SiehenerKumlieiiblättek Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Irhrgcmg (92Z Dienstag, -en \5. November Nummer 9( Vagabunden, Von Ada C h r i st e n. Was fragst du den Mann Nach Heimat und Haus? Er hat sie nicht. — Du horchst nach Vater Und Mutter ihn aus. Er kennt sie nicht. Was fragst du den Mann Nach Kind und Weib? Er klagt doch nicht. Daß sie ihn verließ Mit Seele und Leib Um einen Wicht ... Was fragst du den Mann Nach seinem Gott? Er suchte Licht! Warum bleibt es dunkel In Elend und Spott? Er weiß es nicht. Die Flieger-Kapelle. Von Hermann Hesse. Ein satter, leise glühender Oktobertag. An den Hügeln leuchteten die Weinberge goldgelb, die Wälder spielten in den kräftigen, bräunlich metallischen Farben ber Laubwelke, in den Bauerngärten blühten Astern von allen Arten und Farben, weiße und violette, einfache und gefüllte. Es war eine Lust, durch die Dörfer zu schlendern. Ich tat es, Arm in Arm mit meinem damaligen Schatz, ein paar unvergeßliche, selige Tage lang. Ueberal! roch es nach reifen Trauben und jungem Wein. Jedermann war draußen beim Lesen oder Keltern; in den steilen Weinbergen sah man Männer in Hemdärmeln und Weiber und Mädchen in farbigen Röcken und weißen oder roten Kopftüchern arbeiten. Alte Leute saßen vor den Häusern, sonnten sich, rieben die braunen, runzligen Hände ineinander und lobten den schönen Herbst. Freilich, in vergangenen Zeiten hatte es noch ganz andere Herbste gegeben! Man mußte nur die Siebzigjährigen hören. Sie sprachen ernsthaft und belehrend von fabelhaften Jahrgängen, in denen der Wein fo reichlich und so honigsüß gewesen sei, wie es heutzutage gar nimmer vorkomme. Man muß sie reden lassen, die Alten, und in der Stille die Hälfte davon abziehen. Wenn wir selber einmal siebzig und achtzig sind, werden wir, meine ich, vom heurigen Jahr gerade so reden. Wir werden es im unsäglich köstlichen Gold der unerreichbaren Ferne sehen und werden unsere Dankbarkeit und unser Altersleid und unser ganzes heimliches Jugendheimweh in unsere sehnlichen Erinnerungen mischen. Nun, es war auch ein wunderbarer Herbst! Wir beiden jungen Leute liefen lachend und staunend mit großen Augen in dem Glanze und der Fülle herum, sahen von Berghöhen jauchzend und schweigend in das reiche, grüne Elsaß und auf den ruhig strömenden Rheni hinab und legten manchen Wiesenweg und manches gute Stück der ebenen Landstraßen Hand in Hand im fröhlichsten Tanzschritte zurück. Ernteböller krachten hinter frisch geleerten Ovstbäumen, Herbstjuchzer und langge- zogene Jodler tönten prächtig durch das fröhlich belebte Land. Wir bekamen hier eine blaue Traube, dort eine gelbe geschenkt, hier einen Apfel und dort einen Hut voll Walnüsse, dazu führten wir das landesüblich«, herb duftende Schwarzbrot im Rucksack bei uns, so daß wir abends in den Gasthäusern außer dem Wein und der Nachtherberge kaum noch eine Suppe oder eine Rauchwurst begehrten. Und unterwegs, im langsamen, bequemen Dahinwandern, sangen wir alle Lieder, die wir wußten, und von jedem alle Verse durch luftige, und traurige, und erzählten einander alle guten und alle dummen Geschichten, die uns einfallen wollten Mein Mädchen ahmte im Uebrr- mute das drollige Elsäsier Französisch nach, und ich hatte ein altes Büchlein Handwerksburschenlieder im Sack, aus dem ich an Raftvrken gelegentlich ein wenig vorlas: Su Straßburg in dem EUenfaß, a macht' ich mir einen Heidenspaß. Ich ging bei einem Sturm Auf den Münsterturm Und Netz ein Papierchen hinunterftiegen. Zu Frankreich in Paris, Wo ich mir meine Stiefel fohlen ließ, Allda gibt's viel Freud, Aber auch viel Leid, Weil der Bruder Straubinger gestorben ist. In der Rühe von Kalmar sahen wir am Wege einen vergnügten alt«, Mann sitzen, mit dem wir ins Gespräch gerieten. Er war im Weinberg« draußen gewesen, wo sein Sohn und seine drei Enkelkinder die Les« besorgten; nun kehrte er zufrieden, mit langen Ruhepausen dazwischen, auf seinen schwachen alten Beinen durch den goldig glühenden Oktoberabend in sein Dorf und Haus zurück. Er war offenbar auf seine alte« Tage beredt und gesprächslustig geworden. Und wir Jungen hörten ihm gerne zu, denn er wußte vielerlei, er kannte die alten volkstümliche« Namen von Fluren, Wegen, Hügeln, Brücken, dazu eine Menge Geschichten, alte und neue, Sagenhaftes und Heutiges. Als ich ihn um (ein Urteil über die diesjährige Ernte fragte, kniff er ein Auge ein und meinte: „Nicht schlecht, Herr, gar nicht schlecht. Sogar ganz gut, möchte man sagen. Aber so ein Herbst, wie der vom Flieger einer war, ist's doch keiner." „Was ist das," fragt« ich, „der Flieger?" ' „Kennen Sie die Geschichte nicht, Sie beide? Und die Flieaerkapeli« am Ende auch nicht?" „Nein, was ist damit?" „Gut denn. Also da drüben, hinter dem nächsten Wingert dort, steht eine kleine Kapelle, die heißt man „Zum Flieger". Sie kommen vielleicht noch dort vorbei." „Ja, das