SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Samstag, den August Nummer 6$ Jahrgang M? Schrlflisd Nikolaus Lenau. Teich, Lem regungsloien, Mondes holder Glanz, seine bleichen Rosen In des Schilfes grünen Kranz. Hirsche wandeln dort am Hügel, Micken in die Nacht empor, Manchmal regt sich das Geflügel Träumerisch im liefen Rohr. Weinend muß mein Blick sich senkens Durch die tiefste Seele geht Mir ein süßes Deingedenken, Wie ein stilles Nachtgebet! Bon Auf dem Weilt des Flechtend naturen möchte man sie heute nennen. Byron hatte als Dlensch und alr Künstler noch ausgeprägte Züge von Tatkraft. Er hatte auch ernste. Gründe, die Welt anzuklagen. Hat Lenau jemals etwas Schweres erlebst an dem die Welt schuld war? Ist es nicht immer, als suchte er emsig nach den Gründen der Anklage, die er gegen dis Welt erhebt. Seine Gedankendichtungen, „Fau st", ,„Savonarola", „Die Albigenfer" besonders, wechseln den Standpunkt und gewinnen recht gegensätzliche Stellungen zum Leben, sind, mit Heine zu reden, bald sensualistisch, bald spiritualistisch, auch weil Lenau selbst nicht eindeutig sagen konnte, welche Seite der Welt ihm eigentlich schlecht erschien. Eins seiner bekanntesten, zugleich eins seiner in sich gefchlossensten Gedichte, gipsAt in der Er» kenntnis, man möge das Leben, wenn es uns nachtet, verrauchen, verschlafen und vergeigen. Daß das Leben dem Menschen Lenau genachtet hat, lag an ihm weit mehr als an dem Leben. Sein Weltschmerz ist subjektiv, ist viel unobjektiver als der Bchrons, ja selbst Heines. Der Zeit gefiel Lenau und dessen Dichten gerade deshalb gut. Darum konnte Grillparzer urteilen: „Dich hob, dich trug und dich verdarb die Zeit." Gleichwohl läßt auch Grillparzers Gedicht „Am Grabe Lenaus" erkennen, daß ihm Lenau für eine hohe Dichterbegabung gilt. Echt« Lyrik ist schon, ist vielleicht am sichersten in Lenaus frühen Schöpfungen zu finden. Die „S ch i l f l i e d e r" von 1832, vor allen: die Verse „Auf dem Teich, dem regungslosen, weilt des Mondes holder Glanz . . erreiche bereits die letzte Höhe, zu der auf dem Gebiet reiner Lyrik Lenau empor» gestiegen ist. Naturstimmung und Gehalt verschmelzen zu einem einheil», lichen Ganzen. Das Naturb'ild, in wenigen Seifen scharf Umrissen, verrät, was durch Worte nicht ausgedrückt wird. Der Gedanke hat, ganz wie Storm es forderst feinen Weg durch das Gemüt und durch die Phantasie des Dichters genommen und dort körperliche Gestalt gewönne Diese körperliche Gestalt dankt ihre beste Kraft einem Dichter, der sich nicht bloß in die Natur einzufühlen, der sie auch zu sehen verstand. Lenau selbst schrieb anderen unter seinen Naturgedichten höheren Wert zu. Fast grundsätzlich hat in fast immer neuer Wandlung er der Natur und den Begriffen, in denen wir sie zu fasten suchen, dem Frühling oder dein Himmel oder dem Meer, das Erleben des Menschen geschenkt. Er sä-asft damit eine neue Mythologie. Gigantische Vorgänge, fast Groteskes, wagt er zu gestalten: „Der Himmel ließ, nachsinnend seiner Trauer, die toonne lässig fallen aus der Hand." Düster bewölkte Gewitterstimmung am Abend nach Sonnenuntergang gewinnt hier Züge vom Erleben des schwermütigen Poeten. Aber ins Riesenhafte steigert sich das Bild. Die Kraft, Landschaft zu sehen, bewährt sich in Lenaus Dichtungen aus ber Puszta. Weit weniger in den Gedichten, die ihm die Fahrt nach Amerika ge chenkt hat. Hier ist es mitunter, als übe er langgewohnte Kunst nicht aus starkem inneren Antrieb, sondern bloß um zu erweisen, daß er ein für allemal dergleichen könne. Grillparzer aber verdachte dem jüngeren Landsnmnn die Gedankendichtungen. Er sah in ihnen die Ergebnisse untauglichen Rates von Freunden, zunächst der Schwaben, die mit Begeisterung Lenau in ihren Kreis ausgenommen hatten, ihn aber auch nach ihren Absichten lenken wollten. Er war ihre beste Stütze im Kampf gegen Heine. Sehr fein hat Grillparzer erkannt, wieviel alte österreichische Treue in Lenau war, die ihn zwang, die Ansprüche der schwäbischen Genossen zu erfüllen. In diesen Gedankendichtungen gibt es viel schale Verse, stolpert man gerade an gehobener Stelle über Trivialitäten des Ausdrucks. Was an kürzeren Dichtungen Lenaus stört: die Mühe, die ihm das Abrunden, die ihm vor allem das Abschließen macht, die Lässigkeit, mit der er das Ende fallen läßt, macht sich in den größeren Gebilden noch merklicher. Nicht einmal die bezwingende Musik seiner Verse — sie übertönt sonst manches unglückliche Wort und manchen bösen Reim — bringt hier die gewohnte Hilfe. Welche Steigerungen, welche Kontraste, welchen überwältigenden Wechsel von Dur und Moll, von Pianissimo und Fortissimo, hat Lenau sonst zur Verfügung: Zigeunermusik in Worten, reizvoll, aufwühlend, über-! raschend, überwältigend, wie Lenau auf Gitarre und Geige zu phanta-. fieren wußte. Monumentattheater im Freien. Von Curt H o tz e l. Unsere Zeit sucht mit allen Mitteln und in allen Bereichen der Kultur wieder den Ausdruck der Monume-ntalilät. Dabei gibt sie sich nicht ro# jene „hysterische Renaissance" des ausgehenden 19. Jahrhunderts, von der Thomas Mann einmal spricht, mit Draperie und Operngeste als Makart zufrieden, sondern sie sucht das wesentlich Monumentale, das von innen her Grbße, das durch feinen übermenschlichen Ausdruck die Vereinzelung der Menschen überwindet und sie zu neuer Gemeinschaft zufammenführt. Die Architektur findet in Deutschland neue Lösungen für den Raunz der Masse, des Vielen, des Nebeneinandergeordneten. Die Malerei wendet sich in der Umsetzung der expressionistischen Flächen und Raumgefühle nicht nur dem Dekorativen, sondern der geradezu raumgestalkenden Stuf» Nikolaus Lenau. Zu seinem 125. Geburtstag. Von Geheimrat Prof. Dr. Walzel, Bonn. (Nachdruck verboten). „Man nennt viele Künstler, die eigentlich Kmistwerke der Natur sind." Friedrich Schlegel