Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1927 Dienstag, den (5. Marz Hummer 2\ Llnser literarisches Preisausschreiben. Wir bringen in der heutigen Nummer die Aufgaben IX und X unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleichzeitig aus die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen. Die Ausgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Sämtliche zwölf Lösungen" sind gemeinsam in der Zeit vom 20. bis 26. März einzureichen. IX. Das Leben nennt der Derwisch eine Reise, und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter. Ich will auf halbem Weg mich niederlassen! Wer heut sein Haupt noch aus der Schulter trag' hängt es schon morgen zitternd auf den Leib, und übermorgen liegt s bei seiner. Ferse. Zwar, eine Sonn«, sagt man, scheint dort auch, und über buntre Felder noch, als hier: Ich glaub 8; nur schade, daß das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll. Der Himmel weih, ... (und ich will umkommen, wenn es nicht wörtlich wahr ist), wie gern ich einen Blutstropfen aus meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Briefes gäbe, der so anfangen könnte: „mein Gedicht ist fertig". Aber, du weiht, wer, nach dem Sprüchwort, mehr thut, als er kann. Ich habe nun ein Halbtausend hinter einander folgender Tage, die Rächte der meisten mit eingerechnet, an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen aus unsere Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Dchutzgöttin zu, dah es genug sei. Sie kühl mir gerührt den Schweih von der Stirne, und tröstet mich, „wenn Jeder ihrer lieben Söhn« nur ebenso viel thäte, so würde unferm Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen". Lind so sei es denn genug. Das Schicksal, das den Völkern jeden Zuschuß zu ihrer Bildung zumiht, will, denke ich, die Kunst in diesem nördlichen Himmelsstrich noch nicht reifen lassen. Thörigt wäre es wenigstens, wenn ich meine Kräfte länger an ein Werk setzen wollte, das, wie ich mich endlich überzeugen muh, für mich zu schwer ist. Ich trete vor Einem zurück, der noch nicht da ist, und beuge mich, ein Jahrtausend im Voraus, vor seinem Geiste. X. Siehe, von allen den Liedern nicht eines gilt dir, v Mutter! Dich zu preisen, o glaub's, bin ich zu arm und zu reich, ein noch ungesungenes Lied ruhst du mir im Busen. keinem vernehmbar sonst, mich nur zu trösten bestimmt, wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam seines himmlischen Teils bleibenden Frieden bedenkt. Bevor sie aber Abschied nahm, geschah's, daß sie hinter den Vorhang des Alkoven schaute, woselbst der jungen Frau und ihres Mannes Bett sowie der Kinder Schlafstätte war. Sah da ein Enkelein mit rotgeschlafenen Backen, hemdig und einen Apfel in der Hand, auf einem runden Stühlchen von guter .Ulmer Hafnerarbeit, grün- verglaset. Das wollte dem Gast außer Matzen gefallen: sie nannte es einen viel zierlichen Sitz, rümpft' aber die Rase mit eins, und da die drei Frauen sich wandten zu lachen, vermerkte sie etwas und fing auch hell zu lachen an, und hielt sich die ehrliche Wirtin den! Bauch, indem sie sprach: „diesmal fürwahr hat es gegolten, rmd Gott schenk Euch so einen frischen Buben, als mein Hans da ist!" Bambr. Von Felix Salten. Wir veröffentlichen im folgenden ein Kapitel aus dem vor kurzem erschienenen schönen Tierbuche „Bambi" von Felix Salten. (210 Seiten 8°. Paul Zfolnay Verlag: Berlin, Wien, Leipzig, 1926. — 30.) Der Abschnitt, dem übrigens kaum eine Erläuterung hinzuzufügen wäre, handelt von den ersten Erlebnissen eines blutjungen Rehkälbchens. Jetzt im Frühsommer standen die Bäume still unter dem blauen Himmel, hielten die Arme ausgebreitet und empfingen di« nieder- strömende Kraft der Sonne. An den Hecken und Sträuchern im Dickicht gingen Blüten auf, weihe, rote oder gelbe Sterne. An manchen wieder begannen schon die Fruchtknospen sichtbar zu werden, zahllos, saßen an den feinen Spitzen der Aeste, zart und fest und entschlossen und sahen aus wie kleine, geballte Fäuste. Aus dem Boden kamen die bunten Sterne vieler und vielfältiger Blumen, so dah die Erde am dämmernden Grunde des Waldes in einer stillen, inbrünstigen Farbenheiterkeit sprühte. Es roch überall nach frischem Laub, nach Blüten, nach seuchier Scholle und nach grünem Holz. Wenn der Morgen air- brach und wenn die Sonne unterging, klang der ganze Wald von tausend Stimmen, und vom Morgen bis zum Abend sangen die Bienen, summten die Wespen, brausten die Hummeln durch die duftende Stille. Das waren die Tage, in denen Bambi feine erste Kindheit verlebte. Er ging hinter seiner Mutter auf einem schmalen Streifen, den mitten durch das Gebüsch lies. Wie angenehm war es, hier zu gehen. Das dichte Laubwerk streichelte ihm sanft die Flanken, bog sich gelind zur Seite. Der Weg schien überall zehnfach versperrt und verrammelt, dennoch kam man in der größten Bequemlichkeit vorwärts. Ueberall gab es solche Straßen, sie liefen kreuz und quer durch den ganzen Wald. Die Mutter kannte sie alle, und wenn Bambi manchmal vor einem Gestrüpp wie vor einer undurchdringlichen