GietzenerKmiilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang Mr Samstag, den Mai Rümmer 38 Frühling. Von Arno Holz. Die Ammer flötet tief im Grund, Der Frühling blüht mein Herz gesund. lieber die Augen halt ich die Hand, Schimmernd liegt vor mir das Land. Schimmernd rote ein goldener Rauch, lieber allen Dingen liegt ein Hauch. So still, so sonnig hängt die Luit, lieber die ganze Welt weht Beilchenduft. lieber die ganze Welt rmgesehn Leise, leise Sonntogsglocfen gehn. Oie Ammer flötet tief im Grund, Der Frühling blüht mein Herz gesund. Durch das heimliche und unheimliche Deutschland. Bon Manfred Hausmann. HL Berlin - Kreiensen Merter. Ms der Zug sich bereits anschickte, den Potsdamer Bahnhof zu verlassen, erhob sich draußen plötzlich ein Geschrei, eine helle Stimme rief? ,Ach was, BlödsinnI" Die Tür unseres Abteils wurde aufgerissen und ekie junge Dame schwang sich fluchend und ladjenb herein. Schwang sich herein, warf sich, da alle Bänke besetzt waren, auf den nächsten besten Weidentofser, der an der Wand stand, lachte unbekümmert los, schnaufte^ tupfte sich mit einem aus dem Buten gezogenen Tüchlein den Schweiß von der Nase und lachte wieder los. Dann fuhr sie unter einem erschrockenen .Lemineh, was macht er denn!" ans Fenster und winkte strahlenden Auges zum Bahnhof zurück. Endlich ließ sie es sein und sank wieder auf den Weidenkoffer. „Es ist doch hoffentlich erlaubt, hier zu sitzen?" fragte sie rundum die Bänke entlang. Sie Magd, deren Eigentum der Äoffer war, hatte nichts dagegen. Eine junge Dame mit weißem Jumper und schwarzem Bubenkopf. Ein Fremdling in der vierten Klasse. Sie saß lässig da und fächelte, vor sich hinsinnend, ihr glühendes Gesicht. Mit einem Male fing sie Wieder an zu lachen, erst zaghaft durch die Nase, bann aber so herzlich und fassungslos, daß wir unwillkürlich alle mitgrinsten. Da war es denn an mir, als einem Klinkenputzer, der doch nichts zu verlieren hatte, sie zu fragen, ob sie uns nicht, uns netten Menfcheu, die wir hier so gemütlich beisammen säßen, ein bißchen an ihrem Glück teilnehmen lassen wollte. Ja, das wollte sie wohl. „Sie müssen bitte entschuldigen," jagte sie, „daß ich mich hier so auf- gre, aber die Geschichte ist auch zu lustig. Ich mußte nämlich unbedingt en Zug erreichen, weil . . . weil . . . kurzum, ich mußte ihn eben kriegen. Natürlich verschlafe ich die Zeit, die Untergrund fährt mir vor der Rase weg, wie das so geht, in die nächste steigt zugleich mit mir ein netter, aber merkwürdig nervöser Herr ein. Ich frage ihn, als wir uns dem Potsdamer Platz nähern, wie spät es ist. „Sechs Uhr dreiundfünfzig," sagt er, „fünfundfünfzig fährt mein Zug." — „Meiner auch!" sage ich. „Haben Sie schon eine Karte?" sagte er. „Nö!" sage ich. „Ich auch nicht," sagt er, „wir müssen gleich so durchrennen, Herrgott, wir kriegen ihn ja doch nicht mehr! Die Untergrund hält, ich raus, er hinterher. Treppauf, treppab. Jetzt passen Sie auf:, wie wir im Potsdamer Bahnhof an die Sperre kommen, ich voran, er drei Meter hinter mir, schreie ich, um keine Sekunde aufgehalten zu werden, dem Knipier entgegen: Mein Mann hat die Karten! und renne durch, renne den Stations- . Vorsteher über den Haufen und springe auf den fahrenden Zug. Ge- rettet! Haha! Der nette Herr mußte sich natürlich erst zwei Nachlösezettei- chen in die Hand drücken lassen und ist nicht mitgekommen. Ich habe ihm aber noch zugewinkt. Ra, er mag schön . . . hahaha ... ich hätte ihn hören mögen! Hahaha! Er hat vor Wut seinen Schirm hinter dem Zuge hergeschmissen. Der Hut war ihm schon auf der Bahnhofstreppe weqge- koltert. Der arme Mann! Hahaha!" Wir platzten denn auch tüchtig los und hatten unser Behagen an der lustigen Geschichte, wenngleich einige nicht umhin konnten, gewisse mora- lische Bedenken vorzubringen. Und es erhob sich Gelächter und allerlei Für und Wider. Aber als wir sahen, mit welcher tapsigen Seligkeit das Fräulein in Potsdam einem braunen Segler namens Hannes, der sie da erwartete, um den Hals fiel, begriffen wir alle, daß einem jungen und maßen Menschenkind, um an ein solches Ziel zu gelangen, jedes Mittel recht fern durfte. In Burg ließ sich eine Frau in unser Abteil schieben, die gut und gern ihre zweieinhalb Zentner wog. Sie polsterte ihren Platz — es war inzwischen leer geworden — mit einer gewaltigen, vielfach zusammenge. legten Reisedecke aus, lehnte ein Kissen für ihren Rücken an die Wand und hängte ein zweites, das sie erst mit Luft füllen mußte, wobei sie blau und violett wurde, für ihren Kopf an den Haken des Gepäckbrettes. Dann wuchtete sie sich Yin, zog ein Buch ans ihrer Handtasche und faß ganz ruhig da Die Vorsehung wollte es, daß in Magdeburg eine alte Bauersfrau einstieg. Sie war ausgerüstet mit einem Henkelkorb, in dem sie unter einem Tuch, rote man aus dem Gegacker schließen konnte, ein Huhn transportierte, genauer gesagt eine Glucke, und mit einem durchlöcherten Schuhkarton, der aber keine Schuhe, sondern die piependen Kinder der Glucke, sieben an der Zahl — wir erfuhren's bald genug — enthielt. Auch diese gute, alte Bauersfrau fand noch einen Sitzplatz und machte, nachdem sie den Korb und den Karton vorsichtig unter ihrer Barch »er- staut hatte, ein kleines Nickerchen. Und der Zug setzte seine Reise gen Kreiensen fort, bald fuhr er, bald hielt er, es war eben ein Bummelzug, rote er im Fahrplan steht. Als er vor Aschersleben ziemlich plötzlich bremste, schrak die Bauers- frau aus ihrem Schlaf hoch. „Ist das Aschersleben?" — „Ja, ja!" „Huch je nich nochemal!" sagte sie und nahm den Korb und nahm, während der Zug bereits stand, den Karton und schickte sich an, hinauszuklettern, da fiel der Boden