seele eines Hundes", dachte er. „Er kann, sooft er will, am Strande Dollars aufsammeln, und er läßt mich hier nach einer Konzertina schmachten! Er möge sich hüten: ich bin kein Jürto, ich bin so schlau wie er und bin im Besitze seines Geheimnisses. Darauf sprach er mit seinem Weibe Lehua und beschwerte sich bei ihr über ihres Vaters Manieren. , „ , „Ich ließe meinen Vater in Ruhe", sagte Lehua. „Es ist gefährlich, feine Pläne zu durchkreuzen." . Ich frage soviel nach ihm!" rief Keola, und schnippte mit den Fingern. „Ich halte ihn an der Nase und kann ihn zwingen, zu tun, was mir "beliebt." Und er erzählte Lehua die Geschichte. Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Du kannst tun, was du magst," sagte sie, „aber so sicher du meinen Vater störst, so sicher wird man nie wieder von dir hören. Denke an diesen und jenen, denke an Hua, der ein Lord des Repräsentantenhauses war und alljährlich nach Honolulu ging, und es war kein Knochen und kein Haar mchr von ihm zu finden. Erinnere dich an Kamauas, und wie er zu einem Zwirnsfaden abmagerte, so daß seine Frau ihn mit einer Hand vom Boden aushob. Keola, du bist in den Händen meines Vaters so hilflos wie ein Säugling: er wird dich zwischen Daumen und Zeige- iinger nehmen und dich gleich einer Krabbe aufessen." Nun fürchtete sich Keola in Wahrheit vor Kalamake, aber er war auch eitel, und diese Worte seiner Frau brachten ihn auf. „Gut," sagte er, „wenn du so von mir denkst, werde ich dir zeigen, wie sehr du im Irrtum bist." Und er ging schnurstracks zu feinem Schwiegervater, den er im Wohnzimmer sitzend fand. „Kalamake," sagte er, „ich möchte eine Konzertina haben." „So, in der Tat?" sagte Kalamake. , Ja," sagte er, „und es ist ebensogut, dir rundheraus zu sagen, daß i» 'entschlossen bin, eine zu bekommen. Ein Mann, der Dollars am Strande aufsammelt, kann sich ohne Zweifel eine Konzertina leisten. „Ich ahnte gar nicht, daß du so viel Mut besähest", entgegnete der Hexenmeister. „Ich hielt dich für einen schüchternen, unbrauchbaren Burschen, und ich kann gar nicht sagen, wie ich mich freue, meinen Irrtum einzusehen. Jetzt sänge ich an zu glauben, daß ich einen Gehilfen und Nachfolger für mein schwieriges Geschäft gesunden habe. Eine Kon- zertina? Du sollst die beste in Honolulu haben. Und heute abend, sobald ■3 dunkel geworden ist, werden du und ich gehen, das Geld holen. ..Werden wir zu dem Strande zurückkehren?" fragte Keola. „Das sind mir sonderbare Manieren", dachte Keola, und ohne zu überlegen, was er tat, lief er ihr nach. .. . Im Laufen rief sie unaufhörlich Worte in einer spräche vor sich her, die in Hawaii nicht gebräuchlich war, doch waren einige der Ausdrucke die gleichen, und er verstand, daß sie rief, um andere zu warnen. Und bald sah er andere Menschen laufen — Männer, Weiber und Kinder, und alle miteinander rannten sie eilig, wie Menschen vor emem Feuer. Und da begann er selber Furcht zu verspüren und kehrte, die Blatter mit sich nehmend, zu Kalamake zurück. Und er erzählte ihm, was er gesehen. „Du mußt nicht darauf achten", entgegnete der Zauberer. „Wir gehen hien dank dieser Zaubermittel, am hellichten Tage unsichtbar spazieren. Indessen können sie uns hören, und daher ist es gut, leise zu sprechen, so wie ich es tue." . . , , Und er zog mit Hilfe von Steinen einen Kreis um die Matte und legte die Blätter in die Mitte. ... „Deine Aufgabe wird es sein," sagte er, „dafür zu sorgen, daß die Blätter weiterbrennen, und das Feuer langsam zu schüren. Wahrend sie ausflammen (was nur während eines kurzen Augenblicks geschieht) muß ich meine Arbeit verrichten: und noch ehe die Asche schwarz geworden ist, wird die gleiche Macht, die uns hierher gebracht hat, uns wieder weg- führen. Halte jetzt das Zündholz bereit, und sieh zu, daß du mich recht- zeitta rufst, damit die Flammen nicht verlöschen und ich zuruckbleibe. Sobald die Blätter Feuer gefangen hatten, sprang der Zauberer rote ein Hirsch aus dem Kreise hinaus und begann einem Jagdhund gleich, der gebadet hat, den Strand entlang zu jagen. Und im Laufen bückte er sich fortwährend nieder, um Muscheln aufzugreifen: wie es schien Keola, daß sie funkelten, während er sie sammelte. Die Blätter brannten mit einer klaren Flamme, die