GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1927 Samstag, den ly.Lebruar Nummer H Vorfrühling. Von Hugo von Hofmannsthal. Es läuft der Frühlingswind durch kahle Allee»! seltsame Dinge sind in seinem Wehn. Er hat sich gewiegt, wo Wernen war und hat sich geschmiegt in zerrüttetes Haar Er schüttelt« nieder Akazienblüten und kühlte die Glieder, die atmend glühten. Er glitt durch die Flöte als schluchzender Schrei an dämmernder Röte flog er vorbei. Er flog mit Schweigen durch flüsternde Zimmer und löschte im Neigen der Ampel Schimmer. Es läuft der Frühlingswind durch die Alleen, seltsame Dinge sind in seinem Wehn. Durch die glatten kahlen Alleen treibt sein Wehn blass« Schatten . Und den Duft, den er gebracht, von wo er gekommen seit gestern nacht. Das (Ei. Don Sherwood Anöerfo n*). Mein Vater war, davon bin ich Überzeugt, von Natur, dazu bestimmt, ein fröhlicher und freundlicher Mann zu sein. Vis zu seinem vierundbreihigsten Jahre lebte er als Landarbeiter auf der Farm eines gewissen Thomas Duiterworth, in der Nähe der Stadt Didwell, Ohio. Er nannte damals ein Pferd sein eigen und fuhr jeden Samstagabend in die Stadt, um dort ein paar Stunden dem geselligen Verkehr mit andern Landarbeitern zu widmen. In der Stadt trank er etliche Glaser Vier und stand in Den Heads Saloon herum, der an Samstagabenden mit stadtsährenden Landarbeitern vollgepfropft war. Man sang Lieder und hieb die Gläser dröhnend aus den Schanktisch. Hm zehn Ahr abends fuhr Vater heim, eine einsame Land- stratze entlang, versorgte sein Pferd für die Nacht und verfügte sich in? Dett, mit seinen Daseinsverhältnissen völlig zufrieden. Zu jener Zeit wurde er keineswegs von dem Verlangen geplagt, in dieser Welt eine höhere Stufe zu erklimmen. 2m Frühling seines sünfunddreißigsten Lebensjahres verheiratete sich mein Vater mit meiner Mutter, die damals Landschullehrerin war, und im nächsten Frühling hielt ich spaddelnd und schreiend meinen Einzug in die Welt. Da ging nun mit den zwei Eheleuten etwas vor. Sie wurden ehrgeizig. Die amerikanische Leidenschaft fürs Vorankommen im Leben ergriff sie. Cs ist möglich, daß meine Mutter schuld daran war. Wahrend ihrer Lehrerinnenjahre hatte sie ohne Frage Dücher und Zeitschriften gelesen. Sie hatte, nehme ich an, gelesen, wie Garfield, Lincoln und andere Amerikaner aus Armut zu Derühmtheit und Gröhe emporgestiegen waren: und als ich in den Tagen ihres Wochenbettes nun so neben ihr lag, mag sie davon geträumt haben, daß ich eines Tages über Menschen und Städte herrschen würde. Jedenfalls steht fest, dah sie meinen Vater dazu überredete, seine Stellung als Farmarbeiter aufzugebeir, sein Pferd zu verkaufen und als unabhängiger Mann mit einem eigenen Unternehmen fein Heil zu versuchen. Sie war eine lange, schweigsame Frau mit einer langen Nase *) Sherwood Anderson wurde zu Ohio in Mittelamerika geboren. Der Vater war Stubenmaler: die Mutter, eine vortreffliche Frau mit einem Tropfen italienischen Vintes in den Adern, leistete für die Häuslichkeit, was der trunksüchtige, sehr phantastische Vater nicht zu leisten imstande war. Der begabte Knabe verlaßt früh das Elternhaus und begibt sich auf eine jahrelange, scheinbar ganz ziellose Wanderschaft. Sie wird ihm zum Segen, auf ihr schöpft er seine strotzen Kennntnisse der Städte und Menschen, sie weckt den Dichter m ihm, und er schreibt nun in rascher Folge Vuch auf Buch. Zehn 2 ah re dauerte es, bis seine Dücher, auf die man zwar in einem Keinen Siteratenfreife sehr bald aufmerksam wurde, in weitere Kreis« drangen. 2etzt ist er der gelesenste amerikanische Romanschriftsteller, dessen Werke auch in England, Frankreich, Schweden und 2talien verbreitet sind. Sein erstes Vuch war „Windy McPhersons Sohn": eS folgten dann „Des Erzählers Geschichte", „Pferde und Menschen", „Erzählungen aus Ohio", „Wandernde Menschen" u. a. — Unsere Erzählung ist dem im 2nsel-Derlag erschienenen Rovellen- Dande „Das Ei triumphiert" entnommen. — 529. und unruhigen grauen Augen. Für sich selbst begehrte sie nichts. Für Vater und mich hegte sie uicheilbaren Ehrgeiz. Das erste Unternehmen, das die zwei Leute wagte»», ging Übel aus. Sie pachteten zehn Morgen Land, geringen, steinigen Doden, an ber Griggs's Road, acht Meilen von Vidwell, und fingen darauf eine Kükenzüchterei an. Hier wuchs ich ins Knabenalter hinein, und hier empfing ich meine ersten Eindrücke vom Leben. Es waren von Beginn an Eindrücke des Mißgeschicks: und wenn ich in meiner Wesensart ein schwermütiger Mann bin, geneigt, das Leben von der düsteren Seite zu betrachten, so schreibe ich das der Tatsache zu, daß ich meine Kinderjahre, die eigentlich voll heiteren Glückes hätten sein sollen, auf eine Kükenfarm verbringen »nutzte. Wer in solchen Sachen nicht bewandert ist, kann sich keine Vov- ftellung machen, was für mannigfaltige und tragische Dinge mit einem Küken vor sich gehen können. Es schlüpft aus dem Ei hervor, lebt einige Wochen als ein winziges, federlockiges Etwas, wie du es auf Osterkarten abgebildet siehst: wird dann abschreckend nackt: vertilgt gewaltige Mengen Körner und Mais, die dein Vater mit saurem Schweiß erarbeitet und gekauft hat; bekommt Krankheiten, die