Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <927 Samstag, -en 16. April Hummer 30 Aus österlichem Herzen. Von Hermann Claudius. Das Wunder irrt winterlichen Baum, das unsere blinden Augen nicht sahn, müssen sie nun. da grün alle Knospen aufbrechen, staunend empfahn. Das Lied, das verhalten in jeder Vogelkehle schon lag, offenbart sich jetzt unferm tauben Ohre Tag um Tag. Und unser Herzblut, das immer doch innen in uns seinen gemessenen , , „, „ sZirkel klopfte und rann, hebt sich voll ungestümer Sehnsucht auf einmal und will hinan, hebt sich auf einmal über uns und will hinaus. Dir begegnet das Wunder in deines Körpers eigenem Haus. Deiner Seele Kelche offnen sich strahlend weit. Du stehst vor dir selber betroffen: Frühlingszeit! Und aber: Es ist ewige Weisheit, daß vor unserm Auge die Ferne in Schleiern sverschwimmt. Es ist ewige Weisheit, daß unser Ohr nur den Klang aus der Nähe svernimmt, es ist ewige Weisheit, daß unser eigen Blut aus geheimem Grund in uns aufsteigt, verborgener Mären trächtig und dnnkelkund. Denn: wo unser 2(uge blind wird, nicht mehr sieht, denn: wo unser Ohr ertaubet, der Schall entflieht, denn: wo unser Blut stumm wird, urgrundschwer--- wartet auf uns in seiner Heimlichkeit Gott der Herr. Auferstehung. Von Walther Nithack-Stahn, Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin. Ostern hat eine sinnliche und eine übersinnliche Seite. Es ist das Fest der erwachenden Erde, der sinnenfällig zum Lichte drängenden Natur, der neuen Farben, neuen Lieder, der heiß ouffteigenbcn Lebenstriebe. Und andererseits läuten die Osterglocken von etwas, das kein Auge je gesehen, kein Ohr vernommen hat. Selbst das, das die heiligen Geschichten von der Auferstehung erzählen, hat keinen Augenzeugen gehabt, ist erst nachträglich von denen geglaubt worden, denen ein geistiges Erlebnis die Zuversicht gab, daß ein Menschensohn wahrhaftig den Tod Überwunden habe. Darum scheiden sich am Dftertoge wie an keinem anderen des Jahres die Geister. Die einen halten sich allein an das sinnlich Wahrnehmbare. Hinaus in die Natur! So lautet ihre Osterbotschaft. Dort an Leib und Seele, in Luft und Sonne sich gesund baden, die Winterfchwere aus dem Ge- müte abschütteln und neue Lebenskräfte fühlen. Darauf richtet sich ihr höchstes Hoffen. Und wem dazu Zeit und Freiheit fehlt, der läßt sich wenigstens durch eine Frühlingsblüte im Zimmer ober durch das Symbol des keimenden Lebens im Osterei in Stimmung versetzen. Sicherlich hat diese Rückkehr zu der urdeutschen Oftarafeier/ wie sie die wanderfohe Jugend von heute mit besonderer Inbrunst vollzieht, ihr gutes, natürliches Recht. Aber man sollte dabet nicht verkennen, daß unsere Vorfahren in dem jährlichen Sieg der Sonne über das Winterdunkel einen göttlichen Vorgang sahen, etwas tief Geheimnisvolles, im letzten Grunde Uebersinnliches, das sie anbetend als eine Offenbarung himmlischer Mächte begrüßten, während viele heutzutage in dem Frühling nichts als einen naturgesehlichen Vorgang sehen, der sich aus physikalischen Urscchen mechanisch abrollt. Diese letzteren können eine wirkliche Osterfeier nur begehen, wenn sie halb- oder unbewußt bei der religiösen Weltanschauung Anleihen machen. Ganz anders die Gläubigen des Auferstehungstages, denen „der Frühlingsfeier freies Glück" wie alles Vergängliche nur ein Gleichnis von Tatsachen ist, die sich in einer anderen Welt abspielen. Richt, daß es sich zu Ostern um einen „Geschichtenglauben" handelte, der sich auf ein einmaliges, historisch unbeweisbares Ereignis bezöge, vielmehr ist Auferstehungsglaube ein „Richtzweifeln an dem, was man nicht stehet". Hätten jene ersten Ostergläubigen von Anfang an das Göttliche in Menschengestalt erkannt, so hätten sie keiner Zeichen und Wunder bedurft, um an seine Unsterblichkeit zu glauben. So wären die Erscheinungen des Verklärten nicht notwendig gewesen, vielleicht auch mcht erfolgt. Run aber waren sie die erschütternde, durch höheren Wicken gefügte Reaktion auf die Trostlosigkeit des Karfreitags. Don nun an galt ihnen und allen Jüngern des Osterfürsten der Wahl- sprach: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Heißt das etwa, auf Einbildungen" bauen? Aber ist nicht alles Wertvolle im Leben am Ende unsichtbar und Glaubenssache? Du glaubst an deinen Freund, an deinen Gatten, an deine Zukunft, an den Aufstieg deines Volkes, an die Rienschheit überhaupt — das alles ist subjektiv, unlernbar und unlehrbar. rem persönliches Vertrauen, gegründet auf innerliche Erlebnisse. Richt anders ist es mit dem Osterglauben. Er besagt, daß die Liebe stärker ist als der Tod, daß sie, die wir nur in persönlicher Form kennen, auch persönlich den Tod überdauert. Freilich richtet sich aller Glauben auf etwas Zukünftiges, Werdendes, noch nicht Seiendes. Jene andere Welt ist noch nicht in Erscheinung getreten oder doch nicht für jeöen Menschen, sie soll erst mehr und mehr kommen. Deshalb ist es ein törichter Einwand gegen den Osterglauben: die heutige Welt zeige noch so wenig von den Kräften der Liebe, sei durch und durch imchristlich, „das Reich der Himmel" sei eine Utopie. Selbstverständlich ist es das, wie alles Metaphysische, das in der sinnlich erfahrbaren Welt nicht unmittelbar wahrgenommen wird. Aber darum eben ist Ostern das Fest der Hoff- niing, die ins Unendliche hinausweist. Richt einer Hoffnung, die leere Luftschlösser ins Blaue hinein baut, sondern einer, die sich auf die stärksten seelischen Gründe berufen darf, die je in Menschenherzen verankert waren. Aus