Eichener Zamilienblütter Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger MWMHMWHn'l ' M ‘gWEgMMg2EEaMMBM»MeaKag3i^^ I ■! Ill—Il Hl III I!l!II >111,1111111 ■—BX33FBB—— Jahrgang 1927 Dienstag, den 15. Februar Nummer 15 An den Regenbogen. Bon Johann Heinrich Pestalozzi. Du verkündest Gottes Wonne! schein auch mir mit deiner Farben Mildern Glanze, schein in meinen Wilden, lebenslangen Sturm. Künde mir den bessern Morgen Künde mir den freien Tag! Muß ich sterben, eh' mir Friede Kommt, der Friede, den ich suche? Ich erkenne meine Schuld Und verzeih mit stillen Tränen Liebend allen ihre Schuld. Künder meiner bessern Tage, Lieblich wirst du einst erscheinen Hebet meiner öden Gruft. Wie des Winters Helle Flocken, Die beim Tode meiner Gattin In der Sonne lieblich glänzend Sanken auf ihr offnes Grab: ao erscheine du auch mir einst, Milder Bote, Regenbogen, Lieblich über meiner Gruft. Die Tragik in Pestalozzis Wesen und Leben. Zum 100. Todestage des großen Erziehers. Don Professor Dr. August Messer. Man stelle sich vor, daß in eine der zahlreichen Festversamm- lungen, die in diesen Wochen zum Gedächtnis Pestalozzis abgehalten werden — er selbst, wie er auf Erden zu wandeln pflegte — unerkannt ein getreten wäre unZ> sich ein Plätzchen gesucht hätte: was wäre wohl geschehen? Sicherlich wären die Damen ängstlich und die Herrn unwillig zur Seite gerückt in dem Gefühl: „Was will denn der alte verkonmtene Kerl da?" ... Ungleich und bizarr erscheint in den Schilderungen seiner Zeitgenossen sein ganzes Auftreten"), „sein schleppender, verbogener, bald hastiger, bald schneckenartiger Gang, wobei er beständig die Anne hin und her schleuderte und vor sich hinbrummte, wieder rechts noch links, ja nicht einmal auf den Weg sah und deswegen so oft fiel," So war Pestalozzi schon den Dauern in der Umgebung seines „2teu- hofs" erschienen, wenn sie ihn gedankenverloren über die Felder stolpern sahen, oder wenn er in der Kirche saß, oder im Gasthaus im Brugg über der Zeitung, am Zipfel seines Halstuches lutschte und vor sich himnurmelte ... Seine kurios« Erscheinung, sein durch Blatternarben verhäß- lichtes Gesicht, seine „Zigeimerort" belustigte die Jugend, erschien! Fernerstehenden widerlich und anstößig und flößte der Polizei Mißtrauen ein. Es liegt ein eigentümlicher, bedrückender Widerspruch darin, daß der Wann, dessen tiefstes Sinnen und Trachten nach dem Ziel: „harmonische Menschenbildung" ging, dies Ziel für seine eigene Person so völlig verfehlte. Man stelle sich im Geiste daneben etwa den — Olympier Goethe! And dieser Widerspruch bestand bei Pestalozzi nicht etwa nur zwischen Aeuherem und Innerem, nein, er greift ein bis in den tiefsten Bereich seines Wesens. Er, der die Vernunft preist und in ihr das Göttlichste im Meitschenwesen sieht, er ist in seinem Tun und Lassen ganz beherrscht von seinem leidenschaftlichen, unruhigen Herzen, von seiner überschwenglichen Phantasie. Durchaus fehlt ihm praktische Klugheit, kaltblütige Beherrschung der Tlmstände, kühler, kritischer Blick für die Menschen, ihre wirkliche Art und ihre Fehler: treuherzig vertraut er ihnen immer wieder und wird darum oft zum Darren gehalten und ausgenützt. Sein stürmisches, heftiges Temperament reißt ihn oft zu leidenschaftlichen Auftritten hin; immer innerlich mit hohen Gedanken und großen Plänen beschäftigt, ist er rm Alltag zerstreut und unordentlich und läßt jede Selbstdisziplin im Kleinen vermissen. Er, der geniale Erzieher, ist, so wenig er ein Musterschüler gewesen, ebensowenig jemals zum Musterlehrer geworden. Was tausend andere formten, das mißriet ihm, freilich vermochte er dafür, was Millionen nicht vermochten. "') Die folgende Schilderung von Pestalozzis äußerer Erscheinung entnehme ich dem jüngst erschienenen Buch von Max Kanzel- mann: P e st a l o z z i, Zürich und Leipzig, Dotapsel-Derlag. 240 S. geb. Mk. 1. Das sehr anziehend geschriebene Buch ist hervorragend geeignet, vom Wesen und Wirken Pestalozzis eine anschauliche Dorstellung zu geben. Aber, tote es zu gehen pflegte: das Große, das in dLesem Manne steckte, kam erst ganz allmählich, ja zum Teil niemals den ihm persönlich Aahestehenden zum Bewußtsein, lange Zeit galt er fast allen, die ihn kannten, als ein Schwarmgeist, ein Verrückter, ein gescheiterter Projektenmacher, ein lästiger oder gar bösartiger Darr. Auch manche seiner Freunde fürchteten, daß er entweder im Armen» oder im Aarrenhaus endigen werde. Pestalozzi war sich aller seiner Mängel wohl bewußt. „Ich bin ein schwacher alter Mann," schreibt er einmal, „meine Kenntnisse haben ungeheure Lücken, das Maß meiner Geisteskraft ist verhältnismäßig sehr klein, mein Wille ist in vielen Stücken ohne hemmendes Interesse." .Und ein andermal gesteht er: „Ich farm nicht regieren (nämlich: eine Erziehungsanstalt), und ich kann nicht die» n e n. Sott ich das eine, so bin ich verloren, soll ich das andere, so bin ich unglücklich." Aus all dem versteht man, daß nicht bloß äußeres Mißgeschick, ungünstige Konstellation der Umstände, Stumpfheit und Kleinheit der Menschen die Ursache dafür waren, daß Pestalozzis Leben eine Kette von Unglück und Enttäuschung, von Kämpfen und Dieberlagen darstellt. Er wird nicht nur verkanirt und verspottet, er wird sogar gehaßt, und es kommt so weit, daß die Armen, für die et buchstäblich alles hergibt, in ihm ihren Ausbeuter sehen, daß alle die Erziehungsanstalten, die er schuf, nach kürzerer oder längerer Frist zusammenbrachen, daß Menschen, die ihm geistig unendlich viel verdankten, mit denen er jahrelang in