SiehenerZaimIienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1927 Samstag, den 15. Oktober Nummer 82 Kartoffellied. Von Matthias Claudius. Pasteten hin, Pasteten her, Was kümmern uns Pasteten? Die Kumme hier ist auch nicht leer, Und schmeckt so gut als banne chere Von Fröschen und von Kröten. Und viel Pastet und Leckerbrot Verdirbt nur Blut und Magen. Die Köche kochen lauter Not, Sie kochen uns viel eher tot: Ihr Herren, laßt euch sagen! Schön rötlich die Kartoffeln sind Und weiß wie Alabaster! Sie dann sich lieblich und geschwind Und sind für Mann und Frau und Kind Ein rechtes Magenpslaster. Die Stadt. Von Hermann Hesse. ,Ks geht vorwärts!" rief der Ingenieur, als auf der gestern enge legten Schienenstrecke schon der zweite Eisenbahnzug voll Menschen, Kohlen, Werkzeugen und Lebensmitteln ankam. Die Prärie glühte leise im gelben Sonnenlicht, blaudunstig stand am Horizont das hohe Waldgebirge. Wilde Hunde und erstaunte Präriebüffel sahen zu, wie in der Einöde Arbeit und Getümmel anhob, wie im grünen Lande Flecken von Kohlen und von Asche, von Papier und von Blech entstanden. Der erste Hobel schrillte durch das erschrocken« Land, der erste Flintenschuß donnerte auf und verrollte am Gebirge hin, der erste Ambos klang helltönig unter raschen Hammerschlägen auf. Ein Haus aus Blech entstand, und am nächsten Tage eines aus Holz, und andere, und täglich neue, und bald auch steinerne. Die wilden Hunde und Büffel blieben fern, die Gegend wurde zahm und fruchtbar, es wehten schon im ersten Frühjahr Ebenen voll grüner Feldfrucht, Höfe und Ställe und Schuppen ragten daraus aus, Straßen schnitten durch die Wildnis. Der Bahnhof wurde fertig und eingeweiht, und das Regierungsgebäude, und die Bank, mehrere kaum um Monate jüngere Schwester- städts erwuchsen in der Nähe. Es kamen Arbeiter aus aller Welt, Bauern und Städter, es kamen Kaufleute und Advokaten, Prediger und Lehrer, es wurde eine Schule gegründet, drei religiöse Gemeinschaften, zwei Zeitungen, Im Westen waren Erdölguellen gefunden, es kam großer Wohlstand in die junge Stadt. Noch ein Jahr, da gab es schon Taschendiebe, Zuhälter, Einbrecher, ein Warenhaus, einen Alkoholgegnerbund, einen Pariser Schneider, eine bayerische Bierhalle. Die Konkurrenz der Nebenstädte beschleunigte das Tempo. Nichts fehlte mehr, von der Wahlrede bis zum Streik, vom Kinotheater bis zum Spiritistenverein. Man konnte französischen Wein, norwegische Heringe, italienische Würste, englische Kleiderstoffe, russischen Kaviar in der Stadt haben. Es kamen schon Sänger, Tänzer und Musiker zweiten Ranges auf ihren Gastreisen in den Ort. Und es kam auch langsam die Kultur. Die Stadt, welche anfänglich nur eine Gründung gewesen war, begann eine Heimat zu werden. Es gab hier eine Art, sich zu grüßen, eine Art, sich im Begegnen zuzunicken, die sich von den Arten in anderen Städten leicht und zart unterschied. Männer, die an der Gründung der Stadt Teil gehabt yatten, genossen Achtung und Beliebtheit; ein kleiner Adel strahlte von ihnen aus. Ein junges Geschlecht wuchs auf, dem erschien die Stadt schon als eine alte, beinahe von Ewigkeit stammende Heimat. Die Zeit, da hier der erste Hammerschlag erschollen, der erste Mord geschehen, der erste Gottesdienst gehalten, die erste Zeitung gedruckt worden war, lag ferne in der Vergangenheit, war schon Geschichte. Die Stadt hatte sich zur Beherrscherin der Nachbarstädte und zur Hauptstadt eines großen Bezirkes erhoben. An breiten, heiteren Straßen, wo «inst neben Aschenhaufen und Pfüßen die ersten Hütten aus Brettern Md Wellblech gestanden hatten, erhoben sich ernst und ehrwürdig Amtshäuser und Banken, Theater und Kirchen, Studenten gingen schlendernd zur Universität und Bibliothek, Krankenwagen fuhren leise zu den