SietzeimKmnIieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger Jahrgang 1927 Dienstag, den 13. September Nummer 75 Die kleine Passion. Von Gottfried Keller. Der sonnige Duft, Septemberluft, Sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch, Das suchte sich die Ruhegruft Und fern vom Wald-sein Leichentuch. Bier Flügelein von ©eiben fein mug's auf dem Rücken zart, Drin man im Regenbogenschein Spielendes Licht gewahrt! hellgrün das schlanke Leibchen war, tellgrün der Füßchen dreifach Paar, int) auf dem Köpfchen wundersam Satz ein Federbüschchen stramm; Die Aeuglein wie ein gold'nes Erz Glänzten mir in das tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen Hat sich zu Gruft und Leichentuch Das glänzende Papier erlesen, Sarin ich las, ein dicksterliches Buch; So ließ den Band ich aufgeschlagen Und sah erstaunt dein Sterben zu, Wie langsam, langsam ohne Klagen Das Tierlein kam zu seiner Ruh. Drei Tage ging es müb’ und matt Umher auf dem Papiere; Die Flügelein von Seide fein. Sie glänzten alle viere. ';(m vierten Tage stand es still Gerade auf dem Wörtlein „will"! Gar tapfer stand's auf selbem Raum; hob je ein Füßchen wie im Traum; Um fünften Tage legt' es sich, Doch noch am sechsten regt' es sich; in siebten endlich siegt' der Tod, Da war zu Ende seine Not. tun ruht im Buch fein leicht Gebein. D'lög' uns sein Frieden eigen sein! BnfeLm Feuerbach. Von Wilhelm S o e cf. Es ist gesagt worden, eine Gnad« des Schicksals sei darin zu erblicken, daß uns gerade zu dem Werke Anselm Feuerbachs im „Vermächtnis" und dem reichen Briefmaterial eine biographische Stütze gegeben sei. Was er geschaffen habe, müsse ohne literarische Erläuterung unverständlich gewesen sein. Man spricht von einem Ueberwiegen des Verstandes gegenüber der rein künstlerischen Eingebung. Das mag allenfalls für die beziehungsreichen Historien des Wiener Titanensturzes und der Nürnberger Kaiserempfänge zutreffen; hier wagte er sich auf ein Gebiet, das er besser nicht betreten hätte. Durchaus ungerechtfertigt ist es aber, die Frage aufzuwerfen, ob nicht vielleicht seine — zweifellos sehr feinen — Landschaftsstudien den allzu monumentalen Iphigenien und Medeen vorzuziehen seien. Auch an der Ursprünglichkeit seines künstlerischen Gesichtes kann wohl nicht gezweifelt werden, wenn er von der Entstehung der Pieta berichtet: „Üebrigens ist dieses Bild auch in meinem Kopf fertig bis auf den letzten Pinfelstrich. So ist es immer, wenn der Gedanke aus unmittelbarer Anschauung kommt. Ich habe die Maria gesehen, und die übrigen Figuren sind hinzugetreten.' Die Maria aber sah er an den Stufen einer Kirche kauern. Er trägt manche Gestalten jahrelang voll entwickel! im Kopse herum, bevor er sie inhaltlich verwendbar findet; so den hämischen Neptun des ersten Entwurfes zum Titanensturz. Wir können diesen Werdegang eines Bildes im Gegensatz zu der vorher genannten Meinung geradezu als typisch für die Entstehung eines Kunstwerkes an- fehen. Wenn Feuerbach in feinen Gemälden historische, literarische Per- fonllchkeiten den Bildgedanken tragen läßt, so war dafür seine vorgefaßte -Meinung non dem Begriff der „hoben" Kunst überhaupt maßgebend, die er stolz ür sich in Anspruch nahm. Indessen ist es unzutreffend, ihn als Historienmaler, wofür er sich selbst hielt, zu bezeichnen. Wo er sich als solcher zeigt, hat er seine Bestimmung verkannt, und bezeichnenderweise gibt er sich auch diesem Fache im enge« ren Sinne erst in den Jahren der Resignation stark hin. Dagegen geht es nicht an, die Iphigenien, Medeen, Orpheus, Parisurteil als Historien anzufprechen. Sie find vielmehr Allegorien, die gerade, weil sie als solche nicht gewollt sind, der unangenehmen Spitzfindigkeit, die sich sonst mit mefem Begriff in der Malerei verbindet, entbehren. Feuerbach ist es ge- ungen, in fernen „historischen" Figuren die feinsten Gefühle sprechend zu verkörpern. Das scheint mir die unsterbliche künstlerische Tat des einsamen Kämpfers gewesen zu sein. Sie ist alles eher als eine Tat des Verstandes, denn der Geist schafft Allegorien von humanistischer Unerträglichkeit. Auch Anselm Feuerbach schuf die „Poesie", stand also auch bewußt der Allegorie nicht fern. Der große Unterschied besteht nur darin, daß die Gestalt in ihm lebte, bevor ihr der Name ward. Eine dieser Gattung verwandte Reihe, die ich als Daseinsbilder bezeichnen möchte, gehören die Hafisbilder, Dante mit Frauen, Paolo uni» Franceska, die Frühlingsbilder, Mandolinenspieler, Konzert, in gewissem Sinne auch das Gastmahl an. Schöne Menschen in untätiger Vereinigung, die Genüge finden, sich ihres Daseins in ernster Schönheit zu freuen. Stille Schönheit, die sich selbst nicht kennt, lächelt aus den liebreizenden Kinder- und Puttenbilder. Reine, beseelte Anschauung, nur im Zusammenhang der allegorischen Figuren zu verstehen, sind die Nanna- bildnisse. Die erstaunliche psychologische Kraft, mit der er seine Gemütszustände zu erkennen und in den Briesen auszudrücken weiß, läßt eine Reihe von Selbstporträts verstehen. Einsam steht die Pieta, nicht nur Maria an der Leiche des Heilandes, nein, die Mutier an der Leiche des von seiner Zeit in Unwissenheit verstoßenen Sohnes, den nur sie wahrhaft verstanden hat. Die Beziehungen des Bildes zu Anselms Leben sind augenfällig. Lassen sich seine Werke auch derart in wenige große Themen- reihen zusammenschließen, aus dieser Umgebung genommen, vereinzelt unter Erzeugnissen seiner Zeitgenossen, waren sie schon zur Zeit ihrer Entstehung und sind sie heute einsam. Ein handgreiflicher Beweis dafür ist, das Bilder des Meisters, wenn sie in Galerien vereinzelt auftreten, mit Vorliebe als Mittelpunkt einer Wandordnung gewählt