dieser Hoffnung auf eine Ewigkeit schöpft der Ostergläubige seine tiefste Lebenskraft. So hat es der greife Goethe ausgesprochen, der am Ende seines faustischen Lebens zu dem Anfang zuruckkehrte und sich den Ausspruch jenes Mediziners zu eigen machte: „Der ist für dieses Leben tot, der nicht an ein anderes glaubt." Oder des Künstlers aus gesprochen: „Man kann nur solange schaffen, als man religiös ist." Diese Osterhoffnung, daß unsere kurze Spanne Erdenzeit in ein ewiges Dasein eingebettet ist, bedeutet eine zweifellose Gewißheit. Es gibt keine stärkere, als die erften Ostergläubigen sie hatten, die in dieser Zuversicht ihrem Meister bis in den Tod nachfolgten. Und Luther konnte sagen, daß der Glaube eine trotzige, verwegene Zuversicht sei, so gewiß, daß einer tausendmal darum stürbe. Freilich stand schon unter den ersten Sängern jener Tomas, der nicht glauben wollte, ohne mU Augen gesehen und mit Händen betastet zu haben. Aber auch et laßt sich da hin belehren, daß echter Glaube auf das Leben Verzicht leistet, ohne an Sicherheit dadurch einzubüßen. Ich erinnere mich aus meiner Knabenzeit an einen Osterspaziergang mit einem mir an Alter und Kenntnissen weit ü6erlegenen Gelehrten, mit dem ich das Gespräch auf das Osterthema der Unsterblichkeit führte. Seinen kritischen Einwendungen, denen ich damals den- kerrsch nicht gewachsen war, hielt ich dennoch dadurch stand, daß er nur endlich zugab: der Mensch, sei er wie er sei, könne schließlich nur leben, wenn er so lebte, als ob eine E w i g k e i t vor ihm läge. So weit mag reines Rachdenken führen. Das letzte, was die Osterbotschaft von uns beansprucht, das Vertrauen, das man hat oder nicht hat, ist etwas, das einem geschenkt werden muh, so wie der Lerche ihr Srühlingslied geschenkt wird und der erwachendeii Erde die strahlende Wärme der Sonne. Gotisches Weltgericht. Eine österliche Kunstbetrachtung. Don Wilhelm B o e ck. Das apokryphe Evangelium des Rikodemus berichtet, daß Christus nach der Grablegung am Karfreitag in die Tiefen der Erde hinabstieg, um die Menschen des Alten Bundes, die seine Lehre noch nicht bet* nommen hatten, aber die Ankunft des Messias ersehnten, aus bei Vorhölle zu befreien. Luzifer setzte zwar mit seinen Engeln die Höllenburg in Derteidigungszustand, da er das Rahen des UeberwinderS vernahm, doch Christus zerbrach die Riegel, zertrümmerte die Pforten der Hölle und pflanzte sein Siegesbanner auf die Zinnen. Adam und Eva, nun auch entsühnt, zogen an der Spitze aller Frommen des Alten Testamentes ins Paradies ein. Diese Geschichte genügte einerseits dem Wunsche, die Zeit zwischen Grablegung und Auferstehung, während deren man sich Christus nicht vollkommen untätig denken wollte, auszufüllen. Sie schuf aber auch wesentliche Voraussetzungen für di« Wiederkunft Christi im Jüngsten Gericht; sie beseitigt eine Sonder- stellung der Seelen, die ohne Verschulden des Gnadengeschenkes nicht teilhaftig werden konnten. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wachsen auf dem gemeinsamen Boden der Mystik bei durchaus verschiedener örtlicher Bedingtheit drei große Darstellungen des Jüngsten Gerichtes in der Malerei, die in zum Teil merkwürdiger Uebereinstimmung das Thema im besonderen gotischen Sinne erschöpfend behandeln. In Köln schildert Stephan Lochner den Tag der Vergeltung Ein Kunstwerk von der Kraft eines Gesichtes und zugleich verstandesmäßig geregelten Ausbau; gerade in dem exakten Gleichgewicht der beide» Bildhälften liegt die Stärke der Darstellung. Mit gleicher Anteilnahme entwirft der Künstler Verzweiflung und Qual der ewig Verdammtem Glück und Deseligung der zur immerwährenden Freude Berufenen Groh und hehr thront der Weltenrichter oben vor dem goldgrundige» Weltenraum, einen roten Schultermantel um den nackten Körper mtz dem klaffenden Wundmal geschlagen. Er sitzt auf hoch gewölbten Regenbogen, ein zweiter Dogen dient ihm als Fußschemel; man spürt den erwachenden Realismus des 15. Jahrhunderts, der hier den Meister bei scharfem Zusehen am Gewitterhimmel den Rebenregeir- bogen entdecken läßt. Aeber dem Richter aber flattert^ von zierlich beflügeltem Engelvolk, das den dem höllischen Chaos anheimfallenden Unglücklichen noch zuletzt Marterpfahl und Kreuz des Herrn entgegenhält. Auch Hammer und Rägel, Geißeln und Dornenkrone, den heiligen Speer und das mit Essig und Galle getränkte Tuchknäuel bringt das himmlische Ingesinde als Zeugen heran. 3n erhabener Ruhe scheidet Christus das Gewirr in der Atmosphäre von den dramatischen Ereignissen der Tiefe. Ernste Milde ist der Ausdruck seines Antlitzes, Segen spricht die rechte Hand, bedauerndes Sichab- wenden ist der Gestus der Linken und des schräg geneigten Hauptes. Im Kolvssalmahstabe des Heilands erscheinen noch zwei andere heilige Personen. Auf der Seite der Gerechten kniet Maria, nicht als strahlende Himmelskönigin, schlicht ist sie gekleidet, ihr Blondhaar im Schleier verhüllt; so fordert es das Amt, das sie für den letzten Tag übernommen. Da ist sie nicht Gebende, Gewährende, sondern selbst Dittflehcnde, Fürsprecherin der Menschheit. Ihr Sitten unterstützt zur Linken des Richters, auf der Seite der Ungerechten, Johannes der Täufer. Diese große Dreiergruppe, die man als Deesis vom Thmpanonfeld des Kirchenportales kennt, wurzelt noch auf der Erde: Auf zwei Felsen, die ein enges Tal begrenzen, knieen Maria und Johannes. Durch dieses Tal zwängt sich in den Vordergrund ein dicht ge- balller Trupp nackter gotischer Menschlein, d. h. nicht idealer