GichenerZamilieiibliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1927 Dienstag, d«Ü8.Januar Numme^S Der Schauende. Von Rainer Maria Rilke. Ich sehe den Bäumen die Stürme an, die aus laugewordenen Tagen an meine ängstlichen Fenster schlagen, und höre die Fernen Ding« sagen, die ich nicht ohne Freund ertragen, nicht ohne Schwester lieben kann- Da geht der Sturm, ein Umgestatter, geht durch den Wald und durch die Zeit, und alles ist wie ohne Wer: Die Landschaft wie ein Vers im Psalter, ist Ernst und Wucht in Ewigkeit. Wie ist das klein, womit wir ringen, was mit uns ringt, wie ist das groß; ließen wir, ähnlicher den Dingen, uns so vom großen Sturm bezwingen, — wir würden weit und namenlos. Was wir besiegen, ist das Kleine, und der Erfolg selbst macht uns klein. Das Ewig« und Ungemeine will nicht von uns gebogen fein. Das ist der Engel, der den Ringern Des Alten Testaments erschien I wenn seiner Widersacher Sehnen im Kampfe sich metallen dehnen, fühlt er sie unter seinen Fingern wie Saiten tiefer Melodien. Wen dieser Engel überwand, welcher so oft auf Kampf verzichtet, der geht gerecht und ausgerichtet und groß aus jener harten Hand, die sich, wie formend, an' ihn schmiegte. Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegt« von immer Größerem zu sein. Georg Friedrich Knapps Gießener Kinderzeit. G. F. Knapp, der im Frühjahr vorigen Jahres verschiedene Meister der deutschen Nationalökonomie, ist bekanntlich ein Gießener Kind. Aus seinem Nachlaß hat jetzt di« Tochter des Gelehrten, Clly Hauß-Knapp, die Jugendsrinnerungen ihres Vaters herausgegeben, die in diesen Tagen unter dem Titel „Aus der Jugend eines deutschen Gelehrten" bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erscheinen (185 S.). Das reizvoll geschriebene Büchlein wich gerade in Gießen besonderes Interesse finden. Aus den uns zur Verfügung gestellten Abschnitten bringen wir einige, aus das Gießen der vierziger Jahre sich beziehende Proben. 842 Geboren bin ich, wie Ihr wisset, in Gießen an der Lahn. Eine Straße der inneren Stadt, genannt: „Die neuen Baue", führt nach Osten; an der rechten Seite, wenn man aus der Stadt hinausgeht, stand das Haus, damals kenntlich an einer kleinen Freitreppe, die aber nun verschwunden ist; schräg gegenüber steht das Geburtshaus des Romanisten Diez. Unten wohnte ein Steuereinnehmer Enders, im ersten Stock der Rabbiner Levi, dessen einer Sohn Hermann ein sehr bekannter Musiker geworden ist; im zweiten Stock wohnten meine Eltern. Die Fensterscheiben waren mit Blei eingefaßt, was man damals noch häufig sah. Die Bauart war äußerst dürftig: ein Kloben, der zur Befestigung eines Spiegels im Wohnzimmer eingeschlagen wurde, kam an der Außenseite zum Vorschein. Wir hatten nach der Straße zu drei Zimmer, nach dem Hof zu eines. Zwei ganz gleiche Oellampen, ohne Zylinder, mit Blechschirm, wurden abends angezündet. Die Treppen im Hause waren von gefährlicher Steilheit. Ein kleiner Hof, in den die Sonne schien, wurde nach hinken von einem Graben begrenzt, den wir Flohgraben nannten. Einen Garten hatten wir nicht. Unser Haus hatte wenigstens gerade Wände, während daneben, durchs Trillergäßchen getrennt, Hauser mit windschiefen Wänden standen, wovon eines den Spitznamen „Krachburg" führte. Meine Zwillmgs- fchwester Lella. eigentlich Karoline, und ich sind am 7. März 1842 auf die Welt gekommen. Mein Vater war Chemiker, einer der frühesten Schüler Liebigs, meine Mutter war Liebigs Schwester, und zwar die jüngste, so daß sie wegen des großen Altersa'bstandes ihren berühmten Bruder eher wie einen Oheim betrachtete. Liebigs älteste Tochter Agnes erschien nach unserer Geburt, um als Glückwunsch einen Vers herzu'fagen, dessen erste oellen lauteten: „Ein Knabe, geboren im Monat März, hat ein Löwenmaul und ein Hasenherz." Mein Vater war im Jahre 1842 etwa 28 Jahre alt; was seine Stellung war, weiß ich nicht, ich glaube „Repetent", ein« damals eingeführte Stellung, vermutlich im Laboratorium Liebigs. Ein« sehr bewegte Szene ist mir als erste Erinnerung an meinen Vater noch sehr deutlich: er reiste für längere Zeit nach England ab und nahm im Wohnzimmer von uns Abschied. Als eines Abends unsere Eltern ausgegangen waren, erschien bei der Köchin, die uns im Schlafzimmer überwachte, eine alte Frau; die Köchin hatte sich heißes Wasser über den Fuß gegossen, di« Binden wurden ab« genommen, die alt« Hexe kniete nieder und sagte unter beschwörenden Gebärden Sprüche her. Das kam uns höchst wunderlich vor. Einmal lag ich im Bett und wollte meine Suppe nicht essen; da wurde der eben erschienene „Struwwelpeter" auf den Tisch aufrecht hingestellt, so daß ich den Suppenkaspar sehen konnte. Rach und nach aß ich die Suppe auf — und da drehte sich das Blatt mit dem Suppenkaspar von selber um: Ahnung höherer Zusammenhänge. Unser erster Spielkamerad war Hermann Levi, der aber zwei bis drei Jahre älter war als wir; er hatte häufig di« Bräune und wurde daher Braunert genannt. Ich habe ihn später nie wieder getroffen, trotz einiger Versuche auf beiden Seiten. Er war lehr früh musikalisch entwickelt. Sein Vater, der Rabbiner, ist über 90 Jahre alt geworden, wie auch mein Vater. Einmal sollten Lella und ich nach Ortenberg im Vogelsberg reisen, wo ein Schwager meiner Mutter namens Hilß eine Brauerei und Oeko- nomie betrieb. Der Rabbiner hatte gerade dort eine Hochzeit abzuhalten und nahm uns im Postwagen mit; und als er am Hochzeitshause empfangen wurde, meinte die Hausfrau, wir gehörten zu ihm und ließ für uns am festlich