SietzenerKmiilienblälter Unterhaltungsbeiiage zum Gießener Anzeiger Samstag, den \l. September Kummer 7< Jahrgang 1927 Poesie des Mondes. Von Wilhelm B u f ch. Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, So treffend, weil es rund und weich — Wer wäre wohl so kaltbedächtig, So herzlos, hart und niederträchtig, daß es ihm nicht, wenn er es liest, Sanft schaudernd durch die Seele fließt? Wie ich reich wurde. Von Leo Matthias. Ich praktizierte sine Zeitlang in Munera, einem spanischen Rest in der Nähe der Cisenbahnstrecke Madrid—Valencia. Man hatte mir gesagt, - es sei dort im Umkreis von 100 Kilometer kein Arzt zu finden, und da ich damals nur das eine Bestreben hatte, innerhalb kur^r Zeit genug ; Geld zu verdienen, um meine Untersuchungen über die Funktionen , gewisser Drüsen, die heute als „endokrine Organs" sehr bekannt ge- ' worden finb, in aller Muse sartzusetzen, so packte ich eines Tages meinen Koffer. Ich hatte mich lange genug in Spanien auf gehalt en, um zu wissen, daß ich ebensogut in ein Kloster hätte fahren können, aber da ich von vornherein auf jede Anregung verzichtet«, konnte mich das Exil, zu dem ich mich verbannte, nicht enttäuschen. Ich fing sogar nach kurzer Zeit an, die Stadt zu lieben. Die Erde | war hier dunkeirot. Eine Eben« wölbte sich nach allen Seiten hin wie ein kupferner Gong bis zum Horizont unb wurde nur durch saftgrün« Rasenflecke und einig« Weizenfelder unterbrochen, die wie gefärbte Seidenfetzen in der Sonne lagen. Auch war das Leben hier weniger stumpffinnig, als ich erwartet hatte; es gab über den Arkaden des Marktplatzes — dessen Proportionen ebenso beruhigend wirkten wie die Her alten spanischen Paläste, die ihn begrenztm, ein Cafe, in dem ich viele Abende im Gespräch verbrachte. Man traf hier vor allem den Ortsvorsteher mit seinen Freunden und einen Chauffeur, der fast als einziger die Stadt täglich verlieh, um di« Post von und nach Billarro- blckdo zu besorgen, und daher die Zeitung war, um die sich die Honoratioren dieses Nestes zu versammeln pflegten. Die einzig«, wirkliche Enttäuschung, di« ich erlebte, und die ich nicht vorausgesehen hatte, bestand eigentlich nur darin, daß es schlechthin unmöglich war, eine gute Aufwärterin zu finden. Ich hatte anfangs j geglaubt, daß meine Ansprüche leicht zu befriedigen sein würden, und daher eine Fran gemietet, di«, wie man mir sagte, schreiben, scheuern und kochen konnte, aber es hatte sich bereite nach kurzer Zeit heraus- gestellt, daß sie unfähig war, irgendeinen Auftrag auszuMren. Mit einer zweiten aber mackste ich nicht beffere Erfahrungen, denn es kam fast jeden Tag vor, daß sie den Namen von Patienten, die mich besuchten oder telephonisch anriefen, während ich unterwegs war, verwechselte oder sogar vergaß. Mit einer Bitte, die Namen doch aufzuschreiben, erreichte 8 leider gar nichts. Wahrscheinlich hatte ich sie mit einem derartigen isinnen sehr gekränkt. Statt eines mündlichen" Durcheinanders bekam ich den Unsinn jetzt schriftlich, denn sie konnte sich nicht entschließen, die Namen sofort zu notieren und begann erst mit dieser Arbeit, wenn sie Aich kommen hörte. Ich verzweifelte schon, dieses Problem zu lösen, und war daher beinahe entschlossen, von den: Stellennachweis der nächsten größeren Stadt eine Hilfe anzufordern, als der Chauffeur aus dem Cafe mich eines Tages besucht« unb mir di« Mitteilung machte, er hätte jetzt eine Aus- roärterm für mich gefunden. Sie heiß« Dolores und fei leider ein« Analphabetin, ober ich würde bestimmt mit ihr zufrieden sein. Wie es dem Chauffeur gelingen konnte, mich davon zu überzeugen, daß ich mit einer Analphabetin beffere Erfahrungen machen würde als ; mit meinen beiden Dauernkindern (bereu Schreibkünste mir zwar wenig । Schöffen hatten, die aber immerhin einen Zettel von meiner Hand lesen § konnten), weiß ich nicht. Vielleicht war es meine Neugierde, einmal eine Analphabetin kennenzulernen, vielleicht war es auch di« Uebertegung, daß die Unkosten, mir ein« Hilfs aus der Großstadt kommen zu lasten, Eht geringer fein würden, als der Schaden, den sie mir in einem Monat zufügen konnte — ich war bereit, noch einmal vier Wochen an einen Versuch zu wenden, unb bat ihn, mit diesem Kind, das irgendwo üuf dem Lande diente, abzuschliehen. Es war selbstverständlich leichffinnig, Vereinbarungen zu treffen, vhne das Mädchen vocher gesehen zu haben, urtb als es am Letzten des Kanals mit einem Sack über der Schulter, in dem wahrscheinlich feine meibung steckte, barfüßig antrat tmb mich mit einem Handkuß be- I Eßen wollte — wobei ich bemerkte, daß es höchstens sechzehn Jahre alt war, unb daß sein schwarzes Kopftuch aus toter Stopfen bestand —, chließen könne. )ße Praxis wie „ «in Verständnis ich wolle. Ich mutzte msthast böse und be« sich nach mir in Villarobledo niedergelassen hab«, hätte bereits fest, eigenes Haus und ich könnte es schon lange haben, wenn ich es mir nur ab