SiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang \92l Dienstag, den |5. Dezemder Schnee. Von Karl Nötiger. Ein kühles, blaß gewordenes Licht Liegt nun gebreitet übers weite Feld Bis an den grauen Horizont. Sanft fällt Noch immer Schnee und hüllt die Dinge dicht Mit stillem Frieden. Alle Welt wird Traum In solcher Reinheit, alle Welt will nun Sich sanft verschließen. Und der große Raum Wird eng und klein. Weltseele will nun ruhn In großer Stille; Abgeschiedenheit Des weißen Friedens. Wie es leise fällt Aus nahem, grauem Himmel: hüllt und hält Uns eng und kühl die weiße Einsamkeit ... Ein Märchen wird der Raum und Traum die Zeit ... Der unfreiwillige Weihnachtsmann. Eine abenteuerliche Geschichte von James Hopper. Larry O'Toole band den Sack mit der Beute zusammen, setzte den Fuß in den Bügel, knatterte eine letzte Einschüchterungssaloe aus seiner Büchse den Zug entlang und hielt plötzlich inne, weil ihn gerade, als er sich in den Sattel schwingen wollte, ein luftiger Gedanke packte. Ihm fiel ein, daß heute der 24. Dezember war. „Vergnügte Weihnachten!" brüllte er gegen den Zug hin, „vergnügte Weihnachten, ihr Herrschaften alle miteinander in den Pullman- nxicjen. Zuerst blieb alles still. Aber als er zum dritten Male seinen Weih- Nachtswunsch hinausschrie, klang hier und da aus den Wagen ein halb unterdrücktes Gelächter, das Kichern einer Frauen stimme, und darüber hinaus die wutheisere Stimme des Bremsers, der festgebunden auf dem Boden des Gepäckwagens lag. „Vemnügte Weihnachten, vergnügte Weihnachten!" riesen die Stimmen der Passagiere, und dazwischen grollte des Bremsers Wutstimme: „Vergnügte Weihnachten, du verfluchter Dieb!" Run gab Larry seinem Pferd die Sporen. Pinto, der Hengst, ging los wie in einer Explosion. Von allen vier Hufen zugleich flog der weiße Schneestaub aus, und bald war er mit seinem Reiter hinter "einem lang hingest reckten Gebüsch verschwunden. Sobald Larry außer Sicht war, brachte er Pinto in einen ruhigeren Trab. Er saß, sich leise wiegend, im Sattel und bedachte sorgfältig sein Unternehmen. Die Lokomotive war vom Zug losgekoppelt und mindestens drei Meilen weiter gefahren. Der Draht war durchschnitten, die Luftbremse zerstört, und -die nächste Station lag zehn Meilen entfernt. Es konnte also drei Stunden dauern, bis der Sheriff den Ort des Ueberfalls erreichte. „Drei Stunden Vorsprung! brummte Larry vor sich hin; „drei Stunden Vorsprung, wir sind über alle Berge, bis -der fette Kerl von Sheriff halbwegs munter ist!" Jetzt hielt er an einem Gebüsch, wo drei Pferde gesattelt auf ihn warteten. Er stieg auf eins und führte die anderen beiden am Zügel neben sich. Der brave Pinto durfte hinterherlaufen, wie er wollte. Den ganzen Morgen ritt er so in vollem Galopp quer über die beschneiten Felder und wechselte ab und zu die Psevde, während Pinto ungehindert allem trabte. So ging es stundenlang. Am Mittag holte er mit einem wilden Ritt ans jedem Pferd das Letzte heraus, dann ließ er sie erschöpft dort stehen, wo die müden Beine versagten. So hatte er alle drei Pferde ausgenutzt und saß jetzt wieder auf Pinto. Mötzlich brach das Pferd in die Knie. Wahrscheinlich war es in ein verdecktes Erdlach getreten. Mann und Tier rollten übereinander und sprangen fast gleichzeitig wieder auf. „Pinto, das ist — ein verflucht dummer Spaß für einen Weihnachtsabend!" Aber als Larry Pinto vorwurfsvoll anfah, spürte er plötzlich em jähes Zucken im Herzen. Das Pferd hielt einen Borderfuß so sonderbar, und als er sich bückte und mit der Hand das Bein entlang fuhr, fühlte er, ®.aB es gebrochen war. Langsam richtete sich Larry aus. Zart glitt seine unke Hand über die Stirn des Pferdes, und einen Augenblick berührte «nut seinen Lippen das rauhe Haar zwischen den Augen, mit seiner rechten knüpfte er an der Revolvertasche, die an der Hüfte hing — und plötzlich krachte ein Schuß, den das Pferd nicht mehr hörte, als es, wie von.Blitz getroffen, niedersiel. „-Der Reiter ohne Pferd blickte nachdenklich auf das tote Tier und zündete eine Zigarette an. brummte er, „jetzt heißt's spazieren gehen. Bis School-Center mutz ich zu Fuß, dort erwische ich sicher einen Gaul. Aber zwei ©tunten «orsprung sind hin." Er band den Beutesack vom Sattel ab, warf ihn über die Schulter un-b ging seinen Weg weiter auf das Gebirge zu, ohne sich nach dem Pferde noch einmal umzusehen. Bald aber spürte er einen stechenden Schmerz im Knöchel und wurde sich klar, daß er beim Fall das Bei« verletzt hatte. Er versuchte zwar, den Schmerz zu verbeißen, ober als er Die Siedlung School-Center erreichte, wußte er selbst, datz er nut noch eine halbe Stunde Vorsprung hatte. "Ust. muß ich mir ein gutes Pferd fangen!" knurrte er. „Der dicke Sheriff ist mir sicher kaum eine halbe Stunde weit auf den Hacken." Zum Gluck für ihn waren alle Anzeichen für das Erwischen eines guten Pferdes gegeben. Er stand an der Straßenkreuzung, gerate vor dem kleinen Schulhaus, das mit allen sechs strahlend erleuchteten Fenstern den Abend eryellte, und blickte hin. , , P 'ne Gesellschaft, eine richtige Abendgesellschaft, und die viele« schonen Pferde, die sie hier angebunden haben!" Mit scharfen Blicken musterte er die Wagen- und Reitpserte, die hinter dem Haufe in dem kleinen offenen Hofe standen. Von einem Wagen hakte er eine Laterne ab und suchte bei ihrem Schein sorgfältig unter den Pferden, bis er ein kräftiges fand, das an der Seite da, Zeichen „Bar eingebrannt trug. Er sattelte es ab, machte die Zügel los und gab ihm einen ordentlichen Hieb hintendrauf. Das Pferd trabte an und schlug ganz von selbst den Heimweg ein. Mit kräftigen, fördernde« Schritten lief es landeinwärts. Schmunzelnd sah