GietzeimZaniilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M? Samstag, den ^9. Nosemsrr ~~ Rümmer 92 Die toten Freunde. Bon Eonrad Ferdi,mnd M eye r. Das Boot "stößt ab von der, Leuchten des Sieftabs. Durch rollende Wellen dreht sich der Schwung des Rads. Schwarz qualmt des Rohres Bauch ... Heut" hab' ich schlecht, Das heißt mit lauter jungem BM gezecht. — Du, der gestürzt ist mit zerschossener Stirn, Und du, verschwunden aus einer Gletschersirn, Und du, verlodert Wie schwüler Blitzesschein, Meine toten Freunde, saget, gedenkt ihr mein? Wogen Aschen um Bug und Räderschlag, Dazwischen jubelt.ein dumpfes Zechgekog. In den Fluten braust ein sturmgedämpfter (?■ Becher läuten aus tiefer Nacht empor. Totensonntag. Bon Max G c i f e nheyner. Äser sind 'fie, metne Toten? Ich habe ihrer lange Jahre nicht gedacht dis auf diese Stunde, da ich im alten Elternhause in dem atten Kalender blättere. Sch lehne mich in den Schreibsesse! zurück, und während die Messinglampe summt und singt, stehen sie auf ans den Gräbern der Erinnerung und wandeln durch meine Gedanken. Blaugraue, braune und leuchtend blaue Augen schauen mich an, als hätte sie der große -Ballender nie mit seinen Eisfingern geschlossen. Ich sehe sie die Straße heraufkommen, meine Toten, mit Bewegungen der Anne und des Kopfes, nur ihnen eigentümlich, höre ihre Schritte, wie so tausendmal an der Haustür und auf der Treppe. Und aus einmal gucken sie zur Tür herein! Lächeln, nicken und verschwinden. Als wollten fie nicht stören ... Ihre Gesichter waren nicht die, da Krankheit sie verzerrte, und der Tod ihre Züge verschob. Nein, so rote sie an mein innerstes Herz gepocht, mit Worten, die ihr Wesen enthüllten, mit Handlungen, die Worte überflüssig machten. Ich habe ihrer nie gedacht wie am heutigen Tage. So eindringlich und versenkt in sie. An der Wand vor mir hängen zwei Bilder, mild migestrahlt vov der Lampe. Es ist, als wäre ein Vorhang von ihnen fortgezoqen.- Auf dem Jugendbildnis des Vaters blitzt die Uniform um die Wette mit den Hellen offenen Augen. Die dichten, schwarzen Locken, .machen mir widerwillig dem militärischen Scheitel Platz. Von weit draußen, jenseits des großen Wassers stammt das Bild. Darüber das Porträt des Fünfzigjährigen, des Vaters von Kindern, die alle ihren eigenen Kopf hatten, die ihre Wege gehen wallten und mutzten, die ihm im Unverstand der Jugend Strenge und Erbitterung aus- Sngen, die ihni den Traum störten, oder während der ersten Schul- e die Weisheit der Welt von ihn, sorderten. Ein dichtes Netz tiefer und feiner Falten hat die Sarge ihm übers Gesicht geworfen. Die Stirn ist bedruckter, ernster, der Scheitel gelichtet Die Kleidung peinlich einfach. Nur die Augen sind immer noch wie Sonnen, umgeben von hundert Strahlenrinnen. Ich sehe ihn vor mir sitzen, den breiten, trinkfesten Seemann, im gemütlichen Lehnstuhl zu festlicher Stunde. Schmimzelud höre ich ihn, während die Zigarre zwischen den Lippen quirlt und wippt, von gefährlichen Stürmen, aufregenden Jagden und witzigen Begebenheiten erzählen, Wahrheit und Dichtung mischen, mit lustig zwinkernden Augen. Vorbei. Der Regen, der an die Fenster prasselt, wie Krallen verirrter Vogel, rauscht auch auf fein Grab, das einsam in der steriilost» Nacht siegt, wie der Tote in feinem