gedeckten Tisch Teller aufsetzen. Erst als wir in der fremden Welt zu weinen anfingen, wurde nachgeforscht, wer wir seien — und man führte uns zu unserem Onkel Hilß. Das war unser erstes Reiseabenteuer. Noch in den „Reuen Säuen" wurden wir von unserer Mutter ein wenig lesen gelehrt, und zwar nach der damals neuen Lautiermethode. Es waren große gotisch gedruckte Buchstaben, auf blaues Papier aufgeklebt und ausgeschnitten. Doch haben wir damals nur die Buchstaben gelernt. An einem Weihnachtsabend strahlte an der Spitze des Christbaums ein« fünffache Flamme; in der Ecke stand ein kleiner Gafometer, von dem em Schlauch hinaufführte. Es war Gas. Nur chemische Eltern konnten damals eine solche Ueberraschung bieten, denn Gas war nur hn Laboratorium zu haben. Eines Tages erschien ein früherer Gendarm namens Keßler und breitete vor meinen Eltern Pläne seines Hauses aus: danach wurde eine neue Wohnung gemietet, obgleich wir Kinder gar nicht begriffen, daß diese Zeichnungen ein Haus darstellten. Der Umzug in das Keßlersche Haus fand im Herbst 1847 statt. Es lag am Südende der Stadt, auf dem Seltersberg; wenn man hinausgeht, auf der rechten (westlichen) Seite, damals das vorletzte Haus; das letzte war em Oekonomiehof, der Kochsche Hof, wo Pfauen gehalten wurden. 2(uf der unten (östlichen) Seite war auch nur noch ein Haus, einem Vureau- beamten namens Engelbach gehörend. In unserem Hause wohnt« im ersten -stock der Theologe Credner, in den Mansarden der Zoologe Leuckart, der aber später einzog als wir. Wir wohnten unten im Erdgeschoß. Im Hinterhause wohnte das Ehepaar Kehler, bei denen es immer nach gelben Rüben roch, weil die Frau das Essen — im Bett Wir 6en Abend aufbewahrte. Auch eine Scheune stand tm Hof, oder vielmehr em schuppen. Das Haus stand völlig frei, von weiten Gärten umgeben, wo Gemüse gebaut wurde; aber auch einige Rabatten mit Blumen waren da, eingefaßt mit Buxbaum, und einige Hütten — so nannten wir die Lauben — aus Hainbuchen. Meine Mutter hatte die (Babe, sehr ergreifend vorzulesen; es geschah ganz anspruchslos, ziemlich rasch, ohne alle sichtbare Bemühung und auch offenbar ganz unbewußt; sie erzielte die Wirkung nur dadurch, daß sie selber von dem Stoss ergriffen wurde. Besonders kam es bei Grimms Märchen und ähnlichen, ganz einfachen Dingen zum Ausdruck, so daß mich bald ihr Vorlesen an sich bereits ergriff. Die wirksamsten Kinderbücher waren: Reinicks Jugendkatender; Text und Holzschnitte waren von Reinick; darin stand die Geschichte von der Spitzen-Christel, die unschuldig in den Verdacht des Diebstahls gekommen war; ferner Glllls Kinderheimat: ehe es auf dem Weihnachtstisch« erschien, las uns unsere Mutter, das Buch versteckt haltend, das Gedicht „Bäuerlein, Bäuerlein, tick, tick, tack" vor; andere aber gefielen mir bester, wie z. B. „Gefroren hat es Heuer, noch gar kein festes Eis" — oder „Will das Kind ein wenig warten, kauft der Vater einen Garten". Vor allem ober bewunderte ich die Geschichte vorn „Fröschlein mit dem grünen Strumpf". Es war wohl ebenfalls 1847 oder 1848, als Braun und Schneider ht München die Münchener Bilderbogen Herausgaben; die ersten 24 Nummern lagen ebenfalls bei der Bescherung, darunter die Blätter „Deutsche Städte und Burgen"; dann Schwinds Gestiefelter Kater; das andere Blatt: „Herr Winter" ebenfalls von Schwind. Es fft gar nicht mit Worten zu sagen, welcher Reichtum aus diesen Blättern auf uns überströmte, denn die Zeit ö In seinem großen, grün tapezierten Zimmer hing das erste Oetbitd an der Wand, das wir kennenlernten: es war von einem bekannten Maler, Rahl, damals wohl in Rom, und stellte fast lebensgroß ein zigeunerartiges Mädchen dar, das neben sich eine weiße Ziege hatte; darunter las man „Esmeralda". Erst viel später, 1864 oder 1865, bin ich der Esmeralda wieder begegnet — im Roman von Viktor Hugo, Notre Dame de Paris, den ich in einer einzigen Nacht durchlas, weil ich vor Entzücken über die mir teure Zigeunerin das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Im Frühjahr 1848 kamen allerlei seltsame Kerle zu Karl Vogt; ein breitschultriger mit rotem Haar und Bart, der eine ungeheure Baßstimme hatte, hieß Karl Becker, der erste Demokrat. Andere ähnliche Figuren sah man auf der Straße: graue Kalabreserhüte, mit Hahnenfedern darauf, einen alten Schleppsäbel umgeschnallt. Im benachbarten Wirtshaus wurden Versammlungen abgehalten und groß« Reden von aufgeregten Leuten, die auf Tische gestiegen waren. Aus die mit eingedrungenen Knaben wurde nicht weiter geachtet. Jener Karl Becker hatte viel mit Bogt zu tun, was wir Kinder gar nicht recht begriffen, denn er sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Kerl. Eines Tages standen wir im Hof, gegen Abend war es fchon, als Karl Bogt auf einem Braunen geritten kam. Roh und Reiter waren schweißbedeckt, Vogt vollständig heiser. Er hatte die rasch gebildete Bürgerwehr aus dem „Trieb", einer Gemeindeweide, die wir aber „Tripp" nannten, versammelt, denn er war zum Kommandeur erwählt worden, und hatte dort vom Pferd herab versucht, die Leute in Reih' und Glied zu bringen. Die Prosefforen, darunter mein Vater und einmal auch unser Onkel Liebig, ließen sich an der Anatomie cinexerzieren; wir Jungen standen dabei und fanden es unglaublich komisch. Einmal ist diese Bürgerwehr abends ausgerückt, weil es hieß, von Friedberg her nahe sich der Feind; man kam aber bald wieder heim. Karl Vogt kehrte von Frankfurt nicht mehr nach Gießen zurück; seine Sackten wurden versteigert; die Venus von