grünen Mauer stand, die Mutter fand immer ohne Zögern und Suchen die Stelle, wo der Weg gebahnt war. Bambi fragte. Er liebte es. seine Mutter zu fragen. Es war das Schönste für ihn, immerfort zu fragen und dann zu hören, was die Mutter zur Antwort gab. Bambi staunte gar nicht, daß ihm beständig und mühelos Fragen über Fragen einfielen. Er fand das vollkommen natürlich: es entzückte ihn nur sehr. Es entzückte ihn auch, neugierig ju warten, bis die Antwort kam. Mochte sie nun ausfallen, wie sie wollte, er war immer damit zufrieden. Manchmal verstand er sie freilich nicht, aber auch das war schön, weil er immer weiter fragen könnte, wenn er wollte. Manchmal fragte er nicht weiter, und das war wieder schön, weil er dann damit beschäftigt» war, sich das, was er nicht verstanden hatte, auf seine eigene Weise auszulegen. Manchmal fühlte er sehr deutlich, daß seine Mutter ihm keine ganze Antwort gab, ihm absichtlich nicht alles sagte, was sie wutzte. Und das war erst recht schön Denn da blieb noch eine so besondere Neugierde in ihm zurück, eine Ahnung, die ihn geheimnisvoll und beglückend durchzuckte, ein Erwarten, bei dem ihm bang und heiter in einem zu Sinne wurde, so sehr, daß er schwieg. Jetzt fragte er: „Wem gehört diese Straße, Mutter?" Die Mutter antwortete: „Ans." Bambi fragte weiter: „Dir und mir?“ „Ja." „Uns beiden?" „Ja." „Uns beiden allein?" „Nein," sagte die Mutter, „uns Rehen..." „Was sind das, Rehe?" fragte Bambi und lachte. Die Mutter sah sich nach ihm um und lachte auch: „Du bist ein Reh, und ich bin ein Reh. Das sind Rehe. Bestehst du das?" Bambi sprang in die Höhe vor Lachen. „Ja. ich verstehe das. Ich bin ein kleines Reh und du bist ein großes Reh. Nicht wahr?" Die Mutter nickte ihm zu. „Nun, siehst du." Bambi wurde wieder ernst: „Gibt es noch andere Rehe, als dich und mich?" „Gewiß," sagte die Mutter. „Biele." „Wo sind sie?" rief Bambi. „Hier, überall." „Aber... ich sehe sie nicht." „Du wirst sie schon sehen." „Wann?" Bambi blieb stehen vor lauter Neugierde. „Bald." Die Mutter ging ruhig weiter. Bambi folgte ihr. Er schwieg, denn er grübelte darüber nach, was das wohl bedeuten möge: „Bald." Er kam zu dem Ergebnis, „bald" fei gewiß nicht „gleich". Aber er wurde sich nicht einig darüber, in welcher Zeit dieses „bald" aufhöre, „bald" zu fein und anfangs, „lange“ zu werden. Plötzlich fragte er: „Wer hat diese Straße gemacht?" „Wir," gab die Mutter zurück. Bambi tat erstaunt: „Wir? Du und ich?" Die Mutter sagte: „Nun, wir... wir Rehe." Bambi fragte: „Welche?" „Wir alle," fertigte ihn die Mutter ab. Sie gingen Weiter. Bambi war vergnügt und hatte Lust, vom qnMl> ab-usvrinaen, aber er hielt sich brav bet der Mutter. ->or ihnen raschelte es dicht am Boden. Sn heftiger Bewegung fuhr etwas daher, das die Farnwedel und ^ttichblatter verüeckten Etn^s^ vnnnes Stimmchen pfiff erbarmltch auf, dann war es still. aiur ore Blätter und Grashalme bebten an der Stelle noch ruawmse nach. Ein Iltis hatte eine Maus gejagt. Bun kam er Vorbetgehuscht, duck sich seitwärts und machte sich an ferne Mahlzet.. »Was war das?" fragte Bambr erregt. „Nichts," beschwichtigte die Mutter. .. (Aber..Bambi zitterte, „aber... ich Pab s doch gesehen. "Butt ja," sagte die Mutter, „erschrtck ntcht. Der Sills hat dte ^^Aber^ Bambi war furchtbar erschrocken. Ein unbekanntes, großes Entsetzen umklammerte sein. Herz. Es dauerte lange, bis es fetter sprechen konnte. Dann fragte er: „Warum hat er dte Maus getötet ' „Weil...“ Die Mutter zögerte. „ ... gehen wir schneller, sagte sie dann, als sei ihr etwas eingefallen und als habe ste dte srage vergessen. Sie begann zu trollen. Bambi hupfte hinter ihr dretn Sine lange Pause verstrich: sie schritten wieder ruhig dahm. Endlich fragte Bambi beklommen: „Werden wir auch einmal eine Maus töten?" „Rein," erwiderte die Mutter. „Bie?" fragte Bambi. „Biemals," war die Antwort. „Warum nicht?" fragte Bambi erleichtern . . „Weil wir niemanden töten," sagte die Mutter eins ach. Bambi wurde wieder heiter. ■ Bon einer jungen Esche, die nahe an ihrem Wege stand, drang ein lautes Kreischen nieder. Die Mutter ging ihres Weges, ohne darauf zu achten. Bambi aber blieb neugierig stehen. Zwei Häher zankten sich da oben in den Zweigen um ein Best, das sie geplündert Machen Sie, daß Sie weiterkommen, Sie Halunke!" ries der eine. "(Regen Sie sich doch nicht auf, Sie Barr," antwortete der andere, „ich "habe keine Angst vor Ihnen." Der erste tobte: „Suchen Sie sich Ihre Bester selber, S,e Dieb! Ich schlage Ihnen den Schädel ein.