Siehem ZamilieiibMer Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang $927 Dienstag, den $7. Mai Nummer 39 Auftrag. Von Ludwig Heinrich Christoph H ö l t t), Ihr Freunde, hänget, wann ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar auf, Wo an der Wand die Totenkränze Manches verstorbenen Mädchens schimmern. Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band, Das, an der Harfe festgeschlungen. Unter den goldenen Saiten flattert. „Oft," sagt er staunend, „tönen im Abendrot Von selbst die Saiten leise wie Bienenton: Die Kinder, hergelockt vom Kirchhof, Härtens, und sahn, wie die Kränze bebten." Ueber Salomon (Zehner. Von Hermann Hesse. Salomon Geßner gehört nicht zu den Gründern und Führern, sondern zu den Musikanten und Spielleuten, die überall mit dabei sind; er ist kein Denker, sondern ein Schwärmer; er ist mehr Kind als Mann, mehr Musikant als Komponist. Seine poetischen Werke tragen verschiedene Titel, aber sie sind alle ohne Ausnahme Idyllen, ihr Ton und innerstes, bestimmendes Lebensgefllhl ist ein stilles, heiter-resigniertes Jn-sich-hinein-musizieren, ein genügsames Schwelgen des einsamen Schäfers im Wohllaut seiner kleinen, schilfenen Flöte, welche wenig Tonarten und keinerlei Polyphonie besitzt. Aber sie tönt entzückend in der Dämmerung. Jene angenehme Vorstellung von „achtzehntem Jahrhundert", die wir aus dem Betrachten damaliger Kleinkunst gewinnen, brauchen wir um Geßners willen nicht zu verlassen oder zu erweitern, sie ist weit genug, um ihn mit aufzunehmen. Unter den vielen hübschen, geschmackvollen, reizvollen Sachen und Sächelchen jener Zeit spielen sanfte kleine Bilder eine große Rolle, zarte holde Malereien in Wasserfarbe, graziöse, leicht und sicher stilisierende Zeichnungen, schön komponierte, poetisch-kokette, kleine Kupferstiche und Radierungen. Es gibt da Landschäftchen mit friedevollen, in ein klassisches Mnuerbecken gefaßten Quellen in milden Tälern, wo einige Bäume sich zum angenehmen Hain vereinen, wo ein Bauernmädchen oder eine Nymphe ihren Krug füllt und gedankenvoll oder gefallsüchtig ins klare Wasser schaut, oder eine schön gekleidete Dame lesend ihren Liebhaber erwartet, den man hinter den Stämmen im Schatten nahen sieht. All diese Gebilde, all diese Radierungen und Malereien, all diese Quellen, Hirten und edel komponierten Baumgruppen aber haben gemeinsam eine Stimmung von Spielerei und Unwirklichkeit, sie atmen den Zauber der Kulisse, ihr Leben unterliegt den Gesetzen der Oper, nicht denen der Wirklichkeit. Dies Leben, dies flüchtige, anmutig kinderhafte Leben all der Nymphen und Liebespaare an ihren melodischen Bächen, unter ihren wehmütig-ernsten Baumkronen, in ihren geschmackvollen Toiletten — dies ganze Leben ist Oper, ist Spiel, ist Märchen und Traum. Alle diese zarten Gebilde sind nicht entstanden aus einem Bestreben, das Leben des Tages nachzuzeichnen, die Wirklichkeit zu ergründen und zu stilisieren, sondern aus dem Wunsche nach Spiel und Traum. Sie denken ans Leben und dienen dem Leben nur als Geschenke, welche Liebende einander geben, als zarte Anregungen zur Liebe. Ihrem ganzen Wesen nach streben sie vom Leben des Tages hinweg, ihr ganzer Sinn und der Antrieb, aus dem sie geboren sind, ist Flucht vor Dem Wirklichen. Solche geschmackvolle, zärtlich zu Traum und Weltflucht verlockende Dinge hat auch Salomon Geßner gemacht. Er hat Aquarelle gemalt, schöne Blätter gezeichnet und radiert, und hat in diesen Künsten nicht bloß zu den stümpernden Liebhabern, sondern zu den vielen kleinen Meistern jener Zeit gehört. Und ebenso wie er gemalt und gezeichnet hat, so hat qr auch gedichtet. Seine dichterischen Idyllen sind durchaus Geschwister seiner gemalten und radierten Blätter, sie gehören zusammen und setzen einander fort. Alles, was Geßner in seinem Leben gearbeitet hat, steht unter diesem Zeichen. Sein Leben lang hat er sich begnügt, seine sanften Melodien zu blasen, immer auf derselben Schäferslöte, immer weggekehrt vom Tag und Markt, immer sehnlich hinüber gewendet ins Reich der seligen Spielerei, der Schäfer, der lichten Abendwölkchen, der zeitlosen und problemlosen Anmut. Dr Mensch von heute neigt dazu, diese Beschäftigung eines ganzen Lebens mit Tand und Spiel für reichlich absurd oder unwürdig anzu- fehen. Weit liegt jene unernste, wirklichkeitsfremde, problemlose "Opernwelt hinter ihm. Was wir Menschen indessen als absurd und unwürdig empfinden, das gilt immer nur für eine kleine Welle, und wir betreiben heute mit blutigem Ernst und heiliger Ueberzeugung allerlei Dinge, über welche unsere Enkel ebenso lächeln werden wie wir über den Herrn Geßneer und seine hübschen Idyllen. Daß er für seine eigene Zeit keineswegs etwas Unkluges und Unnützes tat, sehen wir schon daraus, daß diese Zeit ihn sehr gebraucht, daß sie ihn freudig willkommen geheißen und feine Idyllen begierig verschlungen hat. Kluge und tätige Männer und Frauen haben an dieser Spielwelt ihr Gefallen und ihren Zeitvertreib, ihren Trost und ihr Entzücken gefunden. Salomon Geßner ist am 1. April 1730 in Zürich geboren, sein Vater war Buchhändler und gehörte dem Züricher Großen Rat an. Der junge Salomon entzückte seine Eltern keineswegs durch rasche Fortschritte und Erfolge, er blieb in dec Schule stecken und galt für einen bequemen, gutartigen, aber mäßig begabten Knaben, mit dem nichts anzufangen ist. Vermutlich war seine Seele schon damals, von allem Anfang an, der Wirklichkeit abgekehrt, und magnetisch von jener holden Spielwelt angezogen. Mochte diese Einstellung zum Leben nun gut ober schlecht, mochte sie unnütz oder wertvoll, mochte sie eine Tugend oder eine Krankheit sein — jedenfalls blieb er ihr mit einer Zähigkeit treu, welche der imponierenbfte, kräftigste Zug in feinem Wesen und Leben ist. Von den Lehrern nicht