GiehenerKmillienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Samstag, den \2. November Nummer 90 I!I I" :^iaaai.Maik.uu!EBSi n iwi।11iiiiwii i iiii Tragische Geschichte. Von Adalbert von Chamisso. 's war einer, dem's zu Herzen ging, Daß ihm der Zopf fo hinten hing, Er wollt' es anders haben. So denkt er dann: Wie fang' ich's an? Ich dreh' mich um, fo ift's getan — Der Zopf, der hängt ihm hinten. Da hat er flink sich umgedreht, Und wie es stund, es annoch steht — Der Zopf, der hängt ihm hinten. Er dreht sich links, er dreht sich rechts, Er tut nichts Eut's, er tut nichts Schlecht's — Der Zopf, der hängt ihm hinten. Und seht, er dreht sich immer noch Und denkt: Es hilft am Ende doch — Der Zopf, der hängt ihm hinten. und viele Leute Der Zwerg Nase. Von Wilhelm Hauff. Am 18. November werden es gerade 100 Jahre jein, feit der Dichter Wilhelm Hauff, tiefbetrauert von feinen Freunden und kunst- finnigen Zeitgenossen, in Stuttgart für immer die Augen schloß. Es ist müßig, heute darüber nachzusinnen, was der begabte und hoffnungsvolle, in der Blüte feiner Kraft Dahingegangene uns noch hätte bescheren können; bewundernswert bleibt, daß das hinterlassene Werk des mit kaum 25 Jahren gestorbenen Schwaben vier stattliche Bände füllt. Uns ziemt es, in diesen Tagen seiner zu gedenken und an sein Schassen zu erinnern, und nichts scheint uns besser dazu angetan, als die wunderbare und anmutige Geschichte vom Zwerg Nase aus dem Märchen-Almanach aus das Jahr 1827. Deinen und könne alle Augenblicke umstülpen und mit der spitzigen Nase Pflaster fallen. . Die Frau des Schusters betrachtete dieses Weib aufmerksam. Cs waren W doch schon sechzehn Jahre, daß sie täglich auf dem Markte saß, und w« hatte sie diese sonderbare Gestalt bemerkt. Aber sie erschrak unwill- k«r8ck), als die Alte auf sie zuhinkte und an ihren Körben stille stand. „Seid Ihr Hanne, die Gemüsehändlerin?" fragte das alte Weib mit iwanaenehmer, krächzender Stimme, indem sie beständig den Kopf hin yer schüttelte. . »/Sa, die bin ich", antwortete die Schustersfrau; „ist Euch etwas ge- f«Ag?" In einer bedeutenden Stadt meines lieben Vaterlandes, Deutschland, lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und recht Er saß bei Tag an der Ecke der Straße und flickte Schuhe und Pantoffel und machte wohl auch neue, wenn ihm einer welche anvertrauen mochte; doch muhte er dann das Leder erst einkaufen; denn er war arm und hatte keine Vorräte. Seine Frau verkaufte Gemüse und Früchte, die sie in einem kleinen Gärtchen vor dem Tore pflanzte, " ' ' ~ kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und sauber gekle kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und sauber gekleidet war und ihr Gemüse auf gefällige Art auszubreiten und zu legen wußte. Die beiden Leutchen hatten einen schönen Knaben, angenehm von Gesicht, wohlgestaltet und für das Alter von zwölf Jahren schon ziemlich groß. Er pflegte gewöhnlich bei der Mutter auf dem Gemüsemarkt zu sitzen, und den Weibern und Köchen, die viel bei der Schustersfrau ein- aekauft hatten, trug er wohl auch einen Teil der Früchte nach Hause, und selten kam er von einem solchen Gang zurück ohne eine schöne Blume oder ein Stückchen Geld oder Kuchen; denn die Herrschaften dieser Köche sahen es gerne, wenn man den schönen Knaben mit nach Hause brachte, und beschenkten ihn immer reichlich. Eines Tages faß die Frau des Schusters wieder wie gewöhnlich auf dem Markte; sie hatte vor sich einige Körbe mit Kohl und anderem Gemüse, allerlei Kräuter und Sämereien, auch in einem kleineren Körbchen frühe Birnen, Aepfel und Aprikosen. Der kleine Jakob, so hieß der Knabe, faß neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus: „Hieher, ihr Herren, seht, welch schöner Kohl, wie wohlriechend diese Kräuter! Frühe Dirnen, ihr Frauen, frühe Aepfel und Aprikosen! Wer kauft? Meine Mutter gibt es wohlfeil." So rief der Knabe. Da kam ein altes Weib über den Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus, hatte ein kleines, spitziges Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen und eine spitzige, sewgene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem fangen Stock, und doch konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn sie Weckte und rutschte und wankte; es war, als habe sie Räder in den „Wollen sehen, wollen sehen! Kräutlein schauen, Kräutlein schauen, ob du hast, was ich brauche?" antwortete die Alte, beugte sich nieder vor den Körben und fuhr mit ein Paar dunkelbraunen, häßlichen Händen in den Kräuterkorb hinein, packte die Kräutlein, die so schön und zierlich ausgebreitet waren, mit ihren langen Spinnenfingern, brachte sie dann eines um das andere hinauf an die lange Nase und beroch sich hin und her. Der Frau des Schusters wollte es fast das Herz abdrücken, wie sie das alte Weib also mit ihren seltenen Kräutern hantieren sah; aber sie wagte nichts zu sagen, denn es war das Rechts des Käufers, die Ware zu prüfen, und überdies empfand sie ein sonderbares Grauen vor dem Weibe. Als jene den ganzen Korb durchgemustert hatte, murmelte sie: „Schlechtes Zeug, schlechtes Kraut, nichts von allem, was ich will; war viel besser vor fünfzig Jahren; schlechtes Zeug, schlechtes Zeug!" Solche Reden verdrossen nun den kleinen Jakob. „Höre, du bist ein unverschämtes, altes Weib," rief er unmutig, „erst fährst du mit deinen garstigen braunen Fingern in die schönen Kräuter hinein und drückst sie zusammen, dann hältst du sie an deine lange Nase, daß sie niemand mehr kaufen mag, wer zugesehen, und jetzt schimpfst du noch unsere Ware schlechtes Zeug, und doch kauft selbst der Koch des Herzogs alles bei uns!