wollen wir tun. Und die Geschichte?" „Es ist halt so eine alte Sage, wissen Sie. Dort drüben sind scho« in ganz alten Zeiten immer Weinberge gewesen. Und da war vor ei« paar hundert Jahren ein Weingartner, dem gehörte der Rebberg dort, wo jetzt die Kapelle steht. Selbiger war ein rechter Mann, fleißig und Sromm, er zog die beste Traube in der ganzen Gegend und ging jede« ’ag in seine Reben und besorgte jeden Stock so treulich wie ein Vater seine Kinder. Es ging ihm auch gut und er lebte rechtschaffen und in gutem Wohlstand. Es hieß auch, die heilige Muttergottes sei ihm be- sonders wohlgemeint und habe immer extra ein Auge auf seine« Weinberg. So trieb er es sein Lebe« lang und wurde allmählich alt, vielleicht jo alt wie ich, wenn ich mich auch sonst ja nicht mit ihm vergleichen darf. Und wie er ganz alt, aber noch soweit bei Kräften war und alle» Wintergeschäft noch allein und ohne Hilfe tat, da kam einmal ein Jahr, das war so gut, wie zuvor und auch später nie mehr eins gewesen ist. Im Frühjahr keinen Frost, im Sommer keine Dürre, im Herbst Sonn« genug und wenig Regen. Alles gedieh ganz wunderlich, aber an, meiste« die Reben, und am herrlichsten gediehen sie im Rebberg dieses alte« Mannes. Er tat auch reichlich das seinige dazu, war früh und spät im G«. schirr und sparte keine Sorge und Mühe, bis jeden Tag alles richtig besorgt und in guter Ordnung war. Dabei sah er mit Erstaunen dem ungewöhnlichen Wachstum zu, wie mit jedem Monat Sonne und Regen und alle Witterung so ganz zur rechten Zeit da war, und wie unter dem gesunden Laub die Beeren langsam groß wurden. Im Herbst ging dann der alte Mann tagtäglich auf seinem Grundstück von Rebe zu Rebe, die hingen voll von großen, vollkommenen Trauben, und feine einzige Beere fiel vor bet Zeit vom Stiel oder wurde faul. Da betete er oft und dankte der heiliget, Jungfrau, betrachtete seine Weinstöcke andächtig, und manchmal sagte er, bei seinen hohen Jahren wäre ihm das beste, in einem solchen Wunderherbst z« sterben, denn schöner werde er doch kein Jahr mehr sehen. Das dauerte, bis die Trauben Farbe bekamen und bann allmählich anfingen, reif zu werden. Der Winzer wartete fröhlich und geduldig di« volle Reifs ab, vorher pflückte er nicht ein Beerlem weg. Aber wie e» bann soweit war, und jedermann in die Lese ging, da stieg er auch in seinen Weinberg hinauf, .beschwerlich und langsam, mit der große« Butte auf dem Rücken. Und droben nahm er zuerst fein« Kappe ab und dankte Gott und der Jungfrau. Dann suchte er sich freudig den vollsten Rebstock und an dem di« schwerste und reiffte Traube aus. Die schnitt er bedächtig ab und hob sie ins Licht. Alsdann brach er eine große, goldige Beere heraus imd kostete sie. Sie schmeckte so süß und feurig, wie ihm in feinem langen tieben keine geschmeckt hatte, und als ihn diese Süßigkeit durchdrang, hob eine geheimnisvolle Freudenkraft bett Alten in die Lüste. Er schwebte hinan, war im Lustreiche verschwunden nnb wurde nie mehr gesehen. An derselben Stelle hat man jene Kapelle erbaut und fo heißt sie „Zum Flieger". Wir nahmen dankend Abschied und gingen weiter, beide der wundersamen Herbstgeschichte nachdenkend. Nach einer Stunde, im letzten milden Abendfeuer, erreichten wir die Kapelle, standen umschauenb davor und legten vor dem Weitergehen ein paar Blumen auf die Schwelle hin. Wir sagten nichts, aber im Herzen dachten wir beide an den Flieger und taten den heimlischen Wunsch um ein so reines, köstliches Leben und um einen so süßen, leichten, gottgeschenkten Tod. Um Raffael. Von Egon F r i e d e l l. Die Geschichte der italienischen Renaissance ist in Bildern geschrieben. Die Maler haben alle Windungen des seltsamen Weges, den der öffentliche Geist dieses Landes von der Mitte des 14. bis zu der Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat, mit zartestem Verständnis und stärkster Ausdruckskraft widergespiegelt. Trotzdem wäre es gewagt, einen von ihnen als absoluten Repräsentanten des Zeitgeistes herauszugreifen: am ehesten kämen hierfür noch gewisse Sterne zweiten nnb selbst dritten Ranges in Betracht. So hat zum Beispiel P i s a n e l l o für die naive und doch schon sehr kennerische Freude am bunten Detail, die die Menschen des Quattrocento erfüllt, eine unvergleichlich reiche Sprache gefunden, und ebenso hat Beuozzo G o z z o l i die unerschöpfliche schäumende Lebenslust dieser neuen Generation, ihre jugendliche Leidenschaft für Feste, Aufzüge, Bauten, die im ganzen Dasein einen ewigen Karneval erblickt, zu rauschenden Symphonien verdichtet, während andererseits die Savonarolazeit in den kargen, aszetischen und vergeistigten und dabei doch stets liebenswürdigen, milden und lächelnden Gestalten H e rügt n o s ein ergreifendes Denkmal erhalten hat und in einem Künstler wie Giovanantonio B a z z i, der in der Kunstgeschichte unter dem bezeichnenden Namen S o d o m a fortlebt, das