werden. Anselm Feuerbachs Werk ist in hohem Maß Spiegel seiner Seele. In den ersten, von schwankendem Eifer erfüllten Studienjahren, da er hinaus« stürmte, ist er sich selbst das Fesselndste. Als Jüngling von edler Schönheit und etwas manirierter Vornehmheit, die dunklen Augen vom Raffaelbarett beschattet, erscheint er in den Selbstbildnissen dieser Zeit. Er selbst ist hier der träumerische Held seines viel späteren Parisurteils. Aber bald beginnt sich der heitere Himmel der Münchener Zeit zu umdüstern. Der Tod des Vaters ist das erste Glied einer unendlichen Schmerzenskette. Vom Vater ist Anselm mit starker Gemütsempfindlichkeit erblich belastet. Trübe Gedanken strömen dem in Paris Bangenden ahnungsvoll in den nebelhaften Rhythmus des „Italienischen Begräbnisses", wahrend in Freiburg fein Vater den letzten Kamps kämpft. Das Selbstbildnis von 1852 erschreckt durch dämonische Schwermut im Antlitz des Dreiundzwanzigjährigen. In Paris wird Feuerbach der iheros schmerzlicher Entsagung, als den wir ihn, den Menschen, kennen. Gleichzeitig findet er aber auch das, was ihm Kraft zu weiterem Leben gibt, feine Kunst, und in Thomas Couture einen Lehrmeister nach feinem Wunsche. Feuerbachs Figurenstil tritt zum ersten Male mit voller Deutlichkeit im „Hafis vor der Schenke" auf. Mannigfachen Einflüssen war seine Kunst ausgesetzt und gastfrei, doch von diesem Augenblicke läßt sie sich aus einer inneren, selbstkräftige Entwicklung ableiten. In der Gestaltung des Verhältnisses von Farbe und Fläche scheint mir vor allem eine Wahlverwandtschaft mit Michelangelo erwähnenswert. t Die Pole seiner Kunst und seines Lebens lassen sich in zwei Städten versinnbildlichen,-die ihm Schicksalsheimat wurden: Venedig und Rom. Venedig ist die Stadt der Harmonie, der Musik, der Genesung. Dorthin flüchtet er, wenn das Herz ihm wund ist, wenn Ekel am Leben ihn faßt, wenn er körperlich krank und gebrechlich ist. Dort stirbt er. — Rom ist die Stadt höchster Erfüllung seines Schaffens, aufgelichteter Klarheit und Entschiedenheit. Seine musikalische Seele (er fang einen bewunderten hohen Tenor) wurde in Venedig gestillt. Rom befriedigte den Hunger des Künstlers. Venedig steigerte fein Lebensgefühl, ließ ihn sich selbst in mildem Glanze sehen, und machte, daß er sich reich fühlte. Denn dort durfte er, der wirtschaftlich Unterdrückte, in Palästen wohnen. Feuerbachs Natur mar gar nicht für Leid und Entbehrung geschaffen. Das empfand er selbst besonders stark. Ein Leben in freudigem, edlem Genüsse ersehnte der Jüngling, der Mann hatte stets den Wunsch, „reich" zu sein. Vielleicht freut sich die selbstsüchtige Nachwelt des Scheiterns dieser Hoffnungen. Denn in der Tat, erwägt man Anlage und Temperament des Künstlers, ist wohl anzunehmen, daß ein „Götterliebling" Feuerbach die Werke, die wir bewundern und lieben, nicht heroorgebracht hätte, da sie fast in der Regel als Ergebnis einer rastlosen Betäubungsarbeit entstanden. Feuerbach hatte selbst bisweilen den Eindruck, daß seine unbändige Tätigkeit ihm eigentlich jedes Leben schenke, daß er ohne jenes Arbeitsfieber allen Qualen längst erlegen sei. Daß er überhaupt die Kraft fand, allen Mißerfolgen zum Trotz, häufig ohbe Bestellung weiterzuarbeiten, ist im Grunde Ergebnis einer verblüffenden Voraussetzung. Keinen Augenblick verlor er die felsenfeste Gewißheit, daß er Werke von ewigem Werte, von unvergänglicher, überzeitlicher Schönheit schaffe —, ein künstlerisches Selbstbewußtsein, das in dieser Bewußtheit und unter derartigen dauernden Enttäuschungen, ganz einzig dasteht. Welches sind die Gründe für die Versagung öffentlicher Anerkenung? Wenn Kunst keine Sache für jedermann ist, wenn cs eines besonderen Organes bedarf, sie zu genießen, so gilt das in erhöhtem Maße von der das das aus des selbst Ver- Igung der Gedanken beim Reden bietet „ ... die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Sprache; er spricht vom Redner und meint Loch nur die Gestalt des Tragöden, die, in die erregte Handlung hineingespannt, die Sprache und mit der Sprache die Erkenntnisse und Erlebnisse gebiert, die den Vorgang seiner Ellipse die Ueberschau auf das Ganze gestatten. In der Abhand, lung über die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Redens bietet er einen wunderbaren Einblick in i' ' ' 1 "" »■- m"ir± weitertreiben. . . . , . . ,Die Sprache", schreibt Kleist, „ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse." Der andere Aufsatz Kleists, .der die entgegengesetzte Möglichkeit der Dheaterkunst ausmißt, handelt „Ueber das Marionettentheater"; der tragische Dichter, der schon einmal daran zerbrochen war, daß die Gestalt Robert Guiskards unter feinen Händen zerrann, der über ein Mißverstehen K a n t s an den Rand des Abgrunds geriet, der in seinem Liebesleben von Krise zu Krise trieb, derselbe Dichter verschwendet in liebender Inbrunst die ganze Schärfe seines Verstandes an die leichte, schwebende Kunst der Marionetten. Mit der Kunst, eine Rede allmählich zu verfertigen, die er m jenem frühen Aufsatz gelehrt hatte, entwickelt seine Anschauung über die Glieder- pupp#, aus einem Gespräch, das er mit dem §)errn (£., iD-cm ersten Zanger der Oper, geführt haben will. . „Ich erkundige mich", schreibt er, „nach dem Mechanismus dieser Figuren, und wie es möglich wäre, die einzelnen Glieder derselben und ihre Punkte, ohne Myriaden von Fäden an den Fingern zu haben, so zu regieren, als es der Rhythmus der Bewegungen oder der Tanz erfordere. „Er antwortete, daß ich mir nicht vorstellen müsse, als ob jedes Glied einzeln während der verschiedenen Momente des Tanzes von Lern Mafchi- nisten gestellt und gezogen würde. Jede Bewegung, sagt