“ Das alte Weib schielte den mutigen Knaben an, lachte widerlich und sprach mit heiserer Stimme: „Söhnchen, Söhnchen! Also gefällt dir meine Nase, meine schöne lange Nase? Sollst auch eine haben mitten im Gesicht bis Übers Kinn herab." Während sie so sprach, rutschte sie an den andern Korb, in welchem Kohl ausgelegt war. Sie nahm die herrlichsten weißen Kohlhäupter in die Hand, drückte sie zusammen, daß sie ächzten, warf sie dann wieder unordentlich in den Korb und sprach auch hier: „Schlechte Ware, schlechter Kohl!" „Wackle nur nicht fo garstig mit dem Kopf hin und her!" rief der Kleine ängstlich. „Dein Hals ist ja so dünne wie ein Kohlstengel, der könnte leicht abbrecheu, und dann fiele dein Kopf hinein in den Korb; wer wollte dann noch kaufen!" „Gefallen sie dir nicht, die dünnen Hälse?" murmelte die Alte lachend. „Sollst gar keinen haben, Kopf muß in den Schultern stecken, daß er nicht herabfällt vom kleinen Körperlein!" „Schwatzt doch nicht so unnützes Zeug mit dem Kleinen da," sagte endlich die Frau des Schusters im Unmut über das lange Prüfen, Mustern und Beriechen, „wenn Ihr etwas kaufen wollt, so sputet Euch, Ihr verscheucht mir ja die andern Kunden." „Gut, es sei, wie du sagst," rief die Alte mit grimmigem Blick, „ich will dir diese sechs Kohlhäupter abkaufen; aber siehe, ich muß mich auf den Stab stützen und kann nichts tragen; erlaube deinem Söhnlein, daß es mir die Ware nach Hause bringt; ich will es dafür belohnen." Der Kleine wollte nicht mitgehen und meinte, denn ihm graute vor der häßlichen Frau; aber die Mutter befahl es ihm ernstlich, weil sie e« doch für eine Sünde hielt, der alten, schwächlichen Frau diese Last allein aufzubürden; halb weinend tat er, wie sie befohlen, raffte die Kohlhäupter in ein Tuch zusammen und folgte dem alten Weibe über den Markt hin. Es ging nicht sehr schnell bei ihr, und sie brauchte beinahe drei Biertel- ftunben, bis sie in einen ganz entlegenen Teil der Stadt kam und endlich vor einem kleinen baufälligen Hause stillhielt. Dort zog sie einen alten rostigen Haken aus der Tasche, fuhr damit geschickt in ein kleines Loch in der Türe, und plötzlich sprang diese krachend auf. Aber wir war der kleine Jakob überrascht, als er eintrat! Das Innere des Hauses war prachtvoll ausgeschmückt, von Marmor war die Decke und die Wände, die Gerätschaften vom schönsten Ebenholz, mit Gold und geschliffenen Steinen eingelegt, der Boden aber war von Glas und so glatt daß der Kleine einigemal ausgleitete und umfiel. Die Alte aber zog ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche und pfiff eine Weise darauf, die gellend durch das Haus tönte. Da kamen sogleich einige Meerschweinchen die Treppe herab; dem Jakob wollte es aber ganz sonderbar dünken, daß sie aufrecht auf zwei Beinen gingen, Nußschalen statt Schuhen an den Pfoten trugen, menschliche Kleider angelegt und sogar Hüte nach der neuesten Mode auf die Köpfe gesetzt hatten. „Wo habt ihr meine Pantoffeln, schlechtes Gesindel?" rief die Alte und schlug mit dem Stock nach hinten, daß sie jammernd in die Höhe sprangen; „wie lange soll ich noch so dastehen?" Sie sprangen schnell die Treppe hinaus und kamen wieder mit ein paar Schalen von Kokosnuß, mit Leder gefüttert, welche sie der Alien geschickt an die Füße steckten. Jetzt war alles Hinken und Rutschen vorbei. Sei warf den Stab von sich und gleitete mit großer Schnelligkeit über den Glasboden hin, indem sie den kleinen Jakob an der Hand mit fortzog. Endlich hielt sie in einem Zimmer stille, das, mit allerlei Gerätschaften ausgeputzt, beinahe einer Küche glich, obgleich die Tische von Mahagoniholz und die Sofas, mit reichen Teppichen behängt, mehr zu einem Prunkgemach paßten „Setze dich, Söhnchen", sagte die Alte recht freundlich, indem sie ihn in die Ecke eines Sofas drückte und einen Tisch also vor ihn hinstellte, daß er nicht mehr hervorkommen konnte. „Setze dich, du hast gar schwer zu tragen gehabt, die Menschenköpfe sind nicht so leicht, nicht so leicht." „Aber, Frau, was sprechet Ihr so wunderlich?"' rief der Kleine. „Müde 6iu ich zwar, aber es waren ja Kahlköpfe, die ich getragen; Ihr habt sie meiner Mutter abgekauft." „Ei, das weißt du falsch", lachte das Weib, deckte den Deckel des Korbes auf und brachte einen Menschenkopf hervor, den sie am Schopf gefaßt hatte. Der Kleine war vor Schrecken außer sich; er konnte nicht fassen, wie dies alles zuging; aber er dachte an feine Mutter; wenn jemand von diesen Menfchenköpfen etwas erfahren würde, dachte er bei sich, da würde man gewiß meine Mutter dafür anklagen. „Muß dir nun auch etwas geben zum Lohn, daß du so artig bist," murmelte di« Alte, „gedulde dich nur ein Weilchen, will dir ein Süppchen einbrocken, an das du dein