Larry die gerade Linie der Hufabdrucke, lief ein paar Schritte neben den Spuren hin, trampelte etn bißchen im Schnee herum und ging dann sehr behutsam in feinen eigenen Fußtapfen zurück. Hier warf er den Sattel in eine dunkle Ecke unö suchte nun für sich ein gutes Reitpferd, das ihn keineswegs den Weg des ersten Pferdes entlang führen sollte. Aber eine plötzliche Neugierde veranlaßte ihn, durch das Fenster de, kleinen Schulhaufes zu sehen. „Ein Weihnachtsbaum!" brummte er entzückt. „Ein Weihnachtsbaum und lauter kleine Kinder, das müssen alle kleine Krabben aus der Umgebung [ein. Und das viele Spielzeug — und die Puppen —, und da ist ja auch die Lehrerin, so niedlich und so rotbäckig und so jung!" Vorsichtig schlich er zu einem anderen Fenster, blickte hinein und fad dann noch einmal scharf hin. „Donner..., vielleicht bin ich mit von der Partie!" Er sah gerate in das kleine Garderobenzimmer der Schule, fjier stand seine Ehrwürden Pastor Paul Whitaker, eifrig beschäftigt, sich al» Weihnachtsmann zu verkleiden. Er hatte schon weite, pelzgefütterte Stiefel an, ebenso den weißen, glitzernden Mantel; der lange weihe Bart und die rote Mütze lagen bereit. Noch ein paar Minuten, und ter junge Geistliche sollte in das große Schulzimmer treten und dort zum Entzücken der Kinder die Weihnachtsgeschenke verteilen. Ader dazu kam es nie. Plötzlich fühlte er, wie die Tür in seinem Rucken aufging — ein langer, kräftiger Arm griff nach ihm und $oe ihn einfach zur Tür hinaus. Eine derbe Hand lag auf seinem Mund, un-b ein unangenehmes, hartes Ding stieß in feinen Rücken, was sich wie etn Revolverlauf, anfühlte; so wurde er gezwungen, schweigend nach dem Schuppen zu gehen. Hier wurde er fest und sicher mit Stricken mm schnürt und dann bequem in das weiche, duftende Heu gelegt. „So," sagte die tiefe Stimme seines Bezwingers, „hier liegen Sie ganz schön und warm und weich. Soll ich Ihnen nun einen Knebel >n den Mund stopfen ober versprechen Sie, mucksstill zu liegen, bis ich zurückkomme und Sie losbinde?" Der tief erschrockene junge Pastor versprach, ganz still zu liegen, und war gleich daraus allein. Einige Minuten später wurde er in seinezn schwermütigen Nachdenken durch einen St. Nikolaus gestört, den San« Nikolaus, ten er hatte darstellen sollen. „Wann wollen Sie auf treten?“ fragte der falsche Weihnachtsmann. „Wenn das Lied .Stille Nacht' gefangen wird, das ist das Zeichen." „Wie ist die Melodie?“ fragte Larry, Der Pastor brummte sie leise vor sich hin. „Gut", sagte Larry und verschwand, — Der junge Doktor der Gottesgelahriheit wußte nichts von dem überwältigenden Erfolg, ten er in dem Schulsaal gleich nebenan als Sankt Nikolaus hatte, und auch später war er nie imstande, zu erfassen, mit welchem Schwung und Geschick seine Rolle gespielt wurde. Die Kinder waren geradezu im siebenten Himmel. Sie kicherten und schmetterten und waren nicht zum Schweigen zu bringen. Für die Kleinen war ter Mann im weißen Bari natürlich Sankt Nikolaus persönlich und ganz echt; für die Erwachsenen, die mit im Geheimnis waren und wußten, daß ter junge Pastor Doktor Paul Whitaker die Rolle über- nommen hatte- war es ein unaufhörliches Verwundern fiter feine Schau- spielergabe. «Er kann sogar die Stimme verstelle».* „So habe ich ihn noch nie gesehen.“ kamen in der untergestört kleine worden?" „Nein, gar nicht, alles ist heute so wunderschön", sagte die Lehrerin. Zwei Reiter, die forschend um das Gebäude geritten waren, jetzt zurück. " „Er ist wieder zu Pferd," riesen sie, „die Spur führt deutlich Richtung nach Bars Farm. Es ist eine ganz klare Hufspur." „Gut, Jungens," sagte der große Mann, „dann wollen wir gleich „®r spricht ja wahrhaftig wie andere Menschen auch." „Unb wie ulkig er ist! Mir tut alles von» Lachen weh.' „Und wie nett und einfach er mit allen spricht, er ist wirklich ein «etter Mensch", sagte die kleine, rotbäckige Schullehrerin, „ach, ich hatte solche Angst, daß er wieder so furchtbar steif und ungelenk fein würde und mit seinen feinen Ausdrücken alles verderben würde. Aber seht mal, er ist doch geradezu süß zu den Kindern. Ach, ich könnte ihm einen Kuß geben." In diesem Augenblick hatte Sankt Nikolaus gerade die kleine Alice Nesbit aufgehoben und hielt sie hoch über seinen Kopf. Dort strampelte sie, lachte und sah dem Onkel Weihnachtsmann mutig in die Augen. „Wie heißt du denn, kleiner Schmetterling?" „Alice, Alice Nesbit", quietschte sie. „Was du nicht sagst! Gib mir einen Kuß!" Alice gab ihm tapfer einen Kuß auf die Nase, den einzigen Teil des Gesichtes, der nicht von weißem Haar überflutet war. „Uebrigens," sagte er, die Kleine noch in den Armen haltend, „bist du nicht verwandt mit dem großen dicken Sheriff? Gott segne ihn!" „Das ist mein Papa", kreischte die Kleine. „So dann sollst du auch hier ein Geschenk für deinen Papa haben!" Von dem großen Weihnachtsbaum, an dem alle Geschenke hingen, nahm er di« slachshaarig« Puppe, nach der die Kleine schon den ganzen Abend gestarrt hatte, und als sie beglückt das Geschenk gegen ihre Brust drückte, gab er in die andere kleine dicke Patsche eine Kinderpistole mit einem Korken an der Strippe. „So, und das gibst du deinem Papa und bestellst ihm: die Pistole hier wäre viel besser als seine und viel weniger gefährlich!" — Draußen vor der Tür klang ein Ruf. Die Lehrerin öffnete die Tür, und das Helle Licht aus dem Zimmer ließ im Widerschein auf dem Schnee einen Trupp berittener und bewaffneter Männer erkennen. Alles drängte sich zur Tür, um zu sehen, sogar Sankt Nikolaus. Aus der Gruppe der bewaffneten Reiter, deren Pferde unruhig durcheinander stampften, lenkte der Führer, ein großer Mann, mit gewaltigem Körperumfang, fein