gewöhnen würde, meine Briefe immer in den Postkasten zu stecken. Ich wollte sie nicht zum zweiten Mal« verletzen, aber mein Versuch» ernst zu bleiben, war vergeblich. Ich lachte, daß mir bi*> Tränen über die Backen liefen, und fragte sie, ob sie vielleicht glaube, daß Petrus mir meine Briefe besorgen würde, wenn ich sie vor dem Schlafengehen auf das Fensterbrett legen würde. Si« sah mich mit ihrem runden Gesicht ruhig an und meinte: Nein, das glaube sie auch nicht. Aber ein so gelehrter Mann wie ich dürfe nicht die Post benutzen, dar sei ganz gewiß, und ihre frühere Herrschaft, die sogar nur Bauern gewesen wären, hätten das auch nicht getan. Ich erkundigte mich lachend, auf welche Weite denn ihre frühere Herrschaft Briefe befördert habe, und sie berichtet« mir daraufhin mit großem Stolz, daß man in allen Fällen, in benen_ der Weg nicht allzu weit gewesen sei, Brief« durch sie persönlich habe überbringen lassen. Selbstverständlich ließ ich es mir nicht entgehen, die Geschichte abends im Cafö zum besten zu geben. Aber zu meiner größten Hebet- raschling lachte niemand. Man war sogar allgemein der Anficht, der Rot der Dolores fei gar nicht schlecht gewesen: es wäre schr wahrscheinlich daß ich größere Erfolge haben würde, wenn ich meine Stiefe üb» bringen ließe. Di« Post sei eine demokratische Einrichtung unb eigentlich nur für Leute, die kein Geld Hätten, ihre Korrespondenz durch Bote« zu besorgen. Diese letzte Bemerkung stürzte mich aus allen Himmeln. Ich empfand sofort, daß man selbst in diesem Kreise «ine allgemein« Gewohnheit afe eine persönliche Unhöflichkeit empfunden hatte, und ich begriff, Laß mir nur die Wahl bleiben wurde, auf eine größere Paxis zu verzichten ober aber Dolores zu entlassen. Das Problem, einer Analphabetin sechzig war ich überzeugt, daß mir der Chauffeur dieses Kind nur empfohlen hatte, damit ich es erst einmal von Kopf bis zu Fuß einkleiden sollte. Ich verspürte aber dazu selbstverständlich nicht die geringste Lust unb gab mir daher erst gar keine Mühe, es anzulernen. Ich war entschlossen, ihm sofort wieder zu kündigen, ließ alles gehen, wie es gerade ging, unb legte mich abends mißmutig ins Bett. Ich weih nicht, ob andere Menschen ihre schmutzige Wäsche auf die Stühle legen und ihre saubere auf di« Erd«: jedenfalls habe ich e» niemals erreicht, daß Dinge, di« auf der Erd« lagen, im Waschsack verschwanden, sondern ich fand sie sauber geordnet solange auf irgendeinem Tische wieder, bis ich schließlich darauf aufmerksam macht«, daß ich fit nicht mehr gebrauchen könne. Auch habe ich es niemals erreicht, daß die Leisten für verschieden« Schuhpaare von verschiedener Gröhe beim Aufräumen getrennt wurden, sondern man schichtete sie im allgemeinen in irgendeiner Ecke zu einem Scheiterhaufen und Überließ es dann mir, die Abend« damit zu verbringen, die paffenden Größen zusammenzusuchen. Man wird unter diesen Umständen mein Erstaunen verstehen, als ich am zweiten Abend bemerkte, daß nicht nur die Leistenpaare getrennt standen, sondern daß Dolores sogar einen schmutzigen Kragen in di« Wäsche getan hatte. Jedoch waren dies nur zwei ihrer Heineren Leistungen, die mir zufällig zuerst auffielen, denn als ich am nächsten Tage mir den Tffch selbst deckte (weil ich keine Lust hatte, ihr zu sagen, welche Bestecke ich benutze), fand ich am übernächsten nicht nur das richtige Besteck auf dem Tisch, sondern ich bemerkte sogar, daß sie die Dinge, wie ich es liebte, nicht so gelegt hatte, daß man erst gezwungen ist, Gläser, Löffel, Messer und Gabel nach drei Setten wegzufchieben, um einen Teller hinsetzen zu können. Ich war von allen diesen Dingen selbstverständlich so entzückt, daß ich sie bereits am dritten Tage mit den Geheimnissen meiner Wirtschaft bekannt machte, unb da st« Reis kochen konnte, ohne daß man auf dem Teller eine Suppe hatte, die an vermanschten Hagel erinnerte, wurden wir die besten Freunde. Auch vergaß sie in vier Wochen nur ein einziges Mal den Namen eines Patienten, und ich kann ihr daraus nicht einmal einen Vorwurf machen, denn der Name war wirklich ungewöhnlich seltsam. Ich war mit Dolores so sehr zufrieden, daß ich ihr schon nach vierzehn Tagen ein neues schwarzes Kopftuch unb ein Paar Schuhe schenkte (wobei ich zum erstenmal entdeckte, daß sie trotz ihrer großen Rase hübsch mar), unb hin unb wieder kam es sogar vor, -daß ich irgendwelche Sorgen, die ich gerade hatte, ausführlich mit ihr besprach. Sie wußte in vielen Fällen einen Ausweg. Als ich daher einmal darüber klagte, daß die spanischen Wohnungen eigentlich recht unbequem seien und man ein ganzes Haus beziehen müßte, sagte sie mir, fte wundere sich schon lange, daß ich mich dazu nicht entschließen könne. Für meinen Einwand, daß man dazu eine doppelt so große Praxis wie ich haben müsse, zeigte sie zu meiner Ueberraschung kein Verständnis unb meinte nur, ich könne doch so reich fein wie ich wolle. Ich mutzte selbstverständlich