er, hatte einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen, in dem Innern der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel waren, folgten, ohne irgendein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst. Er setzte hinzu, daß diese Bewegung sehr einfach wäre ..." . . Kleist führt dann aus, wie der Maschinist, der diese einfache Ve- wequna teite, gleichwohl sich in die Marionette als ein -^anZer hm-em- verseNen müsse, daß die Linie der Bewegung der Weg der seele des Tänzers fei, daß infolge der Führung der Marionette aus ihren Schwerpunkten die Gliederpuppe den Vorteil habe, daß sie sich nicht ziere, well nicht das Bewußtsein zwischen die natürliche Bewegung und den Ausdruck sich einschalten könne; weil die Puppen nicht unter dem Gesetz der Schwerkraft stünden oder jedenfalls nicht von ihm bezwungen wurden. Dem Menschen sei es schlechthin unmöglich,/den Gliedermann im Tanz auch nur zu erreichen; nur ein Gott könne jid) aus dienern Feld-e mit der ^Jn^diesm^beiden Aufsätzen hat Kleist, in dessen Werk das Drama als Spiel des Körpers und des Geistes auf eine uns erschütternde Weist miteinander verschmolzen sind, über die beiden Pole Theater und Drama Erschöpfendes ausgesagt. Eine weitere Möglichkeit hat er, wie mir |djetnr, bezeichnenderweise, nicht erwogen — wie ist es denn wenn die Marionetten sprechen sollen? Mag ihre Bewegung unnachahmlich sein und unerreichbar, ihre Mimik unerreichbar, obwohl zu bedenken bleibt, daß der Zuschauer seine eigene Empfindung in die Puppe und ihr Antlitz hineindenkt — wird es möglich sein, daß Wort welches der Mensch für die Puppe spricht, gleichsam der Puppe selbst aufsteigt als die allmähliche Verfertigung Gedankens beim Reden, also so, wie es Kleist für die Tragödie sorderie? In seinem grundlegenden Aufsatz, wie gesagt, ist über die schmelzung von Marionettenspiel und Wortgeburt nicht gesprochen Sollten die Schwierigkeiten zu groß sein? Das Teatro bei Piccoli (Theater künstlicher Menschen), durch Europa reist, giebt hier auch keine Antwort. Wundervoll und un- übertresflich arbeitet die Truppe von 23 Künstlern und 300 Figuren da, wo die Gliederpuppe selbstherrlich geworden ist, also in den Varleteszenen. Wenn etwa Seraphine auf dem Ball tanzt, mit dem Ball gegen alle Gesetze der Schwerkraft den schmalen Steg einer Wippe herauf und wieder herunter rollt, wenn Bil-Bol-Bul, der kleine Negerakrobat, auf dem Seil seine halsbrecherischen Sprünge wagt, sobald es auf Tod und Leben geht, stj-t wie im Zirkus die Musik aus, wenn Tim, Tom und Tarn, die schwarzen Charleston-Könige, in genialem Schüttelfrost die Glieder schlenkern, wenn die Clowns in der Manege nach den Schmetterlmgen Haschen, wenn die heilige Hermandad drei schwere Jungen in den Käfig sperrt, der sich an der anderen Seite selbsttätig öffnet und die Burschen entwischen läßt, wenn Salome, nicht die von Strauß, sondern die des weltbekannten Foxtrotts, im Cancan über die Bühne steppt, wenn der berühmte Professor am Flügel Kammermusik interpretiert mit der furchtbaren Exaktheit des Mannes, der, indem er spielt, zugleich doziert: das ist unnachahmlich, übertrifft ähnliche Leistungen lebender Akrobaten, reiht die Zuschauer zu Beifallsstürmen hin und rechtfertigt einen Satz von solcher Länge, wie diesen. Es gibt keinen besseren Deuter dieser, mit allen Laugen unseres Jahrhunderts gebeizten Kunst, hinter der die besoffenen Notenköpfe modernster Tänze geistern, und für dieses Sanktelmsfeuer technischer Brillanz, als den toten Kleist, wen er schreibt: „Was wuroe unsere gute G . . . . darum geben, wenn sie sechzig Pfund leichter wäre, oder ein Gewicht von dieser Größe ihr, bei ihren Entrechats und Plwuei- ten, zu Hilfe käme? Die Puppen brauchen den Boden nur wie ine Elsen, um ihn zu streifen, und den Schwung der Glieder, durch die augenblm- liche Hemmung, neu zu beleben; wir brauchen ihn, um darauf zu riryen, und uns von der Anstrengung des Tanzes zu erholen: ein Moment, oe offenbar selber kein Tanz ist, und mit dem sich weiter nichts ansangen läßt, als ihn möglichst verschwinden zu machen." , , . Anders ist es mit den Opern, die das Teatro bet Piccolo spielt., was nutzt es, für diese Fassung des lieblichen Märchens vom Dornröschen einen tüchtigen Schriftsteller und einen bewährten Komponisten und eines erfahrenen Bühnenmaler aufzubstten? Ich will nicht sagen, es gäbe keine Tragödie der Marionetten, aber jedenfalls sind diese Piccolo keine ü-ra- göden. Denn was sie bringen, ist eine möglichst getreue und genaue ahmung der Menschenoper, aber kein Spiel aus dem Gesetz der Manv- nette heraus. Ein kleiner Beweis: wenn die Feen ihre Arien singen, oan Kunst Anselm Feuerbachs. Sie setzt gar kein gelehrtes Wissen voraus, ist ganz unkompliziert, aber doch Produkt einer sensiblen,, hochkultivierten und aristokratischen Veranlagung, und fordert dementsprechend einen ebenso hochempfindlichen Boden. Ein schwerer wiegender Grund für die ablehnende Haltung des Publikums liegt in diesem selbst. Es braucht nicht viel, um zu begreifen, daß das unwürdige Zeitalter der Kvinolme und des zweiten Kaiserreiches, das allenthalben der Verflachung und dem Durchschnitt Kränze wand, da das Genie sich nur mit unverwüstlicher Brutalität durchsetzen konnte, für einen Anselm Feuerbach keinen Platz hatte. Die Unterdrückung des Genies durch ein dekadentes Bürgertum empfand auch Feuerbach, wenn er das Verhältnis zwischen Mnstler und Kunst- verbraucher seiner Zeit mit dem in der Renaissance verglich. Seine Richtung lief dem Zeitgeschmack unbedingt zuwider. Das läßt sich am deutlichsten beim Kolorit aufzeigen. Während der Frühzeit, die noch unter dem Zeichen des Klassizismus stand, erklärte