Ueberblühen der Renaissance, ihre raffinierte sybaritische Sinnlichkeit, die bis zur Verworfenheit und Perversität fortschreitet, eine höchst charakteristische Ausprägung findet. Aber wenn man von der Renaissance spricht, denkt niemand an dergleichen Namen. Es ist längst zur feststehenden Tradition geworden, Michelangelo, Lionardo und Raffael den unbestrittenen Herrscherprimat, gleichsam das Triumvirat zuzugestehen. Raffael hat sein Zeitalter auf die vollkommenste Weise repräsentiert, und zwar — ein merkwürdiger Fall — nicht etwa, weil er eine so besonders hervorstechende, scharf profilierte, überragende, eigenwillige Persönlichkeit gewesen wäre, sondern vielmehr gerade durch seinen Mangel an Persönlichkeit, der es ihm ermöglichte, ganz ausnehmendes Medium, ganz Spiegel zu "sein, alle Strahlen, die ihn trafen, zu fassen und wieder zurückzuwerfen. Raffaels Werk ist die sorgfältige, klare, vollständige und schöne, ja sogar allzuschöne Niederschrift des Cinquecento und — da das Cinquecento eben doch in gewissem Sinne die Vollendung, die stärkste und konzentrierteste Auswirkung des Renaissancewillens ist — eigentlich die Essenz der ganzen italienischen Renaissance. Aus dieser Mischung außerordentlicher und nichtssagender Qualitäten erklärt es sich auch, daß über ihn stets die größte Meinungsverschiedenheit geherrscht hat. Sein Werk ist ein unvergleichlicher Querschnitt und Durchschnitt durch seine Zeit, und zu diesem Zwecke war es ganz unerläßlich, daß er selber nicht mehr als ein Durchschnittsmensch war; da aber diese Zeit voll Größe, Glanz und Reichtum mar, so ist es ebenso natürlich, daß von ihm, der dies alles in sich eingetrunken hatte, Größe, Reichtum und unverlierbarer Glanz auf die Nachwelt zurückstrahlt. Schon Michelangelo hat von Raffael gesagt, er sei nicht durch sein Genie, sondern durch seinen Fleiß soweit gekommen. Und derselbe Michelangelo leitete eine neue Aera ein, in der eine vollkommene Abwendung von Raffael stattfand: die des Barock, deren wichtigste Leistung die Auflösung der starren Linie war, und der daher Raffael, der Meister der Kontur, nichts zu sagen hatte. In der Tat hat Bernini, der Diktator dieser Stilperiode, vor der Nachahmung Raffaels geradezu gewarnt. Ader auch im Zeitalter Ludwigs XIV., das bereits wieder eine Rückkehr zum Klassizismus vollzog, wurde der Hofmaler Lebrun höher gestellt als Raffael. Als die sixtinische Madonna nach Dresden gebracht wurde, ließ August II. sie im Thronsaal aufstellen und sagte zu den Hofbeamten, die außer Fassung darüber gerieten, daß der Thron dem Bilde weichen sollte: „Platz für den großen Raffael!" Und dennoch erklärten die damaligen Dresdner Kunstautoritäten, das Kind auf dem Arme der Madonna habe etwas Gemeines, und [ein Gesichtsausdruck fei verdrießlich. Und noch im 19. Jahrhundert behauptete man, die Engel auf dem Bilde habe ein Schüler hineingemalt. Boucher gab einem [einer Jünger, der nach Rom reifte, den Rat, sich nicht allzuviel mit dem Studium Raffaels abzugeben, der trotz feines Rufes „un peintre bien triste" fei. Daß Winckelmann von Raffael [ehr eingenommen war, ist begreiflich; aber gleichwohl zweifelte er keinen Augenblick, daß fein Freund Raffael Mengs größer fei als Raffael Santi. Beim Anbruch des 19. Jahrhunderts hatte es freilich eine Zeitlang den Anschein, als sollte Raffael die absolute Hegemonie in der Malerei zufallen. Wenigstens konnten die Nazarener, die damals in einem gewissen Grade tonangebend waren, sich in seinem Lobe nicht genug tun. Aber steht man näher zu, so bemerkt man, daß der Raffael, den diese begeisterten jungen Männer so überschwenglich priesen, gar nicht der eigentliche Raffael war; sondern wenn sie von ihm sprechen, so meinen sie immer nur den Raffael der vorrömischen Periode: die Bilder, die er matte, als er in den Vollbesitz seiner Meisterschaft gelangt war, erscheinen ihnen bereits als Verfall. Die Nazarener und die mit ihnen verwandten Romantiker sind es auch gewesen, die jene zähe Legende von Raffael, dem edeln unschuldsvollen Jüngling geschaffen haben, der wie ein Nachtwandler durchs Leben schritt, alle seine Schöpfungen einer mühelosen überirdischen Inspiration verdankte und die vollkommene Naivität eines begnadeten Kindes besaß: also gerade bas Gegenteil von dem gewesen fein [oll, was Michelangelo behauptet hatte unb was der Wirklichkeit entsprach. Dann aber tarnen bie Präraffaleliten, bie den Höhepunkt ber italienischen Kunst in die Periode vor Raffael verlegten unb in diesem nur einen kalten seelenlosen Virtuosen erblickten. Ihr Wortführer war Ruskin, für den Raffael ber Inbegriff der teeren unwahren Eleganz ist. Man sieht also, daß es niemals ’n Kennern gefehlt hat, bie mit Vela [ quez sagen konnten: „Um die Wahrheit zu gestehen: Raffael gefällt mir gar nicht." Das Jahr 1517 ist jedermann bekannt als das Geburtsjahr der Reformation, in