engster Arbeitsgemeinschaft verbracht hatte, zu seinen bittersten Feinden werden, mit ihm prozessieren und ihn öffentlich aufs giftigste angreifen. Eine solche Schmähschrift hat dem greifen Pestalozzi, der noch bei seinem 81. Geburtstag sagen konnte, daß er eine Gesundheit habe „wie ein Bär", buchstäblich den Todesstoß gegeben. Doch in seinen letzten Tagen hat er die erschütternden Worte niedergeschrieben: „Sterben ist nichts; ich sterbe gern; ober gelebt zu haben, alles geopfert zu haben und nichts erreicht zu haben und alles zertrümmert zu sehen und so mit seinem Werk ins Grab zu sinken — o, das ist schrecklich, und ich kann es nicht aussprechen, und ich wollte gerne raxt> weinen, und es kommen keine Tränen mehr..." So liegt der Schatten einer tiefen Tragik über dem Wesen und Wirken Pestalozzis, fein Leben ist zugleich ein Leidensweg, ein Martyrium gewesen. Daß er trotzdem weder äußerlich noch innerlich unterging und verkam, ja daß ihm später auch Anerkennung und Erfolg — gelegentlich in reichem Maße und in glänzender Form — zuteil wurden, das verdankt er, tote mir scheint, vor allem der Tatsache, daß er ein großer K ü n st ler, ein hinreißender Schriftsteller gewesen ist. Sein Buch „Lienhard und Gertrrid" hat ihn buchstäblich gerettet und ihm sein späteres Wirken ermöglicht dadurch, daß es ihn berühmt machte und ihm Gönner, Helfer, Mitarbeiter, Freunde zuführte. Bis dahin, solange er ein unberühmter Mann war, hatten nur ganz vereinzelte in seiner Umgebung ein wirkliches Verständnis für die Gröhe und den unschätzbaren Gehalt dieses Menschen gewonnen — es war eine seltene Gunst des Schicksals für Pestalozzi, daß zu diesen wenigen auch seine Frau gehörte! — im allgemeinen aber hatte sich auch an ihm das Wort bewährt, daß der Prophet in seinem Vaterland nichts gilt! Dunmehr, nach dem gewaltigen schriftstellerischen Erfolg des Volksbuches „Lienhard und Gertrud" war der Kreis der Menschen, für die er in Betracht kam, ins Unermeßliche erweitert, und so mehrre sich die Zahl derer, die — ihm wirklich geistesverwandt — Blick für seine menschliche Gröhe und seine Genialität hatten, unbeirrt durch alle feine Mängel. Zu diesen Entdeckern Pestalozzis gehörte unter den Deutschen Fichte, der Geograph Ritter, der zugleich ein meisterhafter Lehrer war, die grossen Pädagogen ©übern, Dioo» lovius, Schwarz u. a. Es ist gegenüber all der Verkennung, die Pestalozzi erfahren hat, heute noch für uns tröstlich und erbaulich, geeignet, uns den Glauben an die Menschheit wieder zu geben, wenn wir lesen, tote diese Männer über Pestalozzi geurteilt haben. So schreibt z. B. Ritter über ihn, obwohl er einen klaren Blick für seine Mängel hatte: „Er trägt den Menschen... den Urtypus des menschlichen Menschen in voller Klarheit in sich. Darum fühlt auch ein jeder, der noch reiner Mensch ist, sich so unwiderstehlich zu ihm hrngezogen. Ebenso erkennt Pestalozzi in jeder Form den wahren Menschen und ist von seiner Würde ergriffen, sie mag sich offenbaren, wo es auch sei. Gr wirst sich dem Menschen in die Arme, er liebt ihn, schließt ihm fein Herz auf, ergreift sein Innerstes durch seine Philosophie, die keine Philosophie des Kopfes, sond'rn des Herzens ist, deren einzige Erscheinungsform das Leben seilst bildet. Darum ist es möglich, ohne Zeitverlust mit dem besten und tief ft en Menschen so innig in geistige Berührung zu treten... Zch bekenne, daß ich nie so von der Würde des Menschen durchdrungen, nie so von der Heilia- feit meines Berufes ergriffen wurde, als in den unvergeßlichen Tagen. die ich an der Seite des edlen Schweizers und in dem Kreis leine« seelenvollen Freunde verlebte." . , Bekannt ist ja das hohe Lob, das Fichte, der schon tm Winter 1793/94 Pestalozzi persönlich ausgesucht hatte, in seinen „Reden an die deutsche Ration" (9. Rede) ihm und fernem Wirken spendet. Er erkennt auch mit Recht als tiefsten Quell von Pestalozzis pädagogischem Streben den „unversiegbaren und allmächtigen und deutschen Trieb: die Liebe zu dem armen, verwahrlosten Balke... Er wollte bloß dem Dolle helfen: aber seine Erfindung (nämlich: der Methode eines wirklich elementaren Unterrichts) in ihrer ganzen Ausdehnung genommen, hebt das Bolk, hebt allen Unterschied zwischen diesem und einem gebildeten Stand auf, gibt, statt der gesuchten „Volks"erziehung*) A a t i o n a l erziehung und hätte wohl das Berniögen, den Böllern und Bem ganzen Menschengeschlecht aus der Tiefe seines dennaligen Elends emporzuhelfen." Es ist in der Tat die Liebe gewesen, die Liebe vor allem zu den Armen und allen Mühseligen und Beladenen, die für Pestalozzi den Kern des eigenen Wesens und Wirkens, den Sinn aller Religion, die Keimkraft und Seele aller Erziehung bedeutete. Wer sein Leben kennt, der weiß, daß er ein Held, ein Märtyrer hingehendster, opferwilligster Liebe gewesen ist. And diese Liebe, die ihn neben religiöse Gestalten wie den heiligen Franziskus stellt, rückt ihn uiis auch menschlich so viel näher als solche, die wie ein Goethe, eine weit größere Harmonie und Ausgestaltung ihrer ganzen Persönlichkeit zeigen. 