EjetzenerZainilieiiblAter ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang $927 Die Infe! der MLÄcklichen. Von Detlev v. L i l i e n c r o n. Dos Hängelcnnpchen qualmt im warmen Stalle In dem behaglich sich zwei Kühe fühlen. Der Hahn, die Hennen, um den Sproß die Kralle, TEumen von pmnderbarem Düngerwühlen. Der Junge pfeift auf einer Hosenschnalle, Dein Brüderchen ein Lied mit Zartgefühlen. Und Knabe», Kühe. Hühner lassen all« Gelrost den Strom der Well vorüberspüle». Der berühmte Musiker. Von Pauline Lang e. Bei dem reichen Kommerzienrat in der Tiergartenstraße war heute große Zejeliphasl. Herren und Damen wogten bunt durcheinander; hie unö da hatten sich Gruppen gebildet, die in eifriger Unterhaltung zusammenstanden. „Habt ihr schon gehört," sagte eine Dame, „daß in nächster Woche der große, berühmte Geigenspieler X. einmal wieder hier konzertieren wird?" „Nein," entgegneten ihre Freunds, „davon wußten wir nichts." „Nun," meinte sie, „so beeilt euch, um Billette zu bekommen. Ich hörte soeben, daß fast dos ganze Haus schon ausverkauft sei." „Das sollte mich nicht wundern," sagte Frau von S„ „gilt X. doch für den besten Meister, den wir heutzutage im Violinspiel haben." „Wann hörten Sie ihn zuletzt, gnädige Frau?" meinte der Leutnant Ohde. _ „Ungefähr vor zehn Jahren. Ich habe kaum je ein so vollendetes Dpiel gehört. Es war, als ob eine lebendige Seele aus dem Instrument zu einem spräche." „Ja, ja, es soll ergreifend sein, wir müssen uns sofort Billetts besorgen." Und wie in diesem Salon, so ging es durch die ganze Hauptstadt. Längst, ehe der Konzerttag herannahte, war das Haus ausverkauft bis auf den letzten Platz. Unerhörte Preise waren gezahlt worden. Der Meister X. aber, mit de malle musikalischen Kreise der Hauptstadt sich beschäftigten, tarn soeben von einer Tournee aus Amerika zurück. Liste Male war er dort gewesen und hatte goldene Ernten eingehelmst und auch diese letzte Fahrt über den Ozean sollte ihm ungeheure Reichtümer eing.bracht haben. Die amerikanischen Zeitungen waren seines Lobes voll, die reichsten und vornehmsten Häuser in Neuyork hatten sich um die Ehre ».stritten, ihn als Gast bei sich 311 sehen. Der einzige, welcher keine Freude an all' dem Erfolge in Amerika hatte, war er selber. Je glänzender die Kritik, je lauter der Beifall, um so häufiger war de>. Meister selber verstimmt. Er hatte sich endlich wie erlöst gefühlt, als er das Schiff bestieg, das ihn wieder nach Europa bringen follle. Er war sich vorgekonmien !vie in dem Banne eines bösen Zauberers, aber jetzt lag der Ozean hinter ihm, er sah im Kupee, das ihn der Hauptstadt entgegentrug. Die Nacht brach herein; ec war allein; er starrte in die Dunkelheit und jeufzte schwer. Dann sprach er bei sich: „Ja, ja, mit Gold habt ihr mich überhäuft, mit Lorbeer überschüttet, und mit eurem Beifall, eurem 'gleißenden Golde und eurem blühenden Lorbeer habt ihr meine Seele erstickt und getötet." So mochte dem Manne zumute sein, dec seinen Schatten verloren hatte: so mag ein armes Gespenst empfinden, das voller Sehnsucht um die Stätten seines frühere» Wirkens kreist und doch fühlt, daß ihm die Möglichkeit genommen ist, sich mitzuteilen. Endlich sank er über diesem schwermütige» Brüten in Schlununer, und als er erwachte, da dämmerte die kalte Wintersonne ins Kupee, und nach kurzer Frist ivar er am Ziel. Ein Auto führte ihn in sein elegantes Hotel. Er badete, ruhte lange, hatte dann die nötige Besprechung mit ieinem Manager und mehr dergleichen. Und ehe er sich's versah, mar der Abend gekommen, und der Wagen hielt vor der Tür, dec ihn in de» Konzertsaal bringen sollte. Und als er de» Raum betrat, in dem er vor ungefähr zehn Jahren soviel Lob und Anerkennung dec Beste» geerntet hatte, da erwachte etwas von der alten Stimmung und er dachte: „Seid ihr nur noch dieselben, >0 inufi ein Funke von euch zu mir herüberschlagen, der das Verlorene mir wiedergibt, der mir die Kraft verleiht, als Seele zu Seelen zu reden." Aber aus dieser großen, geputzten, zudringlichen Menge konnte ihm wohl kaum der Weckruf für seine schlummernde Seele kommen. War das iwch dasselbe Publikum, an das er jenseits des Ozeans oft voller Heimweh qebadjt, waren das noch dieselben Menschen, deren Verstehen in ihm do.s oefte ausgelöst und ihn befähigt hatte, ihnen sein Höchstes zu geben? Suchend glitt das Auge des Geigers über die Menge, und immer werer und vereinsamter fühlte er sich. Aber Orchester und Dirigent 3“ !pl«len. Das Orchester setzte ein, das Publikum horchte. Dw Tone reihten sich aneinander wie Perlen. Eine geradezu ver. bluffende Technik verriet sich in dem Spiel. Aber des Meisters Seele war PnX; ff rXn' "ä- Ben®e lohnte das glänzende Können durch brausenden Beifall. Der Künstler zog sich zurück, das Beifallsgeklaifche jedoch zwang 'hn, immer von neuem zu erscheinen. ■ 1 ’ d 8 , Widerwille stieg in ihm auf gegen diese Mensche», Ekel packte ihn vor pch selber. War er den» zu Stein geworden? War äußere Kunstfertigkeit "ll«s, was er aus dem inneren Zusammenbruch gerettet hatte? Er wollte das Violinkonzert von Beethoven spielen, aber gelähmt durch die soeben gemachte Erfahrung, liefen ihm Schauer kalt über den Rücken. Er kam sich vor rote em Ausgestoßener. Mechanisch hob er den Bogen, da fiel sein Blick aus em junges Mädchen, das nicht mehr Knospe und doch noch Nicht zu voller Blute erschlossen war. Leuchtend wie eine lichte Blume haben sich Haupt und Racken aus dunklem Sammetgewande, ihre tiefen Hellen Augen weilten wie gebannt auf dem Antlitz des Meisters; 1 '/ r rage, voller Erbarmen und endlich — staunend mußte er es sich gestehen - mit einer starken Willensäußerung, als wollte sie sagen: ich weiß, was in dir vorgeht, aber beuge dich einem Höheren, erkeime dich als sein Werkzeug, als das Instrument, durch welches seine Melodien hm- ftromem um dich und die Menge zu besiege!!. Und indem er dieses und ?ftJi os auf ihrem Antlitze zu