GietzenerZaimlieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1927 ~ Dienstag, den 19. April Nummer Wenn über stiAer Heide . . . Von Wilhelm Raabe. Wenn über stiller Heide des Mondes Sichel schwebt, mag lösen sich vom Leide Herz, das im Leiden bebt. Tritt vor aus deiner Kammer und trage deinen Schmerz, trage des Weltlaufs Jammer der Ewigkeit ans Herz! Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit; schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit. In deinen Schmerzen schweige, tritt in die stille Nacht! Das Haupt in Demut neige! Bald ist der'Kampf vollbracht. Schweige in deinem Schmerze, geh vor aus deinem Haus und trag dein armes Herze an Gottes Herz hinaus! Weil nicht im dunkeln Walde, zwischen den Tannen nicht; über die Blumenhaide trag deinen Schmerz ins Licht! Wenn hinter dir versunken, was Ohr und Auge bannt, dann hält die Seele trunken das Firmament umspannt. Wie aus dein Nebeikleide der Mond sich glänzend ringt, so aus dem Erdenleide aufwärts das Herz sich schwingt. O Heid«, stille Heide, wie sehnet sich hinaus zu dir das Herz im Leide, gefangen Herz im Haus! Wilhelm Raabe. Persönliche Erinnerung von Alfred Bock. Es war an einem schwülen Spätsommertag, als ich in Braunschweig den Eisenbahnwagen verlieh, um die alte Welfenstadt einmal kennen zu lernen. Ein freundlicher Führer war bald gefunden, und vorwärts glng’8, straßauf, straßab. Sie Stadt hat sich ihr altertümliches Gepräge bewahrt. Wie mich bedünkt, zu ihrem Vorteil. Vicht, daß sie hinter der Zeit zurückgeblieben wäre, denn allenthalben regt sich die Baulust, allein, wohin man sich auch wenden mag, überall tritt einem etwas Altfränkisches, Bezopftes entgegen, das an dieser durch ihr Alter geheiligten Stätte wohltuend berührt. Sas Herumwandern bei drückender Hitze ward allmählich zur Qual. So trat ich in das erste beste Wirtshaus ein, mich an einem kühlen Trunk zu erlaben. Der Wirt, ein wohlbeleibter Mann, bot mir den Willkomm. Ich gewahrte bald, daß ihm der Schalk im Nacken sah und dah er seine Wirtschaft nach Goethes Rezept führte: „Ich liebe mir den heitern Mann am meisten unter meinen Gästen. Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewih nicht von den Besten." Sn dem feuchten Winkel herrschte das fröhlichste Treiben. Kleinbürger und Handwerker sahen an gebräunten Tischen und leerten Humpen um Humpen. Man zog mich ins Gespräch, wobei ich denn Gelegenheit hatte, den Braunschweiger Dialekt zu studieren. Sonderbar klingt darin das a, es nähert sich beinahe dem o. Bringt man einen waschechten Braunschweiger dazu, den Satz herzusagen: „Mein Vater ist Theatermaler und kriegt den ganzen Tag ’nen Taler", so hört man fünfmal hintereinander dieses charakteristische nationale a und wird es zeitlebens nicht wieder vergessen. Sie lustigen Kumpane unterhielten mich aufs beste. Sie sprachen von Braunschweiger Mettwurst und Honigkuchen, Auch vom seligen Herzog Wilhelm sprachen sie, von seinem Ballett und feinem fünfzigjährigen Negierungsjubiläum, da er in geschlossenem Wagen durch die festlich geschmückten Straßen seiner Haupt- und Residenzstadt fuhr. Trotz alledem, man merkte es wohl, sie hatten ihn hochgehalten, den alten Herrn, und sie waren mit der neuen Ordnung der Singe nicht so ganz zufrieden. „Meine Herren", rief ich, dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, „wie geht’s denn eigentlich Raabe?" „Wen meinen Sie? Sen Klempnermeister?" „Nein, den Schriftsteller!" erwiderte ich. Sarauf ein allgemeines „Ah!" Ser dicke Wirt aber trat vor mich hin und sprach mit feierlicher Miene: „W ilhelm Raabe! Sa, das ist ein Mann. Auf den sind wir Braunschweiger stolz!" Mir schoß ein Gedanke durch den Kopf: „Wie wär’s, wenn du dem Sichter deine Karte schicktest und bei ihm anfragen liehest, ob ihm dein Besuch genehm sein?" Gedacht, getan. Mein Cicerone machte sich alsbald auf den Weg und kam nach einem halben Stündchen mit der Meldung zurück, mein Besuch sei Herrn Sr. Raabe „sehr willkommen". Sch schied von dem Wirt und den braven Zechenr und wanderte in die Leonhardstraße hinaus. Sn den Schaufenstern der Buchhandlungen war Raabes „Villa Schönow" ausgelegt, soeben in