3n dieser Liebe hat auch ein genialer Pädagoge wie Süvern schon damals das eigentlich Bedeutsamste und Borbildlichste an Pestalozzi gesehen. Deshalb schrieb er einmal den jungen: preußischen Lehrern, die er zur Weiterbildung zu Pestalozzi nach Jfserten geschickt hatte: „Richt eben das Mechanische der Methode sollen Sie dort erlernen, das könnten Sie auch anderswo und lohnte die Kosten fürwahr nicht: auch das soll nicht Ihr Höchstes sein, die äußere Schale derselben durchbrochen zu haben und in ihren Geist und innersten Kern gedrungen zu sein, bloß der Geschicklichkeit zum Anterricht halber. Rein, erwärmen sollen Sie sich an dem heiligen Feuer, das in dem Dusen glüht des Mannes der Kraft und Liebe!" So bewährt sich wieder an Pestalozzi die tausendfach bestätigte Einsicht, daß das Wesentliche für alle Erziehung und Erziehungsreform die Persönlichkeit und in der Persönlichkeit die Liebe ist. Richt minder aber bestätigt uns Pestalozzis Schicksal, daß das Leben der genialen Menschen ein Leidensweg zu sein pflegt. Sollte uns das nicht wieder eine tiefe Mahnung sein, nicht vorschnell zu „richten" über die Menschen, sondern unbeirrt durch Sonderbares, „Allzumenschliches", Abstoßendes, immer Blick und Herz offen zu halten für menschlichen Wert und menschliche Größe?! Wie Pestalozzi den Weg zu den Armen fand. Von Wilhelm Schäfer. Vor dem Weltkrieg begonnen, erscheint der große Pestalozzi- Roman von Wilhelm Schäfer „Lebenstag eines Menschenfreundes" just zu dem Tage, da vor hundert Jahren der große Erzieher starb, dem in ganz Deutschland Erinnerungsfeiern gewidmet werden. Der Dichter schrieb sein Buch aus dem heißen Bewußtsein einer Sendung. Möge er selbst mit dem folgenden Kapitel zu uns sprechen. Es sind nicht immer die eigenen Kinder der Bauern und Tauner, die Heinrich Pestalozzi in den Zaumwollstühlen das Elend ihrer verwahrlosten Jugend weben sieht, sehr häufig sind es Waisen, von der Gemeinde ausgedungen, die ihren Pflegern das harte Brot verdienen müssen. So schneidend traurig es für ihn ist, daß er Anna und ihren Knaben mit in den Zusammenbruch seiner Traumgebäude gerissen hat, schlimmer greift cs ihn an, Helfershelfer dieser Ausnützung zu sein. Sein Herz zittert, wenn er in die Häuser muh, und das früh verblaßte Gesicht Ernst Luginbühls kommt wieder in seine Träume. Immer deutlicher fühlt er die Hand des Schicksals, die ihm alles zerbricht, was er selbstgefällig in seine Hand nimmt; und tagelang kann er verscheucht im Neuhof sitzen, über seine Schuld an diesem Schicksal zu grübeln. Zuletzt empfindet es sein verscheuchter Geist fast als eine Milderung, daß die Teuerung ihm noch schlimmeres Elend vor den Neuhof treibt. Den die an den Webstühlen sitzen, haben immer noch Belt und Brot, während ihrer viele von der Hungersnot in den Straßenbettel getrieben werden, daß sie wie herrenlose Hunde die Häuser der Reichen umlagern und auf den Abfall der Haushaltung warten. Auch vor den Neuhof kommen sie scharenweise, und Heinrich Pestalozzi, der ihre Hudeln und die von der Krätze entstellten Hände, ihre Frechheit und die Berkommenheit der jungen Gesichter sieht, kann Tränen der Bitterkeit meinen, wenn er bei diesem Anblick an den Vortrag des Landvogts Scharner denkt; solange es Luxus und dieses grausame Elend gleichzeitig gibt, sind alle patriotischen Träume leichtsinnige Spielereien. Es treibt ihn, sich ganz zu den Enterbten zu schlagen, und oftmals nimmt er ihrer einige ins Haus, mehr als das Brot mit ihnen zu teilen; er sieht, wie unmenschlich sie schon geworden sind, gierig und in aller Heimtücke der Verstellung geschickt: aber er wendet unermüdlich die Erzieher- llugheiten an, die er an seinem Jaköbli crsahren und geübt hat, und immer sicherer wird es ihm, daß er damit an ein Zaubermittel rührt, ihrer Verkommenheit statt von außen von innen zu begegnen. Was sonst in Stadt und Land sich als Wohltätigkeit breitmacht, setzt eine Weltordnung voraus, dazu die hilflose Verkommenheit der Armut so unabänderlich gehört wie der Ueberfluh des Reichtums, während — das wird ihm sicherer mit jedem Tag — in jedem dieser Bettelkinder der natür- lirfje Keim zu einem rechtschaffenen Menschen steckt, nur daß keiner daran denkt, den zu bilden und also der Armut von innen beizukommen. Was in andern Zeiten für Heinrich Pestalozzi nur eine hitzige Erfahrung gewesen wäre, das ergreift seine gedemlltigte Natur nun zur *) „Boll" im Sinne der armen Volksschichten. Rettung, und eines Tages löst die Verzweiflung dieser Zeit die tiefe Erkenntnis feines Schicksals aus: Ich muhte arm werden aus meinem Hochmut der Wohlhabenheit; denn wie soll einer dem Armen helfen können, der mit den Sorgen feines Besitztums belastet ist? Wohlstand und Reichtum sind Zwangsherren; was für Umstände und Vorsichten braucht es, sie zu erhalten? Der Reiche kann nicht der Bruder des Armen fein; denn Geben und Nehmen scheidet ihre Seelen. Darum steht im Evangelium geschrieben: verkaufe, was du hast, und gibt’s den Armen! Seine Frau erschrickt, wie sie die Botschaft hört; sie fühlt sofort, daß dies eine neue Prüfung wird; doch kennt sie ihre Sendung, das Senkblei feiner Stürme zu fein, und obwohl sie um ihren Knaben zittert — der durch all die neuen Worte des Vaters nicht gestört worden ist, aus feinen Brettchen ein Haus zu bauen, und der sie ungestüm an der Hand herbeiholt — nickt sie dem Mann erst zu, bevor sie das Wunderwerk bestaunt. Es ist einer wie der andere, denkt sie und sieht die Spalten zwischen den Brettern, die trotzdem ein Dach bedeuten sollen: aber es sind Männer, und sie wollen bauen, während wir Frauen wohnen möchten. Heinrich Pestalozzi hat nichts von ihrer Bewegung gem«tt, er ist hinaus gegangen in den Abend, wo der verspätete Herbstregen schon wieder in Strömen fließt, und läuft dem Sturz seiner Gedanken nach bis in die Dunkelheit. Und während die Täglichkeit danach auf dem Birr- feld ihre Herbstarbeiten macht und mancher Blick mit Mitleid das niedere Dach des Neuhofes streift, wo die Sorgen — wie jeder weiß — dem