Milo, etwa meterhoch, aus Paris, erhielt mein Vater für die dabei gehabte Bemühung als Geschenk: das erfte Werk der Plastik, das wir kennenlernten. Es hat seitdem stets im Arbeitszimmer meines Vaters gestanden. Vogt, ein echter Schwadroneur, hatte in der Kneipe stets von seinen Schulden geredet; bet der Aufräumung feines Haushaltes fand man alles in peinlichster Ordnung, alle Quittungen sorgfältig beieinander. Das war schon genug, um ihn mcht ganz ernst zu nehmen. Aber starke Zweifel an seiner politischen Ernst- Hastigkeit kamen mir später, als meine Mutter einen Brief von Vogt vor- zeigte, den sie 1849 während des badischen Aufstandes erhalten hatte: darin wird der Vorgang nur von der komischen Seite betrachtet, und Vogt erklärt sein ganzes Auftreten in Frankfurt aus dem Bestreben — „Hofrate zu ärgern". Trotzdem war eine köstliche Frische in ihm zu bewundern, und ein persönlich anhänglicher Mann ist er immer gewesen: es war offenbar fein Schicksal, den schwadronierenden Inhalt der Revolutionsfahre klassisch zu verkörpern, sozusagen die lustige Person im damaligen -LrauerjpteL Und das war mir beschieden, aus nächster Nähe anzusehen — ehe ich in die Abefchule kam. Damals reiste meine Mutter einmal nach Darmstadt; die nächste Z-ituna brachte die Nachricht, daß in Frankfurt mit Kartätschen gescyosien werde. Mein Vater reiste sofort nach und fand meine Mutter bet einer bekannten Familie in Frankfurt, auch noch auf der „Zeil : die Leute hatten sich im Zimmer nah am Fenster aus den Boden gelegt, weil dies der sicherste Ort war. Beim Weggehen fanden meine Eltern meinen neun ähriaen Vetter Julius Wilbrand auf einem Ecksteine, sitzend und nahmen ihn mit. Von dieser Reise hat mir meine Mutter eine Messmg- kanone mitgebracht, aus der man.wirklich schießen konnte. Die Metzgerburschen, die ins Haus kamen, schimpften, daß unser Vater ein Dunkelmann sei; was er aber gar nicht war, er hatte nur als Sohn eines höheren Beamten etwas mehr Ueberbüd als viele andere, ohne sich irgendwie in jene Wirren zu mischen. Die Knaben waren übrigens mit erregt, sie traten haufenweise zusammen, manche ältere taten sich auffallend hervor, und man gehorchte ihnen; ich durfte als einer der jüngsten auch mitlauf en. Die Eisenbahn nach Frankfurt war gerade im Bau, ungeheure Massen von Schwellen aus Eichenholz waren aufgeschichtet; in den schmalen Gangen Zwischen den Haufen war man ungesehen, und es wurden vor allem Rutsch- bahnen daraus gebaut: schräggestellte Schwellen, oben geglättet, man hockte sich darauf und glitt hinunter. Jeder Junge hatte einen Knüppel an der Seite, und sie nannten sich Knüppelgard^ Wer nicht gehorchte, wurde in einen Kohlenkeller gesperrt. Es war höchst sonderbar, wie sich alles veränderte - dies allgemeine Zusammenlaufen, dies Auftauchen von Leuten die Befehle erteilten, diese allgemeine Schnnpserel; aber es war auch sehr genußreich. . „ Einmal Härte ich meine Eltern von der Schule reden; meine Mutter war dafür; mein Vater wollte es noch ausschieben, wie er denn niemals von vorzeitiger Schulung etwas wissen wollte; und |o kam es, daß ich erst mit sieben Jahren in die Schule kam, also 1849. Das war em merk- würdiges Jahr, denn an unserm Hause vorüber zogen Preußen und Mecklenburger nach Süden, um den badischen Aufstand niederzuschlagen: Pickelhauben, Zündnadelgewehr; am besten gefiel uns die 8elbid2mteb.e/ Es gab auch Einquartierung. Noch im Jahre 1848, im Mai, ftarb mein Großvater Knapp, Geheimer Staatsrat in Darmstadt. Mein Vater und dessen Schwester, Frau Professor Albertina Wilbrand, reisten, hm und nahmen mich mit. Als der Postwagen siw Hessenmonument vorüber nach Frankfurt gekommen war, stiegen wir für einige Stunden aus unö gingen vor die Paulskirche. (Fortsetzung folgt.) DQS Geheimnis der Meistsrgeigsn. Von Artur S e g i tz. Es ist eigentümlich, daß die Fabrikationsgeheimnisse so mauser Dinge im Laufe der Jahrhunderte spurlos verloren gehen können. Die alten Römer kannten z. B. nach alten, glaubwürdigen Quellen die Herstellung eines unzerbrechlichen Glases, dessen Festigkeit angeblich eine so große gewesen sein soll, daß man Ecken und Beulen solcher gläsernen Gefäße mit einem Hammer hätte wieder ausbiegen können. Die Italiener brachten es dagegen im Geigenbau zu einer unerreichten Meisterschaft. Die Namen mancher italienischen ®eigenbauerfamdien, wie Stradivari, Amati, Guarneri, Rugeri u. a. genossen einen Weltruf, und einen Ruhm, der die besten unserer heutigen Geigenbauer bei weitem . nicht wieder erreichten. Aber allmählich begann ?uch hier wieder ein Verfall, so daß die wenigen, noch existierenden, wirklich echten Melster- geigen wegen ihrer bis heute unerreichten Tonfülle und Klangschonheit fast wie kleine Heiligtümer behütet und umsorgt werden. Der modernen Wissenschaft lieh aber dieses Gehelmms der alten Geigen keine Ruhe, und so versuchte sie sich seit Jahren an der Losung dieses Problems. Durch ein künstliches Alterungsverfahren soll es in den letzten Jahren auch bis zu einem gewissen Grade gelungen sein, gewöhnliche moderne Instrumente zu veredeln und der Klangschonheit alter Geigen bedeutend näherzubringen. Aber näher kam man hierdurch dem eigentlichen Problem des Fabrikationsgeheimnisses nicht, denn lene italienischen Geigen hatten, wie wir wissen, schon zu ihren Entstehungszelten ihre berühmte Klangwirkung, die also nicht erst durch ein hohes Alte beroorgerufen worden ist. . ... _. Da war es nun die Chemie, die wenigstens etwas Licht in diese Frage brachte, wenn es ihr auch