geachtet, die Eltern durch Trägheit in der Schule und schlechte Zeugnisse betrübend, ging der Knabe unbeirrt seinem Hang, seiner mnern Stimme und Sehnsucht nach. Er entdeckte, daß man aus Wachs herrliche Gestalten von Tieren und Menschen kneten konnte, Buben und Mädchen, Schwäne und Wölfe, Greise und Engel, Helden und Damen, und er sparte jeden Kreuzer, um sich Wachs dafür zu kaufen. Vermutlich ist er zeitlebens, auch damals schon, ein ungewöhnlich glücklicher Mensch gewesen, ein Mensch mit großer Genügsamkeit, aber seiner Cigenhell und seinen Liebhabereien völlig und blind ergeben. Er ließ die Schule Schule fein und formte aus dem angenehmen, beglückend weichen und bildsamen Wachs seine Spielwelt um sich her, wie ein anderer Knabe Schlachten schlägt ober Weltbeglückerträume hat. Unberührt durch Mißerfolg, unbeirrt durch den Gegensatz, in den er durch seine Neigungen zur Umwelt kam, lief er nachtwandlerisch seinen Weg. Mag dieser Weg eine Spielerei, eine Schwäche, eine Absonderlichkeit gewesen sein — .er ging ihn, er ging ihn mit rührender Unbekümmertheit um die Meinung der Welt, um die Vorwürfe der Lehrer, um den Spott der Kameraden, um die Klagen der Eltern. Auch zu schreiben fing er früh an, aber seine Schreiberei war voll orthographischer und grammatischer Fehler, auch sie erwarb ihm nur Mißachtung. Die Lehrer gaben ihn auf, die Eltern entschlossen sich seufzend, den Buben aufs Land in ein Pfarrhaus zu schicken. Dort lernte der junge Geßner einen Dichter kennen, der ihm tiefen Eindruck machte. Man besah und las in jenem Pfarrhaus die Schriften des Hamburgers Barthold Heinrich Brockes, vor allem fein Gedichtbuch „Irdisches Vergnügen in Gott". Dieser Dichter Brockes ist, ebenso wie Geßner selbst, nachdem er der Liebling einer Zeit gewesen war, vergessen, verachtet und bespöttelt worden, aber neuestens, erst in den letzten zwei, drei Jahren, taucht er wieder empor, wird wieder neu gedruckt, erregt wieder Liebe und Bewunderung. Gewaltig war der moralische Einfluß, die Bestärkung und innere Bestätigung, welche Geßner durch Brockes finden mußte. Er sah hier aus einem bis zur höchsten Andacht gesteigerten Spieltrieb eine Kunst entstanden, die ihn nicht nur hinriß und beglückte, sondern die auch von der Welt anerkannt und gefeiert wurde. Kein äußeres Erlebnis ist für den jugendlichen Künstler wichtiger, keines stärkender und anspornender, als wenn er Keime, die in ihm selber treiben, bei einem Zeitgenossen zur Blüte entwickelt sieht, als wenn er das, was er selbst noch kindlich und nur zum eigensten, einsamen Gefühlsbedürfnis treibt, von einem andern zur Kunst gesteigert steht. Dies Erlebnis fand Geßner durch die Bekanntschaft mit Brockes' Büchern. Nach zwei Jahren kam der junge Mann in die Stadt und ins väterliche Haus zurück, aber er war nicht viel weiter gekommen in dem, was die Welt von ihm erwartete. Es fehlte ihm der Fleiß, es fehlte ihm die Freude an Kenntnissen, es fehlte ihm der Ehrgeiz. Um ihm einen Stoß ins Leben zu geben, schickte ihn der Vater als Lehrling in eine berühmte Buchhandlung nach Berlin — dies war die einzige große Reise in Geßners Leben. Sehr bald aber lief Salomon seinem Lehrherrn davon und führte sein Berliner Leben auf eigene Faust. Er hauste in einem Mietszimmer und trieb, wozu er Lust hatte. Und als nun der Vater vom fernen Zürich aus am einzigen Faden zog, an dem er den Sohn noch hangen hatte, und ihm kein Geld mehr schickte, da tat der Sohn den entscheidenden Schritt und beschloß, aus seinen Neigungen seinen Beruf zu machen und es zu probieren, sich mit feinen Talenten durch die Welt zu bringen. Er verschaffte sich Oelfarben und malte eine Weile darauf los, bis er feine Stube voll hängen hatte. Diese Bilder zeigte er nun einem befreundeten Maler. Der wies ihm eine Menge von Fehlern und Anfängerirrtümern nach, fand aber feine Begabung bedeutend und machte ihm Mut. Der Vater, sichtlich ein gutmütiger Mann, hielt es in der in sich begnügtes, in sich ausschwin- a[[gemein beliebt und betrauert. uns darum bemühen mögen, niemals Jahren starb Geßner, im März 1788, * Innere Dramatik. Ein Beitrag zur Entwicklung der neuen Bühne. Von Manfred K y b e r. Für jeden, der das Theater von heute aufmerksam verfolgt, ist es fraglos, daß irgendwie eine Renaissance der Bühnenkunst angestrebt wird, wenn auch vorerst kaum mehr als ein Wille, sicher noch kein Weg deutlich zu erkennen ist. Die szenischen Neuerungen, die nach Ueberwindung der allzureichlichen Ausstattungsmittel, sich auf Beschränkung und Einfachheit eingestellt haben, sind am deutlichsten als neue Bahn zu überschauen. Diese Vereinfachung, die lediglich darauf ausgeht, das Wesentliche zu betonen, beutet aber schon den Weg an, der vor allem vorgezeichnet ist: die Wiedererneuerung des Wortes, das allzulange Stiefkind einer naturalistischen Bühne war. Man begreift wieder, daß das Wort Träger der Dichtung ist, nicht der nur begriffliche Sinn einer analytischen Denkweise, eines nur logisch aufgebauten Handlungsprv- blems. Das Wort als Klangwert, wie es im griechischen Drama, in der Wertung der Klassiker, vor allem Goethes als Bühnenleiters von Weimar, gelebt hat, tritt wieder in feine verdrängten Rechte. Damit fällt die Aeuherlichkeit der Szene, die eine realistische Richtung großgezogen hatte, immer mehr zusammen und nur das, was das $8ort, feine Stimmung, feinen rein dichterischen Wert zu stützen vermag, bleibt bestehen. Wir brauchen keine vielseitige Ablenkung auf der Bühne, sondern Konzentration, und zwar auf den Kernpunkt der Dichtung und damit nur das Wesentlichste der Szene. Die Verarmung vieler Theater, die aus pekuniären Gründen die Szene vereinfachen, ist nichts weiter als sekundäres Moment — es geht auf anderes, im künstlerischen Werden Begründetes aus, wenn die Szene essentiell