man ihn für einen unausstehlichen Koloristen. Da er bei dieser Farbgebung blieb, weil er sie für feiner Art angepaßt hielt, wurde er in der nun aufdümmernden Zett der Farbe gar bald überholt und wegen seiner Blässe geschmäht. Historisch ist er der glanzvolle Abschluß des Klassizismus, der Letzte, für die Zukunft Unfruchtbare seines Geschlechtes, ein Epigone. In Wahrheit ist er eine jener riesenhaften Einzelpersönlichkeiten, die sich einer Einordnung heftig widersetzen, in seinem aufbäumenden Epigonentum Matthias Grünewald vergleichbar. „ „ . „ • „ Feuerbach wurde das große Glück zuteil, daß er in Rom sein Modell fand, in Nannas Kopf die edlen Züge feiner Vorstellung erkannte und m zahlreichen Studienköpfen zu einem idealen Typus ausbildete. Die Gefühle, die er für diese Frau hatte, sind wohl doch stärker gewesen, als aus merkwürdig knappen Erwähnungen in Briefen zu schließen wäre, und es mag die Tatsache ihres unheilbaren Herzleidens nicht geeignet gewesen fein, seine Stimmung zu erhellen. Hier mag seiner Stellung zu den Frauen überhaupt gedacht werden. Wir wissen von keiner leidenschaftlichen Neigung des Meisters. Er äußert sich gelegentlich dahin, daß man nicht zwei Herren, der Kunst und dem Weibe, dienen könne, denkt sich aber einen romantischen Zustand, wo der Mnstler einem geliebten Wesen seine Triumphe zu Füßen legt. Auch feine Werke sagen nicht viel aus. Wo sie von Siebe sprechen, handelt es sich um die Entsagung des asketischen Antonius, um Dantes übersinnliche Liebe und Petrarcas Schmachten, vor allem um Paolos und Francescas sündige Liebe, die jedoch mit einer schönen Berechtigung auftritt. Eine gesunde, kraftvolle Aeußerung kommt nicht vor, eine gewisse innere Verwandtschaft mit Rossetti scheint offenbar. Ein dumpfes Düster schwebt über dem ganzen Werke des Künstlers, am tiefften verkörpert in der verzweiflungsvoll brütenden Medea am öden Gestade, und daraus tauchen ab und zu, wie schimmernde Wellen, ein paar Blumen, ein Hafislächeln oder eine muntere Puttengruppe. . ' Die Schönheit des dreijährigen Kindes schildert er ebenso wie die des zehnjährigen knospenden Menschen, nur daß da schon etwas leise Bedrückendes, Ahnungsvolles aus des Künstlers Seele einftrömt, das diese blütenhaften Geschöpfe sich nicht frei entfalten läßt. Knabe und Mädchen sitzen in beklommener, doch zarter Anmut nebeneinander, sie wissen nicht, was sie tun sollen, und doch ist alles von hohem Reiz. Es ist ähnlich wie bei Paolo und Franceska. — Seine Madonnen tragen stark dekorativen Charakter und sehen zu sehr trauernden Witwen gleich, zu denen die musizierenden Kinder etwas ängstlich aufblicken. Unter den Porträts des Meisters kommt neben den Selbstbildnissen den Bildern seiner aufopferungsvollen Stiefmutter Henriette Bedeutung zu. Das Selbstbildnis beschäftigt ihn wie in den ersten, so in den letzten Jahren wieder stark. Die beiden letzten sind von einer ganz eigentümlichen Verklärung ergriffen. Er liebt es, sich mit der glimmenden Zigarette darzustellen, wohl um die Hand unauffällig in das kurze Brustbild zu bringen. Ein Jdealporträt, vergleichbar dem Dürers in der Alten Pinakothek, ist das Selbstbildnis in der Reuen Pinakothek zu München zu nennen. Aus gelehrten und mit der Antike vertrauten Kreisen stammend — sein Vater war Archäologe — fühlte sich Anselm Feuerbach zum Dolmetscher griechischer Welt berufen. Daß ihm dieses AM ebensowenig gelang wie seinen klassizistischen Vorgängern, ist bei seiner dionysischem Leben und Gestalten entgegengesetzten Veranlagung und Schicksalspragung erst recht verständlich. Ist es schon an und für sich äußerst problematisch, Vorstellungen einer vorwiegend plastisch denkenden Zeit mit dem Pinsel nachzuempfinden, ja, ist jedes Nachempfinden in künstlerischer Form überhaupt verwerflich, so konnte Anselm Feuerbachs selbstbeschäftigter Geist ganz und gar nicht gewillt sein, den Regungen einer verlorenen Seele mit wissenschaftlichem Scharfsinn nachzuspüren. So wurde er nicht, wie viele seiner Vorgänger, zum „Nachempfinder". Er erkannte nur in der antiken Kunst die Kundgebung einer unfaßbaren, nie begreiflichen Schönheit, wenn ihn angesichts der göttlichen Frau von Milo im Louvre Schauer durchrannen. Marionetten. Don Otto B r ü e s. Manche Leute machen sich einen Spaß daraus, die zwei Hälften des Theaters gegeneinander auszuspielen. Die einen schwören aus die Kunst des mimischen Ausdrucks, der Geste, der Bewegung, des Tanzes, kurz, des Varietes; die anderen auf das Theater als einen Ort der Maske, des Wortes, der sittlichen Entscheidung, kurz, der Weihe. NuN ist es ja gerade die bessere Einsicht, zu wissen, daß beide Triebe auf dem Theater ihr Recht haben und zu einer gedeihlichen Einheit verschmolzen sein wollen. Unbekümmert um die, die es ein wenig genant finden, wenn man sich an die Klassiker erinnert, und denen es peinlich ist, daß vor ihrer Zeit immerhin auch kritisch schon etwas geleistet wurde, möchte ich Kleist zum Zeugen anrufen, der über die technische und die geistige Seite der Theaterkunst nicht nur in seinem Werk, sondern auch in theoretischer Hinsicht die letzten Hintergründe vor uns aufgerissen hat. Freilich hat er es nicht in einem vielbändigen System getan, sondern in zwei Aufsätzen, die wie Splitter im übrigen Werk stehen und doch wie zwei Brennpunkte Edi Stevens. Novelle von Alfred Bock. (Schluß.) Er schilderte den Lebensgang des Verblichenen, wie er sich aus eigener Kraft emporgearbeitet und sich die Achtung und Liebe semer Mitmenschen erworben habe. Er pries feinen strengen Rechtlichkeitssinn, seine Biederkeit and Aufrichtigkeit gegen jedermann. Sich an den Sohn wendend, sagte er, ihm falle nun die