GiehenerKmilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 83 Dienstag, -en 18. Moder Zahrgang 1927 noch der ändungen tmb Jrrgängen endlich -» das Seeufer der märkischen HemM Mr treten tn Gedanken an das einsame Grab am Kleinen iw und werden ein pctGt späte BluTnen tKitxruf ds em-en stillen v?ruß Heinrich von Kleist. Von Friedrich Hebbel. Er war ein Dichter und ein Mann, wie einer, er brauchte selbst dem Höchsten nicht zu weichen; an Kraft sind wenige ihm zu vergleichen, an unerhörtem Unglück, glaub' ich, keiner. Er stieg empor, die Welt ward klein und kleiner, und auf der Höhe, die wir nicht durch Schleichen, die wir nur fliegend oder nie erreichen, ward über ihm der Aether immer reiner. Doch, als er nun die Welt nicht mehr erblickte, da hatte sie ihn längst nicht mehr gesehen und frech ihm selbst das Dasein abgesprochenl Nun mußt' er darben, wie er einst erstickte, ihm blieb nichts übrig als zurückzugehen, doch lieber hat er seine Form zerbrochen. Kleist. Zu seinem 150. Geburtstage. Von Dr. Hans Thyriot. zurückführte. * Mr besitzen nur ein Bild von Kleist, das in allen Biographien erscheint, und dem allein historischer Wert zuzusprechen Ht (Ob btt*neue> hi ras entdeckte Totenmaske wirklich von Kleist stammt, ist unser^ Wist«» nicht gesichert.) Dieses Porträt, die Vergrößerung eines ovalen Medmllo« rm Stile der Zeit, weist uns ein rundes, gutmütiges '-KirchergAch' • hellen Augen und in die Stirn gestrichenem, dunkelblonden Haarschopf, spärliche Aeußernngen von Freunden ergänzen ein wemadas schlich» Bildnis. Man erzählt von seiner Befchetdenhett u"d Schüchternheit, von seiner Unbeholfenheit in gesellschaftlichem Kreise, ^nengegen- über, häufig« Verlegenheit, Geistesabwesenheit ?nd Zerstreuchett, die alles vergessen konnte; ferner Ist zu lesen, erhab«Shnfichwie Tassb, eine etwas schwer« Zunge gehabt, ein« fermste Unbestimmtheit m der *) den wir im Folgenden wiedergeben. an den toten Dichter. Seltsam« Gedanken erwachen: wie, wenn er herauf- stiege aus der kargen Gruft, heute, hundertundsechzehn Jahre nach seinem Ende, wie es die Legende von Bismarck erzählt, der zwanzig Jahre spät« wiederkommen wollte, zu sehen, was aus seinem Deutschland geworden sei. Der Alte aus dem Sachsenwalde wäre 1918 nicht zur guten Stund« gekommen. Und Heinrich von Kleist ... heute? Wenn «r wiederkäm« im Gedenken an zwei unglückselige Briefe, den eigenen berühmten Guiskard-Brief*) und jenes eisige Schreiben Goethes, dem er den Kranz von der Stirne hatte reißen wollen; um zu sehen, ob er ein neues Deutschland fände, oder ob die Menschen noch die gleichen wären, wie damals; ob der „Größere" schon gekommen wär«, vor dem er sich willig beugen wollte — sein Werk zu vollenden, um das er übermenschlich gekämpft, an das er alles gesetzt und das er in maßloser Selbstkritik ver- nichtet hatte. Und endlich auch, um zu sehen, ob die Zeit für jenes Theater der Zukunft da wäre, auf welches das schroff abweisende Wort des Weimarer Olympiers ihn verwies, als er ihm „auf den Knien seines Herzens" di« „Penthesilea" in die allmächtigen Hände gelegt hatte. Was hätte die neue Zeit, was hätte unser Geschlecht ihm zu antworten — sollte auch er, abermals verzweifelt, verbittert, vereinsamt, sich schmerzlich abwenden, zurück in sein Grab am Se«? Die schönen Verse Hebbels, der Kleist am srühesten und tiefsten nach- fühlend erkannte in Deutschland, haben so bitter recht gehabt: „an Kraft sind wenige ihm zu vergleichen, an unerhörtem Unglück, glaub' ich, keiner." Unglück und volklos« Einsamkeit haben die dreieinhalb Jahrzehnt« seines Daseins bestimmt, zeitlebens ist er ein Unheimischer und Fremdling geblieben, der Flügelmann in der großen Kompagnie unseliger verirrter Geister, an welchen unser Volk nie Mangel hatte, und denen, in immerwährendem Widerstreit und Mißverhältnis zum Leben, ihr Künstlertum zur Tragödie geworden ist. Wie man sich um Kleist nach seinem Tod« um seine Stellung und „Unterbringung" in der Geschichte des deutschen Geistes gestritten hat und vielleicht noch heute, schwankend zwischen Klassik und Romantik, streitet, so hat man sck)on zu seinen Lebzeiten nichts mit ihm anzusangen gewußt; nicht einmal die eigenen Angehörigen, von deren adligem Familiensinn man das doch am ehesten hätte erwarten können. Sie aber, in stolzer Erinnerung an eine große und erlaucht« Tradition ihres Ge- chlechts, an den Erfinder der Leidener Flasche, an Christian Ewald, den Sänger des „Frühlings" und preußischen Major, der bei Kunersdorf auf den Tod verwundet wurde, und an jene Achtundfünfzig derer von Kleist, die als Offiziere in den Schlachten des großen Königs gefallen waren ... sie sahen wie die anderen Zeitgenossen, mit wemgen Aus- nahmen, nicht das genialisch Unerhörte, das Große und Einmalige, fon- dern nur das im ©inne altpreußifcher Ueberlieferung höchst Befremd- licke, als der junge Mensch nach den „sieben verlorenen Jahren bei der Potsdamer Garde erst den Offiziersrock abtat und nach dem unseligen Zusammentreffen mit der Kantischen Philosophie auch dem Horfaal ent- lief, blindlings aus fest gezogenen Grenzen ausbrach wie «n gehetztes Wild, in der Welt umherzureisen begann und das Dichten nicht tapen