Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang M7 Dienstag, den ^9. Juli ' Nummer 57 Natur und Kunst. Bon I. .W. v. Goethe. Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh' man es denkt, gefunden; der Widerwille ist auch mir verschwunden, und beide scheinen gleich mich anzuztehen. Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen! Und wenn wir erst in abgemess'nen Stunden mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, mag frei Natur im Herzen wieder glühen! So ist's mit aller Bildung auch beschaffen: Vergebens werden ungebundene Geister nach der Vollendung reiner Höhe streben. Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. Max Liebermann. Zum 80. Geburtstag des Malers. Von Rudolf Großmann. Einer der festesten Punkte in der Ebbe und Mut des Berliner Kunstgeschehens ist Max Liebermann. „Talent bedeutet nichts, Charakter alles", — sagt Liebermann. Er selbst ist das, was man einen Charakter zu nennen pflegt. Dieser nur ihm eigene Sinn steckt in seinem ganzen Wesen, in feiner Arbeitsweise, in seinem Pinsel, in seinem Malmitte!, setzt sich der Familie gegenüber durch, der gegenüber er trotz aller Liebe manchmal tyrannisch wirkt. Oft ist es für den Außenstehenden wie ein Seilziehen nach verschiedenen Seiten. Er hat mit diesem Charakter in der Kunst eine Ausnahmestellung bezogen, steht wie ein Weiser zwischen und über den Generationen; ihre immer wechselnden künstlerischen Ausdrucksformen persifliert er oft in witziger Weife, wie ein Compere in der Revue. In der individualistischen Zeit ganz verankert, hat sein Kopf noch was Ueberbetontes, was Uebercharakterifiertes, das in der heutigen Zeit wie eine Legende anmutet. In einer Zeitepoche, in der das Individuell« wieder mal ins Kollektivistische hinüberlaviert. Man hat Liebermann deshalb versucht, in die Historie zu verweisen, aber er springt aus ihr oft unvermutet zeitgemäß, immer angriffsbereit und gar nicht verstaubt heraus, das Heute und fein künstlerisches Gebot; reu bald mit lebensweifen Ansichten, bald mit Bon mots treffend und blitzschnell charakterisierend. Er hat seine Lieblingsthemen, die er immer wieder neu abhandelt, wie die malerische Phantasie, das Natur- abmalen. Sentimentales und Naives in der Kunst, äußere und innere Aehnlichkeit von Bildnissen („bet Porträt ist ähnlicher wie Sie selbst" versetzte er einmal einem unzufriedenen Bestller). Seine, auch von Kritikern oft zitierten Aussprüche sind geflügelte Worte geworden. Er . verteidigt sich und sein Kunstschauen im Grunde damit immer selbst, auch ohne angegriffen zu sein. Das hält ihn immer wieder in frischer Spannung. Er hatte einmal vor. alles festzulegen für den künstlerischen Nachwuchs, ein Vademekum für Künstler herauszugeben, begeistert sich oft innerlich bewegt an diesen seinen eigenen, durch intensive Lebensarbeit gefundenen Einsichten, denkt barem, das Malen zu lassen, um all dies niederzuschreiben, kommt aber dann zur Ansicht, es sei doch nur „pro domo“, nimmt den Pinsel wieder in die Hand und entläßt seine literarische Muse etwas ungnädig und plötzlich. Während er mir zu meiner Bildniszeichnnng sitzt, ist alles an ihm Uebergcmg, stets gespannt und ganz spontan; in Ruhe, die sein Gesicht nicht zu kennen scheint, die ich aber für meine Zeichnung erhaschen will, nickt er so in sich hinein, mit dem Kopse leise pendelnd, als ob er sich damit selbst bejahe. Trotz mancher Gegensätze zwischen Privatmann und Künstler — eine selten einheitlich organisch gewachsene Natur. Durch Schicksal — er war von Haus aus reich und seine Familie war dagegen, daß er Maler werde — in eine fast bürgerliche Gebundenheit gesetzt, ist alles Bohemehafte, Exzentrische ihm zuwider. Er ist teilt Künstler, wie etwa van Gogh oder Cezanne, seine 8(rt ist eher kühl und er weiß jederzeit Distanz zu legen zwischen sich, die Menschen und die Dinge, und was ihm nicht adäquat ist, rücksichtslos ausznschließen. Dieses Distanznehmen ist seiner elastischen Herrennatur durchaus angemessen, vielleicht auch für sein Schaffen aus dem bürgerlich alltäglichen Bereich heraus durchaus notwendig. Als ich ihn eintreten sah, war er da und doch wieder fern, stand einen Augenblick in wunschlos verlorener Beschaulichkeit, im nächsten wieder wach, von eindringlichstem Haften an dem, was ihn interessierte, dann wieder seiner Energie ablösend, ins Leere verflüchtend. Ein Schauspieler könnt« von ihm Auftritt und Ab- gang lernen. Seine Ateliers am Wannsee mch Pariser Platz sind nüchterne helle Arbeitsräume, nichts vom vorlautem Repräfentationsprunk berühmter Meister. An den Wänden hängen Bmxtrecs und Manets, zum Teil Kopien nach letzterem von ihm selbst. PräpaNerte Malbretter stehen herum, wenn nur ein Strich da drauf ist, der nicht sitzt, muß er das Brett bei seiner reizsamsten Empfindsamkeit für die Fläche wegwerfen und ein neues beginn«. Besonders beim Porträtieren.' Die Aehnlichkeit bestehe in der Nuance, deshalb sei es auch so schwer, «inen gern Uten Kopf, der in Zustand der Unähnlichkeit gekommen sei, roie^r ähnlich zu machen. „Mit der Aehnlichkeit ist's so eine Sache, der Laie sicht meistens nur einen Zug, ein Detail, irgend eine Stellung, an der er >>en Dar- gestellten erkennt, der Künstler das Wesen, für ihn besteht die A>hnUch- teit im ganzen, selbst das Biologische muß in einem guten Portes $u spüren sein. Es muß Großvater, Mutter, Vater, Tochter mit drin soh." Einen Besucher, der in der Wohnung nebenan fand, daß die verfch>- densten Stile und Möbel von Kunstwerken, wie sie dort aufgestellt waren, — es gab Empire, Oestliches und Renaissance — ganz gut zusammen paßten, erwiderte Liebermann ärgerlich: „Kunst ist Kunst und ein gutes