man mit Pips, Cholera und dergleichen Namen benennt: steht da und glotzt aus dummen Augen in die Sonn«: wird lebensüberdrüssig und stirbt. Ein paar Hennen und dann und wann ein Hahn, den Gott für seine rätselhaften Absichten aufsparen will, kämpfen sich zur Reise hindurch. Die Hennen legen (Sier, aus denen wieder andere Küken hervorkommen — und der Kreislauf des Unheils beginnt wieder einmal von vom. Es ist eine unglaublich verwickelt« Geschichte. Die meisten Philosophen müssen auf Kükenfarmen auf- gewachsen fein. Man erhofft sich fo viel von einem Küken und wird so furchtbar enttäuscht. Wenn die kleinen Küken ihre Lebensreise beginnen, sehen sie so munter und aufgeweckt aus unö sind itt Wahrheit so gräßlich dumm. Sie gleichen so sehr den Menschern und sie werfen einem nachher die ganze Lebensanschauung über den Haufen. Wenn Krankheit sie nicht umbringt, warten sie, bis deine Hoffnungen ordentlich ins Kraut geschossen finB, und begeben sich alsdann unter die Räder eines Wagens, um sich zerquetschen zu lassen und mit Hilfe des Todes in die Hand ihres Schöpfers zu- rückzukehren. Ungeziefer ist die Plage ihrer 2ugendzeit, und Vermögen müssen aufgewandt werden für heilende Pulver. 2m späteren Leben habe ich gesehen, daß eine ganze Literatur um daS Thema herumgeschrieben worden ist, wie man sich mit der Kükenzucht angeblich ein Vermögen machen kann. Diese Literatur ist zur Lektüre für Halbgötter bestimmt, die vom Baume der Erkenntnis gegessen haben und wissen, was Gut und Döse ist. Es ist eine hoffnungerweckende Literatur, und sie setzt harmlosen und ehrgeizen Leuten, die ein paar Hennen ihr eigen nennen, auseinander, was fte alles tun müssen. Latz dich von solchen Büchern nicht nasführen. Sie sind nicht für dich geschrieben. Geh Gold jagen auf den Eishügeln Alaskas, setze dein Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit eines Politikers, glaube »neinettoegen, wenn das Herz dich dazu treibt, datz die Welt mit jedem Sage besser wird und datz dem Guten der Sieg über das Dös« beschieden ist — aber lies und glaub« nicht die gedruckte Weisheit über die Hühnerzucht. Sie ist nicht für dich geschrieben. Aber ich schweife ab. Meine Geschichte handell ursprünglich nicht von der Henne, sondern, wenn ich sie richtig erzähle, vom Ei. Zehn 2ahre lang plagten mein Vater und meine Mutter sich ab, um unsere Kükensarm ertragBringenö zu machen, dann gaben sie diesen Kampf auf und stürzten sich in einen neuen. Sie zogen in di« Stadt Vidwell, Ohio, und versuchten es mit dem Gastwirtsgewerbe. Nach zehn 2ahren der Schinderei mit Brutapparaten, die nicht ausbrüteten, und mit winzigen — und in ihrer Art entzückenden — Flaumfederbällen, die zur halbnackten Hühnchenschast heranwuchsen und ihre Hennenschaft in ein besseres Jenseits verlegten, warfen wir alles beiseite, packten unser« Habseligkeiten in einen Wagen und fuhren auf der Griggs'S Road gen Bidwell: eine Keine Karawane hoffender Leute auf der Suche nach einem neuen Startplatz, wo sie an ihrem DestimmungS» tage den Aufstieg in ein besseres Dasein beginnen konnten. Wir müssen wohl ein kümmerliches Häuflein gewesen sein, vev- mute ich, und etwa so ausgesehen haben wie Flüchtlinge von ciitan Schlachtfelde. Mutter und ich gingen auf der Straße. Den Wagen, der unseren Hausrat enthielt, hatte uns Mr. Albert Griggs, ei« Nachbar, für den Umzugstag geliehen. Aus den Flanken des Gefährtes starrten die Deine billiger Stühle hervor, hinter dem Haw- fen von Betten, Tischen und den mit Küchengerät vollgestopften Koffern war eine Lattenkiste mit lebenden Küken untergebracht, und oben auf dem Ganzen schwebte der Kinderwagen, in dem man mich einst ausgefahren hatte. Weshalb wir auch ihn noch verstaut hatten, weih ich nicht. Es sah bei uns nicht mehr nach Familienzuwachs aus, und seine Räder waren zerbrochen. Wenn die Men- die Wände deS Gastzimmer«. Sch ging zur Schule in die Stadt imb war froh, von der Farm weg und von der Gegerttoart der lebens- überdrüssigen. trübseligen Küken erlöst zu fein. Dennoch war nur nicht sehr heiter ums Herz. Abends kam ich von der Schule Herrn, die Turner's Pike entlang, und dachte an die Kinder, die ich bemz Spielen auf dem Schulhof beobachtet hatte. Da war ein Lrupp kleiner Mädchen hüpfend und singend umhergezogen. Sch versuchte das auch. Die gefrorene Straße entlang kam ich feierlich hupend auf einem Bein. „Hippity Hop To The Barber Shop .fang«J grdL Dann hielt i4 inne und blickte mich unsicher um. Ich hatte AnM man möchte mich in dieser lustigen Stimmung beobachten. Offenbar entsann ich mich^ daß ich auf einer Kükenfarm aufgewachsen war, wo täglich d^ Tod einkehrte, und offenbar hatte ich das Gefühl daß mein Benehmen angesichts dieser Vergangenheit unpassend war. Mutter entschied, daß unsere Wirtschaft auch nachts geöffnet sein sollte. Um zehn Llhr abends fuhr ein Personenzug an unserem Hause vorüber nach Morden, und ihm folgte ein Güterzug. Das Per» sonal des Güterzuges hatte in PickleviiE zu rangieren, und weim sie damit fertig'waren, kamen die Leute in unsere Ortschaft, wo « heißen Kaffee und etwas zu essen gab. Zuweilen bestellte sich auch einer ein Spiegelei. Um vier iüjr morgens kamen