SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <927 Samstag, den 17. Dezember Nummer lvo Ein Lied, Hinterm Ofen zu singen. Von Matthias Claudius. Der Winter ist ein rechter Mann, Kernfest und auf die Dauer; Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an Und scheut nicht Süß noch Sauer. War je ein Mann gesund, ist er's; Er krankt und kränkelt nimmer, Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft im kalten Zimmer. Er zieht sein Hemd im Freien an Und läßt s vorher nicht wärmen Und spottet über Fluß im Zahn Und Kolik in Gedärmen. Aus Blumen und aus Vogelsang Weiß er sich nichts zu machen, »warmen Drang und warmen Klang alle warmen Sachen. Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ofen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert; Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht Und Teich und Seen krachen; Das klingt ihm gut, das haßt er nicht, Dann will er tot sich lachen. — Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande; Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande. Da ist er denn bald dort, bald hier, Gut Regiment zu führen. Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren. Droben im Wald. Eine Weihnachtserzählung von Wilhelm Jensen. Er ton irgendwoher und ging irgendwohin. Um ihn pfiff der Wind der großen Landstraße ungefähr in der Mitte zwischen dem Oberrhein und dem langen Wall der Dogesenberge. Auch der Tag stand in der Mitte, doch einer der kürzesten und dunkelsten des Jahres. Aus dem tief ziehenden Nebelgewogs taucht manchmal auf der anderen Seite ein schattenhafter Umriß des Schwarzwaldes, dann zerrann er wieder. 2tb und zu rieselte es feinkörnig vom Gewölk; allein auf der glatten Straße fegte der Sturm es sofort in die Luft zurück und wirbelte es wie seinen ^^ek'eiiMme"Wanderer hielt an und letzte sich auf einen Haufen zerklopfter Steine am Grabenrand. Sein Arm mmzvg «ine eigentümliche Bewegung dabei, als ob er einen Hammer auf- und niedevfchwinge, und fein dichtumbarteter Mund murmelte dazu: „Gibt's hier auch Leute mit Ringen an den Beinen, die für achtbare Menschen und Tiere Chausseen ausbessern helfen?" Und seine schwielig verarbeiteten Finger spreizten sich mit einem Zugriff in das scharfzackige Gestein und warfen eine Handvoll davon aus den Weg. 1 Ä Er schien empfindungslos gegen Wind, Kälte und Nässe, fü- seinen Körper wie für seine Kleidung. Was von dieser sichtbar war, bestand aus einem alten Filzhut und einem graubraunen, sackartigen Ueberwurf groben Stoffes, der an der langen Gestalt fast bis zu den Fersen hinunterfiel. Alles bot ziemlichen Anstrich v .. 'lerkommenlkeit und war nicht geeignet, sonderliches Zutrauen einzuflöß . Sein Gesicht indes tat dies noch minder; unter dem Schatten der Hutkrempe liefen, aus hohlein- gesunkenen, fahlen Züge', hervorstechend, zwei dichtbrauig überwucherte, unstete Augen umher. Trotzdem war er unverkennbar noch jung, höchstens an die Dreißig streifend. Er faß so, daß er zu den Vogesen hinübersah. Dreifach staffelten sich diese übereinander, nur hier und da von Wolken verhängt, im ganzen deutlich zu unterscheiden. Vorn zogen sich die schwarzen Tannenvorberge vielgegliedert in die Rheinebene herunter, ein mittlerer Stock hob sich, vom Rauhreif wie mit Pulver bestreut, darüber, dahinter ragte weiß und fast gleichmäßig nach Nord und Süd der Hochkamm auf. Der Dezembersturm heulte droben in der weiten Schnee-Einöde noch wildere MÄoAen als hier unten, aber, aus der Weite gesehen, lag alles in chweigfamer Regungslosigkeit. Nur die Augen des Betrachters bohrten ich mit einem unheimlich brennenden Blick in die einsam weihe Wett stnein. Auf und ab befand sich kein Mensch außer ihm auf der winterlichen Landstraße, überhaupt nicht Lebendiges. Erst als er einige Minuten lang Lagesessen, kam etwas Schwarzes durch die trübwidrige Luft. Der Wind schien es irgendwo aufgerafft und in das kahle Geäst einer Silberpappel dem Steinhaufen gegenüber hineingsklatfcht zu haben, doch nun krallte es sich flatternd an einem schwanken Zweig fest und stieß zweimal rasch hintereinander scharfkrächzenden Schrei von sich. Es war eine Nebelkrähe mit grau-rostfarbigen Flügeldecken, sie sah auf den Mann jenseits der Chaussee nieder, und er sah zu ihr hinauf. In ihrem Geschnarr harte etwas wie eine abfällig mißächtliche Aeußerung gelegen; wenigstens rief er ihr höhnisch zu: „Hälft du dich für schöner und glaubst, daß die weißen Tauben nach dir ausschielen?" Sie gab keine Antwort, sondern wippte nur mit dem schwanken Zweig auf und ab, stieß dann noch einmal ihr Gekrächz aus und flog langsam, gegen den Sturm ankämpsend, davon. Nun stand er auch auf und sprach vor sich hinaus: „Bist du bekommen, mir den Weg zu zeigen?" und ging ebenfalls südwärts werter. Sein Auftritt war kräftig, doch feine Schritte für di« große Gestalt auffällig kurz. Er hob den linken Fuß stets mit einem gewissen Zögern vor, als ziehe derselbe etwas Behinderndes hinter sich drein. Wenn man die Straße um eine halbe Stunde weiter verfolgte, führt« sie durch ein ärmliches Dorf. Lang hingestreckt lagen zu beiden Seiten lehmgelbe Häuser und zerbröckelndes Mauerwerk, von dem im Sommer Steinbrech und bunte Nelken herabnickten. Jetzt sah alles schmucklos und tot aus, auch von den Bewohnern ließ sich kaum etwas gewahren, als da und dort ein alter verrunzelter Weiberkopf hinter den kleinen Fensterscheiben, der sich mummelnden Mundes über ein Gebetbuch bückte. Nur die Glocke unter der zwiebelförmig braunroten Haube des Kirchturmes ließ ein blechernes Geläut über die Dächer verwehen und redete von einer besonderen geistlichen Bedeutung des häßlichen Tages. Neben der niedrigen Kirchhofsmauer, hinter der regenverwaschene Bandschleifen um eine