Kunstwerk paßt immer zum andern!" Obwohl Kenner von sensibelstem Geschmack, will er im Kunstwerk nur den lebendigen Ursprung, nur das aus der Natur gewordene Werk sehen, nicht den modisch-geschmäckleri- schen Stil seiner Zeit. „Bei Ihren Bildern muß ich oft an platonische Ideen denken!" „Entelechien, Wirklichkeit!" korrigierte er; denn Aristoteles liegt ihm als praktisch ordnende Natur mehr wie der schwärmerische mystische Plato. Diesen Drang, das Wesen, den Kern der Erscheinung zu fassen, hat er fein ganzes Leben gefolgt. Noch heute, in späten Jahren, soll er Kant lesen, und das, was er für sich herausliest, streicht er rot an. Er ist nicht intellektuell, wie manche glauben, sondern hat sich nur einen außerordentlichen bonsens für das Leben bewahrt, ist berlinerifch schlagfertig und wirkt mit feinen achtzig Jahren frisch und lebenbejahend, weiß immer zu überraschen und zu fesseln. So sieht er nicht etwa saturiert und geruhsam, sondern immer aktiv und kampfbereit mit einem fast grausamen Lächeln über die Dinge dieser Welt. „Die zu gutmütigen Menschen bringen’s zu nichts", meint er. Als ich mal den alten Thoma im Rollstuhl besuchte, sagte dieser: „Ich habe mich vom Lebe immer so trage lasse." Das kann Liebermann nicht sagen. -Er hat die Dinge nach seinem Willen geformt, seine Kunst ist ganz männlich. Nach schöner Materie, nach der Oberfläche, nach dem stofflich sinnlich Greifbaren in der Malerei, was die Modernen so lieben, fragt er nicht viel und hat gar keinen Sinn dafür. „Die Kinder, die der Vater liebt, züchtigt er", sagt er etwas sophistisch. Immer wieder zwingt ihn etwas, das Wesen der Erscheinung zu fassen, den Sinn der Natur nicht im Einzelding, sondern im Ganzen zu packen. Freuen wir uns, daß er noch rüstig unter uns lebt und schafft. Wir haben wenige Seinesgleichen. Kutscher und Kaufmann. Anekdote von Hans Franck. Zu den Zeiten, als die Hansa zwar Meere beherrschte und Könige zur Bürgerbotmäßigkeit zwang, aber dem deutschen Binnenlande, da man es nicht vom Schiffsbord aus kommandieren konnte, öffentliche Sicherheit und Gesittung in vielen Gegenden noch mangelten, fuhr ein Kaufmann mit seinem Kutscher von Hamburg nach Leipzig. Der Wagen mar mit nordischen Waren, die gegen südliche Fleiß-Erzeugnisse umgehandelt werden sollten, so reichlich bepackt, daß schon deren Veräußerung, wievielmehr ihre Verwandlung in andere Waren, dem Besitzer das Antworten auf die Frage: „Was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden?" für den Rest feines Lebens abnahm. Dennoch ließ der glückverwöhnte Kaufmann durch die norddeutsche Ebene seinen warenbepackten Wagen hinrollen, ohne für den Schutz von Hab und Gut und Leben mehr als alltägliche Borsorge zu treffen. Sobald jedoch die Waldberge des Harzes in Sicht kamen, händigte er seinem Kutscher zwei doppelläufige -geladene Pistolen aus. Die, befahl er, solle der Rossolenker — ebenso wie er selber es mit zwei anderen Pistolen im Wagen tun werde — auf dem Bock zu beiden Seiten neben sich hinlegen. Sobald der Fahrende ein Geräusch höre, daß ihn auch nur einen Augenblick lang denken lasse: „Räuber! , habe er auf der Stelle zu halten und statt Seine und Peitsche die schußbereiten Waffen in die Rechte und die Linke zu nehmen. Wer obwohl während jener Jahre in unwirtlichen Gegenden Deutschlands Raubüberfälle zu dem Tagverlauf gehörten wie das Untergehen der Sonne, gelangten öer Kaufmann und fein Kutscher doch, ohne von beutegierigen Buschbewohnern angefallen zu werden, über die Höhe des Harzes. Als der Wagen bereits wieder geraume Weile bergab ratterte, und die Stunde nicht mehr fern war, da zum ersten Male sich die jem Der Kaufmann im härenen Kutschermantel stieg auf den Bock, der Kutscher im pelzgefütterten Kaufmannsmantel schickte sich an, auf dem Sih im Wagen Platz zu nehmen. . Als der neue Kutscher oben saß und Leine samt Peitsche in seinen fänden hielt blickte er — wie er es oft an feinem Vorgänger gesehen hatte — prüfend nach rückwärts; und da er gewahrte, daß der neue Herr zum Einsteigen bereit sei, fragte er — wie er es unzählige Mate von seinem Vorgänger in solchem Augenblick gehört hatte —: „Wohin. Nach Leipzig!" antwortete der Kutscherkaufmann, und dann bedeutet« er dem zustimmend Nickenden: Er sei kein Unmensch. Werde, wofern der Kaufmannskutscher schwiege, ihm kein Leid antun. Nichts begehre er sur sich, als den Wagen und seinen Inhalt. Samt den Kleidern uni) dem Mantel natürlich, die er anhabe. Wagen und Ware werde er als fein Eigentum verkaufen und mit Hilfe des Erlöses irgendwo e,n ehrbares Leben im bäuerischen Stande anfangen. Wenn er aus Leipzig verschwunden sei, könne der Ueberrumpelte sich seinetwegen in das zuruckverwan- deln, was er ehedem gewesen sei: in einen Kaufmann. Der kleine Harz- Aderlaß werde ihn daran nicht hindern. Bis zu dem Tage seines Verschwindens aus Leipzig jedoch, habe er als Kutscher ihm zu dienen. Wehe, wenn er den Mund aufmache, um zu verraten, wie es in Wahrheit mit ihnen stände! Noch ehe er den ersten Satz beendet hätte, sei er niedergeknallt. Er solle nicht vergessen, daß vier geladen« Pistolen mt Wagen lägen. Uebrigens werde niemand ihm feine Worte glauben. Denn daß das Entscheidende für das Schicksal eines Menschen einzig die Kleider seien, habe er inzwischen hoffentlich eingesehen. Der Kaufmann, dem sein Leben als das einzige Gut galt, welches er nicht, wenn es verloren gegangen war, gleich allem übrigen für Gerd wiederkaufen konnte, hieb — statt der Kleiderfrage eine Antwort zu geben — auf di« Rosse ein und fuhr seinen Kutscher nach Leipzig. Dabei hatte der Kutscher geringere Mühe, für einen Kaufmann zu gelten, als der Kaufmann, seine Kutscherfähigkeiten