zweiter Auflage erschienen. Sie Gestalten aus dieser Geschichte voll Phantasie und Schalkhaftigkeit gaben mir auf ben Weg das Geleite: der k. k. Hofschieferdeckermeister Schönow, die gelehrte Suite Kiebitz, der Privatsekretär Giftge, Wittchen Hammelmann und tote sie alle heißen. „Ser Humorist", sagt Börne in feiner Denkrede auf Sean Paul, „löst die Binde von den Füßen Saturns, setzt dem Sklaven den Fuß des Herrn auf und verkündigt das saturnaltsche Fest, wo der Geist das Herz bedient und das Herz den Geist verspottet". Etwas von diesem Humoristen steckt in dem Dillenbesitzer Schönow und wohl auch in dem Dichter Raabe selbst. Die Altstadt hinter mir lasseird, passiere ich die Anlagen, die wie ein grünes Band die Residenz umziehen und neuerdings erst in dieser Ausdehnung und Mannigfaltigkeit angelegt worden sind. Endlich bin ich in der Leonhardstrahe angelangt, wo Wilhelm Raabe den ersten Stock eines bürgerlich soliden Hauses bewohnt. Eine freundliche alte Dame, Raabes Gattin, öffnet die Flurtür und geleitet mich in das Arbeitszimmer ihres Gatten. Der Dichter kommt mir mit elastischen Schritten entgegen. Das ist kein lebensmüder Greis, der schwer an der Bürde seiner zweiundsiebzig Sahre trägt, sondern ein frischer, beweglicher Mann, aus dessen von weißem Dollbart umrahmten Gesicht ein paar sehr gute und kluge Augen schauen. „Sie glaubten, ich fei in der Sommerfrische", sagte Raabe, eine darauf bezügliche Bemerkung von mir beantwortend. „Das ist auch charakteristisch für unsere Zeit, daß man im Sommer keinen Menschen mehr zu Hause trifft. Tun Sie mal einen Blick aus meinem Fenster und urteilen Sie selbst, ob ich verreisen muh. Bei all meinen Wohnungen hab ich die Aussicht inS Grüne zur Bedingung gemacht. Da drüben auf dem Friedhof der Magnigemeinde liegt Lessing begraben." Das Dienstmädchen trat herein und meldete, ein Herr wünsche den Herrn Doktor in einer privaten Angelegenheit zu sprechen. Raabe lieh mich eine Weile allein, und ich hatte Muße, mich in seinem Arbeitszimmer umzuschauen. Lieber dem einfachen Schreibtisch hingen die Bilder des Philologen Leiste und seiner Gattin aus Wolfen» büttel, Frau Raabes Großeltern. Leiste war mit Lessing befreundet. An der gegenüberliegenden Wand bemerkte ich ein Bildnis Shakespeares, dem Dichter von einer Londoner Freundin gespendet, ferner eine Kopie nach Guido Reni. Von einem mächtigen Bücherbrett sprangen mir sofort Goethes Werke in die Augen. Daneben stanÄ so ziemlich das Bedeutendste, was über den Größten der GroheN veröffentlicht worden ist. .Unterdessen donnert es aus dem Nebenzimmer herüber: „Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Srnmer die alte Geschichte!" Raabe kommt zurück und spricht lächelnd: „Es war ein schnorrender Kollege. Der Kerl hat natürlich nie eine Feder angerührt. Unferc Unterhaltung berührte nun bald dieses, bald jenes Gebiet. Ich gebe das Bemerkenswerteste wieder. „Die Menschen, die nach der Uhr leben und in Regelmäßigkeit aufgehen, haben meist einen qualvollen Tod. Man erfährt es gegenwärtig wieder am Papst. Auch Bismarck liefert ein Beispiel dafür." „Der Wandertrieb des Menschen vom Osten ist uralt. Daß die Russen, endlich gar die Chinesen sich mit unserer Rasse vermischen, wird ihr gar nichts schaden." „Don Goethe interessieren mich jetzt am meisten seine gelehrten, insbesondere seine naturwissenschaftlichen Arbeiten. Welche Weisheit steckt in der Farbenlehre! Wer als junger Mensch sagt, daß er Goethe verstehe, schwindelt. Erst als gereifter Mann lernt man ihn nach seinem vollen Wert schätzen und begreifen." „Sn Stuttgart lebte ich (1862—1870) inmitten geistreicher Männer: Rotter, der Goethe besucht hatte, Bischer, der mir nicht angenehm war, David Friedrich Strauß, Gutzkow und Freilig - rath. Abends bei unfern Symposien flogen nur so die Funken." „Ich war siebzig Jahre alt geworden, und die Herren Rezensenten hatten sich wenig oder gar nicht um mich gekümmert. Das war mein Glück, denn ich bin auf diese Weise in aller Stille meinen Weg gegangen und bin ich selbst geblieben." „Ich lese jetzt wieder, was mir in der Jugend gefallen hat. Romane moderner Autoren bringen ich selten zu