noch nicht gang gelungen ist,, sie restlos zu klären. Wie die „Zeitschrift für angewandte Chemie berichtet, ging der Wiffenfchaftler G. Schwalbe, Eberswalde, der sich schon fett Jahren mit der systematischen Untersuchung von verschiedenen Holzarten beschäftigt, zuerst an die Lösung der Frage, ob vielleicht, wie dies ost oerrnrn« wurde, der Niedergang der italienischen Geigenbaukunst mit dem Auf- , des illustrierten, gemütlichen Kinderbuches fing damals erst an. Sei ßiebigs trafen wir noch die unausstehlichen Fabeln von Hey mit der Alrtlugheit des 18. Jahrhunderts, die wir aber bereits gründlich haßten. Bei der Großmutter Liebig tagen viele Bände des Pfennig-Magazins, dessen Holzschnitte ganz elend waren; der Text war eine lehrhafte Sammlung von Wißbar- ?eiten Endlos schleppte sich darin die „Galerie deutscher Bundessursten weiter Hinten kamen „Miszellen über indische Zauberer". Dagegen waren Rückert, Reinick, Güll und die Münchner Holzschnitte lauter Zeichen einer •W al5ltid) Friedrich Güll, dem Lehrer an der protestantischen Schule in München, zuweilen begegnete, blieb ich immer in der tiefsten Bewegung stehen und blickte ihm nach, solange es ging. Cr hatte einen schönen, harmonischen Kops und eine ruhig-liebevolle Haltung. Auf der Landstraße, die an unserem Hause vorüber von, Frankfurt am Main nach Kassel sührte, gab es viele Frachtwagen; meine Mutter konnte immer auf den ersten Blick sagen, was sie geladen hatten; auch gab es einen Fuhrmann, der Velten hieß: er brachte oft meiner Mutter etwas aus Darmstadt von den Großeltern Liebig, mit. Der Postwagen ging auch am Hause vorbei, vor allem aber die Briefpost: klenie Karren, zweirädrig, genannt Karriol; neben dem Kutsaser noch em Platz. Die Personen- wie auch die Briefpost gehörte dem Fürsten Thurn und Taxis, der vom Kaiser Maximilian belehnt gewesen fein sollte (eine der wenigen Sachen aus der älteren Geschichte, die wir erfuhren). Als die Mam-Weser- Vahn von Gießen nach Frankfurt bereits eröffnet war, ließ der Fürst Thurn und Taxis seine Karriole noch immer nebenher sahen, weil es zu keiner Einigung mit der Dahnverwattung kam. Lange dauerte es nicht, aber es war doch eine Zeitlang so, und die ganze Universität Gießen lachte über diese Schildbürgerei. Nach kurzer Zeit erschienen schwere, niedrige Wagen, mit acht oder Äebn Pserden bekannt; geladen waren darauf Lokomotiven, die von Staffel tarnen; ich meine, der Fabrikant habe Keßler geheißen. Unser Staunen war grenzenlos. Ebenso, als die Telegraphenstangen errichtet wurden: die Porzellanhütchen haben wir stets zum Ziel unserer Steinwürfe gewählt, oft auch getroffen; ich konnte sehr gut mit Steiner.ro erfen und habe es erft unterlassen, als ich später in München Friedrich Jolly kennenlernte, der durch Steinwürfe ein Auge verloren hatte. Um 1849 war die Landstraße auch sehr häufig von Stafettenreitern benutzt: Soldaten, die den Depefchendienst versahen; sie ritten schneller als alles, was wir bis dahin gesehen hatten. Die ersten militärischen Durchmärsche ereigneten sich 1849. Man sah auch Zigeuner, Bettler, Bauern, Omnibusse, sehr viele Pferdehändler, deren Pferde damals englistert waren, wie denn auch die Nürnberger Bleisoldaten lauter solche Pferde zeigten. Unser Erdgeschoß war geteilt: Wir hatten die Zimmer, etwa vier, nach der Stadt zu; die drei anderen Zimmer bewohnte der Zoologe und spatere Politiker Karl Vogt, ein Junggeselle, der an uns Kindern großes Vergnügen fand und stets Zeit für uns hatte, obgleich er fehr fleißig war. Er hatte zuweilen zwei Schreiber, denen er auf- und abgehend lieber» i etzungen diktierte; auch malte er ein wenig in Oel und hatte damals auf einer Staffelei ein seltsames Bild: ein Parodie von Raffaels Trans- iguration. Es stellte eine Szene auf dem Meeresboden dar, eine Ver- ammlung von Krebsen, Seepferdchen und dergleichen, während oben darüber eine Qualle schwebte, die aus ihrem glockenförmigen Leibe fegen» spendende Faden herunterhängen lieh. Später wurde es in Stahl gestochen und einem seiner Werke beigegeben, ich glaube, den Zoologischen Briefen. m . Zu Weihnachten konnte Vogt gar keine Grenzen in Geschenken finden: Hirschfänger und Flinte, am Christbaum schokoladene Maikäfer. Im Winter trug er einen Schlafrock, mit Schafspelz gefüttert, den er, wenn wir kamen, umgedreht anzog; dann fetzten sich die Zwillinge auf seinen Rücken, und er, auf Händen und Knien gehend, machte die Runde um das Zimmer. . , Er wollte mich gern „malen" lehren, das heißt mit Wasserfarben Bilderbogen bemalen; aber er fand mich ganz talentlos und einmal, als ich die Umrisse gröblichst überschritten hatte, wurde er sogar böse und ließ von feiner Bemühung ab. hören des Anbaus bestimmter Holzarten Kusammenhinge. So wandte man sich der Untersuchung des Holzes der Balsamfichie zu, da festgestellt worden ist, daß das Ende dieser Holzkultur in Oberitalien ungefähr mit dem Verfall der Crenwnenser Gsigenbauerei, die die bei weitestem berühmteste war, zeitlich zusammenfällt. Die mikroskopische Untersuchung eines Stückchens Holzes einer alten Amati-Geige, die durch einen unglücklichen Zufall zer- trünimert worden war, ergab jedoch einwandfrei, daß das Hotz der Balsamfichte nicht vorlag. Nun wandte man sich der chemischen Analyse zu und untersuchte neben dem Holze der Amati-Geige noch das gewöhnliche italienische Geigenholz, das gewöhnliche deutsche und außerdem noch das Balsamfichtenholz. Diese chemischen Analysen, auf die nicht näher eingegangen werden kann, ergaben nur, daß das