Kliniken, der Wagen eines Abgeordneten wurde bemerkt und begrüßt, in zwanzig gewaltigen Schulhäusern aus Stein und Eisen wurde jedes Jahr der 'Gründungstag der ruhmreichen Stadt mit Gesang und Vorträgen gefeiert. Die ehemalige Prärie war von Feldern, Fabriken, Dörfern bedeckt und von zwanzig Eisenbahnlinien durchschnitten, das @e= birge war nahegerückt und durch eine Bergbahn bis ins Herz der Schluchten erschlossen. Dort, oder fern am Meer, hatten die Reichen ihre Sommerhäuser. Ein Erdbeben rvarf, hundert Jahre nach ihrer Gründung, die Stadt vis auf kleine Teile zu Boden. Sie erhob sich von neuem, und alles Hölzerne ward nun Stein, alles Kleine groß, alles Enge weit. Der Bahnhof war der größte des Landes, di« Börse die größte des ganzen Erdteils, Architekten und Künstler schmückten die verjüngte Stadt mit öffentlichen Bauten, Anlagen, Brunnen, Denkmälern. Im Laufe dieses neuen Jahrhunderts erwarb sich die Stadt den Ruf, die schönste und reichste des Landes und eine Sehenswürdigkeit zu jein. Politiker und Architekten, Techniker und Bürgermeister fremder Städte kamen gereift, um die Bauten, Wasserleitungen, die Verwaltung und andere Einrichtungen der berühmten Stadt zu studieren. Um jene Zeit begann der Bau des neuen Rathauses, eines der größten und l)errlichsten 'Gebäude der Welt, und da diese Zeit beginnenden Reichtums und städtischen Stolzes glücklich mit einem Aufschwung des allgemeinen Geschmacks, der Baukunst und Bildhauerei vor allem, zusammentraf, ward die rasch wachsende Stadt ein keckes und wohlgefälliges Wunderwerk. Den innem Bezirk, dessen Bauten ohne Ausnahme aus einem edlen, hellgrauen Stein bestanden, umschloß ein breiter, grüner Gürtel herrlicher Parkanlagen, und jenseits dieses Ringes verloren sich Straßenzüge und Häuser in weiter Ausdehnung langsam ins Freie und Ländliche. Viel besucht und bewundert wurde ein ungeheures Museum, in dessen hundert Sälen, Höfen und Hallen die Geschichte der Stadt von ihrer Entstehung bis zur letzten Entwicklung dar- gestellt war. Der erste, ungeheure Vorhof dieser Anlage stellte die ehemalige Prärie dar, mit wohlgepflegten Pflanzen und Tieren und genauen Modellen der frühesten elendesten Behausungen, Gassen und Einrichtungen. Da lustwandelte die Jugend der Stadt uni) betrachtete den Gang ihrer Geschichte, vom Zelt und Bretterschuppen an, vom ersten unebenen Schienenpfad bis zum Glanz der großstädtischen Straßen. Und sie lernten daran, von ihren Lehrern geführt und unterwiesen, die herrlichen Gesetze der Entwicklung begreifen, wie aus dem Rohen das Fein«, aus dem Tier der Mensch, aus dem Wilden der Gebildete, aus der Not der Ueber- flufl, aus der Natur die Kultur entstehe. Im folgenden Jahrhundert erreichte die Stadt den Höhepunkt ihres Glanzes, der sich nun in reicher Ueppigkeit entfaltete und eilig steigerte, bis eine blutige Revolution der unteren Stände dem ein Ziel setzte. Der Pöbel begann damit, viele van den großen Erdölwerken, einige Meilen von der Stadt entfernt, anzuzunden, so daß ein großer Teil des Landes mit Fabriken, Höfen und Dörfern teils verbrannte, teils verödete. Die Stadt selbst erlebte zwar Gemetzel und Greuel jeder Art, blieb aber bestehen und erholte sich in nüchternen Jahrzehnten wieder langsam, ohne aber das frühere flotte Leben und Bauen je wieder zu vermögen. Es war wcchrenü ihrer üblen Zeit ein fernes Land jenseits der Meere plötzlich aufgeblüht, das lieferte Korn und Eifen, Silber und andere Schätze mit der Fülle eines unerschäpften Bodens, der noch willig hergibt. Das neue Land zog die brachen Kräfte, das Streben und Wünschen der alten Welt gewaltsam an sich, Städte blühten dort über Nacht aus der Erde/ Wälder verschwanden, Wasserfälle wurden gebändigt. Die schöne Stadt begann langsam zu verarmen. Sie war