Leben lang denken wirft." So sprach sie und pfiff wieder. Da kamen zuerst viele Meerschweinchen in menschlichen Kleidern; sie hatten Küchenschürzen umgebunden und.im Gürtel Rührlöffel und Tranchiermeffer; nach diesen kam eine Menge Eichhörnchen hereingeschlüpft; sie hatten weite türkische Beinkleider an, gingen aufrecht, und auf dem Kopfe trugen sie grüne Mützchen von Samt. Diese schienen die Küchenjungen zu sein; denn sie kletterten mit großer Ge- schwindigkeit an den Wänden hinauf und brachten Pfannen und Schiisseln, Eier und Butter, Kräuter und Mehl herab und trugen es auf den Herd; dort aber fuhr die alte Frau auf ihren Pantoffeln von Kokosschalen beständig hin und her, und der Klein« sah, daß sie es sich recht angelegen sein lasse, ihm etwas Gutes zu kochen. Jetzt knisterte das Feuer höher empor, jetzt rauchte und sott es in der Pfanne, ein angenehmer Geruch verbreitete sich im Zimmer; die Wie aber rannte auf und ab, die Eichhörnchen und Meerschweine ihr nach, und so oft sie am Herde vorbeikann guckte sie mit ihrer langen Nase in den Topf. Endlich fing es an zu Iprubdn und zu zische», Dampf stieg aus dem Topf hervor, und der schäum floß herab ins Feuer. Da nahm sie ihn weg, goß davon in eine silberne Schale und setzte sie dein kleinen Jakob vor. „So Söhnchen," so, sprach sie, „iß nur dieses Süppchen, dann hast du alles, was dir an mir so gefallen! Sollst auch ein geschickter Koch werden, daß du doch etwas bist; aber Kräutlein, nein, das Kräutlein sollst du nimmer finden. Warum hat es deine Mutter nicht in ihrem Korb gehabt?" Der Kleine verstand nicht recht, was sie sprach; desto aufmerksamer behandelte er die Suppe, die ihm ganz trefflich schmeckte. Seine Mutter hatte chm manche schmackhafte Speise bereitet; aber so gut war ihm noch nichts geworden. Der Duft von feinen Kräutern und Gewürzen stieg aus der Suppe auf, dabei war sie süß und säuerlich zugleich und sehr stark. Während er noch die letzten Tropfen der köstlichen Suppe austrank, zündeten die Meerschweinchen arabischen Weihrauch an, der in bläulichen Wolken durch das Zimmer schwebte; dichter und immer dichter wurden die Wolken und sanken herab, der Geruch des Weihrauchs wirkte betäubend auf den Kleinen; er mochte sich zurufen, so oft er wollte, daß er zu seiner Mutter zurückkehren müsse; wenn er sich ermannte, sank er immer wieder von neuem in den Schlummer zurück und schlief endlich wirklich auf dem Sofa des alten Weibes ein. Sonderbare Träume kamen über ihn. Es war ihm, als ziehe ihm die Alt« seine Kleider aus und umhülle ihn dafür mit einem Eichchörn- chensbalg. Jetzt konnte er Sprünge machen und klettern wie ein Eichhörnchen; er ging mit den übrigen Eichhörnchen und Meerschweinen, die sehr artige, gesittete Leute waren, um und hatte mit ihnen den Dienst bei der alten Frau. Zuerst wurde er nur zu den Diensten eines Schuhputzers gebraucht, d. h. er mußte die Kokosnüsse, welche die Frau statt der Pantoffeln trug, mit Del salben und durch Reiben glänzend machen. Da er nun in seines Vaters Hause zu ähnlichen Geschäften oft angehalten worden war, so ging es ihm flink von der Hand; etwa nach einem Jahre, träumte er weiter, wurde er zu einem feineren Geschäft gebraucht; er mußte nämlich mit noch einigen Eichhörnchen Sonnenstäubchen fangen und, wenn sie genug hatten, solch« durch das feinste Haarsieb sieben. Die Frau Pelt nämlich die Sonnenstäubchen für das Ällerfeinste, und weil sie nicht gut beißen konnte, denn sie hatte keinen Zahn mehr, so ließ sie ihr Brot aus Sonnenstäubchen zubereiten. Wiederum nach einem Jahr wurde er zu den Dienern versetzt, die das Trinkwafser für die Alte sammelten. Man denke nicht, daß sie sich hierzu etwa eine Zisterne hätte graben lassen ober ein Faß in den Hof stellte, um das Regenwasser darin aufzufangen; da ging es viel seiner zu; die Eichhörnchen und Jakob mit ihnen mußten mit Haselnußschalen den Tau aus den Rosen schöpfen, und das war das Trinkwafser der Alten. Da sie nun bebeutenb viel trank, so hatten die Wasserträger schwere Arbeit. Nach einem Jahr wurde er zum inneren Dienst des Hauses bestellt; er hatte nämlich das Amt, die Böden rein zu machen; da nun diese von Glas waren, worin man jeden Hauch sah, war es keine geringe Arbeit. Sie mußten sie bürsten und altes Tuch an die Füße schnallen und auf diesem künstlich im Zimmer umherfahren. Im vierten Jahr ward er endlich zur Küche versetzt. Es war dies ein Ehrenamt, zu welchem man nur nach langer Prüfung gelangen konnte. Jakob biente bort vom Küchenjungen aufwärts bis zum ersten Pastetenmacher und erreichte eine so ungemeine Geschicklichkeit und Erfahrung in allem, was die Küche betrifft, daß er sich oft über sich selbst wundern mußte; die schwierigsten Sachen, Pasteten von zweihunderterlei Essenzen, Kräutersuppen, von allen Kräutlein der Erde zusammengesetzt, alles lernte er, alles verstand er schnell und kräftig zu machen. So waren etwa sieben Jahre im Dienste des alten Weibs vergangen; da befahl sie ihm eines Tages, indem sie die Kokosschuhe auszog, Korb und Krückenstock zur Hand nahm, um auszugehen, er sollte ein Hühnlein rupfen, mit Kräutern füllen und solches schon bräunlich und gelb rösten, bis sie roiebertäme. Er