glaubhaft zu erweisen. Der Kutscher im Pelzmantel, der seinen früheren Herrn auch innerlich überwunden glaubte, träumte sich schon als , Besitzer von unabsehbaren Hufen, von Pferden und Kühen, von Kälbern und Schweinen, von Hühnern, von Enten und Gänsen, der Knechte und Mägde nicht zu gedenken. In dem Augenblick aber, da der , Wagen von der Leipziger Torwache angehalten wurde, sprang der Kaufmann mit einem Satz vom Bock herunter und rettete sich, noch ehe der Kutscher eine der vier -Pistolen anschlagen konnte, hinter Gewehre und Hellebarden. Was es gäbe? fragte es lässig aus dem Innern des Wagens. Der Kmünann svrudelte hervor, was im Harz geschehen fei. Der Kutscher MWWMMMZ ; ■ ™ Hrfl' fpiher und dem Zaudernden zu beweisen, daß er feien. Und um sio) Wer ui» verlorenen Urzweck der Beine SS -U- ftom^rnabaeftieqene m* >edoch nicht die geringste Miene, sich im Wled/raebrauck Becher Zeine zu üben. Er stand wie erstarrt vor dem Pelzmantel seines Hen». Verschlang ihn mit seinen Blicken; streichelte ihn. Vlötckicki rß die lstö kosende Rechte sich von dem weichen Innern des Herr enge wände s vs. Fuhr verächtlich über das härene Knechtsgewand bin das außen und innen von der gleichen rauhen Harte man Und: Herunter denÄuischermantel - über den Weggraben dem Unsichtbaren nackückleudAck - Hineinschlüpfen in den Herrenmantel — lächelnd feststellen dal «r wie angegossen sietzt - wieder auszichen - ,n das innere xs Wagens werfen - di« Kleider vom Leib herunterreihen — rie hi«er dem Kutschermantel herschleudern — die Pistolen auf dem Bock packen ihre Hähne spannen — sie schußbereit in dl« ausgestreckte und Linke drücken — di« Wagenlür hinter sich mit dem Fuß zu- Aßen — sich breitbeinig vor das verlassene Gefährt stellen: Alles das Werk von Sekunden. „ Als der Kaufmann zwischen den Baumstämmen wieder sichtbar wurde, schrie der Kutscher ihn an: Keinen Schritt weiter, ehe er ihm seinen Willen kundgetan habe! Zwischen Totfein oder Kutschersein b.abe er zu wählen. Kleider herunter! Ihm zuwerfen! Endlich, endlich habe sich das Spiel gedreht. Er, der Kaufmann, habe Kutscherkleiber und Kutschermantel jenseits des Grabens anzuziehen und hinfort den Wagen zu fahren- er der Kutscher, werde Kausmannskleider und Kaufmannsmantel diesseits des Grabens anziehen und hinfort sich fahren lassen. Keinen Schritt' Kein Wort! Keinen Laut! Kutschersein oder Totsein! In einer Minute- Kleider herunter oder nicht! Davon hinge sein Schicksal ab. Was di« Pistolen, deren Güt« er ja kenne, ihm wohl hinreichend bestätigten. Bis drei habe er für die Entscheidung Zeit. Eins—! Zwei—! Ehe der waffenbewehrte Kutscher Drei! sagen konnte^ begann der waffenlos« Kaufmann zu knöpfen. Nachdem er sich fernes Oberzeugs ent- tebiqt und es Stück für Stück über den Graben geworfen hatte, zog der ein« die Kleider des anderen an. Und sie saßen den beiden, neuen Besitzern als ob sie bei einem geschickten Schneider für ihr« fetzigen Träger bestellt feien. Denn Kutscher und Kaufmann waren van gleicher zuckte verächtlich die Mundwinkel. Man solle, ließ er zu sagen sich bann doch herab, nur einmal ihn und seinen ungetreuen Diener aufmerksam anschen, so werde man wissen, wie es in Wahrheit stände. Em Windbeutel sei der leichtfertig« Ankläger, ein Betrüger, der hinterlistig an sich bringen wolle, was ihm gehöre! Daß der arme Schlucker in solche Versuchung geraten sei, könne niemand besser verstehen als er, der wisse, was er im Wagen mit sich führe. Run aber sei es genug, übergenug mit der Erklärung. Marsch! Wieder auf den angestammten Bock! , Der Kaufmann beteuerte: Er sei der Besitzer des Wagens und seiner Schätze- jener aber, der ihm Mantel und Kleider gestohlen und mit Hilfe jjer Pistolen die KnechtsNeider auf ben Leib gezwungen hatte, sei der ^^Me^Soldaten wußten nicht: Wem glauben? Sie sagten, also ju dem Mann in der Kutsche: Der Schein spräche allerdings für ihn Aber es sei nicht ihres Amtes, Streitigkeiten dieser Art zu, schlichten. So leid es ifynen täte — er müsse aussteigen und ihnen mit dem Ankläger zum ^^er ^Rsthler fragte, forschte, sah die Kleider, die Mäntel, sah die Männer am horchte hinter ihre Worte, suchte durch chre Gesichter Km bis zu ihren Herzen hinabzublicken. Aber wenn auch schließlich fern G aube den Kutscher Kutscher, den Kaufmann Kaufmann nannte - Gewißheit, tzuß der vergeblich« Kaufmann Kutscher, der gegenwarttge Kutscher Kaufmann fei, erhielt er durch fein Verhör nicht. _ „ Der Kaufmann in Kutscherkleidern schlug dem Richter am, Zeugen aus Hamburg kommen zu lassen, die ihn trotz ^r Verschandelung durch die Dienergewandung erkennen würden. Der Kutscher in Kaustnanns- tleibern unterstützte diesen Vorschlag. Bekannte, aus Hamburg. Sehr wohl. Er habe di« Gegenüberstellung nicht zu furchen. Der Richter aber lehnt« ab: Zeugen? Mit deren Hilfe tonne l«dermann Richter sein. Entscheiden, was — auf der flachen Hand liegend — einer Entscheidung nicht mehr bedürfe? Wo in solchem Fall die Kunst seines Standes bleibe? Ohne Zeugen - deren Herbeisthaffung den Austrag des Handels viele Wochen lang hinausschiebe — die Wahrheit durch innere Kräfte erkennen, Verworrenes mit Sicherheit.durch unfehlbaren Spruch entwirren — das erst mache einen Richter, der solchen Ehrennamen verdiene, aus. Man solle die Streckenden nach draußen fuhren. Er wolle mit sich allein die Sache einige Minuten lang überdenken. Dann werde er die Wahrheit wissen und, wenn die Abgefuhrten wieder eingetreten wären, den Richtigen einsperren, den Richtigen zu seinem Wagen ^^D?