GiekeimKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ■ Jahrgang <9 21 Nummer 22 Unser literarisches Preisausschreiben Sam-Lag, den §9. Marz Wir bringen heute die beiden letzten Aufgaben unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen. Sie Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Sämtliche Lösungen sind in der Zeit vom 20. bis 26. März bei uns einzureichen. XI. Breit' es aus mit deinen Strahlen. Senk' es tief in jede Brust: Eines nur ist Glück hieuieden, Sins: des Innern stiller Frieden Und die schuldbefreite Brust! .Und die Gröhe ist gefährlich, Lind der Ruhm ein leeres Spiel; Was er gibt, sind nicht'ge Schatten, Was er nimmt, es ist so viel! Als diese Rächt ich schlaflos stieg vom Lager .Und, öffnend meiner Hütte niedre Tür, Aus jenem Dunkel trat in neues Dunkel, Da lag das Meer vor mir mit feinen Küsten, Ein schwarzer Teppich, ungeteilt, zu schaun, Wie eingehüllt in Trauer und in Gram. Schon gab ich mich dem wilden Zuge hin; Sa, am Gesichtskreis, flackert hell empor Ein kleiner Stern, wie eine letzte Hoffnung. Zu goldnen Fäden tausendfach gesponnen. Umzog der Schein, ein Retz, die trübe Welt. Das war dein Licht, war dieses Turmes Lampe. XII. Sie Triumvirn Europas haben an Stelle des Gesetzes Gewalt gesetzt. Auf dem weiten Erdenrimd gibt es nur Rechtsbrüche und Gewalttaten, und wenn uns das Glück nicht sonderlich hold ist, wird die Tyrannei die ganze bekannte Welt in Ketten schlagen. Mir alle müssen uns mit dem Gedanken trösten, dah unser Jahrhundert in der Weltgeschichte Epoche machen wird, und daß wir Zeugen der außerordentlichsten Ereignisse getoefen sind, die das wechfelreiche Schicksal feit lange bertw. gerufen hat. Das ist viel für unsere Reugier, aber nichts für unser Glück. Offen gestanden, fiel ich aus allen Wolken, als ich einen Lorbeerkranz aus Seinen Händen erhielt. Wäre etwas imstande, mein armes Hirn zu verwirren, so wären es die Artigkeiten, mit denen Su ihn begleitest. Aber ich habe mich ziemlich rasch wieder von meinem Staunen erholt, in dem Gedanken, daß Virgils Schatten alt genug geworden ist, um zu faseln, und dah man in der französischen Küche den Schinken die Ehre erweist, sie wie die Helden mit Lorbeeren zu schmücken. Rur das Uebermatz Seiner Nachsicht gegen mich kann Sir Illusionen über mich machen, aber bei reiflicher Selbstprüfung sehe ich in mir nur ein armes Wesen, aus Gutem und Schlechtem zusammengesetzt und oft sehr unzufrieden mit sich selbst. Ich wünscht« sehr, vollkommener zu fein. ISNS Pster Iarobfsn. Von Sr. Gerhard Rieder m eher. Su Blume im Tau, Su Blume im Tau Flüstre vom Traum mir, dem Deinen. „Ich bin am 7. April 1847 in Thisted geboren; was Ereignisse anlangt, so weiß ich mich wirklich auf keins zu besinnen, das von Interesse sein und erwähnt werden könnte; die dagegen, die nicht erwähnt werden können, sind natürlich interessant genug. Saß ich ein Werk, die SeSmibiaceen, geschrieben habe, wissen Sie ja. Es heißt übrigens Apergu critique et System atique sur les desmidiacees du Dänemark und ist außerordentlich gründlich, ob irgendein Mensch es gelesen hat, ist dagegen zweifelhaft." Siefe Worte schrieb Jacobsen im Rovember 1880 in einem Briefe, der mit der Feststellung beginnt, daß es die Art großer, guter Menschen sei, langmütig zu fein, die Art anderer, langsam zu fein. Sief em Bekenntnis und diesem Lebenslauf ist, äußerlich betrachtet, nicht einmal viel hinzuzusügen, nämlich nur, daß Jacobsen in den Jahren 1872 und 1875 Sarwins Hauptwerke ins Säuische übersetzt, ferner, dah er zwei Romane, fünf Novellen, einige Gedichte und wenige Fragmente im Gesamtumfange von noch nicht tausend Seiten verfaßt hat. Und dah er 1884, keine vierzig Jahre alt, in Thisted gestorben ist. Sie beiden Romane sind „Marie Grubbe" und „Riels Lyhne". Am ersteren arbeitete er vom Frühjahr 1873 bis zum 4. Dezember 1876. Offenbar um den Literaturforschern einen Streich zu spielen, verbrannte er nach der Drucklegung sämtliche Notizen und das Manuskript. Das Werk stand in Gefahr, überhaupt nicht fertig zu werden; schon vor seinem Abschluh bewegte ihn ein neuer Plan, Der zu „Niels Lyhne", woran er bis zum Jahre 1880 schuf. Heber „Marie Grubbe", deren erste Kapitel Georg Brandes in die Erstlingsnummer seines „19. Jahrhundert" aufnahm, und für das er sich nach dem Erscheinen des Werkes mit feinem ganzen Einfluh in Fornt einer eingehenden Analyse, wie vielleicht nur er sie schreiben konnte, einsehie, beliebte das Kopenhagener Tageblatt zu schreiben: diese Arbeit hätte Der Herausgeber nicht aufnehmen sollen. Es sei ein Stümpfchen einer Novelle. „Unkritisch", „linkisch", besonders werden die Naturschilderungen bemängelt. Herr Jacobsen kenne zwar die Einzelformen Der Natur und traue sich auf Grund dieser Kenntnis zu, Schilderungen zu geben. Er stelle eine Reihe von