nicht mehr Herz und Gehirn einer Welt, nicht mehr Markt und Börse vieler Länder. Sie mußte damit zufrieden sein, sich am Leben zu erhalten und im Lärm neuer Zeiten nicht ganz zu erblassen. Die müßigen Kräfte, soweit sie nicht nach der fernen neuen Welt fortschwanden, hatten nichts mehr zu bauen und zu erobern und wenig mehr zu handeln und zu verdienen. Statt dessen keimte in dem mm alt gewordenen Kulturboden ein geistiges Leben, es gingen Gelehrte und Künstler von der stillwerdenden Stadt aus, Maler und Dichter. Die Nachkommen derer, welche einst auf dem jungen Boden die ersten Häuser erbaut hakten, brachten lächelnd ihre Tage in stiller, später Blüte geistiger Genüsse und Bestrebungen hin, sie malten die wehmütige Pracht alter moosiger Gärten mit verwitternden Statuen und grünen Wassern und fangen in zarten Versen vom fernen Getümmel der alten heldenhaften Zeit oder vom stillen Träumen müder Menschen in alten Palästen. Damit klang der Name und Ruhm dieser Stadt noch einmal durch die Welt. Mochten draußen Kriege die Völker erschüttern und große Arbeiten sie beschäftigen, hier wußte man in verstummter Abgeschiedenheit den Frieden zu walten und den Glanz verkunkener Zeiten leise nachzudämmern: stille Straßen von Blütenzweigen Überhängen, wetterfarbene Fassaden mächtiger Bauwerke über lärmlosen Plätzen träumend, moosbewachsene Brunnenschalen in leiser Musik von spielenden Wassern über« rönnen. Manche Jahrhunderte war die alte träumende Stadt für die jüngere Welt ein ehrwürdiger und geliebter Ort, van Dichtern besungen und von Liebenden besucht. Doch drängte das Leben der Menschheit immer mächtiger nach anderen Erdteilen hin. Und in der Stadt selbst begannen die Nachkommen der alten einheimischen Familien auszusterben oder zu verwahrlosen. Es hatte auch die letzte getftige Blüte ihr Ziel längst erreicht und übrig blieb nur die verwesenden Gewebe. Di« kleineren Nach- barstädte waren seit längerer Zeit ganz verschwunden, zu stillen Ruinenhaufen geworden, zuweilen von ausländischen Malern und Touristen besucht, zuweilen von Zigeunern und entflohenen Verbrechern bewohnt. Nach einem Erdbeben, das indessen die Stadt selbst verschonte, war । der Lauf des Flusses verschoben und ein Teil des verödeten Landes zu Sumpf, ein anderer dürr geworden. Und von den Bergen her, wo die Reste uralter Steindrucken und Landhäuser zerbröckelten, stieg der Wald, der alte Wald, langsam herab. Er sah die weite Gegend öde liegen und zog langsam ein Stück nach dem andern in seinen grünen Kreis, überflog hier einen Sumpf mit flüsterndem Grün, dort ein Stemgeröll mit jungem zähem Nadelgehölz. In der Stadt hausten am Ende keine Burger mehr, nur noch Gesindel unholdes, wildes Volk, das in den schiefen, einfinkenden Palästen der Vorzeit Obdach nahm und in den ehemaligen Gärten und Straßen seine mageren Ziegen weidete. Auch diese, letzte Bevölkerung starb allmählich in Krankheiten und Blödsinn aus, die ganze Landschaft war seit der Versumpfung vom Fieber heimgesucht und der Verlassenheit anheimgefallen. Die Reste des alten Rathauses, das einst der Stolz seiner Zeit gewesen war, standen noch immer sehr hoch und mächtig, in Liedern aller Sprachen besungen und ein Herd unzähliger Sagen der Nachbarvölker, deren Städte auch längst verwahrlost und deren Kultur entartet war. In Kinder-Spukgeschichten und melancholischen Hirtenliedern tauchten entstellt und verzerrt noch die Namen der Stadt und der gewesenen Pracht gespenstisch auf, und Gelehrte ferner Völker, deren Zeit jetzt blühte, kamen zuweilen auf gefährlichen Forschungsreisen in die Trümmerstätte, über deren Geheimnisse die Schulknaben entfernter Länder sich begierig unterhielten. Es sollten Tore von reinem Gold und GrabmAer voll von Edelsteinen dort sein, und