Schoß. Wieder höre ich Schritte ... Das ist ein Erzählen und Lachen auf der Treppe, ein Pusten und Fauchen von jemandem, der zehn Pakete ichleppt und weiß, daß gute und köstliche Dinge darin find; an der Tür ein Küssen und Bewillkommnen, ein erwartungsvolles Pochen an Schachteln und Körben. Die Tante ist es, die eigentlich gar keine war, und von der wir Kinder nur den Vornamen wußten. Und ich sehe sie im Hause yerumhantieren, überall helfen und immer bereit, freundlich zuzureden und zu entschuldigen ... wenn fie dann des Nachmittags in der Ecke om Fenster vor dem Nähtisch faß und flickte und bastelte, hatten wir nicht das Gefühl, als müßte die Radel heiß werden in ihren Fingern? Und wie fie bann, als ihr letztes Stündlein gekommen, klein, einqe- 'chrumpft, mit geschloffenen Augen aus ihrem Bette lag und ohne Strumpf ohne Flicken flickte und ohne Lappen ab wusch, immer die Hände m Tätigkeit, wie in gesunden Tagen. Ja, wie habe ich das nur vergessen tonnen? Irgendwo hat Mutter Erde ihren kühlen, samtnen Mantel"über t ®r?.n Krankheit zerstörten armen Leib gelegt. Die Erinnerung an sie jroer flicht aus Bild um Bild eine Vlumsukette, die zurückreicht bis in die kNiheste schönste Jugend. Q .nich die anderen, die in des Knaben, des Jünglings titib Des Mannes '-eben traten und dann plötzlich nicht mehr waren, als der HeiMgekshrte an alten Stätten ulte Gesichter suchte und fremde, gleichgültige fand» Horch! Im Nebenzimmer spricht ein Kind im Schlafe. Es klingt wie Lachen, wie .em kurzes Jauchzen. Die Tür steht ein wenig auf. Ruhla brennt das Kerzenlicht auf dem Nachttisch. Auf Zehen schleicht die SRutttt herein- O, ich kenne iljren bedeutsamen Schritt. Ich sehe durch den Spa«, wie fie sich über das Bett beugt. h in Wiegenlied, das Lied des Lebens, summt durch Ne Stube und wahrem, der Sang wie gedämpfter Geigenttäng schwillt und ebbt, lausche ich meinen Spien nach, wie sie wieder weit, weit fortziehen in dir große Weit der Stille. Vvp Hans F r a n 6. Taten während des Weltkrieges und tm zu erhalten." der ENkt-Wichaels-Kupolle der Kathedrale zu SeMerbwni Beat Mtremem kunstvoll geschmiedeten Betpult ein dickes Buck aus P-rgameich dwNmnen cher «521 Angehörigen des Kent-Regimentes aujg^ zeichnet stehen. Jne tm Weltkriege gefallen sind. Das Buch beginnt mit üen einfachen Soldaten, deren Namen soviel auf den einzelnen Seiten ueremigt wurden, als bei künstlerischer Anordnung hrmmsgingen, und Ichheßr mit zwei Generalen, von denen jeder eine gesonderte ©e& zua«. rotefen erhielt. Morgen für Morgen betritt ein ' Soldat des Seilt- Regimemes die Kapelle und, nachdem er auf der Schwelle vor dem Buck er bos aufgeschlagene Blatt um. Der Grund z» Ne er militargchen Handlung ist folgender: Der Künstler, welcher da» kostbare schriMNerk in vielmonatiger Arbeit verfertigte, bat daruni. Daß täglich eme Seite des geöffneten Buches umgewendei 'werden möge, öamtt Pergament eine gleichmäßige Tönung behalte. Diese im Jnteresft der Schönheit notwendige Prozedur gab nun dem Komman- 'ictt^egrmemes Ablaß, aus ihr einen regelmäßigen Ehren- v h?" BUr Soldaten von tadelloser Führung vollziehen dur^n. Benn Verlassen der Kaserne erhalten die durch den Befehl zur Büittweirdung Ausgezeichneten allmorgendlich einen Komman-dostab mit durch dessen Borzeigung sie