des Schuhkartons, wahrscheinlich hatten ihn die Kücken mit allerlei Menschlichem oder vielmehr Küchlichem durchweicht, kurz und gut, er bröckelte weg und die sieben Kücken hüpften, von einer Panik ergriffen, unter, über, zwischen den Bänken und Menschen umher. Die Bauersfrau schimpfte, wir haschten nach den Flatternden, der Stationsvorsteher kam und erklärte, der Zug müßte abfahren. Aber sechs Kücken waren sihon wieder ergriffen und in den Sack gesteckt, den die Frau schimpfend und weinend aus ihrem Rock hergestellt hatte. „Siebene. . es find'r ober siebene gewesen!" greinte sie. Wo steckte das siebente? Im Rrt durchstöberten wir alle Ecken, die dicke Frau erhob sich sogar und schüttelte ihre Decken und Kisten, vergebens, das siebente Kücken blieb verschwunden. „Fertig!" sagte der Stationsvorsteher, schlug die Tür zu und erhob fein Brettchen. Es ging weiter. Wir sprachen immerzu über das verlorene Kücken. Die meisten meinten, es wäre wohl zur Tür hinausgesprungen. Aber die dicke Frau saß da und las in ihrem Buch. Rach langer Zeil kam Gandersheim in Sicht. Da klappte die dick» Frau ihr Buch zu, sammelte ihre Kissen ein, schüttelte die Decke aus . . . Herr des Himmels, was lag da auf der Bank, gerade dort, wo die dicke Frau gefeffen hatte? Das Kücken, das arme Kücken, mausetot und platt rote em Pfannkuchen. Die Frau sah es, ganz mit ihren Siebensachen be- schaftigt, nicht eher, als bis ich es aufhob in meiner Roheit und es ihr mit dem Vorschlag überreichte, sie sollte sich's zum Andenken mitnehmen, man konnte es vielleicht als Lesezeichen gebrauchen. Aber sie kreischte so laut und fing so heftig an zu meinen, daß ich das zweidimensionale Wesen schleunigst zum Fenster hinausroarf. Die dicke Frau verlieh langsam bas Abteil. An ihre Stelle trat ein elastischer Herr, gescheitelt, gewichst, mit Kragen unb Schlips unb spitzer Nase. Er schloß, nachdem wir uns wieder in Bewegung gesetzt hatten, alle Fenster der rechten Seite und belehrte uns, daß sonst Zug entstünde, dessen Gefahr für Hals und Nase und Ohren jedes Menschen gar nicht abzuschätzen sei. „Auch muß man auf die Ventilation an der Decke achten. .Diese Herr zum Beispiel ist unbedingt zu schließen. Erlauben Sie bitte! So, das hätten wir schon. Nun noch eins: Wo befinden sich in diesem Waggon die Notbremsen? Dort und dort! Sehr wohl, ich bin befriedigt." Er setzte sich und entdeckte, auf dem Boden umherschauend, eine Fahr- karte. „Aha! Wer von den Herrschaften vermißt seine Fahrkarte?" Wir griffen in unsere unterschiedlichen Taschen und siehe, jedermann fand seine Karte. „Auf die Toilette weilt niemand?" fragte er. „Nein, nein." „Nu« dann wollen wir das Dokument doch lieber vernichten, damit niemand ftl Versuchung kommt, es zu mißbräuchlichen Zwecken zu benutzen." Er get» nß die graue Pappe in winzige Stückchen und ließ sie zum Fenster hin- auswehen. e Unmittelbar darauf schwang sich der Schaffner von draußen herein unb erbat die Fahrkarten, die er bereitwillgst von allen erhielt. Rur der elastische Herr konnte die seine nicht auftreiben. Er hatte sie wohl gerade in die weite Welt gestreut. ©oinsborougf). Zum 200. Geburtstage des englischen Malers. Von Walther Appell- Plauen, Die englische Malerei ist in unseren deutschen Galerien mir spärlich vertreten. Darin, wenn auch nicht darin allein mag es begründet sein, daß uns selbst Künstler vom Range eines Reynolds, Romney und Gains» borough ferner stehen, als es ihrer Bedeutung entsprechen sollte. Von dem letztgenannten wurde zwar in jüngster Zeit auch bei uns wieder einmal gesprochen, aber der Anlaß dazu war durchaus unkünstlerisch: eines der wenigen auch bei uns bekannten Bilder seiner Hand, der „Knabe in Blau", war für einen Rekordpreis aus altenglischem in amerikanischen Besitz übergegangen. Immerhin bleibt zu hoffen, daß diese Sensationsmeldung doch nicht nur wegen des Millonenpreises bei uns Widerhall fand: gerade der „Blaue Knabe" ist vor rund 20 Jahren einmal, als Repräsentant englischer Malerei, in Berlin gezeigt worden. Am 14. Mai jährt sich zum 200. Male der Tag, den wir als Thomas Gainsboroughs Geburtstag zu bezeichnen gewohnt sind (in Wirklichkeit wurde er an diesem Tage bereits getauft — der tatsächliche Geburtstag ist uns nicht bekannt). So äußerlich auch dieser Anlaß ist, über den Künstler zu reden, muh er uns doch willkommen sein aus der Erwägung heraus, daß das Wissen um Gainsborough bei uns über Gebühr vernachlässigt wurde und wird. Verwunderlich ist das freilich nicht, denn der Künstler hat — wie seine oben genannten Zeitgenossen — sein Schaffen fast gänzlich in den Dienst Englands und seiner Robilität gestellt. Sie Folge davon ist, daß noch Herste viele seiner Hauptwerke im Familienbesitz der einstigen Auftraggeber sind. Und die gelegentlich frei gewordenen sind zumeist in die englische Nationalgalerie übergegangen. Dieser nicht ganz neidlose Kult einer Nation, der nur wenig nach dem Kontinent gelangen ließ, ist insofern zu verstehen, als es vor Gainsborough und feiner Zeit eigentlich keine „englische Malerei" gab. Muhte doch sogar Rang und Titel eines britischen Hofmalers durchweg an Ausländer (wie Holbein, van Dyck u. a.) gegeben werden. Was über den Lebensgang Gainsboroughs (geft. 1788), über fein fast autodidaktisches Hineinfinden in die Bezirke feiner Kunst, über feine Förderer und Widerfacher, über die Fehler und Vorzüge feiner Menschlichkeit im einzelnen zu sagen wäre, — das alles ist für uns von untergeordnetem Jntereffe. Wichtig aber ist, daß auch Gainsborough, wie so viele andere große Künstler, sich und seine Kunst nur selten so geben durste, wie er im Innersten gewünscht haben mag. Es entspricht