Anzahl gleichmäßig großer und gleichmäßig verwitterter schwarzer, messingverzierter Holzkreuze flatterten, bog rechtshin ein Weg von der Chaussee ab. Es schien gleichfalls eine Fahrstraße, denn die hartgefrorene Schmutzkruste wies mehrfaches Rädergleis; doch ihre anfängliche Breite verringerte sich bald. Der Weg lief in gerader Richtung gegen den nahen, steil abfallenden Rand des Vogesengebirges; wo er die Vorberge desselben erreichte und ansteigend in ein enggewundenes Tal ein» trat, beließ er nicht Zweifel, daß er keine Landstraße, sondern nur ein Holzabfuhrweg sei. Selbst für einen solchen zeigte er sich bald arg verwahrlost, wie er, vom Talgrund aufbiegend, sich in Krümmungen über graue Felsrippen emporwand. Dann hob er sich, unausgesetzt aufwärts führend, in ein dunkles Waldtor hinein. Hier bekam er etwas ermüdend Gleichförmiges. Im Sommer mochte der tiefe Schatten unter den jcchrhundertalten Rottannen und Kiefern erquicklich fein, jetzt lag er nur bedrückend auf dem Blick und Gefühl, erquicklich fein, jetzt lag er nur bedrückend auf dem Blick und Gefühl, raubte wohl eine Stunde lang jegliche Aussicht und jede Vorstellung der rechts, nun links wand sich der Weg aus einein ' ini> zu rann in der Mitte desselben Himmelsrichtungen. Nun rechts, nun I finstern Tobe! in den anderen; ab und zu rann in der M sickernd ein Ouell über ausgewaschenen Steingrund, aber jeder bot dem Auge eine genaue Wiederholung des vorhergegangenen. Kein Laut als »äs vumstfe lIemttt? hsch oben in. den Wipfeln^ immer gleich; kein Anzeichen einer menschlichen Behausung, als einmal auf einem ffeHkeüustL?- wachfenen Stein am Wege die kaum lesbare Inschrift „Krähenhüite" mit einem aufwärts deutenden Pfeil. Nach und nach schimmerten da und dort zwischen den Stämmen vereinzelt weiße Flecke vom Boden und nahmen an Häufigkeit zu; wenn der Kopf sich aufbog, gewahrte er die obere Hälfte der Tannennadeln nicht mehr schwarz, sondern wie versilbert über sich. Das waren die einzigen Anzeichen des allmählichen Uebergangs zur mittleren, höheren Gebirgsstufe. Nun hörte der Wald für eine kurze Strecke auf, und ein nackter Felsrücken trat an die Stelle. Ganz mit dünner Schneelage überdeckt, di« den Weg schwer unterscheidbar machte, gewährt« er zum erstenmal einen Rückblick und ließ eine unvermerkt erreichte, beträchtliche Höhe erkennen. Tief drunten, unter dem schwarzen Föhrengestrüpp, lag das Rheintai, geradeaus nahegerückt der gleichförmig verschneite Hochkamm des Gebirges. Rundhin erschien dies wie völlig unbewohnt, nirgendwo sah «ine Turmspitze herüber oder nickte ein Dach aus der Weite. Alles bot getreulich den Charakter der ärmlich bevölkerten, fast menschenleeren Vogesen. Dennoch setzte sich der Weg fort, mitten in die winterliche Hochwildnis &ein. Geraume Weile abermals wieder durch schwer überhängenden ld, der sich unter starrem Ra uh reif bog, dann öffnete sich unerwartet ein kleiner, runder Kessel, ganz von glitzerndem Dickicht umkränzt. Hier deckte der Schnee bereits fußtief den Boden, und noch unerwarteter stieg über ihm in einer Ecke der kleinen Ausrundung ein feiner, bläulicher haften. (Fortsetzung folgt.) stopfen?" fiel er ftahlaunig ein. Er nahm bn denn heut' ab, Hannchen? Gehört bas geschickt." „Um mir den Mund zuWi seine Büchse. „Warum trägst auch zur Festvorbereitung?" . , _ . , . „Ja, für die Marianne; sie Hai gebeten, den Abend im Dars« bet hren Eltern verbringen zu dürfen, und kommt morgen früh zuruck. Die junge Fran ging mit ihren Geräten in die Ruche hinaus. Er 9hm ivar heut« feit drei Tagen der Mntersomtenwendtag vorüber und mich der 24. Dezember schon ziemlich über die Mitte seiner kurzen Lichtspendung vorgerückt. Die einfache Mittagsmahlzeit war beendet, und die junge Frau räumte das Etzgeschirr vom Tisch. Unter diesem hockten die beiden Kinder neben dem großen Hund auf dem Boden, doch waren sie weniaer laut als gewöhnlich. Sie wisperten nur manchmal, die blonden Köpfe dicht über deut zottigen Fell zusammensteckend, mit einander und deuteten mit glänzenden Augen ab und zu verstohlen noch der geschlossenen Türe eines Rebengemachs., Der Förster hob sich gleichfalls vom Sitz, trat gegen di« Wand, um seine Büchse aus dem Winkel zu nehmen,'und sagte, den Kops drehend, neckisch: „Du siehst mich an, Fran Waldfee, als wärest du mich gern für ein paar Stunden los, um deine Zauberkünste hier allein betreiben zu können. Ich will wie immer deinen Willen tun, denn ich mutz doch noch in den Krummtobelschlag hinüber. Vielleicht begegnet mir unterwegs ein Rehrücken für morgen Mittag. Wie dächtest du taröber?* Sie lachte, und das Lachen jtarib ibx n^mnche KlMflö E -.ch'Her 7M Achllee' betreiben können?" Die Anrede hatte gut auf sie gepatzt; obwohl sie «ine weiße MckMschürz« über dem schlichten, dunkeln Kleid trug, sah Frau Johanna Eisenhut doch aus, daß man auf den Gedanken kommen konnte, sie sei irgendwo ans einem Blumenkelch, etwa aus dem ihres Namens, hervorgeschlüpft und habe ihre schlanke Elfengestalt zum Scherz mit einem Hausfrauenkleid vermummt., «o jung und mädchenhaft erschien sie, das; man selbst die beiden kleinen erwartungsvollen Kinder am Boden nicht für die ihrigen halten konnte. Sie schüttelte noch einmal verneinend den blondgescheitelten Kopf, doch ein schalkhaftes Leuchten der gleichfalls eisenhutblauen Augen gab eljee bejahende Erwiderung. Wenigstens versetzte ihr Mann, die Hand nach einem Zeitungsblatt ans der Kommode streckend, das sichilich zur Einwickelung eines Gegenstandes gedient hatte: „Das hat der Wind wohl leer zu uns heraufgeblasen?" * , . , . „Rein, Herr Tütengucker," entgegnete ste, wieder lachend, „sondern meine Mama hat mir auf meinen Wunsch gutes Stopfgarn darin Die WeihnschLskifts. Von