tat dies nach den Regeln der Kunst. Er drehte dem Hühnlein den Kragen um, brühte es in heißem Wasser, zog ihm geschickt die Federn aus, schabte ihm nachher die Haut, daß sie glatt und fein wurde, und nahm ihm die Eingeweide heraus. Sodann fing er an, die Kräuter zu sammeln, womit er das Hühnlein füllen sollte. In der Kräu- terkammer gewahrte er aber diesmal ein Wandschränkchen, dessen Türe halb geöffnet war, und das er sonst nie bemerkt hatte. Er ging neugierig näher, um zu sehen, was es enthalte, und flehe da, es standen viele Körbchen darinnen, von welchen ein starker, angenehmer Geruch ausging. Er öffnete eines dieser Körbchen und fand darin Kräutlein von ganz besonoerer Gestatt und Farbe. Die Stengel und Blätter waren blaugrün und trugen oben eine kleine Blume von brennendem Rot, mit Gelb verbrämt; er betrachtete sinnend diese Blume, beroch fie, und fie strömte denselben starken Geruch aus, von dem einst jene Suppe, die ihm die Alte gekocht, geduftet hatte. Aber so stark war der Geruch, baß er zu niesen anfing, imitier heftiger niesen mußte und — am Ende niesend erwachte. Da lag er auf dem Sofa des alten Weibes und blickte verwundert umher. „Nein, wie man aber so lebhaft träumen kann!" sprach er zu sich. „Hätte ich jetzt doch schwören wollen, daß ich ein schnödes Eichhörnchen, ein Kamerad von Meerschweinen und anderem Ungeziefer, dabei aber ein großer Koch geworden sei. Wie wird die Mutter lachen, wenn ich ihr alles erzähle! Aber wird sie nicht auch schmälen, daß ich in einem fremden Hause einschlafe, statt ihr zu helfen auf dem Markte?" Mit diesen Gedanken raffte er sich auf, um hinwegzugehen; noch waren seine Glieder vom Schlafe ganz steif, besonders sein Nacken, denn er konnte den Kops nicht recht hin und her bewegen; er mußte auch selbst über sich lächeln, daß er so schlaftrunken war; denn alle Augenblicke, ehe er es sich versah, stieß er mit der Nase an einen Schrank ober an die Wand, ober schlug fie, wenn er sich schnell umwandte, an einen Türpfosten. Die Eichhörnchen und Meerschweinchen liefen winselnd um ihn her, als wollten sie ihn begleiten; er lud sie auch wirklich ein, als er auf der Schwelle war, denn es waren niedliche Tierchen; aber sie fuhren auf ihren Nußschalen schnell ins Haus zurück, und er hörte sie nur noch in der Ferne heulen. (Fortsetzung folgt.) Auf Goethes Lpursu am Zürichses. Von Helene Schede. Der Deutsche, der mit Goethes „Dichtung und Wahrheit" und nicht mit dem Baedeker nach Zürich kommt und vom Hauptbahnhof aus durch die neuen Stadtteil« wandelt, wird gewiß erstaunt und enttäufcht fein. Hochaufgeschossene, gänzlich unpersönlich« Häuser, stillose Fremdenhotels, Kauf- laben mit weiten, glitzernden Schaufenstern säumen breite, von lautem Verkehr und geschäftigem Treiben erfüllte Straßen. Vergeblich horcht bas Herz auf den fernen Klang versunkener Glocken. Das Klingeln der Elektrischen, das Hupen der Autos und Hasten der Menschen hat in diesen Vierteln die leis« flüftemben Stimmen aus früheren Zeiten erstickt. Man muß in die Altstadt, in die grauen, stillen Winkel, zu den Türmen und Toren, Schanzen und Gräben der S ch i p s e flüchten, um bas wahre Zürich, wie Goethe, Lavater, Pestalozzi es gesehen haben, wiederzufinden. Steile, enge, winklige Gassen klettern mutwillig in kurzen, krummen Linien auf die Anhöhen über dem See. Dächer, Mauern, Giebel verstricken sich ineinander, wenden die Front bald nach dieser, bald jener Seite, ducken, strecken, drehen sich mit einer Planlosigkeit, die jedem Gesetz und jeder Ordnung trotzt und doch voll Reiz und Eigenart ist. Fein- geschmiedete Eisengitter schlingen sich um kleine Balkons, Brunnen plaudern; hinter geschlossenen Gardinen spinnt die Vergangenheit silber- graue Fäden. Die untere Gasse der Schipfe führt zwischen verwitterten Bogengängen an der Limmat entlang, und ist so schmal, daß fein zärtliches Paar Seite an Seite wandeln kann. Goethe liebte das geheimnisvoll« Dunkel dieses Weges, den des Nachts nicht einmal eine Laterne erhellte. Die Ufer der Limmat lagen weit auseinander. Ungefjin&ert schweifte sein Blick hinüber auf den gleißenden, smaragdgrünen See. Mitten im Fluß erhob sich der Wellenberg, mit seinem festen Turm, zu dem die Geistlichen fuhren, um den Gefangenen Trost und Mahnung zu bringen. Ans den grünen Fluten fliegen die Patrizierhäuser, wie das stolze Zunfthaus „Zum Rüden" auf und warfen den fchwercn Schatten ihrer Giebel und Türme in den leise rauschenden Strom. Am Ufer ragte eine offene von einem mächtigen Dach überhangene Halle. Wenn die mit Flachs und Garn beladenen Schiffe vom Zürichsee kamen, wurde dort großer Markt abgehatten. Die Dorfbewohner setzten ihre Ware an die städtischen Kaufleute ab und erhielten an Zah- lungsftatt oft den Bedarf an roher Baumwolle. Das Bild, das sich heute in diesen Uferoierteln dem Wanderer bietet, ist nicht viel anders als früher. Wohl sind manche Gebäude niebergeriffen worden. Längs der Limmat laufen Staden, so daß die Ufer näher an« einanbergerütft sind. Aber der Zauber versunkener Zeiten ist geblieben, und in dem Frieden eines goldenen Herbsttages verwischen sich alle scharfen Gegensätze, die das Einst vom Heute trennen. , Eine