Eichener ZamWenbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang $927 Samstag, den 28. August " ' Kummer 66 Sommer. Von B. Kohfahl-Münter. Blau der Himmel und irgendwo schwimmt ein Wölklein sommerselig — Sonnentrunken geht mein Fuß den schmalen Pfad durch Aehrenfelder. Zärtlich fühlen meine Hände, die ich nusgebreitet streichen lasse, über all dies Wogen — Zittern — Beben —, fühlen sie dies heiße Leben, dieses fruchtbetad'ne Beugen bei dem kleinsten Windeshauch. Flammend leuchtet Mohn dazwischen, brennt wie wilder Sinnentaumel, lacht ein ganz betörend Lachen »om Vergessen und vom Traumen. Da -..... ein wildes Grollen schreckt mich! Ach — mein sommerselig Wölkchen ist zur schwarzen Drohung angewachsen. Blitze schrecken schon zur Erde nieder, bannen mich durch Furcht zu Boden Und im Donnern und im Blitzen höre ich ein Sensenklirren durch die tiefgebeugten Halme, höre ich den leisen Tritt dessen, der da irgendwo lauert — hinter einem großen Steine — in dem Schatten eines Baumes in dem Weben eines Traumes — hinter einem kleinen Wölklein — irgendwo — unentrinnbar. EDi Stevsns. Novelle von Alfred B o ck. I. Er war einer der Letzten, die der Pfarrer einsegnete. Unter brausenden Orgelklängen drängte die festtägliche Menge aus der Kirche. Er stand wie betäubt und vermeinte die Hand des Geistlichen noch zu verspüren, die auf seinem Haupte geruht. Der Pfarrer hatte es feierlich ausgesprochen, er war jetzt in die Gemeinde erwachsener Christen ausgenommen. Gewiß eine ernste Mahnung, künftig den alten Advokaten Kollevmann nicht mehr an den Rockschößen zu zupfen, wenn er abends pustend und hustend aus dem Wirtshaus kam, und im Herbst bei Nachbar Hufschmidts keine Mirabellen mehr zu mausen, überhauvt hübsch daheim zu bleiben, wenn die bösen Buben kamen, ihn zu allerhand dummen Streichen zu verlocken. Mit der Schule war's jetzt vorbei. Er wußte noch gar nicht, was der Vater mit ihm vorhatte. Aber arbeiten wollte er, wenn's darauf ankäme, für zwei. Er war ein gesunder, starker Bursche. Wenn er im Hofe Kleinholz machte, daß ihm der Schweiß von der Stirne tropfte, sagte die Mutter ganz glücklich: „Siehst du, Edi, es ist gut, wenn einer viel Grütze im Kopf hat. Mer mit ein paar derben Fäusten kommt man vorweg durch die alte und durch dis neue Welt." Er trat hinaus auf den Kirchenplatz, wo ihn die Eltern erwarteten. Die Meisterin humpelte gleich nach Haufe mit ihren gichtbrüchigen Beinen. Meister Stevens aber sagte: „Die Mutter kocht uns jetzt was Gutes auf den Mittag. Derweil wollen wir noch einen Gang vor die Stadt machen. Komm, Edi!" Sie schlugen den nächsten Weg ein, der sie ins Freie führte und wandten sich über weitgsdchntes Wiesengelände schreitend dem Stadtwald 5u. Links und rechts vom glänzenden Kiespfad schoß das Gras in lungen Trieben empor. Dazwischen steckten die ersten Frühlingsboten, Rltterfporn, Sturmhut und Hahnenfuß, neugierig die Köpfchen heraus. Fernab stiegen aus dem feuchteir Grunde weiße Nebelwölkchen himmelwärts. Und die Sonne übergoß sie mit einem Strahlenmeer, daß sie wie flammende Schiffchen dahinzogen und erst in beträchtlicher Höhe m tausend Funken versprühten. Ofterherrlichkeit! Und Osterfreud« zog . n ~ i Mut in den Adern. Blitzschnell schoß er in den Laden hinunter und packte den Lotterbuben mit eisernen Fäusten. „Paul, was tust du? Du sollst dich schämen. Du stiehlst! Der (Ertappte machte sich mühsam los und schrie todblaß mit heiserer Stimme: „Du lügst!" . , . „ . „ „No wart' nur, ich fag’s deinem Vater, |amte er heimkommt. „Ich bitt' dich, Stevens," heulte Paul plötzlich, „tu s nicht. Du machst mich kaputt!" (Fortsetzung folgt.) Charles de Coster. Zu seinem hundertsten Geburtstag. Von Dr. Friedrich Spreen. Es ist das Zeichen jeder großen Dichtung, daß sie nicht nur in ihre Seit wirkt! ja, echte Poesie, die stets voller Zukunft ist, ward häufig von den Mitlebenden des Schöpfers nicht verstanden, kaum beachtet, um st pater desto strahlender