sich bei dem Sakrfftan der «ankt-Michaels-Kiipelle legitimieren müften. Der Sim, dieses Ehren- «Mftes aber ist, im Kmi-Regimente die Erinnerung an Deffen nihmvolle ferne <>521 Gefallenen lebeudix so stand es m zahlreichen Zeitungen, und die es lasen, priesen mit iuuteu, mit leisen, unt ergriffenen, mit gewohnheitsmäßigen Worten die Anordnung des Kent-Regiment-Kommandeurs als ebenso simiooll wie zweckmäßig. Von .Sen verwirreicksu, die Ausrichtung seines Befehis ge- fahWensen Zrogchenfall aber, der m den ersten Monaten dieses militari- W®1. Erimierungskultes in der Lcmkt-MiüMels-Kopelle der Kathedrale zu Canterbury sich ereignete, stand in den Zeitungen nichts. Am Morgen des 20. Oktober 1919 nämlich kniete vor dem peraa- mentensii Buch mit den fechstausendfimshundertimdeinzwmizig Namen eme armlrch geile,bete, -etroa sechzigjährige Frau. Sie war am Tag zuvor von chreni Wohnort Wye gen Canterbury gepilgert. Der säuerliche sakkifian hakle der Zugerch'teii das Gitter, welches die Sankt-Michaels, .stupelle von dem jedermann zugänglichen Kirchenraum abtvemtt, nicht auf. Mießen wallen. Aber ein nngewötMlich hohes Trinkgeld machte ihn gefügig. Die Schwarzgekleidete begab sich in den Gedenkraum. Der Rot- bemäntelte guig in seine Wohnung zurück. Mit schweren Sdiritien schieppie bie Frau sich zu dem kostbaren Buch mit den fechstaufendfunkhmidertund- einundzwanzig Namen. Bekreuzigte sich. Kniete -nieder. Neigte das .Haupt. Betete. Lange. Sehr lange — Schließlich hob die Frau aber doch -as Gesicht, sah das Buch an und begann, mit zitternden Fingern seine Wiitter mmzuwenden. Dort, wo Ne .vielen Namen dichtgedrängt Verzeichnet stehen. Die Frau las — mit — Mmnen wm Namen, las — batbtont die Buchstaben zufammerr- suchend — seiie für Sette. Plötzlich schluchzte fie aus. lind wandte nun nicht mehr um. Mitten auf der Leite stand in der Tat, was man ihr m dem Brief zugesichert hatte, den sie vom Kenl-Reglmen: vor einigen Monaten erhielt. Die Hände der Frau falteten sich von neuem. Fielen aus das Luch. Auf -fernen unteren Rand. Dorthin, wo aus künstlerischen Gründen kein Name mehr steht. Ihr Herz schrie, ihre Lippen murmelten, -hro Augen weinten: „Ralph Mulvam), geboren am 3V. Juli 1889 zu Wye, Bezirk Canterburys gefallen am 20. Oktober 1914 bei Langemarck in Belgieri." Immer aufs neue: „Ralph Mulvavy —" bis zum „— 1914 bei Langemarck in Belgien." Ohne Aushören: „— geboren — gefallen — geboren — gefallen —" Einige Minuten vor acht Nhr 4mt der Abgesandte des Kent-Regimentes mit dem silberköpfigen Erkemumgsstab bei dem SakiHtan ein, a«n den Schlüssel zur -Sankt-Michnsls-Kapelle zu holen. Da erst erinnerte der Frühstückende sich, daß er die zugereiste Frau, welche ihm trotz ihrer kümmerlichen Kleidung ein erkleckliches TrinkgM aushLndigte, völlig vAMfien hatte. Der Sakrkstan bedeutete dem Soldaten, daß die Kapelle ein nordisches Gegen- deutschen „Faust" ge- iat Ibsen Aases Tod. Von Henrik Ibsen. In seinem „Peer G y n t" stück >md märchenhastes Widerspiel zum . . . schassen; in Peer, dem verlorenen Sohn der alten Aase, dem verlorenen Geliebten der treuen Solveig, — in Peer, dem Phantasten, dem Träumer, Abenteurer, Weltfahrer und späten Heimkehrer spiegelt sich vielfältig die verschlossene Seele jenes ganzen Volkes, dessen größter und einsamster Bekenner der Dichter Henrik Ibsen gewesen ist. Peer, der rastlos von Abenteuer zu Abenteuer, von Erlebnis zu Erlebnis mit verblendeten Sinnen durch die Welt getrieben wird, ganz erfüllt von der unstillbaren Sehnsucht, eine heimliche Krone zu finden, muß wiederkehrend als müder Greis vor der Hütte Solveigs, die all die Jahre auf ihn gewartet hat, erschüttert erkennen: „Eine, di« gedacht — und einer, der vergessen! Eine, die entsagt — und einer, der vermessen! 