Gegenständen in einer Reihe auf, beschreibe jeden einzeln, erzähle von Beleuchtung, von Farbton, von der Luft... und glaube, ein Bild gegeben zu haben. Dichter fei Herr Jacobsen nicht. Jacobsens dichterische Versuche von seinem zehnten Jahve an bis zu seiner ersten Veröffentlichung „Mogens", zu der er sich mit fünfundzwanzig Jahren entschloß, sind in Dkr Kgl. Bibliothek in Kopenhagen gesammelt. Sie umfassen lyrische, epische, dramatische Versuche und spielen in allen Tonarten. Sie sind aller Originalität bar und Schülerarbeiten. Deutlich abhängig von der jeweiligen Lektüre, dis ihn beschäftigte: Oehlenschläger, Helberg, H. E. Andersen, Sören Kierkegaard, Schack Staffeldt. Jedes Talent scheint zu fehlen. Jacobsen wiederholte stets das gleiche Motiv. Es sei Denn, daß man mit Kierkegaard gerade in diesem zähen Festhalten des einen Gedankens den Geist zu erkennen und zu bewerten und in all den dichterischen Bemühungen den ungeheuren Drang nach Selbständigkeit aufzuspürenj vermag, mit dem Jens Peter sich selbst in seinen Vorbildern suchte. Jung, lang, linkisch, sich tief verneigend, so daß das blonde, lange Haar ihm über die Stirne herabfiel, so erschien er eines Tages mit einem Heft Gedichte in der Hand bei Georg Brandes. Am Abend vorher war im Kgl. Theater ein schreckliches Stück über Die Bretter gegangen, nur ein einziges Mal, anonym. Als seinem Urheber ward von einem gewissen Jacobsen gemunkelt. Brandes sandte Dem Jüngling Die Verse wieder zurück mit Dem Bemerken, er möge keine schlotterigen Verse mehr schreiben. Die seltsam lose Form Der Gedichte verband sich Dem Kritiker mit dem Eindruck Der Persönlichkeit des Verfassers, Dem er drei Jahre später begegnete — mit einem Lächeln — „dem feinsten, seelenvollsten Lächeln". Dies war Der Dichter Der „Marie Grubbe". Das 19. Jahrhundert hatte Dänemark nur wenige Dichter geschenkt: außer Söven Kierkegaard, dessen dichterisches Genie sich uns vor allem in seinen Tagebüchern offenbart hat, Der aber doch stets auf Der Grenze des Dichters und des Dialektikers lebte, noch einen anderen Sohn Der Haide, Steen Steensen Dlicher, Der schon vor Jacobsen Das Grubbe-Motiv in einer von Haideduft umwobenen und überaus fein ausgesponnenen Novelle verwandte, und Dartn eigentlich nur noch einen, Den in Deutschland noch unbekannten Paul Möller, Den Troubadour im Dienste Der Ironie, dessen Gestalten sowohl Sören Kierkegaard wie später Jacobsen vorbildlich waren. Er hat in feinem „Liceniiat" (Eines Studenten Abenteuer) die Air* figur des Träumers, Der das Verhältnis zur Wirklichkeit nicht finden kann, geschaffen. Alle Drei Dänen von reinem Geblüt. Was sonst noch Blumen und Früchte trug im dänischen Sommer, ist mit ihm dahingegangen. Herbst war's geworden. Der Winter kam, und dann —? Sann erscheint eben Jens Peter Jacobsen; und mit ihm kommt Der Durchbruch, ja, Der Frühling selbst, das Licht, das allem Farbe gibt und alles überglänzt. Suchen wir eine Farbe für diese Kunst, so ist es ein tiefes, warmes und weiches Goldbraun, vom Himmel nieder auf die Erde fallend und alles in feinen/Bann ziehend: das Glockenblümchen, das im Haidewind schwankt, die Rose, dw rn der morschen Mauer blüht, die letzte Blüte des ülox auf halboeiDorr^it Blütenstengel mit ihrem rosa-rotem Schimmer, und dazudas Leben und Weben der Menschenseele, ihr Traumen, ihr Erwachen, ihr Ringen, ihr Sterben, Jens Peter Jacobsen erscheint: botamstereiG, Darwin übersetzeiid. Der Nachtrabe der literarischen Geschäft svrächig und voller Pläne, aber noch mehr voller Traume. Er erscheint zart und sein von Gesicht, mit seinen schönen, klugen Augen, m denen das Genie selbstsicher seilt Gezeit ausgeschlagen, und den Wund verdeckt durch den schönsten Schnurrbart, lang und weich tote Seide. Sohn der jütischen Haide, kommt er daher, Sohn der Haide, die ihm Leben und Tod bedeutet. , ___ 2ln einem Spätherbsttage geht er m den Ordrupsumpf, um Pflanzen zu sammeln, stapft mit bloßen Füßen im kalten Wasser herum. Nie hatte ihm etwas gefehlt, und. er meinte, chni könne Nichts schaden. Im Frühjahr 1873 der erste Blutsturz! Leben wird ihm zum Leiden. Er verzichtet auf die Ehe, er weiß, er ist dem -Lode verfallen — vergeblich sucht er südliches Klima auf: Montreux, Florenz, Capri, Südfrankreich. Paul Möller fang sein Heimweh- und Rosenlied „Freude über Dänemark" auf seiner Wikingerfahrt fern in der ©ubfee; Jacobsen begriff sich in seiner Liebe zur Heimat und zur Landschaft der Haide — Wolken Über unendliche Fläche jagend, auf dunklem Grunde die schimmernde Erika, duftendes, tiesbra'.mes Moor und m der Ferne der Farbenwechsel des toeiten Meeres — als er in Mviitreux vergeblich versuchte, Berge zu „verstehen": als er verwirrt aus den Galerien Roms und aus Capri floh und in der Provence nicht begriff, daß dies wirklich die Provence sei! „Ein