am Himmel der Kunst emporzusteigen. Em Beispiel dafür ist de Costers Schicksal, und das Schicksal seines Lebenswerks des Ul en spiegel". Als diese unsterbliche „Bibel des belgischen Volkes erschien da wurde sie von den wenigen Kennern, die den kostbaren germanischen Gehalt in dieser französischen Form als einen Leckerbissen genossen, begeistert begrüßt, aber die Vlamen, deren Wesen hier so unvergleichlich gemalt ist, störte die romanische Form, ine dm Romanen wieder unfranzösisch erschien. So drang das Werk nicht durch und sein ck starb 1879 arm und einsam mit feen stolzen Worten: „Ich bin von denen, die zu warten wissm." Erst als die von ihm ausgeroorfene ©oat aujgmg und reiche Frucht trug, als eine starke, eigne belgische und besonders v mische Kunst erstand in den Eckhout und Lemonrmer, ^ero haeren und Maeterlinck, den Meunier .und Minne mo Maris, fea erinnerte man sich des Vaters und Begründers dieser 3e%n Deutschland erzählte von dem in München Geborenen noch vor zwanzig Jahren kein Konversationslexikon, und als dann ' . linck -U eb ersetze r, Friedrich von Oppeln - Vroniekowsro und Albert Wessel ski, gleichzeitig jeder 1909 eine .Uebersetzung^s „Ulenspiegel" ankündigten, schrieb das „Literarische Echo : „Das bechuckte Deutschland, das fast ein halbes Jahrhundert nichts von TUchtmig de Costers wußte, erhält jetzt diesen „Eulenspiegel gleich in doppelter Ge statt itnfe kann nun wie Buridans Esel schwanken, welchen es sich soll. Das Publikum für derartige Werke ist aber Nicht S^otz llonug, batz zwei Uebersetzer und zwei Verleger auf ihre Kosten kommen I mnr aber doch groß genug. Ulenspiegel mit feinem dicken Kumpanen ßamme Goedzak, dieser Emische Don Quichote mit feinem unvergang- . lieben Sanolo Pansa, feierte eine fröhliche Urständ in deutschen Landen; V bald wurden auch -die andern Werke de Costers übersetzt; von dem deutschen Widerhall aufgerüttelt, besann sich Belgien auf -seine nationalste Dich- tung, die nun dort zum Volksbuch wurde, und im Kriege wuchs dieses urviämische Werk trotz seines französischen Gewandes dem germanischen Geist noch mehr ans Herz. Dann kam die Zeit der Luxusausgaben, da man seine Dichtungen nicht kostbar genug -herausbringen konnte, und gekrönt wurden diese Bemühungen durch die kongeniale Verdeutschung Karl Wolfskehls, deren monumentale Veröffentlichung durch Franz Mase- reels Holzschnitte eine großartige Uebertrag-ung ins Bildhafte erfahrt. Den vor hundert Jahren Geborenen-, vor fast fünfzig Jahren kaum beachtet Gestorbenen feiert Belgien als feinen Nationaldichter, Deutschland i_ als stammverwandtes Genie und die Welt als einen Meister der Welt- ; sttevatur, der seine im Heimatboden wurzelnden Gestalten zu Sinnbildern «Egomeinen Menschentums aufwachsen ließ. , öe Coster wurde am 20. August 1827 in München als Sohn eines Bel- i giers geboren, der dort Intendant bei dem päpstlichen Nuntius, Grafen von Argenteau, Erzbischof von Tyrus, war. Der Sechsjährige kam ! In die Heimat, nach Brüssel, zurück und lernte bald das starke und gesunde Volkstum der Warnen kennen. In einer Zeit, in der Belgien noch keine eigene Literatur hatte, in der es sich in völliger Abhängigkeit von Paris befand, -vertiefte er sich in die alten Chroniken, die alten Lieder, Sitten imb Bräuche, in die Volksbücher, aus denen ihm die Gestalt des niederdeutschen Eulenspiegels, des tiefsinnigen Schalksnarren, ent-gegenleuchtete, und -fein Studium führte ihn zugleich auf die größte Zeit der vlämischen Geschichte, auf den heÄenhaften Freiheitskampf der Moderlande gegen die ; romanischen Unterdrücker, auf jene Epoche, die ihm, dem Kenner deutscher ! Literatur, auch in Schillers Geschichtswerk und Goethes „Sgmont" | entgegentraten. Reben dem „Faust" und dem „Wallenstein" haben diese beiden Schöpfungen im „Ulenspiegel" ihre Spuren hinterlassen. FünszÄhn Jahre lang hat -de Coster in Mirftigen Verhältnissen mit diesem Stoff gerungen. Das Vlämische als Sprache lag -dem