dem Wesen der Porträtkunst,»daß der Käufer eines Bildes zumeist von vornherein der Besteller ist. Und die Bedenken, die sich daraus ergeben müssen, sind um so schwerer, je größer der Erfolg eines Künstlers und die Nachfrage nach ihm ist. Hat er naturgemäß schon aus die Wahl seiner Motive einen nur geringen Einfluß, so wird ihm neben dem „Was" auch das künstlerische „Wie" ost genug zu wesentlichen Teilen von kunstfremden, aber zahlungskräftigen Auftraggebern vorgefchrieben. Obwohl Gainsborough das Ungesunde dieses Zustandes fühlte, scheint er doch nicht willensstark genug gewesen zu fein, auf die mancherlei Annehmlichkeiten im Dasein eines beliebten Mode- malers erlauchter Gesellschaftskreise zu verzichten. So wurde sein Können an der freien Entfaltung gehindert, und er selbst darum gebracht, das Höchste zu erreichen, was ihm zu erreichen möglich gewesen wäre. Immerhin bleibt dennoch genug Gleichförmiges und Stereotypes um die große Zahl seiner auf den Effekt gestellten Ladies und Prinzessinnen, Earls und Viscounts. Sie wenig variierten Hintergründe mit der kulissenartigen Baumstaffage und die oft wiederkehrenden Verlegenheitssäulen, daran die Porträtierten lehnen, beweisen schon, daß in erster Linie die Selbstgefälligkeit der Dargestellten befriedigt werden mußte. Nichts durfte auf den Bildern sein, was das Augenmerk irgendwie von dem — an sich recht vielfach unbedeutenden — Mittelpunkt hätte ablenken können. Sas ist auch einer der Gründe dafür, warum Gainsborough sein in Einzelwerken bezeugtes Landschaftertalent nicht wenigstens zur Ausgestaltung [einer Bildnisse benutzte. Er hatte sich eben zu weit dem parvenühaften Ehrgeiz verschrieben, der die führenden Gesellschaftsschichten feines Landes und seiner Zeit — die eine Zeit des wirtschaftlichen Aufstieges war — kennzeichnete. Man wirb oft, wenn auch nicht so stark wie bei Velasguez, den Eindruck nicht los, daß es gar nicht so sehr auf die Person und ihren Wert, sondern mehr auf ihr prunkendes Bekleidetfein mit kostbaren (und aufdringlich die Kostbarkeit betonenden) Stoffen nnkommt. Aus dieser betrüblichen Erkenntnis heraus muß dann um so ehrlicher bedauert werden, daß die erlesene, selbstsicher im besten Sinne kultivierte Malweise nicht allgemeingültigere, bleibendere Vorwürfe wählte. Sas machen besonders die Bilder deutlich, die noch am wenigsten als „Porträts" im strengsten Sinne anzusprechen sind, also etwa der „Blaue Knabe", „Sie drei Prinzessinnen", die Bilder des Mimen Garrick und einige Motive aus dem Landleben. So oft er die Muße dazu fand, hat Gainsborough Freunde, insbesondere Musiker und Schauspieler gemalt, denen er sich im Ringen um Gestaltungsprobleme verwandt wußte — ohne Auftrag und ohne Aussicht, die Bilder anders als schenkungsweise bei den Gemalten anzubringen. Und es läßt tiefe Schlüsse zu, daß manches dieser Werke an malerischen Qualitäten die berühmter gewordenen beträchtlich überragt. Für das werdende Werk kann es ja auch nur von Vorteil fein, wenn es weniger auf die getreuliche Wiedergabe' einer repräsentativ gemeinten Aufmachung abzielt als auf die schöpferische Durchdringung einer wertvollen (mindestens dem Künstler wertvollen) Persönlichkeit. (Auch einige Bildnisse führender Intellektueller gehören wohl hierher.) Wäre Gainsborough mehr den eigenen Eingebungen, den künstlerischen Trieben seines freien Ich gefolgt als den Lockungen der Tagesberühmtheit so könnte seine Stellung in der europäischen Malerei eine ganz wesentlich andere sein. In [einem starken Künstlertum waren durchaus die Voraussetzungen dazu gegeben, daß schon er die Brücke austauschender Angleichung zum Kontrent hätte schlagen können, die so, hundert Jahre nach ihm, erst Turner und Whistler schlugen. Und würdigende Betrachtung seines Lebenswerkes brauchte viel weniger Einschränkungen und Vorbehalte zu machen, als es nach Lage der Dinge hier leider der Fall sein mußte. Ausflug nach Cumas. Von Dr. Margarete Bieber, a. o. Professor an der Universität Gießen. Während man überall von den künftigen Ausgrabungen von Hercu- lanum spricht, ist in aller Stille und mit großer Energie durch die Leitung des Museums von Neapel eine Ausgrabung begonnen und gefördert worden, die in wenigen Jahren zu den größten Sehenswürdigkeiten in der Umgegend von Neapel zählen wird: die Ausgrabung der Griechenstadt Cumae. Der Burgberg von Cumae (griechisch Kyme) hat in der wegen ihrer Schönheit berühmten Gegend westlich von Neapel wohl die schönste Lage, Er liegt dicht am Meer und am Rande der sogenannten Phlegräischen Ge- filbe, die durch vulkanische Tätigkeit zerrissen und reich gegliedert, den Griechen als Schauplatz des Kampfes der Götter und Giganten galt. Er gewährt daher einen bezaubernd herrlichen Blick auf das Durchein- ander von Bergen, ©een, Küsten, Meeresbuchten und Inseln, das das Charakteristikum dieser Gegend ausmacht. Schon wegen dieser Aussicht würde der Ausflug lohnen. Dazu kommt aber jetzt ein großes historisches und kulturgeschichtliches Interesse. Ich erhalte in der Direktion des Neapler Nationalmuseums einen Bries an den Oberaufseher der Ausgrabungen mit der Anweisung, mir alles zu zeigen. Hiermit bewaffnet fetze ich mich auf die Ferro via Cumana, in Gesellschaft von etwa einem Dutzend echter Neapolitaner, d. h. von Männern und Frauen, die unter einer dicken Schmutzkruste Anmut des Körpers und der Seele zu bewahren wissen. Man möchte jedem eine Kleiderbürste, eine Kopsbürste und ein Stück Seife schenken. Da ich das nicht im großen Stil durchführen kann, habe ich wenigstens eine ausrangierte 'Kopsbürste dem Zimmermädchen meines Hotels überlassen, die über diesen noch nie besessenen Luxusgegenstand