dein Luther seine fünfundneunzig Thesen an die Schlohkirche zu Wittenberg nagelte. In demselben Jahre malte Raffael seine Sixtinische Madonna, an die jedermann denkt, wenn ber Name Raffael genannt wirb. Und um dieselbe Zeit schrieb der Gras Balthasar C a st i g l i o n e seinen „Cortegiano", jenes Werk, das man eine Art Renaissancebibel nennen könnte. Es ist ber Knigge jener Tage, sein Held ist ber Gentleman, wie bie bamalige Zeit sich ihn dachte: gewandt, würdig, repräsentativ, jeder Lebenslage voll Takt gewachsen und darin dem heu- tigen Gentleman ähnlich; aber er ist ein Gentleman voll Grazie, Heiterkeit und Unbeschwertheit. Diesen vollendeten Kavalier, um den alle Reize versammelt sind, den Geliebten der Fürsten, ber Frauen unb ber Götter hat Raffael gemalt unb hat Raffael gelebt. So schreitet fein Bild durch vier Jahrhunderte. Aber ber Götterliebling Raffael hat, wenigstens für unser Sehens« gefiihl, einen großen Mangel. Götterlieblinge sind nämlich fad. Raffael gibt keine Probleme auf: bas ist der Haupteinwand gegen ihn. In seinem wunderschönen Buch „Das Leben Raffaels" sagt Hermann Grimm: „Raffael will nichts. Seine Werke sind sofort verständlich. Er schafft absichtslos wie die Natur. Eine Rose ist eine Rose: nichts mehr unb nichts weniger; Nachtigallengesang ist Nachtigallengesang, keine Geheimnisse finb da noch weiter zu ergründen. So auch finb Raffaels Werke frei von persönlicher Zutat, bei ihm fehlt auch ben erschütterndsten Dingen alle persönliche Besonderheit, als seien eigene Erlebnisse des Künstlers hineingearbeitet worben, seine Persönlichkeit brängt sich nirgends vor." Wir fragen uns unwillkürlich: schön und sonst nichts? Mit einem echten Kunstwerk muh man irgend etwas anfangen können. Aber war es nicht einer der vollkommensten Maler, die je gelebt haben? Zweifellos; wir betrachten ihn hier jedoch gar nicht als Maler, sondern als Kulturbegriff, wie es uns ja auch nicht einfallen könnte, in einem solchen Zusammenhang etwa Napoleon als Strategen oder Luther als Theologen zu betrachten. Und dann: die Vollkommenheit Raffaels ist cs ja gerade, die ihn uns so fern, so fremd unb stumm macht. „Das Unzulängliche ist probuktiv" lautet einer ber tiefsten Ausspruche Goethes. Alles Ganze, Vollendete ist eben vollendet, fertig unb daher abgetan, gewesen. Wollten mir das Ganze zusammenfassen, so könnten wir sagen, daß es eben zwei Arien von Genies gibt: die Besonderen, Einmaligen, Isolierten, bie großen Solitäre, deren Größe gerade darin besteht, daß sie ein Unikum, eine zeitlose unb überlebensgroße Ausnahme barstellen. Unb bann gibt es auch solche, bie bas Fühlen unb Denken aller Welt barstellen; aber so zusammengefaht, verdichtet unb leuchtenb, baß ein ewiger Typus daraus wirb; unb zu diesen hat Raffael gehört. Dies meint wohl auch Hermann Grimm, wenn er über ihn sagt: „Er hat etwas entzückend Mittelmäßiges, Gewöhnliches. Ms könne jeder so sein wie er. Er steht jedem nahe, ist jedermanns Freund und Bruder; keiner suhlt sich geringer neben ihm. Seine süßen Frauenantlitze, seine klaren Figurcn- anorbnungeit, seine Hellen und kräftigen Farbenharmonien versteht jeher. Er ist io, wie man sich einen Maler vorstellt. Raffael spricht zu jedermann. Aber eben deshalb spricht er eigentlich zu niemand." 3n der SchrUe der Wüstenkönige und Poiarbüren. Gespräche mit Dompteuren. Von Fritz Löwe. Wie wenige, bie bei rauschender Musik in lichtüberslutetem Zirkus den aufregenden Vorführungen von Raubtiergruppen beiwohnten, haben sich jemals darüber Gedanken gemacht, wie eigentlich derartige staunen- erregende Dressurnummern zustandekommen. Man fragt sich, wie es überhaupt möglich ist, diese wilde Bestien so weit zu bringen, daß |ic als gewandte Artisten durch brennende Reisen fpringen, Rutschbahnen herab saufe», sich schaukeln, auf Fässern laufen, Hürden nehmen und dergleichen mehr. Da ist es denn von Interesse, einmal einen Blick in bie geheimnisvolle Welt hinter die Kulissen des Zirkus zu werfen und den Dompteur in feiner eigentlichen Wirkungsstätte, in der Dressuvwerkstatt, zu beobachten. _ „ , , Mit Verwunderung sieht man, daß die Dompteure von Rus ohne Peitsche, ohne Gabel, Spitzeisen und Revolver arbeiten. Mit Staunen sieht man, daß man mit Schlägen unb roher Gewalt Raubtiere niemals zum Gehorsam zwingen kann, sondern nur mit Güte und unendlicher Geduld. Die Hauptsache bei der Dressur bleibt das Erfassen des Tiercharakters und das Talent, die Raubtiere an die Person und bie Stimme des Dompteurs zu gewöhnen. Fester Wille, Energie und Mut finb Vorbedingungen für den schweren Beruf des Dompteurs, denn die Raubtiere lauern unaufhörlich auf jede Blöße ober Schwäche, die [ich ber Dompteur gibt. Ein Tierbändiger darf während der Dressur und Vorführung niemals unpäßlich fein. Was ihm auch körperlich fehlt, welche Sorge [ein Gemüt bedrückt — im Augenblick, wenn er in ber Manege