Gießener Kmilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger ZahrgangM? Dienstag, den;2.Zuli Kummer 55 Neuland. Bon Leo Sternberg. Hebers Gebirge stürzen die Rosenkaskaden anglühenden Morgens in die Welt herein. Korallenriffe, Palmen tragende, von Feuergewölk umschäumt, spiegeln in meine Augen, in denen noch golöne Inseln schwimn.v vom vergangenen Tag. Wohin fassen, weltstürmende Arme? Was holt ihr in euren Hafen, versunken« Augen? Vierzehn MiMonsn für einen Zahn. Eine Novelle von Leo Matthias. Die Geschichte, ine ich erzähle, hat sich vor einigen Jahren in Marokko zugetragen und ist in den Akten des englischen Generalkonsulates in Tetuan nachzulesen. Es ist die Geschichte eines Mannes und eines Vermögens, und die erstaunlichste, die ich jenßals gehört habe: viel erstaunlicher, als die Geschichte der großen Lotteriegewinner oder Diamantensucher — denn daß jemand das große Los gewinnt, wenn er Lotterie spielt, oder Diamanten dort findet, wo sie zehntausend andere suchen, ist nicht gegen Sinn und Verstand; daß aber jemand Millionen verdient, weil er einer Kabylin einmal einen Jahn ausgeschlagen hat, ist selbst in der Geschichte der abenteuerlichen Vermögen ein ungewöhnlicher Fall. Auch hat die Geschichte, abgesehen von diesem Faktum, noch das Absonderliche, daß John Hasehurst — der Manu, der diesen Zahn ausschlug — nicht wie die meisten Multimillionäre als Zeitungsjunge begann, sondern zur Zeit jenes Vorfalles bereits zwanzig Jahre lang in Manchester einen kleinen Laden hatte, dessen Spezialität ein reiches Sortiment von Hornknöpfen aller Größen und Farben waren . . . Ich habe John Hasehurst nicht persönlich gekannt und weiß daher nicht, ob er zu den Menschen gehörte, die ein halbes Leben lang von jedem verkauften Hornknopf einen Viertelpfennig beiseite legen, um im fünfundvierzigsten Jahre — als Kapitalist — nachzuholen, wozu sie im achtzehnten — als armer Schlucker — zu feige waren. Genug: John Hasehurst landete eines Tages in Ceuta, um eine Vergnügungsreise durch Marokko zu unternehmen. Ceuta — die langweiligste Stadt der Welt — entzückt« ihn. Dinge, die er bisher nur aus den illustrierten Blättern kannte, wurden für seine Hände zum erstenmal greifbar: er sah zwischen europäischen Häusern zmn ersten Male arabische, die wie viereckige Zuckerstücke aus ihrer flachen oder schmalen Kante lagen; er sah zum ersten Male tropische Patios und auf den Straßen Menschen, die keine Hofen trugen, sondern einen farbigen Umhang, der beim Gehen manchmal die nackten Beine sehen ließ. John Hasehurst reiste selbstverständlich mit Cook, denn er war ein ängstlicher Mensch, und die Gefahr, irgendwelche Ueberraschungen zu erleben, wenn er Ceuta verließ, um sich die weitere Umgebung anzusehen, war bo^er ziemlich gering. Automobile, in denen zehn bis zwanzig Personen saßen, brachten ihn von Ceuta nach Tanger und nach Alcazar Kabir, und noch der letzte Ausflug, den er kurz vor feiner Abreise unternahm, wäre sicherlich in der gleichen ruhigen Weife verlaufen, wenn dieser Tag nicht gerade ein Regentag gewesen wäre und die meisten fremden es vorgezogen hätten, in der Stadt zu bleiben. Abgesehen von zwei Franzosen und dem Dolmetscher, der den Wagen ständig begleitete, war John Hasehurst daher der einzige, der nach Zoco el Had fuhr. Marokkanische Straßen sind schlecht, sie waren an diesem Regentage fast unbefahrbar; kurz hinter einem Kabylendorfe, das von Aeckern ein- gsschlossen ist, blieb der Wagen stecken, rind Hasehurst sowie die beiden Franzosen waren gezwungen, auszusteigen; mit vereinten Straften verlachte man, den Wagen aus dem Schlamm zrr ziehen. Da die Versuche trog der aufmunternden Kommandos des Dolmetschers — jedoch ver- waren, so blieb schließlich nichts anderes übrig, als sich nach kräftigeren Armen umzusehen; der Chauffeur wurde in das Dorf geschickt, und nach einer halben Stunde waren auch Kabylen, Männer und Frauen, zur Stelle. Mit Geschrei und Arbeit gelang es, den Wagen wieder flott zu machen. Ob es nun aber an der Ungeschicklichkeit des Chauffeurs gelegen hat oder, wie die Kabylen später behaupteten, an seiner Rüchsichtslosigkeit —, der Stiel einer Sense, die einer der Kabylen abgelegt hatte, um besser arbeiten zu können, wurde von dem Wagen beim Anrucken überfahren und zerbrach. Der Dolmetscher erklärte zwar sofort, daß der Stiel ersetzt werden würde, aber die Kabylen konnten sich über .diesen Vorfall nicht beruhigen; sie drohten mit ihren Gewehren und wollten den Wagen nicht weiterfahren lassen, bevor der Stiel nicht beschafft war; — und da der Versuch, den Schaden durch eine Geldsumme gutznmachen, an der Höhe ihrer Forderungen scheiterte, so kam es zu einer Auseinander- setzung, in deren Verlauf sogar John Hasehurst