Aufgabe zu, daß väterliche Erbe zu hüten. Sofern er sich in all seinem Tun den Vater zum Vorbild nchme, werde (enter Arbeit der Segen'des Himmels nicht fehlen. — Daul und Edi verliehen den Friedhof. Stumm schritten sie nebeneinander her. Edi begleitete Paul nach Hanse und folgte ihm in das Wohnzimmer Dort wollte er ihm den Schlüssel zum Kassenschrank übergeben. Vorab magst du ihn behalten", brach Paul endlich sein Schweigen. Ich habe in London alles stehen und liegen lassen und bin nur eben hierher geeilt. Ich muß meine Arbeiten abschließen und meinem Nachfolger übergeben. Darüber können immerhin vier Wochen hingehen. Ich denke, ich kann ruhig abkommen. Ich lasse ja alles in guten Händen. Am selben Abend trat Paul die Rückreise nach England an. Em vertrauliches Wort war zwischen den Freunden nicht gewechselt worden. Der Tod war durch das Haus gegangen, und es war natürlich, daß m diesem Augenblick alles, was sie sonst bewegte, zurücktrat. Paul hatte Ems Frau mit keinem Blick gesehen. m . ., . u. Mit dem Feingefühl des Weibes hatte Peppi wohl bemerkt, daß sich das Benehmen ihres Mannes gegen sie geändert hatte. War er seither mit all seinen kleinen Diensten und Gefälligkeiten beinahe lästig geworden, so begegnete er ihr jetzt mit einer scheuen Zurückhaltung, die sie sich nicht zu erklären vermochte. War es ihm zum Bewußtsein gekommen, daß sie nur den braven Menschen in ihm achtete, daß in einer elektrischen Bahn saß, während diese durch eine scharfe Krume mung fuhr. Einige Ueberlegung zeigt uns, daß wir für alle nicht gerad» linige und für alle nicht gleichförmige, d.h. nicht gleichmäßig schnelle Bewegung ein unmittelbares Gefühl haben. Die Storungen der Geradlinigkeit und der Gleichmäßigkeit sind es ja auch, die mir in den er» Wähnten Beispielen wahrnehmen. Die Erfahrung zeigt uns, daß allemal dann, wenn eine Bewegung nicht geradlinig oder nicht gleichförmig ist, irgendwelche Kräfte im Spiel sein müssen. Und wir haben auch em Gefühl dafür, wo diese Kräfte sitzen, werden also, wenn etwa em Eisenbahnzug anhält, niemals annehmen, daß die bisher fo friedlich an uns vorbeifliegenden Telegraphenstangen nun auf einmal langsamer fliegen, sondern wir werden, und zwar ganz unmittelbar, den Grund der Aenderung in lieht man genau die Anstrengung, die angeblich den Gestatten der Gesang 'macht, und man sieht die Kehlköpfe zittern. Es ist also eine aus der merüchlichen Schwäche entspringende Unart, die wir bei der Oper unö aerabe bei der italienischen oft als peinlich empfinden, auf diese Marionettenoper übertragen, die doch die Möglichkeit hatte, ihre Gestalten vollendet und als Götter zu bringen. Man hat das Gesetz mcht: aus der Marionette genommen, sondern aus dem Menschen und so kommt es, daß der bunte Glanz, die Genauigkeit der Bewegungen, der geradezu Kubische Drill zwar den harmlosen Zuschauer begeistern, aber man muß darüber klar werden, daß es viel tiefere, reinere, erschütterndere Wirkungen geben könnte, wenn das Gesetz des Spiels aus der Marionette und nicht von dem Menschen bezogen würde. . Man darf annshmen, daß Meist nur die tanzenden Marionetten., die Gliederpuppen des Varietes gesehen hat; er spricht in seinem Aufsatz von einer Tanzgruppe, von vier Bauern, „die nach einem raschen Takt die Ronde tanzte", die „von Teniers nicht hübscher hätte gemalt werden können". Es bleibt jedenfalls immer noch die Möglichkeit, em tragisches Marionettenspiel zu gewinnen, aber man darf nicht nach dem sensa- üonsbedürfnis des Publikums schielen, dem eine parodistische Oper wie Schlagsahne eingeht, sondern man muß den Menschen hinter sich lassen und die Gliederpuppe zum Gott machen. An seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: „Ein jeder wandle einfach seine Bahn. Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Rot? Es sprüht. Was tut der Baum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut. Wasch deine Augen, schweig und bleibe gut." Don Nutze und Bewegung. (Nachdruck verboten.) Von Prosesjor Dr. Paul Kirchberger. Die griechische Philosophenschule der Eleaten, deren bekannteste Mitglieder ihr Stifter Parmenides und sein geistreicher Schüler Zeno waren, bemühte sich, den Standpunkt durch sehr scharfsinnig ersonnene Beweise zu begründen, daß es gar keine Bewegung gebe, und daß daher alles, was uns als solche erscheine, nur Sinnentrug sei. Auf uns werden solche Gedanken wenig Eindruck machen, wir werden eher geneigt [ein, Ruhe und Bewegung sozusagen als Grundelemente der Welt zu betrachten, die uns schon von der ursprünglichsten Erfahrung gegeben werden, und auf die mir alles andere zurückführen; mir werden uns also diese Grundbegriffe durch keine noch so fcharffinnig erdachten Schluffe T'Ci>'2[ufl diesem Standpunkt steht auch die Wissenschaft. Aber trotzdem sind diese Begriffe der Ruhe und Bewegung doch nicht so einfach, rote sie zuerst erscheinen mögen. Namentlich wird uns eins klar werden: Wenn wir von Ruhe oder von Bewegung irgendeines Körpers oder auch nur eines gedachten Punktes sprechen, so brauchen mir immer einen zweiten Körper oder einen zweiten Punkt, ober irgendein, wenn auch vielleicht nur gedachtes mathematisches ßiniengebtibe — man bezeichnet ein solches wissenschaftlich mit dem schönen Namen Koordinatensystem —, an dem wir die fragliche Bewegung messen können. Fehlt ein solcher Vergleichskörper ober ein solches Bezugssystem, so gibt es zunächst keine Möglichkeit, Ruhe und Bewegung zu unterscheiden. Man braucht sich jn nur klar zu machen, daß wir van der Bewegung der Erde um die Sonne, die doch immerhin die ganz ansehnliche Geschwindigkeit van 30 Kilam^er in der Sekunde ausweist, gar nichts merken. Und die Frage, wie