konnte. Ach, er würde nie ein „nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft" werden! Sie sagten es voraus und sie haben, in ihrem Snme, leider recht behalten. , . , So fing es an, mit diesem Ausbrechen, das m seinen Kreisen als etwas kaum wieder Gutzumachendes gelten „mußte, ntit einer «lucht mis geisttötendem Gamaschendienst, aus unerträglichem Widerstreit »chiipten Offiziersberuf und Menschentum, mit einer Flucht vor dem Kantischen Bekenntnis der Unzulänglichkeit des erkennenden Geistes mit enwr Flucht auch aus der „Gesellschaft" und vor feiner Braut, mit der er Nicht glücklich geworden wäre. Er wollte, seltsam genug, „im eigentlichste«, Verstand ein Bauer werden". Mil der rousteauhaften Schweizerreise beginnt di« Tragödie Heinrich von Kleist und der lange, Seibensroeg, der nach zahllosen Krümmungen, Windungen nnd Jrrgängen eiMich«, einem stillen Novembertage an das Seeufer der märkischen Hern« ..... Ich trete vor Einem zurück, nicht da ist, und beuge mich, ein Jahrtausend im Voraus, vor seinem Geist«..." Steift an seine Schwester Ulrike; 1803. Es gibt ein sehr merkwürdiges und sehr gelehrtes Buch, ein Werk der strengen Wissenschaft, das eben darum nur wenigen bekannt sein wird dann sind die Lebenslinien unserer Dichter und Denker ausgezeichnet. Di« Lebenslinien, im eigentlichsten Sinne des Wortes: hier kann man an dünnen schwarzen Strichen auf einer weißen und nüchternen Landkarte genau verfolgen, welche Wege den irdischen, Wandel unserer Groben zwischen dem Ort ihrer Geburt und der Statte ihres Todes bestimmt haben. Dies ist, auf den ersten Blick, nur das Werk einer unendlich kühlen und trockenen Mathematik, dürftigstes biographisches Rahmenwerk, aus Ortsnamen und Jahreszahlen zusammengefetzt, dre durch wunderliche Linien nach einem willkürlich erscheinenden und jeden- falls unbegriffenen Gesetz untereinander verbunden find. Und man muh lange, mit Liebe und Besinnlichkeit und Phantasie auf das weiße Blatt schauen, bis diese sonderbare Landkarte sich mit Farben füllt bis die Zahlen Sinn und die Namen Gewicht und Bedeutung erhalten. Wenn man sich's aber nicht verdrießen 'M, dann kann man unvermutet sehr Seltsames auf diesem Atlas der Geister entdecken und dem starren Buchstabenkram lebendige Deutung geben. Es überfall, dich stillen Bettachter eine Rührung, daß du in die Kme brechen mochtest, wenn du vielleicht aus einer kleinen Figur in der äußersten, Eck« ab- lesen kannst, daß der groß« Immanuel Kant, der doch m seinem dankenwerk Himmel und Erde ausmatz, leiblich kaum je über den Umkreis seiner guten und alten Stadt da oben im Norden hmausgekonnnen ist Oder wenn du Goethes Lebenslinien nachgehst, so wirst du betroffen fein von der groben und strengen Klarlxit dieser Wander- strotzen zwischen Nord und Süd, die Italien und Deutschland in einer klassischen Harmonie zu verbinden scheinen. Und dann findest du vielleicht auch ein Bild, vor dem du ratlos tnnehältst, in das du keinen Sinn zu bringen vermagst, weil du völlig verwirrt bist von dem krausen, zackigen, wild durcheinanderlaufenden, hier jählings oorstotzenden, hier schroff zurückfliel)«nden Spiel zahlloser Limen; die Jahreszahlen, die solches Wirrsal bereiten, liegen zwischen 1777 und 1811 und die Ortsnamen, mit denen du nichts zu beginnen weißt, lauten etwa: Potsdam, Berlin, Würzburg, Leipzig, Wien, wieder Berlin, Paris, Thuner See, Weimar, Genf, wieder P^ns St. Omer Mainz Königsberg, Dresden und abermals Berlin. Fest steht dir nur der Ausgangspunkt des langen Irrweges: Frankfurt an der Oder, wo am 18. Oktober "1777 dem preußischen Kornpagntechef Joachim Friedrich von Kleist und einer (zweiten) Gemahlin Juliane Ulrite von Ponnwitz ein Sohn geboren wurde, der die Namen Bernd Wilhelm Heinrich er- hiell. Und ganz klar, ganz gerade, ohne Seiten prob und Umkehr, Hegt das winzig kleine, letzte Stückchen Lebensweg vor dir, führend von Berlin an eine stille Bucht am märkischen See, die durch ein Kreuz be- zeichnet ist und durch den Todestag: 21. November 1811. Datz der, zu dem bi es Bild und diese Zahlen gehören, jenes allerletzte und pfeilgrad« Stücklein Weges nicht hat allein zu gehen brauchen, das ist «ne der wenigen freundlichen Fügimgen des Schicksals gewesen m einem Lkben, das ohne Glück und ohne Gnade war. Die verzweifelte L^sharmome der Linienführung aber, die Anfang und Ende verbindet, ist wie das un- verrückbare Sinnbild einer dämonisch zerrissenen Seele. Feuerschein gim Kleist, der Preu Hymnus KN dsn preutzMsn Junker Heinrich von Kleist. Von Wilhelm Schafe r*). Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war, und schien in dsn Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot E HMrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Fußen tm Schicksal l 6r'ßrloar* ehi Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, bis er im siebenten Jahre den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die Ehre des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehre sehnsüchtig. So hatte Ulrich von Hutten den Stern feines unsteten Lebens durch Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er Jim j Jahre lang irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu tm Schauspiel schockiert war. Dieses schrille Mißverhältnis des Dramatikers zur Bühne kann . eigentlich für alle andern „Mißverhältnisse" stehen; es ist so typisch und deispiechast, wie das Unglück, das er in feinen Bemühungen und Kämpfen um die Befreiung Preußens und Deutschlands gehabt hat; und auch wie sein Verhältnis zu Frauen rind Freunden. Biele Frauen mrd viele Freunde haben Kleists kurzen Lebensweg gekreuzt, gestreift, sind ein großes oder kleines Stück neben ihm gegangen. Und doch, von den Frauen waren es zwei, höchstens drei, die ihm etwas haben bedeuten können; von den Freunden vielleicht nicht einmal einer, dem er wirklich innerlich verbunden war. Im tiefsten Herzen ist dieser Mensch, und mußte rs wohl sein, weil er ein großer Künstler war, in tragischer Einsamkeit geblieben; und als er zuletzt, ganz zuletzt, eine Frau fand, die ihm mehr geben konnte, als alle anderen, auch als die treue und tapfere Schwester Ulrike, da hatte er, weil fein eingewurzeltes und anerzogenes Ehrgefühl ihm jeden anderen Weg abschnitt, auch die Gefährtin auf. dem allerletzten Gang zum Seeufer gefunden; in ihr war das gleiche rätselhafte Todes- verlangen und die tiefe, geheimnisvolle Sehnsucht nach jenem anderen Stern, wie sie Kleist fein Leben lang^un erlöst mit sich getragen hatte. Die schlimmste Zeit, die Berliner Kämpfe mit Hardenberg und hundert andern, die Zeit der Demütigungen und Niederlagen, der zertretenen Hoffnungen, des Hungers und der ärgsten Verlassenheit, die Zeit, da er Lage und Nächte hindurch arbeitete, als Ulrike nicht bei ihm war, die Familie ihn wie einen Aussätzigen von sich gewiesen hatte, als er den Verleger vergebens um Geld und den König vergebens um ein neues Porllpöe an flehte ... Diese Zeit la g hinter Kleist, als die gutbürgerlich verheiratete Frau Adolfine Henriette Bogel die entscheidende Frage an ihren Freund richtete, ob er sein Versprechen erfüllen werde; Kleist war bereit, setzt mehr denn je zuvor, sein Wort zu halten, das er als Mann und Offizier gegeben hatte, und zur Pistole zu greifen ... Damals standen ihm die Freunde schon so fern, daß sie, wie die Schwester, von der Todesnachricht überrascht wurden, so sehr überrascht und „peinlich berührt , daß sie sich kaum und jedenfalls erst spät aufzuraffen vermochten, das Andenken Kleists und der Frau, die mit ihm gestorben war, gegen die gemeinen und schmutzigen Lin würfe kleiner Geister und politischer Gegner des Toten in Schutz zu nehmen. Die letzte verzweifelte Eingabe Kleists an den König Hieb liegen und wurde schließlich mit dem lakonischen Marginal Hardenbergs „Zu den Steten, da bet v. v. Kleist 21.11.11 nicht mehr lebt", beifeitegelegt. *) im Folgenden abgedruckt. Kleist war, so hat man es ausgesprochen, .Zeit seines Ledens von irgend etwas besessen. Sein Dichtertum war eine dämoinsch- di o ny fische Kraft, die in elementaren Ausbrüchen sich zu entladen strebte und ihren Träger vernichtete, wenn er nicht ein Stück Materie fand, das sich solchermaßen gestalten ließ. So wird am treffendsten das naturhaft-unbedingte dramatische Temperament in Kleist bezeichnet, wie es sich vielleicht nur bei Shakespeare und Schiller wiederfindet, und das auch in seinen Novellen sich ausprägt, ja selbst in den Anekdoten noch zu spüren ist. Nach dem ersten erschütternden Ringen um eine Form, dessen Höhepunkt, zwischen den verunglückten „Schroffensteinern" und dem „Zerbrochenen Krug", der „Robert Guiskard" ist, ein unheimlicher Torso, strömt Kleists ganzes Gefühl in zwei, einander ablösende Stosskreise sich aus; der erste ist von erotischen Problemen bestimmt, steht im Zeichen der bis zum Ende im Dichter lebendigen „Gefühlsverwirrung" und führt vom „Amphitryon" über das „Kätchen" zu einem Scheitelpunkt und zugleich der inneren Umkehrung des Heilbronner Ritterstückes: der „Penthesilea". Der zweite Kreis aber, in den jener erste kurz nach der „Penthesilea" einmündet, steht vaterländisch im Zeichen der Zeit, umspannt die „Hermannsschlacht" und den „Prinzen von Homburg" und endet beim „Kohlhaas", den man ein versetztes Drama genannt hat. Für den tiefer Sehenden führt hier auch der Weg vom Zeitgedicht und Tendenzsftick xur übernationalen Menschheitsdichtung im „Homburg", dessen adlige Reife die Lösung der Potsdamer Exerzierplatzkonflikte und auch den Weg zu Kant zurück findet. Und dieser Kleist, Dramatiker von Geburt und aus Notwendigkeit, hat das unglücklichste Bechäünis zum Theater gehabt. Die Bühne, nach der rr schrie, blieb ihm versagt; nicht ein einziges seiner Stücke hat er selber aufgeführt gesehen. Den genialen „Krug", das beste Lustspiel, das wir keimen, verdarb ihm Goethe, die „Hermannsschlacht" verhinderten die Franzosen in Wien, den „Homburg" Jfflond in Berlin und eine preußische Prinzessin auf der Erbse, die über das Benehmen ihres Ahnen 8ede die sich dem Stammern nähert und in feinen Arbeiten durch stetes usstreichen und Abändern sich äußert." Kleist hat schwer, mühsam, um jeden Satz kämpfend, gearbeitet; ihm stoß nichts leicht und gefällig in die Feder; er schrieb, wie er sprach. Tagelang hat er mit seiner Arbeit im Bett zugebracht, verschlossen, oertrodjen vor der Welt, vor dem Leben, das