in wenigen Formen die frühere Vielheit einer Uebergangszeit zusammenzieht. Zur Beschränkung der Formen tritt Farbenvielheit und reiche Möglichkeit in der Beleuchtung — was wieder einem Zeitbedürfnis, dem Ausdruck des Ueberfinnlichen, Rechnung zu tragen fähig ist. Nicht um die belanglose Modemystik handelt es sich hier, sondern um tiefere geistige Werte, die unsere Zeit verlangt und immer mehr verlangen wird, je mehr eine einseitig analytische Verstandeskunst im Verblassen begriffen »st. Menschheit und Schicksal sind wieder Probleme, die eine neue Kunst in neuer Wortwertung und deren Ausdrucksmitteln suchen und finden wird. Damit aber ist bereits weiter ein Schritt in der Richtung der Entwicklung einer neuen Bühne gegeben. So sehr die Sprechkunst im alten Sinne vom Darsteller wieder verlangt werden wird, so sehr wird man von der künftigen Bühnendichtung mehr innere Dramattk als äußere verlangen. Wir erleben gewiß keine Erneuerung der griechischen Tragödie und sollen es unserem Zeitgeist nach auch gar nicht, aber wir knüpfen an Hellas wieder an und bauen auf dieser Brücke und aus alten Werten neu aus unserer Zeit geprägte Formen des Zeitlosen. Nicht fabt Gefeiert. Ms Dichter geliebt und berühmt, konnte er doch vom Ertrag seiner Schriften nicht leben, und erwarb sich sein Brot als Maler. Im Malen und Dichten, in einem genügsamen Landleben mit einigen Freunoen, und in inniger Freundschaft mit allen Kindern fernes Streifes fanb er fein €icientlid)C5 üeben. Solche (Senügfnmteit unb ibyHifche Levensenge erscheint heute eher als Schwäche und Beguemlichkeit, diese Einschätzungen indessen find — wie schon gesagt — sehr vergänglich, und man mag Geßner sich mit nicht weniger Grund als einen wirklich Weisen vorstellen, welcher in golbner Mitte zwischen Reich unb Arm, zwischen Weltzugehörigkeit unb Weltflucht ein ,iA genbes Leben spann. Im Alter von achtundfünfzig Wir fühlen uns, so sehr wir uns darum bemühen mögen, niemals völlio in die Seelenlage einer anderen Zeit zurück. Und zu Geßners Zeit war "in den „gebildeten Ständen" die Seelenlage eine solche, bas Geßners Dielungen bei jenen Menschen auf ein tiefes Bedürfnis, auf eine lebendige Sehnsucht trafen, daß sie etwas aussprachen, was Tausende fühlten. So gehört seine Dichtung zu den wertvollen Geschenken, welche Deutschland von der Schweiz im Geistigen empfangen bat. Es waren Gefühle unb Schwärmereien seiner Zett, ber Zeit um 1750, bic in Geßners Prosagebichten bie Zeitgenossen bezauberten. Unb bas Gewanb, bie Dekoration, bie märchenhaft-opernhafte Bühne, Die musikalische Zeitlosigkeit, in ber biefe Dichtungen atmen, scheint mir überaus nahe verwandt mit ber Welt ber wirklichen Oper. Die Oper des achtzehnten Jahrhunderts, so scheint mir, atmet dieselbe Stimmung ww Geßner, sie schwebt in derselben Zeitlosigkeit, sie spielt mit derselben halbwehmütigen Tändelei alle Teilnahme vom wirklichen Leben hinüber in eine Phantasiewelt von feenhaft unirdischer Art. Unb was in ber Dichtung untergegangen ist unb uns Späteren fremd unb veraltet erscheint bas hat in der Musik Dauer unb Geltung behalten, benn ist nicht die letzte, höchste, edelste, wahrhaft zeitlose Aeußerung jener ganzen Seelenlage, des ganzen Bedürfnisses nach Verklärung des Alltags, nach Flucht aus ber Zeit, nach fpielenber Vereinfachung unb Sbealifierung jenes Werk, bas uns aus biefem achtzehnten Jahrhunbert her Jo unbegreiflich jung unb unverwelklich anschaut: Mozarts „Zauberflöte"? Hypnose und Verbrechen. Von Dr. weck. Curt Thoina11a. Bei unendlich vielen Gerichtsverhandlungen pflegt der „große u bekannte" eine geheimnisvolle Rolle zu spielen. Irgendein ng Anstifter ober Mitwisser von Verbrechen, bessen Namen, oft auch ,{1, Aussehen ber angeblich unschuldig Angeklagte nicht weiß, I hafte Unfaßbare, ber angeblich an allem schuld sein soll. L,« lieft und hort man oft davon, daß statt dieses „großen U> bie Hynose entsprechend verdächtigt wird. Es sei ja auch ganz tenb für den Laien, daß eine verbrecherische Ausnutzung de r ,,c denkbar ist. Man weiß, daß ein Hypnotiseur fein „Medium , völligen Erinnerungslosigkeit einschläfern und ihm im 1 | Rolle des strafenden Gottes nicht lange aus und fchickte wieder Wechsel, und nun ging Geßner in Berlin entschieden auf die Pflege und Aus- bilduna feiner Begabungen los, als Maler unb als Dichter. Ein Ausflug nach Hamburg, unb balb barauf bie Nückkehr nach Zürich waren Die letjten Reifen dieses genügsamen Lebens. Von ferner Heimkehr (im Jahre 1750) bis zu seinem Tode (1788) hat er seine Helmatgegend nicht me Madi^nehre'ren erfolglos gebliebenen Publikationen fand er mit seinen Ibrillen" (zuerst erschienen 1756) eine begeisterte Ausnahme, und ge- börts nun dem Sternhimmel der damaligen deutschen.Dichtung an, wurde übrigens rasch auch ins Französische überseht und in Frankreich blindes Schicksal ist es, das wir heute wieder voll aufnehmen wollen, sondern ein anderer, verfeinerter Schicksalsbegriff, einer, dem die nordischen Schriftsteller zuerst Bahn geschaffen habun, der sogar >n solchen Analytikern wie Ibsen und Björnson anklingt, ber sich in der sozialen Tendenzdichtung der großen Russen regt. Die Kulturkatastrophc der letz, ten Jahre und die heutige Zeit verlangen mehr als eine rem oerftanbej. gemäße Erklärung, sie fordern wieder einen Schichalsbegnsf, ber freu [ich nicht nur mythisch Unbeugsames in sich schließt, sonbern neben btefem Biegbares unb Wählbares, Wege unb Kreuzwege des fchaffenben unb im Schicksal ftefjenben Menschen sieht. Aber bie reine Analytik, bie hyper- psychologische Struktur des Geschehens aus bem Menschen allein heraus ist nicht mehr genügenb. Wir glauben solche Konstruktionen nicht mehr, bie eine materialistische Uebertreibung bes Shakespeareschen Dramas be- beuten, bie Karikatur eines Gemälbes, bas