schnell und nach welcher Richtung sich die Sanne mit ihrem ganzen Planetenanhang durch den Raum bewegt, ist für den Astronomen keineswegs leicht zu beantworten. Wir -wissen also tatsächlich über die Gesamtbewegung der Erde nur ziemlich wenig. Das kann wohl als genügender Beweis dafür gelten, daß mir zum mindesten in vielen Fällen eine Bewegung als solche, d. h. also eine Bewegung an sich, gar nicht merken können. Was wir beobachten und bemerken, sind nur Annäherungen und Entfernungen anderer Körper. Wo solche Vergleichspunkte fehlen, ist es ganz unmöglich, eine Bewegung festzustellen. Stellen wir uns etwa einen Flieger vor, der bei unsichtiger Witterung die Erde nicht sieht und gegen den Wind fliegt. Weht der Wind ganz gleichmäßig, wenn auch vielleicht noch so stark, so hat er nicht etwa das Gefühl, gegen den Wind zu fliegen, er hat vielmehr nur .bas Gefühl, im Verhältnis zu der ihn umgebenden Luft vorwartszu- kommen, ein Gefühl, das wir durchaus nicht als Irrtum ansprechen können, auch dann nicht, wenn sich die Bewegung des Flugzeuges und die des Windes aufheben, so daß es, von der Erde aus betrachtet, stilllteht. Merken wir nun unter keinen Umständen etwas von Bewegung? Das wird niemand behaupten wollen, der einmal in einem schlecht federnden Fahrzeug. auf einer schlecht gepflasterten Straße dahinstolperte, oder auch Das Herz. Von Carl Spittel er. Es kam ein Herz an einem Jahrestage vor feinen Herrn, zu. meinen diese Klage: „So muß ich Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruß, kein Brieflein heute zum Erbarmen! Ich brauch ein Tröpflein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank erfaßt und auf die Dauer niemand je gehaßt. Roch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir oernommer. Wer weiß es besser, wie man Gift vergibt? Wer hat in Strömen so wie ich geliebt? Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Oede." UnS2Bir> rooHen also einmal von diesen nicht geradlinigen und nicht gleichmäßigen Bewegungen absehen, sondern uns nur auf gradlmige, gleichförmige Bewegung beschränken und für diese die Frage aufwerf en. Gibt es für diese Bewegung so etwas wie Bewegung an sich? Hat es einen Sinn, hiervon zu sprechen? Wir müssen zugeben, daß wir, wenn wir die gewöhnliche Erfahrung und unseren gesunden Menschenverstand zu Hilfe nehmen, diese Frage unbedingt verneinen werden. Auch die Wissenschaft stand seit den grundlegenden Untersuchungen Galileis, die von Newton zu Ende geführt wurden, auf bie| em Standpunkt. So ist denn vielleicht in der ganzen Geschichte der Wlffenschaft nur em em» ziges Mal, nämlich von Einsteins Vorgänger Lorentz, in vollem Bewußtsein der Versuch gemacht worden, etwas wie eine Bewegung an sich zu behaupten. Ganz ohne Bezugssystem konnte auch sie freilich nicht sein, denn wie könnten mir eine solche ferstellen und merken? Es ist aber merkwürdig, daß das Ding, an dem die Bewegung an sich gemesien werden sollte, das allerschwierigste, feinste, unsichtbarste und fraglichste Dina voii der ganzen Welt war, nämlich der, Aether. Bei diesem Aether wird man ungefähr an ein Spottwort Lessi n g s erinnert, das er in „Nathan dem Weisen" den Klosterbruder sagen laßt: Dieser meint -daß die Sunde wider den Heiligen Geist die abscheulichste und mchtswurdigste - Sünde sei, die man sich denken könne nur daß mir Gott sei Dank nicht wissen, worin sie eigentlich bes eht. So geht ! es NUN auch mit diesem armen Aether; er s?ll. das Maß i aller Dinge lein, er soll die Ruhe selbst sein und die Möglichkeit geben, an ihm jede Bewegung zu messen. Aber von ihm selber merken wir nichts, und was er ist, wissen wir noch viel weniger. . . So ist eins klar: Die Ruhe an sich, nach der wir fragten, gibt es jedenfalls nicht ohne weiteres; ihr kann höchstens durch eine sehr kühne wissenschaftliche Neuschöpfung zum Leben ^Holsen werden. Das ist an und für sich nun noch kein Einwand, denn tue Wissenschaft ist ost gezwungen, Annahmen zu machen, die zunächst dem gesunden Menschenverstand zu Widerstreiten scheinen. Schöner aber ist es, wenn die Wissenschaft, wenn auch nach schwierigen Umwegen und nach mancherlei Irrungen und Wirrungen wieder da ankommt, von wo der gesunde Menschenverstand ausging. !!rf. Dies ist nun bei unserer Frage der Fall; denn tatsächlich konnte sich die Lorentzsche Annahme einer Ruhe an sich auch tn der Wissenschaft auf die Dauer nicht halten, und es ist ja bekannt, daß es die E i n ft e i nj d) e Relativitätstheorie war, die ihr den Boden entzog Dies geschah dadurch, daß Einstein die Aenderimgen in den Langen- und Zeitverhaltnissen, die sich Lorentz von der „Bewegung an sich veranlaßt dachte, aus die Eigentümlichkeiten des Messens zurücksührt, also, wenn wir wollen, auf unsere Uhr und unseren Zollstock, oder besser gesagt aus die Art und Weise, wie wir diese wichtigen Geräte bei bestimmten Gelegenheiten benutzen und benutzen müssen. Durch diese allerdings. nicht leichten Ge- bantengänge mar es ihm möglich, bis aus den verschiedensten Grunin unerguicklichen Begriffe des „Aethers", ber „Ruhe an sicy und der „Bewegung an sich" zu entbehren und sich auf die uns von der Erfahrung her vertraute Bewegung eines Körpers, verglichen nut andern Körpern, zu beschränken. Betrachten wir die Dinge in dieser Weise, so werden mir zugeben, daß die Relativitätstheorie keineswegs so absonderlich ist, rote sie vielleicht manchen erscheinen mag, sondern gerade im Gegenteil dem gesunden Menschenverstand ein gutes Stück Wegs entgegenkommt. mobil. Na, was rantwortlich: Or. Han ZT hyr io t. — Druck undDerlag: Brüh l'scheUniversitäts.Buch-undStein druckerei, D. Lange,Gießen. hundert bringen, etwas vertrauen. „Rund siebzig, lieber