hat diesen Gedanken geformt. Rechte Deutung findet er in Tiecks und Wackenroders „Herzensergießungen eines iunstliebenden Klosterbruders", in dem Abschnitt, der das Wesen des Malers Piero di Cosima enträtseln möchte. Der Künstlergeist, heißt es hier, sollte nur ein brauchbares Werkzeug sein, die ganze Natur in sich zu empfangen und mit dem Geiste des Menschen beseelt, in schöner Verwandlung wieder zu gebären. Sei er aber aus innerem Instinkt und aus Mexflüssiger, wilder und üppiger Kraft ewig für sich in unruhiger Arbeit, so bilde er nicht immer ein geschicktes Werkzeug. Vielmehr möchte man dann selber eine Art von Kunstwerk der Schöpfung nennen. Trifft das nicht Wort für Wort für Lenau zu? Man schlage auf, tpas über ihn geschrieben worden ist. Immer ist von dem Menschen Lenau mehr die Rede als von seiner Kunst. Oder eine neueste geistvolle Arbeit über die Geschichte des deutschen Liedes hat kaum mehr als anderthalb Seiten über den Gewinn zu sagen, den der Lyriker Lenau gebracht hat, muß überdies dabei viel Bersteinendes und Einschränkendes vorbringen. Um so lieber hat man Senat: • zum Gegenstand mehr oder minder wahrheitsgetreuer Dichtung gemacht. Das Kunstwerk der Schöp- üng, genannt Lenau, dichterhaft zu gestalten, ist ja nicht schwer. Er hat a selbst, zunächst durch seine Briefe, vorgearbeitet. Noch mehr: Aus über» lässiger, wilder und üppiger Kraft ewig für sich in unruhiger 2(rbeit, hat er fein Leden gelebt, das nur abgeschrieben zu werden braucht, um wie Dichtung zu wirken. Ein unfäglick)es trauriges Ende, sechs Jahre Umnachtung des Geistes, beginnend in dem Augenblick, der zur Höhe der Leistung emporzuführen pflegt, gibt diesem tragischen Kunstwerk eines Dicyterlebens den Abschluß,-der starke Wirkung sichert. Ein schöner Mann mit interessanten Gesichtszügen, einer aus der Fremde und Ferne, die lockt und reizt, ein musikalisch Begabter, der auf Gitarre und Geige, auf seinem geliebten Guarnerius, bezaubernd und betörend zu phantasieren wußte, ein Herzensbezwinger, dessen dämonische Anziehungskraft auch Männer überwältigte, einer, der um der Liebe willen liebte und daher von einer zur anderen weitergetrieben wurde, dann in einer großen Leidenschaft aufzugehen meinte, tatsächlich in ihr sich auf rieb, weil er ihr nicht gewachsen war und zusammenbreche:: mußte, als diese Leidenschaft ihren letzten Weg fand und er sich einer anderen Frau zuwandte: kann, wer nach fesselnden Romanhelden pirscht, ein tauglicheres Modell finden? Den Reiz von Lenaus Persönlichkeit noch zu steigern, machen selbst wissenschaftliche Arbeiten ihn immer noch zum Ungarn, obwohl er in Ungarn nur geboren ist und von reindeutschen Eltern stammte. Noch stärkeren Trumpf hatte Lenau selbst auszuspielen, zumal, wo Frauen- seelen zu geunnnen waren, die doch vom Mitleid rasch zu Liebe »eiter« r!/SLiten" Ratten in Lenau einen Unglücklichen zu trösten. Als Dulder stellte er sich bar. Er ist einer der bekanntesten Träger des Weltschmerzes, -pte Nachfolger Hamlets und Werthers waren, als Lenau sein Verhältnis gur Welt bestimmte, durch Byron neu geadelt worden. Als deutscher Byron wurde Lenau bald gefeiert, mit etwas mehr Recht als die vielen andern, die damals gleiche Ehrung erfuhren. Schon Goethe schrieb den Ze:t-und Gesinnungsgenossen Werthers einen gegenstandslosen Trüb- sinn zu. M:t rechtem Tiefblick, gestützt auf Stimmungen, die er in sich die er überwunden hatte, erkannte Goethe, daß der Weltschmerz dreser Ueberempfindfamen, die in ihrer leicht verletzbaren Femsuhligkeit das Anrecht suchten, auf Gesündere und Widerstandsfähigere yochnchtig herabzusehen, weit weniger durch das Schlechte der Welt bedingt fei als durch eine mchr oder minder krankhafte Anlage. Verfall aaHe Mi. Die Dichtung, soweit sie sich hoher Form nähert, sucht gleichfalls das Monumentale, in der Lyrik da und dort das Cho rische. Und das Theater vollends steht mitten im Ringen um den neuen Raum, den Raum, der durch den Chor der Darsteller gestaltet, erfüllt, erlebt, belebt wird. Daher die Revolution der Szene. Wir mögen keine Opernhelden mehr zwischen Draperien und keinen Guckkasten mit historisch getreuen Staffagen Daher die Treppen, die überkletterten Rampen, die neuen Horizonte der Weg in und durchs Publikum, das neue Bühnenlicht, der Massenrhythmus, der Zirkus Reinhardts, der bis zum Riesen- Mechanismus dressierter menschlicher Gliederbewegungen gesteigerte, musikalisch bedingte Russenstil. Das alles — ausgenommen Reinhardts Virtuosenregie und seine Schule — blieb aber letzten Endes in Deutschland volksfremd, Kuriosum, „r.cu-er Stil". ' Wo und wann war Monumentalkunst einmal im Volke, im deutschen Volke lebendig? Wo gab es eine Kunst der Massengliedevung und der monumentalen Gestalt auf der Bühn« aus dem Volke für das Volk? Schwer zu sagen, denn das Werk des Mimen ist an die Stunde gebunden, mit ihr vergeht es. Aber wir wissen vom Ursprung allen Theaters im heutigen Sinne, von den Griechen, daß sie im Monumentalstil spielten, daß sie musikalisch untermalt, chorisch tanzten, daß ihr Drama fast symphonisch war. Und wir wissen aus dem deutschen Mittelalter, daß dort unter dem Druck von Giebeln und Dächern, in gequetschter Enge der Straßen das Mysterium der Passion und der Heiligenlegende den Zuschauer buchstäblich „vom Himmel durch die Welt zur Hölle" — über drei Schauplätze der Szene aus offenem Markt über- und hintereinander führte. Wir wissen schließlich, daß Shakespeares Mimen unter freiem Himmel in einer Art Hof, umrahmt von Galerien für die vornehme Gesellschaft, auf einem Podium vor dem Volke im Parkett spielten. Im hellen, nüchternen Tageslicht muhte König Lear da die Heide und ihren Sturm sprechen, mußte Lady Macbeth die Nacht, die grausige Mordnacht durch hinreißendes Spiel zaubern . . . Der Hintergrund war ein zeitweise durch