Ende." „Einen Krieg aus politischen Motiven haben wir kaum zu befürchten, aber ein Religionskrieg ist noch gar wohl möglich." „Merkwürdig ist es mit dem Lebenstrieb. Es geht jemand mit dem ernsthaften Entschluß an das Flußufer, sich zu ertränken. Im Augenblick, da er ins Wasser gehen will, tritt ihm ein Wegelagerer entgegen und bedroht sein Leben, das er nun aufs äußerste verteidigt, obgleich er eben im Begriff gewesen war, es wegzuwerfen." „Don Jean Paul habe ich nicht viel gelesen, aber daß er mir wesensverwandt ist, fühle ich." „Als H e y s e s „Maria von Magdala" in Berlin verboten wurde, ließ der Großherzvg von Oldenburg das Drama aufführen. Die kleinen Staaten haben bis auf diesen Tag ihr Gutes." „Meine Lebenserinnerungen schreibe ich nicht auf, das ist jetzt zur Manie geworden." Ein paar Stunden waren rasch verflogen, die sinkende Sonne mahnte zum Aufbruch, und ich verabschiedete mich von Meister Raabe. Ein paar Tage später schrieb ich ihm aus der Heimat, und er schrieb mir wieder: „Daß es Ihnen in Braunschweig gefallen hat, freut mich, ebenso Ihre Teilnahme an meinem k. k. Schieferdeckermeister Schönow. Gibt es noch Berliner? In der Hoffnung auf ein behaglich Wiedersehen mit freundlichen Grüßen Ihr ergebener Wilhelm Raabe." Im künftigen Jahr, wenn die ßüfte wieder milder wehen, so hatte ich mir vorgenommen, wollte ich mein Ranzel packen und aufs neue gen Braunschweig pilgern, mich am Iungborn Raabeschen Geistes zu erquicken. Freilich ist es bei diesem Vorhaben geblieben. Raabe hat mir in seiner goldklaren, frohgemuten Weise nach ein paar Briefe geschrieben, die ich als kostbares Andenken an einen unserer großen Dichter bewahre. Der Kinderfchirm. Don Wilhelm Scharrelmann. Es war nicht allzu häufig, aber e8 kam doch vor, daß ich ihn gern einmal aufsuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, so schrullenhaft und wunderlich er mit der Zeit auch geworden war. Ganz in seine Welt versponnen. Hauste er, ein einsamer alter Junggeselle, in seiner Mansardenwohnung, wie in einem kleinen Museum. Sin Unkundiger, der seine Zimmer zum ersten Make betrat, hätte annehmen können, zu einem Kuriositätensammler gekommen zu sein, so viel zwecklose und wunderliche Dinge waren in den kleinen Stuben. Gegenstände, die an sich wertlos waren, an denen aber für ihn irgendein Erinnerungswert hing. Die belanglosesten Richtigkeiten waren darunter, die jeder andere unfehlbar zum Kehricht geworfen hätte. Das Geheimnisvollste waren die beiden alten Mahagonischränke, die mit grünseidenen Gardinen hinter den Glasscheiben ihrer Türen die Längswand seines kleinen Wohnzimmers einnahmen. Rur einige Male habe ich einen Blick in die Welt tun dürfen, die sich in diesen Schränken zusammendrängte. Alte Pfeifenköpse lagen darin, und Zigarrenspitzen aus jedem denkbaren Material, Scherzartikel von Jahrmärkten, zerlesene alte Iugendschriften, ein wahrhaft vorsintflutliches Opernglas, — weiß der Kuckuck, was er da alles zusammengetragen hatte und welche Erinnerungen sich für ihn damit verbanden. Eines Abends komme ich zu ihm, da sitzt der alte Knabe hinter einem Glase Wein am Tisch, einen Regenschirm über dem Kopf, als regne es ihm durch die Decke, raucht eine Zigarre und lächelt mich augenzwinkernd an. „Du kommst zu einer auserwählten Stunde," sagte er feierlich und schenkt mir ein. „Ja, was stehst du denn und gaffst? So leg' doch endlich ab...“ „Der Schirm," stammelte ich. „Es ist das schönste Frühlingswetter draußen, und wenn du Regen und dazu einen Schaden im Dach vermutest, wäre es doch nachher immer noch früh genug. —“ „Mach keine Scherze," sagte er, „oder hältst du mich für einem Rarren?" „Beileibe nicht," beteuerte ich. „Darum wundere ich mich ja gerade." Es war ein unglaubliches Möbel, das er tote ein Mandarin über seinem Kopfe hielt, klein und verbogen und mit einem Handgriff, der für eine Kinderhand berechnet schien. Aber durch Erfahrungen gewitzigt, wagte ich nicht mit Fragen in ihn zu dringen, nahm Platz und begann von anderem zu reden. „Es ist ein Kinderschirm," kam er dann auch nach einer Weils selber aus den Gegenstand meiner Verwunderung zurück, wirbelte den Griff herum und ließ den Schirm über seinem Kopfe kreisen. „Ratürlich," murmelte ich, „ein Kinderschirm. Auch scheint er nicht mehr ganz neu zu sein." „Sechzig Jahre auf den Tag," nickte er und weidete sich an meiner UeberrasHung. „Ja, sv alt ist er. Ich habe ihn in den letzten Jahren ein bißchen eingepulvert, damit ihn mir die Motten nicht zerfressen. Aber nun platzt er vor Alter. Der Ueberzug wird doch allmählich allzu mürbe. Sieh mal, den Riß da, und da ist auch schon einer.