Aktfiguren griechischer Proportion, sondern ausgezogener schlanker Leute mit allen Vorzügen und Mängeln individualer Bildung. Dieser Gefangenentransport wird von bockshömigen Teufeln eskortiert, die den wimmernden Menschenklumpen mit schweren Ketten umklammert halten. Hämisch begrinsen die siegessicheren Teufel ihre betenden Opfer, die in der nächsten Minute, Stunde — man weiß nicht, wie man die Einheit der Ewigkeit nennen soll — den Richterspruch erwarten. Vor dem Beschauer erweitert sich die Schlucht, und entrollt sich ein seltsames Schauspiel. Da winden sich beim Tone der kleinen Posaunenengel menschliche Leiber aus der Erde. Sind es eigentlich Menschen oder Perfonisikationen von Seelen, die hier die Grabesruhe verlassen, die am Jüngsten Tage auferstehen? Man möchte letzteres glauben; es stimmt ganz mit den mystischen Anschauungen der Zeit überein, und dann sind diese Gestalten alle auf einer Altersstufe, daß man annehmen müßte, sie seien sämtlich auf der Höhe des Lebens gestorben. Weder finden sich Greise noch Kinder. Es scheint, daß, wie sie auftauchen, auch schon der Spruch über sie gefällt wird. Aber ist es nicht wie ein Spiegelbild der politisch feudalen Zustände beim Fehlen einer starken Zentralgewalt, toemt die Teufel sich nicht ohne weiteres der richterlichen Entscheidung fügen? Da müssen die Engel eifrig Wache , halten, um den gierigen Llnterweltsdämonen die Beute, die ihnen nicht zusteht, zu entreißen. Die Bewegung der Mitte schwillt nach rechts (links vom Heiland) heftig an. Dort ragt auf steilem Gipfel die Teufelsburg, umzüngelt von heißer Flamme, umschwirrt von fledermausschwingigen Kobolden, Glut durchleuchtet das Gemäuer. Zum Teil ist das Schloß Ruine; es kann an die Einnahme durch Christus bei seiner Höllenfahrt gedacht sein. — Auch das innere Massiv des Berges ist in Brand geraten. Dort ist der ochsenköpfige, • nilpferdplumpe Satan angekettet und rafft mit ausgestreckten Armen die Sünder, die von der Mitte herangezerrt werden, an sich. Fettleibige Herren stemmen sich vergebens" gegen die Polypenarme rep- ■ tilien- und amphibienhafter Untiere. Es krallt sich die Hand an den aufgeplatzten Geldsack, drei Würfel rollen am Boden, krampfhaft hält der Trunkenbold den Becher fest. Rur Kopfbedeckungen charakterisieren noch Papst, Bischof, Kardinal, König, die geradeso kahl und bloß ins Seuermeer gedrängt werden. Gerne wenden wir uns von diesem Bilde des ewigen Verderbens ab, das unwillkürlich das Auge zuerst bannt, um drüben abzulesen, wie es denen ergeht, die iM Lebensbuche einen positiven Abschluß haben. Hier wird das himmlische Jerusalem versinnbildlicht durch ein gewaltiges architektonisches Domportal mit hohem Wimperg und Galerie mit offenen Ecktürmchen, von der herab ein englisches Orchester mit Instrumentalmusik und Gesang die Schar der Seligen be- willkommt. Ist nach der Höllenseite hin das Erdreich von morastisch vegetationsloser Eintönigkeit, so überzieht es sich unter den Tritten der beglückt Lächelnden mit blumiger Wiesenslora. Einen ähnlichen Kontrast stellt das blütenzarte Karnat der Auserwählten zu dem moderig-fahlen Hauttvn der Verworfenen her. Wie in einem Wiedersehen nach langer, schmerzlicher Trennung findet die Begrüßung der aller Erdenschwere entkleideten Seele durch ihren Geleitengel statt. Die Sehnsucht des Mystikers nach innigem Verein mit der Gottheit kann sich Lust machen. Schutzengel und Schutzbefohlener umarmen und küssen sich, strahlend vor Freude. In reichem Ornat drängend mustert Sankt Petrus die Einziehenden am Portal. Ein Zug edler Ritterlichkeit bringt uns die Persönlichkeit Lochners näher. Besonders auffallend leuchten aus der Schar der Seligen die blonden Zöpfe Kölner Jungfrauen hervor, während sie in der Hölle schlecht vertreten sind. In diesem Sinne möchte man auch eine Gruppe der Mitte deuten. Ein lüsterner Teufel greift nach den Haaren eines der Erde entschlüpfenden Weibes; da packt ihn ein Mann, der neben ihr dem Boden entsteigt, an den Hörnern, nicht der Gefahr achtend, die ihm selbst erwächst. Der Brügger Meister Hans Memling nimmt das Weltgerichtsthema in dem Altar der Danziger Marienkirche auf. Man merkt in diesem Werke gleich das lleberwiegen des artistischen Interesses gegenüber dem rein Gedanklichen. Die Weite des Raumes soll fühlbar werden. Darum spielt sich die Auferstehung der Toten auf einem Blachfelde mit ungehemmtem Tiefenblick ab. Die himmlischen Personen sollen mehr Körperlichkeit gewinnen. Ein plastischer Eindruck soll entstehen; Memling begnügt sich nicht wie Lochner mit harmonischer Aufteilung der Fläche. Da er zugleich das Motiv der Aeltesten der Apokalypse in abgewandelter Form — er umgibt Christus mit den zwölf Aposteln — aufnimmt, muß er sich mit den statischen Verhältnissen auseinandersehen. Der Eindruck des Schwebens will gegeben werden, es werden Wolken eingeschoben, Christus wird eine symbolische Weltkugel als Schemel untergerückt. Daraus entwickeln sich neue Probleme der Licht- und Schattengebung. Aber aus der hervorragenden Stelle im Bild ganz en ist Christus verdrängt worden. Schon im Maßstabs tritt er hinter dem riesenhaft gewachsenen und doch feingliedrigen Michael zurück, der in gleißender Rüstung und fürstlichem Brokat im Mittelpunkt des irßifajen Getriebes steht. Mit der mächtigen Wage in der Linken wägt der Erzengel die Seelen. So ist auch inhaltlich Christus ziemlich ausgeschaltet, denn nur auf dem Umwege über das mechanische Instrument erfolgt fein Urteil. Wird schon derart der Zusammenhang