0 Grauen! — Und niemals wand'l ich's um! O Gott —hier war mein Kaisertum! Sie Geliebte findet er zu spät ... zur Mutter kehrt er eben noch rechtzeitig heim, die Alte mit leichten, kindlichen Händen in den Tod zu geleiten. Diese Szene, die den dritten Akt im Schauspiel beschließt, durch Griegs Musik berühmt und fast volkstümlich geworden, gehört zum Innigsten und Feinsten, was Ibsen je geschrieben hat, und zu den unvergänglichen, dichterischen Verklärungen des Todes in der Weltliteratur. geöffnet wäre. Er möge, wenn das Blatt umgewendet sei, das Guter abschließen, den Schlüsse!, der bei der Frühsäuberung versehentlich stecken blieb, abziehen und mitbringen. Der Soldat sagte es zu. Den Evinnerungsdienst hatte an diesem Morgen em baumlanger, braver Kerl, der von früher her mit der Sache umzugehen wußte. Denn chm widerfuhr bereits zum drittenmal die Auszeichnung der Blatt- wenimng, die von den Gemeinen des Kent-Regimentes nicht nur der Ehre wegen begehrt wurde. Der zu ihr Abkommandierte hatte nämlich, nach Meldung der ordnunggemüßen Ausführung des Befehls beim Kommandeur, desselben Teiges dienstfrei. Der Soldat begab sich also mit der Ueberzeugung, daß die Verrichtung in der Kathedrale nach einigen Minuten beendet sei und er vor Ablauf einer Stunde in die Stadt schlendern werde, zur Dankt-Michaels-Kapelle. Aber diesmal salutierte er nicht, wie die beiden ersten Male, aus der Schwelle des Gedenkraumes. Vor dem aufgeschlagenen Buch präsentieren!, so lautete leine Dienstanweisung. Vor dem gekrümmten Rücken einer knienden Frau? — das ging gegen den Befehl. Der Soldat blieb also mit geschultertem Gewehr am Eingang der Sankt-Mick-aels-Kapelle stehen. Räusperte sich. Hustete. Machte mehrfach: „Sstst — Sfsssstl" Trat mit dem rechten Fuß auf. Stampfte mit beiden Beinen. Aber die kniende Frau rührte kein Glied. Ähre gefalteten Hände lagen am Rand einer der oollb «schrieb enen Seiten des Erinnerungsbuches. Ihr Herz schrie, was in der Mitte dieser Seite zu lesen war: „Ralph Mulvany, geboren am 30. Juli 1889 zu Wye, Bezirk Canterbury; gefallen am 20. Oktober 1914 bei Langomarck in Belgien." Der Soldat lehnte sein Gewehr neben der Tür an die Innenseite des Kapellengitters mid trat vor die kniende Frau hin. Die sah ihn nicht. Der Soldat rief die Kniende halblaut an. Sie blickte verständnislos auf. Der Soldat machte mit dem Kopf zur offenen Tür hin nicht mißzuverstehende Bewegungen. Die Frau schüttelte verneinend ihr schmerzumwolktes Haupt. Der Soldat bedeutete ihr: Er müsse das Buch auf dem Betpult um- wenden. Eine Seite weiter. Solange hätte sie die Sankt-Michaels-Kapelle zu verlassen. Nachher könne sie von neuem vor dem Betpult niederknien. Könne den ganzen Tag lang beten. Wenn es dann noch nicht „genug gebetet sei, seinetwegen auch die ganze Nacht lang. Bis zum