/^au^mann zitterte. Der Kutscher rädelte.JBeibe ber ,uon Um aewißhett Zitternde, der vor Gewißheit Lächelnde, mußten indes gehorchen und das Gerichtszimmer verlassen. Als sie der Tur nahe waren, rief der Richter plötzlich hinter ihnen: „He, Kutscher! Da stand der von den beiden Fortgehnden, welcher zu> Unrecht die Kaufmannskleider trug, still, wandte mit einem, Ruck den Kopf nach ruck- wärts und fragte, wie er es jahrelang bei diesem Anruf getan hatte. „Wohin (ge«jngnis!" lautete der donnernde Fahrtbesehl des Richters. Denn nun war fein Glaube Gewißheit geworden. Dem. ertappten Kutscher blieb nichts, als die Wahrheit zu bekennen und sich in lener grauen (Bemanbung, die er nun Jahr und Tag statt der Kaufmannskleiber tragen mußt« einzugestehen: daß zwar Kleider Leute machen; daß aber ein Suticberinantel ebenso wenig unfehlbare Kutscherhaftigkeck e^wingt, wie cin Pelzmantel noch nicht unter allen Umständen vor Kutschermanieren fchützt. _________________ Sommertage am SogneUord. Von Fritz Löwe. Balholm, im Juli. Auf ausgezeichneter Straß« sanft mein Auio von Voß nach Stahlheim In lustigen Sprüngen jagt der Elf zur ©eite Auf den Festen am Ufer wimmelt es von Anglern. Bildhübsche Madels m farbigen Nationaltrachten winken lachend aus allen Fenstern. Aus A^senen Felsen schäumt der Tvindefall. In wildem Durcheinander ttegen 'M Fluß- bett die riesigen granitenen Felsenblöcke. Dupch dicht nebeneinander stehende Steine ist die Straß« gut geschützt. Ein blonder klemer Jung« fährt mit, um die vielen Tore der Gatter zu offnen. Auf S^rücher Bruck überfliegen wir den schäumenden Elf. Blutig roi^ohen ans Hellem Gnin die Ebereschen. Jäh stürzen die Felswand« zu .Tal. Vor mir blitzt der Spiegel des Opheim-Sees. Weih schäumen seine Wogen. An seinen grünen Ufern fliegen wir dahin. Gerade auf, eine riesige vor uns auf- ragende Felswand zu. In scharfer Biegung wird sie umfahren. Da taucht Plötzlich das Hotel Stahlheim dicht vor mir auf. Bald fite id) auf 'der weltberühmten Felsenterrafse. Die Aussicht von dort ist sicher eine der schönsten in der ganzen Welt. Im Garten duften Rosen und in der Tiefe liegt das wilde Narodal. Deutlich kann ich den Weg von Gudvangen zwifchen den pittoresken Felsenkolosten t e • folgen. Zur Linken erhebt sich der eigenartig geformte un^e Bergriese. „Jordalsnut". Einsam klimme ich auf steilen, Felsenwegen immer: hoh.r hinauf In grausiger Tiefe braust unter Mir der stiluh. Zur Rechten stürzt die Felsenwand senkrecht ab. Wie ein Spielzeug liegt Man tief unter mir tes Hotel Stahlheim Aus zerrissenen Felsen stürzt wM®“1* belnber Höhe krachend und tobend der Fall. Weithin duftet das x>eu ^XiefTs&n ringsum, lieber Geröll geht es°ufE^K überhole ein Kariol. Ruhig und sicher freitet bas ttane einen kleinen Fslsenweg herab, dann über eine schmale, gelartwnoi Brücke wo selbst einem Menschen schwindlig werben konnte. Der Baue lotet mich in sein altes Holzhaus zu Saft. 200 SW« Väter inmitten der Gefahren des-Gebirges hier gehau -Es sicht säst n^ genau so aus wie vor zwei Jahrhunderten. Ein uraltcr st prasselnden Ketten über dem auf Felsen inmitten des Hauses ernteten pst Feuer. Der anbrechende Abend laßt mich, den Rückweg antrete • : s sitze ich wieder auf der Felsenterrasse. >e Sonn« g b 'in einem - i runden Gebirgskegel ziehen rosige Wolken. Das Hotel e s 9 fBleer von Licht. Im großen Saale bedienen beim Abendbrot junge Mädchen in Harbcmg erstacht. Perlen blitzen auf ihren bunten Miedern. g|0{, tragen sie ihre goldblonden Kronen. Der Kaffee wird im Rauch- . -alm fervieri. Draußen braust der Bergwind. Große Tropfen fallen. ' Uhrr wir sitzen geschützt am lodernden Feuer des Kamins. Alle Sprachen der Welt schwirren durcheinander; international die Gesellschaft. Kein Mißton stört die prächtige Stimmung. . Mn frühen Morgen fährt ein Kanol mein Gepäck die stelle Ser- ventine herab. Noch einmal umfaßt mein Blick all diese Schönheit. Dann trete ich die 'Wanderung ins Närodal an. Diese romantische Bergstraße die bereits im Jahre 1840 erbaut wurde, ist einer der eigenartigsten Wegebauten in Norwegen. In kühnen Windungen führt sie vom Hotel Stahlheim immer an den brausenden Wasserfällen, dem Stahl- heimssoß und dem Sivlefoß Mitteng ins Tal. Ringsum donnern Fälle, Mr«n fchäumends Wasser von den Felsen. Noch einmal schimmert aus der Ferne, hinter Wolken austauchend, das Zauberschloß Stahlheim herüber Ein Sommernachtstraum, eine unvergeßliche Erinnerung. An der Brücke im Tale wartet das Auto. Das Gepäck ist bereits verstaut. In scharfer Fahrt geht es bergab, lieber viele Brücken führt der Weg. Cs gibt ein Wettrennen zwischen dem Auto und dem schäumenden Elf. Bald ist die Farbe des Flusses tiefgrün, dann wieder stahlblau oder kristallhell. Bon allen Seiten umgibt mich das wilde Felsenlabyrinth. Eisgrau und kahl ragen die 5—6000 Fuß hohen, oft senkrechten Felswände, empor. Zahlreiche Wasserfälle decken die Felsen, wie mit weißem Spinnengewebe. Oft wallen in der Tiefe die Nebel, während in der Höhe die Sonne die schneefunkelnden Bergspitzen vergoldet und die eigenartigsten Lichtreslexe hervorzaubert. An schroffen Felsenvorsprün- gen zerschellend, breiten sich die Fälle wie zarte Spitzenschleier aus, um langsam in die Tiefe zu sinken und dort in Milliarden schimmernder Wassertropfen zu zerflattern. Immer neue sprühende Märchengebilde wälzen sich brausend durch die zerrissenen Klüfte. Milchweiße Wirbel tanzen um zerrissene Steinblöcke. Unvergeßliche Stunden köstlichen Erlebens inmitten der Wunder der rauschenden Wasser. Funkelnde Silberbänder gleiten in die Tiefe. In wilden Schluchten hängt ein in flüssiges.Gold getauchtes Spitzengeriefel herab. Eine Phantasie schimmernder Perlen, Brillanten und Rubinen ergießt sich über die schroffen Abstürze. In vollen Akkorden erklingt das Rauschen der Fälle und schwillt