einen Vorhang verschlossenes Gebäude, ein Haus im Stil jener Zeit mit einem Balkon als Oberbühne. Uns sind fchließlick in Rokokoparks klein« Heckentheater, fälschlich „Naturtheater" genannt, erhalten, die nur das verschnörkelte Kunstgefühl jener Zeit aus dem Barocksaal ins Freie trugen: das Kulissentheater des Barock in beschnitten« Hecken übersetzt. Das monumentale Volkstheater unter freiem Himmel gab es nicht mehr. Von Goethe nun, dem Neuerleber der Natur am Ende des Rokokojahrhunderts, erfahren wir, daß er diese Rokoko-Hofgesellschaft durch Illuminationen der natürlich umbuschten Jlmufer im Park von Weimar erfreuen konnte, und daß er fein« „Fischerin" im Juli 1782 im liefurter Park an der Ilm abends aufsühren ließ mit einem Kahn auf dem Flüßchen, und dabei war „besonders auf den Augenblick gerechnet, wo in dem Chor die ganze Gegend von den vielen Feuern erleuchtet und lebendig von Menschen wird . . ." Nach des Dichters eigenem Bericht. Hier zeigt sich etwas Neues im theatralischen Empfinden — man mag es Romantik nennen, es ist Sie erste Einbeziehung der Landschaft, so wie sie ist, in das Spiel. > K l o p st o ck hatte von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus eine solche Verwendung der Landschaft als Szene gefordert. 1770 schreibt er an einen Freund: „Wenn ich der Erbprinz von Braunschweig wäre, so »eße ich „Hermanns Schlacht" unter freiem Himmel am Harze, just auf einem solchen Felsen im Tale der Schlucht, als zum Schauplatz angegeben ist, aufführen und lüde außer einigen Kennern auch einig« preußische Bataillone, die sich im letzten Kriege besonders hervorgetan hatten, dazu ein . . ." In' einer Schlucht des Harzes, des Nordharzes vermutlich, Bode- talgegend, da Klopstock in Quedlinburg daheim war — dort will der erste nordische Sänger in frangöfelnder Zeit seine „Bavdiete", chorische Dramen, au geführt wissen. Es ist nun ein seltsamer Zufall oder eine Wahlverwandtschaft der Geister, daß Ernst Wächter, der Begründer des Harzer Bergtheaters, vor 25 Jahren auf den Gedanken kam — ohne von Klopftocks Idee zu wißen — am H e x e ntan zpla tz mit dem Blick auf Quedlinburg das erste moderne deutsche Theater unter freiem Himmel zu gründen. In eine Felsschlucht am Steilhange eingesprengt, ein Amphi- ch enter, rechts und links umfaßt von vorspringenden Felswangen, eine kleine grüne Waldarena als Bühne mit natürlichen Versenkungen und Treppen nach hinten in die Tief«, Eichen und Ebereschen, Holunder und Farn ringsum: die natürliche romantische Szenerie! Im Laufe eines Dierteljahrhunderts hat sich auf dieser ersten wirklichen Naturbühne und wahrscheinlich auch auf anderen nachfolgenden ihrer Art ergeben, daß die Werke des als „undramatisch" verschrienen Goethe hier die stärksten szeni- En Wirkungen erzielten — von der Gartentändelei der „Laune des Derlen" Über die aus der Landschaft geborene Klassizität der „Iphigenie" hinauf bis zum Blocksberg-Mysterium, zum großen deutschen Welttheater des ersten Teiles des „Faust". Man sieht: diese Naturszene erhebt die drei sehr verschiedener Stile goehiescher Dichtung in die eine hohe Sphäre natürlicher, oder wenn man will, romantischer Monumentalität. Gewiß handelt es sich hier zum llnterschied von den Griechen und den klassischen Franzosen um eine Monumentalität der Stimmung, eine spezifisch -deutsche Wirkung. Nirgends dürste es aber eine so sichere Probe auf die innere Größen, den inneren Seelenraum einer Dichtung geben als eine Aufführung auf dieser Naturszene. Das hat die Erfahrung von 25 Jahren auch gezeigt. Die im Freien aufgeführten modernen Dichter erfüllen diesen Seelenraum nur, wenn sie sich alten mythischen und monumentalen Erbgutes bedienten, etwa wie Gerhart Hauptmann in den ersten Szenen seiner „Versunkenen Glocke". Erich Pabst, ein Mitarbeiter Max Reinhardts, der seit 1926 die Harzer Festspiele leitet, sagte einmal, daß das Freilichttheater für jeden Regisseur, der an das Jnneniheater gewöhnt sei, die Überraschende Forderungdesunendlichen Raumes stelle. Diese Forderung könne nur durch stärkste Bewegung und durch vollendete Sprache und eine fast tänzerische Beherrschung des Körpers künstlerisch erfüllt werden. Zweifellos liegen darin große Möglichkeiten erzieherischer Art für den Nachwuchs der Schauspielkunst. Das Theater unter freiem Himmel fordert Persönlichkeiten! Dramaturgisch ist der entscheidene Gesichtspunkt für das Theater im Freien die pausenlose Durchführung ber dramatischen Handlung. Das bedeutet z. B. für S h a k e s p e a r e ein Rückgreifen auf die Urform seiner Dichtung. Alle Bearbeitungen und Zustutzungen auf Akte und Aktschlüsse, auf Zusammenlegung der Schauplätze fallen damit fort. Durch diesen ununterbrochenen Fluh sind manche Werke erst wieder zu der Gell iung gekommen, die sie beanspruchen dürfen. Andererseits zeigt sich bei diesem schnellen Hinströmen der Handlung sofort jede künstlerische Schwäche des Dramas, jeder Mangel an dramatischer Dynamik tritt sofort hervor. Vor allem erträgt die Freilichtbühne epische Schwächen im Drama nicht. Sie verlangt höchste dramatische Baukunst. Es hat sich erwiesen, daß derjenige Umstand, der etwa die Aufführung mancher Werke Shakespeares auf der Jnnenbühne schwierig gestaltet, der schnelle und häufige Schauplatzwechsel, die Vielheit der Schauplätze, gerade hier auf der Naturbühne die Wirkung der Aufführung befördert. Der ungehemmte Fluß der Darstellung belebt die milfchaffende Phantasie des Zuschauers derart, daß er ohne Schwierigkeit dem dskorationslosen Dar- stellungsstil von Schauplatz zu Schauplatz folgt — selbst wenn sich manche Schauplätze der Dichtung auf dem grünen Rasen oder vor einer Hecke decken. Andererseits macht eine günstig angelegte Naturbühne dem Spielleiter den Schauplatzwechsel wiederum sehr leicht: wenn er nämlich — wie am Hexentanzplatz — rechts und links von der eigentlichen Bühnenwiefe aufsteigende Nebenschauplätze, ein Podium, einen Berghang, einen Felsbalkon, noch einen Felsvorsprung und etwa im Hintergründe hohe Bäume oder eine freistehende turmartige Felszinne zur Verfügung hat. Dann ist es ihm möglich, die Handlung des Dramas wirklich über die Bühn« „gehen" zu lassen. Im Halbrund schreitet sie >dann um den Zuschauer herum und wandelt wirklich „mit bedächtiger Schnelle vom Himmel durch die Welt zur Hölle" . . . Es ist interessant, sich in diesem Zusammenhänge zu erinnern, daß jener Vorplatz der mittelalterlichen Mysterienbühne im Freien, auf dem sich die Schauspieler, bewegten, ,chas Feld", „der Park" hieß. Davon leitet sich die später« Bezeichnung Parkett ab. Mögen nun bei der Erneuerung des Theaterspiels im Freien auch Vorbilder der Antike den Gründern vorgeschwsbt Haden, so ist nach einem Vierteljahrhundert der Praxis zweifellos festzustellen, daß, wie schon an« gedeutet, weniger das klassische Prinzip als das romantische hier wirksam ist. Eine Naturbühne zwischen Wald und Fels wird das romantische Nebeneinander Shakespeares künstlerisch noch steigern und die fliegende Phantasie noch beflügeln. Die Griechen hatten ein« viel strengere Bühnen- form, wie uns die Rekonstruktionen zeigen. Ihr Drama war nicht extensiv im Nebeneinander, sondern intensiv im Auseinander. Das Schicksal des modernen Naturtheaters wird nach der. produktiven Seite hin schließlich davon abhängen, ob das Drama der Zukunft den klassischen Weg der Griechen geht, oder ob wir weiter seststellen können: Shakespeare und kein Endes Eine Nacht unter sibirischen Räubern. Von E. v. Ungern-Sternberg. Sibirien war das Land der Verbannung, der Strafbergwerke, der Verbrecher, lieber Sibirien lag Jahrhundert« der Fluch und der Jammer von Hunderttausenden von gequälten Menschen. Räuber, Mörder und politische Verschwörer wurden in Ketten geschmiedet, nach monatelangen Etappen am Rande der finsteren Taiga gelandet und dort ihrem Schicksal überlassen. Sie blieben Fremdlinge -unter den spärlichen Ureinwohnern, den Burjaten, Tungusen und Jakuten, und bildeten allmählich die große Familie der Verbannten. Später mischten sich unter sie die von der Regierung angefiebelten freien Bauern. Die Niederlassungen wuchsen zu Städtchen an und füllten sich mit Beamten und Kaufleuten. Abenteurer und Ingenieure zogen in die Goldfelder an der Lena, aber das Gesicht Sibiriens änderte sich wenig. Nach wie vor, trotz Bürgerkrieg und Revolution, bleibt Sibirien das Land der Unermeßlichkeit, in dem sich das kleine Europa mit feinen Staaten und Riesenstädten mehrmals verlieren kann. Die gangbaren Straßen sind außer der einen großen Eisenbahnlinie, die es von West nach Ost durchschneidet, allein die Ströme, die in wilder Einsamkeit dahinfließen. Es gibt aber Orte noch hinter Jakutsk, die in ewigem Eise,- umgeben von unermeßlichen Tundren, vielleicht nur einmal im Jahre eine Nachricht von draußen erhalten, die nur nach machen- oder monatelangen Strapazen auf Hundeschlitten erreicht werden können, und deren Bewohner, wenn sie früher der Kultur angehörten, vergaßen, Menschen zu fein. An der reißenden Angara, dem mehr als einen Kilometer breiten Nebenfluß -des Jenneffei, etwa 100 Kilometer von der Eisenbahnlinie entfernt, liegt die Kreishauptstadt Balagansk, die zusammen mit dem gegenüberliegenden Dorfe Malyschowka nur 2500 Einwohner zählt. Davon sind neun Zehntel Verschickte oder Nachkommen von Verbannten, dazu kommen einige Bauern und Beamte, eine Meine Garnison und einige wenige ansässig gewordene Burjaten, die es aber oft vor,zogen, ihre Jurten in. ber Umgebung aufzuschlagen, ihren Windgöttern und Schamanen zu huldigen und ihr Vieh weiden zu lassen. In Sibirien fragt man ungern nach der Vergangenheit seiner Bekannten, obschon dort über Verbrecher keine europäischen Anschauungen herrschen. Einige Jahre Zuchthaus mehr oder weniger bebauten an sich noch keinen Makel, es kommt auf den Menschen an und nicht auf die Etikette, die er im Zivilregister trägt. Mein Hauswirt ist ein siebenfacher Raubmörder. In einem anderen Lande wäre er wahrscheinlich hingerichtet worden, aber im früheren Rußland konnten die gewöhnlichen Kriminalgerichte keine Todesstrase verhängen. Ein Straßenräüber oder Mörder kam demnach mit zehn bis zwanzig Jahren Zuchthaus -davon, wenn fern Verbrechen keinen politischen Beigeschmack hatte. Durch Gnadenakte wurde die Frist dann meistens auf die Hälfte verkürzt, und bei der Entlassung aus dem Gefängnis folgte die Zwangsansiedlung stn Sibirien. Wer nicht zum freien Räuberhandwerk zurückzukehren versuchte, der wurde im We der Jahre ein friedlicher Ansiedler und erhielt feine bürgerlichen Rechte zurück. Man darf sich unter diesen Exverbrechern nun keineswegs reuige Sünder vorstellen, gewiß nicht! Eher würde der Vergleich mit einem. r i t i i e e D S h r d arge nem. en ni- rund ich m- )er fen Seren sich die her stet ml« -der sein :nbe ung ächt *r -r >d m al n, Ze e- ju er ht o- as en n- in ft, ur ich en er- Aeschäfismann passen, der einst bankerott gemacht, nun aber seine Schuld voll bezahlt hat. Dazu kommt ein gut Teil Verachtung für die Meinungen der bürgerlichen Gesellschaft, deren Moral und Normen sehr tief em- asschätzt werden, Mele der Verbrecher haben unter den Bolschewiken Karriere gemacht, manche find Kommissare geworden und wieder in ihre alten Gewohnheiten verfallen, Treiben sie aber ihr neues Räuberhandwerk zu arg, so ist es oft genug vorgekommen, daß sie kurzerhand vom Revo- Mionstribunal erschossen worden sind. . Es war ein eiskalter Abend, das Thermometer zeigte auf 48 Grad Frost, und aus der Angara stiegen dunstige Schneenebel in 'die windstille Dämmerung, als plötzlich die Nachricht m Balaganfk eintraf, daß sich in der Nähe einer Burjaien-Ansiedlung