heute noch Geltung hat. Wir kehren uns gewiß nicht von Shakespeares Stanbpunkt ab, Kampfe und Leidenschaften ber Menschen als Ursache unb Folge, als Entwicklung unb Spannung auf bie Bühne zu bringen. Fraglich aber ist es sicherlich, ob wir biefe Momente "nach wie vor in erste Linie stellen werden. Viel zu stark ist heute wieder ein Schickfalsempfinden wachgeworden, als daß bas möglich wäre. So nähern wir uns, woraus Einfachheit ber Szene unb zunehmenbe Wortkuttur immer mehr Hinweisen, einem Vorwiegen ber inneren Dramatik vor ber äußeren. Wir werden nicht mehr so einseitig wie bisher, bie bramatische Spannung unb äußere Handlung tm Shakespeareschen Sinne als Maßstab der dramatischen Dichtung betrachten, sondern das innere Geschehen bem äußeren zum mindesten gleichwertig empfinden lernen. . „ .. Schulbeispiel für solche innere Dramatik ist Goethes „Iphigenie , die denkbar arm an äußerer Handlung, überreich an innerer Dramatik, an seelischer Hochspannung ist, die innerlich weit mehr tn Atem zu bauen 1 vermag als es jede noch [o jagende äußere Handlung vermochte, i iomatito für solches Werden ist auch das Auftauchen der alten griechischen Tragödie — des Sophokles oder Aischylos — auf unseren Buhnen, sind auch die Mysterien und Märchenspiele, die meist auf Sonderbuhnen zur Darstellung gelangen. Auch hier herrscht innere Drainatt vor, muß fie vorherrschen, weil im Uebersinnlichen, Zeitlosen das äußerlich Dramatische fehlt, der Schwerpunkt allen Geschehens ins Innere verlegt ist, in ein Geistiges im Menschen, das fern vom niederen Verstände und vom | Triebleben nur im Wiederklang des Wortes wachwerden kann. Nie kann | ein wirkliches Märchen dramatisch fein im äußeren Sinne, weil alles I tiefste unb eigentlichste Geschehen bes Märchens innerlich ist. Aeuhere Handlung ist hier nur Nebenwerk und wird in ledern Märchen mit we- nigen Worten abgetan. Aehnlich ist bie geistige Einstellung ber Mysterien wo das Wunder in sich selbst, bas ^ülofe über aUem * ffieldheben bas Eigenliche ist unb immer fein wirb. Jedes -proviem, aus bem niederen Gefühlsleben herausgehoben, verliert den Zeitcharakier unb bmnit bie äußere Spannung. Jrn gleichen Maße gewinnt cs an innerer Dramatik, an Hochspannung instch unb 'hm »u leben, i oa »tHintrptpn vermaa durch das Wunder des Wortes, I rounber zu stützen ist, besonbers im Märchenfpiel unb in Mysterien, die | musikalische Unterlegung bes Wortes berufen, bie freilich nicht mit dem j alten Melodram? verwechselt werden darf, sondern mttgroßtcr tuns -, I rischer Diskretion mehr zu umranken als zu unterstreichen hat.Cs ft I lediglich Gewöhnung, nur äußere Dramatik spannend 3" finden. Re, | künstlerisch genommen, ist es bie innere weit mehr. Gerhart Häuft I manns „Florian Geyer" ist überreich, allzureich an Szenen bewegte» | Volkslebens, an Handlung und Lautheit. Die einzige braniatifaje M Spannung aber in dieser Dichtung ist ber Augenblick (nn vierten Mi), bPem Florian Geyer beim Anhören bes alten, nun 3ur Sage geworden s ©enerliebes, in sich zufammenbricht. „Die versunkene Glocke ist nur d Märchen, wo sie ganz unbraniatisch bie Elsen im Wortzauber lebenJ merben läßt (im ersten Akt) ober wo sie (im fünften Akt) durch M I tenbelein bas eigentliche Schicksal, bas in btefer Dichtung über das 3 lidje hinaus schwingt, im Selbstgespräch schönster Steife ®“*“etJen SS ! Sitte äußere Handlung ist hier bem Theater im schlechten Sinne y als der Dichtung. Es ist sicher nicht belanglos, daß Shakespeares ,,Ma bett," heute weit stärker wirken muß als beispielsweise dw Komg bramen. Im Fieber unserer Zeit leben bie sozialen, bie psychologisch" Gesellschaftsbramen weniger lange als früher, sie merben uberh t im bunten Narrentanz einer überhitzten unb fteuerlofen Epoche 'st nW | liche Sehnsucht nach Zeitlosem tief begrunbet. Hier, im Verstehen innerer Dramatik, muß eine Buhnenresorm em setzen, hier müssen die Wege gesucht werden, bie eine kommende Kult wende auch in der dramatischen Kunst gehen wird. Es fehltgewiß mH _ wie ich schon hinwies, an Symptomen solchen Suchens und Fm«" über das unsicher auf ber Schwelle zwischen zwei ttßelten f^vanM brainattsche Kunstleben ber Gegenwart hinaus. Je eher es erkannt w als Forberung im Dichterischen bes Wortes unb tm Geistigen 3 lofen, um so eher werden wir, vielleicht als erste, einen neuen Sßefl Renaissance des Theaters zu weifen imstande fein. Erne reiche und °° bare Aufgabe für Dichter, Bühnenleiter und Darsteller - auf Jjeu . I fußend, aber neu gestaltet, zu erfassen, was innere Dramatik ijt. stiv Befehle einhämmern kann, die nachher auch bei wachem Bewußtsein automatisch, ohne Kritik und Ueberlegung ausgefiihrt werden. Warum sollte es also nicht möglich sein, daß ein Hypnotiseur sein „Medium" veranlaßt, einen Diebstahl, einen Mord öder sonst irgendein Verbrechen auszuführen, ohne dieses Opfer des verbrecherischen Hypnotiseurs wirklich dafür verantwortlich gemacht werden könnte?. Es soll gar nicht geleugnet werden, daß nicht nur theoretisch derartige Zusammenhänge denkbar sind, sondern auch in der Praxis in ganz vereinzelten Fällen wohl möglich sein können. Menschen, die übermäßig schnell und leicht beeinflußbar der Suggestion und Hypnose spielend unterliegen, sind immerhin gefährdet, vor ■ allem im Sinne einer gefahrvollen Preisgabe ihrer eigenen Person an einen fremden Willen. Sie können sich dieser Gefahr entziehen, indem sie durch einen verantwortungsbewußten Arzt sich in tiefer Hypnose die Suggestion geben lassen, daß sie gegen ihren Willen sich von keiner anderen Person hypnotisieren lassen werden. Derartige „hypnotische Impfungen" werden gelegentlich schon vorbeugend ausgeführt. Gegen die unfreiwillige Ausnützung für verbrecherische Zwecke ist der normale und gesunde Mensch dadurch im allgemeinen schon