die wildesten Nomadenstämme der Gegend sollten aus alten fabelhaften Zeiten her verschollene Reste einer tausendjährigen Zauberkunst bewahren. Der Wald aber stieg weiter von den Bergen her in die Ebene, Seen und Flüsse entstanden und vergingen, und der Wald rückte vor und ergriff und verhüllte langsam das ganze Land, die Rests der alten Strahen- mauern, der Paläste, Tempel, Museen, und Fuchs und Marder, Wolf und Wir bevölkerten die Einöde. Ueber einem der gestürzten Paläste, von dem kein Stein mehr am Tage lag, stand eine junge Kiefer, die war vor einem Jahre noch der vorderste Bote und Vorläufer des Heranwachsenden Waldes gewesen. Nun aber schaute auch sie schon wieder weit auf jungen Wuchs hinaus. „Es geht vorwärts!" rief ein Specht, der am Stamme hämmerte und sah den wachsenden Wald und den herrlichen, grünenden Fortschritt auf Erden zufrieden an. Das Kind und die Mama. Don Dinah Nelken. „Mama verreist!" sagte Elli in der Küche zur Anna Marie Elisabeth Kolhaff. Anna Marie Elisabeth Kolhoff war itas Dienstmädchen, und Elli, das Kind, nannte sie mit ihrem ganzen schönen, klingenden, gewichtigen Namen. Dabei war Anna Elisabeth Kolhoff gar nicht schön! Nein, Elli betrachtete sie wieder, während sie klein, schwach, die großen blauen Augen zu diesem aufmerksamen Blick des Kindes aufgerissen, in der Küchentüre stand. Den einen Schuh hielt sie in der Hand, er war zu groß, weil er Mama gehörte und Elli ihn sich nur geborgt hatte, um Dame zu spielen. „Dame spielen ist mein Schönstes," pflegte sie zu sagen, und das war die Wahrheit. Denn, war es nicht atemberaubend süß, in einem von Mamas Hüten und einem Tüllfchleier vor dem großen Spiegel im Eßzimmer auf und ab zu wandern, wie Damen gehen, den Kopf hintenüber, wiegend auf hohen Absätzen, blickend mit feurigen, schnellen, blanken Blicken unter hochgebauschtem Haar, rauschend mit Röcken, die bis ubers Knie gehen, und dabei zu lächeln, wie Damen lächeln, wie Mama lächelt. Obwohl man natürlich nicht annähernd so schön, so strahlend, so zärtlich lächeln konnte wie Mama. Ach Mama! Mama war eben das Beste und Feinste, Mama hatte sanfte braune Augen und blitzende, immer lächelnde Zähne, und wenn man an Mama hinaufblickte, jo schien Mama größer als alle Menschen, obwohl sie eine kleine, zierliche Frau mit traurigen, einsamen Augen war. Aber davon konnte Elli nichts wissen, auch nichts von den Gründen, aus denen Mama einsam war, und Papa oft so spät nach Haufe kam, nichts von ihren Tränen und Sehnsüchten, ja nicht einmal warum Mama verreiste. „Mußt du denn?" fragte Elli und betrachtete ernsthaft Mamas kleinen Koffer. „Ja," sagte Mama. Dabei hörte sie auf, Strümpfe und Schuhe,,eine von Ellis Schürzen und viele kleine Bilder, auf denen das Kind Elli ein unschuldiges und zartes Dasein lebte, in den Koffer zu werfen, faltete die Hände und sagte mit fremder, schmerzvoller Stimme: „Ja, Liebling, ich muß." Elli fragte weiter: „Fährst du mit der Eisenbahn?" „Ja, Elli." „Weit?" Darauf kam keine Antwort, aber Elli hörte die Mama laut und deutlich atmen mtd richtete in einem Gefühl von Scham ihre Blicke auf ihre Wadenstrümpfe. Dann wandte sie sich ab, faßte die Klinke und sprach leise zu der weihen Tür: „Kommst du bald wieder?" Und nun geschah das Schreckliche. Mama war plötzlich bei Elli, kniete vor ihr und umfaßte sie mit einem jähen, wilden Griff, der ihren Kopf gegen Ellis Brust warf und ihre Tränen, einen, Strom verzweifelter Tränen, in Ellis weißes Kleid strömen ließ. Sie weinte taut, drehte dann das Kind fort und schob es aus der Tür, die schnell hinter ihr zuklappte. Da stand Elli nun im dunklen Flur und zitterte, wie Mama eben gezittert hatte. Angerührt vom Schmerz, von einer unfaßbaren Ahnung, bekam sie Tränen in die Augen und ging leise, auf