erregt wurde, die Fäuste ballte und sie einer Kabylensrau Dors Gesicht hielt. Es hat sich später wiederum nicht feststellen lassen, ob das Gesicht dieser Frau mit den Fäusten von Hasehurst dadurch in Berührung kam, daß die Frau plötzlich ruckartig ihren Kopf umdrehte und auf diese Weise unversehens an seine Fäuste geriet, die einer ganz anderen hingehalten worden waren (wie Hasehurst behauptet), oder ob Hasehurst die Frau tatsächlich geschlagen hat (wie di« Frau behauptet) —, die Begegnung zwischen ihrem Gesicht und Hafehursts Fäusten muß jedenfalls ziemlich heftig gewesen sein, denn die Kabylin verlor bei diesem Vorfall einen Zahn. In Europa kann man sich in einem solchen Fall zum Staatsanwalt begeben und verlangen, daß der Uebeltäter wegen Körperverletzung bestraft wird. In Marokko hat man das gleiche Recht, aber die Strafe besteht nicht in einer Verurteilung zu Geld oder Gefängnis, sondern der Kläger hat einen Anspruch — auf Vergeltung. Der alte Satz: Äug' um Auge, Zahn um Zahn ist noch heute das Grundprinzip des islamitischen Strafrechts, und das Ansinnen der Alten, über das John Hasehurst zuerst mit Recht empört mar, bestand daher in nichts Geringerem, als daß John Hasehurst sich verpflichten solle, ihr bis zum nächsten Tage 12 Uhr den gleichen Zahn, einen Augenzahn der oberen Reihe, aus seinem eigenen Gebiß zu überbringen. John Hasehurst lachte, die Franzosen lachten, und selbst der Dolmetscher meinte, daß die Angelegenheit durch das englische Konsulat in Ceuta leicht beigelegt werden würde. Man notierte sich den lllamen der Kabylin und forderte dann mit Nachdruck, den Weg jetzt endlich freizugeben. Aber wie auf Kommando stellte sich die gesamte Gesellschaft vor den Wagen und erklärte: das Auto habe sofort nach der nächsten Kreisstadt, nach Tetuan, zu fahren, und zwar nicht mit drei, sondern mit vier Passagieren, denn einer von ihnen würde den Wagen begleiten, um zu verhindern, daß der Mann, der die Roheit besessen habe, einer Frau den Augenzahn auszuschlagen, sich der Gerechtigkeit Allahs entziehen könne. Es blieb John Hasehurst und seinen Begleitern nichts anderes übrig, als nachzugeben; einer der Kabylen — derselbe, der im Namen der ganzen Gesellschaft bisher die Unterhandlungen geführt hatte, stieg ein, hängte sein Gewehr von der Schulter, stellte es zwischen sein« Beine, und im 70-Kilometer-Tempo ging es nach Tetuan. Hasehurst begab sich sofort zum englischen Konsulat. Er war davon fest überzeugt, daß er mit einer Geldstrafe aus dieser Angelegenheit herauskommen würde. Seine Ueberraschung war jedoch außerordentlich groß, als er durch den englischen Konsul erfuhr, daß eine derartige Möglichkeit zwar bestünde — aber nur unter der Voraussetzung, daß die Kabylin, der Hasehurst den Zahn ausgeschlagen habe, sowie ihre Verwandten mit dieser Lösung einverstanden seien. Sollten sie sich nicht bereit erklären, ein Siihnegeld anzunehmen, so bleibe nichts anderes übrig, als die Vermittlung des Sultans von Marokko zu erbitten: Man könne dann — vielleicht — erreichen, daß der Sultan durch einen feiner Beamten mit der geschädigten Familie verhandeln ließe. — Auf die Frage, wie hoch der Zahn einer sechzigjährigen Kabylin zu bewerten sei, antwortete der Konsul, er würde raten, eine Entschädigungssumme von zehn Pfund anzubieten. Als Hasehurst das Konsulat verließ, erroartete ihn der Kabyle bereits vor dem Eingang und erklärte sich im Laufe des Gesprächs bereit, den Vorschlag Hafehursts, zehn Pfrmd als Sühnegeld zu zahlen, in seinem Dorfe zu befürworten — allerdings nur unter der Bedingung, daß Hasehurst ihnr in Begleitung des Dolmetschers dorthin folge. Man brach noch am gleichen Tage auf. — Das Dorf wurde zusgmmen- ge rufen und der Vorschlag in Abwesenheit Hafehursts von Ser Gemeinde beraten. Nach etwa einer halben Stunde gab man ihm den Bescheid: daß die Kabylin nicht bereit sei, auf seinen Vorschlag einzugehen. Hasehurst war verzweifelt. Er bat flehentlich,' die alte Frau sprechen zu büffen. Er bot zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig — vergeblich, ffe beharrte darauf, Hasehurst sollte ihr den Eckzahn der oberen Reihe aus seinem eigenen Gebiß persönlich überbringen. ' Sn Begleitung des Kabylen fuhr man miß-mutig wieder nach Tetuan zurück, unterrichtete den englischen Konsul rind beratschlagte, was zu tun sei. Man einigte sich schließlich dahin, ein ausführliches Telegramm an den Sultan abzusenden. Etwa vier oder fünf Tage blieb man ohne Antwort. Hasehurst hatte bereits den Plan gefaßt, Tetuan heimlich zu verlassen — als er eines Morgens feststellte, daß er nicht von einem, sondern von fünf Kabylen bewacht wurde, und daß man sogar seine Telephongespräche belauschte. Erst am sechsten Tage wurde er in eine