kleine, verschwiegene Gasse führt zum P e st a l o z z i a n u m hinauf, zu der Stube des großen Mannes, die sich hinter dunklem Efeu und purpurner Rebe versteckt. Wie freundlich blicken aus morschen Manern die niedrigen Fenster. Dort lag das Himmelreich, das sich die Liebe eines Lehrers geschaffen hatte. Durch allerhand malerische Winkel und fadendünne Gäßchen gelängt man zum Gasthaus „Zum Schwert", wohin Goethe die stürmischen Grafen Stolberg bei ihrer Ankunft in Zürich geleitet«. In Werther-Tracht, in blauem Rock, gelber Weste, kurzen Hosen, grauen Hüten, waren sie angekommen, um in der Schweiz, di« ihnen als ein Land paradiesischer Unschuld erschien, Rousseau« „Retournons ä la nature" in die Praxis umzusetzen. Goethe erzählt, daß das „rinnende, lausende, stürzende, nach und nach zum See sich aus» breitende Gewässer des Flusses aus ihn seine übermütigen Genossen einen unwiderstehlichen Einfluß ausgeübt hab«. Sie fanden ganz und gar nicht« Anstößiges daran, sich in dieser gottbegnadeten Natur als poetische Schäfer ober heidnische Gottheiten zu sehen und so, wie der Himmel sie geschasseiy in dem klaren See zu haben. Mit Jauchzern und Juchhe tummelten sich die Jünglinge in den Wellen. Am Ufer saß der sanfte Lavater und führte übers Master hinweg lehrreiche Gespräche, l ibeffen die Bauern, die das Baden nicht ertragen konnten, in Scharen herzueilten und entrüstet untereinander murmelten, die nackten Männer im Wasser feien Werkzeug« des Satans. Da wurde in den alten Häusern getuschelt und ge* munkelt, bis man den Naturschwärmern klar machte, daß ihr Treibe« in der wohlgesitteten Gegend ein Skandal sei In der oberen Altstadt lag der „Waldries", Lavater s Haus, m dem Goethe, der eine tiefe Bewunderung für den großen Physiognomik« ganz grün uer« örnte Alte liefen le. : um« i sich, ichen, r ein h ihr mden i ®e« lieber Stopf choln, crfch, -8 sie, nd)en in be« denn schnell t x ht mit : führten hat er mit den frohen, übermütigen Freunden unternommen, unb oft genug flana es auf den Wellen von überfchäumendem Lebensgluck. Da gmg es anders zu, als in Klopstocks Tagen, wo man Oven fang unb den Handschuh der geliebten Frau küßte. Hier waren Sturmer und Dränger jufanunenge’.ommen, in denen Götz und Wsrlher spukten. In Versen unb Reimen, die zum Teil in Goethes Tagebuch verzeichnet sind, machte sich die ausgelassene Stimmung Lust: „Ohne Wein und ohne Weiber, hol der Teufel unsere Leiber!" Oder die Verse, zu denen der zweite Schreiber die Reime finden mußte i Affen — geschaffen: Laus — Schmaus. Inmitten die er Scherze unb Lieder aber findet sich das wundersame Goethesche Eeoicht: ,U»d frifche Nahrung, neues Blut Saug ich aus freier Welk." Manche am See gelegene liebliche Orte, wie Richterswil und Stäfa, haben den jungen und später den gereiften, durch Italien geklärten Dichter gesehen. 21m Haus „Zur Krone", auf der Landstraße nach Richterswil, wo er längere Zeit weilte, steht eine Gedenktafel zu Ehren des unsterblichen Mannes. An dieser Stätte hat er nie vergessene Tape voll Gluck und Fri-den aenosien. „Ich wollte, du könntest nut dem Kleinen auch daran tei(nchnvn", schreibt er an Christiane. In feiner „Einsamkeit hat Eoetbe die Tage am Zürichsee in zarten Pastellfarben gemalt Auch in Wilhelm Meisters Wanderjahren", in dm Schilderungen der Weber und Spinner finden sich lebendige Anklänge an diesen Aufenthalt. Der Dichter hat das emsioe Bott, das an den blühenden Ufern dem neu aufgekommenen G'werbe oblag, oft besucht. Er ist in die Arbeitsstuben getreten, um atz,' Hantierungen und Kunstgriffe kennenzulernen. Einen besonderen Reiz bot hac Bild des Sees an Markttagen, wenn die ländlichen Bewohner nach erlcdiotem Geschäft aus Zürich in ihre Dörfer znrückkehrten. Die Fluten sind mit Schissen und Kähnen belebt, von denen jedes dem andern ziwormkommen suckt. Ties und tiefer färbt sich das Wasier von der Glut der untergehenden Sonne. Der Mond stecht auf mch wirkt Silbernetze auf die blanke Spiegelfläche. . Heilte wohnen an den Hangen des Zurichfees rein« Weber mehr. Die 'Ne'^üt hat den Spinnstiihl zerschlagen. Aber Land und Leute haben sich nirbt c-'iinhert. Der See, der den Ruberschlag des jungen Goethe gefühlt hat, öffnet jedes Jahr feine Märchen und Geheimnisse allen, die in ihrer Seele 'bie Sehnsucht nach ben Bergen und die Liebe zu den Wellen tragen. sonst bei der Aussührung all seiner Bestialitäten zur Hand gegangen m®. Um des Zaren Gunst zu erringen, waren überhaupt viele Bojaren stets bemüht, das Schachspiel zu betreiben und lernten es schließlich neben ... ° Allmählich, d. h. nach dem Tobe Iwans bes Grausamen, wurde- b® Schachspiel zu einer Lieblingsbeschäftigung ber „stillen unb fanften rusp- scheu Zaren. In ben alten Verzeichnissen bes zanschen Inventars fmbtt ’ man beispielsweise folgenbe Objekte erwähnt: „Schachfiguren aus Pvv- ■ gelten", „Schachfigurm aus bunten Edelsteinen", „silberne und goldene Schachbretter" ufw. Im Bedientenheer des zarifchen Hofes waren eme ganze Anzahl von „Schachdienern" zu finden, bie lediglich für die Beaufsichtigung, Reparatur und Neuanfertigung der Schachsiguren und Saftnh- breiter zu sorgen hotten. t . Wahrend der Herrschaft des Zaren