lehmiger Fluß Mit schlammigen Sandstellen und unendliche Äser aus steingrauem Kies, blatzbraune Felder ohne einen Grashalm, blahbraune Abhange, blaß- braune Hügel und staubhelle Wege und hier und da bei den weihen Häusern Gruppen schwarzer Bäume, vollständig schwarze Büsche und Bäume und über diesem ein weißlicher lichtzitternder Himmel... Wesentlich für sein Lebensgefühl ist, daß er sich hier uird da einen „Atheisten" nennt. Ein Negatives schwingt hier mit, Desillusionierung; kein Versuch liegt vor, es wissenschaftlich zu ergründen. In harter Objekttvität tritt auch das Religiöse als psychologische Tatsache in seinen Dichtungen hervor, aber kann einer sagen, hier sei kein religiöses Grundgefühl nlächtig? Hier, wo alles beseelt ist — man leie Frau Fönh letzten Brief an ihre Kinder, man hättg Rainer Maria Rilke darum fragen können. Kierkegaard ist der Schöpfer der dänischeii Literatursprache; bewundernd schaut Jacobsen zu ihm auf, der „morgens zu frühstücken pflegte, indem er seine Feder als Gabel benutzte." An optischem, ja akustischem künstlerischen Dermögen steht Jacobseii ohnegleichen da, er, der krank wird, wenn er rot und lila nebeneinander sieht. .Dieser Blütenreif, der sich in Schiinmer und Schatten träufelte, von Weiß, das errötete, bis zu Rot, das blaute, von feuchtem Rosa, das nahezu schwer ist, zu einem Lila, so leicht, daß es konimt und geht, als flösse es in der Luft —. Jedes einzelne gerundete Blumenblatt lieblich gewölbt, weich int Schatten, doch im Licht mit tausenden fast unmerklichen Funken und Blitzen, mit all seinem herrlichen Aosetiblut, in Adern gesammelt und über die Haut verbreitet... und daim der schwere, fuße Duft, der treibende Drodem des roten Nektars, der in den Tiefen der Blume kocht. Hurtig streifte sie die Aermel auf und legte die nackten Arme tu der R:Mit milde feuchte Kühle..." .Uno dann das Menschenauge: „Es gibt eine Blume, die Perlenhyazinthe genannt wird; tote diese blau ist, also toaren ihre Augen an Farbe; doch sie waren wie der wirbelnde Tautropfen an Glanz und tief tote ein Saphhrstein, bet im Schatten ruht. Sie konnten sich senken, so scheu wie ein süßer Ton, der stirbt, und sich heben, so keck wie eine Fanfarck..." Mit einem Blicke und mit seitlich hin geworfenen Beobachtungen hebt er tiefes, seelisches Phänomen aus der Verborgenheit ins Licht, ahmmgsschwer und Vorzeichen der naturnotwendigen Katastrophe. Wer vergißt die Schilderung der Marie Grubbe, kurz bevor Ulrich Frederik zu ihr in den Garten tritt? „Es war eine hohe schlanke Gestalt; fast schmächtig war sie, jedoch die Brust war breit und voll. Ihr Teint war blaß und wurde itoch blässer durch das reiche, schwarze, lockige Haar und die ängstlichen. großen, schwarzen Augen. Die Nase war scharf, jedoch fein, der Mund war groß, aber nicht voll und hatte eine krankhafte Süße im Lächeln. Die Lippen waren sehr rot und das Kinn etwas spitz, allein dennoch stark und kräftig geformt. Ihre Kleidung war nicht sehr ordentlich: eine alte schwarze ©amntetrobe mit ab geblaßt er Goldstickerei, ein neuer grüner Filzhut mit großen schneeweißen Straußfedern und Lederschuhe mit rot geschlissenen Nasen. Sie hatte Daunen im Haar, und weder ihr Halskragen, noch ihre langen weißen Hände waren ganz rein.“ Morgen- und Abenddämmerung, beides weiß Jacobsen unvergleichlich zu malen. Für das Aufgehen der ersten Liebe, die wie ein wundersamer Lenz in der Luft liegt und mit einer Sehnsucht schwillt, die Wehmut ist, mit einer Unruhe, die das leise pochende Glück ist, weih er unvergleichliche Worte zu finden. „Das Traumland taucht aus dem Nebel auf, mit Golddunst auf zarten Buchenkronen und duftreichem ©ommerdunkel unter dem Laube, das sich über Wege legt, von denen niemand weih, wo sie enden." Ja, wie die Menschen, die er geschaffen, liebte er über alles das Land süßer Träume. „Hält' ich doch, o, hält' ich doch ein Enkelein, o ja! Die Truhe voll mit vielem, vielem Geld, so hält' ich doch wohl auch einmal ein Kind gehabt, o ja! Und Haus und Hof und Wies' und Wald und Feld. Hätt' ich doch, t> hält' ich doch ein Töchterlein, o ja, und Haus und Hof und Wies' und Wald und Feld, So hätt' ich doch wohl auch einmal ein Lieb gehabt, o ja! Mit Truhen voll, mit vielem, vielem Geld!" Der Träumer Mogens, dem dies Liedchen gesungen wird, sucht die Trägerin der zarten Stimme. „Er lies; es raschelte zur Rechten, es raschelte zur Linken, es raschelte Dome, es raschelte hinten, er raschelte, sie raschelte und alle die Laute und das Lausen selbst machten ihn eifrig, und er rief: „Guck, guck, wo bist?" — . Im Frühling 1884 starb Jens Peter Jacobsen. Im begrünenden Frühling, ben er so liebte. Er hat einmal gesungen: „Nicht möchte ich sterben, wenn die liebe Sonne froh die Natur umfängt mit ihrem Glanz!" Als ihm die Mutter kurz vor dem Hinscheiden