darüber lachen, aber sie wurde ernsthaft böse und bemerkte, der Doktor Rivera, der mir ja wohl auch bekannt fei, und der für alle Zeiten festgehal Weoegab^aufzulef^y"haste sich eine erneute Verknüpfung Misch«» der Kunst" Tirols und der Les Nordens angebahnt, von der noch heute des Ulmer Meisters Hans Mult scher Altar von St er z i n g zeugt. Aber nicht auf die Gaben anderer deutscher Stamme war die Kuns Südtirols angewiesen. Eine starke, Lodenverwurzelte Kunsttraditwn aUf dem Gebiet der Malerei und Bildfchnitzerei, die, Sielchsmn dle beiden Stämme au einer Krone vereinigend, m den Schöpfungen Michael P a ch e r s MvM ist hier heim°sch Vor allem war es die Wandmalerei, die auch M der kirchlichen Kilnst Tirols die erste Stelle einnimmt, und in keiner anderen Rutschen Landschaft haben sich so Mreiche Fresken ernsten wl in diesen Tälern. Drei machtvoll emporbluhende Malerschulen, die Bozener, Meraner und Brixener, von denen die letztere, getragen von der Gunst 1 — Die deutsche Kunst Südtirols. Von Dr. Hedwig Fischmann. fürrlick in Genf tagende Kongreß der nationalen Minderheiten lentte wiederum dst Augen Lr ganzen Welt auf da- oft harte Los dieser vom Mutterland abgesprengten Volkstelle, unter denen di« Deutschen Südtirols zahlenmäßig wie kulturell an bedeutsamer Stelle stehen. Doch in dem harten Ringen um die Bewahrung deutscher Stammesnrt gegen die übermächtig andringenden und mit einer Entwurzelung ständigen drohenden Wogen des Welschtums stehen den Deutsch-Sud- L7» S" 'SS- "XN7- M« »Xs I Hu^Sä. t fei1» weisenden Türmen verwachsenen Kirchen, zu trotzigen Burgen, zu giebel- gekrönten Bürgerhäusern gefügt, mit Bildschmuck und Schnitzwerk mit kunstreichem Hausrat nachalt^berlinerter l macktvoller - von der oberitalienischen Kunst, von Verona unu ^vh” Längs der großen, Nord und Süd bindenden Völkerstrahe ^»ner , ) ol elnbrangenj lttni> ganz besonders die baulichen Hintergründe in den Tälern der Rienz und des wilds^uirnnden EisaOls wut sud- ® “mäße beweisen die Aufnahme welscher Anregungen. Aber schon em würts an den Ufern der Etsch erzählen ste von >enen Tagen, | t0 frühes Werk wie die Wandmalereien in der Pfarrkirche Zu Terla SS»?ÄKI»-Ä ->M« bilduna und Anpassung, ja, ein Aufgehen im Altheimischen hatten erdulden^ müssen. Wie ein Symbol dieser Mittlerstellung zwischen „Nord und Süd, bei dem aber der wesenbestimmende Gnmüton unverändert bleibt und nur fein modellierende Ehortöne nuif^^mm8en, » 616 gotische Pfarrktrche von Bozen mit dem zierlich durchbrochenen Steinhelm des Meisters Hans Lutz vonSchusfenried weitJwms ln die südliche Landschaft, indessen ein lombardisches, Portal. mit zwei saulen- tragenden Löwen aus rotem Marmor den Eimgang flankiert. Iä’*“ *?ä ääsää d ,beute verfallen, zerstört, anderes in fernen Ntuseen,und AÄer^chS K bereits langsam,dem Mstrgang ^uche^ne b HU i n bei Bozen, BBsxsÄrssg WLe ss» «TUvLT ÄSS 1W88 fÄtl auck Szenen aus dem wirklichen Leben jener Tage, Daaden und Difch- faM, steigen tanz und BallspiZ und der RUter edel,ter, Zeitvertreib,^das » L. . ? * s. iitr hteilo rrnrh ti dem Uvwvungsmno oer wn iw leben. Wohl konnte sich auch die Tiroler Malerei nicht den alles mit,<9 fortreihenden neuen Strömungen verschließen die von der' FreskenmM Giottos und — räumlich noch unmittelbarer und Ü1Ä ' ■ " von der oberitalienischen Kunst,, von Verona und v1» ^^^Me ^dst^ Burgen und Herrensitze, so künden die in deutscher Sied- luna--art anaeleqten um nadelspitz emporstrebenden Kirchturme sich tarn« S SS erst unterhalb Bodens italienischen Anlagen iMichem von dem deutschen Kunst- und Kulturleben, das diesem Lande ^i aVersher bodenständig gewesen ist. Noch um die Mitte des 1b., Dah., Hunderts als die Hochrenaissance schon längst »hren Siegeszug bis nach dem Norden angetreten, entstand hier, umittelbar uor ber ^forte Italiens in der stolzen Pfarrkirche von St. Pauls m U e b e.re.tf $ ein Denkmal deutsch^tifcher Bauweise, in das kein hellenistifch-roimsches Element eingedrungen ist. Und Stadtbilder wie jene von s t e r 3-0. SR von G l UN oder M e r a n Mit ihren engen Gassen und Gaßchetz, mit den charakteristischen giebelüberragten, erkergeschmückten Burgechaufern sprecUn di7 gle7che vornehme Sprache Ihrem heimeligen Ä-uber hat stch mtrh ^Albreckt Dürer nicht zu entziehen vermocht, da er voll Sehnsück)t nach der Sonne d" Südens durch dieses Land gepilgert war -das W n ctnhthirh nnn Klausen überragt von der auf steilem Felsen g.e- leaenm Bu g Säben" haste L ihm" so angetan, daß sein Stichel e- für all^ Alten festgehalten. Doch schon Jahrzehnte, bevor Durer durch das o ins mbiich hes Brenners gewandert war, um sich hier eine köstliche mstmlesen. hatte sich eine erneute Verknüpfung zwischen der licht werden und ein Streben nach le^nswahrer Realistik sich Miu macht. In dieser Linie verlauft die Westerentwicklung derSudstroi Malerei, wie sie sich am klarsten in der Freskenfolge des KreuMNges