französisch Erzogenen fern; aber das glatte und überfeinerte Kulturidiom der Pariser, hi dem man um ihn sprach und schrieb, paßte nicht zu der urwüchsigen Derb- J hoir und ungefügen Wucht des Volkscharakters, den er ausdrücken wollte, 'i ’ So schuf er sich denn aus dem Erleben -der alten französischen Sprachdenk- i mäler, des Roman be Renarü, Rabelais', Montaignes u. a. ein Französisch, von dem Wolfskehl sehr richtig sagt: „Es beruht aus einem durchaus germanischen Sprachgefühl; die innere, fast unbewußte Grundlage ist bei ihm 'das Vlämische." Als Vorstudien dieses Hauptwerkes er- i Menen -die „Vlämischen Legenden", die den Volkston beraum demswert festhalten und in einzelnen Geschichten, -wie etwa der Geschichte vom Besuch des Jesuskindlein in der Schmiede unb der von den Vollmondsbrüdern, eine auch im „Ulenspiegel" nicht erreichte Zartheit und Innigkeit des Gefühls atmen, aber im Ganzen doch nicht entfernt an die Gestaltungskraft des Hauptwerkes heranreichen. Eine große Liebe erschütterte damals die Grundfesten seiner Natur und verlieh der im Entstehen begriffenen Dichtung die leidenschaftliche Glut und Größe; sie lebt fort in den hinreißenden „Briefen an i_ Eliza", die zu den ergreifendsten ßte6esbetenntniffen der Weltliteratur gehören. Nach der Tragik dieser jäh abbrechenden Herzensgeschichte gab ihm dann das Geschick den stillen Frieden einer glücklichen Ehe, die ihm tue Muße für die Ausarbeitung des „Ulenfpi-ogel" gewährte. In seinem lyrisch-feinen und liebenswürdigen Roman „Die Hochzeitsreise" •.. zeigt er sich als warmherziger Lobredner der Ehe, schildert aber in starken Farben als den Teufel, der ht diesem Paradies lauert — die Schwiegermutter. Alle diese Dichtungen — auch die reizvollen „Brabanter Geschichten" — sind nur Nebenwerke, reichen nicht an -den „Ulenspiegel", dieses „Gedicht einer Rasse", -heran. De Coster, dessen Stärke die Komposition nicht war, wie die .Hochzeitsreise" beweist, tat hier einen kühnen und glücklichen Griff, indem er den volkstümlichen Helden bäuerischen Humors in einen historischen Rahmen stellte. Die groben Späße undSchalke- reien schwirren aber nur noch wie Irrlichter durch dies Buch, in dem die ganze Geschichte, -das ganze Kämpfen unb Leiden eines Volkes, üppigste Lust und grausigste Not, dargestellt find. „Alles, was das Herz von der rauhen Schönheit Flanderns behält", hat der geistesverwandte Ver - h a e r e n schön gesagt, „alles, was -der Geist an Stolz einsa-mmelt, wenn er die Geschichte dieses Bandes liest, alles, was des täglichen Lebens Mühsal dem Traum von den Toten der Vergangenheit an Rührung und Zauber verleiht, alles, was sich in der Seele an Klarheit, Sanftmut, Güte und Tapferkeit birgt, das hat Charles de Coster in feine Dichtung ein= ; , geschloffen. Dies Buch von Ulenspiegel ist der Dichter selbst, und der Dichter ist ein ganzes Volk. Er ist das Land, das sich gegen Philipp II. von Spanien aufbäumt, wie es sich aufgebäumt -hat gegen das ganze hundertjährige Heer der Unterdrücker; es ist der Frohsinn unserer Bürger des 16. Jahrhunderts, es ist -der stille Glaube und Aberglaube dek Bauern .* „ unserer Ebene, es ist die ungestüme und lautere Liebe unserer Jünglinge, die reine, tiefe und starke Zärtlichkeit unserer Märchen. Das Buch von Ulenspiegel, geschrieben in einem altertümlichen Französisch, ist das erste, in dem sich unser Land wiederfindet. Ein tief im Boden der Heimat raurzelnder Mann hat es geschrieben und gezeichnet; es ist mehr als ein Bild: es ist ein Spiegel." „Alles ist Sinnbild in diesem großen Buch unseres Volkes", erklärte Camille Semonnier, der erste, der ihn erkannte unb ihm die Grabrede hielt. Flanderns guter Geist ist in dem durch furchtbares Leib gereiften, zur Rache an den Feinden aufgestachelten, nie den Mut, nie das Lachen verlierenden Ulenspiegel verkörpert; ihm steht in Lamme Goedzak die ur= '» wüchsige Gesundheit, Sinnlichkeit und Kraft des Volkes zur Seite. Stele, des Helden zarte