Alexey wurde da» Derbar des Schachspiels offiziell ausgehoben, die schweren Strafen für BeNtotze gegen das Schachverbot fielen fort unb gewißen privilegierten Kreisen des Adels ward formell gestattet, dem Schachspiel zu „fronen . .leyms sich aber die allmächtige Kirche gegen dis Ausbreitung dieses „teuflischen Spiels auf, sie nannte es „Hexerei und Aberglauben und, verdammte es. Einer der größten Verfolger des Schachspiels war der Moskau« Metropolit Daniel, der in seinen Predigten zu beweisen versuch^ daß dieses „Werkzeug ber Dämonien" bereits „von den heiligen Aposteln bekämpft worden wäre. Indessen hatte die Kirche mit diesem Agitanons» ■ feldzug ausnahmsweise nur wenig Erfolg und mutzte iyn- halb emjtene». I In einem alten russischen Kirchenwörterbuch, vorn Jahre IE wurde das i Schachspiel schon als „Schlauheit , „Witz, „VerschlasisnhÄt gedeutet, • unter welchen Worten nicht etwa Betrug, sondern die „Fähigkeit des ' geistigen Erfolges" verstanden werden sollte: : Mit P e t e r d e rn G r o ß e n, der ein guter Schachspieler war„ wurde l das Schachspiel auch in breiteren Kreisen populär. Stuf den prunktvollen * Assembleen", die er zu Ehren seiner Gattin Katharina gab: gehör« das Schauspiel zu einer der hauptsächlichsten B^ustigungen Der hal. ; steinische Edelmann von Bergholz, der diese Assembleen beschrieben ■ hat, erzählt, daß in den Zimmern, wo nicht getanzt wurbe,^ folfletüe Gegenstände unbedingt vorhanden sein muhten: „ein Tisch mit Tabaks- , pfeifen, Tabak und Holzspäne, außerdem mehrere große Tische mit Schach- i und Damefiguren ..." Liefe Assembleen Peters des Großen waren eigent- i sich die ersten russischen „Klubs", wo das Schachspiel emgefütjrt wurde. Auch die Geistlichkeit, die einst das Schachspiel so heftig verdammt hatte, : besann sich nun eines Besseren und begann, dem Beispiel Peters folgend, dieses Spiel hoch zu schätzen: ein russischer Kirchenfurst der da. maligen Zeit frönte gar dermaßen leidenschaftlich diesem „teufliMn Spiel", daß er in seinem Kloster, wie die Legende behauptet, „die Kirchen« glocken abnehmen und verkaufen ließ, damit deren Klang ihn ntcht beim ' fofetsroeife, daß „die Russen das Schach sehr geistreich und ausdauernd üben; in diesem Spiel sind sie so kunstgerecht und seinsmmg, daß sich wohl nicht so leicht ein anderes Volk, außer dem deutschen, mit ihnen messen könnte". ..... ,. . ... Der Engländer Jerome Hoarsey erzählt m feinen Memo,reu über bie Leidenschaft Iwans des Graufamen zum Schachspiel. Ja, der Zar starb beim Schachspiel: kurz vor seinem Tode befahl der Grausame ■ einem seiner Favoriten, Rodion Birk in, Schachfiguren unb Brett zu • holen unb versuchte selbst bie Figuren aufzustellen, was ihm auch gelang. I Doch — „nur ben König," erzählt ber abergläubische Hoarsey, „vermochte - ber Zar nicht auf feinen Platz zu stellen; nachbem er alle anderen Figuren, : bis auf den König, richtig hingestellt hatte, versagten ihm plötzlich bte - Kräfte ..." Der Zar starb, ohne diese Partte beendigt, ja eigentlich I begonnen zu haben. Einer der beliebtesten Partner bes graujamen Zaren mar übrigens ber berühmte Henker Maljuta S t u r a t off, der ihm Der Historiker P. Stoljapin schildert in einem seiner Bücher eine amüsante Episode, die einst einem der bekanntesten russischen Schachspieler des 19. Jahrhunderts, Petr off, zugestohen war: „Prahlerisch hatte er an der Pforte seines Hauses ein Schachbrett angebracht, auf dem seine beste Partie — Schach in fünf Zügen — ausgezeichnet war. Er brüstete sich, daß „nur der Teufel" besser als er spielen könne. Und siehe da, eines Nachts, als alles im Hause bereits schlief und nur Petrofs einsam in seinem Zimmer saß, grübelnd über das Schachbrett gebeugt, über einer schweren Aufgabe nachsinnend, kam plötzlich---der Teufel in leibhaftiger Gestalt ins Zimmer. Er hatte zwei spitze Hörner ein mit Ruß bemaltes Gesicht und einen langen Schweif und forderte Petroff auf, mit ihm Schach zu spielen. — „Und wenn du diese Partie verlierst," fügte er noch hinzu, „dann darfst du drei Jahre lang keine Schachfigur mehr anrühren." Petroff war mit Vorschlag und Bedingungen des Teufels einverstanden und beide setzten sich und begannen zu spielen. Doch das Spiel währte nicht lange. Der Teufel erwies sich als der weitaus bessere Spieler. Nach nicht viel mehr als fünf Zügen besiegte er Petroff und verschwand. Am nächsten Tage sprach ganz Petersburg von nichts anderem, als vom Besuch des Teufels bei Petroff und der „dämonischen Schachpartie", die sich aber insofern bald als ziemlich mit natürlichen Dingen hergehend herausstellte, als der Teufel sein Inkognito lüftete und sich als der beste russische Schachspieler jener Zeit, Kologriboff, zu erkennen gab. Petroff hielt sein Wort und rührte drei Jahre lang kein Schachbrett an. Um so fleißiger betätigte er sich aber im Schachspiel später, als die ihm gestellte Frist beendet war. Er gründete in Petersburg den ersten privaten Schachklub, zu dessen Mitgliedern die bekanntesten Schriftsteller jener Zeit gehörten: Lawroff, Nekrasoff, Tschernyschenski Panajew, Lermontoff und andere. Doch Schriftsteller galten damals als „anrüchig" und die Mitgliedsliste des Klubs erregte