sie zur Anfahrt wieder durch und besuchten uns abermals. Das Geschäft begann en wenig aufzublühen. Mutter schlief nachts, versah am Tage die Wirt sckaft und versorgte unsere Kostgänger; Vater schlief am Tage. Er schftef in demselben Bett, das Mutter nachts mnegehabt hatte in- dessen ich nach Bidwell zur Schule pilgerte. In den langen Nachten, tnnh-enh Mutter und ich schliefen, kochte Daler Fleisch für die ve [catcn Brote die in die Frühftückskörbe unserer Gäste wanderten Und 6a geriet ihm ein Gedanke in den Kopf, wie er es zu etwas bringen könne in der Welt. Der amerikanische Geist kam über ihn. Auch er wurde ehrgeizig. (Schluß folgt.) ge^iefm7and"Zwei'1lein7 Haarbüschel wE-n auf -fopf, aerade über den Ohren. Ich erinnere mich, daß ich als Kind oft bw fa<3 und ihn betrachtete, wenn er an Sonntagnachmittagen im Winter beim Ofen im Lehnstuhl schlief. 3d) hatte damals bereits angefan- aen Bücher zu lesen und über meine Beobachtungen uachzudenken, die'kMe Fläche aus Vaters Kops wurde in: meiner Phantasie so etwas wie eine breite Straße - so eine Straße, tote Casar sie einst entlanggezogen war. wenn er seine Legionen aus Rom hinweg und in die^ Wunder unbekannter Welten führte. Die Haarbüschel über Vaters Ohren wurden mir zu Wäldern Ich versank in einen Dämmerzustand zwischen Schlafen und Wachen und sah mich im Traum als ein winziges Etwas ganz allein auf dieser Strage in ein ftrnes. wunderschönes Land wandern, wo es keine Kulenfarinen gab und wo das Leben eine glückliche, eierlose Angelegenheit war. Man könnte ein Buch schreiben über unsere Flucht von ter Kükensarm in die Stadt. Mutter und ich gingen die ganzen acht Meilen zu Fuß' sie, um aufzupassen, daß nichts vom Wagen fiel, Mid ich um die Wunder der Welt zu betrachten Aus dein Kutscher, fitz neben sich hatte Vater seinen größten Schatz. Davon will ich nun berichten. Kükenfarm, wo Hunderte und gar Tausende von Küken aus den Eiern schlüpfen, ereignen sich zuweilen merkwürdige Dinge. Aus Eiern werten manchmal Grotesken geboren gerate fo wie aus Menschen So etwas kommt nicht ost vor; unter tausend Geburten vielleicht einmal. Da kommt, seht ihr, em Küken 6g Welt, das hat vier Deine, zwei Paar FlugelzWei^KoPfew.ertoas nicht noch alles. Diese Wesen leben nicht Sie festen .raßh in die Hand des Schöpfers zurück, die bei ihrer Erschaffung einen Augen blick gezittert hat. Die Tatsache, daß solche armen kleinen Drnger nicht leben können, war eine der tragischen Fügungen tn Vaters SNein. Er war mit ter Vorstellung behaftet: Wenn es ihm nur einmal gelange, ein fünfbeiniges Hühnchen bis zur H°E^chaft oder <* zweiköpfiges Hähnchen 6:3 zur Hahnenschaft hochsubrir^en^so t^Le sein Glück gemacht. Sein Traum war. mit solch einem Munter tier auf die Jahrmärkte zu ziehen und sich em Vermögen damit zu verdienen, daß er es vor den anderen Farmersleuten zur Schau Jedenfalls hob er sich alle die kleinen Mißgeburten auf. die auf unserer Kückenfarm zur Welt gekommen waren Sie wurten in Spiritus gesetzt und jede bekam eine Glasbucyse für sich. 9lLe mit einander hatte er sorgfältig in eine Kiste gepackt und auf unsever Fahrt zur Stadt auf dem Wagensltz neben sich untergebracht. Mit ter einen Hand trieb er die Pferde an. nut der anderen umklammerte er die Kiste. Als wir an unserem Bestimmungsort angelnngt waren, hob er die Kiste sogleich vom Wagen und nahm d" Glaser heraus. Während ter ganzen Zeit, da wir tn Bidwell, Ohio, eine ©aft wirtschaft betrieben, standen die Abnormitäten in Ken kleinen Glasbehältern auf einem Bord hinterm Schanttisch. Mutter legte zuweilen Verwahrung ein. aber wenn es um feine ^Kostbarkeiten ging, war Vater ein Felsen. Die Abnormitäten, erklärte e... Ware wertvoll. Die Leute, sagte er, sähen gern etwas Merkwürdiges und Wunderbares. Sagte ich, daß wir in der Stadt Bidwell, Ohio, das Gasttoirts- aewerbe betrieben? Da habe ich wohl ein bißchen aufgeschnitten. Die Stadt liegt am Fuße eines medrigen Hügels und am Äfer eines kleinen Flusses. Die Eisenbahn berührte die Stadt selbst nicht, der Bahnhof lag eine Meile nach Aorben entfernt von ihr an einem Ort, ter Pickleville hieß. Es hatte am Bahnhof eine Apfelweinkelteret und eine Pökelfleischfabrik gegeben, aber beide hatten säwn vor unserem Einzug ihren Betrieb eingestellt. Morgews und abends fuhren Omnibusse aus einer Straße, die Turner s Pike hiH, vorüber und beförderten die Gäste des Hotels an ter Hauptstraße von Bidwell vom und zum Bahnhof. Der Gedanke, an diesem entlegenenPlatzeeine Gastwirtschaft zu eröffnen, war von Mutter ausgegangen. Mn Jayr lang reteten sie davon, und dann ging sie eines Tages hin uw mietete ein leerstehendes Landhaus gegenüber dem Bahnhof. Oie hatte die Vorstellung, die Gastwirtschaft müsse Nutzenabwersen. Immer, sagte sie, würde es hier herum Reisende geben, die auf die abgehenden Züge warteten, und die Leute aus ter Stadt wurden zum Bahnhof kommen, um auf die ankommenden Züge zu warten. Dann würden sie auch das Gasthaus besuchen, um ein Stuck Kuchen zu elfen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Run ich älter bin, weiß uh, daß Mutter von einem anderen Beweggrund geleitet wurde. Oie war ehrgeizig — für mich. Ich sollte