draußen vorüberfloß, ganz hingegeben an die Gestaltung, und hat seine klirrenden Verse und seine schwingende Prost geschmiedet, gehämmert, gefeilt, bis Wort und Satz und Vers gleichsam blank gepanzert dastand, Ningend von Wohllaut, beladen mit Bildfracht, blitzend von gedanklicher Schärfe. Der Kleistische Stil ist so einmalig und ohne Nachbarschaft wie sein Schöpfer; der ist mit einer kleinen Handvoll Worte seiner Prosa, mit einem Dutzend seiner Verse auch heute noch unfehlbar aus hundert anderen herauszuhören. Un6 wie er ums Wort sich mühte, so war er, mit gleicher Leidenschaft und Inbrunst, in seine Gestalten verzaubert. Wie er um den „Guiskard" gekämpft hat, zeigt der berühmteste. Brief*), den wir von seiner Hand besitzen; und Ernst von Pfuel, einer seiner wenigen Freunde, erzählt von einer Begegnung mit Kleist, den er seit Tagen nicht gesehen hatte, und der eines Abends mit Tränen in den Augen bei ihm erschien und mühsam die Worte heroorbrachte: „Sie ist tot ... sie ist eben gestorben." Es hat eine Weile gedauert, bis Pfuel, der in jähem Erschrecken an Ulrike, des Freundes geliebte Schwester, gedacht hatte, zu cegreifen anfing, daß die „Penthesilea", ein grausam dichterisches Spiel von Tod und Liebe, nun vollendet fei. dem Atem berichte. , ,, t „ ,, , o Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeck samt ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben über Junker und Fürsten. So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen, als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas beschwor, als er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart stellte. . _ . Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie er die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar zu machen. v , Sie hörten danach fein Spiel vom zerbrochenen Krug und konnten nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter SaM- fpieler vermißten, weil der blühende Schmerz und derbe Spaß vom bocks- füßigen Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war. Sie sahen das Käthchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer Liebe in soviel Unheil vertiefte. , Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hmwars, ging längst auf dem Messergrad seiner letzten Entscheidung; als er ein armes Menschenkind fand, entschlossen hinunterzuspringen, IpEö Heinrich von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von. oen Berlinern, von seiner schmähsichen Zeit und seiner Enttäuschung in einem erlöste. *) Aus den „Dreizehn Büchern der deutschen Seele". Ifittrte nun, wo man in Deutschland des Dichters gedenkt, soll man nicht rechten und streiten darum, ob mir in hundert Jahren reifer ge- Worden sind, ob Kleist heute wirklich zu uns gehört und uns etwas zu geben Hai Aber das eine ist uns wie ein Vermächtnis in die Hände Siegt: gutzmnachen an den Lebenden, was an dem großen Toten ver- fäumt und verdorben wurde; ein feines Ohr und einen h-llen Blick zu Haven wenn wieder einmal einer in Elend und Hunger und Berzwetstmw an seinem Volk zum Weg nach dem Wannsee rüstet. Und es braucht nicht gerade der Wannsee zu sein... In diesem Sinne, mit solchem Gelöbnis lege das geistige Deutschland heute den Jmmortellenkranz auf das em- same Grab. Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten, aber sein flackernder Gang wurde kein Schrill, der glühende Geist konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in fuickeinden. Dunsteii. Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein ymtgimg mehr und doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er fernen unsteten Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im Staatsdienst, schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und Auer- städk weckte. ., ' . . Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd tn Dresden, schrie er die eigene.Wirklichkeit wach, als er fein kühnes Amazonenfpiel schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill liebte tm Haß und einen sterbenden Leib den Hunden preisgab. Der Alte in Weimar wollte dsn Dichter der Penthesilea nicht kennen, wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: dock) wie ein gMcher Turm über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem pr«»tzrjchen Jüngling sein grausames Eriechengedicht über das edle Gebälk des Meisters trotzig hinauf in den nordischen Himmel. Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich vvn | Kleist, der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren. Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen, der deutsche - Mensch träumte den Traum einer deutschen Reichsherrlichteit: aber der - Tag von Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum. i Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, | der Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt im Abendrot steht. m.. s s. „„ Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Burger der Stadt an der Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung. _ «wei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist fein Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der Erde; er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, aber sein war der Sturmschritt. .. Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zusttomte, raffen und aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen. Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stuck Leben in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnurt war: als ob ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegen- d. 18t Noombr. Ew. Exzellenz wir ihn doch? * ;oöttin zu, daß es genug Stirn«, und tröstet mich gehorsamster Heinrich von Kleist. Erscheinungen, sie stherrckar unbedeulei wir es nur wahrzunei, icheinnngen wahrzunehmen zu lernen. Frag« bei jeder En Has hin? und dann wird die Lehre bereichern; oder frage wenigstens, wenn der Welt diesem Bühnenipiel gleich «rungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens »nnerstes Angebmd ^r, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Gnechen, mdeflen Lösche, der Leuchtturm in mächtiger Brandung^ über den Zeiten baftanb. Me sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten «and, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde ^n®o°bere^in3 vo^Hombür^den Tag des Kurfürsten E Branden- hura zur Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preugen, da wurde in Preußen Deutschland wiedergeboren. Kleist in feinen Briefen. Die nahezu 200 Briefe von Kleists Hand, di« den stattlichen Schluß- fcmb der kritischen Gesamtausgabe füllen, gehören ohne Awscsel^zm-l Merkivürdiasten, was überhaupt in der Geschichte des deust chrn Bri efes M finden tit Immer bleibt, auch bei einem Künstte/l der Brief Ims per- rLnlichsts Dokument feines Wesens, der beste Schlussel zu [«nein Jnnem. Wer bei keinem anderen sind die Briefe eine so unentbehrliche ®rgan3tHi0 tU dem Bilde, das man aus den Werken gewinnt, rote gerade bei Kleist. Wr haben fünf Briefe ausgewählt, welche uns geeignet erscheinen, die XrUmriss« von Kleists Leben und Wirken zu vertiefen. P ÄZ November 1800, ist an Kleists Braut Wilhelmme von Ken«e aernistei — man mutz ausdrücklich betonen, daß es em Braut- ist _ tmb gibt Zeugnis von dem fanatischen Bildungshunger des ^^0 Kleist, den er mit unerschütterllchem ErnK Mich ans mckere M rtragen bemüht war. Das folgende, an dieUlrike ge richtete Schreiben, Gens 1803, ist wohl der b«ruhtnieste Kle,stbn«f, den mir kennen, und bedarf keines Wortes der Erläuterung, drei Wochen »päter schrieb Kleist abermals an Ulrike von St Omer: man steht, rote KcJv er schon damals daran war, ein Ende zu machen. Es folgt das Be- jlettschrecb«! zur lleberrsichung der „Penthesilea an G aet he, Dresden 1808- Goethe antwortete kühl, ablehnend und ohne Verstandms für die Dichtung Dm Schluß bildet der letzte Brief von Kleists Hand, November 1811, in dem er von Ulrike Abschied nimmt. will denke ich, die Kunst in diesem nördlichen Hmimelstrich noch nicht reifen lassen. Thörigt wäre es wenigstens, wenn ich meine Kraft« langer an ein Werk setzen wollte, das, wie ich mich endlich überzeugen mutz, für mich zu schwer ist. Sch trete vor Einem zurück, der noch mcht dach, und beuge mich, em Jahrtausend im Voraus, vor {einem ©elfte. Demi in der Reihe der menschlichen Erfindungen ist diei-nise, bte ich gedscht habe, unfehlbar ein Glied, und es wächst irgendwo schon em totem Mr den, der sie einst ausspricht. . . Und so soll ich denn niemals zu Euch, meine theuersten MenschM, zurückkehren? O niemalsl Red« mir nicht zu. Wenn Du es chust. so kennst Du das gefährliche Ding nicht, das man Ehrgeiz Eist. Sch kE jetzt darüber lachen, wenn ich rmr einen Prätendenten wti Ansprüchen unter einem Hausen von Menschen denk«, die sein Geburtsrecht zur Kemre nicht anerkennen; aber die Folgen für ein empfindliches Gemuch, fie find, ich schwöre es Dir, nicht zu berechnen. Mich entsetzt Dorstsllung. 1 Ist es aber nicht unwürdig, wenn sich das Schicksal herablätzt, ein fo HWfloses Ding, wie der Mensch ist, bei der Nase herumzuführen? Und soll!« man «s nicht fast so nennen, wenn e-uns alAchsE Ku^ aus Goldminen giebt, die, wenn wir nachgraben, überall kein achtes Metall enthalten? Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes, oder gar teins. Ich kann Dir nicht sagen, wie groß mein lst.^ch wuÄe von Herzen gern hingehen, wo ewig kein Mensch hinkommt. Es hat sicheme gewisse ungerecht Erbitterung meiner gegen si« b«meistert, ich kmnme mir fast vor wie Minette*), wenn fie in einem Streite recht hat, und sich "" Ich'bin jetzt auf dem Wege nach Paris fest ^Massen, ohr« gw^ Wabl xum greifen wo sich etwas finden wird. Getzner ) hat mich S bÄt Ä unfertige Stimmung hat mir viel Geck gekostet Md wenn du mich noch einmal unterstützen willst, so kann es mir nur ^h-lfen, wenn es bald geschieht. Kann sein, auch wenn es gar nicht geschieht. Lebe wohl, grüße Alles — ich kann nicht mehr. Hsmnch. Gens, d. 5t Dcfober, 1803. * Meine cheure Ulrike I Was ich Dir schreiben werde, kann Dir vielleiK das Leben kosten; aber ich mutz, ich mutz, ich mutz es öoffimngen. Ich habe in Paris mein Werk, so weit es fertig war, dur-iMlefenvrrworten und Derbrannt: und nun ist es aus Der Himmel »«^nurdenN^i, das größte der Güter der Erde; ich werfe chm, w-ie ein «'genfim'i?es Kind, alle Übrigen hin. Ich kann mich Deiner FrMndschast mcht wuroig zeigen, ich kann ohne diese Freundschaft doch mcht l e den mich in den Tod. Sei ruhig, du Eichabene, ich werde den schö-te« der Schlachten sterben. Ich Hobe die Hauptstadt diesesLmdesveilosstn, ich bin an seine Nordküste Lewi-ndertich werde ^anzüfisiheKrey.