Geliebte, ist „Flanderns Herz". Aber -das Lehrhaft-Allegorische der frühesten Arbeiten de Costers ist hier überwunden, im Feuer einer heißen Liebe zu Vaterland und Volk zu reiner Gestalt verklärt und geläutert. Wild lodern Haß und Grausamkeit, Wahn und Raserei in diesem wilden Jahrhundert; die Spanier und die Geistlichen sind mit einer fanatischen Ungerechtigkeit recht aus dem Geist der Zeit geschildert, und die Orgien der leichtlebigen Masse haben etwa» von der grotesken Unfläterei des Brueghel, doch auch von seiner genialen Beobachtungsgabe atmen des Rubens animalische Inbrunst. Aber über dem Ganzen schwebt der Duft der Poesie, ein Glanz, den de Coster einma-l mit den Worten gefordert: „Der Poet mischt in die Brutalitäten des Lebens das zarte Gefühl, das auch im Fleisch noch den Abglanz -des Göttlichen sieht." Der Glaube an die Menfckcheit, an das Weib, an das Leben, an die Heimat triumphiert in -diesem Hymnus, der den Untertitel führt: „Ein fröhliches Buch trotz Tod und Tränen!" Eilende Füße im Dschungel. Von Hanna I e ch n e r - R h i e m. Die liebe alte gelbe Postkutsche ist bei uns fast aus gestorben. Unb obwohl sie nicht mehr ins Tempo der Zeit paßt, blicken wir ost mit lacheln- -dem Sehnen in die sonnige Landschaft, benfenb, wie idyllisch und bieder- meierisch doch eine solche Schwindsche Postkutsche aussehen würde, wenn sie unten durchs Tal kröche. Aber darin sitzen! — das ist eine andere Sache, da doch der westliche Mensch immer Eile hat und nicht schnell genug Zeit- und Raum spann en durchrasen kann. Daran -dachte ich, als ich in einer brütend heißen Nacht voll feltfamen Geflüsters im Reifehaus im kleinen Staat Vijyanagra-m faß. Mitten im Dschungel. Heute früh im Ochsenwagen angekommen, war ich vom braunen Koch, der ebenso demütig dienstb-e-flisfen.wie dreckig war, mit zahllosen tiefen Verneigungen und Sal-aams begrüßt worden und nach meinen Wünschen befragt wurde. „Bad, M-e-m Sahib?" Das wissen sie schon aus eigener Erfahrung, daß das bei -den Reiseunterbrechungen das allererste Bedürfnis ist. Während ich in dem köstlichen, aus tiefem Brunnenschacht geschöpften Naß wohlig plätscherte, hörte ich draußen in dem sonnendurch- glühten sandigen Hof das ängstliche Kreischen und Flattern der mageren Hühner, die ihr Leben lassen mußten, um mir ein stark mit rotem Pfeffer und — Ameisen gewürztes Frühstück zu verschaffen. (Ohne Ameisen- mischung kocht -der „Khansama" im Reise-Hous grundsätzlich nicht!) Mein Ochsenwagen stand im Schatten -des Hauses, während die beiden starken schönen weißen Rennochsen sch-ra-anzwedelnd unb wiederkäuend im Palmern dickicht lagen. Der unvermeidliche „Pankaku-li" hatte mir -den Tag hindurch mit lässigem Scbwin-gen des großen Fächers Kühlung verschafft, und jetzt in -der Nacht erwartete ich den Kameraden, der mir entgegenkommen wollte, um mich auf der letzten Endstrecke durch das -dickste Dschungelgebiet zu begleiten. . Schweigend und träumend saß ich. 'Heber mir schwangen in leuchtendem Bogen die herrlichen Sterne der tropischen Konstellationen, leuchtend und funkelnd wie Riesenpupillen. Die Leute saßen singend und schwatzend um ihr Kohlenfeuer unter den Palmen. Ringsumher -das Kreischen der fliegenden Füchse, unb von fernher bas unheimliche beredte Schweigen der flüsternden Wildnis, in der Tausende von Augen funkeln, Tausende von gierigen Krallen und Zähnen im Kampf ums Dasein in blutdürstiger Freßlust sich regen. Kein zu benennender Laut, aber die ganze Atmosphäre erfüllt von dem heißpul-senden Nachtleben -des Dschungels. Da . . . jetzt: Kling . . . tingting . . . Kling . . . tingting, in kurzem, rhythmischem Silberklang — nach wenigen Minuten -das Stapfen eilender Füße, noch ein paar Sekunden der keuchende Atem eines Menschen. Da taucht er auf, -die hagere, schweißtriefende Gestalt des „Dapali", des Postläufers, nackt bis auf einen von einem Gurt gehaltenen Fetzen von Leniden- tuch Aber der Gurt ist sein kostbarstes Besitztum, denn