im Brixener Dom, wo säst ein Jahrhundert ®™be,“nnÄn5 gereiht hat, aber auch in den Tafelbildern von N eu st 1 ft offenba ■ noch ein neues, fruchtbares Ferment brachte einer der Brixener Hk meister, Jakob ©unter, durch die Aufnahme und Utnpragung C 1J flandrischer Elemente in die Entwicklung, so die Mistlerstellung der Kunst erweiternd und vertiefend. -BMYM'VZLZM'W ÄrSrÄVSft Ä® sä sssss SMSSMW kESHWMß L "s., sicbsndessen vorüber war, kam mir der Gedanke, mich hm msetzen und emer spanischen Analphabetin Mnfzig bi- ^'8 Namen L°> zulesen vollkommen unsinnig vor, und ich hatte es sicherlich auch 8» ft ttTÄ l’S! L°°Z' S» äsNSÄksäjsw&s^* b&yst baber noch fünf weitere Adressen und bat sie, letzt noch einmal das Ganz 1 S schlöfserreichen Seitentäler krönen, bis hoch hmein m m wiederholen. Aber sie meinte, wegen der paar Namen lohne es stch aber auch au»er Mutenden Dolomiten. Dort, am, Fuße, de^ und Uck mich über den Ton dieser Bemerkung etwas ärgerte, das Wunoerrua, mn ur letzte lök ick gleich doppelt so viele Namen wie beim erstenmal vor, uber- zeuat^dah sie nicht nur diese zwanzig Namen nicht behalten wurU, sondern auch bereits die ersten fünfzehn wieder vergessen hatte. E ereignete sich aber das Unglaubliche, daß sie die zwanzig Namen m der richtigen Reihenfolge hersagte, ohne allerdings die ersten sunfzehn zi wiederholen. Sie meinte wieder, das sei nicht notig, und bat mich nur, ibr von fest ab nicht so viel Namen auf einmal zu geben. Ich tat es. Es ckien m r vollkommen gleich zu sein, wieviel ich ihr gebe. Nachdem ich geenbet hatte, wiederholte sie siebenundfünfzig Namen, ohne sich em dnSk5UU die Mnze Reihe noch am nächsten Morgen nicht vergessen. Sie verließ das Haus um acht Uhr, besuchte nut einem, Wagen vo.- mittaas die eine Hälfte der Kunden und am Nachmittage die andere und war am Abend nicht ermüdeter, als wenn ich ste aufs Land geschickt hatte, um frischen Wein zu holen. Die Tatktdie, daß ich zum ersten Male meine ^iguidation persönlich überbringen steß, sprach sich in Stadt und Umgebung schnell herum. Ich bemerkte"sehr bald, daß man mich für reicher hielt, als ich es war und auck der Umstand, daß ich eine Haushälterin besah, die stebenundfunfztg Namen in richtiger Reihenfolge behalten konnte, trug viel dazu bet, meinen Ruf innerhalb kurzer Zeit zu vergrößern. Es gelang nur, meine sYirnrtc: VON 'brei Stabten fo auszubclALN, bojs lch 1^6 jiu und dieses Geld gab, mir endlich die Möalickkest mich längere Zeit mit der Funktion gemiffer Organe, die, wie ich schon sagte, heute als „endokrin" bezeichnet werden, ungestört zu beschäftigen. _ das ewige Rätsel der tropischen Nacht, von «n e Beute der Insekten, preisgegeben den Millionen In dem kleinen Bambusdörfchen Tebbing Doe hockten die Eingeborenen beim Würfelspiel mit Jagonkörnsrn aus der rotbraunen Erde im dunkelblauen Schatten von Tijpanans und Mangobaumen. Die Werber standen, mit bunten Sarongs bekleidet, die Kinder quer m den Armen tragend, unter den Basttüren oder brachten in runden, tönernen Gefäßen tuak, Palmwein, der aus der Parkotpalme gewonnen wird. Aus dem nahen Urwald drang der eintönige Ruf eines Sordaim auf Flötenart, wie der Laut einer handgroßen Zikade. Em halbnackter Greis, dessen Brust runzelig war wie eine eingetrocknete Frucht, sah auf der warmen, dünstenden Erde, während die Füße in einem Sumpf steckten, um wenigstens den Beinen das unentbehrliche „Bad zu gönnen; er schabte die Djallaunwurzeln, daraus er eine Helle blaue Farbe erzeugte, die er den Frauen in den Dörfern zur Bemalung ihrer Gewebe und Batiktücher Tausch gegen Siamreis anbot (denn der kostbare, schone Javareis 1,"2 für die Europäer reserviert). Der Tag wurde schwül. Der Abend, der hell und brennend, ist, wie bei uns im Norden die Mittagsstunde eines Sommertages, hing über den Palmen und Lianen. Bald muhten die Mangrovesumpfe kommen. Em dünnes Wolkenspiel, zartgezeichnet wie ein silberner Recher aus blauer, dunkelgetönter, schiminernder Seide, hing über den dunstenden Waldern. Wir sprachen kein Wort. Der Karren mit den Zebuochsen rollte langsam dahin, tauchte in den Schatten von Hügeln und Wildnis, überquerte einen Bach, der zwischen schatügen hohen Mangroven, dürr rote ein armseliges Leben, hinlief. . ...... .. . Der Malaye Marjadi hatte uns mitten aus einer gemächlichen Unterhaltung zum Sechsuhr-Whisky auf der Veranda des Bungalows unter blühenden Akazien mit denr zerrissenen Ruf: „Ulu Tuan! geholt.. Der Plantagenbesitzer Peters hatte von jeher etwas für Tigerjagden übrig. Man brachte uns drei schwere Büchsen mit Zielfernrohren, und von zwanzig Hindus und Sundanesen begleitet, saßen wir nun unter dem Attopdach des Fuhrwerks, um den Platz zu erreichen, an dem das vom Tiger angefallene Rind lag. Der Tumult der Wouwouaffen brach von den Besten der Baume; manchmal flüchtete eins Schar dieser kleinen Affen mit den eisengrauen Welt und ich. Von Friedrich Hebbel. Im