geschützt, daß er ohne innerlich tätige Mitarbeit, ohne den ausgesprochen und fest verankerten Willen, sich hypnotisieren zu lassen, gar nicht hypnotisiert werden kann. Damit ist schon die hauptsächliche Quells verbrecherischer Ausnützung hypnotisierter Personen verstopft. Wohl aber könnte die Gefahr fortbestehen, wenn die hypnotische Versuchsperson im guten Glauben an die Ehrlichkeit und Anständigkeit des Hypnotiseurs sich zum Zwecke ärztlicher Behandlung oder, was leider immer noch häufig genug geschieht, zu spielerischen Unterhaltungszwccken hypnotisieren läßt. Dann könnte ein Hypnotiseur, der durch sein Medium ein Verbrechen ausüben lassen will, Mittel und Wege hierzu finden. Aber da setzt wieder eine gewisse gesunde und normale Abwehr bei jedem vernünftig denkenden Menschen ein. Denn es kann in keinen Menschen etwas hineinhypnotisiert werden, was nicht irgendwie in ihm bereits in der Anlage vorhanden mar. Zum Beispiel wird kein Schwächling in der Hypnose zum Athleten. Kein Mensch wird plötzlich in der Hypnose französisch oder englisch sprechen können, wenn er es im wachen Leben nicht versteht. Keinem Menschen kann schließlich in der Hypnose die Ausübung eines Verbrechens suggeriert werden, wenn nicht bereits verbrecherische Anlagen und der Wunsch zum Ausleben unsozialer Instinkte in ihm lagern. Wie weit die Hemmungen und Widerstände gegen derartige, dem innersten Wesen und dem niemals ganz zu unterdrückenden gesunden Urteil und Verstand, den Gewohnheiten und Anschauungen widerstrebende fremde Beeinflussungen eines Menschen gehen, erhellt aus folgenden Beispielen, die in der wissenschaftlichen Literatur bekannt sind: Bekanntlich kann man bei Hypnotisierten völlige Aenderung des Geschmacks erzielen, so zum Beispiel eine rohe Kartoffel mit bestem Appetit als einen saftigen Apfel essen lassen. Bei einem derartigen Experiment versuchte ein Arzt, einen hypnotisierten Herrn ein Glas Wasser als angeblichen Wein trinken zu lassen. Nach starkem Widerstreben wachte der Hypnotisierte plötzlich mit allen Zeichen des Widerwillens aus der Hypnose auf. Dieser unerklärliche Vorgang fand schnell Sine Aufklärung, da der Hypnotisierte fanatischer Antialkoholiker war. lso hatte das tiefhaftende Widerstreben gegen den Alkohol selbst die Gewalt der Hypnose und der Suggestion durchbrochen. Aehnliche Fälle sind auch in dem berühmten Hypnosefilm authentisch festgelegt, der von erfahrenen Fachärzten unter Kontrolle wissenschaftlicher Autoritäten aufgenommen wurde. Dort verweigerte z. B. trotz tiefer Hypnose ein sehr selbstbewußter Patient, derselbe, der anstandslos das dem „Onkel" mit dem „Rosenstrauß" gratulierende Mädchen spielte, auf allen Bieren zu kriechen und einen Hund zu spielen, weil ihn diese Zumutung in seiner Ehre kränkte. Eine junge Dame widerstand dem posthypnotischen Befehl, sich einem ihr unbekannten jungen Herrn aus den Schoß zu setzen mit allen Zeichen inneren Zwiespaltes zwischen ihrer Erziehung und Schamhaftigkeit und der suggestiven Gewalt des in der Hypnose gegebenen Befehls. Ist also schon in den gesunden und normalen Hemmungen des Durchschnittsmenschen Vorkehrung genug enthalten, um der hypnotischen Einflüsterung von Verbrechen zu widerstehen, so fällt vor allem auch die in der Laienwelt oft vorherrschende Anschauung fort, als ob der Hypnoti- girte niemals Kenntnis von dem geben könne, was ihm in erinnerungs- fer tiefer Hypnose suggeriert worden ist. In Wirklichkeit können die Erlebnisse einer Hypnose ebenso wie jedes anderen unterbewußten Dämmerzustandes in einer erneuten Hypnose wieder ans Tageslicht gebracht werden, auch wenn der Hypnotisierte nach dem Erwachen keine Ahnung mehr davon hat. Auch hierfür gibt es ein berühmt gewordenes Beispiel aus der wisfenschafllichen Fachliteratur. Ein Rechtsanwalt war eines Tages aus seiner Stadt verschwunden und wurde nach drei Wochen an der Peripherie des Reiches völlig verwahrlost aufgegriffen. Er hatte sich all die Wochen über in einem Dämmerzustände befunden und hatte keine Spur von Erinnerung an diese Zeit eines Lebens. In tiefer Hypnose gab er aber auf Tag, Stunde und fast Minute genau jedes Erlebnis dieser seiner Pagabundenzeit an, alles war durch die Behörden nachprüfbar, und auch sein im Dämmerzustand gestohlenes Eigentum konnte ihm auf Grund seiner in der Hypnose gemachten Aussagen wieder beschafft werden. Nach dem Erwachen aus der Hypnose wußte er nach wie vor nichts. So wie in diesem Fall ein krankhafter Dämmerzustand mit all seinen Einzelheiten und Feinheiten in der Hypnose aufgedeckt und klargelegt werden konnte, so besteht auch die Möglichkeit der Erweckung unterbewußter Erinnerungen nach jeder Hypnose. Mithin ist der verbrecherische Hypnotiseur keineswegs dagegen gesichert, das seine verbrecherischen Suggestionen eines Tages aufgedeckt und aufgeklärt werden. Ein ganz anderes Kapitel ist natürlich die Ausnutzung hypnotisierter Personen selbst. Da hat man manchmal von Sittlichkeitsdelikten gehört. Hiergegen wird sich in den seltensten Fällen vorbeugend etwas unternehmen lassen, vor allem, wenn bei den hypnotisierten weiblichen Personen eine gewisse unterbewußte Zuneigung zu J dem Hypnotiseur besteht, so daß nicht etwa ein wachwerdender Widers wille während der Hypnose die notwendige Hemmung gegen VergewaÄ- gung und Mißbrauch sich aufbäumen läßt. Gerade diese und viele ähnliche Möglichkeiten verbrecherischer Ausnutzung des Eingeschläferten in der Hypnose sollte jedermann warnen, sich mit seiner ganzen Person zur Hypnose jemand anders anzuvertrauen als einem verantwortungsbewußten Arzt, dessen Standesehre, dessen ganze soziale Existenz auf dem Spiele stünde, wenn er auch nur in einer Kleinigkeit vom Wege des Erlaubten abwiche. Denn das gerade den Nervenkranken so unendlich heilbringende, oft