ßiesbet Dill. (Nachdruck verboten.) „Wann mir nur Eener sahn dät, was m'r unserem Cmilche ditz Johr schenke Eint", sagte die Mutter, die sich, erhitzt vom Zimtwaffelbacken und mehlbestäubt, in der Wohnstube am Kafseetisch niederlietz. Es war eine große Beratung in der Familie, jedes Jahr vor Weihnachten, was man dem Emilchen schenken könnte. Emilcheu lebte als Mutter von drei Söhnen hoch da oben in Pommern, in Rügenwalde, wo man niemals hinkam, einer Gegend, von der die Saarbrimer nur vage Vorstellungen von endlosen Weiden mit Gänseherden, niedrigen Wäldern und in der Ferne einem Streifen Meer besaßen. Die Reise war zu weit. Und so blieb das Emilchen In Pommern und die Saarbrücker in Saarbrücken. Aber zu Weihnachten fuhren zwei große Kisten zwischen diesen aus der Landtarte räumlich ziemlich weit entlegenen Städten hin und her, die sich in Frankfurt a.M. kreuzten. Emilchens Kiste enthielt Selbstgeschlachtetes, Bauchspeck und ein braunes Gebäck, das immer am längsten auf den Tellern liegenblieb. „Sie hau dort e ganz annerer Geschmack wie mir", sagte die Mutter. „ In der Kiste aus Saarbrücken befanden sich die Spezialitäten des Landes: Zuckerzeug, Zimtwaffeln, Schokoladenmuscheln, Zimtplatzchen, Zimtsternchen, Kleieplätzchen und Pfeffernüsse, die der Mutter immer etwas hart gerieten, und mit denen die pommerschen Jungens vom Emilchen nach den Spatzen schossen. Der Clou dieser Kiste aber bestand aus der berühmten kalten Fleischpastete. Dieses Jahr wollte die Mutter durchaus etwas Abwechslung in das Ganze bringen, und man beschloß, dem Emil- chen unter den Delikatessen etwas ganz Besonderes auszusuchen. Während sie in dem Delikatetzgeschäft stand und wartete, bis di« Reihe an sie kam, sah si« ein« Reihe fettglänzender Gänsebrüste da Han- gen. „Das wäre ebbes fors Emilche" ... Der Vater war auch ihrer Meinung, „'s is emohl ebbes annerfcht, wie die alt Paschtet" ... Sie kauften die Spickgans, ließen sie sich einwickeln, und die Kiste mit der Spickgans fuhr iiit strömenden Regen durch das Saarland, an der Rahe herauf über den Rhein, Frankfurt, Eisenach, Halle, Berlin, und von dort über Stargard nach Rügenmalde. . . Indessen hatte das Emilchen droben in Pommern auch seine weihnachtlichen Vorbereitungen getroffen. Als sie den Bauchspeck in die Kiste versenken wollte, fielen ihr die schönen Spickgänse ein, die in der Räucherkammer hingen. „Das wär« doch emohl ebbes nnneres sor die , meinte sie zu ihrem Jüngsten, dem Quartaner, der sich noch zum Kistenpacken herveitietz. Sie schickte ihn hinauf, ließ die dickste Spickgans holen und packte sie zwischen die Stollen. Der Vater würde sich freuen ... Und dte Kiste fuhr ab ... „Du liewer Herrgott," sagte das Emilchen ein paar Tage später, als es die elterlidx Kiste auspackte, „wo ist dann die guti alt Paschtet?" Sie suchte vergebens unter den zu Atomen verkrümelten Zimtwaffeln und Kleieplätzchen — nur die Pfeffernüsse waren ganz geblieben auf der weiten Reise —, ihr rundes Gesicht zog sich immer mehr In die Läng«. Aber als sie eine fette Spickgans aus dem weißen Pergamentpapier schälte, stieß sie einen Schrei aus: „D jeffes, e Gänsebruschil «o hatte sie noch vier oben hängen! Jetzt war ihr die ganze Weihnachtsfreude hin „Mir so ebbes zu schicke, nach Pommern, wo s« doch herkomme, die Gans ... Ree, unser Mudder wird alt", schluchzte das Emilchen. Plötzlich fiel ihr etwas ein. Taute Billa, eine halbvergessene Kusine ihres verstorbenen Mannes, die in ihrem Häuschen in Burgen an der Mosel lebte, war Weihnachten immer mutterseelenallein, der mußte man doch anstandshalber etwas schicken. Und sie nahm diese Spickgans, tat sie in eine Schuhschachtel und sandte sie an Tante Billa ... „Aus die Weis koschts mich wenigstens ditz Johr nix. Dummel dich, Karl, daß se noch mitkommt", sagte sie zu dem Jüngsten. . Der stülpte feine Quartanermütze cpzs unb i'ArnU» mit der Spkckgans ■ MM ÄöstSMi üüTuj Mgenwal'des nasse, windige Gassen. Und die Spick- i gans reifte an die Mosel, über das kalte Stettin, nach Berlin, Magdeburg, ! Kassel und Köln, wo sie unter Bergen anderer Weihnachtspakete vorläufig ; liegenblieb. Dann warf sie jemand in einen Postwagen und sie ftchr weiter rheinaufwärts nach Koblenz, wo sie umgeladen wurde nach Trier. In Trier verfehlte sie den Anschluß nach Wengerohr, wurde eist am nächsten Morgen ausgeladen und sand mit einem Berg« anderer verspäteter Weih- nachtspakete Aufnahme in einem Schuppen. Im „Flaschenbähnchen an der Mosel entlang, erreichte sie endlich im Schneegestöber Lieser, Dte kettenrasselnde „Pont" fuhr sie über Mosel, ste wurde in Muhlheim aus- geladen, fuhr in einer gelben, gemütlichen Rostkutsche über Land nach Burgen und erreichte das Haus der Tante Billa, als die eben abgereist war zu ihrem Bruder nach Stolp in Pommern ... Es war dies ein merkwürdiger Zufall, denn Tante Billa hatte seit 20 Jahren keine Reis« mehr unternommen; aber dieses Jahr hatte ihr der Bruder das Reisegeld geschickt, und so hatte sie denn, woh ve^ackt und seufzend, diese entsetzlich weite Reise in unbekannte, sicher sehr kalte, zugige Lande angetreten. Die Spickgans wurde ihr nachgeschickt und reiste hinter Tante Billa her. Aber nicht so rasch, denn Tante Billa fuhr zweiter Klaße, und Die Spickgans reifte in einem dunklen, kalten Wagen zwischen Weinkiften und Aepselkörbeu an der hochgeschwollenen Mosel entlang, an Eichtd^ schneiten, kahlen Weinbergen vorüber, über Trier und Saarbrücken, dirrcy die Pfalz, über die Rheinbrücke in Ludwigshafen, wo sie zwischen eine» Hutschachtel aus Mainz und einer Sektkiste aus Eltville einstweilen Rauch in bi« Luft. Er kam aus dem Schornstein eines stattlich aus Stein aufgemauerten Gebäudes, wie man es in dieser Oed« am wenigsten