sie rasch verzehrte; und bald war Keola nur noch eine Handvoll übriggeblieben, und der Zauberer rannte und bückte sich immer noch in weiter Ferne. „Zurück!" schrie Keola. „Zurück! Die Blatter sind fast ausgebrannt. Boi diesen Worten drehte Kalamake um, und war er vorher gelaufen, so flog er jetzt. Aber so rasch er auch lief, die Blätter brannten noch rascher Schon war die Flamme fast erloschen, als er mit einem gewaltigen Satz aus die Matte sprang. Der Luftzug seines Sprunges blies die Flamme aus, und im gleichen Augenblick waren der Strand und die Sonne und das Meer verschwunden, und sie standen wieder in der Dämmerung des verdunkelten Wohnzimmers und waren abermals er- ichütiert und geblendet, und auf der Matte zwischen ihnen lag ein Haufen blanker Dollars. Keola stürzte zu den Fensterläden, und da lag das Dampfschiff, das sich hart am Lande in der Dünung wiegte. In der gleichen Nacht nahm Kalamake seinen Schwiegersohn beiseite und drückte "ihm fünf Dollars in die Hand. „Keola," sagte er, „wenn du ein kluger Mann bist (was ich bezweifle), io wirft du glauben, du feist heute nachmittag aus der Veranda ein- gefchlafen und hättest im Schlafe geträumt. Ich bin ein Mann von wenig 'Worten und pfleae als meine Gehilfen Menschen mit kurzem Gedächtnis Nordmännerlied. Von I. V. von Scheffel. Der Abend kommt, un-d die Herbstluft weht, Reifkälte umspinnt die Tannen, O Kreuz und Buch und Mönchsgebet — Wir müssen alle von bannen. Die Heimat wird dämmernd und dunkel und alt, Trüb rinnen die heiligen Quellen: Du götterumschwebter, du grünender Wald, Schon blitzt die Axt, dich zu fällen! Und wir ziehen stumm, ein geschlagen Heer, Erloschen find unsere Sterne — O Island, du eisiger Fels im Meer, Steig auf aus nächtiger Ferne. Steig auf und empfah unser reisig Geschlecht — Auf geschnäbelten Schiffen kommen Die alten Götter, das alte Recht, Die alten Nordmänner geschwommen. Wo der Feuerberg loht, Glutasche fällt, Sturmwogen die Ufer umschäumen, Auf dir, du trotziges Ende der Welt, Die Winternacht woll'n wir verträumen! Nein nein!" erwiderte Kalamake, „du mußt erst mehr von meinen Geheimnissen erfahren. Das letzte Mal lehrte ich dich, Muscheln zu sammeln, diesmal werde ich dich lehrm, Fische zu fangen. Bist du stark genug, um Pilis Boot flottzumachen?" , „Ich glaube, ja", versetzte Keola. „Aber weswegen nehmen wir nicht dein eigenes Boot, das ja schon flott ist?" Ick habe dafür einen Grund, den du noch vor morgen gründlich verstehen wirst", sagte Kalamake. „Pilis Boot ist besser für meine Zwecke aeeianet. Wir wollen uns also dort bei Dunkelwerden treffen und bis dahin die Sache für uns behalten, denn es hat fernen Zweck, die Familie in unser Geschäft einzuweihen." , Honig ist nicht süßer, als die Stimme Kalamakes war, und Keola vermochte seine Befriedigung kaum zu verbergen. „Ich hätte meine Konzertina schon vor einer Woche haben fonnen, dachte er, „man braucht doch nichts in dieser Welt als em bißchen Mut. FinnlandsKhrt. Von Ilse Re i cke. Das schwanenweiße, schöne Schiff nimmt dich eines Nachmittags aus dem emsigen, ^hämmernden Hafen von Stettin, zeigt .bir oberabroarts Die Werften, Hellingen, Oelmühlen— bann versinken dir im gelben Abendlicht die eleganten Seebäder Swinemünde, Heringsdorf, Ahlbeck hinter den grauaufschäumenden Ostseewogen; nach angenehmer Kabinmmicht um- aaukelt dich ein ganzer blauer, leuchtender Meerestag auf Deck m den Mittagsstunden begleitet vom blauen Linienspiel der Insel Gotland Dampfer und Segler voll riesiger Holzfracht kommen entgegen als erste Sendboten Finnlands —, dann blicken beim zweiten Erwachen schon die morgenblassen Türme Revals dir ins Bett, und nach em paar stunden erschimmert über den salzsrifchen Wassern des Finnischen Meerbusms hinter den vielklippigen Schären hell und breit Sjelftngfors! Wer im Reiche weiß, daß dies ferne Land uns so nahe hegt? Wie nahe es unferm Herzen liegt, sagen mancherorts seine Steine: schone, eigenartige Gedenksteine für die gefallenen deutschen Krieger. . Finnland — für alles westlich der Elbe schon eine etwas sibirische Vorstellung — und dabei doch ein Touristenland, in dem einem die Sonne nicht untergeht und bas Geld nicht ausgeht, voller Einfamkeitsernst und Wasserbesessenhsit — freilich nichts für elegante, verwohnte und auch geistig anspruchsvolle Reifende . . . * Mt es sichen Stunden die berühmte Stromschnellenfahrt im Teerbook -- denn früher fuhr man nur Teer auf so tollkühne Weise urck mcht Tou« riften' — hinab durch Wassergeprassel, hinab bis in die Rahe von Ulea- borg.'Rur dreimal haben hereinklatschende Wogen mich wie mit Eimern beschüttet, dreimal der Wind mich wieder getrocknet! Fahl und tot, durchzogen vom beizenden Brodern der großen Waldbrände, liegt die große Einöde von Uleaborg, wie ein längst ausgeswr- benes Weitende — das ja in Wahrheit räumlich nicht mchr fern ist. Und man brennt danach, in zweiundzwanzigstundiger Bahnfahrt endlich wieder Helsingfors zu erreichen, die Kultur, und, ach, auch die fo teure, geregte Zeit, die ihren dumpftrillernden, atumimumbtanfen Riesenvogel auch heute wieder im messinggelben Abendlicht der Scharen nieder« gehen läßt! _____________ Das Schaffen des Schauspielers. Von Dr. Paul Landau. der Welt bedeutete! Stärke und Eigensinn, Einfachhett und konventionslos« Selbständigkeit der Volksseele sprechen aus diesen Steinen; man suhlt b'°Am"herrlichste? l^ aber das blaue Schattenbild von Helsingfors in Kam schrägen, scharfen, messinggelben Abendlicht der Stunden zwischen achi rind zehn Uhr, wenn von den Schären aus, dem vornehmen Brands oder dem volkstümlicheren Hogholmen mit feinem zoologischen Karten, Mischen grauen, durchwärmten Klippen oder dunklen Fichtenwipfeln der Mck die Weite des belebten Wassers, der vielen stillen Inseln oder her langgedehnten Stadt dahinter erfaßt. Silberne Riesenvogel gehen schun- merob nieder zwischen Wasser und Wald: die Junkers-Flugzeuge, die m •4 Stunden Post und Passagiere von Berlin hierherbrrngen! Und doch »t ihr dumpfes Trillern der letzte Laut der aufgeregten Zeit, der in die Einsamkeit dieses Landes dringt! * Irgendwo in der Wälderwildnis steigt man endlich aus dem Zuge. tlne Reihe von Automobilen wartet, aber das des empfohlenen Grand viel Cascade ist nicht dabei. Valtion Hotelli steht auf dem einen, und das darauf gemalte Hotelporträt: ist es nicht das des Cascade, aus dem Obrer? Richtig. Hinein ins Auto, bereichert um die Erkenntnis, daß m Wrfetn Lande, das Touristenpropaganda macht, aber dabei in seinem jungen Nationalstolz nur noch finnische Inschriften dulden will, die Bildersprache das einzige Mittel bleibt. Im Walde ein Riesenschlachtfeld: aufgewühlte Erbmassen, Krane, Gerüste, Feldbahnen: ein Riesenkrastwerk soll künftig dem Im a t r a .dieser stärksten Stromschnelle der Welt", einen Teil seiner Kräfte aussaugen und in kupfernen Drähten über das Land speien! „Der Imatra wird nichts fühlen", meint man nachher, vor dem weißen, ziegeldachroten Wildnispalast (er wurde noch in russischer Zeit in russischen Massen als Staatshotel erbaut) zur tobenden Felsenschlucht hinabsteigend, die weithin die Tannenwälder mit ihrem Donner füllt! Schwefelgelb und weiß rast die wilde Jagd der Wasser dahin. Wirbel, ^trubel, Brandung überschlagen und überschäumen sich, hochauf fliegt zerfetzter Gischt gegen Fels- hlöcke und Tannenwipfel. Wie Gespenster schießen dunkle Baumstämme im Wassergewitter entlang, mitunter hochaufgerichtet wie ernst als ste noch Daum wäre, immer neue, vom Blick entdeckt, schon wieder dem Blick verloren in der Besessenheit des ElementsI Zwanzig Meter tief stürzen die gewaltigen Wassermassen des Saimaseegebietes durch eine funfund- «vanzig Meter schmale Felsenfahrt hinab, anderthalb Kilometer lang gezwängt, gedrosselt, hochausbegehrend und mit weißen Fausten an 6te Felsen 'schlagend, ehe sie unten, gurgelnd und schäumend, den breiteren ^Dort unttn saugen die kreisenden Wirbel die gefolterten Holzstämme an sie folgen ihnen einer nach dem andern, geduldige Tiere; plötzlich immer an derselben Stelle, kehrt! In der Querrichtung treiben die toten Riesen stromauf, richten sich längs, stromauf, ballen sich zu hämmernden, zuckenden Knäueln — dann stürzt jäh die sausende Brandung über Die Mppe und treibt sie zu Paaren, abermals hinein in den Strudel, der s>e abwärts reiht und plötzlich kehrtmachen heißt, stromauf; wie im erbar- vmngslosen Wirbel einer unseligen Passion bleiben sie im Kreise getrieben, schollernd und krachend stoßen