auf dem Wege zur Bahnstatton i Lyretj eine Räuberbande gezeigt habe, die zwar bisher niemanden er« j mordet, aber von allen Schlitten einen erheblichen Tribut erhoben und die I Reifenden ausgeplündert habe. Die Nachricht erregt Aufsehen. Die Leute " ^xten zusammen und besprechen mit Sachkenntnis den Vorfall. Spucken dann verächtlich aus und kommen zum Schluß, daß es sich hier nur um Räuberdilettanten handeln könne, denn wenn man die Zeugen nicht be- S, so müsse man bald gefaßt werden. Nun werden Erinnerungen und rungen ausgetaufcht, die gruselig klingen, die aber nicht böse gemeint i .find und nur Fachken-ntnisse beweisen sollen. Es wird beschlossen, den Räubern ihr Handwerk zu legen. Einige Freiwillige bewaffnen sich, laden Proviant, Blöcke von gefrorener Milch und Pelmeny, in die Schlitten, , hüllen sich in ihre Ziegendochas und Wolfsfelle und fahren in den monddurchleuchteten Abend hinaus. Bei der furchtbaren Kälte, di« sich wie ein eisiger Bann um den Körper legt, und die beim Atmen als leichter Schmerz empfunden wird, ist es nicht möglich, sich zu unterhalten. Die Glieder beginnen unter ben ■ Fellen zu erstarren, das Denken stockt, und das silberne Klingen der Glocke bohrt sich allmählich tief ins Gehirn, bis es als physische Qual empfunden wird. Die Schneelandschaft schweigt, es ist die beängstigende Stills vollster Einsamkeit, aus der alles Leben gewichen. Das Geheul hungriger Wölfe aus dem nahen Buschwerk bricht den entsetzlichen Zauber. Die Wölf« wagen es noch nicht, sich zu zeigen, aber ihr gieriges Belfern kommt naher und wird drohender. Die Pferde werden unruhig und jagen im Galopp dahin, aber dis Insassen des Schlittens fürchten sich nicht, sie I wissen, daß die Wölfe nur in der Nähe von Burjatenniederlassungen zu ' ** streifen pflegen, wo es ihnen gelingen kann, ein Rind oder ein Pferd außerhalb der Umzäunung zu zerreißen, daß sie es aber kaum jemals wagen, bewaffnete Männer zu überfallen, es fei denn, daß ein Pferd ! gestürzt oder sich ein einsamer Wanderer in Schneewehen verirrt hat. Grau« Schatten huschen längs des Weges dahin, versuchen den Schlitten zu überholen, aber ein Schuß treibt sie wieder zur Flucht. Der Kutscher ' peitscht auf die Pferde, und bald werden auf hohen Stangen auf,gespannt die Sichouetten von Pferden und Rindern sichtbar, die den Göttern des Windes geweiht find, damit, wenn sie über die Schneefläche unsichtbar dahinstürmen, sie die Opfergabe bemerken und dem Darbringer geneigt bleiben. Noch einige Minuten fchüttelt der Schlitten über Höcker und durch Gruben, und dann ist die Burjatenniederlasfung erreicht. Die kleinen, zottigen Pferde werden ungedeckt im Frost stehen gelassen, sie sind daran gewöhnt und sind unempfindlich gegen di« Kälte. Unbekümmert um das . wütende Bellen und Kläffen der Hunde werden die Bewohner der Jurte । aus dem Schlafe geweckt. Wir betreten die Wohnung eines reichen Burjaten, der viele Rinder M besitzt und nebenbei mit allerlei Dingen handelt. Auf 'dem Tische brennt V ein« Petroleumlampe, längs der Wand auf Holzpritschen liegen weiche I Felle ausgebreitet, die als Lager dienen, und der Fußboden starrt von ■ Schmutz. Hühner und Kleinvieh treiben sich im Raume unbekümmert herum, und am überheizten Ofen hängen in kribbelnden Garben Wanzennester. An den Wänden kriechen Läuse, aber Ungeziefer stört die meisten Burjaten, es sei denn, daß sie bereits Städter geworden sind und sich einer höheren Kulturstufe angeschlossen haben, nicht, sie behaupten, daß 6 frören, wenn sie ohne Bisse von Ungeziefer schlafen mühten. Wirt und irtin begrüßen uns herzlich. Wir schälen uns aus unseren Fellen, und die stickige Wärme dringt langsam in unsere Glieder und verjagt den Erstarrungstod, der draußen in der eisigen Kälte unser Herz zu lähmen drohte. _ , ri. „ . Unsere Ankunft hat anderes Volk herbeigelockt. Mehrere m stinkend« Schaffelle gehüllte Burjaten umstehen uns bald und schauen uns, neugierig mit ihren schmalen Schlitzaugen, dabei unterhalten sie sich in ihrem Kauderwelsch, das kaum jemand von den Russen verficht. Di« freundliche Wirtin, deren mit Fett eingeriebenes Gesicht strahlt, und deren Röcke Dungproben aus aller Herren Länder aufzuweisen scheinen, stellt in einem Kessel Ziegelsteintee auf und läßt einen Eimer gefroren« Milch auftauen. Der Wirt holt eine Flasche mit Fuselschnaps herbei, der der örtliche Schamane mit besonderem Eifer zuspricht, und erst nachdem die Machorka- zigarette in Trichterform gedrcht und man sich gewärmt hat, beginnt man, fachliche Dinge zu besprechen. , Es ist sicher, -daß die Wuber bei der furchtbaren Kälte nicht um Freren. , übernachten werden, sie müssen irgendwo einen, Unterschlupf, gefunden haben oder ihn suchen. Er erscheint den Ortskundigen wahrscheinlich, daß es Bewohner aus -dem großen Flecken Tscheremchowo sein müßten, wo sich immer allerlei Abenteurer zu versammeln pflegten, die sich, anstatt in den Kohlengruben zu arbeiten, gelegentlich aufs Räuberhandwerk gelegt hätten. Da Tscheremchowo aber noch über 70 Kilometer entfernt war und sie ihren Beutezug nicht so schnell aufgeben würden, so müsse man sie irgendwo in dön umliegenden Jurten suchen, es gälte nur, ihre Spuren zu finden. Mitten in der Beratung ertönt draußen Glockengebimmel, und das wütende Bellen der Hunde zeigt die Ankunft von neuen Gästen an. Da nun nächtliche Reisende bei dem knackenden Frost und bei der Räubergefahr eine große Ausnahme bilden, fo bitrfte man einen Besuch der Räuber selbst erwarten, die nicht nur in der Jurte übernachten, sondern auch -den reichen Wirt ausplündern wollten. Die Tür wurde aufgestohen, und drei wild aussehende Burschen mit ganz vereisten Bärten drangen in die Hütte, aber ehe sie noch zur Besinnung kamen, waren unter dem Ruf: „Ruki wwerch!" (Hände hoch!) vier Flintenläufe aus sie gerichtet, und bald