bald das Mißtrauen der zarifchen Gendarmerie, die eines schönen Tages beschloß, sich „mit diesem verdächtigen Klub näher bekannt zu machen". Diese „nähere Bekanntschaft" erfolgte bald darauf durch Vermittlung eines Lockspitzels, der als Mitglied dem Klub beitrat. Das „ehrenwerte Mitglied" lauschte fleißig all den eifrigen politischen Gesprächen und Debatten, die beim Schachspiel geführt wurden, und teilte schließlich in einem Bericht an die Obrigkeit mit, daß „dieser Klub dadurch verdächtig sei, daß dort gar keine Karten vorhanden wären, sondern nur allerhand merkwürdige Figuren, mysteriöse „Springer, Könige und Bauern". Wobei mit Hilfe dieses seltsamen Spieles die Klubmitglieder eine eigene, einem Unbeteiligten unverständliche Zeichensprache führten, die sicher nichts Gutes bedeuten könnte ..." Was Wunder, daß kurze Zeit darauf dieser Klub, auf persönlichen Befehl des Generalgouverneurs von Petersburg, geschloffen und viele seiner Mitglieder verhaftet wurden. Aber allerhand Eiferer, Lockspitzel der Gendarmerie, Generalgouverneure von Petersburg usw. haben es dennoch nicht verhindern können, daß im ganzen 19. Jahrhundert in Rußland dem Schachspiel, besonders seitens der sog. „Intelligentia", eifrig obgelegen wurde und daß aus den Kreisen schließlich Spieler erstanden, die heute zu den besten und kunstfertigsten der Welt gehören. 40 000 Kilogramm Dramanten. von Südafrika nach Amsterdam. Von Felix Ressel. Der gesamte Goldvorrat, über den die heutige Menschheit verfügt, wird auf 30 Millionen Kilogramm (im Wert von 90 Milliarden Mark!) geschätzt, während der gesamte Diamantenvorrat auf der Erde, nach Berechnungen der Geographischen Gesellschaft in Brüssel, rund 40 000 Kilogramm beträgt, von denen nicht weniger als 34 000 Kilogramm aus Südafrika stammen, wo in den letzten Jahren wiederholt neue Diamantenfelder entdeckt wurden. Als im vorigen Jahre in der Nähe von Lichtenburg (Transvaal) bedeutende Diamantenfunde gemacht wurden, war ein großes Polizeiaufgebot nötig, um die Ordnung unter den 5000 Menschen, die sich durch einen Wettlauf die Schürfgerechtsame (die „Claims") sichern wollten, aufrechtzuerhalten. Bei diesen Wettlaufen gibt es fast regelmäßig Toto und Verwundete, und bei den Funden in Lichtenburg kam es sogar, als aus der weiteren Umgebung der Zustrom der Schatzgräber einsetzt«, zu einem regelrechten Automobilrennen, das reich an aufregenden Zwischenfällen war. In letzter Zeit sind auch im ehemaligen Deutsch-Ostafrika (im Mwanza- distrikt) größere Mengen Diamanten gefunden worden, die auf dem Londoner Markt gute Preise erzielten. Als weitere Produktionsländer von Rohdiamanten kommen in Betracht: die ehemalige deutsche Kolonie Südwestafrika, das Kongogebiet (belgischer Besitz), Angola, Brasilien, Indien, Britisch-Guinea und in kleinem Umfang auch Borneo und Australien. Hierbei müssen noch die Smaragd-Minen von Kolumbien genannt werden, die bisher 95 Prozent aller Smaragden lieferten, deren Produktion aber infolge Arbeitsmangels in den letzten Jahren fast vollkommen ruht. Jedenfalls gehört heute der Smaragd, wie Sachverständige des Londoner Edelsteinmarktes in Nation-Garden erklären, zu den kostbarsten und begehrtesten Pretiosen und sein Handelswert hat sich gegenüber der Vorkriegszeit vervierfacht, da gute Smaragden gegenwärtig viel seltener als Diamanten und andere Edelsteine sind. Zur Wertbestimmung der Diamanten hat der Handel eine besondere Gewichtseinheit, das Karat, geschaffen (wobei ein Karat mit 205 Milligramm festgesetzt wurde). Jedoch spielen dabei noch Form, Reinheit, Farbe, Schliff und Glanz eine maßgebende Rolle, und nicht zuletzt hat die Mode bei der Preisbildung ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen. Di« bedeutendsten Juwelenbörsen sind Amsterdam, Antwerpen, London und Neuyork. In den Jahren der Inflation, als zahllose ausländische Brillantenhändler nach Deutschland kamen, um Edelsteine auf» zukaufen, wurde auch (im Jahre 1920) in Berlin (in einem Raum des einstmals berühmten Cafs National in der Friedrichstraße) eine Juwelen, börse geschaffen, zu der nur durchaus seriöse Juwelenhändler nach schärf, ster Prüfung ihrer Personalien zugelassen wurden. Der starke Zustrom begüterter Russen, vor allem vieler Adelsfamklien, die aus Furcht vor dem Bolschewismus geflohen waren, hatte Milliardenwerte an Juwelen nach Deutschland gebracht. Diese Edelsteine waren meist das einzige, was diese Flüchtlinge von all ihren Besitztümern retten konnten und Sie Not zwang sie bald, diese Schätze zu veräußern. Es bildeten sich damals in Berlin in vielen dunklen Lokalen heimliche Börsen, von denen zwar viele ausge- hoben wurden, aber der unlautere Handel konnte erst wirksam bekämpft werden, als der Verband Berliner Juwelenhändler, der damals 300 Mitglieder umfaßte, eine eigene Börse gründete und unter behördlichem Schutz den Handel organisierte, durch den damals große Devisenbeträge an die Reichsbank abgeführt werden konnten. Der Juwelenhandel mit all seinen Sensationen ist ja über. Haupt ein Kapitel für sich. Große Diamantenfunde können zuweilen in gewissem Maß die Preise beeinflussen, Wirtschaftskrisen können den Han- del lähmen und Tausende