sich die Daumleiber, schieben und 8dichten sich unter Gestöhn zu einem wirren Haufen. Längst ist ihnen le Rinde abgerissen von den Wassern, erst poliert, dann rauhgerissen sind sie, an den scharfen Schnittflächen längst abgestumpft wie Zigarren. Wer hier unten am Imatra sitzt, der vernimmt unter dem Fauchen, Keuchen und Schlangengezisch des tobenden Stromes ein Zweites: das schauerliche flnterwossergewitter, das dumpfe Gedonner des gemarterten Holzes. Man lernt auf den Dampfern leben, diesen kleinen, zweistöckigen Dinnendampfern, die eine vorzügliche Küche und viele kleine Schlaf- tabinen haben und Tag und Nacht durch die Einsamkeit fahren, die einzige Derbindung von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf. Durch schmale Seen mit waldigen Usern, an großen und kleinen Klippeninseln geht es vorbei, bann atmet man plötzlich wieder große Wasserweite, die kaum mehr das endlose Ufer erkennen läßt: einsame Matten, Kanäle, Schleusen, berückende heimliche Wasserstraßen im Wald erscheinen und versinken — einmal fett im Abendlicht ein hohes, weißes Schloß in finsteren Fichtenhugeln, ein anbermal ein leuchtend rotes, strahlend glückliches Landhaus hmier Birken an der verschwiegenen Begegnung dreier Waldkanale — gleich- mittig rauscht der Dampfer weiter an allem, man vergißt der Welt und der Zeit, so wie man der Stunde vergißt, die in unsterblicher, goldroter Dämmerung noch um Mitternacht über Wäldern und Wassern liehen. Savonlinna, schwedisch Nyslott, heißt eine freundliche, kleine Stadt, an deren Kai alle Morgen die sieben Dampfer aus allen Seen- richtungen liegen. Mit drei runden, eisgrauen Türmen wacht die mächtige Olofsburq über ihr, eine uralte Kampfstätte zwischen Schwenden und Russen. Fünfzehn Jahre lang saß ein deutscher Holftein-Gottorper barm gefangen gerade in dem Turm, der das runde, ttefnischige Jungfrauengemach beherbergt. Hoffen wir, daß sie ihn getröstet haben! Jetzt zimmert man im Burghof eine Bühne für bas 450jährige Jubiläum der alten Trutzseste ... Die andere Besonderheit Savanlinnas steht drüben, zu Füßen und im Schutz der ein bißchen spießigen roten Backsteinkirche aus dem Hügel: ein riesenhafter nackter Mann aus Granit! Es ist ein kniender, betender Krieger, vor dem fächerförmig die Gräber der im Befreiungs- kampf gefallenen Söhne des Städtchens liegen. Keine Hügel, nur ruhende graue Steintafeln mit den Namen der Heikkis, und Paavoos, oft sind es Siebzehn-, Sechzehnjährige! Vor jedem grauen Ruhmesstein überschwenglich rot und blühend eine Begonie. Unten bas Städtchen, Seen, Wälder, Inseln — die Heimat! * In einem fremden nördlichen Licht, fast schon wie eine Eismeerland- ichaft, liegen die blauen Flächen des Ulesees. Schäumend stürzt sich aus ihm der Ulestrom hinab zum Bottnischen Meer. In einem Stromidyll — rote Holzhäuschen um einen offenen Hof mit Silberpappel und Ziehbrunnen, unablässiger Gesang der Stromschnelle, in der man täglich habet und Lachse fischt — dort, in Ulnetela verbringen wir drei Tage (jeder kostet bei ausgezeichneter Verpflegung vier Mark volle Pension!), dann Die Theatersaison mit ihren Aufregungen und Ueberrafchungen hat wieder begonnen; die ersten Premierenschlachten sind ^geschlagen. Der Zauber schauspielerischer Kunst, der uns für kurze Stunden die Wirklich- leit veraesfen läßt, wirkt von neuem auf uns ein, und wir fragen erstaunt, welch besonderen Kräften der Mime seine Macht verdankt, aus welch rätselvollen Tiefen der Seele das Gebilde seines Schaffens-empor« wächst. Wenngleich über jeden geistigen Zeugungsprozeß ein Schleier des Geheimnisvollen und Unbewußten gebreitet ist, fo liegen doch die »er« hältniffe bei der Schöpfung des Schauspielers besonders dunkel und kom- vliiiert Er ist zugleich reproduzierender und produzierender Künstler, Instrument eines fremden dichterischen Willens und Gestalter neuer ttinst- lerOcher Werte- fein Material, das er formt, ist kein objektiver Stott, andern seine Persönlichkeit, sein Körper selbst; er kann stmWerknlcht ertiq aus sich Herausstellen für alle Ewigkeit, sondern muß es stets mm neuem gebären. Subjektives und Objektives sind hier seltsam mttemander vermischt. Das Problem des schauspielerischen Schaffens 'st daher eines der schwierigsten; es