lesen vermeinte, vergaß er de» Raum, sich selbst und das stuck, das von ihm verlangt wurde; er forschte und las in ^ei,ra^sUi t*1*5 kleinen Mädchens. Er hob den Bogen und hielt weiter m Gedanken eine Zwiesprache mit ihr. . . Aud was er ihr fugte, und was er in ihrem Antlitze las, das ließ er eine Geige künden: „Kleines Mädchen, sagte er, liebes, kleines Mädchen «chwesterfeele. ich grüße dich. Auf anderen Wegen bist du gewandelt als ich und doch find unsere Geschicke ähnlich; verwandt unsere Erfahrungen- nur bist au unverdrossen auftvärtsgeklomme», und von Seiner' Höhe aus mochtest du mir, bei» Verzagenden, helfend Sie Hand entgegenstrecken. Du tiebe^, deines Mädchen, wie ein Tautropfen fiel dereinst Seine Seele in Sen Ozean des Lebens, wurde geschaukelt, auf und ab auf weichen, tanze», öe» Wogen, spielte mit den Geschöpfen des Meeres und der Erde, und dann kam der Sturm, der unbarmherzige, brausende Sturm und schüttelte deine Seele und rüttelte sie und trennte sie von den Schwesterseelen und Schleuderte he hinaus in die Einsamkeit, in die Wüste. Und du liebe, kleine Schwester wandertest und suchtest und sehntest dich nach einem Menschen. • verstünde, und ritztest dir Herz und Füße wund und qlaubteft einen Menschen gesunden zu haben, und siehe, ein böses Tier der Wildnis war es, das dich anfiel, und nur die Flucht in das Dickicht konnte dich retten. Und wieder suchtest du, suchtest nach einer einzigen Seele, die dich verstünde nach einem Herzen, das dir Liebe gäbe, und siehe, in dunkler Jiaajt gesellte sich zu dir dem Schutzgeist, aber gewohnt der Einsamkeit erkanntest du ihn nicht, und weiter wandertest du einsam gefährliche Pfade. Selber wolltest du dir Hilfe», deine Kraft wuchs, du warst ftoh auf dein Können, meine Schwester, du glaubtest sicher zu stehen, stolz trugst Su das Haupt, und kühn war dein Streben. Und siehe, dein Fuß glitt aus, weich fühltest du de» Bode» unter Seinen Schritten, die Erde gab nach, schon fühltest du dich versinken; wie ein Tvdesschrei braun bei» Hilferuf durch Sie Nacht. Da streckte sich dir eine starke Hand entgegen und entzog Sich Sem Verderben. Geführt von deinem Retter, wandertest du heimwärts auf jicherem Pfade. Und als du so wandeltest durch Sen finsteren Wald hörtest du neben Sir eine weiche Stimme, und beim fahlen Lichte des Mondes erkanntest du deinen Schutzgeist. Konntest bu ihn früher nicht verstehen so hatte jetzt Sie bittere Not dein Innerstes erschlösse». Voller Hingebung lauschtest du seinen Worte» und eine tiefe Erkenntnis erschloß sich dir: eine Seele, eine einzige fühlende, verstehende Seele hattest du gesucht auf dem Jrrgange deines Lebens, und dein e Seele, deine eigene Seele hattest du entdeckt in deines Daseins dunkelster Stunde Und nachdem du deine Seele gefunden, diesen leuchtendeii Funke» urewiger Glut, da schautest du in Sie Tiefe Ser Singe, da offenbarte 'ich dir das Kreisen Ser Welten, da erschloß sich dir das Geheimnis des Seins. Kraft und Liebe durchdrangen dein Wesen und als Licht- und Freude- spender dienst du nun dem All. Dein Weckruf drang auch mir in die schlummernde Seele, der Bann ist gebrochen, ich folge Sem Rufe. Hab' Dank, du treue Schwesternseele, hab' tausend, tausend Dank! — Die Menge faß und staunte. Sie sahen auf das Programm. Die Musik, die sie hier hörten, deckte sich nicht mit dem angegebenen Texte, programmäßig war das nicht. Aber etwas war in dem Spiele, das sie alle bezwang, und jedem das Gefühl gab, als wäre er unerwartet in das Allerheiligste eines Tempels getreten; als hätte leise eine Hand ihm de» Vorhang beiseite geschoben und ihm einen Blick gegönnt in das tiefe Ringen, in das Ersterben und Werden im menschlichen Leben und in der einzelnen Seele. Ei» jeder fühlte in sich etwas Langvergessenes auftauchen. das sich scheu hervor- Brio, das Spielende des Schaffens, das flutende Dahin über die Erde und dann noch ein paar äußerliche Dinge, rote Geld und materielle Un- beforgtheit. Geblieben dagegen: ein paar kostbare Freundschaften, gut« Kenntnis der Welt, jene alte leidenschaftliche Liebe zur Erkenntnis hin und, plötzlich dazugewachsen, ein neuer harter Mut und volles Gefühl der Verantwortlichkeit nach so vielen verlorenen Jahren. Nun, damit konnte man beginnen. Entschlossen warf ich mein Leben herum, ließ die Großstadt, entwienerte mich, zog nach Salzburg, heiratete und nahm, festgeankert, die Arbeit auf in einer ganz planhasten und nun zum erstenmal die Horizonte meiner Möglichkeit ausmessenden Art, denn nichts fordert ja meiner Meinung nach eine Zeit der Verwirrung wie die unsere unbedingter als eigene Klarheit über Absicht und Ziel. Als Hauptaufgabe stehen zwei große Reihen, jede eine Anzahl Bände umfassend, auf Jahre hinaus verteilt vor mir. In der novellistischen Reihe, „Die Kette", von der bisher die Bände „Erstes Erlebnis", „Amok", „Verwirrung der Gefühle" erschienen sind, möchte ich in abgeschlossenen Kreisen je «inen immer andern Typus des Gefühls, der Leidenschaft, der Zeit und Alterszone in verschiedener Abwandlung deuten und durch Gestaltung zur Welt runden. Die andere Reih« — „D i e Baumeister der Welt" ist ihr Gesamttitel — versucht parallel im andern Element bloß nachgestaltend und dichterisch essayistisch eine Typologie des Geistes ebenso zu formen wie jene eine des Gefühls: von ihr sind die Bände „Drei Meister" (Balzac, Dickens, Dostojewski) und „Der Kampf mit dem Dämon" (Hölderlin, Nietzsche, Kleist) jetzt schon gerundet. Diese beiden Reihen sind gleichsam als Treppen gedacht, die von der Unterwelt bis'ins Gesetzmäßig-Geistige auf- steigend auf einer oberen Schwelle einander begegnen und im schaffenden Spiegel der Psychologie sich bildhaft einigen. Die fünf bisher erschienenen Bände sind nur Ansatz der beiden Bogen, die, einmal zusammengefchlossen, zugleich wohl auch den eigenen Lebenskreis umfassen. Tierkunde und TierUebe. Von Professor Br. Ludwig Heck, Direktor des Zoologischen