“ Er war anher sich. „So eine Gemeinheit!" ries er, „so eine Gemeinheit!" Der andere hatte Bambi bemerkt, flatterte em paar. Zweige herunter und schnarrte ihn an: „Was hast du hier zu gaben, du ära Eingeschüchtert svrang Bambi davon, erreichte seine Mutter, ging wieder hinter ihr drein, sittsam und verschreckt und glaubte, daß sie sein Zurückbleiben nicht bemerkt habe. Bach einer Weile fragte er: „Mutter... was ist das, eine Gemeinheit?" Die Mutter sagte: „3ch weih es nicht. Bambi überlegte. Dann fing er wieder an: „Mutter, warum sind die beiden so böse zueinander gewesen?" s Die Mutter antwortete: „Sie haben sich wegen des Esfens 6e3a$ambi fragte: „Werden wir uns auch einmal wegen des Essens zanken?" „Bein," sagte die Mutter. Bambi fragte: „Warum nicht?" s , Die Mutter entgegnete: „Es ist genug da für uns alle. Bambi wollte noch etwas wissen: „Mutter...? „Was denn?" t . „Werden wir auch einmal böse zueinander fein? „Bein, mein Kind," sagte die Mutter, „bei uns gibt es das Nicht. Sie gingen weiter. Mit einem Male wurde es ganz hell vor ihnen, strahlend hell. Das grüne Gewirr von Büschen und Strauchern war zu Ende, die Straße war zu Ende. Bur ein paar Schritte noch und sie kamen hinaus in die lichte Freiheit, die sich vor ihnen oifne.e. Bambi wollte vorwärtsspringen, doch die Mutter blieb stehen. „Was ist das?" rief er ungeduldig und schon ganz bezaubert. „Die Wiese," antwortete die Mutter. „Was ist das, die Wiese," drängte Bambi. . Die Mutter schnitt ihm das Wort ab. „Das wirst du fcßon selber sehen." Sie war ernst geworden und aufmerksam. Regungslos stand sie, hielt das Haupt hoch, lauschte angespannt, pruste mit tiefen Atemzügen den Wind und sah ganz streng aus. „ „Es ist gut," sagte sie endlich, „wir können hinaus. Bambi sprang los, aber sie sperrte ihm den Weg. „Du wartest, bis ich dich rufe.“ 3m Augenblick stand Bambi gehorsam still. „So ist es recht," lobte die Mutter. „And nun merke genau, was ich dir sage. Bambi hörte, wie erregt die Mutter sprach, und geriet in „große Spannung. „Es ist nicht so einfach, auf die Wiese zu gehen, fuhr die Mutter fort, „es ist eine schwere und gefährliche Sache. Frag nicht, warum. Du wirst das schon später noch lernen. Für jetzt befolge genau, was ich dir sage. Willst du?" „Sa,“ versprach Bambi. „Bun gut. Sch gehe also vorerst allein hinaus. Bleibe hier stehen und warte. And schau' immer auf mich. Behalte mich unaufhörlich Im Auge. Wenn du siehst, daß ich wieder zurücklaufe, hier herein, dann machst du kehrt und rennst davon, so schiiell du tannft. Sch hole dich schon ein.“ Sie schwieg, schien zu überlegen und fuhr dann eindringlich fort: „Sedenfalls laufe, laufe, was du kannst. Laufe... auch wenn etwas geschehen sollte... auch wenn du siehst, daß ich... daß ich zu Boden stürze... achte nicht auf mich, verstehst du?... Was immer du siehst oder hörst ... nur fort, augenblicklich und so schnell als möglich...! Bersprichst du mir das?" „Sa,“ sagte Bambi leise. „Wenn ich dich aber rufe,“ sprach die Mutter weiter, „kannst du kommen. Draußen auf der Wiese darfst du spielen. Es ist schön draußen und es wird dir gefallen. Bur... du mußt mir auch das versprechen... beim ersten Rus vvn mit mußt du an meiner ©eite fein. Anbedingt! Hörst du?" , . c „ Sa,“ sagte Bambi noch leiser. Die Mutter sprach so ernst. Sie redete weiter: „Da draußen... wenn ich rufe... da darf es kein Amhergaffen geben und kein Fragen, sondern wie der Wind hinter mir drein! Merk' dir das. Ohne Besinnen, ohne Zögern... sofort, wenn ich zu laufen anfange, heißt es auf »ich davon und nicht stillstehen, bis wir wieder hier drinnen sind. Wirst du das nicht vergessen?" „Bein," sagte Bambi beklommen. „So will ich jetzt gehen," meinte die Mutter und schien nun Sie trat hinaus. Bambi, der kein Auge von ihr Iteß, faß, wie sie mit langsam hohen Schritten vorwärts ging. Doll Erwartung, voll Furcht und Neugierde stand er da. Er sah, wie die Mutter nach allen Seiten lauschte, er sah sie zusammenfahren und fuhr selbst zusammen, bereit, ins Dickicht zurückzuspringen. Da wurde die Mutter wieder ruhig, und als eine Minute verging, wurde sie fröhlich. Sie duckte den Hals, streckte ihn lange vor, schaute vergnügt herüber und rief: „Komm!" Bambi sprang hinaus. Eine ungeheuere Freude ergriff ihn fv zauberhaft stark, daß er sein Dangen im Bu vergaß. Er hatte im Dickicht nur die grünen Baumwipfel über ficß gefeßen, uud darüber nur manchmal, nur in kleinen Durchblicken, verstreute blaue Sprengst Setzt sah er das ganze Himmelsblau hoch und weck und das beglückte ihn, ohne daß er wußte, weshalb. Bon der Sonne hatte er tm Walde nur einzelne, breite Strahlen gekannt oder das satte ®e rinnfel von Licht, das golden durch die Zweige spielte oetz. stand er plötzlich in der heißen, blendenden Wacht, deren unbefugtes Herr scheu auf ihn eindrang, stano mitten tu dem Glutsegeu, der ihm die Augen schloß und ihm das Herz bffnew. Damw war ^.auscht er war vollständig außer sich, er war einfach toll^Anbeholfen sprang er in die Höhe, dreimal, viermal, fünfmal auf dem üleck, auf dein er stand. Er konnte nicht anders: er mußte. Es riß ihn, m d e Hohe zu sprinaen Seine jungen Glieder spannten sich so ki.af.ig, lein Atem ging ° tief und leicht und er trank mit dem Atem, trank mit allem Duft der Wiese so viel übermütige Heiterkeit, daß er eben springen mußte. Bambi war ein Kind. Wäre er ein ^ens^n-md gewesen so hätte er gejauchzt. Aber er war ein junges Reh und Rehe können nicht jauchzeii, wenigstens nicht auf diese Art in(ber die Menschenkinder es tun. Er jauchzte also auf seine W. se