“ „In der Tat," bestätigte ich teilnahmsvoll. ,,Aber sechzig Jahre sind für so ein altes Vehikel auch keine Kleinigkeit." „Altes Vehikel?" fragte er und zog die Stirn hoch. Da hatte ich es. Er sah gekränkt aus und versank in Schweigen, um mich nachdrücklich auf die Pietätlosigkeit aufmerksam zu machen, die ich mir hatte zuschulden kommen lassen. „Du wirst ihn später einmal einem Museum übergeben?" fragte ich, um meinen Fehler wieder gut zu machen, „Riemals," versicherte er. „An sich ist er ja wertlos... Für mich besitzt er aber einen Zauber, daß ich mich nie wieder von ihm trennen werde." „Ah!" sagte ich. „Interessiert es dich wirklich?" fragte er, noch ein wenig mißtrauisch. „Siehst du, du wirst das nicht so verstehen können... Kennst du das Märchen von Andersen Ole Luk = Oie?? Gut, ich hätte dir auch nicht verziehen, es nicht zu kennen. Du erinnerst dich an den Wunderschirm, der über den kleinen Hjalmar ausgespannt wurde? Run, dieser Schirm hier ist auch so ein Märchenwunder. Ich bekam ihn als Kind an meinem 7. Geburtstage. Ich sage dir, der alte Schirm hat eine Geschichte, schöner als alle, die Hjalmar träumte. Unter ihm habe ich meine erste Liebe nach Hause begleitet." „Wirklich?" rief ich erstaunt. „Meine erste Liebe," wiederholte der Alte leise und lächelte versonnen zu mir herüber. „Sie ging mit mir in dieselbe Schule." „Ach so —!“ „Ich liebte sie seit dem Sage, an dem ich zur Schule gekommen war. Sie ivar so still und sanft, ganz anders als die übrigen Mädchen, steckte weder die Zunge heraus, noch sog sie am Finger, was ich schon damals nicht leiden konnte. Ich weiß nicht, ob es das war, was es mir angetan hat. Es kann auch der Blick ihrer Augen gewesen sein. Denn hübsch war sie eigentlich nicht, wenn ich heute an sie zurückdenke. Aber schönes, schwarzes Haar hatte sie, das ist wahr. Ihre Mutter flocht es ihr jeden Abend ein und am Morgen hing es ihr in Locken über die Schultern, und das stand ihr so ausgezeichnet, daß es einfach nicht zu sagen ist. Sie war klein und zart. O, ich erinnere mich ihres Bildes noch deutlich. Mit ihr zu sprechen, wagte ich nicht. Ich war viel zu schüchtern dazu. Wenn man ohne Schwester aufwächst, erscheinen einem gleichalterige Mädchen wie kleine Heilige. Vielleicht sind sie es ja auch." Er trank einen Schluck aus seinem Glase und zündete sich eine neue Zigarre an. „Also, um die Sache kurz zu machen, eines Tages, wir mären eben aus der Schule entlassen, brach ein furchtbarer Platzregen vom Himmel herunter. So ein richtiger Aprilregen, weißt du, Tropfen wie Talerstücke. Run, ich hatte am Morgen diesen Schirm geschenkt bekommen — und sie hatte keinen. Darin liegt alles, was ich dtr erzählen wollte..." „Und deswegen —“ . „Habe ich den Schirm aufbewahrt, ja, und feiere heute diesen Sag, der jetzt schon so lange Jahre hinter mir liegt. Meinst du, der Anlaß wäre zu klein, ihm eine Stunde der Erinnerung zu schenken? „Und seitdem hast du den alten Schirm —“ „Bewahre. Rach dem Tode meiner Eltern sand ich ihn zwischen allerhand Gerümpel auf dem Hausboden wieder und rettete ihn mir. „Run, — und das Mädchen, von dem du erzähltest? Deine Geschichte hat keinen Schluß," drängte ich ihn. „Du hast recht," nickte er. „Aber es ist wirklich nicht viel nachzuholen, beim was die Kleine anbetrifft, so habe ich sie schon em paar Jahre später aus den Augen verloren... Ich kam damals auf das Gymnasium und vergaß sie gründlicher, als ich jemals angenommen hätte. Später bin ich allerdings wieder mit ihr zu- sammengesührt worden. Das Leben ist ja oft wunderlich Es war auf der Hochzeit deiner Eltern, als ich sie zuerst Wieders ah. Ich habe sie an diesem Sage an unseren Weg und diesen Schirm hier