einen blühenden Kirschenzweig in den Schoß legt, da ergreift er ihn mit liebkosenden Händen, und ein schnelles Blinken der Freude tritt tn f«ne verlöschenden Augen — dann aber scheint er sich zu besinnen und flüstert mit matter, zärtlicher Stimme, daß es doch Sünde sei, die schonen Blumen für ihn abzubrechen. Dis zuletzt ist sein Geist in feiner Welt, bunt gemischt aus Wirklichkeit und Träumen... Eins seiner letzten Worte, das wir in seinen Fragmenten finden, lautet: „Licht übers Land! — Das ist's, was wir gewollt." Nicht möcht ich sterben ... Don Jens Peter Jacobsen. flicht möcht ich sterben, wenn die liebe Sonne Froh die Natur umfängt mit ihrem Glanz, Wenn auS dem Walde schallt der Vögel Wonne Und um die Küste spielt der Wellentanz, Wenn Winde wild ausstreun der Blüten Duft Und keine Wolke überwölbt die Lust! Sie, die mit reinster Liebe mich berauschte, Natur in ihrem Geben, ihrer Pracht, Auf deren stillsten Atemzug ich lauschte, Gleich ihm, der an der Liebsten Lager wach! Ich will sie nicht gleichgültig lächeln sehn, Wenn einst wir beide voneinander gehn. Nicht möcht ich sterben, wenn in Dämmerstrahleu Aufseufzt Natur aus angstumspannter Brust, Schwermut und Gram auf ihrer Stirn sich malen Im Angedenken hingestorbner Lust! Wie Mitleid schien es, weil mein Herze bricht, Und solche Mitleidstränen will ich nicht. .'lein, wenn ich sterbe, sei's im Herbst, und rasen ©oll dann D'er Nachtsturm über Meer und Land, Das welke Laub in Wirbelringe blasen, 9en Schaum der Wellen schmettern an den Strand . Kalt sei die Luft, der Himmel sterneleer, In wilder Jagd der Wetterwolken Heer! Dann, will ich glauben, tön in meine Ohren Die Klage der Natur um mich, ihr Kind, Und was die ganze Welt an mir verloren, Les ich im tollen Spiel von Wolk und Wind All die Gestalten, die mein Jnnres b»rg, Und die mit mir nun ruhn in Einem Sarg. Frau Fönst. Von Jens Peter Jacobsen. In der anmutigen Gartenanlage hinter dem alten Palast der Päpste in Avignon steht eine Aussichtsbank, von der man über di« Rhone, über das Blumenufer der Änrance, über Höhen und Felder und über einen Teil der Stadt hinsieht. Eines Oktobernachmittags sahen auf . dieser Bank zwei dänische Damen, eine Witwe Fönh und ihre Tochter Minor. Obwohl sie schon ein paar Sage hier zugebracht hatten, uno obwohl.sie die Aussicht, die vor ihnen lag, sehr gut kannten, ! atzen sie doch und wunderten sich darüber, daß es in der Provence sv aussah. Also wirklich, war das die Provence? Ein lehmiger Fluß, mit Schollen schlammigen Sandes und unendlichen Ufern von st«"" grauem Kies; dann blahbraune Fluren ohne einen Grashglrn, matz» braune Halden, blahbraune Hügel und staubige helle Straßen uno hie und da bei den weihen Häusern Gruppen schwarzer Büume,voti- ständig schwarzer Büsche und Bäume, lieber alledem eu^weihucyer, lichtzittternder Himmel, der alles noch bleicher, itoch tuckener, in noch peinlicherer Helle erscheinen 'lieh, nicht ein Schimmer einer üppigen, satten Farbe, lauter hungrige, verschossene Töne und nicy« ein Laut in der Luft, nicht eine Sense, die durchs Gras geschnittM» nicht ein Wagen, der über die Straße gepoltert hätte; und die Staoi frort zu beiden Seiten, gleichsam aus Schweigen aufgebaut, mit all den mittagstillen Gassen, all den taubstummen Häusern, bei denen jeder Fensterladen, jede Jalousie ausnahmslos geschlossen war, Häuser, die weder hören noch sehen konnten. Frau Fönh hatte gegenüber dieser leblosen Einförmigkeit nur ein resigniertes Lächeln, aber Ellinor war hier sichtlich nervös, nicht lebhaft ärgerlich nervös, sondern kleinlaut und matt, wie man e-8 durch tagelanges Regenwetter werden kann, wenn all unsere trüben Gedanken mit herabregnen, oder durch das idiotisch tröstende I Licken einer Wanduhr, wenn man dafitzt, und seiner selbst unheilbar überdrüssig ist, oder durch das Blumenmuster unserer Tapete, wenn dieselbe Kette fadenscheiniger Träume gegen unseren Willen im Gehirn kreist und in einer erstickenden Unendlichkeit sich zusammenfügt und in Stücke geht und wieder zusammengefügt wird. Es rückte ihr geradewegs zu Leibe, dieses Landschaftsbild, und brachte sie einer Ohnmacht nahe: so sehr hatte es sich heute mit Erinnerungen an eine Hoffnung, die geborsten war, verschworen, mit Erinnerungen an lieblich süße Träume, die jetzt nur widerlich hinsiechten, Träume, bei deren Gedenken sie schamrot wurde und die sie doch nie vergessen konnte. Lind was hatte denn das alles mit der Landschaft j hier zu tun? Der Schlag hatte sie ja weit von hier getroffen. I in heimischen Umgebungen, am schillernden Sund, unter lichtgrünen j Buchen: und doch hatte ihn jede blaßbraune Hügelwelle hier auf | den Lippen, und jedes Haus mit griinen Fensterläden stand da unid I verschwieg ihn hier. Es war der alte Kummer junger Herzen, das, was ihr begegnet I war, sie