A it den Deinen, mit dem ganzen Körper der sich m fe Lust schftudertm Seine Mutter stand dabei und freute sich Sie sah, daß Bambi .oll war. Sie sah, daß er sich in die Höhe warf, ffbeholfM wieder a s demselben Fleck nie&erfiel, verdutzt und berauscht vor s'-ch hinstarrie und sich im nächsten Moment wieder in die Hohe warf wieder und wieder. Sie begriff, daß Bambi nur Pie schmalen Behftraßen des Waldes kannte, in den kurzen Sagen feines Daseins nuran de -ö enatbeit des Dickichts gewöhnt war und daß er sich desyaiv niM S Sied rüßrte tocit er es noch nicht verstand, aus der offenen rrn;»},0 srei umher zu laufen. Sie duckte sich in die _ ausgestre.ck-ii mie es befohlen war. Da kam die Mutter plötzlich angaloppiert, m kinem wunderbarm Rauschen fuhr sie daher, ruckte zwei Schick e vor ihm zusammen, duckte sich tote das erstemal, lachte ihn an uno r°ef- Fang mich doch!" And im Hui stob sie davon .Bambi war verblüfft. Was sollte das heißen? Was war denn auf einmal mit der Mutter? Aber da kam sie schon wieder, so rasend schnell, d ß man schwindlig werden konnte, stieß ihn mit der Base in die FlanA sagte eilig: „ Fang mich doch!" und fegte davon. Mundi stürzte ihr nach. Ein paar Schritte. Aber gleich wurden die Schritte zu te eßt en Sprüngen. Es trug ihn, er glaubte zu fliegen; es trug ihn von selbst. (Raum war da unter feinen Schritten, (Raum unter feinen Sprung , Raum, Raum Bambi'geriet außer sich-Das Gras rauschte ißm herrlich in die Ohren. Es war köstlich weich, eidig zart, wie es an ihm vorbeistrich Er jagte im Bogen, warf sich herum und pfellte i einem neuen Kreis warf sich wieder herum und flitzte weiter. Sie Mutter stand schon'eine Weile still, holte Atem und wendete sich n immer nach der Seite, wo Dambi voruberflog. Bambi raste. - Plötzlich ging's nicht mehr. Er hielt inne, kam mit bobenen Läufen zur Mutter und faß sie gluckfeckg an Dan i spaz er cn sie wohlgelaunt nebeneinander. Seck er hier draußenwar vm Bambi den Himmel, die Sonne und die grüne Wecke nur mit Körper gesehen, nur mit einem geblendeten, trunkmen Blick den Himmel; mit dem wohlig durchwärmten Rucken und mit „ stärkenden Atemzügen die Sonne. Bun erst genoß er mck Augen, die Schritt vor Schritt von neuen Wundem überrumpelt wurden,^ Pracht der Wiese. Da war kein Fleckchen Boden sichtbar, wie dim im Walde. Da drängte sich Halm bei Halm um jedes Pünktchen Platz, schmiegte sich und schwoll in üppiger Pracht, bog sich unter >edem ^ anft zur Seite und richtete sich gleich wieder versöhnt empor. Der weite grüne Plan war besternt mit weißen Marguercken m den violetten und rot ungeladenen dicken Kopsen d^ bluhenfn Klees und mit den prunkvoll leuchtenden Goldknausen, die der Lowe. ^Sie^ÄtS rief Bambi, „da fliegt eine Dlume davow“ „Das ist keine Blume,“ sagte die Mutter, „das ist em Schmetter !'"%ambi faß entzückt dem Falter nach, der fichunendlichzartmn ; einem Halm gelöst ßatte und m taumelndem ülug dahin chwev ^ t Seht faß Bambi, daß viele solche Schmetterlinge m der ’ 1 die Wiese ßinflogen, scheinbar eilig und doch langsam, au uno taumelnd, em Spiel, das ihn begeisterte. Es sah wirklich aus, als ob es wandernde Blumen wären, lustige Blumen, die auf ihrem Stengel nicht stillhalten wollten und sich ausgemacht hatten, um ein wenig zu tanzen. Oder Blumen, die mit der Sonne herniederkamen, noch keinen Platz hatten und wählerisch umhersuchten, sich herabsenkten, verschwanden, als seien sie schon irgendwo untergerommen, aber gleich wieder emporstiegen, bald nur ein wenig, bald höher, um weiter zu suchen, immer weiter, weil die besten Plätze eben schon besetzt waren. Bambi blickte ihnen allen nach. Er hätte so gerne einen von ihnen in der Bähe gesehen, hätte so gerne einen einzelnen genauer ins Auge gefaßt, aber das gelang ihm nicht. Sie glitten unaufhörlich ineinander. Er wurde ganz wirr davon. Es ergötzte ihn, wie er dann wieder vor sich zu Boden sah, all das tausendfache, behende Leben, das da unter feinen Schritten auf stob. Das sprang und sprühte nach allen Seiten, kam als ein Tumult und Gewimmel zum Dorschein und versank in der nächsten Sekunde wieder in den grünen Grund, aus dem es aufgestiegen war. „Was ist das, Mutter?" fragte er. „Das sind die Kleinen," antwortete die Mutter. „Sieh nur," rief Bambi, „hier springt ein Stückchen Gras. Dein ... Wie hoch es springt!" „Das ist kein Gras." erklärte die Mutter, „das ist ein grites Heupferdchen." „Warum springt es so?" fragte Bambi. „Weil wir da gehen," antwortete die Mutter, „ ... es fürchtet sich." „O!" Bambi wandte sich zu dem Heupferdchen, das. mitten auf dem weißen Teller einer Marguerite saß. „O," sagte Bambi höslich, »Sie brauchen sich nicht zu fürchten, wir tun Ihnen gewiß nichts." „Ich fürchte mich nicht," erwiderte das Heupferdchen mit einer rasselnden Stimme. „Ich bin nur im ersten Moment erschrocken, denn ich sprach gerade mit meiner Frau." „Entschuldigen Sie, bitte," sagte Bambi bescheiden. „Wir haben Sie gestört." „Das macht nichts," rasselte das Heupferdchen. „Weil Sie es sind, macht es nichts. Aber man weiß ja