nächsten Morgen acht Uhr, wenn wieder das Buch eine Seite weiter gewendet werden müsse. Heut habe er den Befehl dazu erhalten. Vernünftig sein imd solange — zwei, drei Minuten nur! — die Sankt-Michaels-Kapelle (Abend. Aases Stube. Im Kamin brennt Feuer. Ein Kater sitzt auf einem Stuhl am Fußende des Beites. Aase liegt im Bett, unruhig auf der Decke tastend.) Aase: Er läßt sich noch immer nicht blicken, Und der Weg ist doch nicht weit, Ich habe keinen zu schicken, Und es drängt, es drängt die Zeit. So bald — was ich wähnte noch ferne — Und die Brust wird mir so eng — Auch quält's mich — ich müßt' es gerne — Erzog ich vielleicht ihn zu streng? Peer Gynt (kommt): Guten Abend! Aase: Kommst du endlich, Mein Junge, gelobt sei Gott! Sie spielten auf dir schändlich; O teuflisches Komplott! Peer Gynt: Das soll mich wenig gramen. Ich kam nur, nach dir zu sehn. Aase: Ja, da mag sich Kari schämen; Und ich kann in Frieden gehn. PeerGynt: Du gehn? Wohin dich wenden? Wer war's, der dir's gebot? Aase: O Peer, es will sich enden. Das ist, das ist — der Tod. Peer Gynt (schüttelt sich und geht auf und ab): Ich ging mit den wilden Tieren; Hier, Mutter, wähnt' ich mich frei. — Doch du zitterst, du scheinst zu frieren —? Aase: Ja, Peer, bald ist es vorbei. Wenn meine Augen gebrochen, So drücke mir sanft sie zu, Und bette die alten Knochen In den Sarg zu langer Ruh'. Doch lass' ihn auch hübsch mir malen; Nur freilich — PeerGynt: O mach mich nicht weich. A a s e: Es fehlt wohl zum Bezahlen Am Besten. — (Indem sie sich unruhig in der Stube umsieht.) Was nehmen wir gleich? ., , t Peer Gynt (hart): Ich we,ß, ich hab es verschuldet, — Was gemahnst du mich daran? Aase: Nein, schlimm, daß ich es geduldet, Da das Schlemmen und Sausen begann. Du warst ja betrunken, Junge! Wer tut da, was er soll? So kam's zu dem Renntiersprunge — Natürlich! Du warst toll! Peer Gynt: Du meinst das wilde Gebaren Am (Senken und all das Tun; Wir wollen die Sache uns sparen, Bis morgen mag sie ruhn. (Er setzt sich auf die Kante des Bettes.) Laß, Mutter, uns ohne Zaudern Erwägen, was sich schickt, Und recht gemütlich plaudern, Vergessend, was uns drückt. — Ei, seht doch, der alte Kater, Ich glaubt' ihn schon lange tot? verlassen. , I „Um—wenden?", rief die Frau. Hob ihre gefalteten Hande himmelan. I Ließ sie gelobend niederfallen. Mitten auf die nach mühsamem Suchen von ihr gefundene Seite. Dorthin, wo geschrieben stand: „Ralph Mul- 1 nant), geboren am 30. Juli 1889 zu Wye, Bezirk Canterbury; gefallen I am 20. Oktober 1914 zu Langomarck in Belgien." Da die stumme Antwort der knienden Frau keine Mißdeutung zu- I ließ, packt« der Soldat sie beim Arm und zerrte -die mit allen Kräften I Widerstrebende aus der Scmkt-Michaels-Kapelle. Dann verrichtete er I seinen Dienst. Nicht völlig nach der Vorschrift. Weil die Turmuhr schon I geschlagen harte, ging er nicht auf die Schwelle zurück, um $u prüfen« I fieren. Er begab sich vielmehr unvermittelt zu dem Gedenkbuch mit den I lechstausendfünshundertundeinundzwanzig Namen. Wandte die weit reichen, -als ein Mundkoch des Herrn nötig hat, und zu-m Küchenjungen bist bu zu gut." Bei diesen Worten nahm ihn der Aufscher des Palastes bei der Hand nnb führte ihn in die Gemächer des Oberküchsmneistörs. „Gnädiger Herr," sprach dort her