Holz alter Geigen weniger Benzol-Alkohol-Extrakt enthält, als neues Geigenholz, was vermutlich nur auf das verschiedene Alter der Hölzer zurückzuführen ist, da hei deren Altern ihr Fett-, Wachs- und Harzgehalt chemischen Veränderungen unterworfen wird, wodurch seine Löslichkeit in Alkohol oder Benzol ebenfalls wesentlich beeinträchtigt wird. Vermutlich ist aber der Gehalt an genannten Stoffen in den alten Geigen genau so groß oder nur wenig verschieden von den neuen Geigen, kann jedoch nicht mehr einwandfrei nachgewiesen werDen. Interessante Aufschlüsse ergab dagegen die Veraschung der verschiedenen Geigenhölzer. Hier zeigte es sich nämlich, daß das Holz der Amati- Geigen und überhaupt auch anderer sehr alter Geigen einen bedeutend größeren Aschegehalt besitzt, als das neuer Geigen. Dieser Umstand weist mit aller Entschiedenheit auf eine Beize des Holzes mit gewissen Salzen bin. Man kann nämlich nach einer solchen Beize des Holzes selbst durch sorgfältigstes Waschen nicht» mehr alle Salzreste aus ihm herausbringen, da diese Reste von gewissen Bestandteilen des Holzes außerordentlich stark festgehalten werden und so natürlich bei der Veraschung den Aschegehalt erhöhen. Der Zweck einer solchen Beize wäre ebenfalls einleuchtend. Durch geringe Salzmengen kann nach Schwalbe eine schädliche Uebertrocknung des äußerst empfindlichen Geigenholzes vermieden werden, die sich dann dl einer stets gleichbleibenden Klangfarbe äußern müßte. Außerdem können verschiedene konzentrierte Lösungen von gewissen Salzen entweder das Holz zum Quellen bringen, oder eine vorhandene Quellung wieder rückgängig machen, wodurch also nach Belieben die wichtige kolloidale Eigenschaft des Holzes, feine Quellfähigkeit, verändert oder unterbunden werden kann. Dieser Weg wäre demnach ebenfalls in gewissem Sinne eine „künstliche Alterung", die man also wohl schon vor Jahrhunderten gekannt hat. Denn durch eine Quellung und nachherige Zusammenziehung des Holzes konnte sehr wohl eine Lockerung der einzelnen Faserteilchen des Holzes erzielt werden, so daß diese dann leichter schwingen können als vorher. In der Holzasche der alten Geigen konnten chemisch verhältnismäßig beträchtliche Mengen an Kalksalzen festgestellt werden, wodurch die Vermutung auf eine Beize mit Seewasser nicht bestätigt wird, da dieses nur ganz geringe Mengen Kalksalze enthält. Die Art der zum Beizen verwendeten Salze ist bis heute noch nicht geklärt und noch völlig rätselhaft. Die große Schwierigkeit der genauen Identifizierung Reser Beizsalze wird vor allem durch die geringen Mengen des zur Untersuchung vorhandenen Materials bedingt, da man natürlich nicht hierfür absichtlich kostbare alte Geigen vernichten kann. Trotzdem dürfte die Zeit nicht mehr allzu fern sein, wo man endlich das Fabrikationsgeheimnis der altitalienischen Meistergeigen restlos geklärt haben wird, wodurch sich dann dem modernen Geigenbau völlig neue und unerwartete Perspektiven eröffnen würden. Dom Gold. Von Dr. Balduin Ernst. Kein Metall hat von den ältesten Zeiten der Menschheitsentwicklung an das Sinnen und Trachten der Völker fo zu fesseln vermocht wie das Gold. Luch heute liegen die Verhältnisse nicht anders. Deutschlands Boden ist sehr arm an Goldlagerstätten, und was in den Statistiken als deutsche Golderzeugung erscheint, entstammt fast ausschließ- kch ausländischen Erzen. Immerhin, wenn wir in den alten Chroniken blättern, so erkennen wir, daß fast alle unsere deutschen Mittelgebirge wie Thüringer Wald, Taunus, Fichtelgebirge usw., aber auch verschiedene größere Flüsse goldführend sind und in früheren Jahrhunderten mit Erfolg zur Goldgewinnung herangezogen wurden. Am ertragreick)sten waren wohl die Lager in Niederschlesien, wo in der Gegend von Goldberg-Löwenberg Bergbau umging, der erst nach dem großen Mongoleneinsall von 1241 in Vergessenheit geriet. Es waren also deutlich politische Ursachen, dir eine Abwanderung der alten Bergleute und damit das Erliegen des Bergbaues zur üotge hatten. Auch an anderen Orten ist sicher nicht immer ein Nach- wsien der Erzführung die Veranlassung zur Vetriebseinstellung gewesen. Schon aus diesem Grunde konnte man von den in neuester Zeit an verschiedenen der obengenannten Oertlichkeiten vorgenommenen Versuchen zur Neubelebung der Goldgewinnung Erfolg erhoffen, dies um so mehr, als die unvollkommene Technik der früheren Betriebszeit ausschließlich eine Berjolgung der reinen Golderze gestattete, während die heute so wichtigen Mi scherze unbeachtet auf die Halde geschüttet wurden. Fast immer hat die Gewinnung des Goldes von den losen Seifenlagern der Berghänge und vl” U,rtyru.nfl genommen, um erst viel später in Schächten und * bas .Me Ursprungsgestein des Edelmetalls überzugreifen. r °«n g«Jiereit deutschen Flüssen sind die Eder und der Rhein seit ein™ erkannt, und die Sage vom Rheingold erhält mAmeituf* enthalten Hintergrund. Die Eokdwäscherei des Rheins reicht SÄ? 7. Jahrhundert zurück und ist trotz der geringen RuMPm^er £ni) "k^en Flußsandes — 0,014 bis 0,011 Gramm «neTn S ~ D°n «^bedürftigen Fürsten der Uferstaaten immer Für das Rheinwasser selbst haben Probeabnahmen Milliontel rar« . Gegend von Karlsruhe und Leverkusen drei imXrWn ^ramm m tausend Liter als Durchschnitts-Wett ergeben, was eme gleichmäßige Verteilung des Goldes im gesamten Fluß- ^ckükmeter «ei einer settindlichen Wasserführung von 2000 « bikmeter eme recht ansehnliche Edelerzmenge ausmacht/ So aussichtslos es wäre, die Rhein- und EdergoldwSscherei in der heutigen Zeit neu