curzu treffen vermutet hätte. Ein« hübsche, durchbrochene Holzgalerie lief um das obere Stockwerk, daran stund auf einer eingelegten Tafel: „Forsthaus Krähenhütte". Das Haus war erst vor kurzer Zeit an Stell« eures alten, baufällig gewordenen, neu errichtet, und die gegenwärtigen Bewohner befanden sich noch nicht länger als seit dem letzten Sonimerbeginn darin. Ihre Sprache kennzeichnete sie sogleich als nicht aus dem Elsaß stammend, sondern wies mich dem Norden Deutschlands. Von dort, aus dem äußersten Winkel Ostpreußens, war der Förster Adolf Eisenhut vor Halbjahresfrist hierher ins Reichsland versetzt worden. Er hatte bmnit eine Beförderung und wichtig« Stellung in weitausgedehntem, lange verwahrlostem Revier erlangt, wie es seiner Tüchtigkeit, seinen Kenntnissen und feinem eigenen Wunsche entsprochen, denn fachmännische und allgemeine Bildung berechtigten ihn zum weiteren Aufrücken im Forstwesen. So betrachtete er seinen augenblicklichen Posten als Gelegenheit, sich für die höhere Laufbahn einige Jahre hindurch auf praktischem Gebiet auszuzeichnen, und war dem Antrag, in diese Gebirg-mbgeschiedenheit überzusiedeln, bereitwillig entgegengeto-mmen. Die südlich fremde Natur und der lehrreich-neuartige Betrieb lockten ihn; den Mangel an Verkehr mit anderen, zumeist an geistigem Interesse weit unter ihm stehenden Kollegen nahm er gern mit drein. Er konnte dies unschwer, denn feine behaglich eingerichtete Wohnung bot ihm nach dem Tagesberuf alles, wonach er verlangte. Dein junges Weib stand seiner praktischen Tüchtigkeit ebenbürtig in der Führung des Hauswesens zur Seite und war nicht minder auf allen höheren Gebieten ein« verständnisvolle Gefährtin ihres Mannes. Ihre Kinder, ein Knabe von vier und ein Mädchen von fünf Jahren, bildeten beider gemeinsames Glück. Bis dieselben des Unterrichts bedürftig wurden, war das Vorrücken des Paters zu einer höheren Stellung in sicherer Aussicht; so genossen sie sorglos-fröhlich ihr« Kindheit unter den wilden Blumen und vielfältigen Beerenfrüchten der Wald- unb Felseinsamkeit. Der Sommer und iherbst waren überaus köstlich gewesen; wie eine Märchenwelt, in die nur der Rus des Kuckucks mtb des Pirols, das Flattern bunter Schmetterlinge hineindrang, hatte es die junge Frau bedünrt. Doch auch, als der Winter gekommen, hatte er nichts Oedes, Trauriges und Trostloses für sie mit sich gebracht. Auf ihrem Wandsims standen viele Bücher, die sonst feine Jörsterwohnung beherbergte, und statt draußen untenn Waldgezweig spielten die Kinder im warmen Zimmer mit Hellem Lachen nm sie her. Erwartungsvoll blickte sie in der Dämmerung durch die offene Haustür ihrem heimkehrenden Gatten entgegen. Dann horte sie schon von fern seinen festen Tritt auf dürrem, knackendem Gezweig, der große Leonberger Hund sprang vorauf und gewaltig wedelnd an ihr hinan, nun kam der junge, kraftvolle Mann selbst, schlang den Arm um ihr« Schulter, und sie gingen hinein. Im Ofen knatterte das Feuer, die Kinder jubelten beim Anblick des Vaters, heimlich umschcänktm die geschloffenen Läden den Lichtkreis der -Stube. Ob draußen jetzt auch statt des Kuckucksrufs der 'charfe Schrei eines hungrigen Milans oder einer nächtigen Ohrsule erlcholl und der Sturm in den Föhren schnob, ob es Winter und weitu-m menschenveclassen, bas nächste Dorf weiter als zwei Wegstunden ent- 'ernt war, Frau Johanna erschien es noch immer so märchenlieb wie zur Sommerszeit, als sei nichts Schöneres auf der Erde, daß sie nicht mit Ehrgeiz, sondern mit Schmerz des kommenden Tages gedachte, an dem sie als Frau OSerförsterin von Ijicr davonziehen müsse. - fjatte zustimmend genickt: „Mir lieb, da sind wir zunt erstenmal am Weihnachtsabend ganz für uns allein, denn Gäste brauchen wir hier nicht zu befürchten." Als er die Büchse ummerfen wollte, gewahrte et- an dem Laus einen kleinen Rostfleck und ergriff das aus einem Städtchen i Westgreußens gekommene Zeitungsblatt, um ihn fortzureiben. Dabei ' Hel fein Blick zufällig auf die erste Druckseite desselben unb blieb darauf liegenblieb. Ein kleiner Pvsthilssjunge schob sie mit dem L.-iefel in hie Ecke, neben den Ofen. Dort ruhte sie über die Feiertage friedlich und wann unter der Hutschachtel aus Mainz. Als die Feiertage vorbei waren, wurde sie hervorgeholt und reiste über Main nach Frankfurt und Halle und gelangt« über Sachsen, Brandenburg Westprenßen eines Abends glücklich mit der letzten Post nach Stolp, gerade, als Tante Billa eben dort abgereist war, denn das rauhe Klima sagte ihr nicht zu. Sie war zu ihrer Richte nach Halle gefahren, um Silvester bei ihr zu verleben. Die Spickgans wurde ihr nachgeschickt. Da ihr Bruder aber vergaß, anzugegeben, welches Hallo gemeint war, so sandte die Post, nach einer der vielen „Bestimmungen", die iiicht alle ihre Kunden sich zu kennen befleißigen, die Spickgans nach Halls a. d. S. Aber dort gab es weder eine Heiligegeiftgaffe, noch eine Tante Billa; und so schickte man das Paket, das allmählich aus dem Leim zu gehen begann, mit gelösten Schnüren, in zerdrückter Schachtel, nach dem westfälischen Halle, wo es Tante Billa auch nicht mehr antraf, denn sie war eben nach Hause abgereist. Es regnete in Strömen, als die Spickgans wieder ihren weiten Weg von Westfalen nach der Mosel antrat. Als sie in Burgen ankam, plattgedrückt und naßgeregnet, in ihrem zerfetzten, durchweichten Packpapier- kleid, hingen ihr Bindfäden und Packpappe vom Leib wie Lumpen; und sie sah durchaus nicht mehr appetitlich aus, die arme Spickgans. Der Postaushilfsjunge schmiß sie in die Ecke des warmen Packraumes, und sie flog mit dem Kopf nach vorn aus dem Papier und glitt über einen Berg glatter, blauer Pakete in die Tiefe einer Ecke. Was mit ihr dann geschehen ist, hat nie