vorwitzigen Herrenbauer aus Zürich ans Fundament feines Daseins gegangen sind, fitzt Heinrich Pestalozzi glücklich bei feinem Knaben und baut Häuser, Brettchen auf Brettchen, ob sie zusammenstürzen, unermüdlich aufs neue, bis der Plan feiner Armenkinderanstalt fertig ift: Ich habe ein zu großes Haus, sie haben keins; mir fehlen die Hände, die Felder zu bestellen, und ihnen mangelt die Arbeit! Was gilis, wenn wir Armen uns zujammentun, find wir reich! Sie sollen mir spinnen für ihren Unterhalt, und ich will sie lehren. Ich will sie säubern von ihrem Schmutz und will selber rein werden von den Geschäften, für die ich nicht geschaffen bin. Ich habe mein Haus Neuhof genannt, als ob es eine Neuigkeit wäre, noch ein Haus wie taufend andere dahin zu stellen; nun aber soll es ein Neuhof fein, wie keiner vor dem war: ein Neuhof, wo die Armut sich selber durch Arbeit und Lehre zur Menschlichkeit verhilft, die sonst in Faulheit und Laster betteln geht. Jetzt weiß ich, warum ich auf dieses steinichte Birrfeld muhte; und wenn weiter Sorgen und Not kommen, will ich sie gern tragen, weil es die sorgen« not der armen Menschheit, nicht mehr die meine ist! Der lebendigeEPeftalozzi. Bon Heinrich Eduard Jacob. Stellt euch, meine Kinder, einen recht häßlichen Mann vor mit gesträubtem Haar, das Gesicht stark blatternnarbig und r^- gefleckt, den Bart stechig und wirr, ohne Halsbinde die Hosen schlecht geknöpft und auf Strümpfe herunterfallend die ihrers-its n groben Schuhen verschwinden; mit abgehackt schlurfendem Gang, mit Augen; die Blitze schleudern und ein Gebet ausdrucken können; mit Zugen, ans denen einmal tiefe Trauer, ein andermal dagegen Wahre Gluck- seligkeit redet; mit einer Sprache, die bald zögert, kne bald sich überstürzt, bald wie ein Lied, bald wie der Sonnet, klingt — so war der Mann, den wir benannten: Bater Pestalozzi. , . Mit diesen klassischen Worten hat Louis Bulliemur, cur west- schweizer Historiker, die Gestalt Pestalozzis beschrieben. So armselig und zerbrechlich war der Anblick des Gefäßes, aus dem die reinste Flamme der Liebe schlug. So sah der Arheber und Durchfuhr einer der größten Entdeckungstaten aus! Denn tote Kolumbus Amerika aufgefunden hat und Harvey den Blutkreislauf, so hat Pestalozi das Kind aufgefunden. . .. _ Das Kind. Welches Kind? — „Wir träumen uns Bilder von der Menschheit, die wir nicht kennen, und geben indessen auf den Buben nicht Achtung, den du Hans heißest, und der Bub wird nichts nutz weil wir, umnebelt von den Träumen der Menschheit, den Hans vergessen, in welchem der Mensch, den wir erziehen wollten, aufgewachsen." Die Entdeckung des Individuums tm Kinde also ist Pestalozzis Werk. Daß es beim Hans nur auf den Hans ankommt und auf sonst nichts (es spricht sich heut« recht erwach hm!) das bedeutete einmal eine geistige Revolution. Erne Revolution gegen den Gedankenboden, dem Pestalozzi selber entstammte und dem er recht eigentlich die wundervolle und leidenschaftliche Anbefcheiderv' heil feiner Forderungen verdankte: gegen den der Aufklärung. Die Aufklärung lehrte vorn philosophischen Standpunkt aus die Gleichheit der Menschen — Pestalozzi aber sah, auf dem Erfahrungswege, daß die Menschen ungleich an seelischen und körperlichen Gaben waren. Zweitens aber bedeutete die Entdeckung des Individuums in noch viel höherem Maße einen revolutionären Akt gegen die patriotische Staatsraison der Rapolevnzeit, die im Menschen nur das Mittel sah, die Ration zu erhalten. Für Pestalozzi ist der Mensch nicht Mittel, sondern Selbstzweck. Er teil! den Hans retten; das einmalige, nie wiederkehrende Wesen — und nicht den Typus und nicht die Spezies. Daß Pestalozzi fein ganzes Leben lang ei^ntich gegen zwei Fronten gefochten hat, gegen bie der Rurphilosophen und gegen die Patrioten, die ihm beide die Bestimmung des Kindes zu entweihen schienen: das macht das beinahe Äebermenschliche seines geistigen Lebenskampfes aus. , . Die Erziehungsgrundsätze bis zu Pestalozzi waren — wenn man sie mit einer kleinen Tleberireibung, die aber Zusammenfassung tn> kennzeichnen darf — entweder eitel ober puritanisch. Jahrhunderte- lang wollte man nach den mechanisch gewordenen Idealen der ne- naiffance aus den Kindern entweder gelehrte Gedächtnisphanomeno und Bildungs-Aesfchen Herstellen oder — bei weitem gefährlicher! kalte Pflichtmaschinen. Nichts hat, abgesehen von der in ihren Folgen I unfreimachenden Bielwisserei, Pestalozzi so gehaßt, tote den PU ’ tanerglauben, daß nur der Mensch tüchtig werden könne, der, a Asketenpflanze, in klösterlicher Mtteriris herangewachsen sei. Pestalozzis Entdeckung und Glaube war, datz jeder Mensch ein Recht aus sein Glücksminimum bei sich trage. Das Prinzip der Hebone, der Freude, seit langem aus den Schulen verjagt, hat er dem Menschen zurückgegeben. Die Wärme des Mutterleibes soll dem Kind auch nach der Geburt nicht entrissen werden! Die Keimzelle jedes Menschenlebens hat die Familie zu bleiben! Heilig ist das Herdfeuer — widersinnig jede Vereinigung, die das Herdfeuer mit den einfachen Symbolen! des Vrotbrechens und Spinnens nicht kennt. Widersinnig ist vor allem die Schule als eine Lehr-- und Lernvereinigung ohne Zärtlichkeit. Wenn die Schule sein will, mutz sie zum Mutterprinzip zurückkehren, muh sie Wohnstube werden, muh sie für alle Kinder durchaus das tun, was im Hause die Mutter für die eigenen Kinder tut... Wenn Pestalozzi in tausend Sätzen, in immer neuen Variationen diese Dinge vorbringt, dann ist er tausend Jahre alt. Er kennt das Leid der Mütter, denen man ihre Lieblinge