darauf waren die Hände der Räuber gefesselt. Die Waffen wurden ihnen abgenommen und die Taschen nach Geld untersucht. Nun aber begann sich bei den Verfolgern doch allmählich ein kollegiales Fühlen bemerkbar zu machen, zumal es sich scheinbar um Mutige Anfänger handelte, die an gar keinen Widerstand dachten. Man entledigte sie bald wieder der Fesseln, bewirtete sie mit Schnaps, damit sie sich erwärmten, und gab ihnen gute Lehren, wie ein richtiger Räuber handeln müsse. Nach einer zweiten Flasche Schnaps sah man in freundschaftlicher Unterhaltung zusammen, und es wurde beschlossen, die drei Burschen am andern Morgen unter der Bedingung, -daß sie sich für ihre Taten entweder einen andern Bezirk auswählten oder wieder zur Arbeit nach Tscheremchowo zurückkehrten, laufen zu lassen, und da das Wort eines Räubers in Sibirien als das eines Genleman gilt, so war man sicher, daß Balaganfk durch keine weiteren Uebersäll« mehr berunruhigt würde. Mit Morgengrauen trennten sich di« Räuber und Verfolger unter dem breiten Lächeln der Burjaten als Freunde. Wie lange kann der Mensch Wachen? Von Professor Dr. Franz Schütz, Berlin. Wachen und Schlafen beherrschen das Leben des Menschen in ewigem Wechsel, Arbeit und Ruhe, Ermüdung und Erholung folgen einander wie die Wellen von Ebbe und Flut. Das Wachen führt automatisch den Schlaf herbei, und wiederum ist der Schlaf die Borbedingung für bas Wachsein. Alle Lebensprozesse des Menschen sind daher den Gesetzen des Schlafes und des Wachens unterworfen; diese sind nicht die gleichen, erst beide zusammen formen vielmehr das Lebensbild jedes einzelnen. Es lag in der Natur der Sache, daß alle Erscheinungen, die beim Wachen des Menschen beobachtet wurden, der wissenschaftlichen Deutung eher und leichter verständlich wurden als diejenigen Dinge, die den Schlaf ausmachen: Phantasie und Mystik haben feit altersher den Schlaf mit dem Mantel des Geheimnisvollen umwoben. Warum schläft der Mensch? Warum kann er nicht immer wachen, warum verliert er von seinem Leben mehr als ein Drittel durch den Schlaf? Das erste Erwachen des Menschen geschieht, wenn er geboren wird. Mit einem Schrei begrüßt der neue Weltbürger das Licht und die Atmosphäre dieser Wett. Bald aber versinkt er wieder in Schlaf. Nur drei Stunden am Tage ist er wach. Nach einem halben Jahre sind es erst vier Stunden, nach weiteren zwei Jahren bleibt er zehn'Stunden am Tage wach, und nun wird sein Schlafbedürfnis in langsamerem aber stetem Zuge ständig kleiner. Der Schulrekrut braucht noch elf Stunden Schlaf, der Vierzehnjährige nur noch neun. Bei den Erwachsenen erfordert der Schlaf acht Stunden des Tages gebieterisch für sich. Nur gegen Ende des Lebens, beim Greife, sinkt diese Zeitspanne auf sieben Stunden und noch weniger herab. Alle physischen und psychischen Lebenserscheinungen des Menschen find im Schlaf verändert. Das Herz fchlägt langsamer und schwächer, die Atmung wird ruhiger und tiefer, die meisten Drüsen schränken ihre Sekretton ein, die Muskeln erschlaffen, alle Nerven- und Hirnfunktionen sinken bis zum Verlöschen des Bewußtseins. Die Tätigkeit der Sinn« verschwindet, so daß im Schlaf -die Verbindung mit der Außenwelt nahezu vollkommen unterbrochen ist, und alle Reflexe, die sich im wachen Zustande in rascher Wechselwirkung auf die Veränderung der Umwelt einstellen, verlöschen. Und doch besteht das Leben fort, es ist nicht erloschen, sondern nur auf ein Mindestmaß an Intensität zurückgeführt. Das zeigt 'das Fortbestehen der Atmung, das schlagende Herz, das zeigen die Träum«, bi« uns im Schlafe umgaukeln. Aber der Schlaf ist noch mehr als ein herabgesetztes Watten aller Lebensäußerungen. Wenn wir annehmen, daß jede Tättgkeit im Wachen verbunden ist mit einer Anhäufung von Ermüdungsstoffen im Körper, fo ist es ein eigenartiges Gesetz, daß nur der Schlaf diese Stoffe beseitigen kann; nur durch den Schlaf wird der Mensch wieder fähig zum Wachen, znm Ärbeiten. Noch weitere Faktoren außer der Ermüdung begünstigen das Auftreten des Schlafes. Dies sind einmal das Ausschatten von äußeren Reizen, di« die Sinne treffen, Gehör, Gesicht, Geruch, Gefühl usw. und weiter gewisse psychische Vorstellungen, die den Schlaf herbeiwünschen, das Gefühl der Beruhigung, des Losgelöstseins von Gedanken und Sorgen, Aufregungen, freudigen ober ängstlichen Erwartungen. Es ist also auf jeden Fall ein gewisser Wille zum Schlaf, -der mitbestlmmend ist für das Eintreten dieses Zustandes, von dem wir wissen, daß er Erholung bedeutet und neue Frische gibt. Die Beantwortung der Frage, wie lange ein Mensch wachen kann, wird da-h«r von einer Reihe vom Faktoren abhängen. Rein automatisch wird sich der Schlaf von selbst normalerweise bei jedem Menschen einstellen, wenn bas Bedürfnis dazu, das durch den täglichen Rhythmus von Arbeit und Ruhe bedingt wird, seine Befriedigung verlangt. Wille und Energie tönen den Schlaf vertteiben, aber auch nur bis zu einem gewissen Grade. Wemi jemand längere Zeit am Schlafe verhindert wird, fo treten sehr bedeutende, sowohl geistige wie körperliche Störungen auf. Das kann man auch an Zieren beobachten. So starben Hunde, wenn man sie am Schlafen verhinderte, nach fünf Tagen, einige hielten es länger aus bis zu 22 Tagen. Vom Menschen kann man annehmen, daß er im allgemeinen unter Aufbietung äußerster Willensanstrengung kaum länger als vier Tage ohne Schlaf zu fein vermag. Diese Erkenntnis war wohl auch früher schon bekannt und wurde gelegentlich zu besonderen Zwecken in höchst grausamer Weise nutzbar gemacht. Die Fähigkeit zmn Wachen ist ganz sicherlich sehr verschieden stark bei den einzelnen Menschen ausgeprägt. Das wechselnd starke Schlafbedüfnis in den einzelnen Lebensaltern erwähnten wir schon oben. Es ist abhängig von der geistigen und körperlichen Arbeit und von der Konstitution des