nie. wer es ist, der kommt, itnö man muß sich in acht nehmen." „Ich bin nämlich heute zum erstenmal in meinem Leben auf der Wiese," erzählte Bambi. „Die Mutter hat mir..." Das Heupferdchen stand mit bockig vorgeducktem Kopf da, machte ein ernstes Gesicht und murrte: „Das interessiert mich nicht. Ich habe keine Zeit, mit Ihnen zu schwatzen, ich muß jetzt meine Frau suchen. Hopp!" And weg war es. „Hopp," sagte Bambi verdutzt und bestaunte den hohen Sprung, mit dem es verschwand. Bambi lief zur Mutter: „Du... ich habe mit ihm gesprochen!" „Mit wem?" fragte die Mutter. „Dun, mit dem Heupferdchen," erzählte Bambi, „ich habe mit ihm gesprochen. Es war so freundlich zu mir. And es gefällt mir so gut. Es ist so wunderbar grün, und am Ende ist es so durchsichtig, wie kein Blatt es fein kann, auch das feinste nicht." „Das sind die Flügel." „So?" Bambi sprach weiter. „And es hat solch ein ernstes Gesicht, voll Nachdenken. Aber trotzdem ist es freundlich zu mir gewesen. And tote es springen kann! Das muß fabelhaft schwer fein. Hopp! sagt es und springt so hoch, daß du es nicht mehr sehen kannst." Sie gingen weiter. Die Unterredung mit dem Heupferdchen hatte Bambi erregt und ein wenig ermüdet, denn es war doch das erstemal, daß es mit jemandem Fremden sprach. Er fühlte Hunger und drängte sich an feine Mutter, um sich zu erfrischen. Als es dann wieder ruhig dastand und eine kurze Weile vor sich hinträumte, in der kleinen, süßen Trunkenheit, die ihn jedesmal umfing, nachdem er sich von seiner Mutter gesättigt hatte, gewahrte er in dem Gewirr der Grashalme eine helle Blume, die sich bewegte. Bambi sah schärfer hin. Olein, das war keine Blume, das war ja ein Schmetterling. Bambi schlich näher. Der Schmetterling hing träge an einem Halme und bewegte leise seine Flügel. „Bitte, bleiben Sie sitzen!" rief ihn Bambi an. „Warum soll ich denn sitzen bleiben? Ich bin doch ein Schmetterling," antwortete der Falter erstaunt. „Ach, bleiben Sie nur ein ganz kleines bißchen sitzen," bat Bambi, „ich habe mir schon lange gewünscht, Sie in der Nähe zu sehen. Seien Eie doch so gut." „Meinetwegen," sagte der Weißling, „aber nicht lange." Bambi stand vor ihm. „Wie schön Sie sind," rief er entzückt, „wie wunderschön! Wie eine Blume!" „Was?" Der Schmetterling klappte mit den Flügeln. „Wie eine Blume? Ohm, in meinen Kreisen herrscht allgemein die Ansicht, daß wir schöner sind als die Blumen." Bambi war verwirrt. „Gewiß," stotterte er, „viel schöner... verzeihen Sie... ich wollte nur sagen...“ „Es ist mir ziemlich gleichgültig, was Sie sagen wollten," entgegnete der Schmetterling. Er bog affektiert seinen schmalen Leib und spielte eitel mit den zarten Fühlern. Bambi betrachtete ihn hingerissen. „Wie zierlich Sie sind," sagte er, „wie fein und zierlich! And was für eine Pracht, diese weißen Schwingen!" Der Schmetterling legte die Flügel breit auseinander, dann stellte er sich hoch, daß sie ganz beisammen waren und einem steilen Segel glichen. „O," ries Bambi, „ich verstehe jetzt, daß Sie schöner sind als die Blumen. Außerdem können Sie ja fliegen, und das können die Blumen nicht. Weil sie festgewachsen sind; daran liegt es." Der Schmetterling erhob sich. „Genug," sagte er. „Ich kann fliegen!“ So leicht erhob er sich, daß es gar nicht zu merken und nicht zu begreifen war. Seine weißen Flügel bewegten sich sanft, voll Anmut, da schwebte er schon in der sonnigen Luft. „Nur Ihne« zuliebe bin ich so lange sitzen geblieben," sagte er und gaukelte vor Bambi auf und nieder, „aber jetzt fliege ich fort“ Das war die Wiese. Ueberm Berge der Mond. Don Albrecht Schaeffer. Aeberm Berge bet Mond, zwischen Zweigen die Sterne, für Kummer belohnt, nun lächeln wir gerne. Wir sprechen nicht mehr, wir schauen und schweigen, es rauscht um uns her, wir sinken und steigen.. Sieh! weltwärts begriffen von droben her nahn die Sterne gleich Schiffen von Golde heran. Sie streichen und sausen... Zu Boden das Haupt! Daß nicht ihr Erbrausen die Sinne dir raubt. Nun über uns droben, nun flutet es fort... die Augen erhoben! Da siehst du sie dort: Verankert im Dunkel, beruhigt die Flucht, so füllt ihr Gefunkel die himmlische Bucht. Besuch bei Max Liebermann. Don Rudolf Großmann. Wer zu Liebermann kommt, muß immer wieder mit seinen bekannten Lieblingsthemen rechnen, mit jenen geistreichen Bemerkungen über Kunst und Kunstschaffen, mit denen er Laien im Schach hält und die er Kollegen, wie einer, der's nun endlich glücklich gefunden hat, tote ein naiv Ringender, gar nicht wie eine saturierte Größe mitguteilen liebt. Sie kommen ihm so während der Arbeit, es sind inspirierte Einsichten über Kunstschaffen, und er scheint sie jüngeren Kollegen gerne aus seinem Schatz reicher Erfahrungen heraus zu schenken. 3m Grunde aber sind sie mehr Selbstbespiegelungen nach glücklichem Find weisen immer wieder auf seine eigene Person, auf seine eigene Arbeit und Malweise zurück, diese angrisss- und abwehr- bereit verteidigend. Manches davon hat er schon schriftlich fixiert, war daran, ein Bademecum für Künstler herauszugeben. Dann hält ihn wieder der Gedanke zurück, daß er doch nur Persönliches sagen könne. 