zerrissen, so bringt die Abtrennung des Ortes der Verdammnis und der Himmlischen Stadt als Flügeltafeln des Altars weitere Verluste mit sich Aber Memling entschädigt im einzelnen. Der Höllenflügel gibt uns den Höhenschnitt durch einen Schacht; haltlos um sich greifend stürzen die Verlorenen in die bodenlose Tiefe, hagere schwarze Teufelgestalten erscheinen dazwischen. Hier wird der „Sturz der Verdammten" dargestellt, ein großartiges Gemälde von menschlichen Gliedmaßen, Höllenruß und feuriger Lohe. Durch genrehafte Züge wird der linke Flügel bereichert. PetruS hat sich mit feinem Schlüssel unten auf einem Absatz der kristallenen Treppe postiert und drückt den Seligen der Reihe nach väterlich die Hand. Ein Engel überfliegt wie zählend die Köpfe mit den Äugest. Vor der Pforte werden die Seelen eingekleidet; einer neigt den Kopf, um in das dargehaltene Gewand zu schlüpfen, dieser empfängt eine Bischofskrone als himmlisches Abzeichen. Der spätgotische Portalbau selbst hat sich mit Skulpturen geschmückt, das Orchester ist verstärkt. Auch einige Skulpturen musizieren. Allerdings ist Memling weniger galant als Lochner. Er kann es sich nicht versagen, durch die Erschaffung Evas hoch oben im Wimpergenfeld anzudeuten, wer eigentlich an allem Erdenjammer schuld gewesen. Bei dem Florentiner Mönch Angelico spricht sich unverkennbar deutlich der Har sondernde Italiener aus. Bezeichnend ist, daß bas Geschehen in einer späteren Phase festgehalten ist als bei Lochner und Memling. Die Entscheidung ist bereits gefallen, die Massen streben verhältnismäßig ruhig zu beiden Seiten dem Bildrande zu. In der Mitte stoßen die Linien der diesmal streng in Reihen angelegte« offenen Gräber senkrecht zur Bildebene in die Tiefe. Die ftetnernem Deckplatten liegen säuberlich daneben, als habe sie eine Dampfspannung im Innern der Behältnisse abgehoben. Gerade darüber m der. Mandorla, die ein Engelskranz bildet, in feierlichem Anzug und gravitätischer Haltung Christus. Als würdevolle Beisitzer des Gerichtshofes schließen sich beiderseitig Heilige tote in zwei Dankrechen hintereinander an. Was aber die Auffassung von der ber no röt scheu. Bilder grundlegend scheidet: Die Seelen unten sind sämtlich betleiDet, die ganze Aufmachung gewinnt ein viel sozialeres Gepräge. Wo tote dann einen Einblick in den Berg der Derdammnts bekommen, sehen wir die Sünder wieder nackt in den eingetnen s>ollenbulgen, venest sie je nach Art ihres Verbrechens zugeteilt sind. Der Uebergang wird vermißt. Hier muß das besondere Raturell des Künstlers berücksichtigt! werden, dem die Beschreibung dieser Partie äußerst unangenehm ist. Der gottselige Frater mit dem lieblichen Gemüt totcEett ine Handlung zur Rechten möglichst schnell mit Hilfe der gebräuchlichen Rezepte aus Dantes Göttlicher Komödie ab, um jenseits der Graberlime tn fein eigenstes Element zu kommen. Die Zartheit der Empfindung, die sem Pinsel hier verrät, macht den Reiz des Gemäldes überhaupt aus. In voller Hingabe ans Gebet danken die Glücklichen, denen etn Strahlenkranz das Haupt verklärt, ihrem Herrn. Die Seligen jenseits der Alpen hatten das meist vergessen, sw meinten wohl, es sei nur billig, daß jedermann widerfahre, toa8 er verdient habe. — Ein üppiger ©arten bedeckt den Abhang, der zur Himmelsstadt führt, und dort bewegt sich m rhythmiscy anmutvollen Bewegungen ein Reigen. Ihn bilden die Paare der seligen Mönche und ihrer Engel, die melancholisch verträumt zwischen den Bluten dahinschwebend Wiedersehen feiern. Fließendes Licht, das aus dem Tore des zinnenbewehrten Jerusalem hervorbricht, Übergießt die ersten Ankömmlinge. Ostersonne. Von Elisabeth Dauthendey. In die bangen schweren Dunkelheiten Springt di« goldne junge Sonne auf, Wirft ihr Lachen in die Erdenweiten Sprengt die Fesseln, streut in frohem Lauf Licht und Flammen aus mit vollen Händen Und es glüht und blüht an allen Enden. Schlaf der Erde flieht zu dunklen Gründen, Traum der Menschen schwebt zu lichten Höhn, Waches Leben will sich je entzünden, Kraft und Jubel bringt der junge Föhn. Tanz und Freude schwirrt auf allen Wegen, Liebe will allüberall sich regen. Ostersonne — Heilgen Lebens Ruser, Schwebest über Gräber sieghaft hin. Rührst an toter Hoffnung dunkle Ufer, Gibst dem Glauben neuen hohen Sinn. Läßt uns ahnen, daß wir gottgeboren. Daß uns alle Sterne unverloren. Heber Finsternis und Gräbern blühn. Wenn dir gläubig unsre Seelen glühn. Ostern in Weimar. Von Heinrich Spierv. Am Sonnabend hatte der Regen eingesetzt. Kaum war das Geläut der Glocken aus der Stadtkirche und der Jakobs-Hofkirche verklungen, da hatte das Tröpfeln begonnen, erst langsam und bedächtigt, dann immer rascher, immer heftiger, schließlich war es ein regelrechter Gutz geworden. Die. Dlumenverkäuferinnen aus dem Markt hatten ihre Korbe zusammengepackt und waren unter ihren bunten Schirmen wie wandelnde Fliegenpilze nach Hause getrabt. Die ganze Nacht hindurch hörte man das Rieseln und dazu das Rauschen der angeschwollenen Ilm. Am Morgen spannte sich ein blatzblauer Himmel über der Stadt. Noch war es kühl, aber man atmete Frische. Dom Dachrand der Dastille kleckerten noch ein paar hängengebliebene Regentränen herab und die Straßen waren voller Pfützen. Zierlich angetan trat der Prosessor Musäus aus seinem Hause, vorsichtig jeden Schritt bedenkend, als ob er noch immer Pagenhofmeister wäre, bog er um die Lachen vor dem Marstall und hob schon von ferne den Hut, als er an der Kegelbrücke den Hofrat Wieland erkannte. Der verhielt den Gang, und plaudernd