erinnert, und sie lächelte wie ich." „Wirklich, du trafst mit ihr zusammen?" „Uebrigens hast du sie selber gut gekannt." „Ich?" fragte ich verwundert. ( „Jawohl," nickte er. „Riemand hat sie so gekannt und ihre Sanftmut und Stille geliebt, wie du... Sie war deine Mutter, mein Junge." Ofterjchnee in der Campagna. Von Gustav W. Eberlein, Rom. Jahrtausende fassen einander an, körperlich fühlbar, wenn d« Gummireifen über das Travertinpflaster rollt. In die tiefen Radspuren und Löcher gleitet, die einst Biga und Quadriga eingertsfen haben. Wenn die vierundzwanzig gekoppelten Maschinenpf erde über die Via Appia fliegen. Sie ist ausgefahren, die Straße, von den Wagender Casaren und den Fuhrwerken einer Stadt, die damals weit größer war cus das heutige Rom. Ausgefahren von der Zeit, die nicht die unfrtge ist. Wir haben zur Pflasterverschlechterung wenig bei getragen, denn in — Schnee! ’ Das ist ein Land! So viele Sterne Hat der Himmel nicht. Wenn man sich neben das Bächlein legt, schlagen die Narziss« nber einem zusammen. Der Himmel wird maßlos weit, maßlos blau, maßlos tief. Der Heiland Frühlingstag hat plötzlich ein Pan^rhemd an, senkt aber tief den Speer — Parsifal geht über die Aue. ' 2lun wächst auch die Burg aus Blumen heraus. Die Gralsburg, fTammrr.t totenstill bat kein Dach, eine blaue Glocke liegt über ihr die tönt Es gibt nichts Gewaltigeres als dieses --onen. Es t|1 ** .**. w «L ine »u Wer wissen will, wie sie hießen, braucht nur die Grabsteine zu lesen Aichts erhält sich sonderbarerweise so gut wie m Stem M schnittene Buchstaben. Bor allem die Familie Claudius scheint recht zahlreich gewesen zu sein, vielleicht waren das die Mull« und $Reier des altrömischen Adreßbuches. Die Gänseblümchen^ kichern, und das Kichern steckt an. Wir mocyten am liebsten schnurstra cks tn die Wiese hineinlausen und uns im jungen Gras walzen. Äebrigens, warum sollen wir es nicht tun? Hier gibt es keine Polizisten und keine Verbotstafeln . Wälzen wir uns. Den Hügel hinunter, m dem Gott wech was für ein Scivio samt seiner Sippe schlummert. Die Ehrfurcht vor feinem Alter steht uns jetzt nicht. Besser, auch das Ma^m-nenblau abzulegen. Wir '-wollen Kinder sein und staunen. Richtwisten. Schließlich ist auch das Wissen nur em großes Staunern Der H^- land Frühlingstag nimmt uns bei der Hand und fuhrt uns tn Die schweren, prunkvollen Goldwände, von denen sich die mittel* alterllchen Heiligengestalten in starrem Ernfw «bh«bem rauschen zurück — eine neue Welt entsteigt den weichenden, schimmerndenWogen. Die Landschaftsmalerei ward geboren. Aber die Seele der Laiidschaft, unendlich vielgestaltig in ihr« eigenen wie in ^m sie Ä- -2 “ L Ä w.- *> die Ratur uachschafsend zum Leben zu erwecken, wenn siesichsellist den dumpfen Banden des Winters entwand in der rau^tden^Er löserstunde des Frühlings? Mußten nicht gerade nordische Kunst!« nach ihres heimatlichen Winters schwerer, langer Dacht den Hymn^ des Frühlings zuerst verstehen und nachllingen lassen? Wie die sroßen Söhne der nordischen Erde, die Brüder van Eyck, als die Ersten der Ratur ihr Bild geraubt haben", so mutzte mit inner«Nollo« digkeit das erste ^hliugsbild, das «ne Wirkli^mtswelt sich neu erschlietzende Malergenerallon schuf, diesseits der Rlpen seine Gestaltunq finden. Der feinen, kunstvollen Feder dem zarten und doch farbenfreudigen Pinsel germanisch-niederiandischer urL flamisch-b * de Turin“ die in ihren reissten^Blättern auf das innigste mll dcmr lll?gsdarstelluiigen^aus,^n^ltestm^er SMinta best7nden?^FlublaMchast SÄÄÄ VM ÄSS l Liefen Darstellungen die Landschaft doch 'wr das MtatigunMeld für das menschliche Schaffen in dieser Jahreszeit bildet, so tritt sie m ben Frühlingsbildern des breviarium Sr.mam sAn a^s «n u Pnnhtoaft u in die sich des Landmanns und des Hirten Tatigkell chM«n Wie «s auch aus der von der Feuchtigkeit des kleinen Teichs «auickten im ersten Grün prangenden Wiese spricht., n&« die em I Drautpaa'r schreitet, während ein blumenpflückendes Machchmsichder Freude an der jungen Blutenpracht hmglbt. Ja, diese ^uyimg» Mfitenfinber sie haben es den Miniaturmalern ganz besonders ange I EBäs1 W» ”ää» ftS ÄÄS. slFjssä , | sichen sich gefallende Schönheitsideal des AuattroceMo, ward ihm ' fein Deich im Hintergrund der Andachtsbilder und dortraOz g Schnee! Lausen wir, farbigen wir, Walzen, tn Schnee tSoTtert toi, ims wälzen! An Ostern in der römischen Campagna. Dieser Schnee! Wie der sich um die Glieder legt, wie man, baß Gesicht vergräbt in seinen seinherb« ®uftl Es ^nb lauto ®an^ blümchen. Aichts als Gänseblümchen. Warum sich stellenwe^ so dicht zusammenfinden wie die Flocken, wer man das wigen. Aus einig« Entfernung sehen sie jedenfalls zurückgebliebnen Schneefeldern zmn Verwechseln ähnlich Sie siegen im fachem Fel^ sw liegen unvermittelt in den Oefa«gen. Die txcbit^ bDr JMH« längst ausgehöhlten Oliven drüben an den Hangen spiegeln sich auch in solchen Weißen Aeberraschungen. Ostern in Dom." Ein vor Verheißungen geschwollenes, ein tn Wirklichkeit hohles Schlagwort der Fremdenindustrie. An Ostern sieht man in der Tfaerswdt viel, sehr viel von dem was man auch anderswo in anb«en Städten steht, eme Neche von Kirchenfeie«. Sonst nichts. W« die römischen Oftern crleto toin, d^ muß hinauswandern vor die Tore. In die nur im Frühling erträgliche Steppe, in die blühende Campagna. „r, . * nw, Mutz den Gral suchen im Campagnaschnee. Das Glück der Vergänglichkeit erkennen in einem Frosch, d« stech und grün Geschichte ins allzustrenge Gesicht sprmgt. And sich kindevglaubig führen lassen vom Heiland Frühlingstag. Maler des Frühlings Don Dr. Hedwig Fisch mann- melsbläue zwischen Blüten» und früchtebehangenem Geäst, ein bon buntem Blumertreichtum überschütteter Wiesengrund bilden den ver- schwenderisch prunkenden Rahmen, der die Gottheiten der Liebe und des Frühlings mit ihrem Gefolge umschließt. Blumen allüberall, auf den Gewändern und in den Locken, auf den Weg der Liebesgöttin! gestreut und selbst dem Munde der Flora entquellend — so hält der Frühling seinen rauschenden Triumphzug durch das Frühlingsland Italien. Ruhigeren Schrittes, nicht in das reiche Märchengewand der Allegorie gehüllt, schreitet der Lenz durch die nordische Kunst jener Zeit. Erdennähe und Derbundenheit von Mensch und Landschaft atmen ihre Frühlingsdarstellungen in der Tafelmalerei, wie sie es schon in den Miniaturen getan. Sn dieser Richtung liegen die charakteristischen Bilder des Joachim P a t i n i r, wie seine „Ruhe auf der Flucht" mit der weiten, vom ersten Lenzesbrodem durchzitterten Landschaft, die erfüllt ist von der emsigen Tätigkeit der in diesem Boden verwurzelten Menschen. Wie die Krönung dieser ganzen Entwicklungsreihe erscheint des Bauern-Drueghel Frühlingsbild in der Wiener Galerie. Roch liegt der Schnee auf den Höhen, noch zeigen die Bäume winterlich kahles Geäst; aber schon geht das leise Regen erwachenden Lebens durch die Ratur, den Landmann zu neuer Arbeit rufend. Doch aus der Enge menschlichen Dützlrchkeitsschaffens schweift der Blick im Hintergrund in die lockende Weite des windbewegten Meeres. Pieter Brueghels Kunst hat den befreienden Weg zu einer höheren Llaturerfassung gefunden. „Warum soll man immer alte verräucherte Leinwand betrachten und niemals die Landschaft, das frische Grün und dir Sonne?" Diese Worte Constables geben die Grundmelodie seines eigenen, an äußeren Motiven so bescheidenen, an innerem Erleben so reichen künstlerischen Schaffens, das eine neue Aera der Landschaftsmalerei eröffnet. Sie finden ihre Bekräftigung durch die Tat in jener Reihe von Gemälden, in denen er die wohlkultivierten, svnnendurchfluteten Gefilde des heimatlichen Suffolk — dieselben, die auch Gains - b o r o u g h gemalt — im Frühlingsglanz, aber auch im Frühlingssturm, in der Spannung vor dem Gewitter gebildet hat. Bon Constable führt der Weg zu b ^r Schule von Fontainebleau, vor allem zu dem Maler des Frühlings, zu Daubignh, der dem Engländer auch in der Schlichtheit seiner Motive und ihrem inneren Reichtum verwandt ist. Seltsam, wie die Gegensätze in der engen Gedrängtheit des Kreises von Fontainebleau zusammenstoßen, wie sie sich widerspiegeln in den Frühlingsbildern dieser Gruppe! Wenn M i ll et den Frühling denkt, dann tritt er ihm in den: mit schweren Schritt über den aufgepfiügten Acker hinschreitenden