ist vielfach, von den Künstlern selbst und ben Aesthetikern, erörtert worden, wobei sich die Meinungen oft widersprechen und in mancher Hinsicht keine Klarheit erzielt worden ist. In großen Umrissen aber kann man doch aus der Fülle der Zeugnisse ein lebenbiges Bild von den einzelnen Entwicklungsstufen gewinnen, in denen. eine RMe ans dämmerigen Ahnungen und langen Studien zu ihrer plastischen Erscheinungsform auf der Bühne emporgehoben wird. Wie jedem Beruf, der alltäglich ausgeubt werden nmtz, haftet Mich der Schauspielkunst etwas Mechanisches, ^ndwerksmäßiges an. Der Mime der ein paar Monate hindurch Abend für Abend in derselben Rolle auf tritt wird meist automatisch seine Aufgabe erledigen, den emgeübte Uri gleichsam von selbst sich abrollen lassen. Aber er ist bann kaum noch Schöpfer. Bei unserer Betrachtung kann es sich nur Edenbebeutenden Schauspieler handeln, der wirkliche Schonheitswerte .schafft. Phantasie und Verstand, das sind die beiden Mächte, die, wie der jeder künstlerische Leistung, so auch bei der des Schauspielers die eigentlich ^f”°rtbrin9®'’^ Gewalten barstellen. Sein erstes, fundamentales Erleben findet er natur lid) im Versenken in das Drama. Schon hier zeigen sich bedeutende Unterschiede des Eindrucks. Der denkende Schauspieler wird nur ganz vage, verschwommene Vorstellungen haben; wir wissen das z B. von S e y - d elmann , von Kainz u. a. Er muß erst alle möglichen Zugänge zu dem Werk und der Gestalt suchen, langsam in die Stimmung und die Details einbringen; bas ist dann nicht gelten die Arbeit eines Lebens. Aus stets neuen Nuancen fetzt sich bas Mosaik des Spiels zusammen. Ganz anders stehen die „Lieblinge der Phantasie", schon beim erften Einleben in ihre Ausgabe, dem Werke gegenüber. Auch sie Md nicht etwa mühelose Improvisatoren, denen alles auf den ersten feurf gludt, _abe. es drängen sich ihnen sogleich sinnlich blutvolle Gestalten ihrer Einbildungskraft auf, mit denen ste sich immer mehr besreiinden, bis diese zu ihrem „zweiten Ich" werden. Bellstab hat uns den dämonischen Ludwig De orten t so im inneren Zwiegespräch mit einem neuen »Seelen- bruber" einer neuen Rolle, geschildert. Ueberall, in der Kneipe und auf der Straße zog er das Buchaus der Tasche und redete auf diesen verrückten Kerl", der fein eigen werden sollte mit allen Fibern und Fasern, wie auf einen leibhaftigen Kumpanen, ein. Und bald ging dann mit chni selbst eine merkwürdige Wandlung vor; Haltung, Gebärden, Sprachton erhielten eine völlig andere, charakteristische Prägung: er ahmte den .tollen Burschen", den er vor feinem geistigen Auge sah, nach, und so redete er, wühlte er sich in die Rolle hinein. „ , Bei großen Schauspielern, deren Grundtalent ein Drang zum Nachahmen ist kann man diese Art bes Schaffens immer wieder beobachten: tu „hmen ihre inneren Gesichte fo lange nach, bis sie in den Körper dieses imaginären Wesens hineingeschlüpft sind. NochstarkerUebt^ bas in« tuitive Element in Künstlern, die schon bei der Lektüre des Werks E dem RaUIck des Schaffens überwältigt werden. Von der Charlotte Wolter erzählt man uns, in welch wilde Erregung sie beim ersten Studium der Rolle geriet. „Sie springt auf, fie beginnt ?.P,?ren' ^ fielen Die Handlung zieht an ihrer Seele vorüber; ihre Gebärden verraten, bah fie alles durchlebt. Sie leidet unter biefer Qual des Fuhlens, bes Äusdrückenmüssens. Tränen rollen über ihre Wangen, aber noch ickeint sie sich nicht im Mittelpunkt der Handlung zu fühlen. Da plotz- N sprühen und blitzen die Augen, die Gebärden werden befehl^, drohend- jetzt zuckt sie auf, der Körper krampft sich i^formnen, her Mund öffnet sich, und qualvoll langsam entringt sich markerschütternder Schrei ihrer Brust — bann sinkt sie ermattet und laut Muchzend aufs Sofa Lange weint sie und heftig, bis die Krise vorüber ist. Aber den innerften Gefühlsgehalt der Rolle hat sie sich nun für rmmer erobert. Es folgt nur noch die verstandesmäßige Ausgestaltung und Durch- Noch^momentaner war bas Erfassen der Grundstimmung bei Mittel-wurzer. „Ich versenke mich mit aller Sammlung in die darzustellende Dichtung", erklärte er. „Wirkt sie überhaupt aus mich em, so befällt mich oft ein eigener Zustand, in dem ich die Gestalten, die ich tzarstellen