zu leidenschaftlich aufpeitschender Symphonie an. In den Schlünden braust der Bergwind die Begleitung. Die Felsenmauern rücken so nahe zusammen und steigen so mächtig empor, daß man hier mehrere Monate im Winter hindurch die Sonne nicht zu Gesicht bekommt. Die ersten Häuser von Gudvangen tauchen auf. Wir durchbrausen den Ort. Da leuchtet plötzlich vor mir der Närofjord. An der Brücke liegt der schmucke Dampfer der „Fylkesbaatane"-Gesellscha-st Bergen, die den Verkehr auf bem Sognefjord vermittelt, bereit zur Abfahrt. Nun beginnt die Fahrt durch den sagenumwobenen engen Närofjord. Ruhig und sicher steuert der Dampfer durch das Felseulabyrinth. Weiß leuchtet der Schnee von den Zinnen der Bergesriesen. Von allen Seiten stürzen Fälle in den Fjord. Zurückblickend zerbricht man sich den Kopf, wie das Schiff in diesem Felfengewirr überhaupt den Weg finden kann. Möven umfliegen es kreischend. Oft ist der Fjord so eng, daß ich van Deck aus mit dem Stock bequem die Felsenwand berühren kann. Dann aber weitet er sich. Wir gleiten hinaus auf den sonnenübergossenen Sognefjord. Die Fahrt auf dem Fjord, dem größten unter -en Fjorden des Landes, gehört zu den schönsten und lohnendsten. Das Märchenland des 180 Kilometer langen Fjords, feine steilen, zerrissenen Berge, seine Wasserfälle, feine malerischen Landschaften und gewaltigen Hochgebirgsweiten, seine schneebedeckten Gipfel und glitzernden Eisgletscher muß man mit eigenen Stegen gesehen haben, um einen Begriff von dieser einzigartigen Schönheit zu erhalten. Di« Natur ist bald lieblich und heiter, bald düster und von tiefer Melancholie erfüllt. Nirgends sind die Abwechslungen in der Natur reicher wie hier. Die Felswände heben sich vom Fjord bis zu einer Höhe von 1500 Meter, während seine größte Tiefe 1244 Meter betragt. Auf der Nordfeite liegt der riesige Jostedalsgletscher, das größte norwegische Firnfeld. Zahlreiche Gletscher strecken ihre blauen Zungen über die Felsabstürze zum Fjord hinab. Es gibt keine matte, eintönige Wiederholung derselben Szenerie. Wohin man kommt, bieten sich immer neue Ueberraschungen. Paradiesische Schönheit und reinste See-, Wald- und Eebstgstest erfrischen Herz und Gemüt. Hier wird man verjüngt an Leib und Seele. , , , In der Ferne taucht Balholm auf, das vornehmste Zentrum des westlichen Touristenverkehrs. Am Strande von Balholm lag einst der Palast Ingeborgs, der blonden Königstochter. Gegenüber auf der Spitze Vang- näs, Frithjofs-Hof, Framnäs, in dessen Nähe ein Hügel als Grab des Helden bezeichnet wird. Auf dem Balkon meines Zimmers in Quicknes- Hotel halte ich erfrischende Rast. Weithin funkelt der Fjord. Unter mir im Garten duften die Rosen. In weitem Bogen umschlingen die Berge bas herrliche Panorama. Am gegenüberliegenden Strand erhebt sich das Frithjof-Denkmal. Aus dem Fjord heben sich phantastische Kuppeln, Burgen, Zinnen. Von der Sonne durchleuchtete Wolken umflattern die Bergeskuppen. Lautlos gleiten Ruderboote vorbei. Aus dem Bade dringt fröhliches Lachen. . Balholm ist ein Paradies. Ein einzigschöner Weg zicht sich am 91 erbe entlang. Die Fruchtbäume in den Gärten hängen voll buntfarbiger Früchte. Die Rosen duften weithin. Durch das Gewirr grüner Blätter und goldgelber Blumen sieht man immer wieder den leuchtenden Fjord. Rechts auf dem Hügel steht das Standbild Köng Beles. Sein Blick schweift über den Fjord. Auf seinem Schoße ruht das bloße Schwert. . . Die Zäune sind von farbenprächtigen Wicken umschlungen. Wie im Märchen schreite ich durch eine Allee, deren Bäume ein dichtes, grünes Dach bilden. Aus lachenden Rosengärten lugen weiße Villen. Wildzerrissene Kuppen heben sich von allen Seiten. 2(us lichten Höhen leuchten die Gletscher. In Kaskaden stürzen funkelnde Fälle herab. Mit weißen Kämmen rollen die Wogen des Fjord auf den steinigen Strand. Am Quai wartet der Dampfer zur Gletscherfahrt nach Fjaerland. Ruhig zieht das schlanke Schiff durch ben dunkelgrünen Fjord. Wir be- sinden uns unmittelbar im Bannkreis der Gebirgswslt und in nächster Nähe des gewaltigen Joftedalsbrae, des größten Gletschers in Europa. Seine grünlichen Eismassen leuchten weithin über die blauen Fluten des Fjords. Am westlichen Ufer des Fjordes liegt im Schutze hoher Berge das Dorf Mundal mit feinen malerischen Holzhäusern. Inmitten des Dorfes das schmucke Hotel Mundal, das zur Reisesaison von Sommerfrischlern und Touristen nie leer wird. Man kann sich in der Tat kaum einen reizvolleren Ort zum Ausruhen und Träumen denken, als dies freundliche Gasthaus. Beherrschend sind in dieser Gegend di« gewaltigen Eismassen des Gletschers. In Fjärland wird noch Handweberei betrieben, deren farbenprächtige Erzeugnisse, Decken und Teppiche, hier nach eigenartigen alten Mustern, welche sich seit Jahrhunderten vererbt haben, gewebt werden. . • Der Weg zum Böjum- und Suphelle-Gletscher führt auf guter Straße durch das reizende Böjum-Tal. Biegung folgt auf Biegung. Der Chauffeur hat das Auto tadellos in der Hand. Scharf zieht die Bremse an. Steil geht es bergab. Dann wieder bergauf. Immer enger wird das Tal. Das Auto wird verlassen. Zu Fuß geht es weiter über Geröll. Von allen Seiten tönt das Rauschen der Bäche und Fälle. Dicht vor mir ragt in btaugrüner Pracht der funkelnde Gletscher auf. Eiskalter Hauch strömt mir entgegen. Eigenartige Formationen steigen aus diesem Eislabynnch. Krachend bricht hoch über mir ein haushohes Stück Gletscher ab, stürzt über die Felsen in die hochaufschäumende Flut. Das Auto führt mich zum Quai, zurück. Bald schwimmt der Dampfer wieder mitten auf dem Fjorde. Der Abend bricht.an. Schon liegt Dämmerung auf den Fluten. Lichterketten blinken auf. Balholm ist in Sicht. Am