hoch beglückt war. Die meisten Reisenden steigen in Pozzuoli oder Baiab aus. Ich bin der einzige Mensch, der das keuchende Züglein erst auf der Station Cuma- Fusaro verläßt, d. h. bei dem jetzt durch seine Austern berühmten See, der im Altertum als Hasen von Cumä diente und von den Griechen Achemsia, Unterweltsee genannt wurde. Ich trinke zunächst in einer schmierigen Osteria einen Kaffee, der doppelt soviel kostet wie in Neapel, dafür aber auch doppelt soviel Wasser enthält wie der sonst in Italien vorzügliche caffe espresso. Meinem Genuß sehen, im Kreis um mich gelagert, ein kleiner Junge, ein Hund u. eine Katze zu, alle drei gleichmäßig schmutzig und schläsrig. Ein kleines Mädchen in Lumpen bewundert mich mehr aus der Ferne. Ich entziehe mich ihren Glotzaugen und wandere zwischen dem spiegelglatten See rechts und rebenbewachfenen Hügeln links in dreiviertel Stunden nach Kyme. Jenseits der Reste des antiken Amphitheaters steigt ein Pfad zwischen Weinbergen empor. Sie hier arbeitenden hübschen Bauernburschen kommen angestürmt und bieten mir von ihnen gefundene Münzen an. Sie Weinberge liegen über den noch unausgegrabenen Resten der Stadt, und ihr Boden muß ganz durchsetzt sein von Resten antiken Lebens. — Ser Pfad endet beim Wächterhäuschen unterhalb der Akropolis. Ich steige zunächst herab und besuche, vom Oberausseher geleitet, dir berühmten Höhle der cumäischen Sibylle. Ser Eingang war bis vor kurzem vollständig durch Trümmer verschüttet, ist aber jetzt ausgeraumi worden. Sie hat zwar nicht, wie Vergil singt, „hundert Zugänge und hundert Ausgänge, woher ebensoviele Stimmen tönen, Antworten der Weissagerin", aber doch eine größere Anzahl von in den Fels getriebenen Stollen, Grotten, Ausaängen und Nebeneingängen. In halber Hohe des Berges führt ein 27 Meter langer, 4 Meter hoher, m den Fels gebohrter Tunnel in einen großen Raum von etwa 15 Meter Hohe, eine erweiterte und reich ausgeschmückte Naturhöhle. An ihren Wanden sind mächtige, 43 Meter hohe, halbrunde Nischen, mit „opus reticulatum , d Y. mit keilförmig geschnittenen und netzförmig angeordneten Steinen verkleidet. Sie Halle war ursprünglich mit einer gewölbten Serfe versehen, und das Licht fiel nur durch einige Spalten in den Raum So bereitete das Dämmerlicht auf das völlige Dunkel der zahlreichen, in dieses Vestibül mündenden Gänge vor, aus denen die „hundert Stimmen Der Sibylle aus geheimnisvoller Nacht ertönten. Einige dieser Gange und die eigentliche Höhle der Sibylle sind noch verschüttet. Man hofft aber, daß 1930 zur bevorstehenden Feier von Vergils zweitausendstem Geburtstag (geb 15. Oktober 70 v. Chr.) die ganze, vonKaifer Augustus erbaute und von Vergil im 6. Buch der Aeneis besungene Anlage freigelegt fein wird. Einer der Gänge führt zum Apollontempel auf dem einen Gipfel der Akropolis empor. Wir ersteigen diesen jedoch außen herum, und ich besichtige die Reste der griechischen Stadtmauer, einer großen Zisterne uns die Fundamente des griechischen Tempels, der in römischer Zeit umgebaut und in christlcher Zeit in eine Basilika verwandelt, daher schwer zu verstehen ist. Der zweite Tempel auf dem höheren Gipfel der Akropolis [oll letzt ausaegraben werden. Die Aussicbt von dem Burgberg bei blendendem Sonnenschein ist unbeschreiblich chön und umfassend. Von her aus konnten die Kymcner leicht die Umgegend beherrschen. Sie Haden sie sich nicht nur politisch, sondern vor allem auch kulturell unterworfen. Von hier aus wurde Neapel ms " griechische Stadt gegründet. Von hier aus drang hellenische Kultur ouraj ganz Italien. Nur schwer reiße ich mich los und trete den Rückweg durch den Arco Felice an, einen 20 Meter hohen, von den Römern aus Ziegeln erbauten Viadukt. Der Weg führt weiter oberhalb des Averner Sees, des „Aornos“, d. h. vogellosen Sees der Griechen. Giftige Dünste, wie sienoch in der bekannten „Hundsgrotte" auffteigen, töteten hier früher die Vogen Die Griechen verlegten daher hierher den Eingang zur Unterwelt, -uon meinem Weg aus ähnelt der See dem bekannteren, aber nicht schöneren Nemisee in den Albaner Bergen. Wie dieser, ist es ein alter Krater mn düsteren vulkanischen Rändern. Man blickt von hier geradeaus durq einen Einschnitt aus den Lucriner See, den Austernsee des Altertums, und über diesen hinweg auf das Meer. Links erscheinen die weißen, am Berg auffteigenben Häuser von Puteoli, rechts das dunkle Kastell von Vajae. Leider wollen die Italiener den Zauber dieser Gegend durch Einlage von Docks und Werften für ihre ständig wachsende Flotte zerstören. Allerdings hatte auch schon Agrippa, der Schwiegersohn des Augustus, hier Wersten angelegt. . . h - Ser Weg steigt vorn Averner See langsam abwärts, umzieht o - erst im siebzehnten Jahrhundert durch vulkanische Tätigkeit entftanoene j Monte Nuovo (neuen Berg), der mit Pinien und Reben bepflanzt ich u - endet an der Station Arco Felice. Pon hier aus fahre ich wieder m dem keuchenden Bähnchen in der gleichen, lebhaft schwatzenden und spuckenden Gesellschaft (Nachkommen der Griechen??) wie vorher nach Neapel zurück. Der Ring. Von Frida v. Oppeln. Es ist sehr reizvoll, den Veränderungen nachzugehen, die im Lause der Jahrhunderte die Kunst und das Kunstgewerbe umgestalten. Denn dadurch werden ost Aufschlüsse und jähe Erleuchtungen vermittelt, welche die große Historie nicht immer zu geben vermag. Man folgt leisen Wandlungen des Stils, des Geschmacks, die letztlich Wandlungen der Volksseele, ja ganzer Weltanschauungen sind. So ist auch in dem allerkleinsten Rahmen, den der Ring darstellt, zu vielen Zeiten das Bild der damaligen Welt zu sehen. Wenn wir in die ersten Anfänge der Kultur zurückschauen, so