jemand erfahre», aber eines Morgens brachte der Postbote ein merkwürdig aussehendes Paket. Auf dem grauen Packpapier standen so viele Adressen, daß man keine einzige mehr lesen konnte. Nachgesandt nach Stolp, Katharinengasse 34. Nicht angetroffen, nachgesandt nach Halle a. d. S.! Nicht auffindbar. Zurück nach Halle in Westfalen, nicht angetroffen, und etliche Postbotennamen, die ihr unbekannt waren. Tante Villa wickelte staunend das Papier auseinander und drehte es ratlos hin und her. Sie konnte nicht denken, was es jemals enthalten haben konnte. Zu einem Aprilscherz war es entschieden ver- frühlt. Ein Julrlapp? Dazu war es zu witzlos, denn es enthielt wirklich nichts, außer Bindfaden. Da entdeckte sie, eingeklemmt, einen naßgeregneten, sehr mitgenommen aussehenden Brief. Sie setzte ihre Brille auf und las ... „Meine liebe Tochter, mit dieser Spickgans möchten wir Dir «ine Extrafreude machen, dieses Jahr ist es nichts mit der Pastete. Wir hosfenf daß es Dir gut geht und dem Buben. Laß sie Dir gut schmecken, Mutter." Sie las den Brief dreimal, ohne ein Wort zu verstehen, denn Tante Billa hatte nie einen Manu gehabt und auch keine Buben, und hatte nun auch keine Spickgans bekommen. Sie wußte nicht, wer ihr dieses Paket geschickt, noch wer ihr diesen sonderbaren Brief geschrieben hatte. Vielleicht eine Verrückte? Nach der Chrisimette in der Saarbrücker Ludwigskirche mürbe daheim unter dem brennenden Christbaum dem Emilchen seine Kiste ausgepackt. Es war immer ein großer Augenblick. Der Baker kniet« am Boden, um mit dem Stemmeisen die Nägel zu lösen. Alles stand um ihn herum. Sobald der Deckel abflog, reckten die Brüder die Hälse, wenn der Dust nach frischgebackenem Lebkuchen und Selbstgeschlachtetem aus der Holzwolle aufstieg, und die Mutter packte nun aus. Aber als sie statt der erwarteten Würste und Speck nur eine Spickgans erblickten, waren sie alle sehr enttäuscht, und die Mutter sagte kopfschüttelnd: „Wie is nur unser Emilche uff so e dnhrtiger In fall kumm, uns e Spickgans zu schicke, wo mir uns aklegar so uff fei gutter Bauchlpeck gefreit Han--—" Unser Weihnachten Qis künstlerisches; Motiv. Von Walther A p p e l t (Plauen). Wir wissen, wie vorherrschend in der Kunst die Gestaltungen aller nur erdenklichen Themen aus dem Kreis des biblischen Weihnachts-Erum- geliums sind. Damit verglichen, haben eigentlich verschwindend weniHS Künstler unsere Feier der Weihnacht oder überhaupt die WeihnachtZMt zum Gegenstand ihrer Kunst gewählt. Das meifä’ Lis wach Nrfer Mallung Vorhandenen hat saft gusschffLtzstch tzülkWilichen, also mehr wissen- lchaftsichxlr. «kb kllnstserischen Wert. Nüchtern sachliche Darstellungen von Mventsbräuchen der deutschen Gau« scheiden für die Kunstbstrachtung, die nach dem „Wie" und nicht so sehr oder gar nicht nach dem „Was" fragt, ebenso von vornherein aus wie vieles Episodische („Weihnachten im Hause Martin Luthers" u. dgl.). Auszunehmen wäre von den Aelteren etwa Chodowiecki mit feinem Kupferstich „WeihnachlsbestlMUNg" und einer Christmarktszene, die künstlerisch noch beschwingter ist („Die Glückwunsch-Verkäuferin"). M. von Schwind Hai wiederholt, wenn auch vorwiegend in Ge- legenheitsarbeiten, unserer Weihnachtsfeier und ihren Sitten künstlerische Gestalt gegeben. Am erwähnenswertesten ist wohl die Zeichnung „Christbaum", dessen Zweigen.er in maßvoller Sentimentalität Gruppen lieber Menschen einfügt, und dessen Sockel er von den Gebäuden gebildet fein läßt, die er mit Fresken schmücken durfte (darunter bekamitlich die Wartburg). — Verbreiteter ist Ludwig Richters innig-naive „Christnacht", 1854 als Radierung für den „Sächsischen Kunstverein" und später, nur unwesentlich verändert, als (viel gekaufter) Holzschnitt erschienen: Engel umschweben, dem neugeborenen Christuskind huldigend, in Verkörperung der fromm-gläubig deutschen Weihnachtssymbolik einen lichtumflossenen, molkengetragenen Tannenbaum. Die im besten Sinne des oft mißbrauchten Wortes stimmungsvolle Umrahmung zeigt, so knapp und andeutenÄ sie gehalten ist, das leider mit jedem Jahrs mehr der Vergangenheit und Erinnerung angehörende traute Christnacht-Idyll der deutschen Kleinstadt. Bon den weiteren Werken Richters ans dem gleichen Stoffgebiet ist besonders hervorzicheben das rührend-schlichte Bild der beiden kleinen, trotz grimmiger Kälte unverdrossenen Christmarkt-Händler. Aehnliche Motive sind auch von den ausgesprochenen Genre-Malern wie Spitz - weg und Knaus gemalt nwrben. Doch stehen diese Bilder durchweg in gleichem Maße hinter anderen zurück, wie sie meist allzu sehr int Stofflichen bleiben. Denselben, mehr illustrativen Charakter haben u. a. auch W. Kral ns „Letzte Christbäume" und „Weihnachtsstube". Wie andere im Reuen Testament berichtete Geschehnisse, hat Fritz von Uhde auch die des „Heiligen Abends" mit unerreichter Meisterschaft in das Gewand unserer Zeit und unserer Landschaft gekleidet und damit ihre Allgemein-Gültigkeit betont: müde und matt lehnt in ärmster Gegend die Frau, die ihre heilige Mutterbestimmung erfüllen will und doch kein Dach überm Kopfe hat, an einem Weidezaun. Und blickt in demütiger Schicksals-Ergebenheit dem Manne nach, der um einen Unterschlupf für zwei Heimatlose bitten geht, — und sei es im Stalle bei der Krippe. Auch den Stall selbst hat Uhde, erfüllt vom Christnacht-Geschehen, gemalt. Aber darin ist ein Jüngerer, der unlängst verstorbene Tiroler Albin Egger-Lienz, stärker: packend läßt dessen „Heilige Nachi" eine fremde Elendshütte die Geburt des Kindes der Madonna erleben, unter Gleichgültigen oder höchstens frauenhaft Neugierigen, sonst aber keinerlei Anteil Zeigenden. Aehnlich finden wir bei L. v. Hofmann den biblischen Gedanken dahin erweitert, daß jede Mutter