Strande Hotel Quicknes mit seinen vielen Lichtern. Nach dem Abendbrot wiegt sich alles im Tanz. Und wie diese norwegischen Mädels tanzen können. Sie verkörpern die norwegische Natur. Ihr Lachm klingt wie Glockenläuten, ihre Sprache wie Musik. Thre blauen Augen haben die Farbe der Gletscher. Einmal aber heißt es doch Abschied nehmen von dem Paradies Balholm. Laut schallt das Signal des zur Abfahrt bereithegenben Dampfers durch den Ort. Dann geht es hinaus auf den sonnenubergoffenen Mrd. Bald fahren wir wieder inmitten der Gebirgswelt. Noch einmal genieße ich vom Promenadendeck aus, im bequemen Liegestuhl hmgestreckt, das schöne Bild. Wasserfall auf Wasserfall hüllt die Berge m duftige Schleier. Nie wird das Stege müde, die zarten weichen Linien und sanften klaren Farben zu bewundern. Auf schwindelnden Höhen liegen Bauernhöfe. Umbraust vorn Stiem des unendlichen Meeres zicht das schlanke Schiff durch bas Klippenreich. Die Lust ist weich und warm. Der Himmel von ite^icb am nächsten Morgen erwachte, fällt mein Blick auf die Häuser der alten Hansestadt. Kurze Zeit darauf macht der Dampfer am Quai von Bergen fest. Die Fahrt durch den Sognef,ord ist zu Ende. Aber -die^Erinnerung bleibt. In grauen Wintertagen wird sie mir all das Schone vor die Seele zaubern. Die Sammlung Bsllon. Ein mexikanisches Indio-Museum. Von Professor Dr. Alfons Goldschmidt. Nicht weit von der mexikanischen Landenge, dem Isthmus von Tehuantepee liegt die Stadt O a x a c a , Hauptstadt des Staates gleichen Namens. In der Sprache der Zapoteken die heute noch einen wesentlichen Bestandteil der Bevölkerung bilden, h^ßt die Stadt Huaxyacac", was erheblich voller klingt als die spanische Verzerrung. Die Spanier haben in Mexiko Hunderte von Ortsnamen, die sie nicht aussprechen konnten, ihrem Idiom „angepaßt, wodurch sie allerdings den Charakter der Stämme nicht derart verzerren konnten wie den Wohllaut der Namen. Cs entstand so in der Amtchprache dieselbe scheußliche Mischung, die der spanische Kolonialstil in Mexiko verbrach, indem er bas schon wahrhaftig genügenb verschrobene Barock des ^unattenbes der Sonne Mexikos unb bem Indio des Landes nähern wollte Man nennt das „platersk" unb „churrigueresk" Bezeichnungen dre ebenso mit Konsonanten überladen sind wie die entsprechenden Stile mit Verschrobenheiten. Diese Mihformen kosteten den Schweiß der Indios, ihre Ruhe und Millionen über Millionen Pesos. Ein geradezu grandioses Beispiel dieser Stilvernichtung ist die Kirche von St. Domingo in Oaxaca, die wie ein Triumph der Schnörkelei wirkt. Sie ist im schlimmsten Sinne des Wortes „prachtvoll", das heißt, die Innenwände sind mehr als voll von qoldstrotzenden Schnörkeleien, Serien von Helligenskulpturen, unwahrscheinlichen Renaissancekassettierungen, von ubersußlichen steinernen Verzücktheiten, von einer Stimmung, die nichts mehr nut der Religion, dafür aber alles mit der kirchlichen Propaganda zu tun hat. Hundert Jahre wurde an diesen Ueberladenheiten gearbeitet, von 1875 bis 1675, und zwölf Millionen Pesos, die der Spanier dem Indw abgequetscht hatte wurden in diese Kirche hineingefälscht. Ein Gluck, bah wenigstens die Verschalung einfach ist, so daß der Anblick der Kirche mit ihren Klostergebäuden nicht niederdrückt. Man muß nach einem Ausflug in die wundervollen toltekrschen Griechentempel bei Mitte in der Nähe Oaxacas diesen Gegensatz empfunden haben, um zu wissen, was die „Bekämpferin der Sunden an den Stämmen des heiligen Tales von Oaxaca selbst gesündigt hat. Und man muß bann, wie ich, kurze Zeit nur in, bet Sammteng indianischer Klein- skulpturen bes Herrn Bellon geweilt haben, um bie entsetzliche Ver- barockisierung, bie ganze furchtbare Enteinfachung des Lebens und der Bäte nach der Eroberung Tenochtitlans, der Hauptstadt des Slzteken- reiches, führte Hernan Cortez Krieg gegen die Stämme bes Tales von Oaxaca, die Mixteken unb Zapoteken. Nachdem einige ferner sogenannten Caballeros bie tapferen Männer, die sich nur mit Stein- unb Rohkupfer- Waffen wehren konnten, bezwungen hatten, gingen bie Spanier mit ihrem grausamen Fanatismus an die Zerstörung ber alten Kulturboku- mente. Iahrhunberte, vielleicht Jahrtausenbe schon, hatten bie Volker bie es Tales ihre Toten, besonbers ihre Priester unb Könige, mit einer wahrhaft künstlerischen Sympathie auf den Hügeln unb in ben Talern oh( auch ausgeführt. 3. f). Campe Zusammentreffen mit Meerwein in Verantwortlich: Dr. Hans Lhhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Duch- und Stetndruckerei, V. Lange, Gießen. Prsmere de? FlugkNNst. Von Graf Earl von- Kl i n ck o w st r ö -m. Die in den testen Sommern bei Segelflugwettbsrverben^an der Rhöi und anderwärts erziesien erstaunlichen Leistungen, die an die Anfänge der modernen Flugrunst zurückführen, ja, unmittelbar wieder bei dem einsetzen, was Otto L i l i e n t h a l als Ziel vorschwebte, rechtfertigen einen Rückblick auf das, was frühere Zeiten auf diesem Gebiet erstrebt und geleistet haben. Dreißig Jahre sind es etwa her, daß der Ingenieur Otto Lilienthal seine Flugversuche mit dem Leben bezahlen mußte. In mehr als tausend Gleitflügen hat er als erster den Beweis erbracht, daß der Segelslug möglich ist, und auf ihm haben jene kühnen Männer aufgebaut, die, zunächst ganz den Spuren des Meisters folgend, später dann mit, Motorantrieb, die Begründer der modernen Flugtechnik geworden sind: die Gebrüder Wright. Lilienthal hatte schon von Jugend auf zusammen mit seinem Bruder Gustav Vogelflugstudien getrieben und verschiedentlich Versuch mit Flug- zeugmodellen und Drachen angestellt. Um 1886 begann er systematische Untersuchungen über den Luftwiderstand der Tragflächen. Seine