fast wundertätig anmutende Heilmittel der Hypnose befindet sich leider noch vielfach in Händen von verantwortungslosen Pfuschern, denen nicht nur die notwendige Vorbildung fehlt, so daß sie unter Umständen ihre Patienten in schwere Gefahr, in rettungslose Zerrüttung bringen, sondern es gibt geradezu bewußte Hochstapler und Schwindler nur zu reichlich in diesen Kreisen, die auf dem geheimnisvoll Unheimlichen aller dieser Prozedur fußend, nur zu gern die Hilfe- und Ratsuchenden zu Ausbeutungsobjekten machen. Vor allem sei aber auch vor der spielerischen Benutzung der Hypnose zu Unterhaltungs- und Vergnügungszwecken eindringlich gewarnt. Auch hier besteht die Gefahr schwerer nervöser Störungen, auch hier bietet sich die Möglichkeit, daß verbrecherische Naturen die erste Fühlung nehmen mit leicht beeinflußbaren Personen, die dann leicht in ihre Gewalt gelangen, so daß sie sich rettungslos, oft auf dem beliebten Weg über scheinbare Verlobungen, Heiratsschwindel und dergleichen betören, ausnutzen oder ausplündern lassen müssen. Die Aktenkammer. Erzählung aus den Revolutionskriegen von H. Müller-Schlösser. (Fortsetzung.) „Wo will Er denn hin?" rief Finnickel. „Hier geht's doch zu der Bürgermeisterwohnung." Und dabei zeigte.er auf die kleine Tür im Holzgetäfel. Zabel schlug sich aus die Stirn. „Richtig! Da geht's ja zum Schreinermeister!" Er ging durch die kleine Tür hinaus. Jungblut meinte: „Unterdessen können wir ja schon, wo wir den Willen des Bürgermeisters kennen, beraten, wie wir seinen Willen am besten ausführen." — „So weit sind wir noch nicht, lieber Meister Jungblut!" wehrte Finnickel freundlich ab. „Zuvor will ich doch noch ein Wörtlein mit ihm reden." — „Was heißt sein Wille?" fragte Ballig patzig. „Unser Wille wird ausgeführt, und unser Wille ist —" „Paktieren, zum Teufel, ja, paktieren! Welcher Schuster hat dies schäbige Wort geflickt?" — „Es ist so schäbig nicht!" Jungblut kam in Hitze. „Für Euresgleichen freilich nicht! Euch paßt es vortrefflich in den Kram." — „Herr Jungblut!" entgegenete Finnickel böse. „Was sind das für Reden?" — „Freilich, die klingen Euch nicht lieblich in den Ohren!" Ballig stemmte beide Fäuste auf den Tisch. „Ich muß sagen, der Herr Jungblut hat eine Manier —" die Wahrheit zu sagen, die Euch Herren gar nicht wohl bekommt, ha, ha! Und die Wahrheit ist, daß Ihr Herren vorerst an Sero wertgeschätzten Leichnam und an Dero Beutel denkt." Finnickel rief im Zorn: „Herr Jungblut, das sind Beleidigungen, deret- wegen wir uns anderen Orts auseinandersetzen wollen!" — „Soll mir ein besonder Pläsier sein!" — „Unerhört! Unerhört!" keuchte Ballig, heiser vor Zorn. Er schwieg aber still und schaute mit den anderen verwundert auf Sabine, die Zabel mit kavaliermäßiger Höflichkeit eintreten ließ. Alle standen galant auf. Sabine machte einen Knix. „Einen guten Morgen den Herren Stadträten!" sagte sie ein wenig schüchtern, aber ruhig. Finnickel stelzte ihr entgegen und küßte ihr mit komisch wirkender Galanterie die Hand. „Ergebenster Diener, Jungfer Sabine! Ei, was verschafft uns die Ehre?" „Sie schickten zu meinem Vater —" „Gewiß, Jungfer Sabine", antwortete er süßfreundlich. — „Sie wollten mit ihm sprechen —" „Gewiß, Jungfer Sabine." — „Leider ist mein Vater —* Hier stockte sie etwas und warf dem Sekretär einen raschen Blick zu, den Finnickel bemerkte. „— ist mein Vater sehr krank." Finnickel räusperte sich. „So sagt der Sekretär!" „Cs ist leider so, Herr Finnickel." „Was fehlt dem Herrn Vater denn, Jungfer?" fragte Jungblut. — „Er hat, scheini's em Fieder. Er hat schon zum Doktor geschickt." — „Man soll ihn zur Ader lassen," schlug Ballig vor, „oder ihm ein Senfpflaster in den Nacken legen." Sabine machte ihm einen Knix. „Schönen Dank, Herr Völlig." „Kann ich nicht," meinte Finnickel, „kann ich nicht mit Sero Vater für ein Momentchen sprechen? Ich versichere Ihr, Semoiselle, daß es sich um die allerwichtigste Angelegenheit handelt!" — „Mein Vater ist sehr unglücklich, nicht mit Ihnen sprechen zu können. Soch läßt er Ihnen sagen, daß er mit dem Herrn Sekretär alles auf das gründlichste besprachen hätte, und die Herren möchten darum in seinem Sinne mit dem Herrn Sekretär verhandeln." Der Sekretär nickte ihr dankbar zu. Finnickel bemerkte das; er trommelte wieder mit den Fingern, „fjm in seinem Sinne — hm — und das wäre?" — „Mit den Franzosen zu paktieren?" fragte Völlig. „Nein, nein", erwiderte Sabine schnell. — „Sen Franzosen die Tür vor der Nase zuzumachen und die Stadt zu halten?" fragte Jungblut. — „Ja, ja, bas sagte mein Vater!" — „Ein wackerer Mann, der Herr Vater! Ein braver Mann! Sie Jungfer mag ihn auf herzlichste vom Meister Jungblut grüßen, hört Sie!" Sabine machte einen Knix. „Schönen Dank, Herr Jungblut. — Dann darf ich wohl mit der Herren Erlaubnis wieder gehen." Die Stadträte standen auf und verbeugten sich. Finnickel küßte ihr die Hand. „Ich bitte gleichfalls, mich Sero Vater zu empfehlen." — „Einen guten Morgen den Herren Stadträten!" Sie knixte, nickte schnell mit einem Höben Blick dem Sekretär zu, der diesen Blick erwiderte, und ging durch die kleine Tür hinaus. Während die anderen sich wieder setzten, taute Finnickel an den Lippen und beobachtete stirnrunzelnd den Sekretär, der traumverloren nach der Tür starrte, durch Die Sabine gegangen war. „Eine durchaus anmutige und liebenswürdige Jungfer!" sagte Finnickel lauernd. — „Auf Ehrs, das ist sie — ach, Gott!" etar ging schnell durch die seufzte Jabel, „mir wird Verantwortlich: Dr. Hans Thhrrot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. '°r gabel riß Augen und Mund auf, als er die Umarmung und den Kuß sah. — „Zabel, Er muß die Franzosen an der Türe in Empfang nehmen. Bekomplimentier' Er sie ein bißchen." Der Sekretär ging schnell durch die kleine Tür