es zu etwas bringen in ter Welt, sollte in eine Stadtschule gehen und ein Gtadtmensch werden. In Pickleville arbeiteten Vater und Mutter hart — wie sie es immer getan hatten. Zuerst ergab sich die "Notwendigkeit, unsere Behausung so herzurichten, daß sie tote ein Gasthaus aussah. Das nahm einen Monat in Anspruch. Vater zimmerte ein Brettergerüst, auf das er Blumentöpfe stellte. Er malte em Schild, auf das er in großen roten Buchstaben seinen Namen schrieb. Sinter seinem Namen stand der scharfe Befehl: „Essen Sie hier!" - ter fo selten befolgt wurde. Ein Schaukasten tourte gekauft und mit Zigarren und Tabak gefüllt. Mutter scheuerte den Fußboden und Künstler und Psychoanalyse. Bon Hermann Hesse. Seit Freuds „Psychoanalyse" über den engsten Kreis der Neroenarzie (fc mat ,u erwarten daß besonders die Künstler fich rasch mit dieser ZWZWSS zinern und Psychologen vom Fach. -„frieden war, , iSÄ" »iu » us es et ää’Äs als unbewußtes Wissen zum Teil schon angehorte. , In der Anwendung ausl Dichterwerkewi^sur dft Ä ä icklüfsel aber doch eine wertvolle neue Einstellung, , e! n X’»1® 5ÄÄ" 'SSSS" ohne weiteres einleuchtet«. ' Wenn es nun aber gemifierma6en jetem na^fiekflt uni) UW 6 wurde, Psychologie zu treiben, so blieb die Verwendbarkeit vief.r . loqie für den Künstler doch recht zweifelhasi. So wemg yü Wissen zu Geschichtsdichtungen, Botam oder Geologe zur schilderung fähig machten, so wenig kannte die des ' Psychologie der Menschendar,te«ung helfen. Man sah I«, wie A« analytiker selbst überall Vie Dichtung der ttuheren voranalyt sltz . als Belege, als Quellen und Bestätigungen benutzten. Es war J(f > was die Analyse erkannt und wissenschastlich formuliert hatte, Dichtern stets gewußt worden. Ja, der Dichter erwies sich als Vertreter einer besonderen Art zu denken, die eigentlich der analytisch pjychologi- Shen durchaus zuwiderlief. Er war der Träumer, der Analytiker, war er Deuter seiner Träume. Konnte also dem Dichter, bei aller Teilnahme an der neuen Seelenkunde, etwas anderes übrig bleiben, als weiter zu träumen und den Rufen feines Unbewußtseins zu folgen? Nein, es blieb ihm nichts anderes. Wer vorher kein Dichter war, wer vorher nicht den inneren Bau und Herzschlag des seelischen Lebens erfühlt hatte, den machte alle Analyse nicht zum Seelendeuter. Er konnte nur ein neues Schema anwenden, konnte damit vielleicht für den Augenblick verblüffen, seine Kräfte aber nicht wejentlch steigern. Das dichterische Erfassen seelischer Vorgänge blieb nach wie vor eine Sache des intuitiven, nicht des analytischen Talents. Indessen ist die Frage damit nicht erledigt. Tatsächlich vermag der Weg der Psychoanalyse auch den Künstler bedeutsam zu fördern. So falsch er daran tut, die Technik der Analyse in die künstlerische herüberzunehmen, so recht tut er doch daran, die Psychoanalyse eptft zu nehmen und zu verfolgen. Ich sehe drei Bestätigungen und Bestärkungen, die dem Künstler aus der Analyse erwachsen. Zuerst die tiefe Bestätigung vom Wert der Phantasie, der Fiktion. Betrachtet der Künstler sich selbst analytisch, so bleibt ihm nicht verborgen, daß zu den Schwächen, an denen er leidet, ein Mißtrauen gegen seinen Beruf gehört, ein Zweifel an der Phantasie, eine fremde Stimme in sich, die der bürgerlichen Auffassung und Erziehung Recht geben und sein ganzes Tun „nur" als hübsche Fiktion gelten lassen will. Gerade die Analyse aber lehrt jeden Künstler eindringlich, wie das, was er zu Zeiten „nur" als Fiktion zu schätzen vermochte, gerade ein höchster Wert ist, und erinnert ihn laut an das Dasein seelischer Grundforderungen sowohl wie an die Relativität aller autoritären Maßstäbe und Bewertungen. Die Analyse bestätigt den Künstler vor sich selbst. Zugleich gibt sie ihm ein Gebiet der rein intellektuellen Betätigung in der analytischen Psychologie frei. Diesen Nutzen der Methode mag wohl auch schon der erfahren, der sie nur von außen her kennengelernt. Die beiden anderen Werte aber ergeben sich nur dem, der die Seelenanalyse gründlich und ernsthaft an der eigenen Haut erprobt, dem die Analyse nicht eine intellektuelle Angelegenheit, sondern ein Erlebnis wird. Wer sich damit begnügt, über seinen „Komplex" einige Aufklärungen zu erhalten und nun über sein Innenleben einige formulierte« Auskünfte zu haben, dem entgehen die wichtigsten Werte. Wer den Weg der Analyse, das Suchen seelischer Urgründe aus Er? Innerungen, Träumen und Assoziationen, ernsthaft eine Strecke weit gegangen ist, dem bleibt als bleibender Gewinn das, was man etwa das „innigere Verhältnis zum eigenen Unbewußten" nennen kann. Er erlebt ein wärmeres, fruchtbareres, leidenschaftlicheres Hin und Her zwischen Bewußtem und Unbewußtem; er nimmt von dem, was sonst „unterschwellig" bleibt und sich nur in unbeachteten Träumen abspielt, vieles mit ans Licht herüber. Und das wieder hängt innig zusammen mit den Ergebnissen der Psychoanalyse für das Ethische, für das persönliche Gewissen. Die Analyse stellt, vor allem andern, eine große Grundforderung, deren Umgehung und Vernachlässigung sich bald rächt, deren Stachel sehr tief geht und dauernde Spuren lassen muß. Sie fordert eine Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, an