3mrner findet man ihn bereit, im Dienste der Wahrheit seine Aeberzeugung zu äußern. Rur einmal stoppte er an einem Sezessionsabend. zur Zeit der Hochflut und des unbekümmerten Auftriebes des Expressionismus, da die Meinungen wie lichttrunkene Nachtfalter gegeneinander schwirrten, als der Kritiker Kerr ihn rammen wollte: ,Man kann seine Meinung nicht immer auf dem Präsentierteller haben, Herr Doktor." — Trotz mancher Gegensätze zwischen Privatmann und Künstler -- eine selten einheitlich organisch gewachsene Künstlernatur. Durch Zucht und unaufhörliche Arbeit an sich selbst, durch Rasse ein fast Übercharakterisierter Kops, jeder einzelne Zug scharf ins Gesicht gemeißelt, das Ganze durch eine immer gespannte Beweglichkeit wieder harmonisch ausgeglichen. Als er eintrat, war er da und doch wieder fern, stand einen Augenblick in wunschlos verlorener Beschaulichkeit, im nächsten Augenblick wieder wach, von eindringlichstem Haften an dem, was ihn interessierte, bann wieder feine Energien ablösend, ins Leere verflüchtend. Ein Schauspieler konnte von ihm Auftritt und Abgang lernen. Sein Atelier am Wannfee und am Pariser Platz ist ein nüchterner, heller Arbeitsraum, nichts vom gewohnten Repräsentativns- prunk berühmter Meister. An den Wänden hängen Lautvecs und Manets, zum Teil Kopien nach letzteren von ihm selbst. 3ch war gekommen, eine Bildniszeichnung von ihm zu machen und suche für die mitgebrachteii Blätter nach einer Unterlage, greife unglücklicherweise nach einem, der von ihm selbst präparierten Malbretter, die in der Atelierecke stehen, er ärgert sich, daß ich mein Zeug nicht mitgebracht habe, es könne an der weiß präparierten Fläche, die ihm schon Raum bedeute, was passieren. — Wenn da nur em Strich daraus ist, der nicht paßt, der nicht sitzt, muß er das Brett bet feiner reizsamsten Empfindsamkeit für die Fläche toegtoerfen und em neues beginnen. So auch beim Porträtieren. Die Aehnlichkeit bestehe in der Nuance, deshalb sei es auch so schwer, einen Kops, der in den Zustand der Anähnlichkeit gekommen sei, wieder ähnlich zu machen. „Mit der Aehnlichkeit ift'S so eine Sache, der Laie sieht meistens nur einen Zug, ein Detail, irgendeine Stellung, an der er den Dargestellten erkennt, der Künstler das Wesen, für ihn besteht die Aehnlichkeit im Ganzen, im Biologischen, in einem guten Porträt müssen Großvater, Mutter, Baker, Tochter mit drin sein." Ein Freund, den ich mit etnfüßren durfte, verabschiedet sich, um mich arbeiten zu lassen. Auch er hatte einen Anschnauzer bekommen, weil er in der Wohnung nebenan fand, daß die verschiedensten Stile von Möbeln und Kunstwerken, wie sie dort ausgestellt waren — es gab Empire, Oestliches und Renaissance — ganz gut zusammen paßten. „Wat," sagte Liebermann, „Kunst is' Kunst, und ein gutes Kunstwerk paßt immer zum anderen!" Obwohl Kenner von sensibelstem Geschmack, will er int Kunstwerk nur bett lebendigen Ursprung, Nur das aus der Natur gewordene Werk sehen, nicht den modisch ge- schmacklichen Stil einer Zeit. Trotz solcher temperamentvollen empfindsamen Launen ist er von äußerster Liebenswürdigkeit, weiß aber jederzeit Distanz zu Mensch und Ding zu nehmen, eine Distanz, die für ihn durch sein Schaffen aus nächster Umgebung, aus dem bürgerlich-alltäglichen Bereich heraus notwendig und seiner elastischen Herrennatur durchaus angemessen ist. »Wie wollen Sie, daß ich sitze," fragte er zuvorkommend, „am liebsten, wenn ich Sie bei der Arbeit zeichnen dürfteI" „Nee! det geht nich, bei der Arbeit muh ich allein sein." Aber er setzt sich wie zur Arbeit vor seine Staffelei, greift eine karrierte Sportmütze, die warm halte und die seinen entschlossenen Zügen gleich was Sportmäßiges gibt. Die Pose vergißt er aber sofort, seine Gesichtszüge vom wechselnden Impuls durchzuckt, sind ständig in gespannter Bewegung und nur in ben kurzen Pausen des Nachdenkens huscht oft was Maskenhaftes 'darüber. Angefangene Bilder stehen herum, eine Jnterieurskizze, auf der er sich selbst dargestellt hat, wie er die Seinen zeichnet, ganz auswendig gemalt. „Ein Bild kann man entweder aus dem Kopf malen, oder vor der Natur, man muß sich aber hüten, sich dabei zwischen zwei Stühle zu setzen!“ Auch wenn man als sogenannter Naturalist , von der Natur, von der Erscheinung 'ausgehe, könne man die Natur nicht nachmachen, ein naturalistisches Werk, so weit es Kunst ist, ist immer ein idealistisches, denn die Arbeit des Umsetzens, während man male, sei immer ein seelischer Vorgang, genau so gut, wie wenn der Künstler als „Idealist" von der Idee, von der Erfindung ausgehe. „Es kommt nur auf die .malerische Phantasie* an." Damit weist er die Angriffe seiner Feinde, die ihm vorwerfen, daß er die Wirklichkeit nicht überwinde, zurück. „Aber Sie hätten keine Liebe zu den Dingen, die Sie malen, sagen sie auch," versetzte ich. „Wissen Sie, der Vater, der seine Kinder liebt, die züchtigt er," antwortete er prompt. Gewiß, er liebt nicht die Oberfläche, ihren