marokkanische Kanzlei gebeten, wo ihm in Gegenwart des englischen Konsuls «in höherer Beamter des Sultans erklärte, dis Versuche, die Kabylin von ihrer Forderung abzubringen, seien leider gescheitert — und da der Sultan nach i-slamifchem Recht ebensowenig wie ein europäischer Monarch die Möglichkeit habe, sein« Untertanen zu verhindern, Rechtsansprüche geltend zu machen, der Grundsatz des islamischen Rechts aber nun einmal das Taltonsprin.zip sei — so bedauere seine Majestät außerordentlich, den Wünschen Hafe- hursts und der englischen Regierung nicht entsprechen zu können. Im Gegenteil: Seine Majestät bäte, sich einer Entfernung des Zahnes nicht zu ^widersetzen, da man es sonst ihnr, dem Sultan, zürn Vorrvurf machen könne, den Fremden nicht eingesperrt zu haben; auch bestünde die ernst- haste Gefahr, daß das Dorf sowie die weitere Umgebung im Falle einer Widersetzlichkeit durch diesen Vorfall in Aufruhr geriete. Hasehurst verwünschte sein L-eben und den Einfall, seine Sommerferien in Marokko zu verbringen; er saß stundenlang bei dem Konsul und beriet, was zu tun sei — er kam schließlich auf den einfältigen Gedanken, der Alten einen Zahn zu schicken, der ihm nicht gehörte. Aber der Konsul erklärte, daß sein Gebiß von den Kabylen untersucht werden würde, und daß man im Falle eines Betruges auch noch -den Sultan gegen sich hätte, der sich bisher wenigstens neutral verhalten habe. Es gehe dagegen aus den Erklärungen des Sultans hervor, -daß ihm außerordentlich daran gelegen sei, irgendwelche Zwistigkeiten mit der Bevölkerung sowie mit der englischen Regierung zu vermeiden, und falls Hase- Hurst daher den Mut haben sollte, dem Sultan zu erklären, -daß er nicht bereit sei, sich -den Zahn auszuschlagen, oder aris-schlagen zu lassen, so halte er, der Konsul, es für wahrscheinlich, daß der Sultan, um einen außen- und innenpolitischen Konflikt zu verhindern, versuchen würde, Hasehurst durch ein größeres Geschenk umzustimmen. Ntan wird bereits erraten, wie diese Geschichte ausgelaufen ist. Die Spekulation des tüchtigen Konsuls war richtig. Auf die Weigerung Hase- Hursts, sich einen Zahn auszuschlagen oder ausschlagen zu lassen, erklärte der Sultan, er fei bereit, John Hasehurst einen Wunsch zu erfüllen, der die Grenzen seiner Macht nicht überschreite. Hasehurst wünschte sich daraufhin, auf Anraten des Konsuls, ein Stück Land im Rif-Gebirge — das ihm als Eigentum auch einige Tage später bestätigt wurde. Noch am gleichen Tage ging er zum Zahnarzt, ließ sich den Augenzahn der oberen Reihe aus seinem Gebiß entfernen, überreichte ihn feierlicb mit der rechten Hand dem Kabylen, indem er zugleich mit der linken die Oberlippe hob, um die Lücke in seinem Gebiß zu zeigen, und ging am nächsten Tage, als der Kabyle ihm erklärt hatte, daß das Dorf zufrieden- gestellt fei, zum Zahnarzt, um sich einen Ersatzzahn anfertigen zu lassen. Drei Monate später begann er auf seinem Terrain mit Bohrungen, die, wie man allgemein vermutet hatte, ein positives Ergebnis hatten. Bereits im ersten Jahre warf die Erzausbeute der John Hasehurst Compagnie, Manchester — Zoca et Arba, einen Gewinn ab, der 700 000 Pfund gleich vierzehn Millionen Marb überstieg. Dis Hsldrn des §p?sens. Von Franz Blei. In der Galerie merkwürdiger Porträts, durch die uns Franz Met in feinem soeben bei Ernst Rowohlt in Berlin erscheinenden Buch „Glanz und Elend berühmter Frauen" mit gewohnter Meisterschaft führt, findet sich auch das Bild einer Engländerin, deren kühner Abenteurersinn und männliches Wesen wie eine Vorahnung mancher modernen Frau erscheinen. (223) In -den herrschenden englischen Familien gilt ein biologisches Haus- gesstz: jeweils entartet ein Glied in spleenige Exzentrizität. Meist ist's ein männlicher Sproß, zuweilen auch ein weiblicher. Wie im Falle der Familie Pitt, wo es einer Tochter Chathams und Lieblingsschwester Pitts zufiel, aus ihrer Che mit dem Baron Stanhope eine Tochter auf die Welt zu bringen, berufen, diese Welt in Erstaunen, Verblüffung und Bewunderung zu setzen: Hefter Stanhope, Statur eines Grenadiers und die männlichen Züge des Gesichts — die mächtige Pitt-Nase in die Luft gestreckt, die dunk-elblauen eindringlichen Pitt-Augen — ließen Metzern ed Ali, als er Hefter sah, als Naturgeschichte etablieren, daß es Männer, Frauen und Engländerinnen gäbe. Aber sie war-durchaus kein Mannweib. Die Mutter starb, als Hefter vier Jahre alt war. Man schrieb das Jahr 1780. Es kam eine Stiefmutter ins Haus, eine kühle Modedame, die das Kind einer Erzieherin überließ. Der Pater dirigierte von feinem mechanischen Laboratorium aus als rechter Haustyrann. Er hat das erste Dampfboot gebaut und die erste Rechenmaschine, aber in fein Clement kam er erst beim Ausbruch der