nach langen Vorstudien 1894 begonnenen praktischen Flugversuchs mit Drachen, deren Flächen vogelflugartig gewölbt waren, führten zu dem Erfolg, daß es ihm gelang, Strecken bis zu 350 Meter in wellenförmigem Gleitflug zurückzulegen und dabei Höhen zu erreichen, die erheblich über dem Abflugspunkt — einem künstlichen Hügel in den Rhinowbergen bei Potsdam — lagen. Derartige Leistungen wurden erst zehn Jahre später von den Brüdern Wright wieder erreicht. Was Lilienthal aus der großen Schar derer heraushebt, die im Laufe der Jahrhunderts Flugversuchs anstellten, ist der Umstand, daß er als erster grundlegende Erfolge zu verzeichnen hall«, ohne in den ihm zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln seinen Vorgängern gegenüber wesentlich im Vorteil zu sein. Vor ihm sind schon mannigfache Versuche wesentlich int Vorteil zu sein. Vor ihm sind schon mannigfache Ver- Beherrschern der Lüfte, gleichzutun. Das Fliegen ist ein alter Traum der Menschheit, der schon in uralten Sagen und Mythen zum Ausdruck gelangt. Aus der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends vor Christi stammt ein babylonischer Ziegelzylinder, der außer dem Keilschrifttext eine bildliche Darstellung des tnythischen Helden Etana enthält, wie dieser mit Hilfe eines Adlers zum Sonnengott emporfährt. Die Sagen von D a e d a l ti s und Ikarus, von Wie - beerdigt. Sie hatten ihnen die Haupt- und Nebengötter in die Gräber gestellt, den Großen hatten sie Weihrauchschalen, Jadeschmuck, Porträtfiguren und steinerne Symbole mitgegeben, ihren stmplen Volksgenossen Gegenstände des Tages, Oellämpchen und auch Zehrung und Trank in steinernen Gefäßen für den weiten Weg ins indianische Jenseits. Ein katholischer Priester, der in den Bergen predigte, und der wie viele Volkspriester die vergangene unb gegenwärtige Seele seiner Gemeinde heftiger liebte als jene Ueberladenheiten, hatte vierzig Jahre lang alles aus allen Gräbern gesammelt, die er entdecken konnte. Leicht war diese Arbeit nicht, denn "die Indios der Bergs und Täler von Oaxaca haben ihre Hriedhofspolizei, dis jeden beargwöhnt, der dort nach steinernen, bronzenen oder tönernen Vergangenheiten sucht. Die Sammlung ging dann in den Besitz des Herrn B e l l o n über, der die Scherben zusammensetzen ließ, so "daß jetzt alles an seinem Platze und vollständig ist, und daß eine der folgerichtigsten Uebersichten entstand, wie sie kauni ein europäisches Museum besitzt. Ich will nur wenig von den unsagbar herrlichen Ornamentierungen sprechen, den indianischen Mäanderbändern, den Schalen, in denen das Herzblut geopferter Feinde mit Gruß der Sonne dargeboten wurde, nur wenig von den unglaubhaft „echten" Tierskulpturen, den weißen Steinmessern, mit denen die Brust des Geopferten geöffnet und das noch zuckende Herz herausgeschnitten wurde. Kaum etwas von einem Steinkopf, der schön ist, wie ein Apoll, und ebenso klassisch griechisch. Oder von der atmenden Tonfigttr eines buddhaähnlichen Gottes, oder von einem wahrhaftigen Buddha mit Schlitzaugen, lächelndem Bauch und der ewigen Stille im Gesicht. Oder von einem Blinden, dessen leere Augen aus dem Stein Mitleid erflehen, oder von dem Kopf einer Alten, deren eines Auges eingedrückt ist. Oder von Hunderten von Kleinfiguren, den tönernen Ohrgehängen, den Händen, geformt wie von einem Michelangelo des Voraltsrtutns. Oder von den Versteinerungen und Vertönerungen des Schmerzes, der Mutterschaft, der ewigen Freude. Viel überraschender, überrutnpelnder waren mir di« rätselaufgebenden, klärenden, wundersamen Rasseverschiedenheiten in dieser Sammlung. Mohren mit Turbanen, gefunden in den Gräbern eines abseitigen Bergstammes, Tatarengesichter, Mongolentypen, Negerwttlstigkeiten, griechische Edelzüge, ägyptisch sanfte Schwingungen, eine plastische Rassenkarte, ein Nebeneinander und Hintereinander fast aller Hauptvölker der Erde. Ist es richtig, was die Wanderungs- und Herkunftstheoretiker behaupten, daß dis Bevölkerung Amerikas über die Behringstrahe und über das fabelhafte Atlantis-Festland hinweg nach diesem Kontinent gewandert sei, sich Niedergelassen habe, geflohen, besiegt, vermischt worden sei oder weitergezogen, um neue Nahrungsplätze zu suchen? Hier ist eins der schwierigsten und lockendsten ethnologischen Probleme. Oder ist es richtig, daß dis Stämme Amerikas in Amerika selbst wuchsen, und daß es niemals ein erstes Bevölkerungszentrum gegeben hat? Gewiß, die Aehnlichkeiien, die die Sammlung V e l l o n zeigt, sind unbestreitbar. Aber es ist ebenso unbestreitbar, daß überall Pflanzen dieselben Grundformen haben, daß die,Flüsse bei Oaxaca sich geschnitten winden wie der Mäander, daß überall die Menschen ihr Fühlen und ihr Denken mit anderen Lauten aber mit denselben Tendenzen aussprachen. Daß es keine Grundunterschiede der Linien und der Klänge gibt, und daß besonders der eine Mensch dem andern gleicht, wie nur eine Grundkraft der andern gleichen kann. l ä n d dem Schmied usw. sind bekannt genug. Sogar ein Negerstamm unweit des Viktoriasees besitzt eine Flugsage: die von dem geflügelten Helden Ktbago, der für feinen Herrn, den König der Waganda Nakivingi Kriegstaten vollführt, bis er einem Pfeilschuß aus dem Hinterhalt zum Opfer fällt. Der erste wirkliche Flugversuch dürfte im Herbst des Jahres 67 n. Chr. stattgefunden haben: der Flug und Absturz des Simon Magus unter den Augen Neros. Dieses von zahlreichen alten Kirchenschriftstellern er- wähnte Ereignis ist wohl in seinem Kern nicht als bloße Legende auf. zufassen. Legendenhafte Zutat ist freilich, wenn berichtet wird, der Apostel Petrus habe durch sein Gebet den fliegenden Magier als Verhöhner und Nachahmer der Himmelfahrt