großen, ungeheuren Ozeane willst du, der Tropfen, dich in dich verschließen? so wirst du nie zur Perl' zufammenschichen, wie dich auch Fluten schütteln und Orkane! Nein: öffne deine innersten Organe, und misthe dich im Leiden und Genießen mit allen Strömen, die vorüberfließen; dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plane. Und fürchte nicht, so in die Welt versunken, dich selbst und dein Ur-Eignes zu verlieren: der Weg zu dir führt eben durch das Ganze! Erst wenn du kühn von jedem Wem getrunken, wirft du die Kraft im tiefsten Innern spüren die jedem Sturm zu stehn vermag im Tanze! Seltsame Tigerzagd. Von Franz Friedrich Oberhäuser. Hauben über das Dach unseres Wagens und verschwand, schimpfend zeternd. Wie kühl wäre es jetzt oben im Hochlande in einem einsamen Pasanqrahan! Die Hitze machte diese Erde toll; alles muß dem verlockenden Gesetz des Urwaldes, des Dschungels und der Tropen gehorchen, dem Gesetz: dem Stärkereii die Macht. Myriadensach treibt das Leben, empor, in den Kampf und Sturm des Daseins, wird zerschlagen und veriagt. Es ist unfaßbar: man kann in dieser rostenden Hitze in die Sonne schauen, ohne geblendet zu werden! Bald werden die Tiere der Dschungel auf der Lauerliegen. Die Hitze martert die trockenen Kehlen; der unbeschreibliche Durst, der im Rachen steckt scheint mir die Tat zu mildern; den Raub, den , Ueberfall. Di« Schlänge, die seit Stunden hinter den Schilfwänden züngelt (^sellbe Reptil das wir als Haustier hinter Palembang, und m oer Mitre, auf Java wiederfinden!), die Raubtiere, die in der dürren Mene d-r^nf-n; die Vögel, die von weither kommen, um nach der Tranke zu sehen, der Tiger, dessen Laut in der trockenen Kehle zu einem seltsamen, harten Grollen wird . . . was ist ihnen die Beute mehr, als das Stillen des Durstes. Jetzt wird der Tiger sich den Campoungs nähern, und die weidenden Rinder überfallen, und der Panter wird aus der Wildnis springen, lüstern nach der Beute in den Natives. Und während die teuflisch« Hitze groß« Löcher in das dichte Geflecht des Urwaldes gerissen hatte, die Gebüsche versengte, und dl« tetzte Mm- mende, kupferrote Sonne tiefer dringt, und das unergründliche mystische Dunkel streift, in dem ich das ewige Geheimnis der Schöpfung zu finden aianbe indessen dieses Licht der Sonne auf den Grund des Urwaldes haftet,'stürmt die Nacht über das Land, und im nächsten .Augenblick ertönen die beitiaen Stimmen der Zikaden, verstummen die Affsnhevden und werden abgelöst von dem Lärm der fliegenden Tiere, die an die Erde gefesselt sind, in weiten Sprüngen von Daum zu, ^aum hasten und mit den Fledermäusen nichts gemein haben, die sich m der Luft halten draußen herein hallt der Ton eines streifenden Wildes; dunkel erdröhnt die Erde unter -dem Gang eines Elefanten; die Dache füllen fch als saugten sie das verlorene Wasser aus dem Ozean und flössen zurück in das Schwarz des Urwaldes. lieber eine Stunde sind wir gefahren. Peters reicht die, Whiskyflasche berum Draußen rennen die Hindu mit schweißnassen Körpern emher. Ein wilder penetranter Geruch füllt das Innere des Wagens und blecht an Kleidung und Wänden hängen; das ist die Stunde des Dergehens nd Zugleich die Stunde des neuen Lebens. Ein kurzer wenige Minuten dauernder Platzregen wird dieses neue Leben aus der Erde zwingen. Welch ein Abenteuer! Die Moskitos und Infekten schwärmen durch die Nack» und füllen diefe Landschaften; und immer lauter puscht das Streichorchester der Zikaden und strömt die Serenade des Klemgeiiers über uns hinweg. ...... Der scharfe, schwüle, peinigende Geruch verstärkt, sich; enger halten firh hi<- Einaeborenen an den Wagen. Der Himmel ist tlefschwarz, und Nnnoch is ks dämmert als käme dieses dunkle Licht aus einer transparente Erde; es ist mir, als wüchsen sichtbar die Baume in diese Dunkelheit, als füllten sich die Gewässer nut lauten Stimmen, als redeten in einer unverständlichen Sprache die sumpfe. Entsetzen vor den Dämonen; denn alles, was unter der Sonne Indiens lebt, alles Leben ist gleichbedeutend mit einer Gottheit; das Leben ist der Inbegriff der Gottheit. Hinter einem kleinen Bestand von Palmen und Teakbäumen halten mir nn Wir barchen in das Gespräch, in das Lärmen der Nacht, aber Mchts hö^n wir von der Nähe eines Tigers So halten E, eng beu !,rmmert lauichend in das ewige Rätsel der tropischen Nacht, von den Mücken'übersallen, eine Beute der Insekten, preisgegeben den Millionen Feinden, in banger, quälender Stille aus. Der Wechsel'" flüstert Peters, der den Geruch des Raubtieres tarnt. als» SäS'K».»