Stevens. Und noch immer sagen Sie dazu?" „Wenn Sie so fortmachen, können Sie's leicht auf Herr Repetent." „Gott soll mich bewahren. Aber ich will Ihnen Wissen Sie, was das Geheimnis meines Wohlbefindens ist?" . „Nun, Herr Repetent?" „Mein heiteres Temperament, lieber Stevens. Es ist das Lebens- eiixir, das mich alten Knaben jung erhält. Ich empfehle Ihnen das Rezept." „Das haben Sie von der Naiur mitbekommen. Das kann man sich nicht verschreiben lassen." „Schon recht. Man kann sich aber vornehmen, die Dinge des Lebens nicht tragischer zu nehmen, als sie sind. Im Grunde ist's nur der Wille, der uns regiert. Na — Sie trinken doch ein Glas Wein mit mir?" Edi nahm dankend an. Der Repetent entkorkte eine Flasche Rheinwein und füllte die Gläser. Edi stieß mit dem Jubilar an. „A propos, lieber Stevens, haben Sie Nachricht von München?" „Jawohl. Sie werden jedenfalls morgen kommen. Wenn Sie's interessiert — hier haben Sie Pauls Brief." Der Repetent überflog die erste Seite, die zweite schien ihn länger zu fesseln. „Das klingt ja ganz pathetisch," sagte er und las: „Wir wollen Dich wie einen lieben Bruder hegen und pflegen, wir kehren mit dein Gelöbnis zurück, niemals zu vergessen, daß wir Deine ewigen Schuldner sind." „Und da werden Sie nicht rot?" scherzte der Repetent. „Beinahe,", sagte Edi gepreßt und erhob sich. „Herr Repetent, wollen Sie mir einen Gefallen tun?" „Gern, lieber Freund." „Bitte geben Sie Paul morgen diesen Schlüssel. Und hier den Zettel mit allerlei geschäftlichen Notizen." „Ja — ich? Und Sie, lieber Stevens?" „Ich gehe noch diesen Abend fort." Der Repetent war ganz betreten. „Stevens, das ist ein übereilter Schritt." „Nein, Herr Repetent, er ist wohl überlegt." „Ja, beim Zeus, wohin wollen Sie denn?" „lieber See." „Was soll denn das Haus Martinius ohne Sie ansangen ■ ' „Jeder ist zu ersehen, Herr Repetent.", „Nein, lieber Stevens, da bereiten Sie mir eine arge Enttäuschung." „Wie meinen Sie das?" „Ich habe Sie all die Jahre für ein« Art Jünger von mir gehalten." „Ich habe Sie immer sehr hoch geschäht, Herr Repetent." „Das weiß ich. Und darum hören Sie, was ein alter, erfahrener Mann Ihnen sagt. Sie sind eine mir verwandte Natur. Durch und durch Idealist. Unsereiner geht unverstanden durch die Welt Wir gehen mit vollen Segeln in See, das Land der Glückseligkeit zu entdecken, ein Wirbelorkan schleudert uns auf den Grund. Aber seltsam! Der Idealismus ist schließlich wieder der Rettungsgürtel, der uns aus Untiefen zum Licht emporträgt. Sie werden wir von Station zu Station gehetzt. Die Fackel glüht weiter. Ueberall verfolgt uns dasselbe widrig« Geschick. Da bleibt uns Idealisten — so paradox es auch klingen mag — nichts übrig, als uns zur Philosophie der Wurschtigkeit durchzuringen. Aus dieser Höhe, junger Freund, stehe ich. Jetzt seien Sie ein Mann und folgen Sie mir." „Herr Repetent," versetzt Edi bescheiden, „Sie sind ein Gelehrter von großem Wissen. Sie haben den Schlüssel zu vielen Türen, die mir zeitlebens verschlossen sind. Ich bin nur ein schlichter Kaufmann. Wo Sie stehen, da geht mir. der Atem aus, darum lassen Sie mich in meiner Einfalt, wie ich bin. Mein Entschluß ist unabänderlich. Hier ist mein es Bleibens nicht!" „Steht's so," sagte der Repetent, „dann darf ich Sie nicht halten, dann muß geschieden sein." Er neigte sein Glas dem Edis entgegen, die Kristalle berührten sich und die Luft durchzitterte ein feiner, wehmütiger Klang." ’ Gegen Abend begleitete der Repetent Edi Stevens auf den Bahnhof hinaus. Der Hamburger Schellzug brauste in die Halle. Edi stieg ein. Ein letzter Händedruck, ein letzter Gruß. Der Zugführer gab das Signal, und die Lokomotive zog an. Der Repetent sah dem davonrolleuden Zuge nach, bis der letzte Wagen seinen Blicken entrückt war. Dann wandte er sich zum Gehen und sprach unter Tränen vor sich hin: „Ich verliere am meisten an ihm, Er roar in vieler Beziehung mein anderes Ich. Nun steuert er aufs Ungewisse hinaus, schlägt am Mississippi oder Missouri sein Wigwam auf. Wird's ihm glücken? Fast fürchte ich -7 nein. Hab's an mir selbst erfahren müssen. Es ist ein ehernes Gesetz, datz die Idealisten Schiffbruch leiden." Peppi weinte still vor sich hin. Paul aber sagte: „Edi, du bist der beste Mensch, der selbstloseste Freund!" Tags darauf begab sich Peppi zu ihrer Mutter nach München. Edis Haushalt löste sich auf. Die Leute steckten die Köpfe zusammen und munkelten allerlei. Den zudringlich Fragenden antwortete Edi: „Meine Frau ist auf Besuch bei ihrer Mutter, aber sie kommt bald zurück." Als dann die Scheidungsklage publik wurde, bewahrte er seine sichere Haltung. „Was kümmert mich das Urteil der Welt," sagte er sich, „wenn ich vor meinem Gewissen bestehen kann." Auch sein Verkehr mit dem jungen Chef blieb herzlich und ungezwungen. Nach Jahresfrist aber konnte die Chronik der Stadt wiederum von einem interessanten Fall Akt nehmen: Paul und Peppi waren in München ein Paar geworden. — Der Repetent beging in großer Rüstigkeit die Feier seines siebzigsten Namenstages. Edi stieg in das Giebelstübchen seines alten Freundes und Gönners hinauf und brachte seine Glückwünsche dar. sich kein wärmeres Gefühl für ihn regen wollte? Er war doch so furchtbar anspruchslos. Sollte sie sich zu Schmeichelworten unb Liebkosungen zwingen? Das ging gegen ihre Natur. Wenn sie's recht bedachte, jetzt bereute sie's, daß sie sich von dem alten Herrn hatte zureden lassen. Sie hatte Edi genommen, um versorgt zu sein. Das sagt man als Madck)en so leicht hin. Und als Frau kam's einem doch sehr hart an, tagem, tagaus jemand um sich zu haben, den man nicht so von Grund aus gern haben konnte. Der Chef war gestorben. Er hatte sie