Christi zu Boden stürzen lassen. Suter auch Sueton in seiner Lebensbeschreibung Neros unb andere antike Profanschriftsteller kennen den Vorfall. In der mittelalterlichen Magusfage finden wir Simon wieder fliegend, und auch der Zauberer, F a t! st, dessen Erzählung sich auf der Magusfage aufbaut, fliegt. Der Gedanke, daß es möglich sein müßte, mit nachgeahmten Vogel- flügeln sich in die Luft zu schwingen, hat seither manchem Wagehals das Leben gekostet oder ihn: mindestens Arm- und Beinbrüche zngezogen. So versuchte um 875 ein Araber namens Abül Quäfim den FinLs, genannt der Weife von Andalusien, mit künstlichen Flügeln zu fliegen, verunglückte jedoch dabei. Ferner flog nach einem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Bericht des englischen Chronisten Henri Knighton im Jahre 1085 der Mönch Oliver aus dem Kloster Malmesbury „auf der zusammengedrängten Luft von der höchsten Spitze eines Turmes über den Raum eines Stadiums (125 Schritt) und noch mehr dahin, aber ängstlich geworden durch die Wucht des wirbelnden Windes, vielleicht auch in der Erkenntnis seiner Waghalsigkeit, stürzte er schließlich, wodurch seine Schenkel für immer verkrüppelt wurden". Ein ganz ähnlicher Fall trug sich rund 100 Jahre später, 1158 oder 1159, in Konstantinopel zu, als ein Sarazene von einem Turm des Hyppodroms aus in Gegenwa't des Kaisers Komnenos und einer gewaltigen Menschenmenge herabzufliegen sich anschickte, wobei sein weites weißes Gewand, dessen Aermel durch Weidenstäbe versteift waren, als Flugapparat dienen sollte. Nach längerem Zögern und durch Zuntfe ermuntert, wagte er endlich den Absprung und stürzte sich zu Tode. Erstaunlich klingt, was von einem gewissen Giovanni Battista Danti aus Perugia berichtet wird. Dieser soll dort im Jahre 1496 bei Gelegenheit der Hochzeitsfeier des Feldherrn Bartolomeo d'Alviane vor versammeltem Volk einen erfolgreichen Flugversuch ausgeführt haben, ja, er soll diese Leistung mehrfach vollbracht und einmal sogar über den Trasimeni- schen See geflogen sein. Das klingt freilich so unglaublich, daß man dem italienischen Historiker der Luftschiffahrt, Giuseppe Boffito, Recht geben muß, wenn er diesen Bericht anzweiselt. Denn er ta'ucht erst 1648 auf, während die Schriftsteller des 16. Jahrhunderts davon schweigen. In diese Zeit fallen auch Leonardo da Vincis Studien über das Flugproblem. Er hat uns einen ganzen Traktat darüber handschriftlich hinterlassen, der uns zeigt, weiche Mühe er darauf verwandt hat. Leonardo ist der erste, der dieses Problem als Techniker, Physiker und Mathematiker in Angriff genommen hat. Zweifellos hat er es nicht mit theoretischen Untersuchungen bewenden lassen. Ob er jedoch seine Absicht, vom Schwanenhügel bei Florenz einen Flugversuch zu unternehmen, aus- geführt hat und mit welchem Erfolge, wissen wir nicht. Aber er berechnete und entwarf auf Grund sorgfältiger Studien des Vogelfluges Hunderte Arten von Flugmaschinen. Die Flügel wollte er nicht den gefiederten Vögeln, sondern der Fledermaus nachbilden. * Mehr theoretisch haben sich der englische Physiker Robert H o o k e (um 1658) und Emanuel Swedenborg mit dem Flugproblem beschäftigt (1714). Ersterer fertigte wenigstens bas Modell einer Flugmaschine an, bei dem er ein Windrad verwendete, bas eine Schraube ohne Ende antrieb, die ihrerseits die Flügel des Apparates in Bewegung setzen sollte. Zehn Jahre vor ihm hatte auch der Italiener Tito Livio B u r a 1t i n 1 zu Wmsthan bereits ein derartiges Modell aus Stroh und Bast her- gestellt, das angeblich sogar eine Katze zu tragen vermochte. Aber natur- gemäß mußte ihm die Uebertragung ins Große, falls er sie überhaupt versucht hat, mißglücken. Von ihm scheint Cyrano de Bergerac für seinen phantastischen Sonnenroman eine Anregung gewonnen zu haben. ©mebenborg' hat an einem Gleitslugapparat mit leicht gewölbten Tragflächen und einem Pendelstabilisator gedacht, den der Führer durch Verlegung des Körpergewichts und unter Ausnutzung des Windes lenken sollte. Die starren Flügel sollten nicht der Vorwärtsbewegung, sondent dem Austrieb dienen. Von späteren Flugkünstlern des 18. Jahrhunderts feien nur noch Jean Pierre Blanchard, der aber nach Erfindung des. Ballons schnell die bessere Konjunktur auszunutzen verstand, und der badische Baumeister Karl Friedrich M e e r w e i n genannt, die ziemlich gleichzeitig, um 1782 bis 1783, Versuche mit großen Flugmaschinen unternahmen. Meerwem Hai u. a. in einer Tabelle die Gewichte und die Flügelflächen der verschiedensten Vögel zusammengestellt und danach Berechnungen über die Große der Tragflächen einer Flugmaschine angestellt. Er kam zu dem Ergebnis, daß. die Größe der Tragflächen 12 Quadratmeter betragen müsse, uns danach hat er seinen Eindecker wohl auch ausgeführt. J.H. Campe berichtet gelegentlich von seinem Zusammentreffen mit Meerwein M Gießen (1783). Er hielt es jedoch, wie er meldet, nach Besichtigung bet Mckschine nicht für nötig, einige Tage länger zu verweilen, um einem Flugversuch des Baumeisters beizuwohiien. Aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts sind als Flugkünstler bekannt der Wiener Uhrmacher Jakob Degen unb Ludwig Albrecht Verb- linger, den Max Eyth zum Helden seines Romanes „Der Schneider von Ulm" gemacht hat. Sehr viel beachtenswerter sind jedoch aus diese Zeit die Ideen des in Vergessenheit geratenen George C a y l e y (isuu-, j der mit klarem Blick das Wesentliche in der Konstruktion und Verwena- j barfeit der Aeroplane übersah und darlegte. Freilich oergrimen nom i viele Jahrzehnte, bis man zu greifbaren und fruchtbaren Resultate ' gelangte. _____________ ( )al im bet $)ir Gc be UT so H« F ei al ac G m bi V u