Äimste nehmen, das Heer wird bald nach England bmuberricbero, unjer aller Verderben lauert über den Meeren, ich frohlocke b« der Aussicht auf das unendlich-prächtige Grab. O du Geliebt«, du wirst mein letzter @e» Dretzden, d. 24t Jan. 1808. Pirnsche Vorstadt, Rammsche Gaffe, N. 123. * «irf. kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden mid heiter, wie ich bin, mit der wwen Welt, und somtt auch, vor allen Anderen, meine theuerste lllrite mit dir versöhnt zu haben. Latz sie mich, die strenge Ä^utzerung, di« ch'd^m Brieft an die Kleisten*") enthalten ist, laß fte mich zuruck- nehmen; wirklich, du hast an mir gethan, ich sdntcht, was kn Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu ^i tö« Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war Und mm lebe wohl; möge dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen ßlecch: ist de herzlichst« und innigste Wunsch, den ich für dich aufzubringen weiß. Dein Heinrich. Stimmlngs bei Potsdam d. — am Morgen meines Todes. ©obn bes Jdyllendichters Salomon Getzner. "*) Marie von Kleist, geb. v. Gualtieri, Kleists Coufme. Es war im fünfunddreitzigsten Jahr seines Lebens als Heinrich von Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die gute Ge- i'llfchast schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines Kleinbürgers war der sich der Junker im Tode verband. - , . Sebn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde fern Nachlaß und tauben den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum schenkte, als ihm (ein eigenes Leben in Preußen vergällt war. W Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob ste es lange mit blödem Gesicht lasen, einmal mutzte sein Geist auferstehen, und rinmal mutzten die kargen Berliner und Preutzen erkennen, daß nichts v» her Welt diesem Bühnenspiel gleich war. Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eme Dichtung Bemühe Dich also von jetzt an, recht aufmerksam zu se-m, auf all« icheinungen, di« Dich umgeben. Keine ist unwichtig, jede, auch die ~ mdste enthält doch etwas, das merkwürdig ist, wenn nehmen wissen. Aber bestrebe Dich, nicht bloß di« Er- sondern auch etwas von ihnen Frag« bei jeder Erscheinung entweder: woraus deutet md bann wird di« Antwort Dich mit irgendeiner nützlichen ,ct;il ___________I das nicht geht: womit tat das eine Aehnlichkeit? und dann wird das Auffinden s Gleichnisses wenigstens Deinen Verstand schärfen. Ich will Dir auch dieses durch einige anleitende Beispiele erläutern. Dafe Du nicht, wie das Tier, den Kopf zur Erd« neigst, sondern «ufrecht gebaut bist und in den Himmel sehen kannst — worauf deutet -das hin? — beantworte mir einmal ‘bas. Du hast zroei Ohren und doch nur einen Mund. Mit ben Dljren Öt Du h ören, mit dem Mund sollst Du r ed en. — Da^ hältst Du g tor etwas sehr Gleichgültiges? Urtb doch laßt sich daraus -ine höchst »ichtige Lehre ziehen. Frag« Dick einmal selbst, worauf das hmdeuiet, bcfe Du W'cbr Ohren haft q(s ^Jliinber? , Du allein fingst nur einen Ton, ich allein singe mich nur einen Ton; wenn wir einen Accord Höven wollen, so müssen rmr beide «ulammen singen. — Worauf deutet das hm? Der Sturm reifet ben Baum um, aber nickt das Veilchen, der testest« Lbendwind bewegt das Veilchen, aber nicht den Saum. — Womit Hst das eine vortreffliche Aehnlichkeit? . Solche und ähnliche Fragen wirf Dir, mein ^^«sMiiichenseckst Md)t oft auf und suche sie bann zu beantworten. An Stoff zu solchen fragen kann es Dir niemals fehlen, wenn Du nur recht auf» merflnrn bitt auf Alles, was Dich umgiebt. Kannst Du bte Frage nicht gleich beantworten, so'glaube nicht, daß di« Antwort un- Mögtich sei; aber setze die Beantwortung aus, denn unangenehm darfst Du Dir diese Beschäftigung nicht machen, bte unserm ganzen Leben grofeen Reiz geben, die Wichtigkeit aller uns umgebenden Dmge erhöhen und eben dadurch für uns höchst angenehm werden kann Das helfet reckt eigentlich unfern Verstand gebrauchen — und dazu haben danke sein! St. Omer, d. 26t October, 1803. Heinrich von Kleist. ♦ Hochwohlgeb ohrner Herr, Hochzuverehrender Herr Gchemirath, Ew. Exzellenz hab« ich die Ehr«, in ^Anlage gehorsamst das lt Heft des Phöbus zu überschicken. Es ist auf den Jtmeen meines fctytns daß ich damit vor Ihnen erschein«; mögie das Gefühl, das meine Hande unnerotfe macht, den Werth dessen ersetzen, was ste barbrtngen. war M furchtsam, das Trauerspiel, von welchem Ew. Exzellenz hier ein Fragment finden werden, dem Publicum im Ganzen vorzulegen. So wie es hier steht, wird man vielleicht die Pramissenate möglich, ^g'eben müssen, und nachher nicht erschrecken, wenn ble Folgerung ge- ^st übrigens ebenso wenig für die Bühne geschrieben als jenes früher« Drama: der Zerbrochene Krug, und ich kamt es nur Ew. Exzellenz Stern Willen zuschrecken, mich aufzumuntern, wenn dies lchtere gleichwohl in Weimar gegeben wird. Unsre übrigen Bühnen sind weder vor Mch hinter dem Vorhang so beschaffen, daß ich