Pferd bis an die Stufen bes Schulhauses. „Halloh, Miß Darnton!" rief er, „geht alles gut?" „Ach ja, wundervoll", rief di« Meine Lehrerin zurück. „Das ist recht, amüsieren Sie sich nur ordentlich; wir sind gerade wegs, um eine Kleinigkeit zu erledigen. Sie sind doch nicht Nikolaus hin. „Gute Nacht, Herr Nikolaus!" rief er, während der Trupp sich in Bewegung setzte. „Hoffentlich sind Sie nächstes Jahr auch wieder da. „Bestimmt bin ich nächstes Jahr wieder da," rief der Weihnachtsmann jurütf, „und guten Ritt und viel Vergnügen auf 11— 1=1— Die Weihnachtsgesellschast stand noch einen Zugräuberelen aufsteckt und sich irgendwo niederlassen will, und daß er ein ebenso Meines, niedliches, dickes Mädel haben will, wie du bist. Das sagst du ihm, hörst du?" „Das isi zu lang," quietschte die Stimme, „das kann ich nicht behattenl" „Gut, Miß Darnton, dann sind Sie so freundlich und sagen ihm das. Richten Sie aus, Larry O'Toole gibt das Spiel auf und wird sich irgendwo friedlich niederlassen und eine kleine Frau nehmen, und die wird Ihnen so ähnlich sehen wie ein Ei dem andern, Miß Darnton — Sie lieber, Meiner Kerl!" Und während die tiefe Röte noch auf den Wangen der kleinen Lehrerin flackerte, ritt Sankt O'Toole in vollem Galopp nach Süden. Der Sheriff war mit seinem Trupp nach Norden getrabt. (Uebertragen von Martin Proskauer.) Menschen und Bücher. Von Dr. Fritz Adolf Hünich. In die Anfänge der Schrift verliert sich unser Blick, da die Menschen, aus welchem Bedürfnis der Mitteilung auch immer, die einander verständigenden Zeichen auf Stein, Elfenbein, Metall, Birkenrinde, Leder, gegerbte Tierhaut, Wachs, Holz, Bambus, Palmen entnommene oder aus dem Mark der Papyrusstengel gewonnene Blätter durch Ritzen, Hämmern oder Schreiben übertrugen. Wie von den Indern Palmblattbücher, so werden von den Griechen und Römern Buchrollen zu Bibliotheken vereinigt. Gewaltige Umwälzungen, die den Bestand und das Gesicht der Völker Europas verändern, bereiten eine neue Zett, zu deren Führung der Germane sich erhebt. Im umgewühlten, blutgedüngten Boden geht die Saat der Kirche aus. Klöster werden di« Zentren der mittelalterlichen Bildung, in den Händen der Klosterbrüder liegt die Pflege von Buch und Schrift. An die Stelle der Buchrolle tritt der Kodex, der Band aus Pergamentblättern, die in der Mitte gebrochen und znsammen- geklappt sind. Früh schon in China heimisch, verbreitet sich die Papier- sabrikation ins Abendland. Damit ist der erste große Schritt zum Buch im heutigen Sinne getan. Aus ihrer Starrheit wird die Technik des Druckes durch Gutenberg erlöst, der die beweglichen Lettern und den Schriftguß erfindet. Run erst können Humanismus und Renaissance sich die Welt erobern An dem Wissen um die großen und glanzvollen Schriftsteller des alten Rom und Griechenland nehmen jetzt nicht mehr nur die teil, die sich ihre Kenntnisse aus fremden, oder wie etwa Petrarca, aus eigenen Handschriftensammlungen, oft michselig zu erwerben gezwungen gewesen waren. Mit besonderem Nachdruck wird hier der Name dieses ersten großen Huma- nisten genannt, denn ihm konnte nachgerühmt werden, in seinen Codices die erst« moderne Bibliothek besessen zu haben. Bücher, hatte er gesagt, seien seine unersättliche Begierde, sie würden ihm wie ein lebendiger Umgang, wie sprechende Freunde. Von aleichem Hochgefühl zeugen die Worte Boccaccios, ine er an Zanobi da Strada schrieb und worin er das Vergnügen, das ihm feine Bücher bereiten, über dasjenige stellt, das Könige über ihr Diadem empfinden können. Zwar findet das gedruckte Buch noch Gegner m Lieb- Habern und Besitzern kostbarer Handschriften, Federigo von Ur- bino so lesen wir bei Jakob Burckhardt, hätte sich geschämt, em gedrucktes Buch zu besitzen. Wer bald ergreift der Zauber der Vision, die sich aus den Pergamenten erhebt, immer weitere Kreise, Drucker mit der Witterung für ein blühendes Geschäft, nehmen die Gelegenheit wahr und rufen die zahlreichen Druckausgaben antiker Schriftsteller hervor, zu denen sich die der Lebenden gesellen. Mit wachsender Verbreitung wird das gedruckte Buch mehr und mehr der Freund des Menschen. WennMa chi a - v e l l i, nachdem er in einer Schenke vor San Casziano mit Fleischern, Bäckern und zwei Ziegelbrennern Tricktrack gespielt hat, am Abend nach Hause zurückgekehrt ist, so begibt er sich, wie er in dem berühmten Briefe mit der Schilderung seines Tagewerkes berichtet, in sein Studierzimmer. Auf der Schwelle streife ich den Bauernkittel ab, der ganz bedeckt ist nwt Schmutz und Dreck, kleide mich in prunkende Hofgewänder, und also würdig angetan, betrete ich die ehrfurchtgebietenden Palaste der Alten. Gütig ausgenommen, nähre ich mich dort von jener Speife, die allem die meimge ist, für die ich geboren ward. Ich scheue mich nicht, sie anzureden, nach den Gründen ihrer Handlungsweise zu forschen, und freundlich geben sie mir Bescheid. Vier Stunden lang empfinde ich keine Langeweile, ver- geffe allen Kummer, fürchte keine Armut, und der Tod sogar erschreckt mich nicht, so gänzlich bin ich im Banne der Alten." Wohl heißt es, weil selbsterfahrene Weisheit über alles Buchwissen geht, im Sprichwort treffend: „Buch macht nicht klug", aber das Volk hat auch den Wert der Bücher richtig erkannt, indem es sagt: „Dicke Bücher und reiche Freunde trösten oft am meisten" oder „Wer ein gutes Buch verliert, verliert einen Schatz". Wenn Lichtenberg behauptet, ein Louisdor in der Tasche sei besser als zehn auf dem Bücherbrett, jo denkt er nur an die, von denen der Volksmund meint, ein Steckenpferd fräße mehr als zehn Ackergäule. Ein Mann nach unserem Herzen ist der lchlesische Dichter Friedrich von Logau mit folgendem um 1640 WP