feinen vierbeinigen Schülern gegenübertritt, muß fein Wille eifern werben und über jede Schwäche siegen. Die Raubtiere würden es sofort merken, wenn es dem Dompteur auch nur für Augenblicke an der gewohnten Festigkeit fehlte. In der Behandlung ber Tierpsyche lernt der Dompteur niemals aus. So kann man die Stimmung bei Löwen viel leichter erkennen als bet Polarhären, deren Charakter immer unberechenbar bleibt. Kommt es doch vor, daß ein eben noch gut gelaunter Eisbär sich urplötzlich auf ben Dompteur stürzt unb ihn in große Gefahr bringt. Da heißt es, kaltes Blut bewahren und dem frechen Burschen zur rechten Zeit einen wosst- gezielten Hieb auf die richtige Stelle versetzen. Ein Raubtier bleibt schließlich immer ein Raubtier mit allen wilden Instinkten desselben. Trotzdem ist es nur mit Liebe, niemals durch Roheit zu erziehen. Alan glaube ja nicht, daß bas in der Gefangenschaft geborene Raubtier weniger gefährlich sei als das aus der Wildnis kommende. Im Gegenteil, dieses bietet bessere Dressurchancen, weil cs vor dem Dompteur mehr Respekt hat als das in Gefangenschaft ausgewachsene Tier, das den Menschen schon zu gut kennt. Re- die sfael tarne jafar Re. d ist rdig, Heu» ritcr- keize iötter durch dcns- iffael inem imm: t ab» lichts : sind per« per» nein- Wir iunsk» gelebt Italer, te, in oder enheit nacht, milche daher , bay , 3fo» ah sie teilen. Welt h ein Dies etwas ne er. fühlt guten« jeder, jeder- Der Jwerg Nase. Von Wilhelm i) auff. (Fortsetzung.) (£s war ein ziemlich entlegener Teil der Stadl, wohin ihn die Alte geführt hatte, und er konnte sich kaum aus den engen Gassen heraus- fchden, auch war dort ein großes Gedränge; denn es mußte sich, wie chm dünkte gerade in der Nähe ein Zwerg sehen lassen; überall horte er rufen:'„Ei, sehet den häßlichen Zwerg! Wo kommt der Zwerg her? Ei. was hat er doch für eine lange Nase, und wie ihm der Kopf m den Schultern steckt, und die braunen, häßlichen Hande!, Zu emer andren Zeit wäre er wohl auch nachgelaufen, denn er lah für fern Leben ge»n Riesen und Zwerge oder seltsame fremde Trachten; aber so muhte er sich SgaTäÄ'umte, als er aus den Markt kam Die Mutter sah noch da und hatte noch ziemlich viele Fruchte im Korb, lange konnte er also nicht geschlafen haben; aber doch kam es ihm von weitem schon vor als sei sie sehr traurig; denn sie rief tue Borubergehendeniucht an einAu'taufen, sondern hatte den Kops in die Hand geftufet, und als er näher täm glautie er auch, sie sei bleicher als sonst Er zauderte was er tun oll e- endlich faßte er ich ein Herz, schlich suh hmter s,e hin, legte traulich seine Hand auf ihren Ann und sprach: „Mütterchen, was fehlt blVBk Stau wandte sich um nach ihm, fuhr “per mit V6 Entsetzens zurück: „Was willst du von mir, häßlicher Zwerg, rief sie. »nrH ctj) tatm dergleichen Possenspiel nicht leiden. Aber Mutter was hast du denn?" fragte Jakob ganz erschrocken. „Di^ist gewiß nicht w»hH warum willst du denn deinen Sohn von dir >a9cnZ' bQbe dir schon gesagt, gehe deines Weges!" entgegnete Frau Han'ne^zürnend. „Bei mir verdienst du kein Geld durch deine Gaukeleien, ^^Wahchaftä^Gott hat ihr das Licht des Verstandes geraubt!'- sprach der Meine ^b ekümmert zu sich; „was sänge ich nur an, um ße'nach Haus zu bringen? Lieb Mütterchen, so sei doch nur vernünftig, sieh mich doch -5S Ti*“ i*Ä'; *-» ,*K Nachbarin zu- seht nur den häßlichen Zwerg da, da steht er und vertreibt grfef SSÄiÄÄ'KÄer fd-alten ibn daß er des Unglücks der armen Hanne spotte, der vor sieben Jahren ihr' bildschöner Knabe gestohlen worden sei, und drolsteii. iw-« gesamt über ihn herzufallen und ihn zu zerkratzen, wenn er nicht alsobald ginge. „Wie beurteilen Sie die Intelligenz der Löwen? — „Klug und ge= Ichrig sind meine Löwen, daran ist nicht zu zweifeln. Wenn z. B. des Abends in der Vorstellung die Musiker ihre Instrumente stimmen wenn der Carmenniarsch ertönt, bei dessen Klangen die Löwen ihren Einzug in die Manege halten, wenn ich mich m der Galauniform, die ich abends trage, dem Käsig nähere, wissen die klugen Burschen ganz genau, daß nun Glauben S^tt an eine Dressur der Raubtiere in der Hypnose?" — An eine derartige Dressur glaube ich nicht. Ich mochte keinem Dompteur raten die.Dressur in^är Hypnose zu probieren. Er würde sick)erl.ch nicht echattm sich Löwen bei Filmaufnahmen?" — „Beim Scheine der Jupiterlampen bleiben die Löwen meistens ruhig. M«r für den Dompteur besteht boapelte Gefahr. Einerseits werden die -tert, durch das austlainmende grelle Licht mitunter doch etwas nervös, andererseits wird der Dompteur selbst auf Momente geblendet, so daß er die -owen nicht immer richtig beobachten kann. Q, . ■„ .-.hriaens Sie Vorführung fertiger Raubtiergruppen tm Zirkus ist uviigens riickt das Allerschwerste meines Berufes. Wohl aber die Zeit der Dresfrw, bis man mit unendlicher Geduld und Energie die -Liere so west gebracht hat d^ß sie zu einer vorführfähigen Gruppe vereinigt werden können ,<:Xnfpnh 9ft t n t c v dsr b^Bduniß ^olotbäreivIDoinpteut’, wur von Beruf Rteuck-er Mit 26 Jahren wurde er Wärter in Mena gen en, hat, angelpannt «ul lm-da-n W«M« »«!'