Zwerg und verbeugte fich 'so tief, daß er mit der Nase den Fußteppich berührte, ,Krauchet Ihr keinen geschickten Koch?" Der Oberküchenmeister betrachtete ihn vorn Kopf bis zu den Füßen, brach dann in lautes Lachen aus und 'Mach: „Wie?" rief er, „du ein Koch? Meinst bu, unsere Herbe seien so niete ixt, bah du nur auf einen bmaufschauen kannst, wenn du dich auch -auf die Zehen stellst unb den Kopf recht aus ben Schultern Herausarbeitsst? O, lieber Kleiner! Wer dich zu mir geschickt hat, um dich als Koch zu Verdingen, der hat dich zum Narren gehabt." So sprach der Merküchemnelster und lachte weiblich, mit ihm lachte der Aufseher des 'Pamsties üNd M« ©jener, die im Zimmer waren. Der Zwerg aber ließ sich nicht aus ter Fassung bringen. „Was liegt M einem Ei oder zweien, an ein wenig Sirup und Wein, an Mehl und Gewürze in einem Haufe, wo man dessen genüg hat?" sprach er. „Gebet mir irgendeine leckerhafte Speise zu bereiten auf, schasset mir, was ich dazu brauche,-rmd sie soll vor Euren Augen schnell bereitet sein, und Ihr sollet sagen müssen: er ist ein Koch nach Regel und Recht." Solche unb ähnliche Reden führte der Kleine, und es war wunderlich anzu- schauen, wie es dabei aus seinen °kleinen Aeuglein hervotblitzte, wie seine lange Nase sich hin und her schlangelte und seine dünnen Spinnenfinger seine Rede begleiteten. „Wohlan!" rief der 'Küchenmoister und nahm den Aufseher des Palastes unter dem Avme. „Wohlan, es fei um des Spaßes willen, lasset uns zur Küche gehen'" Sie gingen durch mehrere Säle und Gänge und tarnen endlich in öi «Küche. Es war dies ein großes, weitläufiges Gebäude, herrlich eingerichtet-, auf zwanzig Herden brannten beständig Feuer, ein klares Wasser, das zugleich gtmt Fischbshätter diente, floß mitten durch sie, in Schränken von Marmor und köstlichem Holz waren die Vorrats aufgestellt, die Man immer zur Hand haben mußte, irrtb zur Rechten uüd Linken waren zähn Säle, In wälchen alles aufgespeichert war, was man in allen Bändern von Frmckistan unb selbst im Morgenlande Köstliches und Leckeres für Den (Snmnen erfunden. Küchen- bedienten aller Art liefen umher und rasselten und hantieren mit Kesseln unb Pfannen, mit Gabeln und Schaumlöffeln; als aber der Oberküchsn- meister in die Küche eintrat, blisbsn sie Äle -regüngslos stehen, unb nur das Feuer hörte man noch knistern und das BäHlein rieseln. „Was hat der Herr- heut« zum Frühstück befohlen?" fragte der Meister ben ersten Frühstückmacher, einen alten Koch. „Herr, die dänische Suppe hat.er geruht zu befehlen und rote Hamburger Klößchen." „Gut," sprach der Küchenmeister weiter, „hast bu gehört, was der Herr speisen will? Getraust du dich, diese schwierigen Speisen zu bereiten? Die Klößchen bringst du auf keinen Fall heraus, .das ist ein Ge- heimnis." „Nichts leichter als Vies," erwiderte zu allgemeinem Erstaunen der Zwerg; denn er hatte diese Speisen als Eichhörckcheu vst gemacht; „nichts leichter! Mau gebe mir zu der Suppe die und die Kräuter, Vies und jenes Gewürz, Fett vdn einem aJilben Schwein, Wurzeln unb Eier; zu ben Klößchen aber," sprach er leiser, daß es nur der Küchenmeister und der Frühstückmacher hören konnten, „zu deck Klößchen brauche ich viererlei Fleisch, etwas Wein, Entenschmalz, Ingwer und ein gewisses Kraut, das man Magentroft