faßten Sinngedicht: Bücher. Es ist mir meine Lust, bei Toten stets zu leben, mit denen um und um, die nicht sein, sein gegeben, zu {ragen, die sind taub, zu hören, die nichts sagen, und die, die haben nichts, sehr viel hingegen tragen, zu halten lieb und wert. Ich bin auf die beflissen, die mir viel Gutes tun und doch von mir nichts wissen; ich hätte dies« hoch, di« mich nur an nicht sehen; die manchmal mich mit Ernst verhöhnen, schelten, schmähen, sind meine beste Freund. Und sollt ich die begeben, eh geb ich alle WM, eh geb ich auch das Leben. Im Verkehr mit Büchern sühlte Montaigne sein Atter und feen« Einsamkeit getröstet, sich von der Last müßiger Langeweile befreit, vor unangenehmer Gesellschaft geschützt und den Stachel der Leiden «M* stumpft. „Um quälenden Einbildungen zu entgehen, sagte er, „vra noch dem Weg, Herr Sheriff!" ___v____,_____. Augenblick in der Tür und sah den Reitern nach, die in raschem Trabe der Spur durch den Schnee in hellem Mondlicht folgten. Dann gingen alle wieder in den Schulsaal zurück, und die Tür wurde zugemacht. Aber als man sich umsah, war Sankt Nikolaus nicht mehr da. Es ver- singen zehn Minuten, bis er wieder zurückkam — ober besser, bis Seine Ehrwürden, Herr Doktor Paul Whitaker, aus dem Ankleidezimmer kamen. Gegen den Sturm von Glückwünschen setzte er eine außerordentlich verkniffene Miene auf. Endlich gelang es ihm, die kleine Lehrerin in eine Ecke zu führen. , ~ „ , . , , , „Sie sind von einem Irrtum besangen, liebes Fraulem, sagte er, „ich war überhaupt nicht hier. Ich habe die ganze Zett drinnen im Heu- fchuppen gelegen. Im Heu, gobunden rmd gefesselt." Di« Meine Lehrerin konnte zuerst nichts sagen, so wild schlug chr bas Herz. . „Aber wer?" preßte sie schließlich hervor. „Wer war es denn?... „Der war's wahrscheinlich", sagte der Geistliche trocken, zum Fester zeigend, und wieder drängte alles zur Tür. Denn draußen im Schnee hielt ein Reiter; er fegte tde Hand an den Mund und rief: . .. . ,Zch wollte euch allen nur bauten — für die nette Stunde, die wir zusammen hattmr. Ist di« kleine Alice Nesbit da?" „Hier bin ich!" schrillte die gellend« Kindersttmme. „Paß auf, Meine Alice. Wenn du deinen Papa siehst, — er kommt morgen früh zurück —, dann sag' ihm, daß O'Toole den Unftnn mit den hinterher." Er wandte sich zur Tür zurück. „Alice ist doch auch hier? Sie wollte mit Wilsons Kindern herüber- ksmmen." „Hier bin ich, hier bin ich, Pappa!" rief eine schrille Kinderstimme. ,^>lb' was geschenkt gekriegt für dich, Pappa." Alice Nesbit trab beite eifrig die Stufen hinunter, stampfte in den Schnee und hielt ihrem Vater die Spielzeugpistole mit dem Korken an der Stripp« hoch. „Sankt Nikolaus hat mir das gegeben, Pappa; er hat gesagt, es schttßt besser als deins." „Danke schön, Kleinchen", sagte der Sheriff und beugte sich herüber, um dem Kind den Kopf zu streicheln. Hierbei kam er dicht an die Lehrerin, die den Kindern gefolgt war. „Wer macht denn den Nikolaus?" fragte er leise. „Herr Pastor Whitaker," flüsterte sie zurück, „aber sagen Sie es nicht, damit bie Kinder nicht enttäuscht sind." Der Sheriff verstand und winkte mit der Hand höflich zu Sankt ,ch mich mir an meine Bücher zu wenden". „Bücher, so heißt « bei I Milton, „sind nicht völlig tote Dinge, sondern tragen eine Kraft des I Lebens in sich; ja, sie beroahren sogar, wie in einer Phiole, die reinste I graft und den Extrakt des lebendigen Geistes auf, der sie gebar." „Gute Bücher", so schrieb Friedrich der Groß« an Voltaire, „sind die einzigen Feste meines Sliters, die mir zusagen," „sie sind das einzig Würdige Vergnügen für Menschen, die einigen Anspruch auf Vernunft machen," an d'Memüeck. Im Jahre 1782 hielt sich am Hose der Herzogin Anna Amatta der psv-ösische Schöngeist Jean Baptiste Gaspard d'A n s s e d e V i l l o i s o n M von dem man erzählt, er habe seine Kleidung vernachlässigt, um desto Mchr Mittel für philosophische Bücher auswenden zu können. Ein wahrer Bücherfreund war der Romantiker Ludwig Achim von A r n i m , in dessen Büchern, wie der Literaturhistoriker Reinhold Steig miigeteilt hat, Wtomats eine Stelle angestrichen, eine Bemerkung zugesetzt oder ein Zettelchen eingelegt war. Auch diejenigen Bücher, die er viel benutzt hat, ^schienen wie unberührt. „Die Bücher," so schrieb Stendhal an seine Schwester Pauline, „eine unversiegbare Quelle der feinsten Genüsse, die 8nb es, die uns die Seele stark machen, und ihr die nötige Fähigkeit ver- Wchen, das Genie zu erkennen und anzubeten. Dann weitet sich di« Welt, «fit Schranken fallen, die Seele wird frei und sie ersaßt und liebt forner mehr." Mit einem schönen Gedicht von Wilhelm von Scholz sei dieses Kapitel aus der Geistesgeschichte der Menschheit geschlossen: Ward ein Buch zu Dasein, Welt — Und zuletzt, auf seiner letzten Seite, schwindet die erfüllte Weite in die Deckel, die die Hand noch hält, endet es, wie Leben endet, fern van Segen, fern von Fluch — Blatt um Blatt zurückgewendet ist es wieder Buch. Der Maler der Madonnen und der BelLelknaden. Von Wilhelm B o e ck, Berlin. Wer hat die Madonna zarter, weicher, reiner, süßer, in hingegebener Verschwommenheit auf die Leinwand gebracht als Murillo, wer tonnte die Augen visionärer Heiliger verzückter und zugleich glücklicher, pMelzender leuchten lassen als er? Wer durfte wie er in so niedliche, »eichte, unbedeutende, zartgepolsterte Engelskörperchen die Wolken zer- tousen? — Jedes solcher von verblichenen Generationen begeistert gewendeten Zierwörter ist heute geeignet, ein Kunstwerk ohne weiteres zu jerfemen. Nichts schlimmer als „süßlich". Murillo ist heute nicht Mode, tann es In einer Zeit nicht lein, die einem dem seinen unbedingt