prangt nicht vorn das Monte Messingschilb, -das seinen Namen und Nummer und das geheiligte Runenzeichen der Post Hindostans trägt? Das ihn zu einem Würdenträger des allmächtigen „Sarkar" macht, der Regierung, etwas für ihn Unbegreifliches, aber sicher der Schatten einer großen Macht, die Über ihm waltet wie die Macht der Götter. Zu den „unbesungenen Helden" gehören sicherlich diese armen, unwissenden Dschuna-elleute, die seit Generationen den Post-dienst des Riesen- reiches Indien in'aUen seinen Teilen vermitteln. — Geduldig seid ihr, mit Märtyrerblut in den Adern, ihr Armseligen und doch Großen, die ihr beim Höllenfeuer der Tropensonne, bei der Eiseskälte der schneibenden Himalayawinde, bei reißenden Ueberschwemmungen der Titanenströme weite Ebenen durchrennt, eure hageren Deine in schnellstem Laus schwingend, nicht um Rekorde zu gewinnen oder Ehre und Gold zu erlangen, um zu glänzen vor der Menge, sondern nur um kärglichen Lebensunterhalt. Aber euren schweren Postsack,' aus dem Kopf balanciert, ober übtr den Nacken geschlungen, betrachtet ihr als unverletzliches, anuertrautes Gut. Durch Tigerschluchten und ausgetrocknete Flußbetten geht euer Lauf, einen Pfad bahnend, wo keiner -ist, und Höhen ertlimmenb, mit zäher Geschicklichkeit wie die Bergziege. , Ehe Eisenbahnen und Autos Indien aus {einem JahrMufende alten Schlaf rissen, lieft ihr schon — überall sieht man eure Zickzackwege, belebt von den schnellen, fliehenden Füßen. Der Stab mit dem eintönigen, l-ieb- licben Klang der Glöckchen und Ringe läßt die Eilboten als Bringer froher Nachrichten erscheinen, als Bindeglied zwischen dem pulsenden Leben der Außenwelt und dem schweigenben, oft finsteren, oft lachenden, aber immer geheimnisvollen Leben der Wildnis. Wie oft haben wir gesessen in tödlicher Langeweile, in quälender Erwartung, in sehnendem Heimweh, und das „Kling . . . tingting" eurer Glöckchen, von fernher an unser Ohr dringend, brachte Befreiung, Erlösung. Aber nicht nur verkündet das rhythmische klingende Ausstößen des Stabes schon von weitem die Ankunft -des Ersehnten — es hilft ihm selbst, den Weg freizumachen für seine Bahn. Langsam schleichende Ochsenkarren, hochmütig dreinschauenbe, dahersch-wank-enbe Kamelkarawanen, lässig wandernde Büffel- und Rinderherden weichen so hurtig, wie es ihr Phlegma gestattet, aus bem Wege. Selbst der königliche Elefant mit seiner Last ober mit feiner kostbaren Hauda, in der Fürsten Ober Jäger reifen, — unb er, als der intelligenteste wohl am schnellsten — läßt dem „Tapali" freie Bahn. Stumm, schwer atmend, jagt der dahin. Kein Fakir an der Wegseite, kein Wanderer, kein Bewohner der kleinen Lehmdörfer wagt es, außer dem segnenden Zuruf „Ram, Ram", ihn anzusprechen. Durch plaudernde und rauchende Gruppen, durch das enge Gewirr geschäftiger Basare trägt > ihn unaufhaltsam sein fliehender Fuß. dem Kriege den Gedanken an einen regelmäßigen Luftverkehr faßten und unverrückt festhielten, zu einer Zeit, wo dieser Gedanke noch allgemein belächelt wurde. Auch die erste gelungene Ozeanüberquerung gab ihm Veranlassung, sofort auf die Möglichkeit eines regelmäßigen transozeanischen Verkehrs, als in naher Zukunft liegend, hinzuweisen. Das Junkerschs Ganzmetallflugzeug hat nun nicht nur den Baustoff, sondern auch die Form des Flugzeuges entscheidend beeinflußt. Die Der» Wendung des Metalls führte nämlich dazu, daß man der Verkleidung, der sogen. Außenhaut, außer der fricheren Rolls, die darin bestand, das Gewicht in der Luft schwebend zu erhalten, noch eine neue zuteilte; man lud ihr dis ganze Last einer Tragkanstruktion auf, die früher übliche Verstrebung verschwand, es entstand die selbsttragende Außenhaut. Damit änderte sich auch das Aussehen, das reizvolle Spiel der Tragflächen und Verstrebungen, das früher den Anblick eines Flugzeuges so lieblich gemacht hatte, verschwand. Die Erkenntnis hat. sich Bahn gebrochen, daß der voll« Flügel einen viel geringeren Luftwiderstand