Sämann in die Erscheinung; Daubignh gestaltet er sich zur friedvollen Flachland- schast, der zarte Baumstämme und blühende Sträucher im kühlen Sonnenlicht entragen; bei Corot, dem den Künstlern von Fontainebleau nahestehenden Meister, breiten sich silberne Schleier von Duft und Dunst über die nebelhaft Verschwimmenden, frühlingszarten Daumsilhouetten, Über stille Wiesen- und Wasserflächen. Don ihm geht die Linie zu den Frühlingsbildern der Smpressionisten. Immer voller, immer blütenreichen schlingt sich der bunte Kranz der Lenzdarstellungen auch auf deutschem Boden, seit August Wilhelm Schlegel, der Wegbereiter der Romantik, die Landschaftsmalerei als die höchste der bildenden Künste gepriesen, Wohl war in der tiefen, schwermutsvollen Kunst Kaspar David Friedrichs, des , reichsten Vertreters der romantischen Landschastsmalerei, kaum Raum \ für des Frühlings Sonnenland. Doch als die schwere Gedankenwelt I der Romantik dem behäbigen, im Erdendasein wurzelnden Biedermeier weichen mußte, war des Lenzes Herrscherreich in der deutschen Malerei begründet. Sn Wald Müllers Bildern blüht und jubiliert der Frühling, wenn er Einzug hält in die lieblichen Täler und über die sanften Höhen des Wiener Waldes, jauchzend begrüßt von jung und alt. Sn Ludwig Dichters „Brautzug" schreitet er singend Über die sonnenbeschienene Waldlichtung, den machtvollen Grundton des rauschenden Dreiklangs Lenz, Sugend und Liebe angebend. ülrtb noch reicher, noch zahlloser wird die Gefolgschaft der Maler, die der Frühling um sein siegreich triumphierendes Danner in allen Landen schart. Rur zweier Künstler, die ihm heiß und inbrünstig gebient, sei hier noch gedacht: Hans Thomas, des Malers des deutschen Frühlings, und Arnold Böck lins. Sanfte, milde Heiterkeit ist der bestimmende Grundzug der Thomasschen Frühlings- gefilde. Sonnenschein und Kinderlachen,, emporsteigend aus derber Buben und Mädchen Kehlen beim fröhlichen Ringelreihen, erfüllt seine Lenzbilder. Doch auch die stille Versonnenheit, die Frühlingsmärchenstimmung ist ihnen nicht fremd. Das Frühlingsmärchen — das große Wundermärchen des Erstehens aus der Dacht des Wintertodes, das ist die Welt Döcklins, durch die er mit märchengläubigen Augen wandelt, sie in den leuchtenden Mantel seiner Farbengluten hüllend. Bei Floras lockenden Harfenklängen sieht er die Blumenkinder sich dem schweren Winterschlaf entringen, sieht der Frühlingsgenien ausgelassenen Reigentanz am Wiesenquell, oder lauscht der Grazien SchönhÄts- und Lenzes- hhmnus. Aber auch das dunkle, ahnungsvolle Wissen um die Vergänglichkeit all dieser blühenden Schönheit senkt seine Schleier über Döcklins Frühlingsbilder, klingt aus der schwermütigen Melodie des flötenden Pan in die Stille des Abends wie aus dem Rhythmus der ernsten Frauengestalten, di« durch die lachende Au" schreiten. Doch die ergreifendsten Töne für die schicksalhafte Derbundenheit des keimenden und des absterbenden Lebens, des strahlenden Frühjahrs- glanzes und der müden Todesnähe fand der Künstler in seinem reifsten Frühlingsbild „Die beiden Alten in der Gartenlaube". Der Dreiklang Lenz, Sugend und Liebe, der aus so vielen Frühlingsdarstellungen erklingt, ward hier gewandelt und vertieft zu dem weltumspannenden Zweiklang des Werdens abhängen, geben uns denn diese Einrichtungen wenigstens ein rich» ; ktges Abbild der Welt? Dieser Frage näher zu treten, ist besonders interessant an dem Sinnesorgan, das uns mit Recht das wichtigst« ist: Am Auge. Denn wir haben hier den Äorteil, daß wir bequem einen Vergleich anstellen können mit einem Apparat, der ganz sicherlich em im mathematischen Sinne „ähnliches" Bild der Llmwelt zu- wegebringt, d. i. eine gut geschliffene Linse. Oder vielmehr muß man heute sprechen von einem Linsenshstem, das allein eine vollkommene Leistung ermöglicht. Die Frage, was für Fehler überhaupt tn einem (optischen) Bilde denkbar sind, Wird aufs beste durch eine schlechte Linse beantwortet; sie gibt ein verzerrtes, unscharfes, fleckiges Bild, und um Helle Gegenstände Regenbogenfarben, alles Dinge, die in Wirklichkeit gar nicht da sind. Wird das menschliche Auge nach diesen angedeuteten