Heißt." ,F)a! Bei St. Benedikt')! Bei welchem.Zauberer haft du gelernt?" rief der Koch Mit Staunen. „Wes bis auf ein Haar hat er gesagt, und das Kräutlein Wagenkroft haben wir selbst nicht gewußt; ja, das muß es noch angenehmer machen. O du Wunder von einem Koch!" „Das hätte ich nicht gedacht", sagte der Vbekküchenmeister. ».Doch lassen wir ihn bis Probe machen! Gebt ihm die Sachen, die et verlangt. Geschirr und alles, imv lasset sihn das Ftuystück bereiten!" *) St. Benedikt, um 480 in Nursia bei Sstoteto gekwoen, 21. März 04L- testteben, durch das von ihm ZW gegründete Kloster Monte Cajsino der Slister des MenedMickerörtecks. Man tat, wie er befohlen, und rüstete alles auf dem Herde zu; aber da fand es sich, daß der Zwerg kaum mit der Nase bis an den Herb reichen konnte. Man setzte daher.ein paar Stühle zusammen, legte eine Marmorplatte darüber unb lud den kleinen Wundermann ein, sein Kunst- stück zu beginnen. In einem großen Kreist ftartten die Köche, Küchen- jungen. Diener unb allerlei Volk umher und sahen zu und staunten, wie ihm alles so flink und fertig non bei Hand ging, wie er alles so reinlich und niedlich bereitete. Als er mit der Zubereitung fertig war, befahl er, beide Schusseln ans Feuer zu setzen und,genau so lange lochen zu lassen, bis er rufen werde; dann fing er an zu zählen, eins, zwei,' drei und so fort, und gerade als er Fünfhundert gezählt hatte, rief er: „Halt!" Di« Töpfe rourben weggesetzt, und der Kleine lud den Küchenmeister ein, zu kosten. Der Mundkoch ließ sich von etaem Küchenjungen einen goldenen Lössel reichen, spült« ihn im Bach und überreichte ihn dem Oberküchen» meister. Dieser trat mit feierlicher Miene -an den .Herd, nahm von den Speisen, kostete, drückte die Augen zu, schnalzte vor Vergnügen mit der xiimge und sprach bann: „Köstlich, bei des Herzogs Leben, köfllick! Wollet Ihr nicht auch ein Löffelein zu Euch nehmen, Aufseher des Palastes?" Dieser verbeugte sich, nahm ben Löffel, kostete unb mar vor Vergnügen unb Lust außer sich. „Eure Kuckst in Ehren, lieber Frühstücksmacher, Ihr selb ein erfahrener Koch; aber so herrlich habt Ihr weber die Supp« noch die Hamburger Klöße machen können!" Auch der Koch verslicht« jetzt, schüttelte bann dem Zwerg ehrfurchtsvoll die Hand und sagte: „Kleiner! Du bist Meister in der Kunst. Za, das Kräutlein Magentrost, das gibt allem einen ganz eigenen -Reiz." In diesem Augenblick kam der Kammerdiener des Herzogs in bte Küche und berichtete, daß der Herr bas Frühstück verlange. Die Speise« wurden nun auf silberne Platten gelegt und dem Herzog zugeschickt; der Oberküchenmeister aber nahm den Stehlen in sein Zimmer unb unterhielt sich mit ihm. Kaum waren fie aber halb so lauge da, als man ein Paternoster spricht, so kam -schon ein Bote und rief den Oberküchen- meister zum Herrn. Er kleidete sich schnell m sein Festkleid imb folgte dem Boten. Der Herzog sah sehr vergnügt aus. -Er harte alles aufgezehrt, was auf den silbernen Platten gewesen war, und wischte sich eben ben Bart ab, als der Oberküchenmeister zu ihm eintrat. „Höre, Küchenmeister," sprach er, „ich bin mit deinen Köchen bisher immer sehr zufrieden gewesen; aber sage mir, wer hat heute mein Frühstück bereitet? So köst- lich war es nie, seit ich auf dem Thron meiner Väter sitze; sage an, wie er