fallen uns Ringe aus, aus dem uralten Nillande Aegypten. Ihnen sind die geheimnisvollen Zeichen des heiligen Auges, der Uräusschlange, des Skarabäus ausgeprägt. Von diesen, so nahm man an, ging eine Zauberkraft aus, die das Glück herbeiführen, oder vor Dämonen und irdischen Feinden bewahren sollte. In Siegelringe, ähnlich den unseren, häufig mit drehbarem Petschaft, waren diese heiligen Zeichen geschnitten. Der Glaube an die symbolische Bedeutung des Ringes als Zauber- und Schutzring geht durch alle Jahrhunderte und Völker. Er wird von den Weisesten ihrer Zeit anerkannt — auch zweckvoll verbreitet in anderen Epochen, von Aufgeklärten belächelt, vom Volk aber immer zäh festgehalten. Wir findn den Zauberring bei den Juden im Alten Testament erwähnt, in Kleinasien bei den Lydern — in der Sage des Gyges zur Abwendung von Unglück oder bei Polykrates zum Herbeilocken des Glücks. Die symbolische Bedeutung des Ringes als Verlobungs- und Ehering geht aus dem Altertum bis zu uns. Die Juden berufen sich dabei auf die Bücher Mosis. Der Ring wird auf dem vierten Finger der linken Hand getragen, weil man glaubte, daß von ihm eine Ader direkt zum Herzen führe. Die ältesten griechischen Ringe, von ost hohem, künstlerischen Wert, kommen uns aus dem sagenumwobenen Mykenä. Im allgemeinen galt der glatte Goldreif als Zeichen des freien Mannes in Griechenland sowohl wie in der ältesten römischen Zeit. Lange war er das Vorrecht der Ritter und Senatoren, und erst in Roms Verfallzeit trugen nicht nur die Freigeborenen, sondern auch die Freigelassenen den goldenen Ring. Im allgemeinen herrschte im Altertum ein großer Luxus in Schmucksachen und auch in Fingerringen. Plinius berichtete, daß Männer und Frauen ihre Hände damit beluden, sogar besondere Ringe für verschiedene Jahreszeiten trugen. Unsere germanischen Vorfahren begleitete der Ring auf ihrem Lebensund Todeswege. Er diente ihnen zum Schmuck, zur Gabe an die Geliebte, als Amulett gegen böse Gewalten und wurde den Verstorbenen mit ins Grab gegeben. Sonderbar erscheint uns der zerhackte Ring, dessen einzelne Telle zum Geschenk, zur Entlohnung oder auch als Geldstück verwendet wurden. Später, als die Weltherrschaft des Christentums begann, wurde der Ring neben seiner Bedeutung als Ehering auch das Symbol der Verbindung mit dem Mysterium. Der Bischof trug ihn zum Zeichen seiner Vermählung mit der Kirche, der Nonne bedeutete er die Vereinigung mit dem himmlischen Bräutigam. Um stets an einen Schwur, den man dem Himmel oder den Menschen geleistet hatte, erinnert zu werden, trug man auch den Schwurring aus Eise». Und in Venedig fand alljährlich am Himmelfahrtstage die Vermählung des Dogen mit dem Meere statt. Der Fürst fuhr auf einem reichgeschmückten Schiff hinaus und warf den Ring in die Fluten. Ringe von anderer geheimnisvoller Bedeutung find die Ringe der Alchimisten. Die Schlange, wohl eine Nachkommin der uralten Uräusschlange, das Bild der Weisheit, war häufig darauf abgebildet. Familienringe, deren Sage sich von Gneration zu Generation forterbt, gehören auch in dies Bereich, sowie der Ring der Frangipani. Seit den Kreuzzügen war vom Orient her ein großer Luxus ins Abendland gekommen. Es drangen Elemente ein, die zu neuen Anforderungen an das Dasein führten, neue Bedürfnisse brachten. Das einfache Leben, das zuvor auch auf den Schlössern und Burgen geherrscht hatte und das seinen geistigen Inhalt in der Dichtkunst und in religiöser Hingabe fand, genügte den gesteigerten Anforderungen nicht mehr. Man umgab sich mit reicherem Hausgerät, Gefäßen aus Edelmetallen, Kleidung und Schmuck wurden prunkvoller, — so auch der Ring. Man verziert ihn mit edlen Steinen, das plastische Moment wird betonter. Als die Renaissance die Gotik ablöst, wird die Form lebendiger, gewinnt eine reichere Gliederung. Aber zugleich tritt der Ring hinter andere Schmuckstücke zurück. Es scheint, daß Männer und Frauen der italienischen Renaissance mehr die schweren, ornamentalen Schmuckstücke bevorzugten. Es werden Anhänger sehr großen Formats getragen, eingegliedert in den Figurenreichtum ist pflanzliches Ornament. Auch in der deutschen Renaissance tritt der Ring zurück. Die Schmuckmode wendet sich der Kette, der Gürtelschnalle, auch dem Kreuz zu. Es ist, als ob diese deutschen kunstgewerblichen Erzeugnisse — schwerfälliger in der Form als die romanischen — noch an die Gotik gebunden seien. Aus dem Osten kam zu allen Zeiten neben dem Erhabenen auch das raffiniert Verbrecherische ins Abendland. — die Lehren der Weisen und Guten und die schleichenden Gifte. Selbst der Ring konnte sich ihrem Bereich nicht entziehen. Man fertigte in Venedig Ringe an, in denen eine kleine, mit Gift gefüllte Spitze verborgen war. Beim Händedrücken kam sie hervor und tötete heimlich den Feind. In einer Berliner Sammlung sah ich einen derartigen Ring, der nun harmlos auf einem lila Sammetpolster lag. Doch verlassen wir dies finstere Bild. Vor uns liegt ein Ring aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts, der die Symbole der Treue und Freundschaft trägt, dargestellt durch einen Hund mit freundlichen Rubinaugen. Damals kamen auch Ringe auf, in die winzige Uhren eingesetzt wurden, und Ringe, die Porträts umschlossen. So besaß Ludwig XV. einen solches: mit dem Bilde der Pompadour, unter Kristall von stilisiertem Dkätterwerk und Frauenköpfen umgeben. Das zierliche 18. Jahrhundert brachte beit Devisenring in Mode, d. h. cs wurden in das Gold enigmatische Buchstaben geprägt, bereit Sinn der Besitzer kannte oder der Beschenkte erraten muhte. So z. B. die Devise „L. A. C. D." — „eile a cedä*. Freundschafts» ringe mit der Devise: „A l’Amite" waren