von Diamantschleifern brotlos machen, gar nicht zu reden von den Hochstaplern, von denen der einzelne Juwelenhändler heimgesucht werden kann. Es ist ein risikoreiches Gewerbe und nicht alles ist Gold ober Edelstein, was glänzt. Die Diamanten st adt Antwerpen hat vor Jahren eine schwere Krise durchgemacht. Im Jahr 1914 gab es dort 200 Diamantschleifereien, in denen 20 000 Arbeiter beschäftigt waren, es gab etwa 4000 Fabrikanten, Makler und Kaufleute, es gab eine Diamantenbörse, die 12 000 Mitglieder zählte und einen Saal von 100 Meter Länge auf. wies. In allen Sprachen Europas wurde hier gehandelt. Etwa 100 Millionen Goldfranken wurden alljährlich umgesetzt. Während hie Industrie selbst fast ausschließlich in den Händeen von Belgien: lag, waren die meisten Kaufleute und Makler Türken und Polen. Als die Deutschen in Antwerpen einrüctten, flüchteten die Polen, da sie russische Untertanen waren, als später die Belgier wiebertamen, flüchteten die Händler am Krakau und die Türken, d. h. sie wurden gewaltsam vertrieben. Der übereifrige Patriotismus rächte sich aber bald. Die Antwerpener Diamant- börse schlief ein und von 16 000 Mühlen, die einst Diamanten schliffen, waren 15 000 außer Betrieb. Zu spät sah man ein, daß ohne die Leute aus Polen und der Türkei die Mühlen keine Diamanten mahlen. Kein Zweifel, daß die besten Diamantenschleifer tn Amsterdam sitzen, wobei noch erwähnt sei, daß es auch in Deutschland (Hanau, Erbach und Jdar-Oberstein), ferner in Genf und Biel (Schweiz), in Paris, London und in den Vereinigten Staaten bedeutende Diamantschleifereien gibt. So ist z.B. der berühmteste Diamant der Welt, der Cullinan, der in unbearbeitetem Zustand über 600 Gramm (3024 Karat) wog, in Amsterdam geschliffen und poliert worden, und zwar von dem hervorragendsten Diamantschleifer der Firma Ascher, Henri K o e, der sich tat vierzigjähriger Arbeit eine besondere Kunst erwarb. Dieser Stein mar am 26. Januar 105 in Transvaal von einem Werkmeister der Premier Diamond Mine bei einem Jespektionsgang durch Zufall an der Wand einer Grube entdeckt und nach stundenlanger Arbeit aus dem Gestein gelöst worden. Die südafrikanische Regierung kaufte den seltenen Stein und machte ihn dem König Eduard zu seinem Geburtstag (am 9. November 1907) zum Geschenk. Bei Ascher in Amsterdam wurde der Stein gespalten und es wurden aus ihm neun große Brillanten und etwa hundert kleinere geschnitten. Der größte Diamant (Cullinan 1, der 516 Karat wiegt) wurde der britischen Königskrone eingefügt, während Cullinan 2 (309 Karat) jetzt im britischen Königszepter glänzt. Während sonst ein Diamant.58 Facetten aufweift, hat Cullinan 1 nicht weniger als 74, Cullinan 2 66 Schleifflächen. Das Schleifen des Diamanten ist eine Kunst, bei der das geringste Versehen, der kleinste Mißgriff den Stein entwerten kann. Und diese Arbeit erfordert oft mehrere Monate. Nur jahrelange, emsigste Hebung macht auch hier den Meister. In Amsterdam sind auch die anderen berühmten Diamanten geschliffen werden, z. B. der K o h. i - N o o r, der Stern Südafrikas, der Excel» s k o r und der Iudilee. Was diese Industrie für Amsterdam bedeutet, zeigt die Tatsache, daß tn dem Jahr der Hochkonjunktur (1919) allein nach den Vereinigten Staaten für 65 Millionen Dollar cm Diamanten ausgeführt wurden. Im Jahre 1921 sank die Ziffer auf 13 Millionen und 1922 stieg sie wieder auf 18 Millionen Dollar. Es ist naheliegend, daß die Wiffenschaft versucht hat, in Laboratorien Adelst eine künstlichzuerzeugen, wobei es sich in erster Linie darum handelte, die in einem Diamanten enthaltenen chemischen Substanzen (nämlich Kohlenstoff, wie er im Graphit und tn der Steinkohle vor- kommt) unter Druck so zu verfestigen und nach Erhitzung bis zu 3000 Grad plötzlich abzukiihlen, daß sich Kristalle bilden. Zahlreiche Versuche (an denen sich besonders französische Chemiker, z. B. M o i s s a u , beteiHgt haben) haben dazu geführt, daß heute die Erzeugung echter Edelstein« bereits fabrikmäßig betrieben werden kann. Allerdings find diese Diamanten so klein, daß sie nur einen geringen Handelswert besitzen. Nicht nur Bücher, auch Diamanten haben ihre Schicksale, wobei an den berühmten blauen Diamanten erinnert sei, der allen, die ihn besaßen — mehr als zehn Menschen — Unglück brachte, sei es, daß ihre Träger durch Selbstmord endeten oder durch Unfall ums Leben kamen. Zuletzt befand er sich in der Hand des amerikanischen Multimillionärs Edward F. Maclean, des Besitzers der „Washington Post". Sein Kind, das von einem Stab von Dienern und Gouvernanten behütet wurde und als „das bestgeschützte Kind der Welt" galt, wurde vor einigen Jahren von einem Auto totgefahren. Sein erster Besitzer war Ludwig XIV, der den Stein von dem Belgier Tavernier gekauft hatte, um ihn Marie Antoinette zu schenken. Beide starben unter dem Fallbeil. Seiner seiner Besitzer ist glücklich geworden. Man sagt, daß Perlen Tränen bedeuten. Es scheint, daß zuweilen auch Diamanten, auch wenn Künstlerhand ihnen höchsten Glanz verleihh nicht alles Glück bedeuten. Verantwortlich: Dr. Han« Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'fche Aniversitäts-Vuch- und etein>tw#eret, A. Lange, Siehen.