entreißt, um „brauchbare Menschen" aus ihnen zu machen. Er weiß, daß diese brauchbaren Menschen in kurzer Zeit von der Welt verbraucht sein werden, und datz auch sie in kurzer Zeit die Welt verbrauchen werden — die Darum auch mit jedem Jahre schäbiger wird. „Erneuerung der Welt durch die Kinder!" ruft der Liebende. Er ruft es nicht nur, er beginnt. Er wagt als ersbeic das soziale Beispiel. Er sammelt die von den Bürgerkriegen gepeinigten Kinder- herden der Schweiz und macht die Aermsten zu Menschen. In Neuhof beginnt er, der Waifenvater, Haus- und Handarbeiten mit den Kindern — bis ihm das Geld ausgeht und das fromme Werk zerfällt. Dann, nach siebzehnjähriger, bitterer Schriftstellerpause, ernennt ihn Die helvetische Regierung zum Direktor des Armenhauses in Stans — aber in der Wut des frannzösisch-österreichischen Krieges löst sich bas Unternehmen elendiglich auf. Doch der Liebende läßt nicht nach. Zu Burgdorf und Münchenbuchsee gründet er, diesmal mit reicheren Mitteln versehen, das Urbild der heutigen Volksschule. Abermals muh er tragisch entsagen — um als Sechzigjähriger dennoch sein viertes Liebeswerk, seine Hauptleistung aufzustellen: die Musterschule von Tverdon. Zwanzig Jahre später vernichtet das Bubenstück konkurrierender Lehrer die Tragfähigkeit und den Lebensrest ihres Erbauers. Pestalozzis praktische Wirksamkeit — er hielt sich für einen Organisator, ohne die Nerven eines Organisators zu besitzen — war im Grunde beschränkt. Seine Wirksamkeit durch das Wort aber ist noch heute schrankenlos. Sie ist in der Tat unendlich und ewig. Man wird Pestalozzi nicht gerecht, wenn man den Urgrund jener Wirksamkeit leugnet. Es hilft nichts: dieser Mensch war ein Dichter! Und nicht nur einer jener großen Dichter — wie etwa der Entdecker Amerikas oder der Erfinder des Blitzableiters dichterische Naturen waren, bei denen die innere Schau der Tat vorausging, — nein, Pestalozzi war im Sprachsinne Dichter, ein Kenner und Musikant des absoluten Wortes. Er war ein Siefen-Wortpräger, genau wie Herder oder der mittlere Goethe. Daher seine Gewalt über Menschen, die ihn nie sahen! Das Blühende, Agogische feiner Sprache erinnert zuweilen an Jean Paul. Aber Pestalozzis Sprache ist drängender, er kennt nicht wie der weiche Franke Seitentäler und Ausruhen, er will ans Ziel. Pestalozzis Sprache scheint manchmal wie aus der Bibel emporgewuchtet. Er bevorzugt das Kuitstmittel des Paralle- lismus. „Es ist das Wesen einer edlen, guten Erziehung, daß sie überhaupt nicht viel auf das Kind schlage, aber beständig anhaltend und richtig auf Herz und Kopf wirke. Es ist das Wesen einer guten, edlen Gesetzgebung, datz sie überhaupt nicht viel auf das Volk schlage, aber beständig anhaltend und richtig auf Herz und Kopf wirke." Solche Sähe sind Kunstprosa, sind Dichtung; sie stammen von einem Manne, der die Feinwirkung jeder Silbe erwägt und kennt. Pestalozzis Bilder sind von größter logischer Schärfe. Nichts zerfließt in Weichlichkeit. Er ist ein Monumentalist des Gefühls. Ein Meisterwerk wie „Lienhard und Gertrud", das alle Möglichkeiten hätte, in ein Genrebild auszuarten, hat mitgeholfen, die Sachlichkeit der neuschweizerischen Literar Gotthelfs und Kellers heranzubilden. Pestalozzis brennende Herzensgüte, seine Liebeskraft, sein tragisches Leben stellen ihn heute, hundert Jahre nach seinem Tode, wie einen mythischen Helden vor jeder Seele auf, der Erziehung kein leeres Wort ist. Seine Schriften sind Bergwerke. Wo sie befahren werden, leuchtet aus großen Blöcken das Gerechte und Gute. Für manchen ist die Hellig^it der Metalle zu unerträglich, zu nackt! Ja, man nmß Mut haben zu Pestalozzi — zu seiner Intransigenz, seiner Wildheit. Der Historiwr des französischen Volkes, Michelet, hat recht, wenn er sagt: „Rabelais erzog einen König, Montaigne einen Fürsten, Locke und Russeau einen Edelmann, Pestalozzi aber erzog Die Menschheit." Seltsam genug: denn Pestalozzi wollte nur s-in Hänschen erziehen. Aber beim Kleinsten anfangend, hat er — fast wider Willen — seine Hand zum größten Schachbrett der Erde «hoben. Pestalozzi-Worte. Wir entnehmen die nachfolgenden Sätze der soeben im Verlagshaus Darmstadt erschienenen Schrift von Ernst Luckow: „Der Erzieher Pestalozzi". Das Büchlein ist eine würdige Festgabe in kindertümlicher, aber kraftvoller Sprache. Du unsere Hoffnung und unser Stolz, blühende Jugend! Du bist wie ein Garten in seiner Pracht; aber wisse, die Erde nährt sich von Früchten des Feldes, nicht von der Zierde der Gärten; rüste dich auf Me Tage, wo du ohne Zierde und ohne Schmuck das Werk deines Lebens wirst verrichten müssen. * In Sachen zwischen Eltern und Kindern kommt es aufs Herz und nicht aufs Recht an. Himmel und Erde sind schön, aber die Menschenseele, die sich über den Staub, der draußen wallet, emporhebt, ist schöner als Himmel und Erde. * Wer nicht in seiner Jugend in den festen Schranken eines ordentlichen Hauses gewandelt, und nicht von seinen Eltern zu seinem Äahrungserwerb sorgfältig angeführt, vorbereitet und ausgebildet worden, der wird sich mit allem Guten und allen Anlagen, die er haben mag, auf einen mißlichen Fuß in diese arme Welt hineingeworfen sehen. » Die Liebe besteht nicht in Einbildung und Worten, sondern in der Kraft der Menschen, die Last der Erde zu tragen, ihr Glend zu mindern und ihren Jammer zu heben. ♦ Das beste Almosen ist dasjenige, welches Den, der es empfängt in den Stand setzt, nicht mehr betteln zu müssen. * Der Mensch, wenn er um feiner selbst willen nicht fromm und treu fein will, sollte es