eine Madonna ist, deren Sendung im beglückenden Jubel wie im schicksalsschweren Leiden vom Erhabensten und Höchsten gekrönt wird. Daß jede Mutterschaft, die rein und stark ist, im Weiterweisen und Brückenschlägen aus der Enge der Erdgebundenheit herausführen kann und soll! Am Maßstab dieser schönen und bedeutenden Bilder gemessen, muß vieles andere beinahe belanglos erscheinen. Christmette, Lichterbaum, i Glockenläuten, singende Engel, verschneite Fluren, festlich sentimentale i Menschen, ... das'sind die stereotypen Schemata, die schon zu lange ge- । braucht und aus gebraucht gelegentlich sogar mißbraucht — worden sind, i als daß sie noch Ueberragsnbes ^ergeben könnten. Genau so wichtig kam das in Frage bei der Hochflut von Kriegsweihnachtsbildern, die von 4914 an alljährlich massenhaft widerkehrten, aber sämtlich viel zu anspruchslos auf eine kurzfristige Tages-Aktualität abgeftimml waren (womöglich noch mit politischen, zum Test schon heute kaum noch allgemein-verständlichen Beziehungen). Nur indirekt mit unserem Thema berühren sich Märchendarstellungen oder Bilder von spielenden, weihnachtssrohen Kindern (Skevogi, Liebermann, Spiro usw.), aus die deshalb hier nicht näher eingegangen sei. Und Werke wie „Waldweihnacht , „Weihnachten der Flur" usw. sind meist reine, winterliche Landschaftsmotive, die sich oft einen mühsam herbeigeholten, ganz äußerlichen Zusammenhang mit dem, was wir das „Fest der Feste"» nennen, gefallen lassen müssen. Was mitunter so aufdringlich und unkünstkerisch geschieht, daß gar die Einheit des BilÄ- charakters'zerstört wird, und wir darum gebracht werden, den weihnachtlichen Zauber zu empfinden, den unter gewissen inneren Voraussetzungen jede feierstille Schneelandschaft auf uns auszuüben vermag. E. K u i tha n hat ein Bild geschaffen („Weihnachten im Walde"), dessen Niveau um ein sehr Beträchtliches über dem der Vislzuvielen steht. Mit der Wucht und Eindringlichkeit eines Epos und doch auch mit der webenden Zartheit feingliebriger lyrischer Strophen bringt es die Grundakkorde unseres Weihnacht-Feierns zum Klingen, die wir uns selbst und denen, die sie in Lärm und Trubel vergessen wollen, immer wieder zurückrufen sollten: daß alles um uns und in uns ein einziges, großes und ewig unfaßbares Wunder ist und bleiben wird. Daß die Botschaft von Bethlehem, die allen, Me sie hören wollten, Heil und Erkenntnis verhieß, immer lebendig ist und auch an uns sich wendet, — oder doch an diejenigen unter uns, die sie zu hören verstehen, weil sie sie hören wollen! Kulturgeschichtliches zum Wsihuachtsfeste. Von Professor Dr. Heinrich S o h n r e y. In der dunkelsten Zeit des Jahres, der Wintersonnenwende, die ungefähr mit unserer Weihnachts- und Neujahrszeit zusammensällt, beginnen unsere heidnischen Vorfahren, die Nordgermanen^ das Wlfssi seinen wochenlangen Schmausereien untz Sn jii Ehren der umziehenden Götter, n?ie r-mn angenommen hat, oder ob das Fest den in djchM Tagen durch die Lüfte ziehenden Seelen der Abgestorbenen galt, läßt sich aus der Mythologie nicht einwandfrei feststellen. Die einen halten sich an das Wort Jul, das sich ja bis heute noch in Julklapp erhalten hat, und deuten es als das Rad, wollen also in ihm eine Beziehung zu dem neuermachten Sonnengotte, zu Fro oder Freyr oder Baldur sehen; die andern wieder halten dem entgegen, daß Jul mit dem lateinischen joculus zusammnhänge und soviel wie Heiterkeit, Scherz, Vermummung bedeute. Jedenfalls dürfte als tatsächlich anzunehmen sein, daß unsere altger- manischen Vorfahren in den dunklen Tagen der Sonnenwende ihr großes Totenfest feierten und den Göttern, sowie den Geistern der Abgeschiedenen zu Ehren die Schmausereien und Gelage veranstalteten Das ganze Volk nahm teil daran, und die nmgeisternden Seelen sogar dachte man sich als mitschmausend, weshalb ihnen an bestimmten Orten eigens ein Mahl bereitet wurde. Zähe wie so viele alte Sitten und Bräuche überhaupt, hat sich auch diese altgermanische Freude an Schmausereien und Schwelgereien in der Wintersonnenwendzeit bis in unsere Tage erhalten, beätinftigt durch den Umstand, daß in den Wochen von November ab die Hauptschlachtezeit fällt. Ein besonderer Anreiz zu festlichen Schmausereien ergab sich von jeher aus dem gesellschaftlichen Zusammenschluß in der Muße der ehemaligen Sonnenwendzeit wie danach aus der Weihnachts- und Neujahrszeit. Um nur ein Beispiel für die nachhaltige Wirkung jener Sitten und Bräuche anzuführen, so hat in der frommen Lüneburger »leide der Christabend sogar den sehr deutlichen Namen „Vullbukabend" (Vollbauchsabend) erholten, ein Name, der hoffentlich mehr Witz als Wirklichkeit ist. Nach altem, heidnischen Glauben sollten in der Wintersonnenwende bestimmte Bäume zum zweiten Mole blühen und Früchte tragen, sollte sich überhaupt die Fruchtbarkeit des neuen Jahres vorbereiten. Auch diese Raturanschauung ist heute noch in den verschiedensten Wandlungen in unserem nrfvriinanchen Volkstum aufzuspüren. So hörte ich z. B. im Solling noch häufig versichern, daß in der Christnacht der Hopfen wachse, , und aus der lifuieburger Heide verzeichnet Prof. ®r. Kuck in seinem volkskundlichen Werke „Das alte Bauernleben" die Sitte, daß man nach dem Christelen unter den Tisch nach Körnern leuchtet, wie die Drescher sie in die Stube treten. „Je mehr man von einer Getreideart findet, desto besser gedeiht sie " Als das Christentum den Kampf mit dem heidnischen Wesen aufnahm, suchte man das Heidnische dadurch zu verdrängen, daß ihm christliche Mäntelchen umgehängt und sogar Heilige an die Stelle der Göttergestalten gesetzt wurden. Aus diesem kirchlichen Eifer ist u. a. St. Nikolaus entstanden, der, auf einem Schimmel reitend, an seinem Namenstage, dem 6. Dezember, als