entgegen« «setzten weiblichen Ideal huldigt. Und das ist bei einem so zweifellos femininen Künstler wie Murillo entscheidend. Es sei hier kein Versuch L-wacht, zwei Heerlager femininer und maskuliner Künstler durch die Epochen der Geschichte auszurichten; heute jedenfalls leben wir in einem Zeitalter, das ihrem Wesen nach männliche Kunst hervorbringt, anerkennt «nd bevorzugt. Hierauf beruht die heute übertriebene Wertschätzung von Murillos Bräts, die eben zum größten Teil männliche Porträts sind. An dieses efen seiner Kunst knüpfen auch letzten Endes die Vergleiche mit aet und Correggio an. Viele Leute finden es tief bedauerlich, daß He Wertschätzung eines Künstlers der Mode unterworfen [ein könne, tzch halte es im Gegenteil für ganz natürlich und eine sehr kurzweilige Hache. Jede Generation wird sich stets aus der in Wort und Schrift Mcklich wiedereroberten Vergangenheit das nehmen, was ihr brauchbar tzrscheint, das heißt Schöpfungen, in denen sie aktuelle Probleme schon Ireenbroie gelöst sieht. Einen für alle Zeiten gültigen absoluten Qnali- Vtomaßstab gibt es nicht, er wird auch niemals erfunden werden. Ein Scheinerfolg ist es, wenn man ihn in der Wertung der Faktur des Kunstwerks zu erkennen glaubt. Wissenschaft und Liebhaberei, die sich Btt Kunst befassen, müssen und werden daher stets etwas Fließendes, Sich-Entwickelndes fein. Die Faktur, das rein „handwerklich" Gemeisterte eon Murillos Bildern ist mitunter erschreckend dürftig (wohlgemerkt: mit« Ker), was uns nicht hindern kann, ihn in das erste Glied der fpani« n Maler einzureihen. Seine Art ist in dem schönen Titel des „Malers der Madonnen und Bettelknaben" treffenb gekennzeichnet. Sowohl das j&r ihn persönlich Merkwürdige, Einmalige wie bas allgemeine Spa« Usch«, dessen Exponenten er bildet, kommen darin zum Ausdruck. Das Vorrecht der Verherrlichung der heiligen Jungfrau in der Malerei ist Im Barock von Italien auf Spanien übergegangen, ein Zeichen der Ver- gbes Schwerpunktes der katholischen Macht überhaupt, im be« aber ein dankbares Betätigungsfeld für den ritterlichen Sinn niers. Auch die andere Seite, bas Dettelgenre, ist eine durchaus Erscheinung, wohl durch die natürlichen Verhältnisse der nieb« Solksklasse geweckt, aber doch nur durch das Dazukommen eines Gewissen Etwas in Der spanischen Psyche befruchtet. (In Italien brauchte Ban ebensowenig die Stadtbrille, um jene zerlumpten Gesellen aufzu- Mren.) Die eigentümlichste Verbindung beider Züge macht Murillos vdfftlerische Persönlichkeit aus, symbolisiert in jener .Zigeunermadonna", ke man einst In frommer Scheu nicht als Madonna zu bezeichnen wagte, sondern Änfach „Frau mit Kind" nannte. Murillo war kein frühreifes Talent. Erst weit im dritten Jahrzehnt gi Lebens setzt sich die Begabung ziemlich plötzlich und unerwartet : seine Kollegen aus früheren Jahren wollten nicht glauben, daß lbe Bartoloms Estsban Murillo, der im Atelier des Juan bei llo mit sauberer Sorgfall Fahnentücher unb Schutzvorhänge für ■Hnrbtiber malte, den Aufsehen erregenden Gemälbezyklus im Kloster- von Sem Franzisko zu Sevilla ausgeführt habe. Dieses unver- Mntete, stoßarttge Durchbrechen der in dem Jüngling schlummernden Kräfte ist eine Willkür der Natur, die sich auch durch eine noch so wichtige Reise nach Madrid zu Velasquez und den an Werken Tizians, Tintorettos, Rubens', van Dycks reichen königlichen Sammlungen befriedigend erklären läßt. Später verließ er seine Vaterstadt Sevilla nicht mehr. Der alsbald geschätzte und geehrte Künstler, der sich nach ruhigem Familienglück sehnte — er war zehnjährig, 1628, verwaist —, gründete 1646 einen eigenen Hausstand, aus dem drei Kinder hervorgingen. Der älteste Sohn und die Tochter weihten sich, sehr bezeichnend für die von Murillo vererbten Anlagen, dem geistlichen Stande. Der jüngere Sohn wanderte nach Amerika aus. Bis zu seWem Tode, der 1682 infolge eines Sturzes vom Gerüste ein trat, erfreute Murillo der allgemeinen Anerkennung. Zur Erläuterung sei gesagt, daß er 1660 bei der Gründung der Sevillaner Malerakademie zu deren Präsidenten gewählt, 1665 auf sein Gesuch in die Caridad, die vornehmste Bruderschaft der Stadt, ausgenommen wurde. Es ist wahr, seine Madonna sind echte Sevillanerinnen, nachtschwarz ihre Haare, weit aufgerissen und aus dunkler Tiefe leuchtend ihre Augen mit den Sicheln der feinhaarigen Brauen, breitgeschwungen und schwellend der ernste Mund, und neckisch das vorgetriebene Kinn mit dem tiefen, schmalen Grübchen, die Glieder vollschlank unb weich. Aber mit dieser Verwaltung des Madonnenideals, dadurch daß Murillo die Mutter des Christkindes so fest auf den spanischen Boden stellte, ist doch sein Typus noch nicht erschöpft. Das gewisse „Süßliche" kommt dazu, das wir uns doch bejahend zu werten bemühen wollen. Die Frau, die da auf der Bank sitzt im Jdealkostürn mit dem blasig aufgefalteten, breit ausladenden Rocke ist trotz ihrer Reife keine Verkörperung der Mutter, wie ein realistisch arbeitender Vorstellungswille sie sehen sollte; sie ist weder gnädige Fürstin noch gütige Fürsorgerin. Man möchte sie für leer halten, glauben, alle Gedanken seien aus ihr gewichen. Gedankenlos, nicht mit ihrer ganzen Persönlichkeit anwesend, findet sie auch zum Kinde keine innige Beziehung. Ihre Erscheinung ist visionär, sie ist nur ein Bild ihrer selbst, denn ihr geistige Substanz ist ja göttlich und nicht einzufangen. Gerade die Unerfülltheit macht diesen Typus anbetungswürdig. Wenn man sieht, mit welchem glühenden Leben der Meister andere heilige Personen gefüllt hat, muß man den Vorwurf des Nichtkönnens zurückweisen. Schon die Darstellungen des hl. Joseph, dem Murillo einen breiten Raum zugesteht, zeigen