möchte, leibhaft, greifbar, in allen ihren beschriebenen und nicht beschriebenen Lebensformen nicht vor mir sehe, sondern i n mir. Was ich sein soll und wie ich es sein soll, das steht eigentlich mit einem Schlage vor meiner Seele." Solche Künstler haben dann jähe Visionen, fa denen plötzlich eine Gestalt völlig fertig vor ihnen auftaucht. Witter- w u r z e r sah den Mephisto, dessen Bild sich ihm nie vorher klar gezeigt, als triumphierend stolzen Fürsten der Höll«, während er auf einer amerikanischen Gastspieltournee in Milwaukee zu Mittag aß; die Schroe- der-Devrient den Romeo in aller heldenhaften Anmut, als sie nach der ersten Aufführung erschöpft und zitternd auf dem Sofa lag. Es gibt Künstler, die den stärksten Impuls des Schaffens auf den Proben empfangen, in der anregenden Bühnenatmosphäre. So hat Kainz manche Idee aus den zufälligen Situationen der Probe geschöpft. Ueberhaupt spielt die äußere Umwelt, die Kulissenluft, spielen Kostüm und Publikum eine große Rolle im Schaffen des Schauspielers. Seydelmann fühlte sich haltlos ohne seine raffiniert ausgeklügelte Maske, und Matkowsky konnte nur ganz Held sein in Stulpenstiefeln, mit dem Schwert in der Hand. Die Requisiten sind ein beseelendes, der Applaus ein anfeuerndes Moment. „Freilich ist alles nur Plunder und Kram", meinte die Schroeder-Devrient von den Kulissen, „aber das Zeug muß zu dem werden, was ich will. Es muß vergeistigt werden, bis es wirklich lebt." Von der ganzen Umwelt geht eine suggestive Wirkung aus, deren der Schauspieler bedarf, um sich völlig einzufühlen in die Seel« seiner Rolle. Aus dem Phänomen der Hypnos« hat man dann überhaupt das Rätsel der schauspielerischen „Transfiguration" erklärt. Max Marter st eig führte in einem interessanten Buch die wundersam« Verwandlungsfähigkeit, die dem großen Schauspieler eigen ist, auf eine Art Selbsthypnose zurück, wobei der Künstler unter dem Eindruck einer ästhetischen Suggestion sein Jchgefühl ausgibt und ganz in dem Geist und Wesen seiner Roll« ausgeht. Die Schilderungen mancher Künstler, so Mitterwurzers, oder der Düse, lassen auf einen solchen Zustand schließen. Von Fleck wird berichtet, er habe bei seinem Spiel nicht selten einem Nachtwandler geglichen. Christine Hebbel schilderte ihrem Gatten ihre Empfindungen als Lady Macbeth: „Mir war während des ganzen Stückes, als wenn ich die Augen nicht austun könnte"; von Ludwig De- ört ent sagt E. T. A. Hoffmann, „in ihm sei ein höherer Geist erwacht, gestaltet wie die Person der Rolle, und dies«, nicht er, habe dann weiter gespielt, wiewohl von dem Ich, dessen Bewußtsein ihm nie entging, beobachtet und gezügelt." Es ist also eine sehr komplizierte Mischung von Bewußtem und Unbewußtem, von hypnotischen Zwangsvorstellungen und reflektierenden Gedankengängen, die im Schauspieler während des Schaffens wirksam sein mutz. Nur so lassen sich auch die gegensätzlichen Antworten erklären, die immer wieder auf die Fragen gegeben worden sind: Soll der Schauspieler über der Dichtung oder in ihr stehen, muß er die Leidenschaften des Wesens, das er darstelli, mitfühlen ober nicht? Im wesentlichen werden diese Fragen durch die Scheidung von vornehmlich reflektierenden und visionären Schauspielern schon beantwortet. Bei Künstlern, in deren Schaffen die Gedankenarbeit überwiegt, wird gar leicht ein Ueberlegenheitsgefllhl über den Dramatiker sich geltend machen; die andern werden sich mehr dem Werk unterordnen. Dieses völlige Aufgehen im Geist der Dichtung ist nun bald als notwendig für den genialen Mimen, bald als seiner unwürdig bezeichnet worden. Riccoboni, dem auch Lessing zustimmt, erklärt es für ein Unding, daß der Komödiant, der genau wisse, daß alles nur Schein sei, wirkliche Empfindungen Hobe. Sainte-Albine hält eine „glückliche Raserei" für unerläßliche Bedingung: ein Schauspieler, der nicht selbst gerührt sei, könne nicht rühren. Diderot hat in seinem berühmten „Paradox über die Schauspieler" jetNH „fühlenden Mimen" einen Stümper genannt. Dem gegenüber wird uns aber von manchen der größten Schauspieler erzählt, daß sie ganz von den Empfindungen ihrer Rolle ergriffen waren. Wandelte Fleck am Morgen eines Tages, an dem er abends den Lear ober Macbeth spielte, durch die Straßen