Vorbote des Christkindleins seinen Umzug hält und den braven Kindern Zuckerwerk in die ausgestellten Schuhe steckt! Diese Gestalt hat im Volksgernüte Wurzel gefaßt und kann somit als eine gelungene Einführung gelten. Nach der Reformation trat an ihre Stelle, vornehmlich in Nvrddeutschland, Knecht Rupprecht mit dem Sack voll Aepfel und Nüsse und der Ricke in der Hand, jene für die folg- stamen, diese für die unartigen Kinder. Aber die Christianisierungsversuche vermochten doch nur ausnahmsweise bis in d«s Gemüt des Volkes durchzudringen. Immer wieder trat das ursprüngliche heidnische Wesen zutage. Weshalb seitens der Kirche und der weltlichen Obrigkeit schon im frühen Mittelalter heftig gegen die Vermummungen und Maskierungen geeifert wurde. Völlig vergeblich. Die heidnischen Geister waren so fest im Dolksgemüt verwurzelt, daß sie sich trotz der Jahrhunderte anhaltenden Bekämpfung von oben in den breiten Schichten des Voltes allzeit, selbst bis in unsere Tage fröhlich am Leben erhalten haben. Und das ist wahrlich kein Unglück. Es sei nur erinnert an den „Klapverbock" in Pommern, an den „Schimmelreiter" in Nord und Süd, an den „Pelzmärtel" und viel andere Gestalten dieser Art. Ja, in Mecklenburg trat der Vorbote des Christkindes im letzten Jahrhundert sogar noch unter dem Namen „Wode" auf, der also unmittelbar an den alten Göttervater Wodan anklingt. Auch mancherlei Weihnachtsspuk, wie man ihn im Oberdeutschland während der Klöpflins- oder Bosfelnächte treibt, gehört hierher: Junge Leute tun sich mit einer vermummten Gestalt zusammen, sind auch wohl selbst vermummt, lärmen durch die Straßen, klopfen mit Ruten oder Hämmern an die Türen und bewerfen die Fenster mit Linsen oder Erbsen. Aus meiner Jugendzeit erinnere ich mich, daß in meiner süd- hannoverschen Dorsheimat an einem Christabend gegen zwanzig Burschen masliert mit dem „ile Käst" (heilge Christ) von Haus zu Haus zogen, uns Kinder in Angst und Schrecken setzten, uns auch manchmal hart zu Leibe gingen. Wie iiek-t nun das Weihnachtsfest zu der altgermamschen «onnen- wendfeier? Es ist nickt einfach als Fortsetzung jener zu denken, rote manche möchten, sondern erst mehrere Jahrhunderte nach Christi Geburt in die Zeit der dunsten Näckcke verlegt worden. Wie wir wissen, wurde der Tag der Geburt Christi in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung verschieden gefeiert und erst im Jahre 354 nach den gottesdienstlichen Vorschriften des römischen Bischofs Liberins auf den 25. Dezember festgelegt. Ob nun seitens der Kirche die Absicht vorlag, sich den dunklen Tagen der heidnischen Zeit anzupaffen, um sie mit der Macht des Cl)ristentums zu überwinden und die Menschheit von der Finsternis zum Licht, zum Lickt der Strebe zu führen? Man kann es wohl annehmen. Ohne Zweifel hat die Kirche für ihre hohen Tage aus dem Inventar des ursprünglichen Volkstums, wenn auch ungewollt, viel gewonnen, denn die alten heidnischen Vorstellungen, Sitten und Bräuche passen sich den großen Festen so an und wirken sich in ihnen so aus, daß sie ganz .. ungemein zu ihrer Wurzelfestigkeit, Volkstümlichkeit und poesivollen Ausgestaltung beitrugen und noch beitragen. Was wären, möchte ich geradezu fragen, die großen kirchlichen Höhepunkte, was wäre insbesondere das Weihnachtsfest ohne diese Fülle der Volksüberlieferungen! Sie um- fätoten 46 wte jnit einem bunten Kranze und helfen, zumal in der Verschmelzung mit dem Gedanken an die Geburt Christi, jenen wundersamen Zauber schaffen, den das Weihnachtsfest selbstinunferm nüchternen Zeitalter noch immerdar in die Jugend- und Volksgemüter ausffrti)». giatorferäfie im MsiMs des Menschen. Kohle, Erdöl, Cuff, Sonne. Von Professor Dr. Adolf Mareuse, Berlin. Die Technik begann mit der Erfindung von Werkzeugen, für die unsere Gliedmaßen als natürliche Modelle dienten. Franklin, der Erfinder des Blitzableiters, definierte deshalb den Menschen als „Werkzeuge schaffendes Wesen". Goethe prägte das bezeichnende Wort: „Ein Mann, der recht zu wirken denkt, muß auf das beste Werkzeug halten." Und Kant hielt treffend die „Hand für das äußere Gehirn des Menschen". Auch die Sprache ist ein unkörperliches Werkzeug, das sich aus den einzelnen Lauten sammensetzt, wie die Schrift aus den Buchstaben des Alphabets. Das Wesen der Technik besteht also in der Herstellung von Werkzeugen. In der Urzeit begannen sie mit dem einfachsten Steinbeil, und sie verooitrommneten sich allmählich bis zur genauesten Arbeitsmaschine. Wie in der Natur alle Vorgänge einfach und wahr sind, so müssen auch sämtliche gute technische Lösungen in erster Linie durch einfache Wahrheit sich auszeichnen. Zugleich sollen sie Starkes leisten, da alte Maschinen Verstärkungen unserer schwachen Körperkräste, sämtliche Instrumente Erweiterungen unserer begrenzten Sinne und die Werkzeuge Erweiterungen unserer Gliedmaßen bedeuten. Ferner müssen die brauchbaren Schöpfungen deck Technik zweckmäßig fein, und schließlich sollen die guten Erfindungen dem Menschen auch Freiheit verschaffen und ihn die Nat 'rerscheinunaen bewältigen lassen. Diese Freiheit der technisch fortgeschrittenen Kulturmenschen kommt auf zwei Gebieten ganz besonders zum Ausdruck. Einmal in der 23au« kechnik, die fast alle Unbilden der Natur bezwingt. Dann aber vor allem bei den hochentwickelten Transportmitteln, die den Menschen über alle (Entfernungen im Bereiche der festen, flüssigen und luft- förmigen Hülle der Erde hinwegführen. Große und erfolgreiche Erfinder sind zugleich Werte-Schöpser und damit auch Wohltäter der Menschheit. Gelingt es, wofür bereits die ersten Anfänge vorliegen, aus Holz brauchbare Nahrungsmittel herzustelten, so brauchte die Menschheit nicht mehr unter Hunger und Wucher zu