hatte einen Mann geliebt und an Gegenliebe geglaubt, und I dann hatte er sich plötzlich eine andere gewählt; warum, wozu? Was hatte sie ihm getan? Worin hatte sie sich verändert, war sie nicht dieselbe? und alle die ewigen Fragen wieder und wieder. Die hatte ihrer Mutter nicht ein Wort gesagt, aber ihre Mutter hatte es bis ins letzte verstanden und war für sie voll Sorgfalt gewesen; Ellinor hätte bei dieser Sorgfalt, die da wußte und gar nichts wissen durfte, aufschreien mögen, und ihre Mutter hatte auch dos verstanden, und da waren sie auf Reisen gegangen. Die ganze Reise war nur, damit s i e vergessen möge. Am zu wissen, wie es mit ihrer Tochter stehe, brauchte Frau Fönh ihr nicht ins Gesicht zu sehen und so sie zu verwirren; wenn sie nur das Auge auf das nervöse Händchen heftete, das an Ellinors Seite lag und in machtloser Verzweiflung sich über die Latten der Dank streckte, um jeden Augenblick die Stellung zu verändern, wie sich ein Fieberkranker in seinem heißen Bett herum- wirft: wenn sie nur das tat, diese Hand ansah, so wußte sie auch. Wie lebensmüde die jungen Augen vor sich hinstarrten, wie gemartert das feine Antlitz in jedem seiner Züge zitterte, Wie bleich es in seinem Leiden war und wie krankhaft das Blau der Adern sich unter der zarten Haut der Schläfen abzeichnete. Es tat ihr Weh um ihre Kleine, und wie gern hätte sie sic an ihre Brust gezogen, und was sie sich an tröstlichen Worten nur erdenken könnte, auf sie hinabgehaucht; aber sie war des Glaubens, daß es Schmerzen gebe, die im verborgenen sterben müssen und nicht in Worten auffchveien dürfen, auch nicht zwischen Mutter und Tochter, damit nicht eines Tages unter neuen Verhältnissen, wenn alles sich zu seligem Glück aufbauen will, damit dann nicht diese Worte wie ein Hindernis seien, wie etwas, was bedrückt und unfrei macht, weil der, der sie gesprochen, sie in der Seele eines anderen flüstern hören wird, weil er wird denken müssen, wie sie in den Gedanken eines andern besehen, gewendet und gedreht werden. Und dann auch dies: sie fürchtete, durch Erleichterung einer vertraulichen Aussprache ihrer Tochter zu schaden, sie wollte nicht, daß Ellinor vor ihr erröten müsse, sie wollte nicht, wie befreiend es auch wirken konnte, ihr über die Demütigung weghslfen, die darin liegt, die geheimst eigenen Winker der Seele den Augen eines anderen zu erschließen: im Gegenteil, je schwerer es dadurch für sie beide wurde, so freute sie sich doch darüber, daß sie die Vornehmheit ihrer eigenen Seele in einer gewissen gefunden Steifheit bei ihrer jungen Tochter wiederfand. Einmal — es war einmal vor vielen, vielerr Jahren, als sie selbst solch ein achtzehnjähriges Mädchen war, da hatte sie geliebt, aus ganzer Seele, mit jedem Sinn in ihrem Leib, jeder Lebenshoffnung, jedem Gedanken: und es hatte nicht sein sollen, nicht werden können; er hatte nur seine in einem endlosen Brautstand zu erprobende Treue zu bieten gehabt, und bei ihr zu Hause waren Verhältnisse gewesen, die kein Warten gestatteten. So hatte sie denn den genommen, den man ihr gab, den, der Herr über diese Verhältnisse war. Sie heirateten, dann kamen die Kinder, Tage, der Sohn, der hier in Avignon mit ihnen war, die Tochter, die an ihrer Seite sah, und es war viel besser geworden, als sie hatte erwarten können, lichter - und leichter. Acht Jahre währte das, dann starb der Mann, und sie betrauerte ihn aus aufrichtigem Herzen, denn ihr war diese feine dünnblütige Natur wert geworden, die mit hochgespannter egoistischer Neigung fast krankhaft liebte, was ihr durch Geschlecht und Familienbande angehörte, und sich um nichts von der ganzen großen Welt draußen kümmerte, als um das, was die Welt meinte, blüh um diese Meinung, 'sonst um nichts. Rach des Mannes Tod hatte sie dann viel für ihre Kinder gelebt, aber sich nicht mit ihnen eingesperrt, hatte am gesellschaftlichen Leben teilgenommen, wie sür eine so junge und vermögende Witwe natürlich war, und jetzt war ihr Sohn einundzwanzig Jahre alt, und ihr selbst fehlten nicht viele Tage zu vierzig. Aber noch war sie schön, nicht ein grauer Faden in ihrem schweren dunkelblonden Haar, nicht eine Falte um die großen mutigen Augen, und die Figur tvar schlank in ihrer formbeherrschten Fülle. Die kräftigen, feinlinigen Züge wurden durch den dunkleren, tiefer gefärbten Teint, den ihr die Jahre gegeben hatten, hervorgehoben, aber in dem Lächeln um ihre tief eingebuchteten Lippen war eine Süße, im weich betauten Schimmer ihrer braunen es nicht doch spazierte im Tor zuging, Augen eine fast verheißungsvoll« Jugend, die alles wieder mild und freundlich machten. And doch war dann wieder die ernsthaft große Rundung der Wange, der gereiften Frau willenstarkes Kinn. „Run kommt gewiß Tage," sagte Frau Föntz zu ihrer Tochter, als sie Gelächter und einige dänische