die wir nicht gewöhnt sind. Sie lehrt uns, das zu sehen, das anzuerkennen, das zu untersuchen und ernst zu nehmen, was wir gerade am erfolgreichsten in uns verdrängt hatten, was Generationen unter dauerndem Zwang verdrängt hatten. Das ist schon bei den ersten Schritten, die man in der Analyse tut, ein mächtiges Erlebnis, eine Erschütterung an den Wurzeln. Wer standhält und weitergeht, der steht sich nun von Schritt zu Schritt mehr vereinsamt, mehr von Konvention und hergebrachter Anschauung abgeschnitten, er sieht sich zu Fragen und Zweifeln genötigt, die vor nichts Halt machen. Dafür aber steht oder ahnt er mehr und mehr hinter den zusammenfallenden Kulissen des Herkommens das unerbittliche Bild der Wahrheit auffteigen, der Natur. Denn nur in der intensiven Selbstprüfung der Analyse wird ein Stück Entwicklungsgeschichte wirklich erlebt und mit dem blutenden Gefühl durchdrungen. lieber Vater und Mutter, über Bauer und Nomade, über Affe und Fisch zurück wird Herkunft, Gebundenheit und Hoffnung des Menschen nirgends so ernst, so erschütternd erlebt wie in einer ernsthaften Psychoanalyse. Gelerntes wird zur Sichtbarkeit, Gewußtes zum Herzschlag, und wie die Aengste, Verlegenheiten und Verdrängungen sich lichten, so steigt die Bedeutung des Lebens und der Persönlichkeit reiner und fordernder empor. Diese erziehende, fordernde, spornende Kraft der Analyse nun mag niemand fördernder empfinden als der Künstter. Denn ihm ist es ja nicht um die möglichst bequeme Anpassung an die Welt und ihr« Sitten zu tun, sondern um das Einmalige, was er selbst bedeutet. Tagesmode und Kunst. Don Walther Appell «Plauen, Oft leisten uns äußere Attribute (Kleidung usw.) wichtige Dienste, wenn es sich darum handelt, Herkunft und Alter eines Kunstwerkes zu bestimmen. Mit der Kunst selbst hat das natürlich nichts zu tun. 3m Gegenteil: von deren Standpunkt aus ist es sogar, wie wir sehen werden, ungleich besser, wenn solche dem len Wandel unterworfene Faktoren nicht überlaut betont werden. Manches Werk wird durch sie trotz künstlerischer Beseelung fast oder ganz in den Bereich kulturgeschichtlichen Anschauungsmaterials gerückt, weil es weniger den Gesamtcharakter seiner Epoche spiegelt als — eine kurzlebige Modelaune abbttdet. Leonardo da Vinci sagt in seinen „Malerregeln": „Man vermeid« soviel als möglich die Moden und Kleidertrachten seiner Zeit, — außer bei Figuren (wie die Grabsteinfiguren in den Kirchen), durch die unseren Nachkommen der Menschen närrische Einfälle zum Gelächter aufbewahrt werden mögen oder ihre Würdigkeit und Schöm- hett zur Bewunderung." Die Beispiele, die Leonardo dann anführi, beweisen für seine Zeit, was auch wir aus der unseren wissen: daß die Kleidungsgewohnheiten naher Dergangenheit durchweg mehr „närrisch" als bewunderungswürdig erscheinen. (Bgl. die Kleider. Hüte und Frisuren auf manchen Liebermanns oder Slevogts von 1900, die über das rein Malerische hinaus heute kaum noch genießbar sind.) So wird das Bestreben, bas wir bei Künstlern aller Zeiten finden, verständlich: die Kleidung, wenn sie schon nicht ganz fortgelassenf werden kann, doch auf eine sozusagen neutrale Formel zu bringen. Die allzu getreue Schilderung der Tagesmode bedingt ein Eingehen auf kleinmenschliche Eitelkeiten, unter dnn das Künstlerische empfindlich leiden muß. Aus dem klassischen Griechenland sind uns Figuren und Vasenbilder gleichen oder verwandten Ursprungs erhalten, die hohes, künstlerisches Gestalten oft hart neben trockene Wiedergabe von Äeuherlichkeiten stellen. Selbst überragende Schöpfungen können durch Derartiges beeinträchtigt werden. Ein Vergleich wird das erkennen lassen: wie zeitlos edel und nur-künstlerisch wirken die „Sterbenden Mobiden" oder di« „Venus von Miko" gegenüber der offensichtlich modischen Affektiertheit der „Venus Kalliphgos" (Haltung und Raffung des Gewandes, vor allem auch dieses selbst, daneben die Haartracht)! Die Reihe ließe sich beliebig verengern. Sogar bei einem Künstler wie Boticelli, noch mehr bei Belasquez, Gainsborough, Boucher u. a., in neuerer Zeit etwa bei Leibl, werden wir oft das Gefühl nicht los, daß malerisches Können allzu sehr an Aeußerlich- feiten verschwendet und dadurch höherem Zweck entzogen wurde. Anschaulich unterstrichen werden unsere Ausführungen durch GoyaS Gegenüberstellung einer „bekleideten" und einer „nackten" Maja (in gleicher Pose). Die bekleidete empfinden und achten wir als gekonnt« Malerei, die nackte aber zieht uns in den Bann ihrer weiblichem' oder schlechthin menschlichen Schönheit, und läßt uns so die erhabenen Möglichkeiten der Kunst fühlbar werden. Was für die Maja galt, die den meisten doch nur ein Künstlermodell ist, das sollte freilich für Allgemein-Berühmtheiten nicht int gleichen Maße Zustimmung finden. Max Klinger ist — bis zur Leidenschaftlichkeit — angegriffen worden, weil er — wie Pigall« den „Voltaire", Rodin den „Victor Hugo" — seinen gewaltigen marmornen Beethoven nackt bildete. Wie berechtigt aber der Künstle« dazu war (oder wenigstens sich fühlen durfte), wird wohl sofort klar, wenn man sich einmal fragt, in welche Kleidermode er den Giganten denn hätte pressen sollen? Die