Gesichtspunkten untersucht und der Bergleich mit einem modernen erstklassischen Linsensystem, etwa dem einer teuren Kamera, angestellt, so muß man sagen, daß unser naturgegebenes System — denn um eint System handelt es sich auch in unseren Augen — nur ein zweitklassiges darstellt: Ein Triumph der Technik! Denn wirklich läßt sich bei starken Vergrößerungen ohne weiteres zeigen, daß die Rundung der Hornhaut z. D. nicht die exakte Qinie zeigt, wie eine Präzisionslinse, daß die Mittelpunkte der das System zusammensetzenden brechenden Flächen keineswegs ganz genau in i einer geraden Linie liegen, auch durch Erschütterungen geringer Art ■ schon kleinste abweichende Bewegungen machen können, das von der Außenwelt entworfene Bild dem Rande zu rasch sehr unscharf wird, ja daß feinste Trübungen und Stäubchen fast in jedem Auge gefunden werden können, alles Dinge, die in einem guten optischen System niemals vorkommen. Daß vor allem die Regen- bogenbildung um Lampen und Bergt, ziemlich stark ist, erkennt man ohne weiteres beim Selbstversuch. Es erscheinen ferner abends die Lichter von weitem als strahlende Sterne mit unregelmäßigen Strah- : lenbündeln, obwohl wir all« doch wissen, daß diese Lampen ihr i Licht durchaus gleichmäßig verteilen. Das erklärt sich aus der L.n- • regelmäßigkeit der Lichtbrechung an der Oberfläche unseres stets ! feuchten Auges, die sich erst störend bemerkbar macht, wenn sehr viel Licht auf einen sehr kleinen Teil dieser Oberfläche fällt. Sn diesem! Falle treten also die an sich geringen Fehler unseres Sehorganes so hervor, daß sie di« Richtigkeit des Bildes hem" rächtigen. daß wir sie „mit eigenen Augen zu sehen" vermögen. Sst die Technik also der Ratur voraus? Dach Vorstehendem würde man das ganz sicher mit Sa beantworten müssen, wäre mit dem Gesagten die Leistung unserer Augen schon erschöpft. Aber das Auge leistet noch viel mehr, als die Kamera. Denn wir haben noch einige Eigenschaften des von uns gesehenen Bildes vergessen, nämlich die Tatsachen, daß wir in der Welt Farben sehen, ferner Bewegungen und endlich die Entsernung der Dinge, b. h. ihre Lage im Verhältnis zu uns zu beurteilen vermögen. Sehen wir die Bewegungen richtig? Die Erfindung des Kine- matographen beweist, daß das nicht der Fall ist, denn er vermittelt uns das gleiche, das Sehen der Bewegung, obwohl jedermann weiß, daß die kinematographische Aufnahme jede Bewegung in einzeln« unbewegte Bilder zerlegt, und sozusagen die Hälfte wegläßt. Wir merken es nicht, wir können es nicht merken, weil die Zwischenräume zu klein sind. Wir sind an der Grenze, der sinnlichen Möglichkeiten! angekommen. Auf interessanteste Weise entsteht ferner die Vorstellung von der Daumlage eines Gegenstandes einfach dadurch, daß etwas als um so seitlicher (oder höher oder tiefer) empfunden wird, je weite« entfernt vom Mittelpunkte des Auges der Gegenstand sich abbildet. Gelingt es nun, das Bild eines Gegenstandes im Ange zu verschieben, z.B. dadurch, daß das Auge für den Betreffenden unmerklich bewegt wird, so wird sofort sein Raumurteil fr : er soll den Gegenstand fassen und er greift vorbeiI Normale...eis« werden indessen! unsere Raumurteile (in bezug auf uns selbst) richtig fein, es sollte nur gezeigt werden, wie leicht es ist, diesen automatischen Vorgang zu überlisten, eine Sinnestäuschung zu machen. älnd endlich, sehen wir Farben richtig? Dem physikalisch Vorgebildeten erscheint diese Frage müßig, weiß er doch, daß es sich hier um Schwingungen verschiedener Wellenlänge handelt, also um quantitative Unterschiede, etwas, was wir betreffs unserer Farbenempfindung niemals zugeben können. Wenn, also offen gesagt wurde, daß die Leistungen unserer normalen Sinnesorgane allein durch den Zeitbegriff eine starke Begrenzung ihrer Wiedergabemöglichkeiten im Sinne der absoluten Richtigkeit erleiden, wieviel illusorischer noch wird dieser Richtlg- keitsbegrifs bei der Analyse unserer Farbenempfindung. Hier erkennen wir, baß durch den Einfluß der Umwelt in uns Dinge entstehen, deren Gebundenheit an uns selbst wir zugeben müssen als nur durch unsere Ratur begründet. __ Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.