schritten beide dem Parke zu. Auf den Weilchen der Ilm spielten Sonnenlichter, und der Fluß sah aus, als ob er nicht die unruhigste Nacht seit Wochen hinter sich hätte. Plötzlich stieß Musäus. der artig zur Linken des berühmten Mannes ging, diesen vorsichtig an: »Sehen der Herr Hofrat einmal dorthin!", und er wies mit der Linken, die jetzt über dem goldenen Stockknopf den eingesahten Dreispitz trug, nach der großen Wiese. Da schritt barhaupt, ein großes Tuch von blauer Farbe wie eine zweite Loga umgeschlagen, jugendlich-rasch, ein schlanker jüngerer Mann quer über den Rasen. So schnell er ging, man merkte doch: er setzte zwischen dem nassen Gras die Füße vorsichtig und hielt sich gerade, die Arme unter der Hülle nach vorn gewölbt wie unter zerbrechlicher Last. Wieder Kietz der Märchendichter den Freund Anna Amaliens an. Im Abstand von genau sechs Fuß folgte der ersten Gestalt eine zweite, mit gleicher Vorsicht ängstlich bemüht, genau Schritt zu halten; es war, als ob eine schlechte Kopie unmittelbar hinter einem Gemälde herliefe. Wieland strahlte. Das war ja der Hexenmeister, der ihn einst bezaubert hatte, und sofort unterlag er wieder dem Reiz. »Kommen Sie, lieber Professor, aber leise." Sie pirschten sich am Wiesenrand entlang, halbgebückt wie zwei Schuljungen, von Baum zu Baum und langten gerade am Stocket eines niedrigen, hvchdachigen Häuschens an, als sich die Störte hinter den beiden andern geschlossen hatte; der Schlüssel arrte im Türchen, zudem ward auch noch ein Riegel vorgeschoben. „Wenn uns alle drei so der alte Onkel Klopstock sähe! And hat es doch einst nicht anders gemacht," tuschelte Wieland. And nun reckten sie sich auf den Zehen und schlichen am Zaune hin und her. Denn der drinnen hatte die Toga vorsichtig entfaltet und samt dem Mantel des Dieners aus die Erde gebreitet. Eine Farbenfülle glänzte auf. Rote, blaue, gelbe, grüne, violette, gesprenkelte Eier zu Dutzenden. Dazwischen^ ein grohes Zuckerei. Musäus hob das Lorgnon vors Auge: „Herr Hofrat, sehen Sie, da schwebt der Oberon!" Wieland drückte die Nase zwischen zwei Latten, zog sie dann zurück, rieb sie mit den langen feinen Fingern links und rechts und bestätigte behaglich strahlend: „Wirklich." Nun begann drinnen das Osterwerk, sie sahen Herrn und Diener beraten, auseinandergehen, und wieder zusammenkommen, und der Eier wurdeit immer weniger. Einmal tauchten die Gestalten hinter Sträuchern auf, dann verschwanden fie ganz, waren hier und da, schließlich, als die Farbenpracht von der Unterlage verschwunden war, erblickten sie den barhäuptigen Mann, wie er, klar abgehoben gegen noch kahle Väume und den Himmel, ganz oben auf der Höhe des ansteigenden Geweses das größte Ei offenbar in einem leeren Vogelnest barg und Federn darüber spreitete. Jetzt klatschte er in die Hände. „Fertig!" Es klang wie ein Knabenschrei. And wie ein Knabe rannte er bergab, den Lauschern zu, die sich duckten, riß den Mantel an sich und stürzte ins Häuschen. Atemlos slog der Diener nach. Lachend richteten sich die Zaungäste aus. Sie wanderten weiter, zurück zur Stadt. Wagenrollen ertönte. In offener Halbchaife fuhr eine schlanke, blasse Frau heran, sie lenkte selbst das Pferd, Kinderungeduld war um sie. Die beiden grüßten ties, aber sie wurden nicht gesehen. Das Psörtchen öffnete sich, strahlenden Auges trat Goethe heraus, hob zuerst die Kinder vom Gefährt, dann bot er Frau von Stein die Hand und, ittdes der Diener den Wagen zur Seite lenkte, klatschte er noch einmal in die Hände und rief, daß die beiden es bis jenseits der großen Wiese vernahmen: »Nun suchen wir Ostereier!" WorpsTveder Ostern. Von Wilhelm Scharrelmann'). Der Wind weht aus Osten und ist noch scharf und schneidend, aber die erste lenzliche Wärme ist doch schon spürbar in ihm, und wo die Sonne hin kann und ein windstilles Plätzchen findet, empfindet man bereits ihre verjüngte Kraft und Wärme. Der Wald steht noch kahl, aber ein heimliches Drängen ist in allen Krospen, und einige Platzen bereits vor Angeduld, endlich den Winter scheiden zu sehen. Auf den Wiesen dagegen ist es noch unfreundlich und öde. Nur stn Den Vertiefungen des Bodens treibt das Gras seine ersten Spitzen. Aber der Kibitz ist längst zurück, die Weiden stehen schon in Kätzchen, unö der Himmel liegt wie ein eben Genesender auf weiße Wolken gebettet, nur noch ein wenig blaß von den Schrecken des Winters. Este Regengüsse der letzten Wochen haben sein Gesicht so rein gewaschen, als hätte er nicht den langen, trüben Winter hindurch den Rauch der vielen Schornsteine der Städte zu schlucken brauchen, und am Waldrand — sieh doch an — guckt bereits das erste Buschwindröschen ans dem feuchten Waldboden, läßt seine Blüte im Winde *) Copyright bh Manuskriptkanzlei „Der Kreis", Bremen. schaukeln und hält das Köpfchen dabei so demütig gesenkt, als wollt« es sagen: Schneeglöckchen und Krokus waren längst vor mir heraus — da ist es wohl nicht unbescheiden, wenn ich allmählich auch Anstalten mache. Wie blau die Wiefengräben im Gelände liegen! Ihr Wasser kräuselt sich so lustig unter dem Winde, als hätten sie nie die Decke von Eis gekannt, die der Winter Über sie breitete... Das Torfschiff des alten Wähl, das seinen Teergeruch vor vorigen Sommer her noch nicht verloren hat, wippt leise an seinem Ankertau, so ungebärdig ist das Grabenwasser unter ihm. Hemdärmelig kommt der Alte gerade aus seiner strohgedeckten Kate, die flache Mütze schief auf dem Ohr, Das Heu auf dem Boden seines Hauses fangt an, verteufelt minne zu