Rufe auf der andern Seite der dicken Hagebuchenhecke hörte. Ellinor nahm sich zusammen. And es war Tage; Tage und Kastagers, Großhändler Kastager aus Kopenhagen mit Schwester und Tochter; Frau Kastager lag krank im Hotel. Frau Fönß und Ellinor machten den zwei Damen Platz, 6ie Herren versuchten einen Augenblick stehend zu konversieren, liehen sich aber bald von der niedrigen Felssteinmauer, die den Aussichtspunkt umgab, verlocken: und nun sah man da und redete gerade das Notwendigste, denn die neuen Ankömmlinge waren von einem kleinen Eisenbahnausflug in die rosenglühende Provence hinaus ermüdet. „Hallo!" rief Tage und schlug sich mit der flachen Hand aus seine lichten Beinkleider, „seht dorthin!" Man sah hin. Draußen in der braunen Landschaft zeigte sich eine Staubwolke, über ihr ein Etaubmantel, mitten zwischen beiden gewahrte man ein Pferd. „Das ist der neulich angekommene Engländer, von dem ich erzählt habe," sagte Tage zu seiner Mutter hin. „Haben Sie schon jemanden so reiten gesehen?" wandte er sich an Kastager, „er erinnert mich an einen Gaucho." „Mazeppa?" fragte Kastager. Der Reiter verschwand. Man erhob sich und machte sich auf den Weg ins Hotel. Diese Kastagers hatte man in Belfort getroffen, und da sic dieselbe Tour vorhatten, hinab durch Südfrankreich und entlang der Riviera, war man vorläufig beisammengeblieben. Hier, in Avignon hatten nun beide Familien hallgemacht, die des Großhändlers, weck die Frau durch eine Krampfader ans Bett gefesselt worden war, die Familie Fönß, weil Ellinor unverkennbar der Ruhe bedurfte. Tage war über dieses Zusammenleben entzückt, denn täglich verliebte er sich rettungsloser in die niedliche Ida Kastager, aber Frau Fönh war nicht so ganz einverstanden, denn allerdings war Tage für sein Alter sehr selbständig und entwickelte, aber es hatte doch mit einer Verlobung gar keine Eile — und dann dieser Kastager! Ida war ein prächtiges kleines Mädchen, die Frau eine, hochgebildete Dame aus einer sehr guten Familie, und der Großhändler selbst tüchtig, reich und brav, aber es lag ein Schimmer von Lächerlichkeit über ihm, und die Leute lächelten oder zwinkerten mit den Augen, wenn man den Großhändler Kastager nannte. Er war nämlich temperamentvoll und so außerordentlich begeistert, war es in so offenherziger. so lärmender, so mitteilsamer Weise, — und das war es eben, denn gerade wenn man mit Begeisterung zu tun hat, ist heutzutage besonders viel Diskretion erforderlich. Aber Frau Fönß war der Gedanke, daß man Tages Schwiegervater mit Augenzwinkern und lächelndem Munde nennen könnte, unerträglich, und darum verhielt sie sich gegen die Familie etwas kühl, zum großen Kummer des verliebten Tage. Am nächsten Vormittag waren Tage und seine Mutter auS- gegangen, um das klein« Museum der Stadt zu sehen. Sie fanden das Tor offen, aber die zur Sammlung führenden Türen geschlossen; und es erwies sich als fruchtlos, anzuläuten. Indessen gab das Tor Zugang in den nicht sonderlich großen Hofraum, der von einem kürzlich geweißten Vogengang umgeben war, dessen kurze, dickleibige Säulen mit schwarzen Eisenstangen gegeneinander verspreizt waren. Sie gingen umher und betrachteten, was längs der Wand aufgestellt war, römische Grabmäler, Trümmer von Sarkophagen, eine Gewandfigur ohne Kopf, zwei Rückenwirbel eines Walfisches und eine Reihe architektonischer Einzelheiten. Auf allen Sehenswürdigkeiten waren frische Epureii voni Kaii- pinfel des Maurers. Run waren sie wieder bei ihrem Ausgangspunkt. Gleich fiel ihr der Engländer von gestern ein. „Entschuldigen Sie, gnädige Frau," begann er im Frageton und grüßte. „Ich bin fremd hier," antwortete Frau Fönh, „es scheint, datz niemand zu Hause ist, aber mein Sohn ist hinaufgelaufen, um nach- zusehen . . .“ Dieser Wortwechsel geschah französisch. Eben kam Tage hinzu. „Aeberall bin ich gewesen," sagte er, „sv- gar in seiner Wohnung drinnen, aber kein« Katze zu firtben.“ „Ich höre," sagte der Engländer, diesmal auf Dänisch, „daß ich das Vergnügen habe, Landsleuten zu begegnen." Er grüßte abermals und ging ein paar Schritte zurück, wie um anzudeuten, daß er dies nur gesagt hätte, damit sie wissen könnten, er verstände, was sie sprächen; aber plötzlich trat er, noch näher als früher, mit einem gespannten, bewegten Ausdruck im Gesicht und sagte: „Sollte es wirklich zutreffen, daß gnädige Frau und ich alte Bekannte sind?" „Sind Sie Emil Thorbrögger?" rief Frau Fönh und streckte ihm die Hand entgegen. Tage lief die Treppe hinauf, um nachzusehen, ob irgendwo im Hause Leute gäbe, und Frau Föntz Bogengang auf und ab. Als sie wieder einmal in der Richtung auf das _ _ ... zeigte sich am Ende des Ganges, hart vor ihr, ein hochgewachsener, bärtiger Herr mit gebräuntem Gesicht. Er hatte ein Reisebuch in der Hand, lauschte zurück und sah dann vor sich