Frage ist um so problematischer, als Klingers pompöses Denkmal gerade den Genius verherrlichen will, der Zeiten und Kulturen überragend verbindet... Llnzählige Porträtisten in Plastik, Malerei und Graphik kleiden ihre Dargestellten auch nicht bestimmt, zeitlich festlegend, sondern deuten die Kleidung nur an (Rodin, Lenbach, Samberger, Stuck usw.). Aber kann man nicht in dieser Gepflogenheit ein Kompromiß sehen, das eine Schwierigkeit wohl sieht, jedoch eigentlich nicht befriedigend zu überwinden weiß? Ein Kompromiß, daß die Nacktheit des Klingerschen Beethoven gewiß radikal erscheinen, aber anderseits auch seine positiven Möglichkeiten erst recht deutlich werden läßt? Eine ebenfalls häufige Form der Umgebung von Lagesmoden ist die Wahl klassisch knapper, die Körperlichkeit nicht entstellende« Gewandungen. Sie kommt allerdings vorwiegend nur für Künstler in Frage, deren Schaffen der Empfindungswelt der Antike auch innerlich wesensverwandt ist. (Feuerbach, Marses, L. von Hofmann.) Sonst, z. B. bei Hodler, können leicht Mißklänge entstehen. Denkbar wäre gegen dies« Ausführungen der Einwand, daß di» Kunst doch immer mehr oder weniger Niederschlag der geistigen und kulturellen Strömungen ihrer Zeit fein muß und auch sein soll. Das ist natürlich richtig. Zu fordern aber ist, daß es aus tief fier innerer Verbundenheit heraus geschieht. Modische Aeußerlichkeitert könneir höchstens eine ebenfalls äußerliche Verknüpfung Herstellen. Die aber kann einem Kunstwerk nicht dienen, weil sie es zu fest art die — im Grunde doch zufällige — Zeit seiner Entstehung fettet Denn die Kunst, die zwar immer irgendwie aus dem Tag geboren! fein wird, hat doch die Bestimmung, über den Tag hinaus zu dauern und ihre Geltung zu behaupten. Anspruch darauf wird sie um so eher erheben können, je mehr es dem Künstler gelingt, sich von un- künstlerischen Zeitbindungen frei zu machen. Zu diesen aber wird die Mode stets in dem Grade zu rechnen fein, in dem sie nicht« mchr als eine — Mode des Tages ist. Büchertitel einst und jetzt. Von Dr. Fritz Adolf H ü n i ch. Bücher sind Spiegelungen von Menschen und Zeitaltern, nirgends spricht die Menschheit unmittelbarer zu uns als in ihnen; alle Kräfte des Lebens sind beteiligt, um sie aus der Tiefe der Seele ans Licht zu heben. Bücher sind Schicksale; Abwandlungen der reichen Skala menschlicher Triebe und Empfindungen; Ausstrahlungen des Daseins jener einzelnen, in denen alles Erleben sich zu Bildern und Gestalten verdichtet oder zu Begriffen und Formeln vereinfacht. Es ist dabei natürlich nicht an die Gebrauchsbücher gedacht, die ihre unentbehrlichen Dienste in Haus und Schule und den ungezählten Stätten gewerblichen Fleißes versehen, obgleich auch zu ihrer Entstehung da« Gefühl in vielen Spielarten als Eifer, Ehrgeiz, Erwerbslust und Mitteilungsbedürfnis bet getragen hat; es ist hier die Rede von jenen Werken der Literatur im engeren und höheren Sinne, an deren Entstehung der Menschengeist aus Erkenntnisdrang und Schöpsev» freube mitgewirkt hat, jenen Werken, mit denen man sich geschichtlich beschäftigt, well sich in ihnen geistige Bewegungen niedergeschlagen haben, aus deren Kenntnis der Forscher die Vergangenheit wieder aufzubauen bemüht ist. Ein selten behandeltes Stück Geschichte unseres Schrifttums ist uns heute zur Bearbeitung auf gegeben: der Büchertitel, an dem wir. nach seiner äußeren wie inneren Fassung, so gut wie an den Werken, denen er voransteht, den Wandel der Zeiten und ihrer seelischen Beschaffenheit ablesen können. Seit seiner ersten Anwendung in einem Druckwerk vom Jahre 1455, dem sogenannten L ü r ken k a le n d e r, hat sich der Düchrrtitel langsam dem unselbständigen Dasein entwunden, das er, in Dach- ahmung der Duchansänge mittelalterlicher Handschriften, in den Inkunabeldrucken führte. So lautet der Titel eines der berühmtesten Werke aus der Frühzeit der Buchdruckerkunst, von Bernhard von Breidenbachs Beschreibung seiner Leise ins Heilige Land (1486): „Dis buch ist innhaltend die heiligen reysen gein Jhrrusalem zu dem heiligen grab vnd fürbaß zu der hochgelobten jungfrowen und merke- rhn fatit Katheryn." Der sprachlichen Schwere entspricht dann meist, in deutschen Büchern wenigstens, die typographische Gestaltung: wuchtige, oft aber auch grobe, der Handschrift nachgebildete Buchstaben über einem den größten Teil der verbliebenen Seite füllenden Holzschnitt. Anter der Dachwirkung von Gutenbergs Erfindung der beweglichen Buchstaben, mit der Häufigeren Anwendung der deutschen Sprache durch die Gelehrten, vor allen Luther, und infolge des Vordringens der Renaissance, deren Formenreichtum und Freudigkeit auch die deutschen Künstler bald ergriff, vollzieht sich allmählich die Loslösung des Büchertitels von der Gotik. Doch entspricht der Leichtigkeit und Mannigfaltigkeit seiner künstlerischen Gestaltung, deren Blütezeit durch Hans Holbein, Lukas Eranach, Daniel Hopser, Hans Bal- dung Grien, Johann Weiditz. Ars Graf eingeleitet wird, nicht durchweg die sprachliche Fassung, die zwar, besonders in den Schriften und Gegenschristeir der Aeforniation, in erster Linie Luthers, von entschiedener Kürze ist („2In den christlichen Adel