werden, und da zieht er nun seine Ziege bei dem warmen Sonnew- schein ein klein wenig in den kleinen Obstgarten hinter dem Haufe, damit sie dort an dem ersten jungen Grase naschen kann. Sogar ein paar Hennen besitzt der Alte, und wenn sie auch bisher vor Alter - und Bedächtigkeit im März noch nicht zum Legen kamen, heute gackelt die eine der drei alten Damen auf der Diele, als wäre es ein Straußenei geworden, das sie soeben von sich gegeben hat. Gür, der alte Hahn, dem im Winter so jämmerlich der Kamm erfroren ist, steht auf dem Mist vor dein Hause, hebt sich vor Stolz auf die Zehenspitzen und kräht wie toll: Wat ji woll meentl Was soviel heißen soll als: Wir können es immer noch, die alte Trin-Aleid und ich, jawoll! Sa wirklich die Welt sieht aus, als wäre sie aus einer verstaubten Ecke soeben wieder ans Licht geholt worden. Ein wenig grau und unansehnlich ist sie noch, aber Wind und Regen haben! doch ausgezeichnet aufgeräumt, und die Sonne ist schon mit ganz anderen Wintern fertig geworden... da es mitunter im Februar noch zu frieren pflegte, als wäre die Erde eine alte Nutz, und der Winter habe fie zwischen die Zähne genommen und fie krache und berste nun unter seinem Nuhknackergebiß. Ki — wit! wie ängstlich das klingt. Mit aufgeregtem Flügelschlag umflattert uns der Bogel. Wahrhaftig — dicht vor unseren Füßen ist das Nest mit feinen getupften grünlichen Siern. Wir wollen ein wenig darum herum gehen. Vielleicht sind die fünf Sier, die darin liegen, schon bebrütet, und das junge Leben darin wartet bereits auf seinen Ostertag. Wie wir die Wiese hinter uns haben, läßt uns die Hamme nicht - weiter, und kein Boot ist da, uns über den Fluh zu bringen. Langsam gehen wir am Äser entlang, aus dem bereits die ersten Schilf- spitzen gucken. Endlich. Da sitzt jemand am Fluß, und ein Boot schaukelt vor ihm. Nein, er bedankt sich vielmals uns überzusetzen. Er hat feine Reusen gestellt und sich zwischen ein paar Steinen ein Feuer cm- gemacht, sich die Fische zu braten, die er bereits gefangen hat. Wir sollen doch zum Fährhaus weitergehen, meint er ein wenig unwirsch. Es ist ja nicht mehr weit, da drüben im Dusch liegt es... 3m Fährhaus ist es gedrängt voll von Ausflüglern. Der Wirt läuft mit Kaffeekanne und Lassen und kann jetzt im Augenblick ebenfalls nicht daran denken, uns überzusetzen. Aber da ist einer der Ruderer, die auf ihrer ersten Fahrt mit ihren Booten hierher gekommen sind, und bringt uns hinüber. Drüben ist wieder die Einsamkeit der unendlichen Ebene um uns, die große Stille. Der Worpsweder Berg liegt in der klaren Luft so nahe, als ständen wir schon unmittelbar an feinem Fuße. Aber es ist noch eine gute halbe Stunde bis dorthin. Als wir ihn überquert haben, liegt das Deufelsmoor zu unseren Füßen, schimmernd im Licht der jungen Sonne. Anendlich zag wie der Frühling hier kommt. Der kalte Moorgrund läßt alles langsamer wachsen. Die Birken stehen noch kahl, und nur die Roggenfelder liegen mit sattem Grün in der schwermütig dunklen Landschaft. Heber den Berg streicht der Wind und treibt uns nach Worpswede zurück, das hinter uns liegt. Die kleine Kirche steht hell hinter dem Geäst der Kirchhosslinden. Paula Modersohns Grab liegt dort, von Bernhard Hoeigers Meisterhand geschaffen. Die Gestalt der jungen Mutier, auf dem Sockel von Muschelkalk gebettet, das Kind auf dem Schoße, das ihr den Tod brachte, den Oberkörper auf den linken Arm gestützt, das Antlitz emporgehoben, der aufgehenden Sonne zugewendet. Untergang und Auferstehung, Tod und Leben. O ewige Wandlung! Eine Wahre Ostergeschichte. Von Karin Michaelis. Es war im Jahre... na, gleichgültig, wann. Wo, ist wichtig. Nämlich in Griechenland. In Athen. Auf der Akropolis. Am ganz genau zu fein: nachmittags zwischen drei und vier. Ostersonntag — nach unserer Zeitrechnung. In Griechenland ist es ja anders. And sie waren keine Griechen. Sie gingen spazieren und sprachen hochgebildet von Professor Dörpselds letzter Vorlesung... sie dachte an den Ostersonntag zu Hause, wo alles blitzblank und sauber zu sein pflegte nach der letzten großen Reinigung. Eigentlich sehnte fie sich nach ihrem kleinen Land. Es geschah hier zu wenig. Keine Räubergeschichten, kein Aeberfall, kein Zugsabenteuer. Alles ging so schändlich glatt und anständig und langweilig. Eben langweilig. Zwölf Stunden Bildung jeden Tag! Dazu den ewigen Schafsbraten, der nach Wolle roch und schmeckte. , , , And sie war auf Reisen gegangen, um etwas zu erleben! Ein Mann näherte sich Armselig angezogen. Scheu umherspähend. Er kam auf sie zu. Flüsterte 'etwas in einer Mischung von Neugriechisch, Französisch und Englisch Er zog ihren Begleiter zur Seite und flüsterte, während er mit Armen und Beinen herumfocht. Sie lauschte, verstand keine Silbe. Doch etwas Gefährliches war es, so viel las fie aus feinen aufgeregten Zügen. Ihr Mann zögerte deutlich, zögerte lange, wurde sichtlich mehr und mehr gespannt und gab endlich nach. Beide Männer wurden plötzlich derart eifrig, daß sie den Abhang heruntereilten, ohne sich auch nur nach der jungen Frau umzuschauen. Wie ein artiger Hund trottete sie nach. Weit. Weit. Durch Olivenhaine und an kleinen Höfen vorbei. Ihre Füße brannten. Jedesmal, wenn sie in ihrer Sprache fragte, was das denn zu bedeuten habe, erhielt sie als Antwort nur ein ungeduldiges: Später! Man kani zu einem einsam stehenden Haus. Die Herren klopften an und gingen hinein. Sie hatte schön draußen zu bleiben. Aach einer Weile kam ihr Mann heraus. Allein. Strahlend. Arm in Arni