doch um seiner Kinder willen sein. Es sind gar viele Menschen im Leben wie im Sterben nicht recht zu Hause und sterben unweise, weil sie unweife lebten. * Wenn auch Vater und Mutter dem Kinde mangeln — die Vater- und Muttersorgfalt muh da fein, der Vater- und Muttersinn muß in seinem Wesen da fein, sonst mangelt dem Kinde ewig das erste äußere Fundament seiner Bildung zur Menschlichkeit. * Was ich von der Mutter verlangen möchte, ist nur — denkende, Liebe. — Alles, was ich von einer Mutter verlangen möchte, wär«, datz sie ihre Liebe so stark als möglich wirken ließe und sie doch in der Ausübung mit Ueberlegung mäßigte. * Vergiß es nicht, Mensch! Alles was du bist, alles was tW willst, alles was du sollst, geht von dir selber aus. • Vaterland, was du immer bist, das bist du durch deine seit Jahrhunderten von den Vätern begründete und lange, lange aus Kindeskind« Herunt« erhaltene heilige Kraft deiner gesegnet« Wohnstube. * Es ist eine große menschliche Kraft, ohne Ungeduld zu harren, zu warten, bis alles reifet. Wenn dich eine Bürde schwer drückt, so vergiß nie, daß bet Mensch durch Schwer tragen sehr stark wird; aber was du nicht gern trägst, bürde nicht leicht einem andern auf. « Das Gefühl der Liebe gegen ihre Eltern rettet unendlich viele Kinder vor dem Bösen in der Stunde der Versuchung. Die Menschenliebe fordert Wohnstube, Wartung und Pflegt, wie die feinste Pflanze Des Gartens im Triebbeete. * Taten lehren den Menschen, und Taten trösten ihn. * Das Leben in großen Umgebungen bildet kraftvoll, Das Leben in häuslichen Umgebungen bildet liebevoll. » W« darf aussprechen, ein Mensch sei an irgendeinem Unglüch das ihm begegnet, selbst schuld? Das darf nur ein Mensch von sich selbst sagen und gegen sich selbst aussprechen. Aus einer Rede „an mein Haus". Von I. H. Pestalozzi. Die folgenden Abschnitte entstammen einer an „Brüder, Freunde, Kinder" gerichteten Rede Pestalozzis vom Neujahrstage 1811. Sie findet sich mit einer Reihe ähnlicher Ansprachen, wie sie Pestalozzi vor allem zu Weihnachten und zur Jahreswende an die Seinen zu richten liebte, in den Gesammelten Werken zu den „Reden an mein Haus" vereinigt. Freunde, Brüder! Das Band unsrer Vereinigung ist durch bet Glauben an das Göttliche, an das Ewige, das in unsrer Natur liegt, geknüpft. Was in unferm Geist, was in unferm Herzen, was in her menschlichen Kunst ewig und unwandelbar ist, auf das und auf das allein suchen wir die Erziehung des Menschen zu gründen. Unser Zweck ist groß — wir wollen die Erziehung des Geschlechts von den Verirrungen im bloß Menschlichen und Sinnlichen zum Götllichen und Ewigen erheben. Wir wollen in der Bildung der Menschen von dem bloß Wandelbaren seines wechselnden Seins zu den ewigen Gesetzen seiner göttlichen Natur hinaussteigen, und den Leitfaden unsers diesfälligen Tuns in diesen ewigen Gesetzen erforschen. Wir wollen der Unnatur in der Erziehung und ihren Folgen, der Oberflächlichkeit, ber Einseitigkeit, der Anmaßung, der Kraftlosigkeit unsers Geschlechts durch die Erziehung entgegenwirken, und es durch sie zum Einklang feiner Kräfte, zur Vollendung feiner Anlagen, zur Selbständigkeit in feinem Tun und Lassen erheben. Freunde, Brüder! Unser Bund ist geeignet, das, was in unsrer Natur ewig und unveränderlich ist, in der Erziehung als Fundament alles Veränderlichen und Zeitlichen, das darin statt hat, zu erkennen und zu benutzen, und so das Menschliche in der Erziehung dem Ewigen und Göttlichen unsrer Natur zu unterordnen: er ist geeignet, die Bil- V — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch-- und Steindruckerei, 2t. Lange, Lieh Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. mehr vermag, in meine Schwache einzugreisen. Diese hinderte mich ost' mit Dank zu benutzen, was du mir in ihnen gegeben, und bringt mich zu eitlen Klagen über das, was deine Weisheit mir m ihnen ver- Gott, du hast mich mit meinen Umgebungen gesegnet, wie wenige Menschen. Du hast wie durch ein Wunder Menschenkräste um imch her vereinigt, die mich im übereilten Streben meines Lebens gerettet und in meiner Schwäche dastehen machten, als ob ich die Kräfte wirklich hätte, die es dazu braucht. Du hast mir Freunde gegeben, die mehr ,rnd als ich und mich in der Schwäche, in der ich oft wie ein Kind vor ihnen stehe, Vater nennen — und doch, o Gott, bin ich oft mit den Menschen, die mich umgeben, nicht zufrieden, und möchte sie anders haben, als du sie mir gabst. Es ist nur darum, weil ich für sie nicht bin, was ich für sie sein sollte; nur darum wallet mein Dank nicht täglich und stündlich zu dir empor, daß du mir sie gegeben, und wie du sie mir gegeben. Darum ist das Gute, das du mir in ihnen gegeben, oft neben mir, als wäre es nicht da; ich stelle es oft still, daß seine Kraft nicht düna unfers Geschlechts mit dem Gang der Nainr, mit dem ewigen gött- , lichen Wesen, das in unsrer Natur ist, in hohe heittge ^ebereinstim- mtma au bringen. Freunde, Brüder! Unser Zweck ist groß, .aber auch unsre Mittel sind groß. Alles Unveränderliche, olles Sange, alles Gottlichs das m der Menschennatur ist, steht unter sich selber m einem ewiaen unzertrennlichen Zusammenhang. Wer tm großen Um fang ins menschlichen Vereins das Ewige, das Unsichtbare, das Heilige, Göttliche n der Menschennatur ehrt und sucht, der steht mit uns m einem um icktoaren aber ewigen und heiligen Bunde. Er steht uns tm Kampfe K Ewchen gogm das Nichtige, im Kampfe der Wahrheit und L-ebe gegen ^Jrctuin und Selbstsucht zur Seite, und Gott, der Vater des Lichts und die Quelle der