Betreffenden, die nicht feiten auch durch gewiss« Drüsen mit sogenannter innerer Sekretton in Mitleidenschaft gezogen wird. Bekannt ist außerdem die schnelle Erschlaffung in der Arbeit und das gesteigerte Bedürfnis nach Schlaf beim Neurastheniker. Starke Muskeltattg- keit besonders an frischer Luft, befördert das Schlafbedürfnis. Man kenni Zustände von überlangem Wachsein bei gewissen Krankheiten, besonders nervöser Natur. Aber auch all« Faktoren, von denen wir oben gesehen haben, daß sie das Zustandekommen des Schlafes beeinflussen (das Auftreten äußerer Reize, die die Sinne treffen, das Vorhandensein von innerer Unruhe und quälenden Vorstellungen) spielen beim Wachen und bei seiner Ausdehnung über längere Zeiten eine wesentliche Rolle. Endlich ist auch das Klima nicht ohne Bedeutung für Wachen und Schlafen. Wir wissen von Zuständen gesteigerten Wachseins beim Wechsel des Klimas in den Tropen und am Pol, im Gebirge und an der See. Wie viele Menschen leiden unter dem herannahenden Föhn! Mit einer Art Instinkt sucht der Mensch daher den Schlaf, der ihm ein treuer Freund ist und ihm neue Kräfte spendet, wenn die alten durch das Wachen verbraucht sind. Er löst die Erdenschwere und begräbt Sorgen und Pein. „Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück, ungebeten, unerfleht am willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes, ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn, versinken wir und hören auf zu sein." Vsm gsfundnsn Reinhold rmd „vsrlorn" GrstSein. Von Heinrich St e i n h a u°s e n. (Schluß.) Unter diesem war Reinhold auf des Regimentsschultheißen Befehl von seiner Statt, da er sollte gerichtet werden, herangeführet, und großer Ged rang n>ar um ihn her, maßen sicher ihn wegen dieses seltsamen Abenteuers von nahem zu sehen begehrte. Die alte Lore aber, so viel man sie gesuchet, hatte durch den Hausen sich davon gemacht und ist nicht wieder gesehen morden. Als Reinhold vor den, Obristen stund, ergriff der seine Hand, sah ihn lang an und sprach: „Meiner L>chwester Kind, Holmers Sahn! — Za, so trutzig aufgeworfen waren Adelheids Lippen; so frei wölbete sich des jungen Holmers Stirn, und so dicht lockte sich um sie sein krauses Haar! Rudolfus (denn jo wardst du getauft) oder Reinhold, gleichviel: wie ver- schlungne Dinge bringt Gott zurecht in einem Augenblick, und wir sollten jeglich Wirrsal zu lösen nicht ihm getrost überlassen, dem die Ewigkeit gehört?!" Jeßund könnt' ich mich nicht länger enthalten und trat auch zu Reinhold heran. Da umschlang er mich mit seinem linken Arme, ohne seine rechte Hand aus der Feremonts zu ziehen, und sank an meine Bruit. „Mein Oheim!" rief er; „mein Vater!" weiter sagts er nichts. — Und wie ich sein junges, wallendes Herz so nxwm cm meinem schlagen fühlte und gedachte, wie wenig gefchlet hatte, daß es jetzo kalt und still war und todstarr: da sah ich im Geist seiner Kindheit Engel wieder desselben ^reudenangesichts vor dem Thron der Gnade, wie einst, als ich an des i Eefundnen Wiege stund. Indessen nun kehrete sich Feremont zu dein Kriegshaufen umher, sagend: „Liebe Kameraden und Kampsesbrüder! In diesem Gefangenen hier haben uns die wunderlichen Kriegsläufe und benebens der in allem gegenwärtige Finger Gottes den Sohn unsres Schwähers, des Hauptmanns Holmer zugeführet. Nach gefälltem Spruch und unfern Artikelbriesen hat er zu sterben verdient —" Aber der ganze Hanf ließ ihn nicht weiter reden: „Pardon, Pardon! Er sei frei! Er sei unsere Herrn Obristen!" Also riefen sie mit lautern Freudengeschrei. — Was sich nun weiter begeben hat, wie wir sind mit Trommeln und Pfeifen, nach Warbergen zu marschierend, aufgebrochen, nachdem Feremont den Bauren auf'm Staufenberg hatte durch besonderen Boten Schonung und Schutz entbieten lassen; wie wir darnach vor dem Dori angelangt sind und die Aeltesten, so schon wiedergekehret waren, haben uns gar freundlich empfangen; wie sie besonderlich dem alten Josias alle Ehre wollten antun, den sie doch hiebevor öftermals als zu nichts mehr recht nutz angesehen hatten; wie sie über den Reinhold sich verwunderten und über das, was sie von ihm zu hören bekamen: davon will ich (vsr- hoffentlich dem geneigten Leser zu Dank) nicht ausftchrlich erzählen; gestalten er selbsten solches sich bestermahen wird fürbilden können. Aber doch vom Grellem muß ich noch sagen, daß sie, als sie wie vor- beineldt von mir nach'm ,verlorn Host heimgegangen ist und daselbsten der alten Lore erzählet hat von der Flucht der Gemeinde und vom Feremont, sie nachgehends in groß Schrecken und Sorg' um die Alte geraten ist; maßen die eine Gelegenheit wahrgenommen und ist fortgewest. Darnach hat das Gretlein nach ihr gesuchet und ihrer geharret bis in die Nacht, endlich aber sich aufgemacht und sich zu mir begeben. Da denn eine neue und größere Unruhe über sie kommen ist, gestalten sie das Haus leer gefunden, dabei unverschlossen. Da ist kein Schlaf in ihre Augen gekommen; sie hat aber derowegen doch nicht unterlassen, am frühen Morgen meine Stick' und das Haus umher zu Himmelfahrt aufs örtlichste mit Blumen zu schmücken. Wie sie nun das Getös der Trommeln und Pfeifen höret und siehet von Ferne die Soldaten zu Haufen hereinkommen dem Dorf zu: da denket ’ sie anders nicht, als daß es nun auf die Letzte gekommen und Plünderung I und Garaus vorhanden fei. Schließet derowegen trag Haus, setzet sich i hinten in die Stub', so zum Kirchhof siehet, und bet't eifrig. So gehe ich denn mit dem Reinhold, weilen vorn die Tür nicht auf- | getan ward, hinten herum, und wir lugen durchs Fenster. Da sehen wir ! die Jungfer in der Ecken über der Posttll sitzen. Aber wie ich an die Scheibe klopf' und sag': „Gretlein, mach' geschwind ! auf; der Reinhold ist da!" so ist sie wie ein Rehlein aufgesprungen und I fielet zwilchen den Blumensträußen, so