« ÄS fiSÄ wu Wald der Bäume getrieben wurde, richten wir uns einen Plag o ™ < achtung. Niemand rührt sich: wir sitzen zwei Stunden lang, dasGewehr «rfm&hereit auf den Knien. Ich denke an eme Jagd auf Krokodile, sie ist spamwnder und weniger gefährlich als eine solche auf das Raubwild der Dschungel, quälend, schweißtreibend und aufregend. Keder Tiaer", flüstert Peters, „kehrt zur Beute zurück, außer in der Reaenreit!" In den dämmerigen Umrissen der Lichtung sehe ich sedes Ziel ^°n S rinh mnhren.h ich über den Sinn dieser qualvollen Stunden nach, denke und einen^faisitgroßen Käser von meinen Knien schleudere, flammt plötzlich der Blltz^des Schusses auf. Feuergelb ist die Nacht durchloht für eine Sekunde, dann bricht wieder die Dunkelheit hereim tiefer, gefährliche^ arauenbaster als je; nun haben wir einen Fernd dort unten auf der Erde Dann eine Stille, dann ein müdes, verlorenes, Echo deo Schusses,'als hätte er dieses beispiellose rauschende Leben vernichtet dann beginnt es wttdbransend von neuem: die Sumst£ Mer erst einer so überragenden Künstlerpersönlichkeit wie Michael Dächer war es beschieden, aus den widerstreitenden Elementen, aus dem Äusanimentreffen und der Assimilierung nordischer und südlicher Kunst- ein lüsse mit der Tiroler Eigenkunst, einen neuen großen, ihmzu gehören- fen Stil zu erwecken, die Südtiroler Kunst zu einer Gipfelschopfung emporzuführen, die sich den reifsten Werken deutschen Kunstschaffens eben- bürsig zur Seite stellt. Wenngleich Michael Pacher und sem mitstrebender Bruder Friedrich dem — heute gleichfalls zu Italien gehörenden Brunneck im Pustertal entstammen, so lag doch der Mittelpunkt auch ihrer Tisiigtat und ihres Nachwirkens m der kunsisrohen Bischofsstadt Brixen und ihren Nachbargebieten beschlossen, wo noch heute eine seltene Fülle timstvoller Schnitzaltäre mit malerischem FlüE^chE 'den lange fortwirkenden zwiefachen Einfluß der Pacherfchen 'schule bekundet. Denn als Uster wie als Bildschnitzer — obgleich urkundlich nur als, Maler be- 5uat — tritt uns Michael Pacher in der reifsten seiner Schöpfungen, m dem machtvollen Doppelflügelaltar zu St. Wolfgang am Attersee entgegen, als dessen schwächerer Vorklang der Altar in der Pfarriirche zu Aries bei Bozen anzusprechen ist. Gerade 44 Jahrhundert sind es her, seit der Künstler jenen köstlichen Schrein mit der Einsegnung Maria durch Christus geschaffen; aber „fast unbemerkt ist die Zeit an diesem im unberührten Zauber seiner ursprung- sichm Bemalung erstrahlenden Kunstwerk voll lebendigster 3ri}« .IchEbedeckten Häupter der Alpen hinweg, das Hohe Lied von der deutschen Kunst Südtirols. ; B^anen und Lianen, selbst in den Palmen 'hängt ein hölzernes Rauschen. Aber sonst nichts; kein Laut. „Ich habe gefehlt!" sagte Peters neben mir, mit einer Stimme, die ich niemals vergessen werd«. Zwei voll« Standen muhten wir auf dem marternden Hochfitz bleiben. In der frühen, blaffen Dämmerung, die über die Dschungel streicht, ist der Platz unten leer. Das Rind liegt allein. In der Ferne ertönt der Schrei eines Wildes wie der eines L-chakals. Das Orchester der Infekten verstummt. Wir klettern zur Tiefe. Verängstigt und schlaflos kommen die Eingeborenen zurück. Peters schweigt; eine halbe Stunde hatte er nach der Spur des Tigers gesucht; sie nicht gesunden. Dann steigen wir wieder in unseren Zebuwagen; die Hindu smd fröhlich und laufen eilig neben dem Wagen einher, den Dörfern zu. Peters hat die Büchse noch immer schußbereit auf den Knien liegen. „Er verfolgt uns, es ist Zeit, daß wir nach Haus« kommen. Rascher geht es dahin. Im Trab. Es lärmt dunkel auf der wieder dürstenden, weichen Erde auf. Die Hindu sind vorausgefchickt und bald hinter einem Hügel verschwunden. Eine Stunde später ereignete sich etwas Seltsames; etwas, das ich nicht glauben würde, etwas Unfaßliches. Während wir aus dem Wagen gestiegen waren, um über einem Hügel einen kürzeren Seitenweg einzuschlagen, dem glühenden Strahl ter Morgensonne zu entgehen, unter schattigen Farnen" bald das Campoung erreichten, hörten wir ein dumpfes, krachendes Gebrüll. Peters blieb stehen und lauschte in die Ferne hinaus; ein Schatten wechselte über sein braunes Gesicht. „Der Tiger; er hat das Gespann überfallen!" sagte er mit tonloser Stimme. Dann fetzte er — im glühenden Sonnenmorgen, nach dieser gräßlichen, nassen, schwülen, dumpfen, durchwachten Rackst, zum Laufe an, und hinter dem Hügel weg sehen mir den Ochsenkarren in rasender Fahrt, von wilder Angst gepeitscht, durch die Basarstraße auf den Gemeindeplatz stürmen. Und mitten auf dem Wagen unter dem zerrissenen Blätterdach, brüllend, vom rasenden Lauf ter Ochsen verstört und gehindert, von der unter ihm dahinfchießenden Erde verwirrt, wild in feiner Angst, willenlos, unentschlossen, vollständig machtlos geworden, hält sich der Tiger, in den hölzernen Wänden verfangen; er hatte in seinem Sprung, ter zu kurz gewesen war, um di« Zebus $u erreichen, das Dach eingerissen, und nun stand er dröhnend in seinem Gebrüll auf dem rasenden Wagen, den gelb- bra-ungeftreiften Kopf hoch in die Luft geworfen, mit geöffneten Lefzen und blanken, schimmernden Zähnen. Ein zweiter Schutz dröhnte auf, jagte die Menschen an die Fenster und in die Hütten und — als hätten es die Zebus begriffen — sie blieben mit