findet, während Verstre-bmr- gen geeignet sind,' ihn zu erhöhen. Immerhin gibt es auch heute noch Bauarten älteren Stils, mit der Zeit dürsten sie aber immer seltener werden, denn sie können es mit der neueren in punkto Wirtschaftlichkeit nicht aufnehmen. Das neue Flugzeug sieht viel wuchtiger und gedrungener aus, man merkt, daß der Gedanke der Zweckmäßigkeit es bHerrfcht. Es gibt sogar Bauarten, bei denen der Gedanke von Junkers ganz und gar M Ende gedacht worden ist, so daß das Flugzeug nur noch aus Flügeln besteht, der Rumpf ist, als widerftandserhöhend, beseitigt worden. Motoren, Ballast und Fahrgäste werden dann in den Flügeln untergebracht. Jedoch ist diese Bauart noch längst nicht allgemein geworden. Em wenig im Zusammenhang damit steht eine der ältesten Streitfragen des Luftfahrwesens, die nämlich, ob der Eindecker oder der Doppeldecker den Vorzug verdiene. Es ist interessant zu bemerken, daß Junkers sein Leben lang konsequent nur Eindecker gebaut hat. Im Anfang« der Flugtechnik kannte man eigentlich nichts anderes. Dann aber kamen die Brüder Wright mit ihrem erfolgreichen Doppeldecker und beherrschte damit lange Feit den Flugzeugbau. Man glaubte zeitweilig, er biet« gegenüber dem Eindecker die größere Sicherheit oder Tragfähigkeit. Das ist natürlich ein Irrtum, man bedenke nur, daß die glänzenden Leistungen unserer Kampfflieger im Kriege durchgängig auf Eindeckern erzielt worden sind. Heute neigt man wieder dazu, dem Eindecker einen gewissen Vorsprung einzuräumen, für sehr große Belastungen nimmt man ihn besonders gern. Das ist allerdings sozusagen ein« deutsche Spezialität. In Frankreich, England, Amerika findet man noch heute überwiegend Doppeldecker. Wahrscheinlich würde ein objektives Urteil so lauten, daß beide Bauarten bei zweckmäßiger Ausgestaltung annähernd Gleichwertiges leisten können, nur ist der eine Konstrukteur besonders spezialisiert auf Eindecker, der andere auf Doppeldecker: daher leisten diese Flugzeuge in zulegen vermag. Bei der nun wohl bald kommenden regelmäßigen . Überquerung ist die Notwendigkeit von selbst gegeben. Die deutsche Flugzeugindustrie hat solche Riesen der Luft in besonderer Vollendung ent- wickelt und in den Verkehr gebracht. An sich stellt der Bau eines derartigen Riesenflugzeuges an den Konstrukteur geringere Anforderungen als der eines kleineren, die Bedingungen für erfolgreiches Fliegen werden leichter und nicht schwerer mit wachsender Größe. Die oben berührte Streitfrage, ob man den Rumpf wegfallen lassen soll oder nicht, verliert hier z^B. von ihrer Bedeutung, weil der Rumpf bei solcher Größe zum Luftwiderstand nur äußerst wenig beiträgt. Die Motoren wird man dabei immer aus dem Rumpf entfernen und in di« Flügel verlegen, was für die Fahrgäste eine große Annehmlichkeit ist, weil sie nicht tagelang das Geknatter der Motoren aus nächster Nähe anhören müssen. Die gewaltige Motorleistung, die ein derartiges Flugzeug braucht, wird man in mehreren kleineren Motoren erzeugen, um für den Fall des Versagens eines Motors gewappnet zu sein. Manche Konstrukteure gelangen auf diese Weise bis zu 10 Motoren. Das ist immerhin übertrieben, so weit kann man sich schon auf die hochentwickelte Motorenindustrie verlassen, um nicht diese großen Mehrkosten an Bedienung, Schmierung usw. auf sich zu nehmen. Die Gesamtleistung der Motoren eines solchen Flugzeuges beträgt meist bis zu 1500 PS. Das ist etwa die Leistung einer Schnellzugslokomotive. Zum Schluffe mag noch eines zwar nicht aktuellen, aber immerhin sehr interessanten Problems gedacht werden, das gelegentlich bisfutiert tctro und vielleicht eines Tages nach einer Lösung verlangt, das ist das Fliegen tn der sog. Stratosphäre. Dies ist jene Schicht der Atmosphäre, die m eto» 10 bis 12 Kilometer Höhe über der Erdoberfläche liegt, und in der die -up schon ganz außerordentlich dünn ist. Ein Flugzeug, das sich dort schweveno erhalten will, muh dazu eine Geschwindigkeit von mindestens