trabten die beiden zurück, und nun erzählte er: Der Mann, der ihn angesprochen hatte, hätte ihm eine ganze Sammlung herrlicher Antiken angeboten, Basen, Amphoren, timen, Schalen und Lanagra- figuren. Die Witwe eines Beamten wünschte sie zu verkaufen. Es war bei Gefängnisstrafe verboten, antike Gegenstände ohne staatliche Erlaubnis auszuführen. Diese Erlaubnis erhielt man nie, wenn es sich um wirklich, wertvolle Stücke handelte. Diese Sammlung — etwa hundert Stück herrlich konservierte Tongegenstände aus der Zeit des Perikles und Praxiteles — an sich unschätzbar — war zu haben für den Spottpreis von einigen hundert Goldsranks, weil die Witwe, wenn sie sich an die Behörde wendete, riskierte, bestraft zu werden. Sie war in Not, wollte und mußte verkaufen. Die beiden waren jung und arm. Wer selbstverständlich wollten sie lieber von Brot, Oliven und Zwiebeln leben als auf solche Herrlichkeiten zu verzichten. Wenn es ihnen gelang, eine billige tieber- fahrt nach Aegypten zu finden, dann konnten sie die vierhundert Goldfranks opfern. Wie also die Sachen hinausschmuggeln, ohne erwischt zu werden? Erst kaufte man die größte Schiffskiste, die zu haben war, so eine wie jeder Matrose sie hat: aus Holz, bunt gemalt, mit Mefsing- üändern und schweren Schlössern. Dieser Koffer wurde im Hause der Witwe geheim gepackt, ohne daß die junge Frau dabei war. Jetzt galt es, eine billige tieberfahrt nach Alexandria zu erwischen, um so schnell wie möglich fortzukommen. An diesem Lage gab es bald keine moch so kleine Schiffsgesellschaft, wo sie mcht gewesen waren und gefeilscht chatten. Endlich, tind zwar ein Schiff, das schon am nächsten Lag, Dienstag nach Ostern, fahren sollte. Die arme Witwe litt Höllenqualen, bis sie wegkamen. Alles war wunderbar geordnet. Dienstag um 11 tihr wurden sie mitsamt Gepäck — ihren kleinen Handkoffern plus der riesigen Schiffskiste — auf einen Wagen geladen. Der Kutscher war der Mann von der Akropolis. Er schwor, daß es ihm gelingen wurde, ungesehen an der Zollbehörde beim Piräus vorbeizuschlüpfen. Klopfenden Herzens, selig gespannt, fuhren sie die lange Straße gegen! das Meer hinunter. Je mehr sie sich den kleinen Zollhäusern näherten, desto schwüler wurde ihnen zumute. Nicht nur hatten sie den Äönig besucht, sie waren zum Hofball eingeladen gewesen, oh, welche Schande, wenn es nach Hause telegraphiert wurde, daß man sie wegen Schmuggels arretiert hatte. Gewiß, es geschah nur zugunsten des Vaterlandes. Sie wollten nichts behalten, sondern mit maßloser Opfersreude alles an die Museen abgeben. Das heißt, so wollte es der Mann — dm Frau sollte selbstverständlich die schönsten Stücke für sich behalten. Die Zollbeamten, die sonst immer Tag und Nacht den Weg überwachten, waren wirklich in dem Moment, wo man vorbeiraste, unsichtbar. Der Kutscher beteuerte, sie mit 20 Goldfranks bestochen zu haben. Daß dies eine heftige Lüge war, erwies die Eile, womit er weiterfuhr und die Aengstlichkeit, mit der er fortwährend zuruck- blickte, ob er wohl verfolgt würde. Dort das blaue, stille Wasser -- spiegelblank. Der Himmel so blau, wie ein Himmel in jener Gegend zu sein hat. tind nun, wo jede Gefahr überstanden schien, plauderten beide lustig und uver- mütig. Eigentlich komisch, daß sie überhaupt 2lngst gehabt hatten. Mit ihren Verbindungen! Sie protzten einander förmlich an mit ihrer Hofballeinladung und sonstigen Besuchen beim König. Die köstliche Kist« wurde mit Vorsicht in , ein kleines Doot hinuntergebracht und die Herrschaften zum Schiff hinausgerudert, nachdem sie mit einer vornehmen Geste dem Akropolismann seine gelogenen 20 Franks vergolten hatten. Zehn Minuten später waren sie an Bord. Punkt 12 tihr sollte das Schiff fahren. Sie hatten genug zu tun, die große Kiste in die enge Kabine hineinzuzwängen. Als sie auf die tihr schauten, war es schon 1 tihr vorbei. Sie fragten den Kapitän, warum das Schiff nicht pünktlich abgehe. Er lächelte: Oh, es habe ja keine Eile. Das Schiff habe noch nicht fertig geladen. 2lutzerdem seien die Zollbehörden noch nicht dagewesen. ,e Beide starrten einander an. Entgeistert. Gottseidank, daß sie einen gewöhnlichen Matrosenkoffer gekauft hatten. Wer denkt daran, so einen zu öffnen. Vielleicht sollte man ihn lieber wo anders unterbringen — bis die Zollente fort waren. Oder? Sie dachten hin und schoben her, schoben hin und dachten her. Standen stundenlang an der Reeling, keine Silbe redend, wartend, wartend. Der eine wollte dem andern seine Angst nicht eingestehen. Es sank die Sonne. Das Dunkel stieg vom Meeresgründe. — Noch kein Zollbeamter. 2icd> emsiges Verladen. Todhungrig waren sie, ans Essen konnten sie in dieser Aufregung nicht denken. Obwohl es sehr leicht gewesen wäre, da sie selbst Proviant mitgenommen hatten. Ein Dutzend rohe Eier, eine Flasche Smyrnawein, Zucker, Tee, einen kleinen Spirituskocher — Brot hatten sie leider vergessen. Dagegen besahen sie ein großes Glas Honig, gekauft bei den Mönchen oben auf dem Hymettosberg. Aber wie gesagt, essen konnten sie nicht, sie hatten den Zollinspektor im Halse. Ein paar scharfe Pfiffe — bei Gott, das Schiff bewegt sich! Nun, da die Spanne vorbei war, setzte die junge Frau sich hin und heulte wie ein Schloßhund. Dann tanzten beide einen selbst- erfundenen Kriegstanz, und sie drohte, alle zwölf Gier allein zu essen. Ihr Reisegefährte, der Kunsthistoriker par excellence, dachte nicht mehr ans Essen. Er wollte ihr nur die Zauberschätze aus dem Matrosenkoffer zeigen. Ob nicht alles schon in Scherben läge? Der