Gartens Berlin. Ich habe zwar noch keinen Tierkundigen getroffen, der nicht auch ticrlieb wäre; denn der Werdegang ist ja doch, wie bei mir selber, so auch bei allen engeren Fachgenossen, die ich kenne, der, daß aus der angeborenen, unwiderstehlich starken Tierliebe heraus die Beschäftigung mit den Tieren zum Lebensberuf erwählt wird. Umgekehrt aber stimmt die Sache leider nicht. Ich habe schon sehr viele Menschen getroffen, insbesondere solche weiblichen Ge'chlechts, die sehr tierlieb sind, dabei aber von den Tieren, die sie so sehr lieben, von ihrer körperlichen Natur, von ihrem geistigen Wesen, gar keine Ahnung haben. Das muß zwangsläufig auf die schlimmsten Irrwege führen, wie es ja überhaupt keine unglücklicher wirkenden Menschenkinder geben kann als solche, die cs mit einer Sache zwar von Herzen gut meinen, aber von Vernunft und Verstandes wegen nichts davon verstehen. Manchmal, so scheint mir, wirken sogar Behörden und Volksvertreter in dieser Weise oder sind wenigstens nahe daran. Ich denke dabei an gewisse Vogelschutzverordnungen und -gesetze, die m. E. weis über das Ziel hinausschießen und die natürlichste und beste (weil kundigste) Hikfs- truppe für vernünftigen Vogelschutz, die Vogelliebhaber, vergrämen und vernichten. An Zahl kommen die zur Liebhaberei gefangenen und ver- kauften Vögel gegenüber der Gesamtmasse gar nicht in Betracht, zumal jie meist aus dem Ausland stammen. Aber welche idealen Gemütswert« werden durch Erschiverung und Verhinderung der Vogclhaltung verkümmert und vernichtet, gerade bei dem kleinen Manne, der sich.kostspielige Vergnügungen nicht gestatten kann! Wie eifrig und liebevoll bemühen sich'die' zahllosen Vogelliebhabervereine, immer mehr Erfahrungen zu sammeln und unter den Mitgliedern auszutauschen, um so ihren Lieblingen das Gefangenleben immer angenehmer und gesünder zu gestalten! Sie haben es längst so weit gebracht, daß ein Vogel in guter Gefangen Haltung ebenso lange, ja, erheblich länger lebt und gesund bleibt, als in der Freiheit, wo er allen möglichen Gefahren und Schädigungen aus- ao stift ist. Und wie er seinem Herrn zugetan ist und ihn begrüßt! Der beste und sicherste Beweis, daß er sich wohl fühlt. Das können nur diejenigen verkeimen, die mit einer allgemeinen, unklaren Tierliebe cme vollkommene Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse verbinden, Menschen, bei denen der Tierliebe keinerlei, auch nicht das bescheidenste Maß vntt Tierkunde zur Seite steht. -, . , - .. . Solche Leute gibt cs aber leider sehr viele; ja, mir scheint sogar, daß ihrer in unseren Tagen immer mehr werden. Gerade unter dem Ge-, bildeten. Und doch sollte, wer heute in jüngeren oder mittleren Jahren steht, ganz von selber ein ungleich besserer Tierkenner sein, als wer heute alt ist. Denn inzwischen sind die Schullehrpläne nach der Seite der Nalur- wissenschasten mehrfach verbessert worden, und es sind so ausgezeichnete Lehrmittel zur Verfügung gestellt worden, wie man sie sich in meiner Jugend gar nicht träumen ließ. Man braucht nur zum Beispiel an die klassischen Schulnaturgeschichten von Schmeil zu denken, die, das kann man aus der geradezu erstaunlichen Zahl der Auflagen berechnen, m vielen Himderttausenden von Exemplaren verbreitet sein müssen. Und der cr- folg? Ich darf nicht allgemein sagen: gleich null, weil ich nur danach urteilen darf, was ich vom Zoo hier beim Publikum un-o Honst nn verkehr mit Menschen fcststellen föhn. Da muß ich aber wahrheitsgemäß seftstellen, ich tue es immer mit dem größten Bedauern, ich mochte ms. sagen: mit blutendem Herzen, daß heute, auch von den sW-namsten Gebildeten, und gerade von diesen, über Tiere noch genau fo töricht, gedach und geredet wird, wie in meinen jurigen Jahren, als ich mein Ami nur töricht geredet wird, sondern auch töricht geschrieben Und das ist noch viel schlimmer. Denn jede geschriebene und .Ne Torheit hat wieder ein Vielfaches an gedachten und geratest. Poche tt«n zwangsläufig zur Folge. Es werden jetzt von manchen 3etWn sty viel Tierbilder gebracht, weil man gemerkt hat, batz das Publikum der . artiges liebt. Aber wieviel Unterschri len smd grundfalsch!! «° las um nur ein Beispiel von vielen anzufuhren, unter der photogmpYlM Abbildung des Brutplatzes des Tölpel-, eines weihen nordischen w drängte, das nach ßeben verlangte, alles Alltagsgewese beiseite schob und «eh Babn brach, dem eigenen Willen zum u. rotze. Die Stumpfen wurden wach, die Trägen lebendig,, die Lauten stille. Alle beugten sich vor der Macht, die hier aus der Geig« zu ihnen sang und klagte bangte und jubelte, sich demütig in den Staub warf vor der Gotthci? und sich wieder aufrichtete und stolz das Haupt emporhvb zu ^^Ws der Meister geendet hatte, sah er um sich wie traumverloren Wo war er’ Er sah plötzlich wieder die Schar seiner Hörer, aber wie anders. Jbre Herzen hatten sich ihm erschlossen, weil seine Seele zu ihnen ge- ivrochen hatte -durch göttliche Melodien. Er las den San. m allen Blicken auch ohne Applaus^Er sah verwundert sein Orchester,^er sah den bestürzten Dirigenien, dann zog ein Lächeln über sein Antlitz. Er wandte sich an baj Publikum und sagt? schlicht: „Um Verzeihung, aus dem Programm war dies Stück nicht vorgesehen: Ein Heimgekehrter grüßte tue Heimat und die Heimatsgenossen." Und er verneigte sich, und kein Applaus brachte i rt'2lts aber bann zum Schlüsse der Künstler das Violinkonzert von Beethoven erstehen ließ, und das Orchester sich ganz semem Willen und SpIel anpaßte und einfügte, da erlebte man wirklich Beethoven, da gab es Nellen schwer von innerem Grieben, Disharmonien, die sich endlich auf« (äffen in die tiefe Erkenntnis des kleinen Jchs und des großen Alls und dadurch zu unzerstörbaren Harmonien wurden. , „ - , nnh io?r an diesem Abende aus dem Konzert nach Hanfe kam, der war stille, und wenn die Freunde fragten: „War es em genußreicher Abend?", so bekamen fie eine seltsame Antwort. „Em