beleben zu wollen, so wenig Erfolg hat man bisher auch mit der Gewinnung des im Meerwasser aufgespeicherten Goldoorrats gehabt, der der Trübe der Flüsse seine Ansammlung verdankt. Immerhin spielt die Frage der Goldgewinnung etwa seit den nenziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine gewisse Rolle, und der Vorschläge und Patentanmeldungen sind nicht wenige, die seitdem von den verschiedensten Seiten in der Angelegenheit gsniacht worden sind. Nur eine kleine Anzahl der Entwürfe ist freilich in die Tat umgesetzt worden; ursprünglich versuchte man in Amerika das in große, flache Bottiche eingeleitete Meer- wasfer durch Zinnwasser zur Abscheidung des Goldgehaltes zu bringen. Später, als der Erfolg bei diesem Verfahren ausblieb, führte ein Zufall zu der Beobachtung, daß mit Eisensulfat durchtränkte Hochofenschlacke eine besonders kräftige niederschlagende Wirkung auf das Meeresgold hat, wodurch die Schlacks selbst allmählich mit Gold angereichert und in ein Goldgestein, ähnlich den natürlich vorkommenden, übergesühtt wird. Aber auch über dieses Verfahren und die darauf begründeten Anlagen in New- Jersey und bei Fire Island ist in den letzten Jahren nichts mehr bekannt- gewordeu; wahrscheinlich war es auch ein Fehl schlag wie fein Vorläufer. Die ganze Frage der Meeresgoldgewinnung erhält nun ein neues Gesicht, weim man die Ausführungen Professor Habers auf der diesjährigen Tagung des Vereins deutscher Chemiker lieft. Legte man bisher allgemein den Untersuchungen alte Untersuchungsergebnisse von 5 bis 10 Milligramm auf die Tonne Meerwasser zugrunde, so hat Haber an einer großen Reihe von Hochwasserproben, die er selbst auf einem von deutschen Schiffahrtsgesellschaften zur Verfügung gestellten und ausgerüsteten Schiffe gesammelt hat, nur wenige tausendstel bis hunderttausendstel Milligramm Gold im Kubikmeter Wasser feststellen können. Mehrere tausend Proben wurden ihm auch vom deutschen Forschungsschiff „Meteor" aus dem südlichen Atlantischen Meere und von dänischen Schiffen aus den isländischen und ostgrönländischen Gewässern zur Verfügung gestellt, deren Goldgehalt zwischen einem Hundertstel bis fünf Hundertstel Milligramm schwankte. Selbst in dem als besonders goldhaltig gerühmten Kalifornischen Golf ergaben sich keine höheren Werte. Dagegen erwiesen sich einige Proben geschmolzenen Polareises als verhältnismäßig am reichsten. Bemerkenswert ist übrigens, daß das Gold nach Haber nicht in gelöstem Zustand, wie man bisher annahm, sondern vorwiegend als mechanische Trübe und als Bestandteil vieler Schwebewesen im Meer vorhanden ist. So scheinen die Haberschen Untersuchungen, die zum erstenmal den Goldgehalt des Meerwassers unter besonderer Berücksichtigung der Hochsee nachgevrüft haben, endgültig mit der alten Hoffnung aufzuräumen, daß der Gold- hunger der Menschheit eines Tages aus den gewaltigen Vorräten unserer Meeresbecken mühelos gestillt werden könnte. Anekdoten. Nacherzählt von Bruno Frank. Der große Kant führte ein liebeleeres, einsames Junggesellendasein, gern hatte er eigentlich nur feinen Diener Lampe; an dessen Erfahrung war er gewöhnt, und an dessen Treue glaubte er. Aber nach vielen Jahren stellte sich heraus, daß dieser Lampe stahl; er wurde entlassen. Nun gab es in Kants methodisch abgeteiltem Leben eine gewisse Stunde täglich am frühen Abend, da rückte er feinen Sessel ans offene Fenster, spannte ab und erlaubte sich, etwas anderes zu sein als ein zermalmender logischer Hammer. Und täglich kehrten nun unweigerlich seine Gedanken zu Lampe zurück, zu seiner Sorgfalt und Pflege. Er sehnte sich nach diesem Dieb und schämte sich doch, Moralist, der er war, seiner Sehnsucht auf das bitterste. Deshalb schrieb er auf ein Stück weißen Karton bie Worte: „Lampe muß vergessen werden!", und stellte diesen Karton allabendlich vor sich hin auf die Fensterbank. Man fand ihn noch in seinem Nachlaß. ♦ Mit einem Freunde stand Schiller am Fenster und betrachtete einen Kometen, dessen Erscheinung gerade damals die Gemüter heschästigte. „Welch großer erhabener Gedanke", sagte Schiller bewegt. „Woran denkst du?" fragte der andere. „Wohl daran, daß dieser Stern so aus unerforschtem Dunkel heroorgetaucht, um in ein gleiches wieder einzugshen?" „Nein, Bester," antwortete Schiller, „sondern daran, daß zu dieser Stunde das Publikum von ganz Europa gleichzeitig seine Augen auf diesen Stern gerichtet hält." * Talleyrand lieh einer Unzahl von Regierungen seine glänzenden Dienste, dem König so gut wie dem Konvent, dem Kaiser so gut wie der Restauration. Für jede tat er sein Aeußerstes, aber wenn sie abgewirtschaftet hatte, verließ er sie und wandte sich dem neuen Lichte zu. Als er nun, schon ein alter Mann, dem Bürgerkönig Louis Philippe die Treue schwören sollte und vor dem Erzbischof von Paris stand, da wandte er sich zum König, drohte lächelnd mit der schon zum Schwur erhobenen Hand und sagte: „Sire, 's ist der dreizehnte!" » Bei einem Eingeborenenstamm am Rio Negro sah Alexander von Humboldt einen alten Papagei, der außerordentlich fließend und wohl- artifuliert sprach. Humboldt konnte aber dennoch die Worte nicht verstehen und bat einen Häuptling um die Uebersetzung. — „Diesen Papagei kann auch ich nicht verstehen", sagte der Häuptling. „Niemand von uns kann es, denn er spricht nicht unsere Sprache." — „Er ist also wohl von weither zu euch gekommen?" — „Nein, aber er ist ungeheuer alt und spricht die Sprache des Stammes, der vor uns in btefen Talern gewohnt hat. Dieser Stamm ist