eine edle Sättigung. Sehr fein ist er in seinem Charakter als liebevoller, besorgter Pflegevater erfaßt, dem ein empfindliches hohes Gut anvertraut ist. Eine schöne Vereinigung dieser Personen stellt der Künstler in den intimen Familienbildern her. Neuschöpferisch zeigt er sich besonders in den heiligen Familien in der Zimmer-" mannswerkstatt. In diese Familie adoptiert ist als Spielgenosse für den kleinen Jesus- knaben der jugendliche Johannes der Täufer, gleichfalls mit feinem dünnen Kreuzfähnchen und dem rauhen Lendenfchurz eine Lieblingsfigur des Meisters, die sich mit der Gestalt des kindlichen guten Hirten durchdringt und mitunter kaum von ihr zu unterscheiden ist. Dabei kommt das flockige Lammfell der Flaumigkeit von Murillos Pinsel bereitwillig entgegen. Reizend vor allem das Motiv, da der kleine Christ den durstigen Johannes aus einer Muschel labt. Das Idyll greift überhaupt in seinen Bildern zur heiligen Geschichte recht um sich. Liebevoll sieht Joseph von der Hobelbank weg nach dem selig schlummernden Kindlein in der Wiege; Maria freut sich an dem Mutwillen der beiden Kleinen, di« bas Querholz bes Johannesstabes mit einem Bändchen umwickeln; stumme Versenkung der anbetenben Hirten; Ruhe auf der Flucht nach Aegypten. Mit Recht wurde noch immer darauf hingewiesen, baß Murillo monumentale Aufgaben vermieden hat. Er befaßt sich auch nicht mit dem monumentalsten Thema der christlichen Malerei, der Passion des Heilandes; wenigstens sind feine Gekreuzigten nicht bannend. Sehr ansprechend schildert er dagegen wieder, wie der heilige Franz den Gekreuzigten umarmt, Christus den rechten Arm vom Nagel löst unb dem Heiligen trostreich auf die Schulter legt. Ergreifend der vom Marterpfahl losgebundene, körperlich gebrochene Heiland, der am Boden tastend seine Kleider sucht, während zwei herzugeeilte Engel ihn mitleidig mit den Blicken verfolgen, ohne ihm helfen zu dürfen, so etwa wie man den Leiden eines mit entsetzlicher ansteckender Krankheit Beladenen untätig zuschaut. Mit dem Marienleben hat Murillo sich nicht viel beschäftigt; die Erziehung der Jungfrau, die Verkündigung vor allem zogen ihn wohl an, sein ganzes liebenswürdiges Erzählertalent verwandte er aber an das Geschick anderer von ihm besonders geliebter Heiliger. Ihre Auswahl, mitunter gewiß vorgeschrieben, läßt einen Einblick in die Tiefe feines religiös ungemein warm unb reich empfinbenben Herzens tun. Seltsamerweife treten gerade bei Murillo die weiblichen Heiligen ganz zurück; ihre Materie ist von der Madonna, die auch als Erscheinung von oben in den Heiligenbildern viel zu tun hat, vollkommen aufgezehrt. Murillos Lieblinge sind mönchische Asketen von milder Frömmigkeit, befchau- sam weiche Naturen. Da ist der hl. Antonius von Padua, beglückt das Kind, das ihm die Madonna in heißem Gebete gereicht, in den Armen haltend; der hl. Felix von Cantalicio sucht in gleicher Situation der zurückheischenden Mutter ihr Söhnlein noch einen Augenblick vorzuenthalten, ein wundervoll genrehafter Zug. Ein Bestreben des Künstlers ist es stets, feinen Heiligen starkes Verhältnis zur Gottesmutter und dem Kinde zu geben, lieber die Form der Sacra Konversazione ist er verstandesmäßig hinausgewachsen, die Madonna besucht die Heiligen auf der (Erbe, erscheint ihnen so wie sie uns auf den besprochenen Madonnenbildern gegenübertritt. Das hervorragendste Beispiel dieser fast regelmäßig klaffenden Kompositionen erkennen wir in den sog. Porttunkulabildern, wo Christus mit dem Kreuze im Arme und die Madonna sich auf Wolken über den Altar senken, vor dem der hl. Franziskus kniet. Ungezählte Englein bewerfen ihn mit Blumen aus den Gärten des Jenseits. Mit besonderer Liebe nahm sich Murillo des hl. AlcalS an unb entfaltete bei ber Inszenierung seiner Legende zum ersten Male alle seine hübschen Anorbnungsfähigkeiten. Unübertrefflich in ihrer Art die „Engelsküche". Wieder einmal hat sich der hl. Diego, der Küchenchef seines Klosters, in frommem Vergessen übernatürlicherweise vom Erdboden erhoben und verharrt schwebend im Gebet. - Druck und Berlag: Brühl sche AniversitStS-Buch- und Steindruckerei. ».Lange, Gietzen. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Der alte Landauer war ebenfalls eine schöne, erreichte technische Form, die ungefähr ein Jahrhundert lang feststand und sich nicht mehr ändern konnte. Die ersten Automobile wirkten daneben unbeholfen, abstoßend und komisch. Es waren naive Kreuzungen zwischen Pferdewagen und Benzinmotor, es waren Vorformen und Zwischenstufen zugleich! Wie simtvoll, wie ruhig, möchte ich sagen, wirkt daneben das moderne Auto mit seiner erreichten Form, die seit etwa 10 Jahren im wesentlichen feststeht. Die ersten Aeroplane (von 1908) sind typische Vorformen. Man wußte sozusagen noch nicht, was Lust ist, als man sie baute. Man nahm einen Stuhl, setzte ihn auf eine Tragfläche und montierte auf ihr einen Motor. Und flog' im Straßenpaletot und Kuppelhut. Wenn man damit die sinnvolle Fisch- und Jnsektensorm unserer heutigen Flugzeuge vergleicht, so erscheinen diese uns weit natürlicher und organischer als jene Pionierformen. Aber hat die Natur nicht auch in ihrem Entwicklungsgänge solche abenteuerliche Pionierformen, solche organische Zwischenstufen erschaffen? Auch dort waren es organische Revolutionen, die den machtvollen neuen Lebenstrieb ungestüm in abenteuerlichen Formen hervorbrechen ließen, worauf dann die Wirklichkeit sozusagen begütigend eingriff und die lebens- fähigere Erfahrungsform geschaffen wurde. Die Pionierformen aber, die Zwischenstufen sind fast alle untergegangen: — Erfinderschicksal! Die Entwicklung der Technik bringt es mit sich, daß die