auf diese Auszeichnung rechnen dürfte, und fo ich auch sonst in jedem Sinne gsrn dem Augenblick angehörte, so mutz ich doch in diesem Fall cmf die Zukunft hinaus- sehen weil die Rücksichten gar zu ni«derschlagend waren...... Der ich mich mit der innigsten Verehrung und Liebe nenne Der Himmel weiß, meine theuerste Ulrike, (und ich will umkommen, wenn es nicht wörtlich wahr ist) wie gern ich «men Bbtts ropfen aus Meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Br e,«s gäbe, der so ansangm könnte: „mein Gedicht ist fertig". Aber du weifet, wer rwch ktem W toort mehr thut, als er tonn. Ich hab« nun ein Hacktausend hmter einander folgender Tage, die Nächte der meisten mit einSerechnei, an den »ersuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herabjuringen: jetzt ruft mir untere heilige Schutzgoto" M. Sie füfet mir gerührt den Schweife von der Stirn«, und, tröstet^ntich „wenn Jeder ihrer lieben Söhne nur eben fo tuet thäte, o wurde unserm Atomen ein Platz in den Sternen nicht fehlen. Und l" sei es Iterug. Das Schicksal, das den Völkern jeden Zuschutz zu ihrer Bildung zmmtzt, AnekdoLs aus dem letzen preuhl'' en Kriege - Druck und Vermag: Brühl'fche UniversitätS-Buch-. und Steindruckerei, R. Sange, Gießen. Der nntwortiich: Dr. Hans Thyriot. Er riß flüchtig die Freundeshand an sich und bahnte sich einen ®eg durch die Harrenden. Der Regen schauerte auf ihn hernieder, er achtete seiner nicht. Gehetzt stürzte er vorwärts, als feien die Fünen hinter ihm her. Sein Kopf war ihm zum Zerspringen. Ein tückischer Kobold sah Von Heinrich von Kleist. _ | In einem bei Jena liegenden Dors, erzählte nur, auf einer Reise nach Front,urt, der Gastwirt, daß sich mehrere Stunden nach der Schlacht, um die Zeit, da da- Dorf schon ganz von der Armee des Prinzen von Hohenlohe verlassen und von Franzosen, die es für besetzt gehalten umringt gewesen wäre, ein einzelner preußischer Ritter darin gezagt hatte, und versicherte mir, daß, wenn alle Soldaten, die an diesem Tag« mu« gefochten, so tapfer gewesen wären, wie dieser, die Franzosen hatten geschlagen werden müssen, wären sie auch noch dreunal starker gewesen, als sie in der Tat waren. Dieser Kerl, sprach der Wirt, sprengte, ganz von Staub bedeckt, vor meinen Gasthof, und rief: „Herr Wirt! und da. ich frage: was gibt's? „ein Glas Branntewein!" antwortet er, indem er fein Schwert in'"bie Scheide wirft: „mich dürstet." Gott im Himmel! sag idr will Er machen, Freund, daß Er wegkommt? Die Franzosen find sa dicht vor dem Dorf! „Ei, was!" spricht er, indem er dem Pferde den Zügel über den Hals legt. „Ich hab« den ganzen Tag nichts genossen! Nun Er ist, glaub' ich, vom Satan besessen -! He! Ü.ese! ne ich, und sä-afs' ihm eine Flasche Danziger herbei, und sage: da! und will ihm d.e ganze Flasche in die Hand drücken, damit er nur rette „Ach was! spricht er, indem er die Flasche wegstößt, und sich den Hut abnimmt. „wo soll ich mit dem Quark hin?" Und: „schenk Er em! spricht er indem er sich den Schweiß von der Stirn abtrocknet: „denn ich habe keine Zeit!" Nun Er ist ein Kind des Todes, sag' ich. Da! sag ich, und schenk ihm ein: dck! trink' Er und reit’ Er! Wohl mag s Ihm bekommen. „Roch eins!" spricht der Kerl: während die Schüsse schon von allen Seiten ms Dorf prasseln. Ich sage: noch eins? Plagt Ihn —! „Noch eins, sprich er, und streckt mir das Glas hin — „Und gut gemessen IpW er tn- dem er sich den Bart wischt, und sich vont Pferde herab schneuzt, . denn es wird bar bezahlt!" Ei, mein Seel, so wollt ich doch, daß Ihn - Da. sag' ich, und schenk' ihm noch, wie er verlangt, em zweites, und schenk ihm, da er getrunken, noch ein drittes ein, und frage: ist Er nun zufrieden? „Ach!" — schüttelt sich der Kerl. „Der Schnaps ist gut!— Na! spricht er und setzt sich den £>ut auf: „was bin ich schuldig? Nichts, ittchtt! versetz' ich. Pack' er sich, ins Teufelsnamen-, die rtranzosm ziehen ins Dorsi Na>" sagt er, indem er m seinen Stiesel greift. „so soll'5 Ihm Gott lohnen." Und holt, aus bem Stiefel, einen Pftsten- stummei hervor, und spricht, nachdem er den Kopf ausgeblasen. .üchan Er mir Feuer!" Feuer? sag' ich: plagt Ihn —? „geuer, ja! fprutyer bemt ich will mir eine Pfeife Tabak anmachen. Ei, den Keill reiten VersionenHe, Liese! ruf' ich das Mädchen, und wahrend der Kerl sich di? Pfeife stopft, schafft das Mensch ihm Feuer. „Na! sagt der Kerl, die Pfeife, die er sich angefchmaucht, im Maul: „nun sollen doch die Franzosen die Schwerenot kriegen!" Und damit, indem er W ben Hat in die Augen drückt, und zum Züge! greift, wendet er das Pserd und zieht von, Leder. Ein Mordkerl! sag' ich; ein verfluchter, verwetterter Galgenstrick! Will er sich in Henkexs Namen scheren wo er hmgehor ? Drei Chasseurs — sieht Er nicht? halten ,a schon vor dem Tor! „Et was. spricht er, indem er ausspukt-, und 1«ßt die dm, Kerls blitzend ms^Auge. darin und pochte mit glühende-m Hmmner. Das Herz schlug mit fieber- kranken Schlägen., die Eingeweide zogen sich zusammen. Mit geballten Fäusten stürzte er vorwärts. Eine halbe Wegstunde, wie em Sturmwind zurückoelegt, dann war er zu Hause. Zu Hause? Ach, in jenen nackten, ärmlichen vier Wanden, die er, der Heimatlose, Friedlose, der