Berlins, dann lag etwas so imponierend Majestätisches in seiner Haltung, daß sich die Leute zuflüsterten: „Der Fleck ist schon König vom Kopf bis zur Zeh." Nach dem Spiel war der sonst sanfte, gutmütige Mann 'häufig noch so in seiner Raserei, daß er sich zu Gewalttätigkeiten hinreißen ließ. Ludwig Devrieni konnte öfters den Lear nicht zu Ende spielen, weil das unnennbare Weh, das ihn dabei zerwühlt«, feine Brust zu sprengen droht«. Caroline Bauer berichtet, daß er beim Todeskampf auf der Bühne wirklich in Ohnmacht fiel, und mühsam zum Leben erweckt, verwundert sagte: „Ich dachte doch, ich sei gestorben." Der große Schauspieler mutz jedenfalls über ein besonders sicher und entschieden arbeitendes „Schaltwerk der Gedanken" verfügen. Wie in jeder Kunst, so müssen auch in seinem Schaffen die Sphären des Bewußten und Unvewußten sich in einem glücklichen Gleichgewicht befinden. Phantasie und Verstand eine harmonische Vermählung eingehen und jene wundersame „Traumklarheit", erzeugen, aus der allein das Schöne und das Große geboren wird. Dreht sich die Erde? Von Professor Dr. Paul Kirchberger. (Nachdruck verboten.) Jeder alte Lehrer weiß, daß er seinen Schülern keinen schlimmeren Streich spielen kann, als wenn er sie mit einer ganz leichten, schon seit Jahren erledigten, aber im Augenblick ganz unerwarteten Frage überfällt. Dabei zeigt es sich gewöhnlich, daß von allen menschlichen Fähigkeiten das Vergessen die ist, die am meisten und gründlichsten ausgeübt wird. Ein« Zuschrift, die die Frage behandelt, ob sich die Erde dreht, zeigt mir nun — was ich freilich auch schon vorher wußte —, daß Erwachsene in dieser Hinsicht vor unseren Schülern wenig oder gar nichts voraus haben, und ich bitte es mir aus diesem Grunde nicht allzusehr • zu verübeln, wenn ich im folgenden auf cm sich wohlbekannte Dinge eingehe, die vielleicht doch dem einen oder anderen Leser etwas Neues bringen und vielen Altbekanntes, aber Vergessenes wieder lebendig machen werden. f Zu den Dingen, die wir uns alle langst an den Schuhsohlen abgelaufen haben, .gehört in erster Linie das Kopernikanische System und ! namentlich seine Behauptung von der Drehung der Erde um ihr«' eigen« Achs«. Wie kommt es, daß wir nichts von ihr merken, und wie kann man sie trotzdem so sicher zeigen, daß auch der Zweifler von ihr überzeugt wird? Was die erste Frage anlangt, warum wir von der Drehung der Erd« nichts merken, so brauchen wir uns nicht so übermäßig zu schämen, wenn wir die Antwort darauf nicht gleich bereit haben. Erschien es doch vielen Jahrhunderten, die an tiefgründigen Denkern, Naturforschern, Mathematikern, ja sogar Astronomen keineswegs arm waren, als durch, aus selbstverständlich, daß auf der Erde ein allgemeines Durcheinander herrschen müßte, wenn sie wirklich eine so schnelle Bewegung ausführte, wie sie die Umdrehung eines so großen Körpers in 24 Stunden er» forderlich machen würde. Dazumal wurde es den Leuten recht schwer, einzusehen, daß alle Körper der Erde diese Bewegung mitmachen und sie auch beibehalten, wenn sie nicht mehr in unmittelbarem Zusammenhang mit ihr stehen, so daß also jemand, der beispielsweise einen Freudensprung in die Luft macht, nicht zu fürchten braucht, von der sich mit der Erde mitdrehenden Zimmerwand erfaßt und bei dieser Gelegenheit des Zusammenhalts seiner Teile beraubt zu werden. Er hat sich auch während feines Sprunges genau so wie die Zimmerwände und genau so, wie di« im Zimmer befindliche Luft nach Osten weiterbewegt. Das Beispiel des Kunstreiters, der auf seinem Gaul vorwärtsstürmend mit Pällen und anderen Gegenständen genau so sicher herumjongliert wie auf der Erde, zeigt uns ja aufs deutlichste diese Beibehaltung aller Bewegungen. So dürfen wir beispielsweise auch nicht erwarten, daß, wenn wir von einem Hohen Turm einen Stein fallen lassen, er unterwegs di« Drehung der Erde nicht mitrnache und deshalb hinter ihr zurückblieb«. Das zeigt uns ja auch schon eine kleine Zahlenüberlegung. Von einem auch nur 20 Meter hohen Turm braucht ein Stein zum Fallen 2 Sekunden, und in dieser Zeit legt die Erde am Aequaior einen Weg von über 900 Meter zurück, in unseren Breiten immerhin noch über 500 Meter, und man kann sich demnach vorstellen, wie alle Fall- und