<« und führte vor 25 Jahren als Debüt -den „Löwen zu Pstrdi vor. -er Ich habe zwei bekannte Dompteure an der Statte ihrer Wirksamkeit aufaesucht und mit ihnen über ihren gefährlichen Beruf gepimpert. Mihrend die goldgelben Löwen und schneewechen Polarbaren ruhelos . hmter den Gittern ihrer Käfige dahinfchlichen, wildes Gebrull den Z rkus erschütterte, die Wärter mit riesigen, auf Gabeln OTPtefiten WWuta „on Käfig zu Käfig eilten, aus der Manege em flotter Marsch heruber- Hang, lauschte ich den interessanten Aiisführungen dieser tapferen und baß sie bahnen id der» in die nd den -rkstatt, f o hne Staunen liemals ndlicher 5 Tier» Stimme d Bor» lubtierc impteur niemals Gemüt (einigen er jede es dem t fehlte, ils aus« als bei es doch mf den ,, kaltes 1 wohl» • bleibt isfelben. n. Man roeniger l, dieses Respekt ircufchen Dompteur äußerte sich über Wesen und Mechoden, seiner Dressur fti« gendermaßen: „Die von mir vorge,uhrten Polarbaren habe ich ! AM dressiert. Bei der Fütterung bin ich stets zugegen, weiß N°n°u was urtb wieviel der einzelne Bär meiner Gruppe erhalt. Emer frist haftig der andere zu langsam. Da heißt es, die Tiere voneinander absondern, damit jedes den für ihn bestimmten Teil erhält. ... Die Eisbären sind, ob jung ober alt, Ruppfacke. Alte Eisbären sind nur schwer zu dressieren. Am meisten Erfolg hat man bet Baren bis »um Alter von zwei Jahren. Niemals darf man sie w der Schule der Dressur triezen und schikanieren. Ein gutes Wort, em Stückchen Zucker tun öa Wunder. Ich arbeite nach keiner bestimmten Dressurmethode. Die Hauptsache bleibt, jedem Tier auf leichteste Weife, ohne es unnötig anzu» strengen, das für seine Natur Passende beizubringen. Man muß es m Gefühl haben, wie man die einzelnen Bären behandelt. Dann wird auch alles klappen. Vor allem darf man die Dressur niemals übertreiben, damit der Eisbär die Luft an der Arbeit nicht verliert. Ich muß mit meinen Tieren wie verwachsen sein. Darf sie nicht reizen, »och schlagen. Dann und wann ein kleiner Klaps genügt vollkommen. Gefährlich bleibt der Beruf natürlich stets. Aber die Gefahr liegt meistens dort, wo das Publikum es gar nicht ahnt. Man muh eben scharf aufpassen und di« ’S* 8er «Mim der KMM schlechter irgendwie bemerkbar?" — „Es liegt hier cchnllch ivie beim Menschen. Es gibt unter den Eisbären Lämmer von Männchen, ~eufd ^".Jodmch beherrschen Sie die Eisbären?" - „Nicht mit. deri Augen noch weniger mit .Schlägen, wie vielfach angenommen wird. Ich muß das Verttauen meiner Bären gewinnen. Sie ahnen instinktiv, wer es mit i ihni lan uni bla seir mei eifli auf unk nick Nei We daß dies ihr Sohn sein könne. Endlich hielt sie es fürs beste, mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Sie raffte also ihre Körbe zusammen und hieß ihn mitgehen. So kamen sie zu der Bude des Schusters. „Sieh einmal," sprach sie zu diesem, „der Mensch da will unser verlorner Jakob sein. Er hat mir alles erzählt, wie er uns vor sieben Jahren gestohlen wurde, und wie er von einer Fee bezaubert worden sei." „Lasset mich in Ruhe, ich hab' keinen im Bermögen; meine Frau hat ein Spiegelchen, ich weiß aber nicht, wo sie es verborgen. Müßt Ihr aber durchaus in den Spiegel gucken, nun, über der Straße hin wohnt Urban der Barbier, der hat einen Spiegel, zweimal so groß als Euer Kops' gucket dort hinein, und indessen guten Morgen!" Mit diesen Worten schob ihn der Vater ganz gelinde zur Bude hinaus, schloß die Türe hinter ihm zu und setzte sich wieder zur Arbeit. Der Kleine aber ging sehr niedergeschlagen über die Straße zu Urban, dem Barbier, den er noch aus früheren Zeiten wohl kannte. „Guten Morgen, Urban," sprach er zu ihm, „ich komme. Euch um eine Gefälligkeit zu bitten; seid so gut und lasset mich ein wenig in Euren Spiegel schauen!" „Mit Vergnügen, dort steht er", ries der Barbier lachend, und sein« Kunden, denen er den Bart scheren sollte, lachten weidlich mit. „Ihr seid ein hübsches Bürschchen, schlank und sein, ein Hälschen wie ein Schwan, Händchen wie eine Königin und ein Stumpfnäschen, man kann es nicht schöner sehen. Ein wenig eitel seid Ihr darauf, das ist wahr; aber b«. schauet Euch immer! Man soll nicht von mir sagen, ich habe Euch au» Reid nicht in meinen Spiegel schauen lassen." So sprach der Barbier, und wieherndes Gelächter füllte die Bader- stube. Der Kleine aber war indes vor den Spiegel getreten und hatte sich beschaut. Tränen traten ihm in die Augen. „Ja, so konntest du freilich deinen Jakob nicht wiedererkennen, liebe Mutter," sprach er zu sich, „so war er nicht anzuschauen in den Tagen der Freude, wo du gerne mit ihm prangtest vor den Leuten!" Seine Augen waren klein