einem Ruck stehen. Und mit dumpfem Fall schlug ter getroffene Körper des Tigers über den Wagen, das Dach hinterherreihend, auf den heißen, rotbraunen Sand. Die gesundheMiche Lebensführung der Arbeitenden. Von Professor Dr. Franz Schütz. Die Konstitution eines jeden Menschen, d. h. sein Gesundheitszustand und di« Art und Weise, auf Schädigungen zu reagieren, hängt von zwei Dingen ab: einmal von feiner Anlage und dann von feiner Umwelt. Die Anlage ist ererbt, und keine Macht der Erde ist imstande, sie zu ändern. Ganz anders liegen die Dinge bei den Faktoren der Umwelt. Jeder Mensch wird hineingeboren in ein bestimmtes Milieu, das nicht immer nur gesundheitsfördernde Faktoren aufweist. Die gesundheitliche Lebensführung der Arbeitenden betrifft die Einflüsse aus der Umwelt, die nur indirekt mit ter Arbeit selbst zusammenhängen. Hierzu rechnet die Wohnung, die Kleidung, die Ernährung, die Arbeitsdauer und die Beschäftigung in der arbeitsfreien Zeit. Aufgabe der Hygiene ist es, Vorbedingungen zu schaffen, die den Arbeitenden gegen die Schädigungen feines Berufes so widerstandsfähig wie möglich machen. Vor allen Dingen lassen heute die Wohnungsverhältnisse sehr viel zu wünschen übrig. Bei ter knappen Anzahl ter zur Verfügung stuenden Wohnungen liegen die Unterbringungsmöglichkeiten sowohl bet den unverheirateten wie bei den verheirateten Kops- und Handarbeitern sehr schlecht. In kleinen Betrieben dienen oft die Arbeitsräume als Wohn- räume. In größeren Betrieben entbehren die meistenteils von auswärts stammenden unverheirateten Arbeiter geordneter Wohn- und Unterkunftsverhältnisse. In beiden Fällen sucht die Hygiene Besserungen herbei- zusühren. Hier beanspruchen die Eigenheime und Siedlungen eine besondere Berücksichtigung, denn sie find an und für sich vom gesundheitlichen Standpunkt aus nur zu begrüßen. Durch di« zu ihnen gehörenden Gärten wird die Stete zur Scholle wieder erweckt und der Körper zu einer Arbeit angeregt, die wohl meistens im Gegensatz zur Berufsarbeit steht und somit einen Ausgleich für diese bedeutet. Doch auch die Nachteile ter Eigenheime und Siedlungen dürfen nicht unberücksichtigt bleiben. In den meisten Großstädten liegen di« Siedlungen weit vor den Toren ter Stadt, wo Grund und Boten billig sind. Infolgedessen müssen ihre Insassen weite Wege zurücklegen, um an ihre Arbeitsstätten zu gelangen, und diese Wege erfordern nicht nur einen gewissen Aufwand an Geld, sondern vor allen Dingen auch ein gut Teil ter freien Zeit. Wird dieser Weg aus eigener Kraft, z. B. mit dem Rade zurückgelegt, so kommt ter Arbeitende morgens nicht mehr frisch zur Arbeit und bringt am Abend außer ter durch die Berufsarbeit hervorgerufenen Ermüdung auch noch diejenige mit heim, die ihm die Zurücklegung des Weges gekostet hat. Auch die Verkehrsmittel sind für di« Arbeitenden in gesundheitlicher Beziehung durchaus nicht gleichgültig. Das ungleichmäßige Fahren, und der lange Aufenthalt in ter drangvoll fürchterlichen Enge des Verkehrsmittels beanspruchen eine nicht zu unterschätzende Arbeitsleistung des Körpers. Es muß daher die Aufgabe der Hygiene fein, die Siedlungen mit den Arbeitsstätten durch ausreichende und schnelle Verkehrsmittel zu verbinden. Noch besser ist es selbstverständlich, wenn die Siedlungen in möglichst großer Nähe ter Betriebe liegen, so allerdings, daß sie durch letztere nicht ungünstig beeinflußt werden. , Die heutigen Siedlungshäuser sind leider, da sie nicht zu teuer gebaut fein dürfen, recht ost aus zu leichtem Material und besonders mit zu dünnen Wänden hergestellt. Dadurch stellt sich der Preis des einzelnen Hauses niedriger als sonst, jedoch leidet die Wärmebewirtschaftung, so daß durch die Heizung unverhältnismäßig hohe Kosten entstehen. Ein weiterer zu besprechender Punkt ist die Frag« einer Wohnküche. Aus allgemein praktischen Gründen ist sie stets empfohlen worden, doch belästigen die Gerüche, die am Kochtopf entstehen, jeden, der sich in diesem allgemeinen Aufenthaltsraum befindet. Man strebt daher mit Recht nach einer größeren Trennung zwischen Küche und Wohnraum. — Die sogenannte „gute Stube", früher in jeder Häuslichkeit vorhanden und kaum benutzt, findet man jetzt fast gar nicht mehr, und doch hatte auch sie eine gewisse hygie- irische Bedeutung. Im Falle einer ansteckenden Krankheit war die Woh- nung erweiterungsfähig und die Kranken konnten in der Häuslichkeit selbst isoliert werten. Noch nötiger aber als bei den Verheirateten ist heutzutage di« Regelung ter Wohnungsfrage bei den Unverheirateten, sofern sie nicht in verwandten oder befreundeten Familien untergebracht sind. Die Hygiene fordert viel mehr, als es bisher geschehen ist, die Einrichtung von Jugend- Heimen, von Schlafhäusern für Unverheiratete, von Ledigenheimen, in denen nicht nur Schlafräume, sondern auch Gemeinschafts- und sonstige Nebenräume vorhanden sind, so daß Gelegenheit besteht, Mahlzeiten dort