sehr beliebt, auch in Deutschland. Die Worte standen auf buntem Glas, umschlungen von einem Rosen- kränzlein. Das anmutig Spielerische jener Zett bemächtigte sich auch der Verlobungsringe. Es gibt deren, die, auseinandergeklappt, eine Liebeswidmung in ihrem Innern bergen. Den nach oben und unten spitz zulaufenden, meist das ganze untere Fingerglied bedeckenden Ring nannte man Markisenring. Er wurde häufig guillochiert, d. h. über den mit Kreis- und Schlangenlinien bedeckten Grund wurde ein Glasfluß gewölbt ober Edelsteine eingelassen. Diese Markisenringe werden auch viel in unfern Tagen getragen so wie überhaupt unsere Zeit in der Ringmode auf Entlegenstes zurück- greist. Allerdings will mir scheinen, als würde heute der Edelstein als solcher immer mehr bevorzugt, als würde weit mehr auf die Schönheit des Steins als auf die Kunst der Fassung gesehen. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts trat eine Mode auf, die an die Unsitte der Römerinnen, sich die Hände mit Ringen zu überladen, erinnerte. Diese Unmode kam von Amerika und war der Beweis, daß eine kulturferne Zivilisation immer wieder die gleichen Er- scheinungen zeitigt. Jetzt sehen wir in den Fenstern der Juweliere und an den Händen eleganter Frauen vornehmlich zweierlei Arten von Ringen. Einmal den in reinem, weißen Licht strahlenden Brillantring und dann den Ring mit dem bunten Edel- ober Halbedelstein, von Brillanten eingefaßt. Der breite Goldreif von gejammerter ober ziselierter Arbeit wird mehr von Männern bevorzugt. Das, was die Menschen vergangener Jahrhunderte verstanden, nämlich den Ring der Individualität der Hand anzupassen, scheint heute fast verloren ober ber Beachtung nicht wert. Das ist bedauerlich, denn gerade in diesen kleinen Zügen bekundet sich eine bewußte ober unbewußte Kultur. tu', eine i’ es uns an was setz' ich r den bei „Dat weiß ich," — „L . . in der Falle. Und — und ich will ihn eingesperrt halten. Er, Zabel, sorgen." Zabel wiegte bedenkttch den Kopf Sabine!" „Laß' Er sich nicht von dem Frauenzimmer beschämen, Alter! Wenn Er sich nicht auf unsere Seite schlägt, Zabel, so sind wir kühn genug, allein zu handeln." — „Nee, nee, Herr Setretarius!" rief Zabel und winkte mit beiden Händen ab, „nee, bat könnt Ihr nit allein. Er unb bat Demoi- sellchen! Hui, bat ist ein keck Unternehmen! Da muß ein Mann dabei sein mit hellem Kopf und kühnem Rat, — und — und der Zabel will denn in Gottes Namen dieser Mann sein." Er reichte dem Sekretär die Hand. Der schüttelte sie und antwortete: .Das wollt' ich hören, braver Zabel!" — „Wenn bat Demoisellchen mit im Komplott ist, möchf ber alte Zabel auch nit fehlen." — „Ich will's Ihm banken, ehrlicher Zabel." Zabel kratzte sich wieber hinter den Ohren. „Um bei der Ehrlichkeit S bleiben," jagte er, „mutz ich gestehen, daß mir bie Sorg' um unser Geäst ein klein bißchen auf ben Magen geschlagen ist. Ich werb' vorher einen Kilian trinken." Er ging zur Haupttür, kehrte aber wieber um. „Unb mein Jung, ber Zappermentslüinmel, der gehört natürlich von selber mit batet Der ist ein Nixnutz, ber Flipp, hol' mich ber Teufel, ein Leichtfuß, aber keck unb behend wie ein Fuchs. Mag leicht, bat wir ihn brauchen können. Aber laß' Er mich bumm fragen: wat will Er benn beginnen mit dem Herrn Bürgermeister unb,ben Stadträten unb den Sansculotten unb weiß ber Teufel? In dergleichen Geschäften, sag' trinken." Auf dem Wege zur Tür schaute er durchs Fenster. Er drehte sich rasch zum Sekretär um unb flüsterte mit besorgter Miene: „Herr Setretarius, bie Stadträte!!" — „Herein mit den Herren!" rief der Sekretär unb holte ich mir, muß man boch einen Plan haben. „Den hab' ich, guter Zabel. Folge Er mir nur, ich bitt' Ihn, blinblings in allem." — „Schön, schön. Ich frag’ nix mehr. Er muß es wissen, E" ist ein heller, fixer Kopf! — Ich muß mir, wie gejagt, einen Kilian sich selber eingesperrt." Zabel riß die Augen auf unb schaute ben Sekretär bumm an. „Selber? — Nee, nee, Herr Setretarius, nee, bat muh Er mir ntt weismachen!" — „Auf mein Wort, Zabel! Die Aktenkammer hat ein Schnappschloß, muh Er wissen —" ........ ,Die Tür schnappte zu, und der Bürgermeister sah ib ich will ihn eingesperrt halten. Und dafür muß 1 1 Kopf und rümpfte die Dis Aktenkammer. Erzählung aus den Revolutionstriegen von H. Müller-Schlösser. (Fortsetzung.) Der Setretär trat näher an ihn heran und sagte leise: „Der Bürgermeister ist in der Aktentammer eingesperrt." — „Allmächtiger!" rief Zabel und schlug die Hände zusammen. „Er hat ihn eingesperrt?" — „Er hat Nase, „Er weiß, Setretarius, bat ich Ihm gern einen Gefallen aber--" „Er muß mir helfen, Zabel! Ich hab' Ihn nötig." — „Dat ist Sach', bet ber fann es uns an Hals unb Kragen gehen!" „In Teufels Namen benn!" rief der Setretär, „so geh' — -. Kragen! Was hat Er zu verlieren, Graukopf? Und w s diesem Handel ein?!" „Freilich, freilich, Herr Setretarius. Er ist ein junger Kerl, und mein Lebensfädchen ist bald abgesponnen." — „Und das Er's weiß, Zabel, wenn Er uns nicht hilft —" Zabel stutzte. „Uns?" — „Uns, ja uns! Der Demoifelle Sabine und mir* — „Demoifelle Sabine?" — „Sie steht zu mir. Sie ist meine wackere Alliierte." — „Ei, ei," schmunzelte Zabel, „die Demoifelle tief Atem. „Das Spielchen kann beginnen! Steht mir bei, Amor und Merkurius!" v Es klopfte. „Herein!" Stadlrat wnmckel trat em und grüßte freundlich. „Guten Morgen!" — „Guten Morgen, Herr Stadtrat!" gab der Sekretär ehrerbietiger, als er fonft tat, zurück. Sobel machte dem Sekretär hinter Finnickels Rucken die Gest« des Trinkens und ging hinaiis. „Ich bin, fcheint's," fagte Finnickel, „der Srfte." — „Zu dienen, Herr Stadtrat, der Erste." — „3fr Er allein? Wo ist der Herr Bürgermeister?" Der Sekretär räufperte stch. „Der Herr Bürgermeister ist — hm — KGnickel achtete nicht auf die Antwort, sondern fragte: „Sm Vertrauen, Sekretär, ist die Jungfer Sabine im Haufe?" — „Die Sungfer Sabine? 