sranzösischen Revolution, die er als Jakobiner des Hauses -der Lords verteidigte. Von Wagen und Pferdegeschirr entfernte er „diesen verfluchten aristokratischen Blödsinn", das Famiften- wappen. In diesem Hause muh ein etwas turbulentes Leben geherrscht haben: Hefter lief mit vierundzwanzig zu ihrer Großmutter Stanhope und zog nach deren Tod, drei Jahre darauf, zu ihrem Onkel Pitt. Bis zu Seifen Tode blieb sie bei i-hm, -drei Jahre: es war -die gesellschaftlich« Glanzzeit ihres Lebens. Ihre Unterhaltung war von her Nonchalance, wie sie die Mode verlangt«. Aber das Eigenwillige, Jmpetuose ihres Wesens brachte selbst einen Lord Byron aus der Konten-ance. Verliebt in den schönen Lord Granville, übergibt sie sich ganz ihrem unbekümmerten Temperament. Granville läßt es an nichts fehlen, mir heiraten, das nie, erklärt er und geht nach Petersburg. Hefter erzählt jedem, der schöne Lord habe sie sietzenlassen. Man schreibt 1810, als sie ihren Bruder nach Gibraltar in die Garnison begleitet — nichts als das, solche k-leine Reise von drei Wochen, wollte sie. Und kam nie mehr nach Europa zurück. War neu« uNdzwanzig Jahre lang die merkwürdigste Touristin, -die -die Welt gesehen hat. Bis zu ihrem Tode. Mit ihrer englischen Jungfer, ihrem Arzt und einer großen Dienerschaft verläßt sie Gibraltar, landet in Malta, in Athen, geht nach Konstantinopel. Da verlangt es sie „ums Sterben, Napoleon mit eigenen Augen zu sehen". Aber der Minister Canning verhindert es, daß man ihr einen Paß ausstelle. Im Jahre 1811 macht sie sich nach Aegypten auf. Schiffbruch, den sie bei Rhodos erleidet, wirft fie auf einen Felsen. Dreißig Stunden verbringt sie da, bis man sie rettet. Sie muß dazu türkische Männerkleider anziehen: sie hat sie ihr Leben lang nicht mehr ausgezogen. Sie blieb bei purpurroten, gel-bbestickten bauschigen Samthosen, Kaschmirturban, Brokatweste, brillantenbesetztem Krummsäbel. Sie hält in Kairo ihren Einzug wie eine triumphierende Königin. Mehmed Ali erwartet und empfängt sie. Es ist wie eine Feerie, aber nicht ein bißchen komisch. Es -hat das alles den Ernst, wie er in solchem Ausmaß immer dem Spleen eigentümlich. Denn da aller Sinn und jedes gesteckte Ziel diesem seltsamen Gehaben fehlen, ist es Spleen. Weiter geht es nach Jaffa, Jerusalem, Damaskus. Mrs. Fay, die Jungfer, mußte sich auch zu Hosen -bequemen, aber im Herrensitz zu reiten, dazu war dieses brave englische Wesen nicht zu bewegen. Dazu fehlte ihr völlig -das nötige Pittische. Man warnt Hefter, nach Damaskus zu gehen: -der türkische Fanatismus würde nie eine unverschleierte Frau in Hosen dulden. „Ich mutz also den Stier bei den Hörnern packen", entscheidet -die nicht vom Wege zu bringende pathetische Reifende. Mittags um zwölf Uhr reitet sie in Damaskus ein. Erst ist das zusammengelaufen« Volk starr vor Entsetzen und Staunen. Dann hingerissen von dem siegessicheren, mächtig suggerierenden Wesen dieser hochgewachsenen Frau, der das blau« Feuer so aus den großen Augen strahlt. Das Außerordentliche dieser Erscheinung reißt die Phantasie -des Orientalen fort: sie nennen sie Königin. Ist sie es nicht? Sie will die Ruinen von Palmyra besuchen. Eine militärische Eskorte, ihr vom Sultan von Damaskus angeboten, lehnt sie ab. Sie verläßt sich auf -die Gastfreunfchaft der Beduinen, die sie, entzückt von ihrem Reite», zu einem Mitglied ihres Tribus machen. Die Einwohner von Palmyra krönen sie unter den zerbrochenen Säulen von Zenobias Tempel mit Blumen. Diese Hefter, die überall in Syrien als königliches, ja übernatürliches Wesen empfangen wurde, befaß die Macht einer Königin, trotzdem sie nur eine feltsame Touristin war. 8lber sie hielt sich für mehr als eine schimärische Kaiserin und herrschte in der Tat. Wurde in der Wüste ein Gjaur ermordet, befahl sie Bestrafung der Verbrecher. Sie zwang die Regierung des Sultans zu einer Strafexpedition, welche zweiundfünfzig Dörfer zur Sühne niederbrannte und hundert Einwohner massakrierte. Die französische Kammer dankte ihr offiziell und seitlich. Sie sprach von den Arabern als „meinem Volk". Ihrem feindlichen Nachbar, dem ©mir Beschyr, bot sie die Stirn, daß er sich nicht muckste. Aber da wird wohl Canning nachgeholfen haben. Sie hatte eine Residenz. Monatelang war sie an der Pest krank gelegen und hatte über die Nichtigkeit -der Welt meditiert. Sie sucht ein cm-- fames Felsenkloster im Libanon aus, nahe dem alten Sidon. Wieder, zum zweiten Male öffnet sich ihr das Tor, das ins Schattental des Vergessens führt Aber sie durchschreitet es nicht. Mit Erlaubnis des Sultans geht sie nach Askalon und gräbt in einem verfallenen Tempel nach einem Schatz von drei Millionen Goldstücken. Aber sie findet nur eine antike Statue, die sie von ihrem Arzt zu Staub zerschlagen laßt, um deutlich ihre Uninteressiertheit zu zeigen. 