sie aufs Fensterfims gestellei batte, ganz erschrocken nach uns hin. — | Al-, sie darnach uns aufgeriegelt hatte und wir hineintraten, kam sie rtrfjL niC^ dein Reinhold entgegen, wie ich's vermeinet Hane chohl, weil er m der Zeit so groß und stattlich geworden), sondern sie schmiegte sich an mich Alten an, Reinholden aber reichte sie die Hand i kagte: „Ach, Reinhold, wie wir auf dich gewartet haben!" Nachgehends erzählten wir ihr all unser Ding, darüber sie des Wnn. derns genug hatte, jo ihre hellen Tränen vergoß. Letztlich trat mich Fsre- •piont herem, und an seiner Miene könnt' ich wohl abnehmen was vor einen großen Gefallen er am ,uertorn< Grellem fand nicht «11^ v°n wegen ihrer Hübschheit, sondern weil sie immer klug und bescheidenllich Antwort gab, aber doch dabei gar nicht blöd oder plärrisch, ob er gleich ein hoher Kavalier und Ohrister war. 9 ausflihrllch^erzählet"—(n>k teid>t gedenken) ihm übers Gretlein Nach einer Weile so gingen wir miteinander an der Kirche vorbei nach Holmers Grabe dicht neben dem Hügel, allwo Gretleins Mutter bestattet war und darauf ich einstens, wie vorbemeldet, den Reinhold gefunden ra.mL .• k nm uumlichen Tage vor vierundzwanzig Jahren. Allda stunden wir denn —- wie tn alten Zeiten immer zu dieser Frist — alle mit hochbewegten Herzensgednnken, ich aber ahn' Zweifel mit den be» wogtesten. --."Ruh' in Frieden, Schwäher, mein Jugendfreund," sprach der Herr Feremont ganz feierlich, nachdem er eine Weils schweigend das Grad betrachtet, das Gretlein, wie auch das ihrer Mutter freundlich mit bunten Blumen geziert hatte, „ruh' in Frieden, mein Holmer, aus von den Stürmen deines schnell entflohenen Lebens, denen kein Sonnenschein mehr folgtet Und dieser dem Sohn, durch Gottes Gnad' zwiefach gerettet, soll als von deiner Hand mir zugeführet zwiefach nahe meinem Herzen sein! Euch, Schulmeister, winke immer freundlich von drüben der Dank seiner so bitter sic!> entrissenen, aber mm im Tode vereinigten Eltern, und all der Segen dessen, welcher spricht: Wer ein Kind aufnimmt--nun Ihr kennt la jein Wort: der kehre bei Euch ein!" Er reichte unter diesen Worten Reinholden und mir die Hand. „0, Herr Obrist," sagte ich, „des Herrn Segen ist allbereits bei mir «lngezogen vom Augenblick an, da ich's Kind zum erstenmal im Arm hatte; er ist bei mir beharret auch in der Trübsal, wiewohl ein wenig verborgen, und jetzo ist meine Seele für ihn viel zu klein." Derweilen hat das ,verlorn' Gretlein sich gebückt, das Rosmarin- stocklem auszupflanzen, wie die Lore ihr das geheißen. Als fie's aus'm Topf nimmt und den umkehret, Wunder! so rollt ein Beutlein nicht allzu klein zur Erden, reißet, weil es allbereits ziemlich zermürbest war, auseinander, und Dukaten, Ringe und Edelgesteine, weiß nicht wie viel, werden sichtbar. „Dein Erbe, Reinhold!" sagte sie, und die Freud', daß sie dergestalt das von ihrem Vater Geraubte wiederum erstatten konnte, blickte ihr ans den Augen. Feremont aber sah bei diesem den Jüngling an und die Jungfer, die ihm zur Seite am Grabe stunden; und wie könnt' er's tun ohne Freist»' an diesem Paar! „Gretlein," sprach er darnach, währenddem er zween güldne Ringe aus dem wiedergefundenen Schatze wählete, „was wir anjetzo mit diesem Reinhold beginnen, das wollen wir hernach mit dem Herrn Josias und ihm bereden. Aber bis den erschöpften teutschen Landen der lang gewünschte Friede wiederkehret, treibt 5 ihn wohl zum Guten, wenn er weiß, daß dann du als sein Weib an seine Seit' treten willst. Gott hat euch füreinander erwählet. Was nach weltlichem Recht solchem Bande verhinderlich fein möcht', denk' ich wohl dann Hinwegzuräumen. Willst du ihm dazu Hoffnung machen, so tausche, Gretlein, mit'ihm diesen Ring!" Da hielten ihm beide ihre Hände hin und schlugen sie dann über dem Grabe ineinander. Herr Feremont legte feine darüber und winkte mir, ein gleiches zu tun. Gretlein neigete ihr Haupt und sah hernieder zur Erden. „Pfleg' indessen das Rosmarinstöcklein gut", sagte der Obrist zu ihr. — Indessen nun läuteten die Glocken zur Kirche, wie Feremont es zuvor befohlen, und viel Soldaten und von der Gemeinde alle, so bereits wiedergekehret waren, hatten sich schon da versammelt. „Schulmeister," sprach der Obrist da, währenddem wir hineingingen, „so intoniert heut: „Herr Gott, dich loben wir!" Wie ich nun die Orgel schlug (ich hatte aber alle Register durchaus gezogen), so war's gut, daß des alten Sä bald Sohn, Märten, neben mir stund, der mit seiner laut tönenden Stimme vorsang, gestalten ich heut mit meiner gar schlecht heraus konnte, unangesehn sie für all die Soldatenkehlen ohnedies nicht zukselangei hätte. Aber Gretleins Gesang hörte ich hell heraus und sah im Spiegel über meinem Bänklein, wie andächtig sie unterm Singen ihre Händ' gefaltet hielt. Nach dem Reinhold muß? ich mir öftermal umsehn, ob es denn wirklich wahr wäre, daß wir ihn wieder hätten. Ja, da stund er so ernst und fröhlich, und neben ihm saß sein Oheim, der Obrist Föremoni! Täglich, Herr Gott, wir loben dich Und ehr'n 'deinen Namen stetiglich. Zeig' uns dein Barmherzigkeit, Wie unsre Hoffnung zu dir steht. Darnach las ich vom Pult aus die Lektion von der Himmelfahrt, und als ich an die Stelle kam, wo es heißt, daß der fje^r Jesus, da er gen Himmel fuhr, seine Hände aushob zum Segnen: so stählst ich, daß in aller Sund, Not, Jammer und Angst dieser Welt sein Segen dennoch gehn eben ist auf Erden. — Nach dem Amen aber unterm stillen Gebet ist mit einem Male (man hsü sie zuvor an diesem Tage noch nicht gehöret) vom Kirchhof her der Gelang der Nachtigall zu uns erschollen, und ich halte vor gewiße als sie so hell und so fröhlich gelungen, hat sie im Haselbusch ans Holmers Grad gesessen. — Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch. und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.