ausgestorben." — „Die den Bogel verstanden haben, sind tot," sagte Humboldt und sah seine Begleiter en, „die mit chm leben, verstehen ihn nicht und er selber . . ." ♦ Einer jungen, hübschen Dame fiel der Fächer zu Boden. Der alte, weißhaarige Fontanelle, der daneben stand, bückte sich mühsam mit steifen Knien und hob ihn auf. Sie nahm den Fächer und dankte kaum. „Aber, gnädige Frau," jagte Fontanelle, „sehen Sie mich doch an! Bei Gott, Sie verschwenden Ihre Kälte!" — Bruck uni) Verlag: Vrühl'sche Llniversitäts-Vuch» und SleindruckereßR. Lange, Gieße Verantwortlich; Dr. Hans Thyrivt. er als 'Beamter der Regierung unsere Freundschaft für den Augenblick hintanstellen und die erhaltenen Anweisungen aussühren müßte, als seien wir uns völlig fremd. Um mich brauche er sich keine Sorge zu machen, ich würde schon das meine dazu tun, um seine Vorgesetzten so lächerlich wie möglich zu machen. So handelte ich denn auch. Zwei Spione, die sich eines Nachts in mein Lager geschlichen hatten, empfingen die wohlverdiente Strafe. Zwei Abgesandte der Regierung, die mit dem ausdrücklichen Auftrag ausgeschickt waren, meine Leute gegen mich aufzuwiegeln, damit sie mir alle meine Habe raubten, wurden von diesen aufgegriffen, entwaffnet und verprügelt. Ich behandelte sie als Gefangene, führte sie mit und ließ sie zur Strafe etwas Bergsteigen üben. Um weiteren Schikanen der anglo-indifchen Behörden zu entgehen, die für mich selbst viel weniger unangenehm waren als für meine mir treu ergebenen eingeborenen Begleiter, beschloß ich, die Grenze zu überschreiten, die dort durch den Kalifluß gebildet wird. Nun hatte ich also den Boden de- Königreichs Nepal betreten, eines Landes, das zu jener Zeit den Fremden fast ebenso verschlossen war wie Tibet. Mittlerweile hatten die Tibeter bei ihrem eiligen Rückzug hinter ihr« Grenzen die Brücken abgebrochen, mit hohen Felsblöcken die Wege verrammelt uni) andere derartige kriegerische Vorbereitungen getroffen, um mein Vorrücken zu vereiteln. Sie behaupteten, eine Streitmacht von fünftausend Mann zusammengezogen zu haben, und liehen mir sagen, daß sie, wenn sie meiner habhaft würden, mir den Kopf abschlagen und meinen Leichnam in den Fluh werfen wollten. Solche Drohungen hatte ich zu oft gehört, als daß sie mich noch erschreckt hätten. Ich sing ein Schreiben von dem anglo-indischen Kommissar der Nordwestprooinzen an die tibetische Regierung ab, das fo lautete: Herr Länder ist auf dem Wege nach Tibet. Die indische Regie- rang hat Maßnahmen getroffen, um zu verhindern, daß er Begleiter findet, und hat versucht, ihm Gepäck, Proviant und Munition wegzunehmen. Er wird das Land allein betreten und Sie können mit ihm tun, was Sie für richtig halten. Wir (die Regierung) lehnen jede Verantwortung für sein Eindringen in tibetisches Gebiet ab. Run war es mir völlig klar, daß ich einigen unfähigen Beamten ein Dorn im Auge war, weit ich über ihre Verfehlungen nach England be- richtet und auch bereits für die leidenden Eingeborenen Milderungen erweckt hatte; diese Leute — zum Glück waren nicht alle Beamte von dem Schlag — alles taten, was in ihrer Kraft stand, um mir Ungelegenheiten zu bereiten, war mir also nicht weiter verwunderlich. Die indische Behörde ließ auch der Regierung von Nepal eine Mitteilung zugehen, daß sie im Fall meines Grenzübertritts Soldaten ausfchicken sollte, um mich zurückzutreiben oder gefangenzunehmen, da mein Vorgehen ohne das Em- Verständnis der britischen Regierung erfolge. Sehr richtig. Dieses Schreiben war mir eine unverhoffte Quelle der Erheiterung. Nepal zog denn auch eiligst an der Grenze eine kleine .rruppe zusammen. Meine Begleiter, die von der Anwesenheit oer Soldaten nichts ahnten und auf einen kriegerischen Empfang in Nepal nicht gefaßt waren, trugen ihre Gewehre zum Schutz gegen Feuchtigkeit m Leder,utieralen. So tarn es, daß zwei meiner Leute, die nichtsahnend vorauszogen, überraschend an gefallen und ihrer Gewehre beraubt wurden. Dann zogen sich die nepalischen Soldaten hastig nach einem höher oben auf einem Berge gelegenen Fort zurück. Als wir andern von dem Ueberfall horten, stiegen wir schnell nach der Festung empor, von deren Mauern uns ein Trupp Soldaten mit geschwungenen Kukris (scheußlich aussehenden Messern) und veralteten Flinten bedrohten. Das Tor der Festung war verrammelt, wir hoben es ein wenig mit Hilse eines notdürftigen Hebebaums aus Holz, und während die ganze Besatzung herbeisturzfe, um das Tor zu stützen, kletterte ich mit vier meiner besten Leute aus der andern Seite des Forts über die Mauer. Mit unfern Mehrladegewehren im Anschlag, oer- langte ich, die Besatzung sollte die Waffen niederlegen. Einer feuerte feine Mm? ab, aber ohne zu treffen, die andern ergaben sich. Nun brach auch der Rest meiner Leute ins Fort ein. Der Mutige, der auf uns gWIe”- erhielt eine gehörige Tracht Prügel; dann warfen wir m dem Fort alles durcheinander, holten uns die verlorenen Gewehre wieder, verabschiedeten uns huldvoll vom Kommandanten und zogen weiter unseres Weges. Der Trupv Nepaler Soldaten folgte uns — in respektvoller Entfernung — noch mehrere Tage, bis wir in das Gebiet des Schnees und der Gletscher kamen. Dann verloren wir |ie aus benSingen. Don da ab bin ich auf keine weiteren Schwierigkeiten beim DurchquerendesL^ndes gestoßen. Ich hatte die Absicht, einige der unbekannten Gletscher in Nepal zu erfor chen und, wenn möglich, eine der Lumpaspitzen zu besteigen, ine majestätisch über der Mehrzahl der benachbarien Gipfel ausragen. Da wir bald