genußreicher Abend im gewöhnlichen Sinne", sagte ein Mann 3ü feinem Sßeibe, „w « faum eine Offenbarung war es, die goldenen Schimmer göttlichen ^.icht.s über unser verstaubtes Alltagsleben spann." Flüchtiger Spiegelbild». Von Stefan Zwei g. Von Stefan Zweig ist kürzlich im Jnselvertag ein neuer, aus- aeze-ichneier Navell-enband unter dem Titel „Verwirrung der Gc- iiihle" erlchienen, den wir an anderer Stelle roürbigten. Hier rotrb eine kleine autobiographische Skizze-des Dichters nicht ohne Interesse sein. Wir alle, die wir'etwa dreißig Jahre alt waren, als der Krieg begann, werden das sonderbare Gefühl eines zweigeteilten eines doppelten Lebens nicht mehr los. Uns kreuzte der Krieg mittwegs die entscheidenden Ueber- gangsjahre, und seitdem empfinben wir alle unser Leben zweisonnig, als ein Vordem und ein Nachdem. . Mein Vordem war besonders leicht und beflügelt, um fo scharfer spure ich jene Zäsur. Denn meine Jugend spielt in einer vollkommen sorglosen, heute kaum mehr darstellbaren Sphäre der stcroizugigkeit gleichsam über alle Länder hinweg, nirgends verhaftet. Nirgendwo durch Beruf, obet Milcht gebunden. 1881 in Wien warmbürgerlich geboren, durchlief ich un- gedilldia die Schule, freudiger die Univerfität; inzwischen hatten schon Verse begonnen, ein Buch und ein zweites sich eingestellt. Aber kaum kann ich mich mehr entsinnen, in welcher Weise diese Bucher entftanben; wie hergeweht und geschenkt kam dieses Dichterische von dem musikalischen Wind, der unser Wien von damals so weich iioerftromie (Gustav Mahler, Busock, Hofmannsthal und Rilke hatten ihn geweckt). Mein persönlicher Ebrgeiz ging an der Literatur vollkommen vorbei, er -drängte nur stark und knabenhaft ungebärdig der Wett und ihrer Vielfalt zu. Eine geheimnisvolle Neugierde lockte mich jahrelang, immer wieder andere Grenzen zu überschreiten, im Wirklichen und im Geistigen, und dies bis wett ins Erotische und Gefährliche hinein. Wo bin ich nicht gewandert und gewesen in jenen Jahren! Ich habe in Paris, London und Florenz, in Berlin und Rom kameradschaftlich mit der gleichalterigen Jugend gelebt, biN nach Spanien und Schottland, nach Indien, an die chMstschon Grenzen, durch Afrika Nordamerika, Kanada, nach Kuba und an den Panamakanal gereift all dies aber, weiß Gott, nicht aus literarischer Ambition ober um Bücher zu schreiben. Diese Gle-ichgültgkeit gegen bas eigene Werk befähigte mich, anderen Werken zu dienen: Jahre hab« ich den kkrien —erharrens, der Einführung ausländifcher Dichter, Studien und Bermtti- lungen bei gänzlicher Vernachlässigung der eigenen Produktion geopfert, und darum erscheint mir das Spciziergängerifche jener Wanderjahre nicht ganz ohne Sinn. Offenbar haben eben diese Icmbstreiftnden Sorglosen eine besondere biologische Aufgabe im Organismus unserer Kultur: sie bringen geistige Botschaft von Nation zu Nation; ihre Wandcrjahre sind die Lehrjahre der andern. Dann kam der Krieg. Furchtbar wurde mir dies« ungeahnte, nicht zu ahnende Erschütterung. Alle meine untersten Wesenswurzeln fühlte ich bei diesem Sturz gewaltsam angeriffen und griff mit einmal taumelnd ins Leere. Die besten, die oertrauteften Menschen waren in ihrer Gesinnung schwankend und umgeworfen worden, die wenigen aufrechten Freunde wie Romain Rolland und einige andere vermochten nur durch unsichtbare Lichtfignalc über die Fronten zu grüßen. So griff ich nach einem Halt zum erstenmal ganz in mein Wirklichstes hinein, und meine Gegenwehr wurde das dramatifche Gedicht „Jeremias", das, 1916 geschrieben, in Deutschland als erster tragischer Protest sich gegen das Unvermeidliche erhob, das einzige meiner Bücher vielleicht, dem ein gewisses Unrecht ge= schchen ist. Denn während des Krieges fehlte infolge der Zensur diesem Drama (außer im neutralen Zürich) die Möglichkeit, mahnendes Wort zu werden; nach dem Zusammenbruch wiederum spielte die Wirklichkeit selbst, was hier gedichtet und vora-usgcspiegelt war, mit noch feurigeren Farben. So blieb im wesentlichen Buch, was rechtzeitig warnender Schrei werden sollte. Aber wenn nicht der Zeit, fo hatte ich mir felbft geholfen, zum erstenmal waren alle Saiten Meines Wesens vehement in Schwingung gekommen und das lässig Spielende der zufälligen Gestaltung endlich in Leidenschaft verwandelt. Als der Krieg dann beendet war ober schien (schwelt denn nicht noch immer Funke und ersttckte Glut unter der Asche?), galt es Umschau zu halten nach innen. Meine Welt war zerstört, eine neue wollte gebaut sein. Das forderte Selbstprüfung, entschloffen-e Lebensbilanz. Was war verloren? Was war geblieben? Verloren: die Leichtigkeit des Vordem, das Aber jetzt zu guter Letzt Scherz und Humor beiseite! So kann und darf es nicht weitergehen. Dis Allgemeinheit verbohrt sich sonst immer mehr in einen so verschobenen und verschrobenen Gesichtswinkel der Tierwelt und der Tierhaltung gegenüber, daß Umkehr und Einkehr zu natürlichen, sachgemäßen und vernünftigen Anschauungen immer schwerer wird. Und das muh zwangsläufig auch die ganze Natur- und Weltanschauung unheilvoll beeinflussen, abdrängend von Natur und Natürlichkeit. Wir werden jetzt glücklicherweise in so vielem natürlicher. Man braucht nur an das Freibad zu denken, eine der besten Errungenschaften der heutigen Menschheit. Muß dieser Natürlichkeit im Körperlichen Widernatürlichkeit im Geistigen gegenüberstehen? Manchmal scheint es fast so. Deshalb wende ich mich mit diesem Notschrei an die Presse; wenn sie hilft, so wird es wieder besser werden. Es ist aber auch an der Zeit. Das Domklnd. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach. Von Nikolaus Schwarzkopf. (Schluß.) Es huscht über die achtzehn Stufen, die breitausladend zu Westchor und Hochaltar ernporsühren, findet daselbst wieder eine Tür . . . und guckt nun in den von himmlischen Chören erfüllten Stall von Bethlehem! Hunderte von Kerzen flammen um die goldene Monstranz, Gold und Silber sprühen auf den strotzenden Gewändern der drei Priester, die am Altäre stehen, und rundum schreit der Purpur der Meßdiener, schreit das Weiß der jungen Kleriker, die in zwei langen Zügen vorm Altar hin und her schweben in gemessenen, fast tanzenden Schritten . . . das sind die Hirtenknaben, die zur Krippe eilen, und Seide raschelt und flunkert — die raschelt bestimmt aus Mariens blauem Mantel! Das Domkind tritt hinein durch die Tür, steht da, läßt seine Augen schweifen, die Krippe zu suchen und das Kindlein ... die Orgel schweigt plötzlich, sein Herzchen klopft, der Domchor fällt brausend in die Stille. Da ist es dem Kind: der Chor der seligen Geister sei herabgestiegen.. . . die duftenden Wolken des Rauchfasses strömen herzn, als wollten sie es mitführen zur Krippe hin! Der Priester am Sliter wendet sich zum Volk: es ist der Bischof selber! Alle Domherren starren in gelblich-weißer Seide zu ihm hinaus, die junaen Kleriker des Seminars falten in weiten Bögen die Hände und strömen zum' Bischof hin, und dieser tritt vom Altar weg auf seinen Thronsessel, der links seitab vorm großen Melchisedech in purpurner Seite steht, und alles strömt hinter ihm drein wie eine mächtige Schleppe. Das Domkind denkt: sie eilen zru Krippe, und trippelt etliche Schritte über den flockigen Teppich in die Herrlichkeit hinein! Jedoch auf einmal hat man cs entdeckt: von allen Seiten eilen junge Kleriker auf das Kind zu, und sogar ein Domherr — der mit der großen Matz« — kömmt her und reißt die Tür auf, das Kindlein hinauszujagen wie einen lästigen Pudel! . Allein, da geschieht etwas Wunderbares: der Bischof sieht senr Patenkind verängstigt dastehen, sieht in dem verscheuchten Kindesauge den fragenden Blick eines andern Kindes, die große Frage eines andern Kindes an ihn und alle Welt . . . und er erhebt sich von seinem Sessel! Sille Anwesenden starren 311 ihm hin, roeit er sich wider alle Zeremome erhebt, und weil in seinen Äuget, etwas flammt, was nicht von dieser Erde ist! Er streckt die in Bischofsblau gekleidete Hand mit dem Hirtenstab den Geistlichen entgegen — der Rubin glitzert auf, und — er wehrt den jungen Klerikern und dem Domherrn mit der Glatze. Ringsum glitzern aller Augen in Erwartung der Dings! Und dann winkt die andere Hand das Kind zu sich heran! Wie es eilig zu feinem Paten hintrippelt, verjubeln die Singbuben Hintern, Altar,'die nichts gesehen haben, alle Kraft, die sie besitzen, in die paar Worte der Antiphon: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf dessen tod)ulten, Herrschaft ruht! Dem Domkind zittert das erregte Herz; ihn, ist's: der Bischof werde nunmehr mit ihm zur Krippe gehen und beten. Es legt ohne Zagen sein Händchen in die violett bekleidete Bischofshand, der Bischof gibt seinen Stab einem Geistlichen und beugt sich nieder und hebt das Kind auf den Purpur seines Thrones und kniet neben ihm nieder mit geschloßenen Augen, und seine Gewänder starren in ungewohnten Linien wie voller Entsetzen. Alle Geistlichkeit guckt ratlos umher: die heiligste Messe des Jahres ist gestört, ist zerstört wie die am Karfreitag. Doch in etlichen Augen dämmert der tiefe Sinn des Hergangs auf: ein Kind ist unter sie getreten, vielleicht, — daß Gott ihnen ein Zeichen geben wollte, irgendein Zeichen? . . . Tränen glitzern in etlichen Äugen und glitzern sanft uni, zart zwischen Gold, Rubin und Seide! Das Domkind weiß nicht recht, was es da tun soll, legt sein Aennchei, zaghaft aus die Lehnen des Thrones ... und lächelt schließlich zu einem Diakon, den es nicht kennt. Seine kurzen Beine baumeln, zwischen Strumpf und Höschen lugen die Knie hervor. Unten aus den Reihen der Gläubigen hebt sich vereinzelt ein Angesicht über das Geländer zwischen Melchisedech und Aron und versinkt wieder. Es kann höchstens unterscheiden, daß der Bischof kniet, anstatt zu sitzen! Der Jubel des Chores hinterm Altar aber verstummt gemach, der Bischof erhebt sich, die beiden Domherren kommen auf ihn zu: den Bruderkuß entgegenzunehmen, und den Kuh alsdann an die andern Domherren weiterzugeben, daß er von denen zu den Diakonen getragen werde und bis hinab zum letzten Diener am Altar. Er schlägt einmal hurtig die Augen auf, der Bischof, und läßt sehen, daß in seiner Seele immer noch etwas vorgeht, was nicht zur Liturgie des Festes gehört. Und wahrlich: er läßt den Domherrn stehen und läßi ihn warten auf den Kuß! Und wahrlich: er wendet sich vom Domherrn weg, dem Kinde zu, breitet die Arme weit aus, beugt sich tief herab und küßt das Kind auf den Scheitel! Dann faltet er wieder feine Hände vor der Brust, die Domherren wissen nicht, ob sie jetzt geküßt werden oder nicht, aber der Bischof deutet mit den gefalteten Händen nach den: Kind herab . . . und die beiden Domherren, einer nach dem andern, breiten vogels: „Das Winterquartier unserer Wildgänfe." Der Tölpel hat, auch abgesehen von der Farbe, mit der Wildgans nicht mehr zu tun, als das Pferd mit der Kuh oder dem Schwein. Unter dem Augenblicksbild eines nächtlichen Halbaffen, des Galagos, der, aus dem Tagschlaf geweckt, mit seinen runden Eulenaugen geblendet und verwirrt, hilflos ins Licht starrt, steht: „Der Affe mit dem scharfen Blick." Und vollends die „psychologischen" Unterschriften! Sie werden offenbar häufig ganz skrupellos hingesetzt, weil man sich nicht klar macht, was man damit anrichtet. Finde ich da in einer unserer angesehensten illustrierten Zeitungen ein großes Blatt prachtvoller Äffenbilder, gezähmte Tiere, in ihrer Heimat ausgenommen. Auf zweien dieser Aufnahmen ist ein großer und ein kleiner Affe von ganz verschiedenen Arten zusammen zu sehen, und unter der einen dieser Aufnahmen steht: „Warst dn's auch wirklich nicht?", unter der anderen: ,Lch will dich Mores lehren!" Darüber habe ich herzlich lachen müssen; denn es ist'ein ganz guter Witz, und ich weiß genau, daß es nur ein solcher sein kann und sein soll. Aber wie werden es viele Leser und noch mehr