Wagen hatte doch furchtbar gestoßen, tind die Kunstsachen, die Jahrtausende alten, waren ja in der Eile nur in Zeitungspapier verpackt worden. Er allein hatte es getan! Langsam drehte er die Schlüssel im Schloß und öffnete. Beide knieten vor der Kiste: Du, flüsterte sie, wir gehen gar nicht zu Bettel Denk dir, eine Nacht auf dem Mittelländischen Meer mit echt griechischen Kunstsachen, die uns gehören! Jetzt wollen wir sie ordentlich untersuchen, und du erzählst alles, was du darüber weißt. So sprach sie, während er, der geborene Sammler, behutsam und zärtlich, einen Gegenstand nach dem anderen enthüllte und zeigte. Sie staunte. Gin Stück herrlicher als das andere. Vasen mit schwarzen Figuren auf weißem Grund, Vasen mit weißen auf schwarz. Rot« Vasen mit weißen Reitergestalten. Wunderbare Schalen, kleine entzückende Tanagradamen mit Fächer, hohen Frisuren und winzigen Sonnenschirmen. Sie wollte alles auf einmal sehen, auf einmal in den Händen halten. Sie schrie und brüllte vor Wonne. Wenn dies nicht ein Märchen war oder ein Traum. Sie breiteten die Kunstsacheii aus, auf dem Boden, auf den Betten — die Kojen waren wie immer an Bord Übereinander. Trotz allen Hungers konnten sie sich nicht losreißen. Leise, scherzend fingen sie an, ihre geschmuggelte Deute unter sich zu verteilen. Sie überboten einander in Edelmut. Jeder tocllte dem andern jedes Stück aufdrängen. — Die sollst du haben, du bist der Kunsthistoriker. — Ja, aber du bist die Kunstgemeßerin! — Es wird so schön ausschauen in deinem Arbeitszimmer! — Gewiß, aber wie wundervoll werden sich die Sanagra» figuren unter deinen alten Empiremöbeln befinden! — Diese Vase ist zu schön, die sollst du behalten! — Eben die habe ich für dein Klavier bestimmt! tind so ging es weiter. Noch kniend, halb gedankenlos, hatte die junge Frau eben den Korb mit den Eiern genommen und wollte in ihrem liebermut Vorschlägen, daß man Wein aus den antiken Amphoren trinken sollte — als ein sonderbar schwindliges Gefühl sie durchschüttelte. -- Was war das? Der Mann, versunken im Beschauen, antwortete nicht. Wieder spürte sie ein seltsames Zucken, als ob der Boden nachgab und sie sank, um bald wieder zu steigen: Was ist denn das? Ein allerliebstes Tanagrafräulein neigte sich plötzlich vornüber und fiel. Ihr süßer Kopf kollerte wie eine Erbse. Entsetzen ergriff beide: Der Wind! Ja der Wind! Oder vielmehr der Sturm! » Mit einer Geschwindigkeit, die sie bei dem sonst sehr gemessenen Kunsthistoriker noch nie beobachtet hatte, verpackte er Stück für Stück der hundert Gegenstände. Seine Hände zitterten, während er mit unendlicher Liebe und atemraubender Angst jede Vase in Papier einwickelte. Sie half so gut oder schlecht sie vermochte. Es ging ums Leben. Die ganze Kabine war in Aufruhr. Alles wackelte, hob sich, sank, schwankte.. Als das letzte Stück verpackt war und beide jeden Zwischenraum mit zusammengeknülltem Papier ausgesüllt hatten, blickten sie einander an: beide totenblaß, mit kaltem Schweiß auf der Stirn. Du.. ich glaube ... ich... gehe zu Bett... Keine Antwort. Der Totenblasse kletterte hinauf in die obere Koje. Sie warf sich in die untere. Von Entkleiden keine Rede. Das Schiff erhob sich tote ein bäumendes Pferd, um sich jäh wieder in den Abgrund zu stürzen. Es heulte ringsum. Das Schiff heulte. Fußboden, Plafond, Wände, Wasser, alles heulte. Alles krachte. Nicht Wind, nicht Sturm, sondern Orkan. Wie sie es nie erlebt hatte. Krampfhaft hielt sie sich fest, um nicht hinausgeschleudert zu werden. Die Kiste mit den spröden, unersetzlichen Kostbarkeiten rutschte hin und her.--tind wenn jede Base, jede Tanagralady in tausend Scherben läge, was kehrte sie sich daratil Leben oder sterben, ihr einerlei. Sie wollte fragen: wie geht es dir? Nur ein qualvolles Stöhnen kam Über ihre Lippen. Von oben hörte sie — während einer sekundenlangen Stille — ähnliches Stöhnen. Dann nichts, tim sie herum rasten alte bösen Geister. Wie schön wäre es, zu sterben! Wie schön, tote gut Gehenkt werden, verbrannt werden, ertrinken, alles hundertmal besser als dieses. Die biblische Sintflut dauerte sieben Sage. Die tieberfahrt. die zwei Nächte und einen Sag hätte dauern sollen, bauerte drei Nächte und drei Tage. Sagte man. Methusalem hatte wahrscheinlich eine ähnliche Reise unternommen. Sie wußte jedenfalls, daß sie mindestens verschiedene hundert Jahre an Bord zwischen dem Piräus und Alexan- dria verbracht hatte. , Als der sogenannte dritte Tag — die dritte Ewigkeit anbrach, flaute der Orkan ab, und die zwei grünblassen Leichen fingen an, miteinander zu reden. Gr sagte: — ich habe geglckabt, daß ich sterben mühte. Sie antwortete: — ich bin gestorben. Gib mir was zum Essen Woraus er die Flasche hinunterlotsie. Nach ein paar Schlucken kam sie soweit zu sich, daß sie fünf rohe Gier hinunterwürgen konnte, dazu etwas Honig vom Berge Hymettos. Dann erst fiel es ihr ein, daß eine Schiffskiste voll mit Kunstwerken dastand, tind sie »aßerte folgendes: Glaubst du, sie sind kaputt? , Er antwortete: Du warst es, die absolut am Ostersonntag am die Akropolis wollte. So bist du. Sonst lägen wir jetzt nicht so hier! Sie war zu müde, deshalb behielt er für diesmal das letzte Wort In Alexandria fiel die Kiste dem Zollbeamten auf. Man öffnete und lachte laut: wozu einen ganzen Koffer mit winzigen Scherben und alten Zeitungsfehen füllen? Der liebe Gott hat sie selbst gerichtet Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche ti.niversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.