1816 macht sie sich auf den Weg, weiter hinein in den Libanon. In einem armseligen Dors macht sie halt für die zwanzig langen Jahre bis zu ihrem Tod«. Duhihun hieß ihr Residenzdorf. In ein paar Steinhäusern bringt sie sich und ihr Gefolge, es ist nicht mehr so groß, als da sie auszog, unter. Legt einen ©arten an, ©run und Blumen, ein Stückchen auf -dem steinigen Fels, mit dorn Blick aufs Mittelmeer. Zuweilen tarnen neugierige Europäer dahin, manche erhielten Zutritt, erzählten von ihrer Gröhe. Von -der Hellseherei, die sie, abergläubisch geworden wie ihre arabische Umgebung, trieb. Berichteten von den zwei -heiligen Pferden, die sie immer bereit hielt und die sie an der Seite des erweckten Mahdi, des Messias, nach Jerusalem tragen sollten. Sie bestreitet das Budget ihres seltsamen Kaiserreiches ohne Grenzen aus ihren eigenen Misteln. Sie macht Schulden bei Wucherern. Ihr« englische Dienerschaft -bestiehlt sie und läuft davon. Niemand ist mehr bei ihr als ihr kindischer Arzt und ein paar eingeborene Weiber und Kinder. ^er Arzt hörte ihr zu und schrieb auf. Er ist der Historiograph dieses Hofes und Reiches. Tagsüber liegt die Kaiserin zu Bett, des Nachts sitzt sie auf, blickt durch das Dunkel in die Ferne, weint, träumt, raucht die Wasserpfeife, prüft -di« Schneide ihrer arabischen Streitaxt, denn zuweilen packt sie ihr altes Temperament, daß sie ihren Haushalt mit mächtigen Wor anhonnert, die Axt schwingend. Der Haushalt besteht den stehlenden Dienstboten, die alles verfaulen und verfallen lassen, und drei ->utzeno Mm mhlischen Freunden längst zerfallen bis auf genjlteg Bruder, den Lord Havdwick, bekommt sie kurze Mitteilung, daß man ) Pension dazu verwenden werde, ihre Schulden zu bezahlen, . $ Skandal würden. Hefter schreibt einige heftig-J »rwe an Sfalmerfton, die Königin, Wellington. Ohne l^n ©rfol-g. brM snsamrmn.^ Cs resigniert dieses leere Herz. Sie schickt ihren letzten G ^S°e"ist über sechzig Jahre alt, als sie im Juni 1839 vom Tode aus ihrem schattenhaften Reich in das Reich der Schatten ^gerufen tm paar Dienstleute stehlen sofort alles, was tragbar ist. Das kleine steinerne ^aus aus -dem roten gAügel inmitten eines verwilderten verdorrten Gärtchens ist leer. Nur die Tote ist da, liegt langgestreckt auf einem ze lumpten Bett, die spitze Nase sticht noch spitzer als tm Leben in die Luft Katzen schreien die Totenklage in die Sternennacht. Erwachen. Von Sigismund von Ra deckt. Zwischen Tag und Nacht bin ich kaum erwacht —- alles schläft noch, nur die Augen sind schon auf; habe keine Eile, eine kleine Weile wartet noch der ganze Tageslauf. In dem grauen Schimmer seh ich schon das Zimmer — ach, es ist so leicht und so erfüllt; zwischen Traum und Wachen, zwischen Trän' und Lachen lieg ich regungslos und eingehüllt. Grüne Dogelweife durch das Fenster leise trägt der erste Wind mir ans Gesicht; und was ich erlebe, hält mich in der Schwebe — und ich liege still im Gleichgewicht. Kmderfeele. Von Hermann Hesse. (Schluß.) „Gott sei Dank, da bist du!" rief meine Mutter lebhaft. Ich sah, sie war in Sorge um mich gewesen. Sie lief aus mich zu und blieb erschrocken stehen, als sie mein Gesicht und die beschmutzten und zerrissenen Kleider sah. Ich sagte nichts und blickte niemand an, doch spürte ich deutlich, daß Vater und Mutter sich mit Blicken meinetwegen verständigten. Mein Vater schwieg und beherrschte sich: ich fühlte, wie zornig er war. Die Mutter nahm sich meiner an, Gesicht und Hände wurden mir gewaschen, Pflaster aufgeklebt, dann bekam ich zu essen. Mitleid und Sorgfalt umgab mich, ich saß still und tief beschämt, fühlte die Wärme und genoß sie mit schlechtem Gewissen. Dann ward ich zu Bett geschickt. Dom Vater gab ich die Hand, ohne ihn anzusehen. Als ich schon im Bette lag, kam die Mutter noch zu mir. Sie nahm meine Kleider vom Stuhl und legte mir andere hin, denn morgen war Sonntag. Dann fing sie behutsam zu fragen an, und ich mußte von meiner Rauferei erzählen. Sie fand es zwar schlimm, schalt aber nicht und schien ein wenig verwundert, daß ich dieser Sache wegen so sehr gedrückt und scheu wär. Dann ging sie. Und nun, dachte ich, war sie überzeugt, daß alles gut sei. Ich hatte Händel ausgesochten und war blutig gehauen worden, aber das würde morgen vergessen sein. Von dem andern, dem Eigentlichen, wußte sie nichts. Sie war betrübt gewesen, aber unbefangen und zärtlich. Auch der Vater wußte also vermutlich noch nichts. Und nun überkam mich ein furchtbares Gefühl von Enttäuschung. Ich merkte jetzt, daß ich feit dem Augenblick, wo ich unser Haus betreten hatte, ganz und gar von einem einzigen, sehnlichen, verzehrenden Wunsch erfüllt gewesen war. Ich hatte -nichts anderes gedacht, gewünscht, ersehnt, als daß das Gewitter nun ausbrechen möge, daß das Gericht über mich ergehe, daß das Furchtbare zur Wirklichkeit werde und die entsetzliche Angst davor aufhöre. Ich war auf alles gefaßt, zu allem bereit gewesen. Mochte ich schwer gestraft, geschlagen und einge-sperrt werden! Mochte er mich hungern lassen! Mochte er mich verfluchen und verstoßen! Wenn nur die Angst und Spannung ein Ende nahm! Statt dessen lag ich nun da, hatte noch Liebe und Pflege genossen, war freundlich geschont und für meine Unarten nicht zur Rechenschaft gezogen worden und konnte nun aufs neue warten und bangen. Sie hatten mir die zerrissenen Kleider, das lange Fortbleiben, das versäumte Abendessen vergeben, weil ich ein wenig müde war und blutete und ihnen leid tat, vor allem aber, weil sie das andere nicht ahnten, weil sie nur von meinen Unarten, nichts von meinem Verbrechen wußten. Es würde mir doppelt schlimmgehen, wenn es nun ans Licht kam! Vielleicht schickte man mich, wie man früher einmal gedroht hatte, in eine solche Besserungsanstalt, wo man alles, hartes Brot essen und während der ganzen Freizeit Holz sägen und ©tiefet putzen mußte, wo es Schlafsäle mit Aufsehern geben sollte, die einen mit dem Stock schlugen und morgens um vier Ühr mit kaltem Wasser weckten. Oder man übergab mich der Polizei? Jedenfalls aber, es komme wie es möge, lag wieder eine Wartezeit vor mir. Roch länger muhte ich die Angst ertragen, noch länger mit meinem Geheimnis herumgehen, vor jedem Blick und Schritt im Haufe zittern und niemand ins Gesicht sehen können. Oder es war am Ende möglich, daß mein Diebstahl gar nicht bemerkt wurde? Daß alles -blieb, wie es war? Daß ich mir alle diese Angst und Pein vergebens gemacht hatte? — O, wenn das geschehen sollte, wenn dies Unausdenktiche, Wundervolle möglich war, dann wollte ich ein ganz neues Leben beginnen, dann wollte ich Gott danken und mich dadurch würdig zeigen, daß ich Stunde für Stunbe' ganz rein und fleckenlos lebte! Was ich schon früher versucht hatte und was mir mißglückt war, jetzt würde es gelingen, jetzt war mein Vorsatz und Wille stark genug, seht nach diesem Elend, dieser Hölle von Oual! Mein ganzes Wesen bemächtigte sich dieses Wunschgedankens und sog sich daran fest. Trost regnete vom Himmel, Zukunft tat sich blau und sonnig auf. In diesen Phantasien schlief ich endlich em und schlief unbeschwert die ganze, gute Nacht hindurch. Am Morgen war Sonntag, und noch im Bett empfand ich, wie den Geschmack einer Frucht, das eigentümliche, sonderbar gemischte, im ganzen aber so köstliche Sonntagsgefühl, wie ich cs feit meiner Schulzeit kannte. Der Sonntagmorgen war eine gute Sache: Ausschlafen, keine Schule, Aussicht auf ein gutes Mittagessen, kein Geruch nach Lehrer und Tinte, eine Menge freie Zeit. Dies war die Hauptsache. Schwächer nur klangen andere, fremdere, fadere Töne hinein: Kirchgang oder Sonntagsschule, Familienspaziergang, Sorge um die schönen Kleider. Damit wurde der reine, gute, köstliche Geschmack und Duft ein wenig verfälscht und zersetzt — so wie wenn zwei gleichzeitig gegessene Speisen, etwa ein Pudding und der Saft dazu, nicht ganz zusammenpaßten, oder wie zuweilen Bonbons oder Backwerk, die man in kleinen Lüden geschenkt bekam, einen fatalen leisen Beigeschmack von Käse oder von Erdöl hatten. Man aß sie, und sie waren gut, aber es war nichts Volles und Strahlendes, man mußte ein Auge dabei zudrücken. Nun, so ähnlich war meistens der Sonntag, namentlich wenn ich in die Kirche ober Sonntagsschule gehen mutzte, was zum Glück nicht immer der Fall war. Der freie Tag bekam dadurch einen Beigeschmack von Pflicht und von Langeweile. Und bei den Spaziergängen mit der ganzen Fnmili'e, wenn sie.auch oft schön sein konnten, passierte gewöhnlich irgend etwas, es gab Streit mit den Schwestern, man ging zu rasch ober zu langsam, man brachte Harz an die Kleider; irgendein Haken war meistens dabei. Nun, das mochte kommen. Mir war wohl. Seit gestern war eine Masse Zeit vergangen. Vergessen hatte ich meine Schandtat nicht, sie fiel mir schon am 'Morgen wieder ein, aber es war nun so lange her, die Schrecken waren serngerückt und unwirklich geworden. Ich hatte gestern meine Schuld gebüßt, wenn auch nur durch Gewissensqualen, ich hatte einen bösen, jammervollen Tag durchlitten. Nun war ich wieder zu Vertrauen und Harmlosigkeit geneigt und machte mir wenig Gedanken mehr. Ganz war es ja noch nicht abgetan, es klang noch ein wenig Drohung und Peinlichkeit nach, so wie in den schönen Sonntag jene kleinen Pflichten und Kümmernisse mit hineinklangen. Beim Frühstück waren wir alle vergnügt. Es wurde mir die Wahl zwischen Kirche und Sonniagsfchu-le gelassen. Ich zog, wie immer, die