leiden. Glückt es, die in der Kohle schlummernde Energie voll auszunutzen, so wäre das auch in sozialer Hinsicht eine der größten Errungenschaften. Würde die Sonnenwärme, die in der Natur so Gewaltiges leistet, auch technisch in allen sonnenstarken Ländern der Erde zum Ersatz und zur - Streckung von Kohle und Deien mit Erfolg verwendet, so könnte ein goldenes Zeitalter heranbrechen. So wird zweifellos die wertvollste Weltverbesserung durch die Technik kommen, wenn es gelingt, neue und ungeahnte Energiequellen so zu erschließen, daß die Menschheit aus Hunger, Frost und Zwangsarbeit ooll- ! kommen erlöst wird. s Bisher allerdings konnte die Technik vor allem nur durch Ausnutzung j der irdischen Brennstoffe ihren Aufschwung nehmen und ihre Triumphe feiern. Die wichtigsten Brennmaterialien der (Erbe, Kohle und Dele, sind unmittelbar Endergebnisse der Erhitzung und Verwesung pflanzlicher und tierischer Stoffe unter Luftabschluß und Druck. Mittelbar allerdings bedeuten sie anfgespeicherte Sonnenenergie, ohne die weder bas Entstehen noch das Verbrennen und Verwesen jener vegetabilischen und animalischen Substanzen erfolgt wäre. Betrachten wir zunächst die Kohle, deren älteste und wertvollste i Art, die Steinkohle, von pflanzlichen Organismen abstammt und bet , Steinkohlenperiode unseres Planeten angehört. Während Steinkohle mit 82 v. H. Kohlenstoff durchschnittlich 7000 : Wärmeeinheiten pro Kilogramm besitzt, hat die viel später entstandene Braunkohle mit .69 v. H. Kohlenstoff nur etwa 5000 Wärmeeinheiten pro Kilogramm. In der Tertiärformation der Erde brannten riesige Wälder von Nadelhölzern, versanken, verkohlten unter Luftabschluß und bildeten, auch unter Druck, im Lause von Jahrmillionen die Braunkohlenlager. Diese liegen zumeist dicht unter der Erdoberfläche und lasten sich, im Gegensatz zu der in tiefsten Schichten mühsam zu gewinnenden Steinkohle, im bequemeren Tagbau fördern. Neben der Kohle liefern die Erdöle den wichtigsten Brennstoff für di» Technik. Sie sind zumeist aus der Verwesung tierischer Organismen, besonders der Meeresfauna, unter Druck entstanden. Erdöle find verbreitet und werden aus Bohrlöchern von 20 bis 100 Meter Tiefe gewonnen. Sie sind sehr reich an Kohlenstoffen und übertreffen an Heizwert erheblich die Kohle, da jedes Kilogramm Erdöl gegen 10000 Wärmeeinheiten liefern kann. So reich aber die Erde an den für die Technik äußerst wichtige» , Brennstoffen gegenwärtig noch sein mag, so muß doch damit gerechnet i werden, daß sie, die letzten Endes auch nur aufgespeicherte Sonnenenergie . darstellen, in absehbarer Zelt sich erschöpfen. ■ Es ist daher dringend geboten, die dem Schoße der Erde entnommenen Brennstoffe durch die auf der Erdoberfläche verfügbaren Statur« ; träfte nach Möglichkeit zu ersetzen ober zu strecken. Diese Kräfte sind sämtlich kosmischen Ursprungs und rühren fast ausschließlich von der Sonne her, dem Urquell alles irdischen Lebens. Der Technik stehen in ! erster Linie die folgenden Naturkräfte zur Verfügung: Waster, Wind, ; (Ebbe und Flut, Luftelektrizität und vor allen Dingen die Sonnenwärme. Schon jetzt leisten die Wasserkräfte gewaltige Dienste, wie u. a. Bayern, Schweden, Nordamerika und besonders die Schweiz zeigen, wo der aus Wasserkraft gewonnene elektrische Strom bereits einen großen Teil der Eisenbahnlinien betreibt. Aber diese wertvolle Ausnutzung der Wasserkräfte, so zweckmäßig und notwendig ihr weiterer Ausbau auch ist, : kann immer nur einen verhältnismäßig kleinen Teil der für die Technik erforderlichen und stets sich steigernden Kräfte liefern. Auch die an sich so nützliche Verwendung der W i n b f r ä f t e reicht längft picht aus, um irgendwie den irdischen Bedarf an Kraft zu decken selbst dann tnchk, wenn durch Verbesserungen im Bau der Windmotoren die Kräfte jener Luftbewegung viel mehr «och ausgenutzt werden. Die Meeresgezeiten, bei denen Ebbe und Flut heS Seswaffsrß ausgenutzt werden kann, ergaben bisher, trotz vielfacher Versuche, noch immer keine, im rationellen Verhältnis zu den dafür nötigen großen Kraftanlagen stehende (Energie. Die 8 u f t e l e 11 r i 511 ä t, deren technische Ausnutzung auch schon versucht wurde, weist bisher noch sehr erhebliche Schwierigkeiten auf. Ans riesigen Oberflächen ließen sich zwar große Spannungen in kürzesten Zeit- ■ räumen erzielen, aber immer nur verhältnismäßig kleine Strommengen. : So bietet sich denn in erster Linie ein Ersatz und zur Streckung der erschöpfbaren Kohlen- und Oetoorräte unserer Erde die in unendlicher Fülle vorhandene kosmische Kraft der Sonne dar, deren Wärmestrahlen eine ungeheure Energiefülle besitzen. Dies gilt ganz besonders für alle ’ sonnenstarken Länder der Erde, deren Zahl und Ausdehnung viel größer ist, als man gewöhnlich anzunehmen pflegt. Man denke an Südungarn, Süditalien, Südfrankreich und Griechenland, ferner an sehr große Teile von Nord- und Südamerika, an Mexiko, an die Türkei, Palästina, Kleinasien, Indien, Afrika, Australien, Zeylon, Neuseeland, Südjapan und i China. Von den vielen Vorteilen, die eine rationelle Ausnutzung der i Sonnenwärme bietet, fei hier schließlich noch die folgende erwähnt. In : vielen tropischen und subtropischen Gebieten, wo Rohstoffe in Fülle, aber Kohlen und Oele fast gar nicht vorhanden sind, würde die technische Aus- i Nutzung der dort besonders reichlichen Sonnentraft ganz neue ^nduftri^ ! zweige schaffen können. Cs kommt jetzt eben nur darauf an, wirklich leistungsfähige und rentable Sonnenkraftmaschinen zu konstruieren, eine ! große Aufgabe, die gegenwärtig in der Lösung befindlich ist.__ Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. — Druck und Berlag:Vrühl'fche Dniversitäts-Duch- und Steindruckerei, 2t. Lange, Vietze«.