ruhigen, schönen Neiz, malt nicht dinghaft stofflich, wie die Modernen es wollen; — und wenn der Künstler sowohl männliche wie weibliche Eigenschaften haben soll, so ist Liebermann viel mehr männlich als weiblich. Charakter und Zucht ist ihm alles, das Talent gilt ihm wenig, es ist für ihn weiblich — aber trotzdem scheint sein Raum nicht verstandesmäßig konstruiert, sondern empfunden und metaphysisch, und der Weltgewandte, der oft liberal bohömehafte Idee äußert, schafft im Grunde vom bürgerlichen sicheren Port aus tmd steht durch seine, durch hohe Bildung bedingte Kultur jenen Künstlern fern, die im Feuer einer Besessenheit oft in einer scheinbaren Disziplinlosigkeit den Elementen der Natur und ihrent eigenen Ich ganz hingegeben sind. Aber auch in seiner so klargezeichneten Person scheint ein Doppelwesen, ein Etwas zu sein, das ihn immer wieder monomanisch zwingt, das in der Erscheinung zu fassen, was man die Entelechie des Dinges nennt, womit wir dessen Lebenskern, sein Wesen, Wachstum bezeichnen, was Metaphysisches, was man nicht erklären, verstehen, auch nicht beliebig nachmachen kann, was sein Gesetz in sich trägt, etwas, das er uns mit der kühleren Besessenheit eines Philosophen, der nie in Sackgassen gerät und der zwischen der naiven und sentimeittalen Welt klug equilibriert, in seinen Bildern zeigt. Wie ein Künstlerpatriarch, Generationen in sich vereinend, steht er über dem Kunststreit, mit einem Künstlerlächeln über die Welt, das nichts traumhaft Verlorenes, Selbstgefälliges, sondern trotz geruhsam bürgerlicher Befriedigung in sich, etwas fast Grausames, männlich Angriffsbereites hat. ForLfchrrLtc. der Versrbrmgskehre. Don Dr.Hans Friedenthal, Professor an der Universität Berlin. Eine ganze Reihe rasch aufstrebender und kräftig wachsender Wissenschaftszweige ebnet der Zentralwissenschaft — der Menschheitskunde — ihren Weg. Die Fortschritte in der Vererbungslehre könnten zu einer wichtigen Verbesserung der Konstitution der ganzen Menschheit beitragen, wenn nicht der Weg vom Gedankeü zur Ausführung gerade bei den intellektuell begabtesten Völkern zum allergrößten Teil von rein materiellen Interessen beschlagnahmt wäre. Jedes Lebewesen ist ein Produkt von Erbanlage und Umwelts- einflüssen. Keiner dieser beiden unentbehrlichen Faktoren ist als der wichtigere zu bezeichnen und keiner darf bei einer Betrachtung ganz vernachlässigt werden. Im Prinzip können wir jede gewünschte Eigenschaft erzielen durch völlige Beherrschung von nur einem der beiden Faktoren, wie wir ja auch jede beliebige energetische Leistung in der Physik erreichen können, wenn uns nur einer der beiden nötigen Faktoren: Masse oder Geschwindigkeit beliebig zur Verfügung steht. Eine Verbesserung der Menschheitskonstitution allein durch Verbesserung der Erbanlage wäre Zeitvergeudung. Zweckmäßige Auslese der Erbanlagen neben vernunftgemäßer Ordnung der ihn» Weltseinflüsse könnten in kurzer Zeit eine glücklichere Menschheit erzeugen. In den folgeüden Zeilen sollen die Haupterfolge aufgezählt werden, welche die Wissenschaft.durch alleinige Beachtung des einen der beiden Faktoren der Konstitution errungen hat, nämlich der Erbanlage. Ergebnisse, die in Kürze Korrekturen dadurch werden erfahren müssen, daß man die Wichtigkeit der Umwelteinflüsse für die Deschaffenheit des Erbgutes erkennt. Diese Wichtigkeit ist bisher nicht genügend gewürdigt worden, weil man die Erbanlage für unveränderlich hielt, wie die frühere Chemie die Atome als unveränderliche Bausteine der Materie ansah. Der Däne Johannsen wies zuerst auf die Wichtigkeit der Erbanlagen (das heißt bei gleichbleibenden Unweltseinslüsfen) gegenüber der äußeren Erscheinung hin. Der Züchter von Pflanzen und Tieren wählte seit Jahrtausenden, um die Haustiere und Pflanzen in einer gewollten Richtung zu verbessern, zur Nachzucht diejenigen Exemplare, welche die gewünschte Eigenschaft hi höchstem Grade besaßen. Nicht immer erzielt der Züchter auf diese Weise das gewünschte Resultat. Es zeigte sich, daß einige Exemplare sich gut vererben, trotz mäßiger eigner Leistung, und andere wiederum sich schlecht vererben, trotz hervorragender individueller Befähigung. Wir können also am äußeren Aussehen die Erbanlage nicht mit Sicherheit erkennen, noch sie aus der indivi- buchen Leistungsfähigkeit mit Sicherheit erschließen. Johannsen lehrte aus einem Gemisch von Verschiedenem das Gewünschte durch das Vererbungsexperiment herauszusuchen, hielt dagegen eine Beeinflussung der Erbanlage selber für unmöglich. Die Sier- und Pslanzen- züchter, die nur mit Material weiterzüchten, das sich im Vererbungs- experiment als überdurchschnittlich erwiesen hat, wie es Johannsen lehrte, werden rasch einen Vorsprung gewinnen vor denen, die nach der alten Weise der Funktionsprüfung verfahren, wie es bei der Rennpferdezucht noch vielfach üblich ist. Die mikroskopische Forschung zeigte in den Kernen der die Fortpflanzung vermittelnden Zellen, Eizelle und Samenzelle, kleine wurstartige Gebilde, aus Eiweiß und Nuclein bestehend, welche sich als die Träger