oou » stündlich haben, was sich aber auch wegen der Dünne der Lust erzreren läßt. Gelingt es, die zahlreichen Probleme, die damit verknüpft ims, zu lösen, so könnte die Reisegeschwindigkeit gegenüber dem jetzigen öui-nnw noch verdreifacht werden, also könnte man in etwas mehr als 24 von London nach Neuyork und zurück kommen. Die Stratosphäre gut nmy ganz frei von Stürmen und ähnlichen erschwerenden Erscheinungen, so oe« sie einen sehr sicheren Flugverkehr ermöglicht. Vielleicht wird me vrage aus diesem Grunde sehr schnell akut, und man kann gespannt ftm, w welcher Werse sie dann gelöst werden wird. Wahrscheinlich ist die Boran setzung ein vollkommen luftdicht abgeschlossenes Flugzeug, wozu die wans- metallbauart von Junkers als besonders geeignet erscheint._ Die Schlangen winden sich in eiligstem Laus m das Dickicht. Cme lohende Fackel schlingt der Tapali in der Linken, wenn er in die finsteren, unheimlichen Regionen der großen Raubttere gerät. Wehrlos ist er, nur auf die Schnelligkeit seiner Füße trauend. Wenn nicht durch vorherige Er- fahrimq des wollüstigen Bluileckens dreist geworden, drücken sich die ge- ährlichen Katzen grollend in das hohe, steife Dschungelgras, sich schaudernd vor dem grellen Schein verkriechend. Aber auch das Gegenteil tritt em. — Nicht unwürdig unserer menschlichen Tränen bist du, oh brauner Tapali, wenn du im Tode noch mit deinem zerfleischten Leibe deinen kostbaren Postsack deckend, als Opfer dieser Bestien fällst, oder wenn du, mit letztem fliegendem Atem dich anstrengend, das Ziel zu erreichen, ehe das schleichende Gift dos Schlangenzahnes deinen Körper völlig durchdrungen hat, fühlst, es ist vorbei, und mit letztem Schmerzensseufzer kurz vor der Statte erhoffter Steilung tot zusammenbrichst. Ehr dir, Bewiinderung und Mitleid, armer brauner Bruder, Unbekannter, Ungenannter! Kling. . . tingting . . .! Mit letztem schlucksendem Seufzer wirft sich der „Tapali" bei dem Kochfeuer auf die Erde — und schon heben die Hände des "Nachfolgers ihm die kostbare Bürde vom Rücken. Gespannt und S'trafst steht er nur eine Sekunde, bietet den Abschiedsgruß und ver- windet mit fliegenden Schritten und monotonem Kling . . . tingting im rätselhaften' Dunkel, seinerseits dem gegebenen Ziel zustrebend. Jeder Läufer hat bis zu zwei Kilometer Strecke zu laufen, und das zwei- bis dreimal am Tage. Seltsam, daß im Lande der Unpünktlichkeit, der Zeitlosigkeit dieser Eifer der Pflichttreue gesiegt hat. Bis auf die Sekunde muß die Zeit iiinegeholten werden — nachher Träumen und Säumen! Ein langes Leben ist dem Tapali nicht beschert, Herz und Lunge halten nicht, aus, 15 Jahre find die äußerste vorgeschriebene Dienstzeit. Sonderbar aber, wie dieser arme Geplagte inbrünstig und treu sein Werk liebt! Es gibt viele Fälle, wo sie slchendlich bitten, doch noch länger „laufen" zu dürfen. In den Sielen gestorben zu sein, ist ihr ersehnter Nachruhm. Hier und da in den kleinen Dörfchen lebt der „pensionierte" Postläufer mit einem Ruhegehalt von 8 Rupien, etwa 10 Mark monatlich, ein beschauliches und heiteres Leben auf feinem Stückchen mageren ßanbes, das er mit Hilfe der Frau ober Schwiegertochter ober mit zwei dürren Büffelkühen bearbeitet, zufrieden, wenn er sein kärgliches Täglichbrot hat: Getreide, Milch und Früchte. Gern erzählt er dir, wenn du unterwegs in feiner Hütte einkehrst, von den Gefahren, Abenteuern und glorreichen Daten seiner selbst und seiner Borväter bis ins dritte und viert« Glied. Er verfehlt nicht, mit Stolz zu berichten, daß sein ältester Sohn nun feine Bürde, seinen Stab und das ehrenvoll« Messingschild übernommen hat. Merkwürdig, jetzt hört man oft, daß Postzüge, Postautos überfallen und beraubt werden. Als der demütige Tapali allein noch der Bote des großen Reiches war, war das unbekannt. Er stand unterm Schutz der heiligen Götter. Kein Landsmann würde sich an ihm vergriffen haben . . . Ist es auch ein Zeichen westlicher Zivilisation und ihrer