in bedeutender Höhe auf schwieriges Gelände fhenen, mußte ich mein Pony im Stich lassen. Mühevoll ging ^'lufungebahnfen Pfaden vorwärts. An Menschen trafen wir mir hier und da einen vom Rheumatismus und Fieber geplagten Hirten; in der lahrelangen ©infam teil ihres Lebens in diesen kalten Regionen haben die Leute saft bas Sprechen verlernt. Wir gelangten an einen prachtvollen Gletscher, de noch kein Weißer erblickt hatte und ber einen überwältigenden Ausblick hat. Am Fuß dieses Gletschers sckflugen wir in emer Hohe von 4170 Meter ilbC$3enn der^Wind' sick^erhob 'und sich in den Eiszacken und verfing tönte die Gletscherwelt von seltsamen Geräuschen wider. Einmal hörte man ein schrilles Pfeisen, ein andermal heiseres Brüllen wie von wilden Tieren, bann wieder ohrenbetäubendes Donnern, zuweilen so g auf bas Getöse melodische Klänge, einem Chor menschlicher Summen von köstlichem Schmelz nicht unähnlich. Oft fuhren wir durch emen lauten Knall erschreckt in die Höhe: man hatte denken sollen, bic gesamte L schäft um uns her wäre in bie Lust geflogen, aber es war nur eine n - | ein paar hunbert Meter tiefe Gletscherspalte aufgebrochen. Nachdem mir bie Gletscherwelt hinter uns gelassen ^"en, zogen über bieMoräne bes Lumpagletschers weiter, und zwar im wesentlich in ber Richtung bes Lumpastroms. . Abenteuerliche Reise in Tibet. ] Von Henry S. Landor. Wir entnehmen die nachfolgende Schilderung dem bei Vrockhaus i in Leipzig erschienen, hochinteressanten englischen Reisewerk „Der wilde Landor", auf das wir bereits an anderer Stelle auf- eStSÄ Smri- **<•* »h-‘Ä litt ick unter ben Nachwirkungen der IM geheiligten Lanb Inifer Die Rolle die ich in London, in izrankreich. Deutsch- ■ I IWUMMZW ihnen mit glncher Mun-e »ahlen. unb mdn Bettzeug zu- fei Ä&Ä s» £ im N--dwchb-,,-!; tek ---IN- nnrinnOrhe Leute zusammen, Freunde des treuen Tschanden seng. Ich erstand e^n erstklassiges Pony und Proviant genug, um mit meinen Leuten aufÄtt1 täÄffSX”’- es handelte sich um mehrere taufend Pfund - um die denkbar besten wissenschaftlichen Jnstrumentezube- fei &s s SK.WH« Stieseln dem Sto?z jedes Bergsteigers wissen, sondern trug ziemlich ‘eiC«DnSmmora bis zur tibetischen Grenze verfolgte id) einen etwas anbern Weg als auf meiner ersten Reise. Nachdem ich Dobi Dhura ver- ficb die auf die Höhe des Gebirgszuges führende Straße durch ‘ s; Ja. (Fichen Nbodadendren, Fichten und Deadorazedern beftan- j bTneslebkt sLe des Nebels und Regens war der Pfad schlup f s M^in im übrigen sehr sicheres Pony scheute leicht. Als wir eines Abends . M unUrgeSer Sonne unvermutet aus einen Eingeborenen stießem Än über tm Kops unb um bie Schultern getragene As WoWecke .m . Winde flatterte unb als das Pony fast im selben Augenblick den Huf auf ; .in, Krfgvnae feht? wieherte das Tier wie toll, trat zurück unb rutschte j mk ben^7in®erbemen über den Rand des nur wenige Fuß breiten Steges hinunter über einer Tiefe von etwa 250 Meter. Ehe ich irgend etwas zu tun vermochte, kam das Pony wieder auf die Fuße und ging auf dem schmalen, gefährlichen Pfad mit mir durcy. Dazu brach bie Stange, fo daß id) ^^SrSelSte^X^äe, wo ich meinen alten Freund öen Radschiwar traf. Ich bewahrte dem ehrwürdigen alten Herrn die treueste Anhänglichkeit, wegen seiner Güte unb ber aufmerksamen Pflege, bie er mir halte angedeihen lassen, als ich verwundet krank zwei 3ahre zuvor aus Tibet hingebracht worden war. Er war fetzt ganz gelahmt. Beim Betreten von Bhoi ober Klein-Tibet gelangten w,r m höhere Regionen. Da ich vernommen, baß bie Tibeter in englisches Gebiet ein- aebrunaen waren, um unfern Eingeborenen ihr Gesetz auszuerlegen, eilte ich aus Bitten der mißhandelten Schokos weiter nach Garbyana, wv mich die wackeren Bergbewohner begeistert ausnahmen. Aus die Kunde von meinem Eintreffen zogen fid) öietibeti 1 rf}en 25eamlen ^mf. Die Garbnalis beschworen mich, ich möge dorr bleiben, um sie gegen noe iische Niedertracht zu schützen. Die indische Regierung, die mein wieder- eVnbtingen to Tibet stark beunruhigte benahm sich recht eigen- ärtig. Ständig trafen ihre Abgesandten ein und ertteßen Derbote an de Eingeborenen, mir zu folgen ober mir Lebensmittel zu verkaufen, sie suchten meine Leute dazu zu Überreben, mir Waffen »"d Proviant «0^ zunehmen unb mich so am weiteren Vorbringen zu hmbern.Unsinnige Beschuldigungen würben in Umlauf gesetzt, z. B. i°llie ich Schnellade- kanonen verborgen mit mir führen unb dergleichen. Aus den bloßen Ber dacht hin, mir behilflich gewesen zu sein, wurden verschiedene Eingeborene ungerechterweise bestrast. Hysterisch anmutende Drohbriese gingen mir von den verschiedensten Behörden zu, so vom Statthalter ber Nordwestprooinzen, vom Regierungskommissar unb vom stellvertretenden Regierungs- kommissar. Schließlich erhielt ich ben Befehl, nicht weiterzuziehen, sondern die Befehle der Regierung abzuwarten. Ich erwiderte, ich fei niemals, weder in ber Vergangenheit noch in ber Gegenwart, irgend jemanös Diener gewesen, hätte auch keineswegs die Absicht, es lemals in Zukunft zu werden, daher könnte ich von niemand Befehle annehmen. Unterstützung von feiten ber Regierung hätte ich weber erbeten noch brauchte ich sie, und weiterziehen würde ich, wann unb wohin es mir beliebte. Der politische Agent für das Grenzgebiet, ein vollendeter Gentleman unb lieber Freunb von mir, der mir bei meinem früheren Besuch tn Tibet das Leben gerettet hatte, stand bestürzt vor ben ihm zu gegangenen Befehlen. bie er unmöglich ausführen konnte. Ich fetzte ihm auseinander, daß