heißt, der Koch, daß mir ihm einige Dukaten zum Geschenk schicken." „Herr, das ist eine wunderbare Geschichte". antwortete der Oberküchenmeister und erzählte, wie man ihm checkte früh einen Zwerg gebracht, der durchaus Koch werden wollte, und wie fich -dies altes begeben. Der Herzog verwunderte sich höchlich, ließ den Zwerg vor sich rufen und fragte ihn aus, wer er sei und woher er komme. Da konnte nun der arme Jakob freilich nicht sagen, daß er verzaubert worden sei und -früher als Eichhörnchen gedient habe; doch blieb er bei der Wahrheit, indem er erzählte, er sei jetzt ohne Vater und Mütter und habe bei einer alten Frau kochen gelernt. Der Herzog fragte nicht weiter, sondern ergötzte sich an der sonderbaren Gestalt seines neue« Koches. „Willst du bei mir bleiben," sprach er, „so will ich dir jährlich fünfzig Dukaten, ein Festkleid und noch Überdies zwei Paar Beinkleider reichen lassen. Dafür mutzt bu aber täglich mein Frühstück selbst bereiten, mußt angeben, wie das Mittagessen gemacht werden soll, und über- Haupt dich meiner Küche annehmen. Da jeder in meinem Palast seinen eigenen Namen von mir empfängt, so sollst du 'Nase heißen und die Würde eines Unterküchenmeisters bekleiden." Der Zwerg Nase fiel nietet vor dem mächtigen Herzog in Frankenland, küßte ihm die Füße unb versprach, ihm treu zu bienen. So war nun ter Kleine fürs erste versorgt, unb er machte feinem Amte Ehre. Denn man kann sagen, daß der Herzog ein ganz anderer Mann war, während der Zwerg Nase sich in seinem Hause aufhielt. Sonst hatte es ihm oft beliebt, die Schüsteln oder Platten, die man ihm auftrug, den Köchen an den Kopf zu werfen; ja, dem Oberküchenmeister selbst warf er im Zorn einmal einen gebackenen Kalbsfuß, der nicht weich genug geworden war, fo heftig an die Stirne, daß er umfiel und drei Tage zu Bett liegen -müßt«. Der Herzog machte zwar, was er im Zorn getan, durch einige Hände vsll Dukaten wieder gut; aber dennoch war nie ein Koch ohne Ztttsru unb Zagen mit den Speisen zu ihm gekommen. Seit der Zwerg im Hause »ar, schien alle« wie durch Zauber umgewanbelt. Der Herr aß jetzt statt dreimal des Tages fünfmal, um sich an ter Kunst feines kleinsten Dieners recht zu laben, unb dennoch verzog er nie eine Miene zum Unmut. Mein, er fand alles neu, trefflich, war leutselig und angenehm und -wurde von Tag zu Tag fetter. Oft ließ er mitten unter der Tafel ben Küchenmeister unb den Zwera Nase rufen, setzte den einen rechts, den andern links zu sich unb schon ihnen mit seinen eigenen Fingern einige Bissen der köstlichen Speisen in den Mund, eine ©nabe, welche fie beide wohl zu schätzen wußten. Der Zwerg war das Wunder der Stadt. Man erbat fich flehentlich Erlaubnis vom Oberküchenmeister, den Zwerg kochen zu sehen, unb einige der vornehmsten Männer hatten es so weit gebracht blim Herzog, daß ihre Diener in der Küche beim Zwerg Unterrichtsstunden genießen durften, was nicht wenig Geld -eintrug; denn jeder zählte täglich einen yulben Dukaten. Und um die übrigen Köche bei guter Laune zu erhalten unb sie nicht neidisch zu machen, überüeß ihnen Nase das Geld, das die Herren für den Unterricht ihrer Köche zählen mutzten. (Schluß folgt.) Dr. D^nsMchrf-ock. - »rü« uckh Btzvlo.g: BrLhl'lche Uni Verl itälS-'Luch. unb StettedrVÄer«';, N.Kange, Wetzen.