hin, gerade auf sie. Er faßte fle. „Ja, ich bin es," sagte er fröhlich, „und Die find es!» Kaum konnte er sich der Tränen erwehren, als er sie ansah, Die Dame stellte Tage als ihren Sohn vor. Tage hatte nie im Leben diesen Thorbrögger nennen hören, aber nicht bas fiel ihm auf, nur bah aus dem Gaucho schließlich ein Däne geworden war, und als eine Pause entstand und irgend jemand irgend etwas sagen sollte, konnte er nicht anders als her- ausplatzen: „Und gestern habe ich noch gesagt, Sie kämen mir wie ein Gaucho vor!" Nun das, erwiderte Thorbrögger, käme auch der Wahrheit so ziemlich nahe, da er einundzwanzig Jahre mitten in den Prärien von La Plata gelebt hätte und gewiß in all der Zeit mehr zu Pferd als zu Fuß gewesen wäre. ilnb nun sei er nach Europa gekommen? Ja, jetzt habe er seinen Grundbesitz und seine Schafe verkauft und sei gekommen, um sich in der Alten Welt, wo er daheim sei, umzusehen: aber zu seiner Schande müsse er gestehen, daß er es recht oft sehr langweilig gefunden habe, so zu seinem Vergnügen zu reisen. Ob er vielleicht Heimweh nach den Prärien habe? Nein, Sehnsucht nach bestimmten Orten oder Ländern habe er nie gefühlt: er glaube, daß ihm nur die tägliche Arbeit fehle. So ging bas Gespräch eine Weile hin und her. Endlich kam der Kustvde erhitzt und außer Atem, mit Salatköpfen unterm Arm und einem Büschel brandroter Tomaten in der Hand, und sie wurden in die kleine, schwüle Gemäldesammlung eingelassen, wo sie nur einen ganz vagen Eindruck von den gelblichen Gewitterwolken und schwarzen Wassern des alten Bernets bekamen, indes sie vielmehr einander mit ihrem Lebenslauf und Schicksal in den Jahren seit ihrem Scheiden recht gut bekannt machten. Denn er war es, den sie geliebt hatte, damals, als sie an einen andern gebunden wurde, — und in den Tagen, die nun folgtep, da sie viel beisammen waren und die übrigen, fühlend, daß so alte Freunde einander viel zu sagen haben '.nützten, sie oft allein ließen, in diesen Tagen wurden sie beide bald inne, daß, wie sehr sie sich auch im Laufe der Jahre verändert hätten, ihre Herzen nichts vergessen hatten. Vielleicht war er es, der das zuerst gewahrte, denn die ganze Unsicherheit der Jugend, ihre Sentimentalität und ihr elegisches Sehnen kamen sogleich über ihn, und er litt darunter: es ging dem gereisten Mann gegen den Strich, so plötzlich der im Laufe der Zeit erworbenen Abgeklärtheit und Selbstsicherheit beraubt zu sein, und er wünschte sich seine Liebe anders geprägt, hätte ihr gerne mehr Würde, mehr Haltung gegeben. Das Gefühl, verjüngt zu sein, blieb ihr fern, aber ihr war, als ob in ihrer Seele ein gehemmter, gestauter Tränenquell wieder auf- gebrochen wäre und aufs neue zu rinnen begonnen hätte: und es war so beglückend und erleichterns, zu weinen, und in diesen Tränen hatte sie ein Gefühl des Reichtums, als hätte sie selbst und alles für sie wieder höher« Wert gewonnen: schließlich doch ein Gefühl der Jugend. (Schluß folgt.) IQcKdfsN iti feinen Briefen» Wir bringen hier drei Briefe von Jens Peter Jacobsen, die wohl dazu angetan sind, das auf diesen Seiten ent» riefelte künstlerische Bild des Dichters im Persönlich- Menschlichen zu spiegeln; die Briefe sind gerichtet an Edvard Brandes, den jüngeren Bruder des kürzlich ver» storhenen, berühmten Literarhistorikers, und an Frau Brandes, die Mutter der beiden, mit der Jacobsen ebenfalls befreundet war. An Edv. Bran.des. 12. 5. 78, Humlebeak. Deine Worte sind süß wie der 'Berge Honig und lindveich wie N8 Amala-Bäumes Balsam: Deine Buchstaben entzücken das Auge wie Zierrate an des heiligen Elephanten Bauchgurt und Deine Gedanken sind wie Lichtpunkte in der Gazelle dunklem Auge. Krishna gebe mir Stärke zur Fahrt in die nördlichen Berge, weit von der sonnweihen Gärten zärtlichem Schatten. Am heiligen Donnerstag, wenn der Sonne Kühe von der Weide kehren, wird das Rauchtier meinen Palankin über der treulosen Wellen wogende Zinnen tragen, fort zum fernen Land, und da will ich wandern längs des Flusses Ufern und in stummer Nacht meine Lampe den Strom abwärts fließen lassen und einen geliebten Namen flüstern wohl tausende Mal. Ach, meine Seele ist unruhig wie des Kampherbaumes Laub und sie klagt trauernd wie das Gevögel der Nacht, doch am Mittwoch, da ist der Morgenröte Fest in dem wagenumgebenen Tempel auf des neuen Königs Ebene, wo das Bvoncepserd im Wondenschimmev schläft *). Dort wird der Mann mit dem belockten Haar und sein blank- äugig Weib, deren Antlitz ist wie des ' Asoka-Baumes Blüte, von der Sonne beleuchtet, und deren Stimme ist wie Wolken, die im Wasser sich spiegeln, mir fetten Reis geben und Wein zum trinken. Und bei der frohen Mahlzeit wird mein Auge des Ostens Königin schauen, deren Züge sind wie der Berge Linie, wenn sie spät sich an der Dämmerung Himmel zeichnen: doch das Mädchen mit dem lichten Blick wird alle überstrahlen. Neunmal berührt meine Stirn Deines Halses Marinelboden. wo der schwarze Hund im Steine lebend ist. . I. P, I, An Frau Brandes. 