einzunehmen, geistige und gesellige Anregungen zu erhalten. Bon großer Bedeutung ist weiter die Notwendigkeit der Einrichtung von Sportplätzen mit allem für den Sport nötigen Zubehör; ferner die Einrichtung von Bibliotheken. Es ist die Aufgabe des Staates, der Gemeinde oder eine Angelegenheit ter industriellen Werke und von Selbstorganifationen, derartige Einrichtungen zu schaffen. Die Kleidung sei nur besprochen, soweit sie mit ter Arbeit selbst in Beziehung steht. Die Hygiene fordert, daß möglichst in allen Betrieben eine Arbeitskleidung getragen wird. Es soll das Anfliegen von Schmutz- und Staubpartikelchen an den Körper verhindert oder Unfälle verhütet werden, di« bei zu weit geschnittener Kleidung leicht durch Maschinen ober Maschinenteile entstehen. Daher muß der Schnitt der Arbeitskleidung enganliegend und zweckentsprechend fein. Bei der Arbeit in feuchter Umgebung sollen Holzschuhe getragen werden, um Erkältungskrankheiten vorzubeugen. Für Wasserarbeiter sind Gummistiefel sehr zu empfehlen, nicht nur als Schutz gegen Feuchtigkeit, sondern auch gegen die im kalten Wasser erhöhte Wärmeabgabe des Körpers. Die wichtige Rolle der Schutz- b ritte ist allgemein bekannt. Außerordentlich wichtig für die Gesundheit jedes Menschen ist bei jeder Kleidung, daß sie ost genug gewechselt und ■gereinigt wird, denn nur so werden Schädlichkeiten wirklich sicher von bet Haut, ferngehalten. In bas Kapitel Reinlichkeit gehört auch noch das Brausebad in jeder Fabrik, welches allen Arbeitern recht häufig verabreicht werden sollt«. Einen breiten Raum nimmt die Ernährungsfrage bei. der gesundheitlichen Lebensführung der Arbeitenden ein, ba im Haushaltsplan der Familie halb di« Hälft« aller Ausgaben auf die Enährung entfällt. Hier seien nur einige wichtige Punkte erwähnt. Wir wissen, daß ter Mensch um so mehr Nahrung braucht, je mehr körperliche Arbeit er leistet. Vor allen Dingen sei bas Eiweiß nicht zu knapp. Cs ist weiter nicht gleichgültig, ob die Eiweißquellen aus den Animalien ober den Dege- tabitien stammen, denn die Vegetabilien werten im allgemeinen schwerer aufgeschlossen und verdaut als die Animalien, und weiter besitzt das Eiweiß aller Animalien für den Menschen eine höhere Wertigkeit, als das der Vegetabilien. Für eine gesundheitliche Ernährung ist es daher erforderlich, daß di« Menge des tierischen Eiweißes in der Nahrung nicht vernachlässigt wird. Von den Vitaminen ist in den letzten Jahren sehr viel gesprochen worden; es sind Tchfst, die in den grünen Pflanzen, in den Schalen von Körnern itnb iln Fett vorhanden sind, und es ist sicher, daß, wenn dies« Sjosst fehlen, Störungen in der Gesundheit bei Erwachsenen, besonders aber bei der Heranwachsenden Jugend entstehen. Ferner gehört zu einer gesundheitlichen Lebensführung eines jeden arbeitenden Menschen die Verteilung der einzelnen Mahlzeiten auf den Tag. Die Lebensprozeff« im Menschen verlaufen ununterbrochen, dagegen kann die Aufnahme von Nahrung nur einige Male am Tag« erfolgen. Es ist daher besonders wichtig, daß die Hauptmahlzeiten, in ter Regel morgens, mittags und abends, mit peinlichster Regelmäßigkeit und mit ter notwendigen Ruhe und Muße eingenommen werden. Selbstverständlich ist auch hierbei di« Reinlichkeit des Körpers von größter Wichtigkeit! auf 'die Notwendigkeit des Händewaschens vor Tisch fei nur hingewiefen. Wie lange soll nun die Arbeitszeit dauern? Vom hygienischen Standpunkt aus ist folgendes zu sagen: Es kommt auf die Arbeit selbst an, ob schwer, ob leicht, auf die Umgebung, in ter st« ausgeführt wird ob in frischer Luft ober in geschlossenen Räumen, es kommt endlich darauf an, wer die Arbeit ausführen soll: ein Erwachsener, Mann oder Frau, oder ob es sich um Jugendliche bzw. Kinder hantelt. Der Achtstundentag kann von der Hygiene nur als Durchschnittswert für den erwachsene» Mann angenommen werden. ‘ Und nun di« Beschäftigung in der arbeitsfreien Zeit? Sie soll einen Ausgleich barstellen für die mehr ober minder einseitig« Beschäftigung während ter Arbeit. Es ist daher dringend notwendig, für alle Kreise der arbeitenden Bevölkerung Plätze für Spiel und Sport an* zulegen, um so einer einseitigen Entwicklung des Körpers entgegen* I zuwirken. Die Beschäftigung in den Schrebergärten kann vom gesundheitlichen Standpunkt aus nur empfohlen werden, allerdings soll der Gart« nicht zu groß fein und die Arbeit darin nicht zur Last werden. Der Kino* i besuch ist, je nachdem es sich um Landbewohner, denen wenig Gelegenheit zu geistiger Anregung geboten wirb, oder um bi« Stadtbeoolkerung handelt, sehr verschieden zu bewerten. Dasselbe gift vom Radio. Seite Einrichtungen werden äußerst segensreich wirken, wenn stets das eine 'USA beachtet wird, daß auch sie ter Erholung von ter Arbeit und ter Verbreitung von Wissen zu Renen berufen sind. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Aniverfitäts-Buch* und Steindruckerei, D. Lange, Dietzen.