Wurf- beroegungen aussehen würden, wenn fallende oder geworfene Gegenständ« an der Bewegung der Erde keinen Teil mehr hätten. Am einfachsten schließen wir auf -die Drehung der Erde aus astronomischen Gründen. Daß sich der Himmel um die Erde dreht, sehen wir ja — viele haben freilich diese Bewegung nur bei der Sonne, nicht bei den übrigen Sternen gesehen, aber diese haben genau so eine tägliche Bewegung wie die Sonne —, und wir haben also nur die Wahl, eine wirkliche Bewegung des ungeheuren Sternhimmels um die Erde oder eine Drehung der Erde um ihre Achse, die uns jene vortäuscht, anzunehmen. ; Kann -man nun auch die Drehung der Erde ganz unmittelbar hanb- | greiflich machen? Das ist in der Tat möglich, wenn wir bedenken, daß i diese Bewegung nicht überall gleich schnell fein kann, sondern nm so j schneller sein muh, je weiter sich der bewegte Punkt von der Drehachse ] entfernt befindet, ähnlich wie etwa bei einem Karussel, wo das nahe der \ Achse gehende Pferd ganz langsam im Schritt geht, während die äußeren Teile des Drehkörpers eine sehr schnelle Bewegung zeigen. Denken wir uns nun auf der Erde einen hohen Turm, so mutz seine Spitze offenbar infolge der Erddrehung eine schnellere Bewegung beschreiben als jein Fuß. Da Gegenstände, die man von der Spitze fallen läßt, diese schneller« Bewegung beibehalten, so müssen sie beim Fall der sich drehenden Erde sozusaaen vorauseilen, also, da sich jeder Punkt der Erde nach Osten bewegt, etwas östlich von dem senkrecht unter dem Ausgangspunkt der Bewegung liegenden Punkt niederfallen. Nun darf man natürlich nicht glauben, es genüge, auf irgendeinen Turm zu steigen und den ersten besten Stein, der einem gerade zur Hand ist, herunterfallen zu lassen. Das würde mich etwas an die Versuche erinnern, durch die der große schwedische Dichter August Strinbberg di« Krümmung der Erde festzustellen suchte, und von denen sein Freund Schleich — im übrigen ein hervorragender Arzt von großen Ver- dienstm — berichtet. Die beiden legten sich nämlich zu nachtschlasener Zeit in der Friedrichstraße zu Berlin, die sie ihrer Länge, ihrer nordsüdlichen Richtung und guten Asphaltierung wegen für besonders geeignet hielten, auf bie Erde, um deren Krümmung zu untersuchen, und ijätten wohl noch lange ihren bahnbrechenden Beobachtungen obgelegen, wenn nicht ein Berliner Schutzmann sehr wenig Sinn für diese unbefugte Verkehrsstörung gehabt und deshalb die weitere Forschertätigkeit fchnöderweis« lahmgelegt hätte. Selbstverständlich ist bei allen solchen Versuchen größte Vorsicht am Platze. Bei den Fallversuchen mutz natürlich jede seitliche Richtung de» Fallkörpers aufs peinlichste ausgeschlossen werden. Am besten gelingt die» etwa, wenn man eine Eisenkugel wählt, die von eiern Elektromagneten gehalten rot ob. Wird der den Magnet speisend« Strom unterbrochen, s» fällt die Kugel. Man kann auch den Fallkörper an einem Faden aufhängen und diesen unter besonderen Vorsichtsmaßregeln abbrennen. Aber selbst bei größter Vorsicht wird es nie gelingen, durch einen einzige» Versuch ein sicheres Ergebnis zu erhalten. Allerlei zufällig« Strömungen in der Luft, auch sonstig« Fehler, werden immer das Ergebnis trüben; man kann sich hiervor nur auf eine Weise schützen, nämlich, indem man eine möglichst große Zahl von Versuchm anstellt und bann von allen Ergebnissen den Durchschnitt nimmt. So ergeben sehr sorgfältige Versuche, daß der Fallkörper in einzelnen Fällen sogar nach Westen statt nach Dften ab gelenkt wurde, und nur btt i Durchschnitt aus zahlreichen Versuchen zeigt bie erwartete Ablenkung nach ; Osten. Die Sicherheit, daß es sich bei diesem Durchschnitt nicht um einen 5 Zufall handelt, erhält man dadurch, daß man Versuche in verschiedentt Höhe anstellt, wobei es sich zeigt, daß mit der Höhe die Ablenkung nach Osten im Durchschnitt — wenn auch nicht gerade für den einzelnen Fall — genau in der berechneten Weise zunimmt. So ist denn die Drehung der Erde um ihr« Achse durch Versuche sichergestellt und wenn -der Leser sich hiervon überzeugt hat, so mag tt bie Gründe, die ihn hierzu führten, getrost wieder vergessen. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Dniversitäls-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Giehen.