Segnungen,, daß erst kürzlich — und wohl zum erstenmal in den Annalen des indischen Postdienstes — ein Postläufer mit einer kostbaren Last von Wertbriefen durch Knüvpelschläg« bewußtlos gemacht und beraubt wurde? Wie lange ivird's bauern, bann hat die nivellierende Wirkung westlicher Technik durch Eisenbahnen, Telegraphen, Autos und Flugzeuge den Tapali überflüssig gemacht. Di« in der Fron des Dienstes Stehenden, mit der Hetzpeitsche stets Gejagten, die Ungebutbigen werden es nicht bedauern, wenn diese rührende und doch so bebeutjnme, fast möchte man sagen, romantische Gestalt aus dem Bilde Indiens verschwindet. Und' wie manche von uns der verflossenen Postkutsche einen heimlichen Seufzer nachsenden, weil mit ihr ein Teil der Beschaulichkeit des Lebens geschwunden ist, so ist cs auch in dem Lande der Beschaulichkeit selbst. Di« Gestalt des „Tapali" wird allen Indern und denen, die Indien lieben, unvergeßlich bleiben. Die des deutschen Verkehrsflugzeugs. Von Dipl.-Jng. Dr. Arthur Hamm. Di« Weltrekordleistung der beiden Junkers-Flieger Risticz und Englert hat die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf das deutsche Flugwesen und insbesondere auf den Schöpfer jenes Rekorbslugzeuges Professor Hugo Junkers gelenkt. Junkers, der die höchsten technischen und wissenscKftlichen Ehrungen, die Deutschland zu vergeben hat, auf seinem Haupte vereinigt, hat durch originelle und kühne Gedanken im Flugzeugbau gradezu Revolution gemacht. Wer sich noch an die Zustände im Flugzeugbau vor dem Kriege erinnert, wird wissen, daß damals fein Name kaum genannt wurde, und doch hat eines seiner wichtigsten Patente, das im Jahre 1910 erteilt wurde, die ganze Entwicklungslinie der Flug- technik bestimmend beherrscht. Junkers sprach in jenem Patente den Grundgedanken aus, daß alles darauf ankomme, ine Bewsgungswiber- stände, bi« das Flugzeug in der Lust fände, soweit als möglich zu verkleinern. In ganz konsequenter Fortsetzung dieses Gedankens kam er denn dazu, womit er am meisten im Flugzeugbau bahnbrechend wirkte, das Flugzeug vollständig aus Metall aufzubauen, und zwar nicht immer nur aus Leichtmetall, vor allem Aluminium und seinen Legierungen, sondern teilweise auch aus Schwermetall. Galten früher Holz, Leinwand und allenfalls in sparsamer Verwendung Aluminium als die einzig möglichen Baustoffe für Flugzeuge, so geigte Junkers, daß ein Flugzeug aus Wellblech ausgezeichnet fliegen kann, wenn es nur sonst richtig gebaut ist. Disfes Vorgehen hat Schule gemacht, so daß heute Metall der vorherrschende Baustoff für Flugzeuge ist. Selbst Eisen und Stahl spielen hier schon eine große Rolle, namentlich Spezialstahle, die besonders großen Anforderungen genügen müssen, wie sie vor allem Krupp in reicher Auswahl herstellt. Früher waren lediglich die Verspannungsbrähte oder vielmehr Drahtseile aus einem außerordentlich hochwertigen Spezialstahl her- gestellt. Ueberigens gehört auch Junkers zu den wenigen, die gleich nach ihren Händen besonders Gutes. Di« heutige Entwicklung des Luftverkehrs hat dazu geführt, daß früher wochenlang dauernde Reisen jetzt in wenigen Tagen ausgeführt werden können; besonders die Langstreckenflüge haben große wirtfchastlick)e Be- beutung. Eine Reise von Berlin nach Peking ober von London nach Kapstadt statt wie früher in zwei bis drei Wochen in ebensoviel Tagen machen zu können, kann namentlich für die Führer der Wirtschaft bedeutungsvoll sein, also für diejenigen Leute, die auch am ehesten die hohen Kosten solcher Reisen bezahlen können. Für derartige Strecken kommt nun ausschließlich ein Riesenflugzeug in Betracht, also ein solches, das nicht nur eine große Anzahl Fahrgäste befördern, sondern auch so große Mengen Betriebs- stoffe mitnehmen tonn, daß es jene Strecken ohne Zwischenlandung zurück- »ufpoen Derrnaa. Bei der nun wohl bald kommenden regelmäßigen Ozean- Derantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steinüruckerei, A. Lange, Gießen.