Zehenspitzen in ihr Zimmer. Das ivar mit einemmal verwandelt, seltsam leer und erstarrt in Schweigen. Don dem Wandschrank herab blickten die Puppen _en zu lassen, aber es war zu spät. Der Mensch hatte ein lose nuffitzendes verlegenes Lächeln. Gelassen zeigte ich ihm den Fund. „Osiris!" sagte er. „Good!" —Good war sein einziges Englisch. „Very good!" nickte ich und bot ihm eine Zigarette. Er nahm die Zigarette und zugleich den Osiris, und dann kam eine Rede auf Arabisch, deren Sinn hinlänglich klar war. Er mußte das Ding in Assuan dem Kadi abliefern. „Na also!" sagte Babuschka, als ob ich etwas!dafllr könnte, während ich uur auf ihr Drängen den Rock immer wieder aufgeknöpft hatte. Sie bestritt es und kam mit dem Häufchen. Auf das Häufchen war ich aber M im Verlauf der Beratung über den Sockel geraten, mit der sie, nicht ich, angefangen hatte. Uebrigens tat es nichts zur Sache, und es handelte M jetzt um geschlossenes Handeln. Ich bedeutete ihr, ruhig neben mir Platz zu nehmen und die Aussicht zu bewundern. Dem Aufseher nickte ich ™r3 zu. Bitte schön, wie Sie wollen! Interessiert uns nicht, adieu! — Darauf ergaben wir uns bem Panorama. Die Intensität des Gelbs sei in Eien ausgeschlossen und rühre vermutlich von Reflexen der Wüste her. „Doof!" — sagte Babuschka. „Wenn du noch einmal nach t>em Kerl siehst, gebe ich es auf und gehe nach Hause." — Meine Stimme zischte. Sie legte sich auf den Rücken und sah in den Himmel. So verharrten wir eine Viertelstunde, und ich sagte zuweilen, weil mir nichts anderes einfiel, ja, ja, und dazu machte ich Handbewegungen nach dem Panorama hin. Darauf verabschiedeten wir uns gelassen und freundlich von dem Aufseher und schickten uns an, den Heimweg anzutreten. Ich lieh Babuschka vorangehen. Der Aufseher bekam für das Herumführen das gebührende Trinkgeld, nicht zu viel, nicht zu wenig. Zufällig spielte ich dabei mit einer Fünfpfundnote. Er hatte immer noch die Statuette in der HaNd. Ich skizzierte nochmals meine Gleichgültigkeit. Dann, als komme mir plötzlich ein Einfall, ersetzte ich die Statuette in seiner Hand durch meine Banknote, steckte sehr langsam und umständlich das Ding unter meinen Rock aus Homespun, nickte kurz und ging Babuschka nack>, di« bereits halb unten war. Ich verschwieg ihr das Resultat und gab die Hoffnung anheim, vielleicht morgen auf die Angelegenheit zurückzukommen. Zu Hause begab sie sich sofort zur Frau Schacht, um sich auszusprechen, Inzwischen reinigte ich das Stück mit Sorgfalt und konstatierte, daß die Verletzungen der linken Gesichtshälfte viel geringfügiger waren, als zuerst angenommen werden mußte. In der Hoffnung, einen provisorischen Sockel zu finden, begab ich mich zu unseren Händler. Er hatte richtig einen, der dafür gemacht schien. Auf meine Frage, wie er das Stuck finde, lächelte er verfänglich und gestand mir schließlich, er halte es für einen guten, sehr guten, aber ganz modernen Abguß. Nun war es an mir, zu lächeln. So weit ging händlerische Eifersucht. Sie richtete bei uns oenua Verworrenheit an und gab dem Kunsthandel den diffamierenden Beigeschmack. Nun, er brauche in diesem Fall keinen Konkurrenten zu verunglimpfen. Dieses Stück, bedeckt mit tausendjährigem Sand, hätten wir an einsamer Stelle mit eigenen Händen ausgegraben. Meine Mitteilung verfehlte den Eindruck. Es fei .Masse, kein Stein,- behauptete der Händler, und zum Beweis biß er hinein. Es war mir unangenehm, den Gegenstand im Munde des Menschen zu sehen. Tatsäck,- lich zeigte sich der deutliche Abdruck der Zähne in dem Material, und die Bißstelle wurde rosa. Aber diese Demonstration bewies nur, daß den alten Aegyptern bereits der Guß wohlbekannt war, was ich ohnehin schon gehört hatte. „ , „ . _ . Der Händler bat mich in das hintere Gelaß