Leserinnen auffassen, zumal wenn sie im Begleittext noch von den pädagogischen Fähigkeiten des größeren Äffen lesen? Darf ich mich da wundern, wenn ich von einer Dame einen Brief noch weitergehenden Inhalts bekam? Von einer Dame, deren allgemeine Bildung über allen Zweifel erhaben ist. Die Dame sieht bei einem Besuche des 'Zoologischen Gartens sofort auf den ersten Blick, daß unser Orangpaar in unglücklicher Ehe lebt, daß das „zarte Frauchen, mit verängstigtem Gesichtsausdruck vor dem brutalen Ehegefpons flüchtend, am Kitter hangt". In Wirklichkeit sind die beiden Tiere ein Herz und eine Seele, das Männchen macht dem Weibchen nicht einmal das Futter streitig: das Aeußerste, was man von einer „glücklichen Che" bei Tieren verlangen kann. Das hängende Klettern üben beide mit Vorliebe, weil sie auch in der Freiheit auf den Bäumen sich so bewegen, und sehr oft sitzen sie, „zärtlich umschlungen", beisammen: „ein Bild ehelichen Glückes" konnte man im Sinne der Briefschreiberin sagen. Ich suchte sie über den wirtlichen Sachverhalt aufzuklären, indem ich ihr unter anderem auch die Frage vorlegte, ob sie das Mienenspiel des Drangs so genau kenne, daß sie sofort unterscheiden könne, ob er ein glückliches ober unglückliches Gesicht macht, und gab mir dabei Mühe, ihr zu der'besseren Einsicht zu verhelfen, wie sehr sie ohne weiteres die Tiere vermenschliche. Darauf erhielt ich einen zweiten Brief, indem sie sich für „feinfühlig" erklärt und stolz behauptet, sie „sehe auf den Grund". Sie ist also unbelehrbar, merkt nicht, daß sie dem Oranggehirn Denk- und Empfindungsleistungen zutraut, vergleichsweise etwa, als wenn sie von Teckelbeinen wie selbstverständlich die Laufleistungcn eines Rennpferdes vorausfetzen wollte. Wir haben aber heute längst eine mikroskopische Gehirnanatomie, traft deren mir in den feinsten Bau des Menschen- und Tiergehirns hineinsehen, und können daher heute auch mit Sicherheit darüber urteilen, was ein Gehirn nach feinem Aufbau leisten kann und was nicht. Das habe ich in der neuen Auflage von Brehms Tierleben gemeinverständlich darzulegsn versucht, und konnte da anfuhren, daß selbst bei den menschenähnlichen Tieren, den mit vollem Recht deshalb sogenannten Menschenaffen (Drang, Schimpanse, Gorilla), die feineren und feinsten Gehirnverhältnisse zugunsten des Menschen etwa wie 1:6 liegen. Das wußte man früher nicht, und die älteren Brehm-Auflagen stehen in dieser Beziehung nicht auf festem, unangreifbarem Grunde. Es war aber sehr hübsch zu lesen, wenn die Tiere sozusagen als Menschen dargeftellt werden. Zu diesen ärgerlichen Tatsachen und unerquicklichen Verhältnissen noch ein Beleg, der eines gewissen Humors nicht entbehrt, weil da nicht eine gebildete Dame, sondern eine tüchtige Mutter ans dein Volke die Heldin ist. Aus meiner Sonntagnachmittagsrunde höre ich gerade, wie die mit köstlicher Selbstsicherheit zu den Ihrigen sagt: „Det Vieh is krank, bet is bis morsen srieh boot." Es war eine kleine Krickente, die, Kopf unterm Flügel, ihren Mittagsschlof hielt. Ich fragte möglichst wißbegierig und Möglichst berlinerisch, so gut es meine Darmstädter Zunge hergab: „An wat sehn Sc ’n bet? Woher wissen Sc 'n bei?“ Sie darauf mit Pracht-. voller Unfehlbarkeit: „Det seh' ick un bet weeß ick!" und mit besonderem Nachdruck noch: „besser wie Sie!" Ich wollte, vollständig geschlagen und überwältigt, antworten: „Ihnen kann teener! Jes en Ihnen bin ick der reene Popel." Wer weiß aber, was darauf erst erfolgt märe! Nicht nur von „Muttern" selber, sondern auch von der „werten Familie". So dachte ich nur still bei mir: Ein süßes Völkchen, diese Berliner! Welche rührende Bescheidenheit und welche entzückende Liebenswürdigkeit! Eine spaßhafte Geschichte, nicht wahr? Genau genommen aber ebenso unerfreulich wie der Briefwechsel mit der gebildeten Dame. Wenn die beiden Frauen in irgendeine technische oder industrielle Anlage hinein- kommen, so würden sie mir von Stauen und Bewunderung voll sein, sich aber nicht einbilden, hierüber irgend etwas urteilen zu können. Und doch fahren sie jeden Tag auf der Elektrischen und gebrauchen das Telephon, ebenso wie sie jeden Tag Tiere sehen. Sie maßen sich aber nicht an, davon irgend etwas zu verstehen, wenn sie es nicht ehrlich gelernt haben. Nur im Zoo, da sehen sie auf den ersten Blick, daß eine schlafende Ente „bis morsen srieh boot" ist, Warum ich diese Lächerlichkeiten tragisch nehme? Weil mit derartigen nicht burch die leiseste Sachkenntnis getrübten Ansichten sehr ost abfällige Kritiken unserer Tierhaltung und Tierpflege im Zoo verbunden werden. Und diese Kritiken werden mir in der Regel namenlos zugeschickt, so daß ich nicht einmal antworten und aufklären kann. Eine solche tragikomische Geschichte kehrt immer wieder, die in das Gebiet der vielberegten „sexuellen Aufklärung" schlägt. Bei brünstigen Äesfinnen, insbesondere den Pavianweibchen, schwillt das Gesäß sehr stark an, daß es aussieht wie eine bösartige Geschwulst. Da sind es wieder „feinfühlige" Damen, die „auf den Gründ sehen" und sich in der größten Empörung über die unglaubliche Roheit und Schlamperei befchweren, daß wir diese „offenbar schwer- kranken Tiere ohne jegliche Pflege und tierärztliche Hilfe Herumlaufen lassen". Einmal wurde mir sogar geschrieben, der Wörter habe „mit zynischem Lächeln erklärt: „Det macht jarnischt, det dicht die Olle janz jut." „Dieser gefühllose Rohling!", so schließt der Brief. In diesem Falle war ich einigermaßen froh, daß er namenlos war; denn ich hätte sonst mit einer kleinen Variante vor der berühmten Sexu-alaufklärungssrage ge- tanden: Wie sage ich's der Same? M Arme norm Kinde aus und umarmen das Kind unb nisten es aus den Scheitel. Dann erst geben sie den Bischosskuß, den sie vom scheitel des lindes genommen, weiter in der kirchlichen Rangordnung, und der Bischof schreitet zum Altar empor, und das Amt nimmt seinen gewobnten ,^ottgang^omkind lmb weiß nicht, wie ihm geschieht. Schließlich kommen zwei Subdiakone und pflanzen sich neben ihm auf . . . da blickt es zum steinernen Milchisedech empor und rutscht vom Sessel herunter. und läuft gesenkten Hauptes zi,r Tür und verschwindet aus dem himmlischen Raum.