19. 3. 1878, Pension Bellevue, Montreux. Liebe Frau B.! Ich hatte gehofft, Sie vom Frühling grüßen zu können, von Blumen, Sonnenschein und blauen Bergen: doch ein anderer hat es anders gewollt und hier giebt es nur Schnee und Nebel, nasse Wege und tropfende Dächer. Das ist gar kein Wetter, um Sie auf unseren grünen Fluren und quellrieselnden Hängen herumzuführen; aber an einem anderen Tag, wenn die Sonne wiedergekehrt, sollen Sie meine Hügel von schwefelgelben Primeln, meine weißen Veilchen und blaunen Hyazinthen, meine weißen Crocus, Fleck an Fleck, in dem goldenen Moos und dem grünen Grase sehen. Aber heute ist hier allzu sehr Dänemark. Vielleicht wissen Sie, daß ich in meinem Müßiggang eine Art blühende Blattpflanze ziehe, die diesen Frühling aufspringen sollte, Aber sie »nag 'nicht. Ich beschneide sie und treibe sie an, aber ich glaube, ich kriege mit alledem eine Herbstblmne daraus; denn ein Weihnachtsbaum will ich doch nicht hoffen, daß es wird, obwohl ich in dieser Richtung alles mögliche vor mir selbst erwarten darf. Es wird mir deutlicher und deutlicher, daß ich nie meinen ehrgeizigen Jugendtraum erfüllt sehen werde: 40 Bände gesammelte Werke zu hinterlassen, und es geschieht mit Neid, daß ich Ewald und Carit Ellar diesem Ideal sich nähern sehe, während ich schlafend im Schatten von Ws Lorbeeren liege. Mit den herzlichsten Grüßen und Glückwünschen Ihr An Edv. Brandes. I. P. Jacobsen, Lieber Freund! 21. 5. 1879. Wenn Du glaubst, daß wir in Hemdsärmeln herumgehen und uns, aufgelöst von der Wärme, in den Schatten der Orangenbäume werfen und träge nach den goldenen Früchten emporlangen, — so irrst Du. Hier"') ist es kalt, hnndekalt, Regen oder Sturm, oder beides, und die Zirmner sind so schwach beteppicht und verbehaglicht, daß man seinen Winterrock als Schlafrock gebrauchen mutz. Die Zitronen und Orangen, die Mispeln, das Weinlaub, das blaue Meer und die grauen Berge, das ist alles hier, aber mit einem dänischen Mai über sich, Im Hotel ist eine größere Bibliothek und ich lese daher ein gut Teil unmögliche deutsche Schriftsteller; aber zumeist sitze ich und denke über das große Werk nach, während ich in meinem schlechten Lehnstuhl mit meiner Reisedecke als Bärenfell Schlitten fahre. Zur Aufmunterung der Situation habe ich an einem schrecklichen Kopfschmerz gelitten und habe keinen Appetit auf die ausgewäfserten Mittelmeer- fische, das ewige Fersenfleisch und die unendlichen Grünerbsen. Bald gehe ich nach Dom; schreibe unter allen Umständen dorthin (Due Macelli 127), und von dort direkt nach Thisted. Die Franzosen kenne ich nicht. Kiellands Buch hoffe ich in Thisted zu finden. Du sprachst davon, es von ihm cherschicken zu lassen. — Kein Lokomotivführer kann des Reisens überdrüssiger sein als ich. Behaltet nur die Wärme, die Ihr habt, damit ich bald in einem nördlichen Himmelsstrich zur Ruhe kommen kann. Bon Pompeji habe ich aus Der ganzen „südländischen;" Tour am meisten Freude gehabt, obschon es auch da kalt war. Neapel war gräßlich. Ich sehne mich vorläufig nach Aom, aber namentlich nach Thisted. Die Gesellschaft besteht ausschlietzlich aus Deutschen, die die ganze Zeit Bädeker reden und einander in Detailkenntnis des italienischen Volkslebens zu überbieten suchen. Dein I. P. S. Landschaft. Von Jens Peter Jacobsen, Eine Haide weit, bemoost Gestein, Ein blinkender Wasserstreif ferne, Ein goldroter Streif, wo die Sonne sank Die ersten zitternden Sterne.' And seltsam treibet der Abendwind, Ein Sausen und Seufzen und Sehnen, Als klagt' in ihm ein menschliches Herz Am irdisches Leid in Thränen. Wohl tausend Wünsche strichen hinaus Frühmorgens auf mutigen Schwingen; Ob-wund jetzt zurück und flügellahm Die seufzenden Winde sie bringen? Sie prüfen, wer weiß es, sich hier aufs neu, Wie Vögel vor herbstlichen Fahrten, Ob wirklich auf immer die Flügel gelähmt, Ob sie Kraft noch zum Schwünge bewahrten. Und viele sind längst mit dem Weg vertraut ') In Italien, eine nähere Ortsangabe fehlt. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steinbruckerei, R. Lange, Gießen. Zu des Todes schweigendem Hafen; Die andern entflattern Schar um Schar, In Menschenträumen zu schlafen. J) Nicht der bekanntere Schlachtenmaler Horace, noch dessen Vater Charles, sondern der Großvater Joseph V. (geb. 1714 in Avignon, f 1789). Anm. d. Nebers. ¥) Gemeint ist Köngens Nhtorv, des Königs neuer Markt, mit dem Relierdenkmal in Kopenhagen, in N le P ei be M fä ur ur vv ih- fre eri vo sch un Eck gri in zar Dä spii fre; Fei lieg und Hin schd gib! die nach Schi kenn Frü wirs Son zittr Flec scher mach sie z Völk« bohn Dlü! spali Nati es r Pflüc Heil! Rück