rastlos durch die Welt Rennende, sein Zuhause nannte. „Zu Hause" — das mußte jein wie ein Frühlingsduft, wie Glockenläuten und das Streicheln einer heben Hand. Aber hier? Kalt und kahl lag die Stube da. In dem riesigen Kamin hatte vielleicht ein Feuer gebrannt, aber da niemand es versah, war es erloschen, während er mit Pfuel im Kaffcehaiise saß und sich immer wieder die IcüM-ge öitanci in die Ohren bla [en lief)* „Ou mußt fertig werden, — fertig muht du werden. ..." Er warf sich krachend in den wackeligen Stuhl am ausgebrannten Kamin, und seine Gedanken eilten in gewaltigen Sprüngen zurück zu jener Stunde, in Dresden, da derselbe Pfuel ihm gesagt hatte, er wolle ihn erhalten, bis er sein Werk vollendet und den Kranz der Unsterblichkeit gepflückt habe. „Du Guter, Treuer!", flüsterte er'weich, und starrte bitter lächelnd vor sich hin. Das Werk vollenden?... Aber es wird nie vollendet roerben, — nie* mals! In dieser Stunde wußte er das ganz deutlich, als habe das Flammen eines Blitzes ihm das weite Land der Zukunft erleuchtet und bie Krüppel gezeigt, die verworfen rechts und links von feinem Wege lagen... Er stand auf, sank aber gleich zurück, von der wilden Schlacht in seinem Hirn aus einen Augenblick überwältigt. Er strich über seine linke Hand: sie stand in heller Glut. „Ja, ich habe Fieber", dachte er: „ich sollte zu Bette gehen, Ernst hat ganz recht ... Aber ich kann nicht! Er riß sich empor und tastete sich an der Wand entlang zum Schreibtisch, den er gleich am ersten Tage, bei seiner Ankunft aus Lyon, ans Fenster geruckt hatte, und an dem er, in ungezählte» Nächten, Niederlage um Niederlage erlebte . . Briefe lagen dort, Briefe aus Deutschland. Ulrike schrieb. Was schrieb sie? Immer das gleiche, das trostlos Gleiche, das wie der giftige Geifer eines Drachens an ihm fraß: „Du mußt fertig werden, — fertig mußt du werden.... _ Im Kamin sah heulend der Sturm. Die Scheiben klirrten im Reg«, und Hagel, und durch die Ritzen der schlecht verschlossenen tfenfter blies es falt, daß Frostschauer ihn überliefen. Schritte kamen die Treppe he» auf, tappende Schritte. Das war vielleicht Pfuel ... Doch nein, |w tappten weiter, er war es nicht: er stand wohl noch unter dem schützen- Den Torweg, wo er, er selber es nicht ausgehalten hatte vor brennendem Verlangen nach Einsamkeit. Er war klug, der Freund, er tat sich nicht wehe, er schonte sich ... Er aber, der hier frierend ftanb, er konnte sich nicht schonen, er war dem Dämon untertan, der ihn durchs Leben hetzte, an allem, an Glück und Braut und Werk vorbei, ziellos, ins Nichts..... In nichts! — Ja, da würde fein Ende fein. Alles würde sterben, alles mit ihm enden. Fortleben! — Ach, er würde nirgends fortleben! Was er geschaffen, das würde zerfallen, wie alles zerfiel...., Für wen hatte er gebaut? Für wen ein halbes taufend Nächte gesessen, in zermürbender Arbeit der Gedanken und des armen Herzens? — Für die Vernichtung, für den Tod... £>, wie hatten es denn die Großen angefringen, deren Name und Werk unsterblich lebte? Ja, sie! Sie waren die Reinen und Untadeligen... Das Leben selbst hatte sie gerechtfertigt, indem es ihn Taten krönte. — Aber er? War er rein und untadelig?... Nein, nein, nein, er war es nicht! Also qualvoll grübelnd ftand er lange an der kalten Wand. Er füllte, daß sein ganzes Gesicht verzerrt war, verzerrt wie sein Innere^ 2X1311 dieser rasende Kopfschmerz, diese bis zum Schreien angespannten Nerven! Schon feit Wochen ging das nun so, und es wurde immer arger, io ruh er, ja da war es auch manchmal gekommen, hatte ihn drei Tage gefoltert und war vorübergebraust wie ein Gewitterregenschauer. Aber letzt? Es ginn eben zuende... . r, , Sie die andern, waren klüger. Pfuel blieb unter dem Torweg stehen, wenn es regnete; er würde lange leben, gewiß, er würde General werden, Minister vielleicht... Er hingegen, der Maßlose und Unweife, er war fertig. Alles an ihm war überreizt, gebrechlich, krank. Schon der Umstand, daß er die Nächte hindurch saß und Verse machte, schon der allem oewies das. Man macht keine Verse, wenn man gesund und guten Mutes ist. Und also war er fertig, aufgebraucht, erledigt und konnte abtreten. Eine fürchterliche Wut packte ihn, ein Wettern und Wüten gegen sich selbst. Mit gebauten Fäusten schlug er seine Stirne, der Schmerzen nicht achtend, die unter seinen Hieben sich aufbäumten und ihm das Hirn zerfleischten. Er stöhnte und ächzte wie auf der Folterbank. Dann ent- zündete er die Kerze auf dem Schreibtisch, die seine fürchterlichen Nachte erhellte, riß das Manufkript des „Guiscard" an sich und begann beim flackernden Lichte zu lesen. Seite um Seite las er, von einer zur anderen hastend, wie ein Irrer. Und je weiter er las, desto wilder wurden seine Bewegungen, „llngcnü- genb", rief er, „Ganz ungenügend!" Er las nicht mehr, dachte nicht mehr. Wilde Zerstärungssucht schüttelte ihn... Und wenn es so war wenn da, Urteil auf „Ungenügend" lautete, — warum lebte es dann noch, lag tyi« und war ihn ein Greuel, eine beständig höhnende Erinnerung an taufend abertausend Niederlagen in einsamer Nacht?! Ins Feuer dann doch in« ihm, lieber heut als morgen!... In jähem Zorn zerrte er em Bl