hinaus. — „Oh, lieber Heiland!" seufzte Jabel, „mir wird Siegener Land steht Erzherzog Karl mit den Reichsdeutschen. Da muß Er hin. Und wenn Er das erste Pferd zuschanden reitet, nehm' Er's zweite. Flipp, Er muß hin! Dem ersten besten Offizier gibt Er diesen Brief —" Er setzte sich und schrieb eilig einen Brief. — „Und wenn ich ihn nit find', den Erzherzog?" — „So frag' dich durch, Lümmel! Du bist doch sonst mit deinem Schnabel bei der Hand." — „Ich sag' Ihnen, Vatter, die Sansculotten werden mich beim Wickel kriegen, und dann habt Ihr einen Flipp gehabt. Dann seht Ihr ihn erst bei der Auferstehung alles Fleisches wieder!" — „Dat ist noch früh genug!" Der Sekretär siegelte den Brief. „Da, Flipp. Verwahr' ihn gut, auf der Brust, im Strumpf oder wo, und eh' man ihn dir entreißt, friß ihn lieber." — „Freß' ich ihn lieber," willigte Flipp mit weinerlicher Stimme ein, „freß' ich ihn lieber mitsamt dem Siegel." — „Und schweig' Er still gegen jedermann!" — „Führ' nit dein los Maulwerk spazieren, Jung!" Der Sekretär drückte ihm die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. „Flipp, guter Junge, geh' Er mit Gott! Die Bürgerschaft wird dir's danken bis an dein Ende!" Sabine trat rasch durch die kleine Tür herein. „Liebster, ist's glücklich abgelaufen? — Schau; der Flipp! Was für ein bekümmert Gesicht?" — „Ich muß auf Kundschaft, Jungfer", antwortete Flipp seufzend. — „Auf Kundschaft, wie?" — „Er soll uns Hilfe holen für die Stadt." — „Dat erstemal, dat er wat Vernünftiges tut." Sabine gab Flipp die Hand und sagte herzlich: „Das ist brav von Ihm! Er ist ein ganzer Mann!" — „Ja", antwortete Flipp traurig. — „Glück auf den Weg, Flipp! — „Jungfer, grüß' Sie mir die Bärb! Ade!" — „Marsch!" rief Zabel weich werdend und zog ihn mit durch die Haupttür hinaus. ©abine umarmte den Sekretär. „Liebster, diesen Kuß zuvor. Ein Labsal gegen Sorgen." — „Wahrhaftig! Reich' mir öfter das Labsal. Ich fürchte, daß ich's nötig habe." „Ich sah die Herren im hellen Disput aus dem Rathause gehen. Wie steht's um unsere Sache?" — „Ich habe Hoffnung, daß der Streich gelingt." — „Hoffnung, Liebster, ist die Mutter des Trostes, sagt man, Sei getrost mein Tapferer!" Der Sekretär drückte sie an sich. „Dein Vater hat soeben bös geklopft!" „Ich hab's gehört und bin sogleich hinaufgelaufen und hab' ihm Wein gebracht und was Gutes zu effcn. Der Aerrnste hatte, glaub' ich, i)unger." „Du hast di« Tür geöffnet?" fragte der Sekretär erschrocken. „Wie kann ich das? Ich hab's ihm durch das Luftloch gereicht." Zabel kam hastig und erregt zurück. „Die Parlamentäre, Herr «etretarl Sie kommen die Straß' herauf, drei Offizier' und etliche Sansculotten und viel müßig Volk hinterher." „Dann schnell!" rief der Sekretär und kam in Aufregung. „Jetzt gilt -, den Bürgermeister spielen. Leb' wohl, Sabine! Ich muß mich herausstaf- fieren für die Komödie. Geh' und laß' etliche Flaschen Wein bringen für die Franzosen. Die spucken nicht ins Glas. Leb' wohl!" Er umarmte und küßte sie schnell. — „Mut, mein liebster Bürgermeister!" sagte sie und eilte ganz schwach im Magen!" . Bärb kam mit einigen Flaschen Wein. — „Hierher den Wein! Der kömmt mir grab’ zu paß." Zabel schenkte sich ein Glas ein und trank e- aus. — „Herr Zabel, der Wein ist für die Sankt Lotten!" — „Mir tut er auch ganz gut", erwiderte Zadel und verließ das Zimmer durch die große Tür. . , Während Bärb die Flafchen auf den Tisch stellte, öffnete sich langsam die kleine Tür und Flipp steckte den Kopf hersin. „Bärb!" Sie drehte sich um. „Flipp?" „Ich bin dir nachgeschlichen, Bärb. — Er trat vorsichtig und zaghaft herein. „Was ist dir begegnet, Flipp?" — „Ach, Bärb", sagte Flipp traurig. „Deine krummen Absütz' kann ich dir heut mt gradklopsen. — „Ei, das wäre —* „Unser schönes Stelldichein fällt ins Wasser." „E>, dann ein andermal", meinte sie achselzuckend. — „Ein andermal? So. Das tätft du nit so leichtsinnig sagen, wenn du wüßtest, wohin der Flipp muß! Verabreden wir ein Stelldichein auf den jüngsten Tag!" „Du machst mir Angst, Flipp!" „Ich glaub's. Ich muß auf Kundschaft!" — „Wohin? „Mitten durch die Sankt Lotten durch geraden Wegs bis zum Erzherzog Karl, wenn ich nit unterwegs in den Himmel stolpere." — „Du rebft nit gefcheidt!" „Auf Ehre, Bärb! Hier!" Er holte den versiegelten Brief aus dem Stiefelschaft heraus. „Kennst du dat Siegel, he? Geheime Botschaft! Und ich, ich bin der geheime Botschafter!" — „Heee!" machte Bärb in heller Berwunderung. Flipp mskte stolz. — „In meinen Beinen liegt das Geschick der Stadt, jawohl! Aber du mußt es für dich behalten, wurde mir auf die Seele gebunden. Uno heut' noch muß ich auf die Lappen." „Ei, das ist schade!" — „Ja, das sagst du gut." Er breitete die Arn» aus und rief kummervoll: „Ade, Bärbchen!" Sie winkte ab. „Ach, ich weiß Rat; Du sollst mir dennoch zuvor die Absätz ms lo bringen." — „Herzensbärb!" — „Schau', am hellichten Tag kannst mi doch nit gehen. Oder glaubst du, die Sankt Lotten sind mit Blindheit ge> schlagen? Gleich der erste tät' dich erwischen!" „Dat sag' ich ja auch!" — „Und heut' abend, sagt dir doch die Vorsicht, mußt du warten, bis alles still geworden ist, bis alles la| mein', bis gegen Mitternacht." — „Freilich, Bärb, bis Mitternacht! -~ „Dann magst du keck durch die Posten schlüpfen." — „Daran hat nom keiner von uns Mannsleuten gedacht." — „Und vorher —", sagte sie un lächelte ihn spitzbübisch an. — „Vorher —," schmunzelte er und P 8 an zu kichern, „vorher — Bärb, du bist ein Engel!" Er küßte f,e- . Draußen hörte man Schritte und Stimmen. „Fort!" rief tfW „Keiner darf mich sehen." Beide liefen durch die kleine Tür hmaus. (Fortsetzung folgt.) ___. eher Sekretär mit einem glücklichen Lächeln mehr zu sich selbst. - ckel rief in scharfem, spöttischem Tone: „Herr Sekretarius, ist Er wieder bei