allgemein« Planmäßigkeit des Lebens immer mehr zunimmt. Und wir sehen, daß uns heute nur jene Formen wirklich gelingen, wo — wie bei der Maschine — der praktische Leistungsanspruch hart und unerbittlich ist. Daher entstanden in der Architektur wirklich neue Formen zuerst einmal bei den Nutzbauten: unsere Speicher, Fabriken, Silos und Wassertürme tragen als erste wahrhaft modernes Gepräge. Aber allmählich rückte man auch an das Wohnhaus heran. Doch dort war die Leistung nicht so eng umschrieben wie z. B. beim Silo, sondern sie mußte jene Welt umspannen, die in dem Worte „Heim" beschlossen liegt! Aber so weit sind die modernen Architekten nicht, und sie können es nicht seiry weil wir in einer notvollen Uebergangszeit leben und uns nicht den Luxus der Persönlichkeit leisten dürfen. So liegt eine wertvolle Ehrlichkeit in ihrem Verzicht auf das individuelle Ornament: Die Architekten ziehen eine ehrenhafte Armut einem erlogenen Reichtum in der Baukunst vor. Daher ist das Wort „Wohnmaschine" gegenwärtig Schlagwort geworden. Auf wie lange, wird die Zeit lehren. Und damit kommen wir auf eines der wichtigsten Probleme unserer Zeit: auf das ganz veränderte Verhältnis des einzelnen, des Individuums, zur Gemeinschaft. In früheren Zeiten kreiste zwischen Individuum und Gemeinschaft ein fruchtbarer Strom: Das Individuum verdankte alles der Gemeinschaft und die Gemeinschaft alles dem Individuum. Demgemäß be- saß die Kunst die volle Sicherheit handwerklicher Tradition, sie war Handwerk! Und das Handwerk besaß individuelle Freiheit, es war Kunst! Doch dann schob sich die Technik isolierend dazwischen: die Kunst verlor ihr Handwerk und wurde schrankenlos individualistisch, das Handwerk aber verlor die Kunst und wurde industrielles Masienerzeugms. Das auffälligste Symptom dieser Krise bestand in einem sofortigen Schwinden der Gestaltungskraft — und damit der Schönheit! Und alles begann nun nach Schönheit zu rufen. Die Schönheitsdurstigen flohen in die Natur, in vergangene Jahrhunderte, denn die (Begenroart schien ihnen häßlich geworden; sie wurden ästhetisch, sie wurden snobistisch und vergaßen, daß Schönheit sich nur dem schenkt, der die Gestalt will, und gar nicht dem, der unmittelbar nach ihr schmachtet. Unterdessen bauten die In- genteure ihr Teufelswerk, ihre Maschinen munter und unverdrossen weiter, ohne sich an die Entrüstungsschreie zu kehren. Und ihre Maschinen wurden immer besser. Das ging immer weiter, bis sich plötzlich eine spaßhaft« Situation ergab: man rief nach der Schönheit, wie der zerstreute Herr nach seinem Hut, den er aus einem bestechend einfachen Grunde nicht finden konnte — weil er ihn nämlich schon auf dem Kopf hatte. Alles griff sich nach dem Kopf — ja richtig, wie h a t t e n sie ja schon, die Schönheit, unsere Schönheit: unsere Autos, Dampfer, Lokomotiven, Aeroplane, Brücken, Türme und Flugzeughallen waren dem Auge mit einmmal schön geworden; sie könnten froh sein: man hatte sie entdeckt. Aber nur keine Uebertreibung, nicht jede Maschine, nicht jedes tech- nische Gebilde ist schön; und wenn es schön ist, so ist diese Schönheit doch von ganz anderer Art, als die Schönheit eines Kunst- ober Naturwerkes. Solch eine Maschine ist schön, weil ihre Abmessungen, ihre Proportionen der wahrheitsgetreue Ausdruck für die Funktion jedes Gliedes sind; ein« Triebkraft bringt Formen und Proportionen untrennbar hervor, sie bient nur dem einen Zweck: der Leistung, und die Einheitlichkeit wirkt auf uns als Harmonie. Doch diese Schönheit spricht zu uns anders, als die des Kunstgewerbes. Im Kunstwerk spricht der Mensch zu uns, im Natur- werk der Schöpfer: ich kann mir schon vorstellen, daß einem Verzweifelten bas Gedicht „Heber allen Gipfeln ist Ruh" Ruh« einflößt — aber versuch« der Arme es doch, in solcher Stimmung sagen wir, einen Elektromotor ober eine Brücke aufzusuchen: er wird sich höchstens von ihr hinunter- stürmen! Denn in der Maschine ist das Ich zum Schweigen gebracht, nur di Gemeinschaft, die Masse spricht aus ihr, und darum wirkt sie ihrem Sti"'mungsgehalt nach pathetisch. Pathetisch wirkt sie auch vor allem durch ihre. Bewegung; so ein Maschinensaal am Sonntag erscheint neben dem werktätigen Montag tot und verdrossen. Die „Künstler" dieser neuen Schönheit, die Ingenieure und Arbeiter, bleiben unbekannt und g< in der Masse unter. Wer weiß, wer den Dampfer „Commbus" gvb : hat? — keiner, sondern nur ein paar Eingeweihte! Aus der Maschinenausstellung heißt es nicht: diesen Wechselstrommotor entwarf Herr Dr.-Jnq. Sounbfo,;ifonbern es steht einfach ein Schildchen X—Ypsilon A.-G. — Das ist recht so, und es liegt darin em« gewisse Größe. Die Technik ist heute unser aller Angelegenheit: hier empfinden wir uns als Gemeinschaft und als Masse. Die Technik ist nun einmal unsere Zukunft und unser Schicksal. Darum sollen wir froh sein, datz wir sie zu sehen und verstehen gelernt haben: als Aeußerung einer uno derselben formenden Urkraft wie es Kunst und Natur sind. Uno gerat* im Vergleich mit diesen beiden uns vor Überschätzung wie vor Ber- achtung der Maschine hüten. _ und Statur. . Wir staunen längst nicht mehr vor der Maschine, wie das neunzehnte Jahrhundert: wir streifen jedes der Tausende Autos, die an uns täglich vvrüberslitzen, mit einem fast unbewußt kritischen Blick — einem Blick, der es aus seine Schönheit prüft! Und finden wir einen schönen Wagen warten so bleiben wir gerne stehen und sehen uns ihn genauer an. Denn mir haben von vornherein die feste Uebergeugung, daß ein schöner Wagen auch ein guter Wagen sein muh. Ein merkwürdiger Fall! Woher nimmt sich unjer Auge bas Recht, über höchst komplizierte technische Verhältnisse, von denen es keine Ahnung