in der letzten Zeit mit feinet Uebellaune und Grobheit geradezii verfolgt. Dem Schwerkranken durfte man das nicht anrechnen. Sein Tod war ihr doch nahegegangen. S!e hatte der Beerdigung beigewohnt unb war zwei Tage dem Geschäft fernqeblieben. So hatte es Edi gewünscht. Aber warum nur? Vielleicht weil b’t Herr Paul dagewesen war? Hatte ihm wohl jemand etwas zugeflüstert unb plagte ihn gar bie Eifersucht? Ach, dazu sollte er keine Ursache haben. Vorbei war vorbei. Nun mußte sie den Herrn Paul ja doch bald Wiedersehen, wenn er die Prinzipalschaft antrat. Und ein bangirohes Gefühl beschlich sie. Sie durste unter ihm arbeiten, durfte seine Stimme hören und iyn anschauen — nur manchmal — ganz verstohlen. Gewiß war er in England sehr hübsch unb elegant geworden. Ihre Gedanken beschäftigten sich unablässig mit ihm. Die Zukunft dünkte ihr auf einmal weniger düster. Das Leben gewann eine neuen Reiz für sie, unb ihr Herz bebte, da sie vernahm, er habe sich in London nun endgültig frei gemacht und werde in kürzester Frist zurückerwartet-- In der Frühe eines Sonntags stand.Edi Stevens auf dem Kontor seinem jungen Chef gegenüber und erstattete ihm umständlich über die Geschäftslage Bericht. Paul hörte aufmerksam zu. Daraus legte ihm Edi die Geschäftsbücher vor, und Paul überzeugte sich, daß die regelmäßigen Eintragungen auf die verschiedenen Konti ordungsmäßig vollzogen waren. . .... „Du hast doch von dem Kassenbuch Einsicht zu nehmen, jagte Edi, unb setzte etwas leiser hinzu: „Peppi hat die Kasse geführt, sie wird selbst Rechnung ablegen." , , , . In diesem Augenblick trat Peppi ein. Sie war sehr bleich, man sah, daß sie sich Gewalt antat, unbefangen zu erscheinen. Sie ging auf Paul zu, ihre Blicke begeaneten sich unb ein Funke sprang aus ihrem Auge in das seine über. Da wußte er, daß ihr Herz noch für ihn schlug, und die alte Leidenschaft brach wieder bei ihm durch. Er streckte ihr die Hönde entgegen. Ihr aber stürzten bie' Tränen aus den Augen, sie wandte sich ab, und die Beileidsbezeugung unterblieb, die sie Paul noch schuldig war. „Dis jetzt weiß sie nichts", richtete Edi an Paul das Wort. „Es ist Zeit, daß ich spreche." „Wie du denkst", sagte Paul. Der Ton seiner Stimme klang unjichec. Da richtete sich Edi höher auf, in seinen Mienen drückte sich eine ruhige Entschlossenheit aus, bie alte Schüchternheit schien von ihm gewichen und er sprach: „Ich hab' etwas auf dem Herzen. Und weil wir gerad' seibdriit beisammen sind, macht' ich's herunter haben. Eigentlich gilt bir's, Peppi. Guck, der alte Herr hat fortgemußt. Er ist aus der alten Schul' gewesen. Ein kernhafter Mann! Der ging seinen Weg für sich, hat nicht nach rechts und links geschaut. Just wie er sich's ausgerechnet hat, mußi's immer kommen. Und im Geschäft hat er keinen Spaß verstanden. Das wissen wir. Er war der Herr, und wir waren halt die Diener, wie recht und billig. Unterschied muß jein in der Welt. Aber nun könnt's doch mal vorkommen, daß ein Mädchen im Geschäft ist. Und das Mädchen gesällt dem Sohn von unserm Herrn. Der spricht zu seinem Vater: Die und keine andere. Dem alten Herrn will das nicht in den Kopf und er meint, er müßt's durchsetzen, daß er seinen Sohn davon abbringt. Er schickt ihn also weit fort. Zwei Jahre soll er sich prüfen. Brennt's bann noch, soll er sie wirklich haben. Ich möcht' dem alten Herrn gewiß nichts Uebles nachreden. Er hat sich das auf seine Weis' zurechtgelegt, daß er die zwei Jahre eben nicht hat abwarten wollen. Damals sind wir zusammengekommen, du und ich, Peppi. Und der.junge Herr hat's nicht verwinden können, daß er dich nicht, gekriegt hat, und hat sich gegrämt und ist ganz fortgeblieben von daheim." Mit wachsender Erregung war Peppi den Worten Edis gefolgt. In ihren Zügen malte sich Staunen unb Freude. „Ach Gott, Herr Paul," rief sie, ihrer nicht mehr mächtig, „ist benn das möglich?" „Ja, Peppi," versetzte Paul bewegt, „es ist die lautere Wahrheit." „Ich weiß wohl," fuhr Edi fort, „dir hat er allerwegen im Sinn gelegen, der Paul. Freilich hast du's niederzwingen wollen, hast Ja und Amen gesagt, wie int mich nehmen sollt'st. Aber das Herz läßt sich nicht kommandieren. Das schlagt seinen Takt für sich. Ich hab's bald herausgehabt, Peppi, daß wir nicht zueinander passen. Bei uns war kein Hader und kein Gezänk, und doch war's immer wolkig, die Sonne hat nicht recht durchkommen wollen. Du hast ein gutes Gemüt und - hast viel hinuntergeschluckt. Aber warum denn sich so hinquälen sein Leben lang? Bei Zeit muß man den Schaden reparieren. Siehst du, der Paul und du, ihr gehört zusammen. Wenn ich's recht betracht', bin ich zwischen euch gedrängt worden, weiß selbst nicht wie. Ja, da ist noch nichts verloren. Wir sind uns gar nicht feind, Peppi. Aber 's ist halt am besten, wir gehen wieder auseinander. Das gibst du mir doch zu?" Wie entgeistert stand Peppi da. Paul ging unruhig auf und ab, als kämpfe er mit einem Entschluß. „Ihr seid 'n bißchen perplex", sagte Edi lächelnd. „Aber einmal nu-.ßt's doch klar werden zwischen uns drei. Paul, komm doch 'mal her. Und du, Peppi! Was tut ihr denn so fremd? Ihr seid euch doch noch gut?" „Ja", klang es leise von beider Lippen, aber sie standen wie gebannt, als ob sie Edis Hochherzigkeit in Fesseln geschlagen, als ob sie das Opfer nicht annehmen dürsten, das ihnen sein Edelmut bot. Da ergriff Cdi ihre Hände und legte sie zusammen. „Ihr ahnt ja gar nicht, wie leicht mir jetzt ist. Der Stein auf der Brust hält' mich erdrückt. Gott sei Dank, daß ich meines Lebens wieder froh werden farm! Mrgai Ich pr der Nähe es sei bor » ich bamals Geld zu gewisser i worden fit Koffer. 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