der Erbanlage erwiesen und mit großer Genauigkeit ihrs Form in den verschiedenen Generationen bewahren, als sichtbaren Ausdruck der Schwerveränderlichkeit von Erbanlagen bei den heutigen Dersuchsbedingungen. Da die Zahl dieser Kerneinheiten ober Chromo- some sich trotz des Zusammentrittes von Samenkorn und Eizellenkern nicht verdoppelt, liegt daran, daß bei der Reifung der Fortpflanzungszellen die Hälfte der Kernschleifen ausgestoßen wird. Durch diese Hälftelung entstehen bei gerader Zahl der Kernschleifen gleichartige, bei ungerader Zahl ungleichartige Fortpflanzungszellen. Bei den Säugetieren (also auch beim Menschen) besitzt das männliche Geschlecht, bei Schmetterlingen und Vögeln das weibliche eine ungerade Zahl von Chromosomen. Der Mann erzeugt bei der Reiseteilung zweierlei Arten von Samenzellen, welche mit den stets geradzahlig sich erweisenden Eizellen ein weibliches Individuum erzeugen, wenn eine Samenzelle mit gerader Kernschleifenzahl eindrang, ein männliches Individuum, wenn eine Samenzelle mit verminderter Kernschleifen- zahl eindrang. Vom Standpunkt der Kernschleifenlehre könnten wir sagen, daß bei den Säugetieren und dem Menschen nur die weiblichen Individuen als Vollwesen zu betrachten wären, während bie männlicheit nicht nur von der Geburt, sondern sogar von der Samenzelle her mit einem Manko belastet sind, das nur durch Begünstigung der Umwelteinflüsse gegenüber dem vollwertigen weiblichen Geschlecht ausgeglichen werden könnte. In der Tat beobachten wir, daß beim Menschen das männliche Geschlecht größere Ansprüche an Ernährung und Pflege stellt als das weibliche, im Einklang mit dem festgestellten Mindervorrat feines natürlichen Erbgutes in den Zellkernen. Während bei Kreuzung mit entfernten Arten die Erbfaktoren sich nicht zu entmischen pflegen, beobachlete man bei Kreuzung nah verwandter Individuen, daß die Erbanlagenhäufung als unabhängig voneinander betrachtet werden können und stets zusammen, mit einen bestimmten Kernschleife übertragen werden. Wird also bei der Hälftelung des Erbgutes, bei der Reifeteilung der Fortpflanzungszellen das entsprechende Chromosom entfernt, so fällt bei dem entstehenden Lebewesen die entsprechende Erbanlage aus, wenn sie stets nur in einem Geschlecht vorhanden ist. Ist dies nicht der Fall, so kombinieren sich bei Kreuzung die Eigenschaftsträger in jeder nur denkbaren Weise nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Paart man ein schwarzes kurzhaariges Meerschweinchen mit einem weißen langhaarigen, so erhält man in der Enkelgeneration schwarz-kurzhaarige, schwarzlanghaarige, weiß-kurzhaarige unb weiß-langhaarige in genau gleichen Mengen. Die Eigenschaften „menbeln“ wie man sich ausdrückt, wenn- die Erbanlagen getrennt erscheinen, sie menbeln nicht, wenn die Eigenschaften der Bastarde gemischt bleiben ober sich neue Eigenschaften durch die Kreuzung gebildet haben, die bei beiden Eltern nicht vorhanden waren. Die Locken der Pudelrasse sind ein Beispiel für nicht mendelnde Vererbung! es steht zu vermuten, daß auch das Kraushaar der Neger in gleicher Weise entstanden ist. Die Wissenschaft konnte zeigen, daß den Mendelscheü Regeln eine überaus große Bedeutung im ganzen Lebewesenreiche zukommt, da die Unabhängigkeit der Erbanlagen, oder besser ihrer Träger, auf ihrer gesetzmäßigen Verteilung in der Kernschleifenmasse beruht. Morgan stellte sogar Chromosomenkarten her, welche die Eigenschaften der Versuch swesen nach der Wahrscheinlichkeit im Sinne der Mendelschen Regeln vorauszuberechnen lehrten. Daß es gelungen ist, trotz des oben klargelegten einfachen Mechanismus für die normale Erzeugung der beiden Geschlechter durch Beherrschung der Umweltseinflüsse einzugreifen und nicht nur die Geschlechter ineinander umzuwandeln, sondern auch eine Unzahl von Zwischenstufen entstehen zu lassen, ist durch die überraschenden Erfolge von Steinach unb seinen Wiener Mitarbeitern weiten Kreisen bekannt »geworben. Die Steinachschen Experimente waren ein Vorstoß für Begründung einer physiologischen Theorie der Vererbung, welche die Umweltseinflüsse als gleichberechtigten Faktor neben die bisher allzustark bevorzugten Erbanlagen stellt. Gestützt auf hervorragende neue Forschungen, arbeitet die Menschheit jetzt erfolgreich an der Verbesserung der Nutztiere und Nutzpflanzen, nur bis zur Anwendung auf den Menschen ist die Praxis heute noch nicht fortgeschritten Die wissenschaftlichen Fortschritte in der Vererbungslehre wurden erreicht durch die Setzung unveränderlich gedachter Erbanlagen bd Nichtberücksichtigung der Umweltseinflüsse. Ueberall, wo die Umwelt sich genügend gleichmäßig erweist, stimmen die beobachteten Resultate mit den Vorausberechnungen nach den Mendelschen Regeln sehr befriedigend überein. Erst die Beherrschung der Umweltseinflüsse wirb der Menschheit die Freiheit von dem Zwange unbeugsamer, bedrückender Erbgesetze verschaffen, welche in der heutigen Fassung die Freiheit des menschlichen Handelns aufgehoben zu haben scheinen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.