Liebe, Gott, der ewige, der unoerande -che Schöpfer des Unveränderlichen und Ewigen, das in unsrer Natur hegt, (flott widerspricht sich nicht. Er steht uns im Kampfe gegen das Nm)- ?ge gegen das Vergängliche in' der Erziehung und allen Oren Trug und allen ihren Tand mit der Kraft seiner Allmacht zur «eite. Gott .st in den Schwachen, die das Göttliche suchen, rnachttg. Wir sind bes Siegs über das Vergängliche und Nichtige gewiß. Unser Mut so.l nicht fallen, unsre Schwäche soll uns nicht schrecken — wir.kämpfen nicht ; be.n Kampi unsrer Schwäche, mir kämpfen den Kamps einer göttlichen, ewigen Kraft, wir kämpfen den Kamps des Ewigen. Unveranderiichen, des "Göttlichen, das in unsrer Natur ist. Nur daß wir unsern Kampf nicht mit unsrer menschlichen Schwäche, sondern mit dem Göttlichen nutz ei Kraft beginnen" nur das tot not. Daß wir das Unveränderliche und Ewige, das wir suchen, nicht nut dem Nichtigen, Vergänglichen, sonder" mit dem Unveränderlichen. Ewigen, das tn unserer Natur liegt, zu erkämpfen suchen, nur das tut not. Tun wir das, wie wir ,ollen, so dürfen , wir nickt ängstlich sorgen. Wer das Göttlia)e mit dem Göttlichen s sacht, dein steht Gott bei, der darf auf ihn vertrauen und das große Wort aussprechen: Ich werfe meine Sorgen auf dich, denn du sorgst für mick' Vater im Himmel, darf ich dieses große Wort in den Mund . nehmen? Darf ich es aussprechen? Herr, ich glaube, komm zu Hilfe meinem Unglauben, mindere mein Vertrauen aus alles Vergängliche Nichtige, stärke meinen Glauben an alles Unveränderliche und Ewige, ; Lehre mich täglich mehr unser Werk als das erkennen, was es wirtlich ; ift und mein Vertrauen allein auf das setzen, was tiet auf sein Wesen ; hinwirkt. Vater, entledige-mich von allem Glauben an s«nen außer- - lichen Schein und von aller Furcht vor dem Scheu, seiner Entstellung. ; ®ib mir Vater im Himmel, deine Kraft, daß ich das Göttliche, dao , Ewige immer mehr durch das Göttliche und Ewige erziele; daß ich fern i Nichtigen, dem Veränderlichen, dem Ungöttlichon nicht mit dem ■ Nichtigen, Veränderlichen und Ungöttlichen, das an mir ist, sondern allem ; mit dem Göttlichen und Ewigen, das in mir hegt, widerstehe: daß ich | bas Menschliche nicht mit dem Menschlichen, sondern mit dem Göttlichen t bekämpfe. Gib mir, Vater im Himmel, Mut, dem Raujchen des Irr- i tums, wenn er um uns her wie ein Sturmwind auf Meeren brausst < nickt mit gleicher windiger Unmacht zu begegnen, sondern in ,einem ; Sturme still zu sein, wie ein Lamm, das zur «chlach-tbank geführt wiro, , und gegen ihn nichts zu tun, als göttlich zu leben. Starke uns, Vater, tm göttlichen Leben, dann nimm uns alle Furcht vor den Gefahren , ber Wett und den nichtigen Umtrieben ihres eitlen Tuns. Vater, erheb i uns zum Glauben an unser Tun durch den Glauben an dich. Vater, meine Schwäche ist groß, mein Glaube ist schwach; eitle Furcht drangt mich oft und legt mich zu Boden, wie eine arme Staude, die der Wind drängt und zu' Boden legt. Dann geht der Sturm vorüber,, und du erliebft mich wieder aus meinem Staub. Ich erkenne wieder dem Werk, und das Nichtige des Tuns aller derer, die des Ewigen, des Unveränderlichen, des Heiligen, das in unserer Natur ist, die deiner nicht wollen Herr wie lange soll es dauern, wie lange wird sicy mein Mauven an dich nicht über alle Zweifel erheben? Wie lange werde ich noch Menschen fürchten und meine Hand nach ihrer eitlen Hilfe aussirecken, wie Schiffbrüchige im Versinken die Hand nach dem eitlen Strohhalm ausstrecken? Habe Geduld mit mir, Baier tm Himmel! Ich weiß es. Fleisch und Blut erringen sich das Himmelreich nicht, und wer auf das Fleisch säet, der wird vom Fleisch des Verderbens ernten. Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut im Himmel und auf Erden. Warum vertrau ich auf Menschen? Warum fürchte ich mich vor den Menschen? Warum suche ich das Menschliche im Menschen? Warum störe ich das Mensch liche im Menschen? Warum hasche ich mit menschlicher Schwache nach menschlicher Hilfe? Warum suche ich im Menschen zu meinem Dienst das, was nicht in ihm liegt? Ach es ist nur darum, weil mcht m mir liegt, was in mir liegen sollte zum Dienste meines Werkes. Warum will ich oft erzwingen, was sich nicht erzwingen laßt und nur Gram bringt und Mißmut? Ach, es ift nur darum, weil ich mich nicht selbst zwinge zu dem, was allen Zwang außer mir überflüssig machen wurde. Warum beugt mich anderer Menschen Schwäche? Es ist nur darum, weil mick meine eigne innere Schwäche nicht tief genug beugt, und ich nicht tief genug über mich selbst seufze. Darum, darum allem bringt eitle Selb?.täuschung mich oft dahin, Lasten auf andrer Schwache zu legen, die ich auf meine eigne Kraft wälzen sollte, und um meiner Schwäche und meines Unglaubens willen nicht darauf wälzen kann. Freunde, Freunde! Wie kann ich mich bei euch entschuldigen? Werfet eitern Blick auf mein Alter, auf das Absterben meiner dem Tod entgegengehenden Kräfte, und dann auf das Werk, wie es menschlich auf meinen Schultern liegt und vor euren Augen dasteht. Ich will mich nicht entschuldigen — ihr entschuldigt mich; aber ich will Kraft suchen, das immer mehr zu sein, was ich nicht bin, und doch sein sollte, was menschlicher Weise fast nicht möglich scheint, das ich noch werde. Ich werfe einen Blick zurück auf meine Freuden, auf meine Lasten, auf mein Schicksal in eurer Mitte. Wie glücklich war dieses von der Stunde meiner Verbmoung mit euch an, bis auf diesen Augenblick. Wahrlich, mein Los ist nur an einen lieblichen Ort gefallen. Welche Gefahren sind schon