deutscher Dation: von des christlichen Standes Besserung" — „Von der Freiheit eines i Christenmenschen" — „Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel i gestift"), aber in anderen Fällen jene uns heute so vergnüglich stimmende Breite- und Amständlichkeit zeigt. Dicht die Titel der Werke Fischarts mit ihren Wortungehruer- lichkeiten seien hierfür als Beispiele angeführt, da sie nicht als typisch angesprochen werden dürfen: charakteristisch ist der Titel eines der bekanntesten Bücher des sechzehnten Jahrhunderts, das, als Sammlung der damals beliebten kurzen, oft derben Volksrrzählungen, auch heute noch nicht nur von Forschern geschäht und gelesen wird: „Das Rollwagen Büchlin. Ein neus, vor unerhörts Büchlin, darin viel guter Schwank und Historien begriffen werden, so man in Schiffen und auf den Rollwägen, desgleichen in SHerhäusrren und Badstuben, zu langweiligen Zeiten erzählen mag, die schweren, melancholischen Gemüter damit zu ermunteren, vor aller mämnglich Jungen und Alten sunder allen Anstoß zu lesen und zu hören, allen Kaufleuten so die Messen hin und wieder brauchen, zu einer Kurzweil an Tag bracht und zusammengelesen durch Jörg Wickrammen, Stadtschreiber zu Dürkheim, Anno 1555.“ Ein anderer, bei aller Weitschweifigkeit kurzweiliger Titel ist der jenes Buches, das als erste Zusammenfassung der bisher nur in Splittern verstreuten Faustsage für die deutsche Literatur von größter Bedeutung werden sollte, des Faustbuches von 1587: „Historia Von D. Johann Fausten, dem weitbeschreiten Zauberer und Schwarzkünstler, Wie er sich gegen dem Teufel auf eine benannte Zeit verschrieben, Was er hierzwischen für seltsame Abenteuer gesehen, selbs angerichtet und getrieben, bis er endlich seinen wohlverdienten Lohn empfangen. Mehrerteils aus seinen eigenen hinterlasseiten Schriften, allen hochtragenden, fürwihigen und Gottlosen Menschen zum schrecklichen Beispiel, abscheulichen Exempel, und treuherziger Warnung zusammengezogen, und in den Druck verfertiget. Jacobi llll. Seid Gott untertänig, widerstehet dem Teufel, so fleuhet er von euch. | Cum gratia et privilegio. Gedruckt zu Frankfurt am Main, durch > Johann Spies. MDLXXXV11.“ Selbstverständlich begegnen wir dieser liebevoll ausmalenden Ausführlichkeit auch aus den Titeln der Werke anderer Dichtungsgattungen, so z. B. wenn eine Sammlung von Volksliedern aus dem Jahre 1582, das berühmte „A mbraser Liederbuch", genannt wird: „Lieder-Düchlein, Darin begriffen sind Zweihundertundsechzig Allerhand schöner weltlicher Lieder, allen jungen Gesellen und züchtigen Jungfrauen zum neuen Jahr, in Druck verfertiget. Aufs neue gemehvet mit viel schönen Liedern, die in den andern zuvor ausgegangenen Drücken nicht gefunden werden. Fröhlich in Ehren soll niemand verwehren", oder wenn Henrich K n a u st die Sammlung seiner Umdichtungen weltlicher Volkslieder (1571) betitelt: „Gassenhauer, Reuter- und Bergliedlin, christlich, moraliter und sittlich verändert, damit die böse ärgerliche Weis', unnütze und schamlose Liedlin, auf den Gassen, Felde, Häusern und anderswo zu singen, mit der Zeit abgehen möchte, wann man christliche, gute, nütze Texte und Wort darunter haben könnte." Was ist nun das Wesentliche an dieser Titelgebung? Es ist dies: Verfasser und Verleger wollen Absicht und Inhalt ihrer Bücher eindeutig und so vollständig als möglich Herausstellen, die eindringliche Beschreibung ihrer Erzeugnisse auf deren Titelblättern ist in den Jahrhunderten, die keine Anzeigen in Zeitungen kennen, die einzige Form, die sich ihnen zur Empfehlung bietet. Sie ist somit nicht so sehr durch die Ausdrucksweise der Zeit gefordert, die, wie wir gesehen haben, kurze Texte nicht ausschlieht, sondern ein Mittel der Propaganda. In ausfälligem Widerspruch gegen solchem Zweck steht der nach einer an Damen wie Hans Sebald Deham, Virgil Solls, Hans Brosamer, Jost Amann, Tobias Stimmer geknüpften größten Ausbreitung jenes Kunsttriebes bald einsetzende Verfall, der auch eine Vernachlässigung der früher so gepflegten Schönheit des Büchertitels mit sich bringt. Die reizvollen Einfassungen, in denen sich die Phantasie der Künstler in heiterem Spiel erging, verschwinden, die einzigen noch übrigen Auszeichnungen des Titels sind die Holzschnitt- Vignette und der Wechsel von Schwarz- und Rotdruck. In diesem Zustand verbleibt der Büchertilel, mit wenigen Ausnabmm, bis in die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Wie wenig er sich sprachlich verändert hat, beweist der Titel der Angabe letzter Hand des größten Literaturdenkmals im siebzehnten Jahrhundert, von Grimmelhausens Roman „S i m pl i ci ss i mu s" (1671): „Ganz neu eingerichteter allenthalben viel verbesserter Abenteuerlicher Simplicius Simplicissimus. Das ist: Ausführliche, un- erdichtete und recht memorable Lebensbeschreibung eines einfältigen, wunderlichen und seltsamen Vaganten, namens Melchior Sternfels von Fuchsheim, wie, wo, wann, auch welcher Gestalt er nämlich in diese Welt gekommen, tote er sich darinnen verhalten, was e< Merk- und Denkwürdiges gesehen, g eiern et, gepraktizieret und hin und wieder mit vielfältiger Leibs- und Lebensgefahr ausgestanden!, auch warum er