geworden, ei« die der Schweine, seine Rase war ungeheuer und hing über Mund und Kimi herunter, der Hals schien gänzlich weggenommen worden zu fein, denn sein Kopf stak tief in den Schultern, und nur mit den g.igt-n Schmerzen konnte er ihn rechts und links bewegen; sein Körper war noch so groß als vor sieben Jahren, da er zwölf Jahre alt war; aber wenn andere vom zwölften bis ins zwanzigste in die Höhe wachsen, so wuchs er in die Breite, der Rücken und die Brust waren weit ausgebogen und waren anzusehen wie ein kleiner, aber sehr dick gefüllter Sack; dieser dick« Oberleib saß auf kleinen, schwachen Beinchen, die dieser Last nicht ge- wachsen schienen; aber um so größer waren die Arme, die ihm am Leib herabhingen, sie hatten die Größe wie die eines wohlgewachsenen Mannes; seine Hände waren grob und braungelb, seine Finger lang und spinnenartig, und wenn er sie recht ausstreckte, konnte er damit aus den Boden reichen, ohne daß er sich bückte. So sah er aus, der kleine Jakob. Jetzt gedachte er auch jenes Morgens, an welchem das alte Weib an die Körbe seiner Mutter getreten war. Alles, was er damals an ihr getadelt hatte, di« lange Rase, di« häßlichen Finger, alles hatte sie ihm an- getan, und nur den langen, zitternden Hals hatte sie gänzlich weggelasien. „Nun, habt Ihr Euch jetzt genug beschaut, mein Prinz?" sägte der Barbier, indem er zu ihm trat und chn lachend betrachtete. „Wahrlich, wenn man sich dergleichen träumen lassen wollte, so komisch könnte es einem im Traums nicht vorkommen. Doch ich will Euch einen Vorschlag machen, kleiner Mann. Mein Barbierzimmer ist zwar sehr besucht, aber doch seit neuerer Zeit nicht so, wie ich wünsche. Das kommt daher, weil man Nachbar, der Barbier Schaum, irgendwo einen Riesen aufgefunden hat, der ihm die Kunden ins Haus lockt. Nun, ein Riese zu werden, ist gerade keine Kunst; aber so ein Männchen wie Ihr, ja, das ist schon ein ander Ding. Tretet bei mir in Dienst«, kleiner Mann, Ihr sollt Wohnung, Essen, Trinken, Kleider, alles sollt Ihr haben; dafür stellt Ihr Euch morgens unter meine Tür und ladet die Leute ein, hereinzukommen; Ihr schlaget den Seifenschaum, reichet den Kunden das Handtuch und seid »er- sichert, wir stehen uns beide gut dabei; ich bekomme mehr Kunden als jener mit dem Riesen, und jeder gibt Euch gerne noch ein Trinkgeld." Der Kleine war in feinem Innern empört Über den Vorschlag, als Lockvogel für einen Barbier zu dienen. Aber mußte er sich nicht diesen Schimpf geduldig gefallen lassen? Er sagte dem Barbier daher ganz ruhig, daß er nicht Zeit habe zu dergleichen Diensten, und ging weiter. Hatte das böse alte Weib seine Gestalt unterdrückt, so hatte sie doch feinem Geist nichts anhaben können, das fühlte er wohl; denn er dachte und fühlte nicht mehr, wie er vor sieben Jahren getan; nein, er glaubte in diesem Zeitraum weiser, verständiger geworden zu sein; er trauerte nicht um seine verlorene Schönheit, nicht über diese häßliche Gestalt, sondern nur darüber, daß er wie ein Hund von der Türe feines Vaters gejagt werde. Darum beschloß er, noch einen Versuch bei feiner Mutter zu machen. Er trat zu ihr auf den Markt und bat sie, ihm ruhig zuzuhören. Er erinnerte sie an jenen Tag, an welchem er mit dem alten Weibe gegangen, er erinnerte sie an alle einzelnen Vorfälle seiner Kindheit, erzählte ihr dann, wie er sieben Jahre als Eichhörnchen gedient hab« bei der Fee, und wie sie ihn verwandelte, weil er sie damals getadelt. Die Frau des Schusters wußte nicht, was sie denken sollte. Alles traf zu, was er ihr von feiner Kindheit erzählte; aber wenn er davon sprach, daß er sieben Jahre lang ein Eichhörnchen gewesen sei, da sprach sie: „Es ist unmöglich, und es gibt keine Feen", und wenn sie , ihn ansah, so verabscheute sie den häßlichen Zwerg und glaubte nicht, „So?" unterbrach sie der Schuster im Zorn. „Hai er dir dies erzählt? Warte,, du.Range! Ich habe ihm alles erzählt noch vor einer Stunde, und jetzt geht er hin, dich zu foppen! Bezaubert bist du worden, mein Söhnchen? Warte doch, ich will dich wieder entzaubern." Dabei nahm er ein Bündel Riemen, die er eben zugeschnitten hatte, sprang auf den Kleinen zu und schlug ihn auf den hohen Rücken und auf die langen Arme, daß der Kleine vor Schmerz aufschri« und weinend davonlief. (Fortsetzung folgt.) Der arme Jakob wußte nicht, was er von diesem allem denken sollte. , War er doch, wie er glaubte, heute früh wie gewöhnlich mit der Mutter ’ auf den Markt gegangen, hatte ihr die Früchte aufstellen helfen, war nachher mit dem alten Weib in ihr Haus gekommen, hatte ein Süppchen verzehrt, ein kleines Schläfchen gemacht und war jetzt wieder da, und doch I sprachen die Mutter und die Nachbarinnen von sieben Jahren! Und sie | nannten ihn einen garstigen Zwerg! Was war denn nun mit ihm gegangen? — Als er sah, daß die Mutter gar nichts mehr von ihm I den Laden trat. „Wie gehts es