des kleinen Ladens, öffnete einen Schrank und zeigte mir vier oder fünf haargenau Wiche Stücke, jedes bedeckt mit tausendjährigem Sand. Sie kommen aus Bunz- lau; aber er bezog sie von dem Agenten in Kairo, einem Griechen. „Ich bin der Doktor Eisenbart. . Von Dr. med. Mittelacher. Zweihundert Jahr« sind nun dahingegangen, seit man au einem trüben Herbsttage still und ohne Gepränge auf dem Aegidienkirchhose von Hannöverfch-Münden einen Mann zur letzten. Ruhe bettete, von dessen Ruf damals das ganze heilige Römische Reich deutscher Natron wider- hallte, dessen Name auch lyeute noch bekannter ist als der so manchen großen Mannes jener Zeit, der „weiland hochedle, hocherfahrene, weltberühmte Herr, Herr Johann Andreas Eisenbart, Komgl. Großbritannischer unt> Churfürstl. Bmunschweig-Lüneburgi che brwilegierte Landartzt/ wie auch Königl. breußischer Raht und Hofokuliste — so benennt ihn die Grabschrift. Sie haben sich nicht bewahrheitet, die prophezeienden Worte, die der Theologe Heumann in Göttingen im Jahre 1742 sprach: -Ach Arube, daß nach hundert Jahren niemand wissen wird, daß em Marttschreier namens Eisenbart in der Welt gewesen ist." 'Aber entspricht das Bild des Heilkünstlers, wie es heute festumrissen dasteht, auch der Wirklichkeit? Zweierlei Begriffe hat die Ueberlieferung untrennbar Mit dem Namen Eisenbart verknüpft: den des brutal und ohne jede Sachkenntnis darauf- losoperierenden Kurpfuschers imd den des in bombastischen 2IusÖruacn von seinen Heilerfolgen prahlenden Marktschreiers. In der Gestalt des eriteren zeichnet ihn bas bekannte, schon kurz nach seinem Tode entstandene Lied, als letzteren charakterisiert ihn ein im Jahre 1727 entsmn- benes Gedicht Gottscheds. — War nun Eisenbart tatsächlich solch em Kurpfuscher'und Marktschreier? Die erste Frage muß entschieden verneint werden. Eisenbart, der übrigens den Doktortitel, den ihm das Lied beilegt, niemals mißbräuchlich geführt hat, wollte nie mehr vorstellen, als er war: ein Chirurg oder Wundarzt und ein Okulist, d.h. Augenarzt. Die mit der Ausübung der Heilpraxis sich beschäftigenden Personen zerfielen im 18. Jahrhundert, abgesehen von den eigentlichen Kurpfuschem, in zwei Kategorien: die studierten Aerzte ober Doctores medicinae, die fast ausschließlich mit inneren Krankheiten sich beschäftigten, und die Wundärzte oder Chirurgen, die keine Universitatsbildung hatten, sondern lediglich eine praktische Lehrzeit, ähnlich wie die der Zunftnntgkeder, durchgemacht hatten. Diese hatten, abgesehen von den untergeordneteren Hantierungen, wie Zahnziehm, Schröpfen, Aderlässen u.a. auch die ganze Wundbehandlung zu besorgen und nahmen, soweit ihre Erfahrung ausreichte und sie das nötige Selbstvertrauen besaßen, gelegentlich auch eingreifendere Operationen vor. Da die geringe Bevölkerungsdichte und die Indolenz der Bewohner damals eine ständig«, rein chirurgische Praxis kaum einträglich genug gestaltet hatte, zogen nun viel« dieser Wundärzte, und vielfach gerade die, deren Geschicklichkeit und „Experienz das gewöhnliche Maß überschritt, als sogen. Wanderärzte von Ort zu Ort, dorthin, wo Messen, Jahrmärkte und dergleichen das Ausammenstrdmen größerer Menschenmassen erhoffen ließen. Solch ein Wanderarzt war auch Eisenbart. Da er auf Grund seines durch zahlreiche geschickte Kuren erworbenen hohen Ansehens — besaß er doch Privilegien zur Ausübung der Praxis in sämüichen sächsischen Herzogtümern, ferner solche mehrerer Kurfürsten und der Könige von Preußen und Polen, sowie Atteste zahlreicher medizinischer Fakultäten — schon früh zu ziemlichem Wohlstand gelangt war, konnte er natürlich sein geschäftliches Unternehmen besonders umfangreich und auffallend, sein Auftreten besonders prunkhaft gestalten und so, denn geschichtliche Reklame hat noch stets ihren Erfolg gehabt, bi« Konkurrenten überflügeln. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'fche Univerf itäts°Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Giehen. den Draht mit einer geradezu erstaunlichen Störungsfreiheit und Klcmg- wirkunq hören kann, so muß man sagen, daß da ein Werk geschaffen worden ist, dessen Nachahmung für das übrige Deutschland dringend verlangt werden muß. Wie diese Uebertragung gemacht wird, darüber wird noch manches zu sagen sein. Am Bodensee habe ich Gelegenheit genommen, die Zeppelmwerft zu besuchen und habe den neuestem Zeppelin im Bau gesehen Ex soll zwischen Spanien und Südamerika verkehren und wird statt mit 23en. An mit Gas betrieben. Das Gas hat das Gewicht der Luft, so daß das Schiff durch den Brennstoffverbrauch wahrend der Fahrt mcht ^lii meiner am Bodensee verlebten Jugend gab es noch keine Bodensee- aürtelbahn, und die Eisenbahnwagen wurden auf Fahren über den Se« gebracht, die von Dampfschiffen geschleppt wurden. Nur die Lmie Fne^ richshosen—Schweiz wurde mit Dampssahren betrieben. Nun hatte ,ch geglaubt, dieser Fährbetrieb müsse mit der Vollendung der Gürtelbahn eingegangen ein: Im Gegenteil! Er ist reger denn ,e Nur werden die Schisse nicht mehr geschleppt, oder wenigstens fetten: Seit ,ener Zett ist ja der Oelmotor erfunden, und so können sie allem ihren Weg machen. Soweit wir nicht andere Ausflüge gemacht haben, sind mm den ganzen Tag mit dem Dampfschiff auf dem See rum gefahren—„ ich kann versichern, daß das mit das beste Serum für das Nervenkostüm ist —, und haben auch nachgesehen, ob Konstanz nach immer am Bodensee liegt. Ich möchte aber darüber nichts sagen: Sehen Sie selbst, nach: Sie werden «s nicht bereuen. Die Insel Mainau mit ihrem wunderbaren Park haben wir und der König von Schweden auch besucht, ebenso Meersburg mit seiner Burg und die schöne alte Stadt Ueberlingen. Aber schöner ist der See doch bei Lindau, und wer namentlich abends an dem weit in den See hinausgebauten Schloß Montfort und an,.W°sstrburg v°rbeisahrh und dann den Leuchtturm von Lindau blinken sieht er ist leider da mit schmutzig sparsam! — und die Lichter hoch oben auf dmi Pfander, dem wird dieser herrliche Fleck deutscher Erde ans Herz wachsen und es wird ihn immer wieder hinziehen. „ ,, „ . . 9rm Lande rings um den See ist ein reger Kraftwagenvertehr. Ueber- allhin führen Post- und andere Kraftwagenlinien. Das ist sehr^angenehm; weniger angenehm ist es, wenn man als Fußgänger auf den Landstraßen geht 9bte überall benzinduft- und stauberfüllt sind, und an denen fast alle Abzweigungen nach Dapolin oder in bus Continen-Tal zu fuhrenschsmen. man dauernd in Gefahr, überfahren zu werden. Auch das Kraftrad ve- herrscht alle Wege und fast auf keinem fehlt hinten das Klammerasschen. Nur wenige Räder waren zwiefach männlich besetzt, und^nur eins hob« ich gesehen, das von einem niedlichen Mädel gelenkt, aus dem ®iiftfit5 miffnhtip 93efonbets Qut fcbeincn mir bie (Streiften in bet -Ni sein wo wir in der Nähe des Sees auch mit dem Kraftwagen ke?7m^ efairen^'siM Me haben eine feste, aber rauhe Asphaltdecke »e sebr wrgfältig instandgehalten ist, so haß man nirgends Locher steht. Man möchte sagen: An unseren Straßen sieht man unsere 23er1707 als er »um ordentlich königlich Großbritannischen und kurfürstlich Braunschweig- Lüneburgischm Landarzt ernannt wurde und kurz darauf auch den Titel eines königlich Preußischen Rates und Hosokulisten erhielt. Zwei Jahrzehnte hindurch übte Eisenbart im Besitze dieser Titel und, Aeimer di« fein Ansehen natürlich noch erhöhten, mit bestem Erfolge seine Wander- vraris aus bis ihn 'Anfang November 1727 in Hannoversch-MuMen, wo°er auf einer ^solchen Geschäftsreise begriffen, im Gasthaufe „Zum wilden