--- . . , , ,, , r ,, König Saul hat das Kind sitzen sehen; wie er setzt merkt, daß es geht, winkt er einen der Kleriker zu sich und bittet ihn, dem Kmd zu folgen, weil das Körperchen voller Fieber stecke! Der Kleriker eilt hinaus, greift dem Kind an den heißen, glühendheißen Kopf und trägt's in die Turmer- wohnung, wo der Vater noch beharrlich schnarcht. Und gleich nach der Mette kommt mit der Mutter der Komg Saul derauf in den Turm, und sie sehen Vater und Sohn nebeneinander liegen rind schlafen. Doch wie sie näher zusehen und am Bett verweilen, bewegt das Kind bald Arm, bald Bein, schlägt die Augen aus, ohne sie zu be- tocn^n, obn-c ein) ctx> zu sehen, und läföt die Qibcr wieder sinken, und sem Möpschen nlühr. Sie wecken den Vater, der König Saul versucht am Tele- phvii den'Arzt zu sprechen, doch meldet sich kein Arzt. Erst läßt er vom Amt die Kinderärzte anrufen, doch haben anscheinend alle in der Herligen Nacht ihren Fernruf abgesteili; vielleicht denken sie, vielleicht wissen sie aus der Erfahrung: in der Christnacht braucht kein Kmd einen Arzt! Endlich meldet sich ein anderer und verspricht, sogleich zu kommen! Eine Stunde lang stand der Domkapellmeister da am Hörer, der im Wohnzimmer hängt neben der Tür zum Rundgang, auf daß man auch .-.Ht außen sprechen konnte. Während dieser Stmrde ward innen IM Schlafzimmer das Kind kränker und kränker, schrie bisweilen laut in mnggezogenen Tönen, fuchtelte mit den Händen an der Holzwand empor, was der König Saul deutlich hörte, obgleich er den Schalltrichter fest ans Ohr preßte. Das war ein anderes Geräusch, als es da durch den Draht ihm vermittelt wurde: aus dem Hals des Kindes strömte zerbröckelt 2(tetn. König Saul konnte das nicht anhören; er hatte nie wie andere Geistliche an einem Totenbett gesessen, er hatte nie einen Menschen sterben «eben’ Und nun ein Kind so leiden sehen, das konnte er nicht ertragen! Er weiß ja auch nicht zu helfen! Was die Eltern tun, wird wohlgelan fein! Er möchte fortgehen. Da sich endlich ein Arzt meldet, beschreibt er >-asch den Zustand des Kindes, kommt herein ins Zimmer und sieht, daß die Eltern gerade das tun, was er sie eben hat tun heißen wollen! Er geht wieder hinaus. Er nimmt die Schlüssel, den Arzt hereinzulassen, und geht herunter. Auf be>- Treppe fällt ihm ein, daß er einstweilen als Priester etwas fürs Kind tun könnte, da er als Mensch nichts zu tun vermochte! Er zündet zunächst eine Kerze an und stellt sie an den Markteingang, schließt aui und hebt'das Schloß aus der Nase, so daß der Arzt sogleich eintreten kann. Dann geht er in die Sakristei; er darf als Priester heute am Weih- m-cbtsag drei belüge Messen lesen! Das hat er getan, seit er geweiht ist, aas' will er Heuer wieder tun, und er könnte jetzt, da das Kind vielleicht h> feinem letzten Stündlein liegt, augenblicklich wenigstens eine lesen! Wer weiß, ob sein Gebet nicht geradesoviel vermag als die Wissenschaft des Arztes! ... „ , Er zündet alio zwei Kerzen am Marienattar an, der unmittelbar neben dem Eingang liegt, holt in aller Hast Hostie, Wein und Kelch und wirst die heiligen Gewänder über sich und beginnt allein, ganz allein, innig und fromm das heilige Meßopfer, und rundum stehen die Räume des Domes unsichtbar verhüllt und schweigen. Vom Turme schlägt's drei. Die beiden Altarkerzen flimmern, jede der Blumen an dem festlich geschmückten Altar leuchtet hin und wieder; die Fuchsien drangen sich zwischen die silbernen Leuchter, als wollten ihre tiefherabhängenden Glöckchen jeden Augenblick ein Trauergeläut anstimmen. Wie König Saul schon bis zur Opferung gekommen ist mit seinen Gebeten, hört er den Arzt, bricht seine Messe ab und eilt in den restlich hellen Gewändern an die Tür. Der Arzt erschrickt ein wenig und kommt dann herein; König Saul streift das Meßgewand ab, hängt's über eine Bank und geleitet mit der Kerze den Arzt hinab. Oeffnet die Tür, hört ein jämmerliches Gestöhn, läßt den Arzt eintreten und geht selber nicht hinein. Etliche Minuten verweilt er da vor der Tür und weiß nicht: soll er hineingehen oder nicht, malt sich die verzerrten Bilder vor Augen und wendet sich schließlich, lagt sich; erstens, er wolle doch nicht in Mb und Stola erscheinen, zweitens, er wolle doch das Domkind, wenn es vielleicht sterben müsse, in schönem Bildern sich aufbewahren, und drittens, er müsse doch auch die begonnene Messe beenden. . So tastet er sich also herab, schlüpft in das Meßgewand und opfert Brot und Wein und opfert die ganze Messe dem Herrn auf für die Ge- sundung seines besten Freundes. Mit zitternden Händen hebt er Hostie und Kelch zur Wandlung empor. Rasch schließt er, indem er die letzten Gebete auf der Wendeltreppe aus dem Gedächtnis hergesagt. Wieder öffnet er sachte die Tür, lauscht auf das Gestöhn, hört aber nichts! Da denkt er: vielleicht hat mein Gebet geholfen, und tritt ein. Das Kind war tot! Ausgestreckt lag das Körperchen da und brannte noch, und der Kapellmeister spürte die Glut der Stirn in seiner Hand. Die Mutter lag auf dem andern Bett in den Armen des Arztes, der Vater kniete da und hielt die zarte Hand des Kindes an feine Lippen. König Saul konnte sich nicht halten, weinte laut und trat hinaus in den Rund gang. Als es vier schlug, kam der Türmer heraus, die Manner umarmten sich und weinten Wange an Wange. Der Arzt ging; auch die Mutter kam heraus, umklammerte den Kapellmeister und weinte an feiner breiten Brust und zog ihn mit sich hinein ans Totenbettchen, — aber er konnte keine Minute bleiben! Um fünf Uhr wurde für die ersten Messen geläutet; da fiel es dem Kapellmeister ein, daß unten am Marienattar die Kerzen noch brannten, daß die Gewänder noch da