endlich solche wiederum freiwillig und ungezwungen verlassen habe. Annehmlich, erfreulich und lustig zu lesen, wie auch sehr nützlich und nachdenklich zu betrachten. Mit einer Vorrede, samt zwanzig anmutigen Kupfern und drei Kontinuationen." Dieser Titel, der an Länge nichts zu wünschen übrig läßt, ist noch völlig im Stile der naiven Delbstempfehlung abgefaßt, wie wir sie von Büchertiteln des sechzehnten Jahrhunderts her kennen. Doch im frühen achtzehnten Jahrhundert ist sie im Gebrauch, wie der Titel eines anderen berühmten Romans zeigt: „Das Leben und die ganz ungemeine Begebenheiten des weltberühmten Engel- länders, Robinson Erusoe, welcher durch Sturm und Schiffbruch, worin alle seine Reisegefährten elendiglich ertrunken, auf der amerikanischen Küste, bei dem Ausflüsse des großen Stromes Oroonoko, auf eine unbewohnte Insel geraten, achtundzwanzig Jahre darauf gelebt, und zuletzt durch Seeräuber wunderbarer Weise davon befreiet worden. Don ihm selbst beschrieben, und, nach der dritten engel- ländischen Edition, auf vornehmes Begehren, ins Deutsche übersetzt" (1731). Wie es aber daneben auch im siebzehnten Jahrhundert an schlichten Titeln nicht gefehlt hat, als z. D. „Martini Opitii Weltliche Poemata" oder Salomon von Golau (Friedrich von Sagau) Deutscher Sinngedichte drei Tausend", wenn auch viele von ihnen zierlich barock verschnörkelt sind, so beginnen nun, im achtzehnten Jahrhundert, die einfachen Titel, in denen das Wesen des Buches durch wenige Worte angedeutet oder zum Ausdruck gebracht wird. Es ist die Zeit, da Lessing schrieb: „Ein Titel muh kein Küchenzettel sein Je weniger er von dem Inhalt verrät, desto besser ist er.“ Welche aus den vielen Tausenden von Düchertiteln wir auch zum Vergleich heranziehen, Hagedorns „Oden und Lieder in fünf Büchern", Lessings „Minna von Barnhelm", oder Goethes „Leiden des jungen Werthers": immer tritt uns, mit leichten Schattierungen und Anterschieden, in der ernsthasten Literatur die gleiche Technik der Benennung entgegen: entweder ist es die Kunstsvrm, di« den Damen herleiht („Scherzhaite Lieder", „Moralische Gedichte", „Geistliche Oden") oder die den Ausschlag gebende Persönlichkeit, bzw. Begebenheit des Werkes. Die äußere Gestalt des Büchertitels gewinnt mit der aus Frankreich eingebürgerten Verwendung des Kupferstichs zur Illustrierung des Bm^s seit etwa 1750 wieder an Reiz. Ein« Vignette in Kupferstich von Chodow.e-ki, Meil, Crusius, Geyser, Dunker schmückt ihn jetzt meist aber nur fünf Jahrzehnte dauert die Herrschaft des Kupferstichs über das Buch, dann wird er vom Holzschnitt abgelöst. ■ Damit sind wir im neunzehnten Jahrhundert. Es setzt viele Jahrzehnte hindurch die Aeberlieserung des anspruchslosen Büchertitelfort, die größten Lyriker: Goethe, Schiller, Ahland, Genau, Hebbel, Mörike, Storm, Keller, C. F. Meyer, nennen ihre Sammlungen „Gedicht e". Heines „Buch der Lieder", ist eines der erfolgreichsten Bücher des Jahrhunderts, und es brauchen die uns allen noch wohlbekannten Titel vieler Romane und Dramen jener Zeit, die so altväterlich und ehrbar anmuten, nicht, wiederholt zu werden. Einem neuen Dichtergeschlecht, das von der Lyrik ausging, blieb es Vorbehalten, den Büchertitel zu revolutionieren. Es beginnt, die noch heute nicht abgeschlossene Epoche, da die Seele sich alle Hüllen abreißt und ihr Aufschrei schon aus den Titeln entgegenschlägt, die Epoche der Fanfaren für den Am stürz der alten und den Aufbau einer neuen Welt, die Epoche der leidenschaftlichen Dichter, die von bisher nie gekannten Problemen ergriffen und geschüttelt sind, und der dunklen und erhabenen Dichter, die aus der Sprache Gebilde von hoher Schönheit und Kostbarkeit formen. Es entstehen Titel voll Selbstzerfleischung und Selbstanklage wie „Lieder eines Sünders", „Phrasen", „Adam Mensch" (Hermann Conradi), voll dunkler Drohungen wie „Dies irae"*) (Georg Schaumberg), Titel, dir ein Programm sind: „Die Alten und die Jungen" (Conrad Alberti), „Das Buch der Zeit", „S v z i a l a r i st v k r a t en (Arno Holz), Titel, die rätselhaften Sinnblldern an hohen Tempelpforten gleichen: „Die Bücher der Hirten- und Prets- gedichte, der Sagen und Sänge und der hängende« Gärten", „Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod" (Stefan George). Ungefähr gleichzeitig bereitet sich in der äußeren Ausstattung des Buches ein Umschwung vor, der auch den Dücheriitel neu gestaltet! das Schwergewicht seines propagandistischen Reizes totrö auf den Umschlag des broschierten, den Deckel des gebundenen Buches verlegt. Damhafte Künstler stellen sich in den Dienst der neuen Bewegung, mit der die Freude am schönen Buch wieder auflebt. Das Stubtu® der alten Meister bereichert den Motivenschatz der Künstler bet Gegenwart, neue Formen tauchen auf: schon kann der Mensch, u® schönen Form nicht mehr entraten, so daß in der Kultur des schon« Buches ein Stillstand nicht zu befürchten ist, •) Ein Band Gedichte, 1893. Unter dem gleichen Titel erschien 191» ein Drama von Anton Wildgans. — D. Red. ___J Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot, — Druck und Verlag: Vrühl'fche Univerfitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Giebe»