3ch glaube — ich weiß nicht —" Finnickel kam etwas näher und fagte, wohlwollend nickend: ..Sekre- torius, ich wette. Er ist ein Mann von Geschmack!" — „Wie? Finnickel, indem er aus der Tasche seines Rockschoßes eine kleine Schachtel hervorzog, fuhr er fort: „Ich habe da etwas, da soll Er mir sein Urteil sagen. Sch meine, es sei eine hübsche Sache." Er klappte die Schachtel auf und zeigte dem Sekretär den Inhalt. „Hm, was sagt Er? Er muß doch wissen, ob das einem jungen Blut gefallen kann." Der Sekretär betrachtete den Schmuck. , „Ein schönes Stück, ja. Korallen." — „Echte Korallen, Sekretär ins! — „Oh, in Gold gefaßt!" — „Will ich meinen! In echtem, schwerem Gold gefaßt!" — „Hm! Und mit einem Schloß aus Diamanten!" — Aus echten indischen Diamanten, Sekretarius, flach geschliffen." „Ein respektables Stück, Herr Finnickel", gab ihm der Sekretär zu and er spürte ein Kribbeln in den Beinen, denn ssmußen im Flur hörte er Stimmen und Schritte. „Ein respektables Stück, das will ich meinen!. Hä, hä! Es stecken neunzig gute Taler drin!" „Das glaub' ich wohl", erwiderte der Sekretär zerstreut und schaute nach der Tür. „Der Schmuck ist wohl für Dero Patenkind?" — „Patenkind? Das kostbare Stück? Was denkt Er? Ich will es meiner Braut verehren." — „Braut?" rief der Sekretär überrascht. „Ja, mein Lieber, für meine Braut", antwortete Finnickel und blinzelte ihn mit einem Auge an. „Da macht Er Augen, hä, hä!" — „Sch muh gestehen, ich bin ein wenig überrascht." Finnickel lachte selbstgesällig. „Hä, hä, das läßt sich denken, hä, hä — Aber weiter sag' ich nichts." Er steckte die Schachtel wieder in die Tasche, j Zabel trat herein, die große Tür weit öffnend, um die Stadträte Pro- ! iessor Nägele, Kalkulator Siockebrandt, Brauer Völlig und Käser Jung- j Mut einzulassen. „So, da sind wir", sagte Wollig. „Schau', der Herr Fin- > Nickel ist schon da!" Er gab Finnickel die Hand. Der erwiderte: „Er- ! gebener Diener, Herr Wollig." — „Guten Morgen!" grüßte Stockbrandt. s ,Walt's Gott, daß unsere Beratung zum guten Ende führt." — „Sa, ja, ■ ja, ja", antwortete Professor Nägele. Ballig gähnte. „Neun Uhr, das weiß der liebe Himmel, ist doch ein bißchen früh am Tag für eine Sitzung." — „Auf die Art, Herr Ballig," meinte Jungblut, „habt Ihr bis Mittag gründlich Zeit zum Ueberlegen und zum Entschluß. — Morgen allerseits, Ihr Herren!" fügte er hinzu, weil er als Letzter hereingekommen war. „Sch hoffe, daß der erste Schreck vorbei ist." — „Was meint der Herr Küfermeister?" fragte Finnickel mit einiger Schärfe. — „Ich mein’, daß wir heut' mannhaft und besonnen —" „Freilich," fel ihm Finnickel ins Wort, „die Besonnenheit hat Shnen, Herr Sungblut gestern am meisten gefehlt." — „Wieso?" „Die Besonnenheit," erklärte Ballig, „die Besonnenheit gebietet, mit den Franzosen — „— zu paktieren, he?" vollendete Jungblut den Satz. „Bläst der Wind noch immer aus diesem Loch? So geh' ich hintereinander lieber." Er ; machte Anstalten dazu. „Aber, Herr Sungbtut!" rief Finnickel, „bitte ,bitte! Muß denn gleich die Flamme wieder aus dem Dache schlagen?" Stockebrand sagte in seinem etwas pastoralen Tone: „Wir wollen ohne Zwist und mit Ruhe, wie es Männern geziemt, beraten." „Wollen die Herren nicht zunächst Platz nehmen?" schlug Finnickel vor. „Schön," antwortete Jungblut, „setzen wir uns auf das El und brüten." Sie setzten sich auf die hochlehnigen Stühle um den Beratungstisch. Der Sekretär, der bis jetzt abseits gestanden hatte, kam näher. „Guten Morgen! meine Herren!" begrüßte er die Versammlung und setzte stch auf den Stuhl neben dem des Bürgermeisters. „Morgen!" erwiderten die anderen, nur Jungblut winkte ihm freundlich mit der Hand und dankte mit: „Morgen, Sekretarius!" »Nachdem die Hüstel-, Räusper-, Husten- und Schneuzpause vorüber war, rief Jungblut, von einem zum andern blickend: „Na, worauf warten wir?" — „Kommt denn der Bürgermeister nicht?" fragte Ballig, und Finnickel wandte sich an den Sekretär. „Wo bleibt der Herr Bürgermeister?" „Der Herr Bürgermeister —" begann der Sekretär. — „Geh' Er und melde Er," unterbrach ihn Finnickel, „daß die Herren Stadträte alle da sind." Der Sekretär stand auf und nahm sich zusammen. „3ch — ich — hm — ich muß den Herren die Mitteilung machen, daß der Herr Bürgermeister nicht zu der Beratung kommt." — „Wie?" riesen alle erstaunt. „Der Herr Bürgermeister liegt zu Bett." — „Zu Bett?", riefen alle, und Finnickel wiederholte, in dem er den Sekretär mißtrauisch ansah: „Zu Bett, hm, hm." „Ist er etwa krank?" fragte Ballig. — „Jawohl, meine Herren, der Herr Bürgermeister ist krank," Staunen und Kopfschütteln. Zabel, der an der Türe an seinem Tischchen faß, stand auf und bestätigte eifrig: „Jawoll, meine Herren, wie der Herr Sekretär sagt, der Herr Biirgermeister ist krank." Alle drehten sich mit mißbilligender Miene nach ihm um. Der Sekretär gab Zabel einen warnenden Wink und sagte: „Die Aufregung des letzten Tages hat ihn so mitgenommen, daß er zu Bett liegen muß." Jungblut lachte spötllsch. „Ich bemerke übel," fagte Finnickel, „daß der Herr Sungbtut lacht." Ballig schaute Jungblut tadelnd an. „Der Herr Bürgermeister ist ein alter Mann, den soll die Alteration nicht anpacken!" Der Sekretär nahm rasch den Faden auf. „Der Herr Bürgermeister kann darum den Vorsitz der Beratung nicht führen." — „So muß der Aelteste von uns den Vorsitz führen," meinte Sungblut. „Der Aelteste ist der Herr Professor Nägele." Nägele nickte dem Sekretär zu: „Sa, ja, ja, ja." Finnickel drehte sich zu Nägele hin. Würde der wertgeschätzte Herr Professor damit einverstanden fein, den Vorsitz an den Zweitältesten abzutreten? Dem Herrn Professor würde sonst dieAnstren» :qermeii«‘ „4’ Er und sprechen wünsche, „.