Kirche vor. Dort wurde man wenigstens in Ruhe gelassen und konnte seine Gedanken laufen lassen; auch war der hohe, feierliche Raum mit den bunten Fenstern ost schön und ehrwürdig, und wenn man mit eingekniffenen Augen durch das lange dämmernde Schiff gegen die Orgel sah, dann gab es manchmal wundervolle Bilder; die aus dem Finstern ragenden Orgelpfeifen erschienen oft wie eine strahlende Stadt mit hundert Türmen. Auch war es mir oft geglückt, wenn die Kirche nicht voll war, die ganze Stunde ungestört in einem Geschichtenbuch zu lesen. Heut nahm ich keines mit und dachte auch nicht daran, mich um den Kirchgang zu drücken, wie ich es auch schon getan hatte. So viel klang von gestern abend noch in mir nach, daß ich gute und redliche Vorsätze hatte und gesonnen war, mich mit Gott, Eltern und Welt freundlich und gefügig zu vertragen. Auch mein Zorn gegen Oskar Weber war ganz und gar verflogen. Wenn er gekommen wäre, ich hätte ihn au-fs beste aufgenommen. Der Gottesdienst begann, ich sang die Choralverse mit, es war das Lied „Hirte deiner Schafe", das wir auch in der Schule auswendig gelernt hatten. Es fiel mir dabei wieder einmal auf, wie ein Liederoers beim Singen, und gar bei dem schleppend langsamen Gesang in der Kirche, ein ganz anderes Gesicht hatte als beim Lesen oder Herfagen. Beim Lesen war so ein Vers ein Ganzes, hatte einen Sinn, bestand aus Sätzen. Beim Singen bestand er nur noch aus Worten, Sätze kamen nicht zustande, Sinn war keiner da, aber dafür gewannen die Worte, die einzelnen, ge= funaenen, langhin gedehnten Worte ein sonderbar starkes, unabhängiges Leben, ja, oft waren es nur einzelne Silben, etwas an sich ganz Sinnloses, die im Gef-ang se-lbständkg wurden und Gestalt anna-hmen. In dem Vers „Hirte deiner Schafe, der von keinem Schlafe etwas wissen mag" war zum Beispiel heute beim Kirchengesang gar kein Zusammenhang und Sinn, man dachte auch weder an einen Hirten noch an Schafe, man dachte durchaus gar nichts. Aber bas war keineswegs langweilig. Einzelne Worte, namentlich das „Schla—a—fe", wurden fo seltsam voll und schön, man wiegte sich ganz darin, und auch das „mag" tönte geheimnisvoll und schwer, erinnerte an „Magen" und an dunkle, gefühlsreiche, halbbekannte Dinge, die man in sich innen im Leibe hat. Dazu die Orgel! Und dann kam der Siadtpfarrer und die Predigt, die stets so unbegreiflich lang war, und das seltsame Zuhören, wobei man oft lange Zeit nur den Ton der redenden Stimme glockenhafi schweben hörte, dann wieder einzelne Worte scharf und deutlich samt ihrem Sinn vernahm und ihnen zu folgert bemüht war, solange es ging. Wenn ich nur im Chor hätte sitzen dürfen, statt unter all den Männern auf der Empore. Im Chore, wo ich bei Kirchenkonzerten schon gesessen hatte, da saß man tief in schweren, isolierten Stühlen, deren jeder ein kleines festes Gebäude war, und über sich hatte man ein sonderbar reizvolles, vielfältiges, netzartiges Gewölbe, und hoch an der Wand war die Bergpredigt in fünften Farben gemalt, und das blaue und rote Gewand des Heilandes auf dem blaßblauen Himmel war so zart und beglückend anzufehen. Manchmal knackte das Kirchengeftühl, gegen bas ich eine tiefe Abneigung hegte, weil es mit einer gelben, öden Lackfarbe gestrichen war, an der man immer ein wenig kleben blieb. Manchmal summte eine Fliege auf und gegen eines der Fenster, in deren Spitzbogen blaurote Blumen und grüne Sterne gemalt waren. Und unversehens war die Predigt zu Ende, und ich streckte mich vor, um den Pfarrer in seinen engen, dunklen Treppenschlauch verschwinden zu sehen. Man sang wieder, aufatmend und sehr laut, und man stand auf und strömte hinaus; ich warf den mitgebrachten Fünfer in die Opferbüchse, deren blecherner Klang so schlecht in die Feierlichkeit paßte, und ließ mich vom Menschenstrom mit ins Portal ziehen und ins Freie treiben. Jetzt kant die schönste Zeit des Sonntags, die zwei Stunden zwischen Kirche und Mittagessen. Da hatte man seine Pflicht getan, man war im d Steindruckerei, D. Lange, Gießen. Verantwortlich: vr. Hans Lhyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch-- un langen Sitzen auf Bewegung, auf Spiele oder Gange begierig geworden, , ober auf ein Buch, und war völlig frei bis zum Mittag, wo es meistens j etwas Gutes gab. Zufrieden schlenderte ich nach Hache, ungefüllt mit , freundlichen Gedanken und Gesinnungen. Die Welt war tn Ordnung, e» ließ sich in ihr leben. Friedfertig trabte ich durch Flur und Treppe hinaus. In meinem Stübchen schien Sonne. Ich sah nach meinen Naupen- kästen, die ich gestern vernachlässigt hatte, fand ein paar neue Puppen, gab den Pflanzen frisches Wasser. Da ging die Tür. JK achtete nicht gleich darauf. Nach einer Minute wurde die Stille mir sonderbar: ich