lagen, und er eilte hinunter und begann am selben Altar seine zweite Weihnnchtsmesse, und las seine dritte sogleich hintennach. In der Sakristei sagte er, daß das Kind gestorben sei, und jeder der geistlichen Herren weinte um bas Kind. Der Domdekan, der nm halb sieben kam, ging, noch bevor er seine Messe begann, hinauf zur Türmerei und machte den Leuten eine große Freude. Er sagte ihnen, er wolle dafür sorgen, daß der kleine Paulus im Rasenplatz des Kreuzganges begraben würde! Der Bischof war damit einverstanden. Die Kunde vorn Tod des Domkindes verbreitete sich nicht so rasch wie seinerzeit die Kunde von seiner Geburt. Zeitungen wurden während der Feiertage nicht gedruckt, und selbst wenn sie gedruckt worden wären, so hätte vielleicht unter vielen kleinen Notizen auch diese gestanden: daß oben auf bem Turm ein Kind gestorben sei! Doch mancher, der die Nachricht vernahm, sah zum Turm auf und dachte: „An Weihnacht gekommen, an Weihnacht gegangen: glückliches Kind, daß du unser armseliges Leben nicht zu kosten brauchst!" . . . Und bann: „Ein Geheimnis wird schon dahinterstecken: wollen mir nicht daran rühren!" Ach, während der düsterfeierlichen Weihnachtstage flammt jedes Kerzlein heller, und der Weihrauch kann sich nicht verziehen, weil die Meßbuben zu oft auf schöpf en müssen. Zwischen den Säulen geht manch farbiges Gefunkel einher, bas sonst im Lauf des Jahres sich nicht sehen läßt! König Haut wollte gar nicht mehr fort aus dem Dom; in seine Traurigkeit klang von allen Seiten Musik; Farben lösten sich aus in Musik, Weihrauch ward Musik für ihn. Er bestellte jeden Tag zweimal seine Singbuben: während der feierlichen Tage des Kirchenjahres ein Grablied zu üben, aber er wußte im voraus, daß das Lied am Grab ihm nicht gelingen werbe. Am dritten Weihnachtstag ward bas Grab geschaufelt, und der Türmer stand oben am Gitterchen, das den Rundgang abschließt, und winkte mit einem gelbweißen Fähnchen, daß der Totengräber jenes Plätzchen fand, das von da oben aus auch recht zu sehen war. „Dort unten", sagte die Mutter, „hätte unser Kind oft spielen können; nun kann es nicht mehr spielen und wird kein Grashälmchen zerstören." „Hörst du, wie die Buben fingen?" antwortete der Türmer, „aber auch sie hätten mit ihren Liedern früher kommen müssen und mit ihrer Freude!" Der kleine Sarg ward im Chor des Domes aufbewahrt, und von zwei Uhr an kamen fortgesetzt Leute, dem geliebten Kind mit dem Buchs- biijchel Weihwasser zu geben und oben am Sargende ein Kerzlein anzuzünden. Schließlich mußte der Küster den großen Wachsständer aus der Muttergotteskapelle heraufschleppen, weil so viele Kerzen, kleine unb große, bargebracht wurden. Alle Menschen, die kamen und das zarte ?lntlitz sahen, dachten unb sagten: ein Engel! Es eilten so viele Leute herbei, und sie gingen nicht mehr und blieben, und als der Bischof kam mit seinem Kapitel, war der ganze Dom schwarz angefüllt mit Trauernden. Das hatten insbesondere die Ettern nicht er- ma'rtet, und der Kapellmeister erst recht nicht, denn er war wohl hinterm Hochaltar, seiiab von der Menschenmasse, ein Held und konnte seinen Paleskrina dirigieren wie selten einer, aber mitten unter den Menschen stellte er sich oft nicht gerade gut an. Die Zotenmänner schraubten den Sarg zu, toingbitben trugen ihn hinaus durch die Hallen des Kreuzganges, damit die Menschenmenge hintendrein sich etwas verteilte, und senkten ihn unter dem sanften Schneegestöber hinunter ins Grab. Der Bischof betete laut am Grad, was vorgeschrieben ist, die Domherren umstanden ihn. Alles, was schwarz tuar, umflorte sich mit weißem Schnee, und selbst das Trauerfähnchen, das am Kreuz flatterte, ward weiß, und der hl. Benediktns lächelte anders als sonst, weil Kopi unb Hand und Buch und Fuß weiß zugebeckt waren. Die Eltern standen hinterm Bischof und meinten nicht mehr, die Singbuben ordneten sich mit hängenden Köpfen um ihren General, aber dem General liefen immerzu die Tränen über die Wangen, und als er seinen Buben den Ton des Liedes angeben sollte, fiel ihm die Stimmgabel aus der Hand, und er konnte sich nicht halten vor Schmerz, und schließlich verhüllte er sein Angesicht unb bahnte sich mit seinen mächtigen Armen einen Weg durch die Menge und verschwand. Da war niemand, der nichi erschüttert' meinte. Der Totengräber aber hatte es gut: als der letzte der Leidtragenden seine Handvoll Erde aufs Grab werfen wollte, mußte er sich mühsam die wenigen Sandkörnchen zusammenscharren, denn alle Erde, die da lag, war schon hinein- und hinübergeworfen aufs kleine Grab. Wer den Kapellmeister nachträglich über irgend etwas befragte, der bekam zur Antwort: „Dieses Kind war kein Kind, sondern war em Enge!, der am Weihnachtsabend mit dem Christkind herabstieg zur Erde — vielleicht aus Neugier nach den derzeitigen Menschen —, im Turm des Domes rasch Fleisch und Blut annahm, wie ein anderes Kind an diesem Tage auch getan, und nun, da es enttäuscht wurde von uns Menschen, wieder heim- kehrte in den Himmel! Aber wahrlich," fügte der König Saul hinzu, „ein Kind, das inmitten von Heiligen aller und jeglicher Schattierung auf- wächst, inmitten von gelehrten Männern, seltsamen Käuzen und wirklichen Käuzchen, inmitten von Blumen, die aus Stein gemacht sind, ininnten von Glocken, Rauchfässern und heiligen Dingen aller Art, ein solches Kind kann nicht mehr gut über seine Engelsjahre hinaus gedeihen, denn fein Herz schlägt genau mitten in der Brust wie bei Engeln, unb sie Wett weiß mit Engeln nicht mehr umzugehen und ist zudem auch fernes Engels mehr würdig!" Die armen Eltern aber lebten fortan sehr einsam auf dem Doni unb wollten nicht mehr herunter. Am eisernen Gitter des Rundgangs f.and ein Stuhl, von dort aus konnten sie das Grab ihres Kindes sehen, uno j bas war ihnen das Liebste auf der Welt! _________ Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot.- Druck und Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.