-spiel: „Herr Sekre- Er!" — „Schon.-w (Fortsetzung folgte^ scherzen??" - „ „Heut' in der Frühe," fuhr der Sekretär fort, der seine ganze RW wiedergefunden hatte, „ließ mich der Herr Bürgermeister rufen. Er befahl mir, den Herren Stadträten seinen neuesten Entschluß mitzuteilen. Sn ruhiger Erwägung aller Umstände —" Ballig schlug mit seiner roten Faust auf den Tisch. „Zum Teufel! Bei aller Achtung vor dem Herrn Bürgermeister, aber wenn er feinen ein« von heute auf morgen so auf den Kopf stellen kann —" „Gestern aveno stand er auf dem Kopfe!" entgegnete Sungblut. „Heul' steht er auf gefunden Füßen." Finnickel fagte kühl: „Wenn ich es mir auch nicht ve>> kommen laste, an den Worten des Sekretärs zu zweifeln, so will es M doch richtig scheinen, in dieser außergewöhnlichen Angelegenheit selbst nm dem Herrn Bürgermeister zu sprechen." — „Das wollt' ich meinen^ stimmte ihm Ballig zu. „Gehen wir gleich hin und keine Zeit versäumt: Er stand auf, aber der Sekretär legte ihm die Hand auf den Ann. „Verzeihung, meine Herren! Bedenken Sie, der Herr Bürgermeister liegt krank zu Bett." — „Zabel," sagte Finnickel zu dem, „so ger melde dem Herrn Bürgermeister, daß ich mit ihm zu Zabel fragte nach entsprechendem Augen- und Gebärdens tarius, soll ich —?" — „Et. freilich, Zabel! Geh' Er! gehe." Und er wollte durch die Haupttür. C gung schaden." — Nägele nickte. „So, ja, ja, ja." Finnickel stand aui, nahm [ein Papier und seine Feder und setzte sich auf den Stuhl des Bürgermeisters, stand gleich wieder auf und sagte: „Sch habe also die Ehre, den Vorsitz zu übernehmen —" „Wenn's nit anders geht," brummte Sungblut. „— und die Konferenz zu eröffnen," fuhr Finnickel fori, „ich übernehme um fo lieber den Vorsitz, als ich in der uns beschMtiaenden Angelegenheit am besten unterrichtet zu sein glaube." — „Wieso?" fragte Sungblut. „Was weih der Herr Finnickel denn besser als wir alle?" — „Sch bitte, mich nicht zu unterbrechen, Herr Sungblut! Und überdem, wer klopft denn da oben?" Alle hoben das Gesicht nach der Decke. Wan hörte ein dumpfes Pochen. Der Sekretär erschrak. „Klopft?" fragte er und spielte den Ahnungslosen. „Sch wüßte nicht —" „Mit Berlaub!" rief Zabel von feinem Platz herüber, „bat ist der Schreinermeister." — „Ah, richtig," bestätigte der Sekretär rasch, „der Schreinermeister in der Mtenkammer." — „Der zimmert ein neues Regal für die Akten, der Schreinermeister," log Zabel. Finnickel fügte unwirsch: „So soll der Mann aufhören mit seinem Gehämmer. Geh' Er und sag' es ihm." Zabel verständigte sich durch Blicke und Gebärden mit dem Sekretär und wiederholte: „Sch geh' und sag' es ihm." Darauf ging er hinaus? „Sch habe gestern abend," berichtete Finnickel, „zu später Stunde .noch lange mit dem Herrn Bürgermeister konferiert —" „Gestern abend noch?", fragte der Sekretär und sah ihn forschend an. Finnickel räusperte sich und fuhr fort: „Sn seiner Sorge um die Stadt ließ mich der Herr Bürgermeister rufen, und wir beide haben —" „Mit Verlaub, Herr Stadtrat!" fiel ihm der Sekretär in die Rede, „mir ist von einer solchen späten Konferenz nichts bekannt." Die anderen räusperten sich mißbilligend, und Fmnickel runzelte die Stirn. „Herr Sefre» tärius, bei aller Freundschaft, Er soll mir nicht dazwisthenfo.hren! Was sind das für Manieren?!" Völlig nickte und meinte: ,Lch finde das ein bißchen naseweis, um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen." — „He, Sekretär!" rief Sungblut, „was sagt Er da? Shm ist nichts bekannt von —" „Soviel mir bekannt ist, war der Herr Bürgermeister gestern abend schon — hm — lag der Herr Bürgermeister schon krank zu Bett." „Ei, schwatz' er doch nicht!" rief Finnickel böse. „Er ließ mich an sein Bett rufen." Zabel, der wieder eingetreten war, lachte, schlug sich aber aufs Maul, als er die warnenden Blicke des Sekretärs sah. — „Zabel, hat Er's dem Bürgerm — dem SchreinermePer ausgerichtet?" — „Ausgerichtet, jawoll, Herr sekretarius." Finnickel klopfte mit dem Fingerknöchel auf den Tisch. „Ser Herr Bürgermeister und ich, wir haben über die Kvntribuiionsverteilung blsfurkrt Der Herr Bürgermeister ist gewillt, mit Zustimmung der Herren Stadt- räte die Stadt den Franzosen aus gütlichem Wege zu übergeben, und ich bitte die Herren, in diesem Sinne zu beschließen." „Nir da, nix da!" rief Sungblut und sprang auf. „So wird nach meinem Kopf nicht befchlosfen!" — „Das wird sich ja alles finden." mein!« Finnickel freundlich, „zumal der Herr Bürgermeister — —" „— anderen Sinnes geworden ist!" siel der Sekretär gewichtig und mit Schärfe ein. Alle starrten ihn erstaunt an. „Sch habe nicht recht gehört!" behauptete Finnickel und trommelte mit den Fingern. „Der Herr Bürgermeister ist anderen Sinnes geworden, meine Herren. Er ist seft entschlossen, die Stadt zu halten —" Die anderen machten große Augen. „— nicht den Sansculotten zu übergeben, keine Kontributionen ju zahlen." •— „Bravo, Herr Bürgermeister!" ries Sungblut laut. „Wackrer Mann! Nix für ungut!" Die Stabräte sprachen erregt durcheinander. „Ruhe, meine Herren!" rief Finnickel. „Wir wollen zuvörderst hören, wie west der Herr Sekretarius den Scherz nach zu treiben beliebt — „Scherz, Herr Finnickel?? Sn solchen Dingen und zu solcher Stunde Verantwortlich: Dr. Hans Lhhrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniverfitätS-Vuch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.