vorüber, welche Lasten , sind schon von meinen Schultern gefallen, und wer kann rühmen, Freunde zu haben, die für ihn litten und taten, was die ältesten von euch, was die Mttstifter dieses Hauses an mir getan haben? Und doch, wie alt, wie anhaltend waren meine Klagen über meine Sage. Bon dieser Seite angesehen, schäme ich mich ihrer. Ihr wisset es noch, wie ich im Jammer meiner Tage einen Sarg bereitete und ihn neben mir vor euch hinstellte, glaubend und fürchtend, daß ich meinem Schicksal unterliegen und die Tage nicht sehen werde, in denen ich jetzt lebe; aber mein Sarg ist nicht unter den Boden gebracht ich lebe noch. Was ich da sorgte, sorge ich nicht mehr, was mich da drückte, das drückt mich nun nicht mehr. Neue «orgen entstanden, neue Gefahren entfalteten sich. Ich sank in Not und Kummer darnieder; wie unter der Asche glimmte ein Feuer, das uns zu verzehren drohte. Es löschte sich aus. Doch lange. Lange dauerten die Sorgen; sie nagten in meinem Busen; sie nahmen mir das Vertrauen zu mir selber; sie nahmen mir das Zutrauen zu euch. Ich sah keine Möglichkeit zu unfrer Rettung, aber der Herr hat geholfen. Stiller Friede ist in unsre Mitte getreten, und die Kraft der Schwachen hat sich erneuert. Das, o Herr und Vater hast du getan, und doch hören meine Klagen nicht auf, und nun erst an der Weihnacht, wo alles sich nur freuen, wo alles nur danken joUt«, erhob ich meine eitle Klage, daß mir das Menschliche, das Ver- oängliche in meinen Umgebungen nicht zu Gebote steht, wie mein eitler i menschlicher Sinn es zu wünschen sich erlühnt. i Ich habe unrecht getan in dieser Stunde; die Klagen des Schwachen i machen niemand stark, aber sein Glaube macht stark und seine .')off= ! mmq erhebt. Was auch mein Schicksal ferner sei, du. o Gott, hast ! Großes an mir getan! Freude meines Herzens, du mein Haus, du bist i Gotteswerk! Er hat dich mir gegeben, er l-at dich mir bisyer erhalten. ' Bleibe in seiner Hand und ruhe in meinem Herzen als m ber Hand i Gottes liegend. Ich will den morgenden Tag meines Schicksals mcht i wissen- die Luft meines Herzens, mein Haus liegt in Gottes Hand, i Was auch feine äußern Schicksale seien, ich will nicht für seinen morgen- ’ ben Tag sorgen. Das Unveränderliche, das Ewige, das wir zu feine-Begründung suchten, wird bestehen. Aber Hinblicken will ich in dieser Stunde mit Dank und Liebe auf dich, du Lust meines Herzens, auf dich, Haus, das mir Gott gab. Du, o Gott kanntest mein Seufzen, meine Tränen lagen vor dir. Bon Jugend auf suchte ich den frohen «egen der Umgebungen, in denen ich jetzt lebe. Bon Jugend auf such.e ich ein Haus, bas im Geist und in ber Wahrheit dem gleiche, m dem ich fetzt leb«, aber so sehr ich suchte, ich fand auch keinen Stein nur den Grund zu ihm zu legen; ich hatte keinen Balken für sein Gerüst und keinen Ziegel m fein Dach- ich verschmachtete im eitlen Treiben nach menschlicher Hilfe. Da erbarmtest du dich meiner, und mein Haus fiel °us deiner 5)and in meine Arme, wie der Morgentau auf die durstende Saat. Jcy darf wohl sagen- Herr! Laß mich Armen nun hinfahren, nimm mir selber wem Haus hin, insofern es die vergängliche Hülle deines Segens ob mir ist, ich habe das Heilige, das Innere deines göttlichen Segens gesehen und will nicht mehr, und will, geliebtes Haus, auch deinetwillen nicht einen Augenblick für den morgenden Tag sorgen; aber Hinblicks will ich au dich in dieser ersten Stunde des neuen Jahres, das dn Golt segne, au dein menschliches Sein und auf alles Erhebende und »-gluckende, das ld) Segne dick^Gott, geliebtes Haus! Ich , erwidere dir in vollem Muß jeden Segen, den ich durch dich genoßen, febe frohe Stunde die du w gabst jedes Wonnegefühl, das du meinem Herzen verschafft, iede fW Aussicht, die du meinen Augen eröffnet. Er laste dir leuchten le^s Lich, das meinem Geist in deiner Witte aufging. Er vergelte dir oHe«. man« dein Leben sich gleichsam mit dem meinigen verfchmelzie. Ich encM es, deine Lebensflamme lodert für mein Leben. 0, ich sehe sie, ich fthe, du stehst wie eine Feuersäule vor mir, an der das L-cht von tauienb Flammöfen sich in eine Flamme verwandelt, in der die einzelnen, Lamp- chen verschwinden. Doch ich sehe näher, es ist e,ne andere Storheit Sonne, eine andere des Mondes, eme andere b 'tzender Sferne^em« andere des dunkeln Gestirns, — aber die Klarhett der Lampen erleudjtung der Säule ist nicht die Ktorhe.t des Himmels Es fi kein Stern zii klein für den ewigen Himmel, selber die Milchstraße, : wir nicht sehen, erregt in uns größere Ahnungen als tue Sonne, die i das größte Gestirn scheint. Ach, es tut unserm Herzen so wohl. 'M ! Kleinen das Große zu ahnen, und ivenn wir der Meere und der ' großes Leben gesehen, so werfen wir unfern Blick noch gern “ut ; Essigtropfen und die in ihm lebende Welt. Auch in dir, ScI,ebtes ■ ’ ■ sehe ich eine Milchstraße ferner Ahnungen, deren Große der Schein - zeitigen Erscheinung zu nichts macht. Geliebtes Haus, bl'cke mi dH Milchstraße der Zukunft, wenn an deiner Feuersaule fetzt Llch - . löschen und Stellen dunkel werden. Ihr Licht ist nur der Gegen Licht, es muß gänzlich erlöschen, ihr nichtiger Saulenglanz mindert 1 je höher er steigt, und vermindert sich notwendig da, wo man gm- sollte, er sänge erst an, in seiner Vollendung zu strahlen . - __ 3a fl hm Vieri einei Ohir tage Der! er e an ( war. tisch, strah inck 1 Zeit Wel: ratet lehre schre Chel benf< i ihrer geles und empc bette eines steht Farn häng suche Der einen Häui leiste Haus Wan strosti tn ih 2ahr klein« drani dessei verbr es f0 »Drzc Erzül Dank