hat, so selbstsicher zu Gericht zu sitzen? — Gewiß aus einem tiefen Instinkt heraus, dem folgende Ueberlegung recht gibt: die Maschine wird gar nicht auf Schönheit, sondern auf Leistung, d. h. Zweckmäßigkeit hm gebaut Jede Maschine hat ihre Geschichte, ihren Werdegang, den sie allemal einhalt. Sie hat anfangs ihr abenteuerliches Stadium bis zur Schaffung der ersten lebensfähigen Type. In diesem Stadium ist die Maschine grotesk, ein erschreckendes Nebeneinander von Herz, Lungen, Muskeln und Knochen ordnen sich in Aufstellung und Proportion, und der Maschine fangt langsam allmählich eine „Haut" an zu wachsen, sie wird immer durchdachter und' übersichtlicher. Und schließlich tritt die Maschine in ihr drittes, ihr Endstadium: sie wird traft gewonnener Erfahrung, vereinfacht, normalisierst typisiert — sie hat eine „Haut", sie ist ein Körper sie ist schon. Erst j°tzt sind ihre Proportionen der wahrheitsgetreue Ausdruck für die zweckmäßigste Arbeit jedes ihrer Glieder geworden: so etwas nennt man Gestalt" — und Gestalt ist Schönheit! Mit anderen Worten: unser Auge hat r^t gehabt. Es versteht vielleicht nichts von Bosch-Kerzen, aber es hat seinen'Instinkt für alle lebendige Form. Es ist dasselbe wie mit den Pferden: ein „häßliches" Pferd kann immer noch ganz gut fein em „schönes" aber sicherlich nicht schlecht; m diesem „schon «st die Le i ftu ng bereits einbezogen. Das Ehrliche an der Schönheit der Maschine ist also, daß sie ganz ungewollt aus der Zweckmäßigkeit der Maschine entstanden ist. Aber dieser Werdegang eines technischen Gebildes von der Vorform bis 3ur erreichten Form erfährt in vielen Fällen eine Komplizierung dadurch, baß ihr sozialer Zweck von einem anderen technischen Gebilde her übernommen wirb. So übernahm der Dampfer seinen Zweck nämlich die Kommunikation über bas Wasser, vom Segelschiffe, das Mito seinen Zweck vom Pferdewagen usw. Daher ist bei den meisten technischen Gebilden die Vorform zugleich auch eine Zwisehenstuf e5tPlifi)en Form und der noch nicht erreichten neuen. Das Segelschiff von 18v0 z. B. der berühmte „Teeklipper" — war eine vollendete, eine erreichte technische Form und sie hat sich bis heute in den paar modernen Seglern nicht wesentlich ändern können. Dem Teeklipper gegenüber erscheinen die ersten Dampfer mißgestaltet, unreinlich und unzweckmäßig. Es waren eigentlich noch aar keine Dampfer, sondern naiv« Kreuzungen zwischen Segelschiff und Dampfmaschine. Wie vollendet, wie endgültig wirkt daneben wieder- um 3. 93. der Dampfer „Columbus"! Das ist bereits eine erreichte Form, die seit einem Jahrzehnt nicht wesentlich, aber doch1 tn allen Einzelheiten fortwährend verbessert wurde, bis dieses Schiss möglich warb. Da schickt die gütige Himmelskönigin eine Schar ihrer geflügelten Küchenfeen, die in vergnügter Geschäftigkeit den Heinzelmännchendienst leisten. Das Bild stellt ihre Ueberraschung durch Klosterbrüder mit fremden Gästen (wohl Porträts) bar. Eine deutliche Ueberleitung rum Bettelgenre geben die vortrefflichen Bilder von Armenspeisungen und Almosenverteilimgen, besonders durch den demütig-vornehmen, ein wenig bleichsüchtigen Thomas von Villanueva. Was Murillo für weite Kreise berühmt gemacht hat, sind seine zum großen Teil in München befindlichen Bettler, Schlemmer, Läusefänger, Geldzähler, Würfelspieler, Blumenmädchen. Doch schon seit langem hat man wohlbegründete Zweifel an diesen Leistungen geäußert und sie in ihrer Stellung zu erschüttern gesucht. Man kann sich allerdings, besonders im Vergleich mit Adriaen Brouwer (im einzelnen ist dieser Vergleich nicht auszuspinnen, da es sich in Spanien um ein ausgesprochen großfiguriges, in Holland um ein klein figuriges Sengte handelt) des Eindrucks nicht verwehren, daß diese Stücke doch etwas allzusehr „verschönerte" und „salonfähig gemachte" Unappetitlichkeiten sind. Immerhin lehren sie uns Murillo als Stillebenmaler schätzen und verraten in den „Lockenden Schönen am Fenster" und dem Bösebubenbild, da der eine den anderen zum Spiel zu verführen bemüht ist, glücklichste psychologische Beobachtung. Murillos Kunst ist wie die Raffaels der letzte, höchste Gipfel einer Entwicklung, der nicht überschritten werden dars, soll nicht ein jähes Absteigen folgen. 'Sobald Murillo nachgeahmt wurde, mußte das Ergebnis Ver- waschenheit, Lauheit, Kitsch werden. So wurde er ebenso unfreiwillig wie Raffael zu einem reichen Erblasser, auf dessen Schätzen ein Fluch ruhte. Das Auge als KrMAer der Technik. Von Sigismund v. R a d e ck i. Ms Kind sah ich täglich an unserer Station eine herrliche Lokomotive vorbeifahren. Sie hieß „Reaumur" und schien mir ein gigantisches Wunder, das jeden Augenblick fürchterlich lospfeifen konnte. Dann tarnen andere Jahre, andere Eindrücke; ich hatte sie völlig vergeffen und auch vor Dampfpfeifen keine Angst mehr. Da ging ich einmal zufällig mit einem befreundeten Ingenieur die toten Gleise des Hauptbahnhofs entlang, wo allerlei verrostetes Gerümpel stumm auf den Abbruch wartete. Und sah plötzlich irgendeinen unscheinbaren, schäbigen Lokomotivinvaliden, der mir bekannt vorkam. Richtig, bas war sie, die alte „Rsaumur": verrostet, komisch, altmodisch — aber immer noch mit steif erhobenem Schornstem- halse ... Und ich muß sagen, daß mich dieser eiserne Greis damals so gerührt hat, wie später selten ein Mensch. Ich klopfte ihm auf die verrostete Schulter und ging schweigend weiter. Seitdem weiß ich, daß die Maschine kein totes Dmg ist, sondern em eigenes Loben hat, daß sie nicht nur häßlich, sondern auch schon sein kann, nicht nur aebieterisch-pathetisch, sondeim auch rührend und stimmungsvoll — kurz, daß sie Ausdruck dos Lebens ist, gleicherweise wie Kunst