Mann" abgestiegen war, eine Krankheit aufs Lager warf, von dem er sich nicht wieder erheben sollte. Fassen wir kurz zusammen, so steht Eisenbart vor uns als em Mann, der, wenn er auch vielleicht eine allzustarke Reklame b«ff^ben haben mad, jedenfalls seine Kunst von Grund aus verstand und vielen hundert Leidenden geholfen hat. Und mit Recht darf man annehmen, daß er, hatte das Schicksal ihn in unsere Zeit versetzt, und ihm eine wissenschaftliche Ausbildung zuteil werden lassen, sicher einer der ersten Chirurgen geworden wäre. ___________, Unsere silberne Fiochzeitsreise. Von Max Fischer. (Nachdruck verboten.) Konstanz liegt am Bodensee, Wer's nicht glaubt geh' hin und seh! i Seit fast 25 Jahren habe ich dieselbe Frau — ich glaube, das muß man \ heutzutage sagen. Da man ein solches Jubiläum zu feiern,pflegt, hatten wir uns schon lange vorgenommen, eine silberne Hochzeiwrelse zu machen, Wmal uns versichert worden ist, die silberne Hochzett e. eigentlich me . schöner als die grüne. Die Bauersfrau, die das auch sagte, begründete diese Behauptung damit, die Kinder seien dann nicht mehr so klein. Wenn auch dieser Grund für uns nicht in Betracht kommt, fo muß ich doch sagen. Es^svricht vieles für die Richtigkeit dieser Ansicht. Und so haben wir denn einstweilen etwas vor der silbernen Hochzeit die Hochzeitsreise gemacht — bei der silbernen ist das wohl erlaubt —, weil wir die gute, Jahreszeit ausnutzen wollten; wir sind an den Bodensee gefahren, wo wir auch vor 25 Jahren waren, und haben im Bayerischen Hof m Lindau dasfelbe Zimmer bekommen, das wir damals hatten, mit Aussicht aus ben unver- aleichlich schönen Lindauer Hafen, den dort ganz besonders schonen See un-8 die Berae im Hintergrund: Zunächst den Pfander hinter Bregenz (bitte sagen Sie Mcht Bregönz, es heißt Bregeenz!), dann die Vorarlberger und Schweizer Berge bis zum Säntis. , Nun kann keiner aus feiner. Haut — es ist auch nicht empfehlenswert, herauszufahren, weil man fo außerordentlich schwer wieder richtig hinein- kommt — und fo kommt es wohl, daß man die Welt durch die Brille seines Berufs anfieht. So habe ich denn auf der Reife manche Veränderungen gegen frühere Zeiten gefunden, die das Herz -des Teckm-ikers erfreuten; denn natürlich fallen einem solche Veränderungen und Fortschritte in einer Gegend viel mehr auf, wenn man sie nach langer Zeit zum ersten- mal wieder sieht, als wenn man ständig in ihr lebt. Aber abgeseben davon, habe ich auch Stätten ausgesucht, die technisch Neues ober Belangreiches boten, und ba habe ich fo allerhand gesehen, über das ich wohl gelegentlich ausführlicher berichten darf. Zunächst haben wir in München Aufenthalt genommen, wo ich mir die Overnübertragung mit räumlichem Hören an gehört habe. Man hat dort vor der Frauenkirche eine Hörstube eingerichtet, wohin die Oper auf dem Drahtwege für jedes Ohr über eine besondere Doppelleitung übertragen wird. Die Wirkung ist ganz fabelhaft, es ist geradezu eine Offenbarung, das zu hören. Viele sichtlich sehr Musikverstandige — ich gehöre leider nicht zu dieser Menschengattung — saßen mit Partituren da und verfolgten die Musik, und aus ihren Mienen mußte ich schließen, daß sie sehr befriedigt waren. Und wenn man dann noch erfährt, daß man die Oper nun schon fast in ganz Bayern bis in die Pfalz hinein über 6 Iahrgo E- der ftrer wird, -d< gezeichne kann ma Landkar: ; Großen bestimmt . endlich Rahmen durch w: falls un Und das weis füllt, bis halten, unvermi dem ftai stillen 2 wenn b lesen fo ba u k enn kreis sei ist. Ode: troffen straßen klassische Und tnnehält verwirr! - hier jät Linien; 1777 u, weißt, 1 Berlin, - Mainz, der Ans 18. Okto Kleist ein So! hielt. U das roh Ün an zeichnet dem b’u Stücklet f wenig er das oh, Linienfi verrückt , Mr 'ee nnt