sich?'' .. , „Verzeihung!" antwortete der Sekretär verlegen und zerstreut, „ich hörte nicht — Verzeihung!" — „Hm, machte Finnickel bloß. „Meine Herren," sagte Jungblut treuherzig, „ich bitte Sie, unseren, mit Respekt zu sagen, Katzendreck liegen zu lassen und zum Schlüsse zu kommen. Der Sekretarius soll reden." Alle blickten auf den Sekretär, der sich zusammenraffte und begann: „Ich hätte nicht den Mut, zu Ihnen zu sprechen, wenn ich es nicht un Namen des Herrn Bürgermeisters tun müßte. — Was erwarten Sie von den Sansculotten? Die Armee des Generals Jourdan besteht mehrenteils aus Menschen ohne Zucht und Ordnung, aus zügellosen Horden und Banditen, von denen Sie nicht erwarten dürfen, daß ihnen ein Pakt heilig ist.' „Aha, Herr Völlig! Ein Pakt gilt denen ein Dreck." „Wert geschätzte und gestrenge Herren Stabräte!" fuhr der Sekretär fort und wurde warm dabei. „Die Greuel der Zügellosigkeit und der Ver- herung. der Barbarei dieser Horden ist ohne Maß und Grenze, ja, über allen Glauben. Wohin die Jakobiner kominen, fallen sie in die Häuser, rauben, was sie nur finden und fortschleppen können. Nur Mühlsteine und glühend Eisen lassen sie liegen. Den Landleuten ist wahrhaftig nichts geblieben als die Augen, ihr Elend zu beweinen." Stockebrand nickte langsam und bedächtig. „Das ist de Strafe Gottes für das ewige Murren", sagte er. „Wir haben jahrelang ohn' Ursach' geklagt und nun sollen roir’s erfahren, wie man Ursach' dazu hat. Wer kein Leid hat, der macht sich eins. Wir haben aber so viel erfahren, daß das Leben für uns keinen Wert mehr hat, und darum mag ich's auch nicht mehr retten vor dem Schelmenoolk." „So legen wir die Hände in den Schoß," rief Jungblut, „und lassen uns mit Haut und Haaren fressen!" Finnickel hob die Hand. „Uebertreibung, meine Herren, Uebertreibung! Aber ich sehe schon, wir kommen so zu keinem Ende. Nicht lange mehr, und die Parlamentäre sind da. Es wird das beste fein, mit ihnen selber zu verhandeln. Und überdem wird bis Mittag der Herr Bürgermeister wieder auf den Beinen fein. Was meint Er, Herr Sekretarius?" Der Sekretär überhörte diese mit spöttischem Grinsen gestellte Frage. Dollig erhob sich ächzend vom Stuhle. „Der Vorschlag des Herrn Finnickel isk'der gangbarste Weg." „Ich finde nichts dawider", stimmte Stockebrand bei und Professor Nägele nickte: „Ja, ja, ja, ja." Jungblut warf Papier und Feder heftig auf den Tisch und sprang auf. Alle fuhren erschreckt auseinander. „He!" rief Jungblut, rot vor Zorn, „he! Macht, was Ihr wollt, ich bedank' mich!" Er schritt auf den Sekretär zu und schüttelte ihm die Hand. „Wackrer junger Mann! Wenn Er mich braucht, ich weiß nicht, wann und wie — Er kennt ja mein Haus!" Und zu den anderen sagte er barsch: „Ich empfehle mich!" Darauf ging er mit schweren Schritten hinaus. Die anderen standen auf. „Also gehen wir." Damit nahm Finnickel seinen Hut und ging. Völlig. Stockebrand und Nägele folgten ihm. . Der Sekretär begleitete sie höflich bis zur Türe, wo er ihnen eine Verbeugung machte. Zabel schloß hinter ihnen die Tür und äffte Nägele nach: ,3a, ja, ja, ja!" — Der Sekretär wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ich mein’," sagte Zabel zu ihm, „jetzt sind mir auch nit eine Schramme weiter als vorher." — „Still, Zadel! Das Spiel hat kaum begonnen. Die ersten Züge sind getan." — „Lieber Sekretarius, Er spricht um seinen Kopf. Ein verteufelt Spielchen!" Die Tür wurde aufgestoßen, und Flipp trat ein mit der großen Schnupftabaksdose. „Hier, ganz frischer Kardinal. Da, nehmen Sie eine Nase voll, Vater.” Er hielt Zabel die offene Dofe unter die Nase. „Jetzt kömmt der Lotterbunde, wo die Sitzung vorbei ist! Den Herren Stadträten hat die Prise sehr gemangelt. Wer weiß, wie’s gekommen wär', hätt ihnen der Tubak den Kopf erfrischt. Merk' dir, Jung, ein Dölkerschicksal ist öfter in einer Prise eingeschlossen." Jabel nahm eine kräftige Prise und nieste laut. _ „Marsch, Flipp! Reg' dich und tu’ wat! Im Hof liegt trocken Holz zum Spalten." Flipp wollte gehen. Halt Flipp!" rief da der Sekretär, der bis ;etzt in Gedanken gestanden hatte. „Ich habe einen besseren Auftrag für Ihn!" Er nahm Flipp an der Schulter. „Er kann im Augenblick die wichtigste Persönlichkeit in der ganzen Stadt werden. Will Er bas?" — „Was kann bas fein? Soll ich Stifter werben?" — „Küster? Schwatz’ nit!" rief Zadel. — „Mt Erlaubnis, Vater," entgegnete Flipp, „ohne Küster gibt’s keine Kmbtauf, keine Hochzeit unb kein Begräbnis, unb bas finb bie wichtigsten Dinge im Leben." ~ „Ernsthaft, Flipp!" sagte der Sekretär mit Einbringl-ichkeit. „Draußen vor ber Stg^t stehen bie Franzosen —" „Die Sankt Lotten, ja." — „Jetzt nehm' Er all seinen Witz zusammen, alle seine Fixigkeit unb Keckheit unb schleich' Er sich hinburch." Flipp machte ein bedenkliches Gesicht. - „Durch — durch die Franzosen?" — „Freilich, Dummkopf!" rief Zabel. — „Und wann — ich meine, wann soll ich das?" — „Heute noch!" Flipp kratzte sich hinterm Ohr. „Heuf noch?" — „Freilich, du Zapper- menter! Oder glaubst du, wann's dir beliebt?" — „Flipp, guter Junge," sagte der Sekretär, „augenblicklich noch! Es hängt an einem Fädchen. In deine Hand ist bas Geschick ber Stadt gelegt." — „Ober vielmehr in beine Seine!" verbesserte Zabel. Flipp schnitt ein Gesicht. „In meine Beine?" — „Lauf', Flipp, renne, als säß' die der lebendige Teufel im Nacken!" — „Gut gesagt, Herr Sekretarius! Aber bin ich nit gestern im büftern Keller in einen rostigen Nagel getreten? Morgen früh, auf Ehre, kann ich wieber laufen wie ein Wiesel." Er dachte an sein Stelldichein am Holunderstrauch. „Schnickschnack!" rief Zabel unb knuffte ihn. „Halunke, du willst dich drücken!" — „So leih' Er sich ein Pferd, Hier hat Er Geld." Der Sekretär drückte ihm ein Beutelchen in bie Hand. „Zwei Tagemärsche weit im