Euch?" „Schlecht, schlecht, kleiner Herr!" antwortete der Vater zu Jakobs großer Verwunderung; denn er schien ihn auch nicht zu kennen. „Das Geschäft will mir nicht mehr von der Hand. Bin so allein und werde jetzt alt; und doch ist mir ein Geselle zu teuer." „Aber habt Ihr denn kein Söhnlein, das Euch nach und nach an die Hand gehen könnte bei der Arbeit?" forschte der Kleine weiter. „Ich hatte einen, er hieß Jakob und müßte jetzt ein schlanker, ge- ' wandter Bursche von zwanzig Jahren sein, der mir tüchtig unter die ; Arme greifen könnte. Ha, das müßte ein Leben sein! Schon als er zwölf i Jahr« alt war, zeigte er sich so anstellig und geschickt und verstand schon ; manches vom Handwerk, und hübsch und angenehm war er auch; der ■ hätte mir eine Kundschaft hergelockt, daß ich bald nicht mehr geflickt, i sondern nichts als Neues geliefert hätte! Aber so gehl's in der Welt!" „Wo ist denn aber Euer Sohn?" fragte Jakob mit zitternder Stimme seinen Vater. „Das weiß Gott," antwortete er; „vor sieben Jahren, ja, so lange ist's jetzt her, wurde er uns vom Markte weggestohlen." „Vor sieben Jahren!" rief Jakob mit Entsetzen. „Ja, kleiner Herr, vor sieben Jahren; ich weiß noch wie heute, - wie mein Weib nach Hause kam, heulend und schreiend, das Kind sei den ! ganzen Tag nicht zurückgekommen, sie habe überall geforscht und gesucht ! und es nicht gefunden. Ich habe es immer gedacht und gesagt, daß es so , kommen würde; der Jakob war ein schönes Kind, das muß man sagen; ! da war nun meine Frau stolz auf ihn und sah es gerne, wenn ihn die i Leute, lobten, und schickte ihn oft mit Gemüse und dergleichen in vor- \ nehme Häuser. Das war schon recht; er wurde allemal reichlich beschenkt; i aber, sagte ich, gib acht! die Stadt ist groß; viele schlechte Leute wohnen * da, gib mir auf den Jakob acht! Und so war es, wie ich jagte. Kommt ; einmal ein altes, häßliches Weib auf den Markt, feilscht um Früchte und I Gemüse und kauft am Ende so viel, daß sie es nicht selbst tragen kann, j Mein Weib, die mitleidige Seele, gibt ihr den Jungen mit und — hat > ihn zur Stunde nicht mehr gesehen." „Und das ist jetzt sieben Jahre, sagt Ihr?" ’ „Sieben Jahre wird es im Frühling. Wir ließen ihn ausrufen, wir gingen von Haus zu Hans und fragten ; manche hatten den hübschen Jungen gekannt und liebgewonnen und suchten jetzt mit uns — alles vergeblich. Auch die Frau, welche das Gemüse getauft hatte, wollte niemand kennen; aber ein steinaltes. Weid, die schon neunzig Jahre gelebt hatte, s sagte, es könne wohl die döse Fee Kräuterweis gewesen sein, die alle fünfzig Jahre einmal in die Stadt komme, um sich allerlei einzukaufen." So sprach Jakobs Vater und klopfte dabei seine Schuhe weidlich und zog den Draht mit beiden Fäusten weit hinaus. Dem Kleinen aber wurde es nach und nach klar, was mit ihm vorgeganaen, daß er nämlich nicht geträumt, sondern daß er sieben Jahre bei der bösen Fee als Eichhörnchen gedient habe. Zorn und Gram erfüllt« sein Herz so sehr, daß es beinahe zersprengen wollte. Sieben Jahre seiner Jugend hotte ihm di« Alt« gestohlen, und was hatte er für Ersatz dafür? Daß er Pantoffel von Kokosnüssen blank putzen, daß er ein Zimmer mit gläsernem Fußboden rein machen konnte! Daß er von den Meerschweinchen alle Geheimnisse der Küche gelernt hatte! Er stand eine gute Wette so da und dachte über fein Schicksal noch; do fragte ihn endlich fein Vater: „Ist Euch vielleicht etwas von meiner Arbeit gefällig, junger Herr? Etwa ein Paar neue Pantoffel oder", setzte er lächelnd hinzu, „vielleicht ein Futteral für Eure Nase?" „Was wollt Ihr nur mit meiner Nase?" fragte Jakob, „warum sollte ich denn ein Futteral dazu brauchen?" „Nun," entgegnete der Schuster, „jeder nach seinem Geschmack! Aber das muß ich Euch sagen: hätte ich diese schreckliche Nase, ein Futteral ließe ich mir darüber machen von rosenfarbigem Glanzleder. Schaut, da habe ich ein schönes Stückchen zur Hand; freilich würde man eine Elle wenigstens dazu brauchen. Aber wie gut wäret Ihr verwahrt, kleiner Herr! So, weiß ich gewiß, stoßt Ihr Euch an jedem Türpfosten, an jedem Wagen, dem Ihr ausweichen wollet." Der Kleine stand stumm vor Schrecken; er belastete feine Nase — sie war dick und wohl zwei Hände lang! So hatte also die Alte auch feine Gestalt verwandelt; darum kannte ihn also die Mutier nicht, darum schalt s man ihn einen häßlichen Zwerg! „Meister," sprach er halb weinend zu ; dem Schuster, „habt Ihr keinen Spiegel bei der Hand, worin ich mich i beschauen könnte?" ' s „Junger Herr," erwiderte der Vater mit Ernst, „Ihr habt nicht ge- ' rode eine Gestalt empfangen, die Euch eitel machen könnte, und Ihr habt '■ nicht Ursache, alle Stunden in den Spiegel zu gucken. Gewöhnt es Euch ab, es ist besonders bei Euch eine lächerliche Gewohnheit." -,2lch, so laßt mich doch in den Spiegel schauen," rief der Kleine, „gewiß, es ist nicht aus Eitelkeit!"