drehte nrich um. Da stand mein Vater. Lr war blaß und sah gequält aus. Der Gruß blieb mir im Halse stecken. Ich sah- er mußte! Er war da. Das Gericht begann. Nichts war gut geworden, mch^ abgebüßt, nichts vergessen! Die Sonne wurde bleich, und der Sonntag- • morgen sank welk dahin. Aus allen Himmeln gerissen starrte ich dem Vater entgegen. Ich haßte ihn, warum war er nicht gestern gekommen? Jetzt war ich auf nichts vorbereitet, hatte nichts bereit, nicht einmal Reue und Schuldgefühl. — sind wozu brauchte er oben in seiner Kommode Feigen zu haben. Er ging zu meinem Bücherschrank, griff hinter die Bücher und zog einige Feigen hervor. Es waren wenige mehr da. Dazu sah er mich an, mit stummer, peinlicher Frage. Ich konnte nichts sagen. Leid und Tr tz würgten mich. Was ist denn?" brachte ich dann heraus. "Woher hast du diese Feigen?" fragte er, mit einer beherrschten, leisen Stimme, die mir bitter verhaßt war. ' Ich begann sofort zu reden. Zn lügen. Ich erzählte, daß ich die feigem bei einem Konditor gekauft hätte, es sei ein ganzer Kranz gewesen. Woher das Geld dazu kam? Das Geld kam aus einer Sparkasse, die ich gemem- snm mit einem Freunde hätte. Da hatten wir beide alles kleine Geld hineingetan, das wir je und je bekamen. Uebngens — hier war die Kasse. Ich holte die Schachtel , mit dem Schlitz hervpr. Jetzt war bloß noch ein Zehner darin, eben weil wir gestern die Feigen gekauft hatten. Mein Vater hörte zu, mit einem stillen, beherrschten Gesicht, dem ich nichts glaubte. „Wieviel haben denn die Feigen gekostet?" fragte er mu der zu leisen Stimme. „Eine Ntark und sechzig." „Und wo hast du si« gekauft? „Beim Konditor." „Bei welchem?" „Bei Haager." , . gab eine Pause. Ich hielt die Geldschachtel noch in frierenden Fingern. Alles an mir war kalt und fror. „Und nun {ragte er, mit einer Drohung in der Stimme: „Ist das wahr?" r . . „ . Ich redete wieder rasch. Ja, natürlich war es wahr, und mein Freund Weber war im Laden gewesen, ich hatte ihn nur begleitet. Das Geld hatte hauptsächlich ihm, dem Weder, gehört, von mir war nur wenig dabei. „Nimm deine Mütze," sagte mein Vater, „wir wollen miteinander zum Konditor Haager gehen. Er wird ja wissen, ov es wahr ist. Ich versuchte zu lächeln. Nun ging mir die Kälte bis zu Herz und Maaen. Ich ging voran und nahm im Korridor meine blaue Mutze. Der Vater öffnete die Glastür, auch er hatte, feinen Hut genommen. „Noch einen Augenblick!" sagte ich, „ich muß noch schnell hinaus- geben." . , Er nickte. Ich ging auf den Abtritt, schloß zu, war allem, war noch einen Augenblick gesichert. O, wenn ich jetzt gestorben wäre. Ich blieb eine Minute, blieb zwei. Es half nichts. Man starb nicht. Es galt standzuhalten. Ich schloß auf und kam. Wir gingen die -treppe hinunter. Ms wir eben durchs Haustor gingen, fiel mir etwas Gutes em, und ich sagte schnell: „Aber heut ist ja Sonntag, da hat der Haager gar n* Nas^ war eine Hoffnung, zwei Sekunden lang. Mein Vater sagte gelassen: „Dann gehen mir zu ihm in die Wohnung. Komm. Wir gingen. Ich schob meine Mütze gerade, steckte eine Hand in die Tasche und versuchte neben ihm daher zu gehen, als sei nichts Besonderes los. Obwohl ich wußte, daß alle Leute mir ansahen, ich sei ein abgefuhrter Verbrecher, versuchte ich doch mit tausend Künsten, es zu verheimlichen. Ich bemühte mich, einfach und harmlos zu atmen; es brauchte niemand zu sehen, wie es mir die Brust zufammenzog. Ich war bestrebt, ein argloses Gesicht zu machen, Selbstverständlichkeit und Sicherheit zu heucheln. Ich zog einen Strumpf hoch, ohne -daß er es nötig hatte, uud kachelte, während ich wußte, daß dies Lächeln furchtbar dumm unb künstlich aus- sehe. In mir innen, in Kehle und Eingeweiden, saß der Teufel und würgte mich. - Wir kamen am Gasthaus vorüber, beim Hufschmied, beim Lohnkutscher, bei der Eisenbahnbrücke. Dort drüben hatte ich gestern abend mtt Weber gekämpst. Tat nicht der Riß beim Auge noch weh? Mein Gott! Mein Gott! Willenlos ging ich weiter, unter Krämpfen um meine Haltung bemüht An der Adlerscheuer vorbei, die Bahnhofstraße hinaus. Wie war diese Straße gestern noch gut und harmlos gewesen! Nicht denken! Weiter I Weiter! Wir waren ganz nahe bei Haagers Haus. Ich hatte in diesen paar Minuten einige hundertmal die Szene voraus erlebt, die mich dort erwartete. Niin waren wir da. Nun tarn es. Aber es war mir unmöglich, das auszuhalten. Ich blieb stehen. „Nun? Was ist?" fragte mein Vater. „Ich gehe nicht hinein", sagte ich leise. Er sah zu mir herab. Er hatte es ja gewußt, von Anfang an. Warum hatte ich ihm das alles vorgespielt., und mir so viel Mühe gegeben? Cs hatte ja keinen Sinn. „Hast du die Feigen nicht bei Haager gekauft?" fragte er. Ich schüttelte den Kopf. „Ach so", sagte er mit scheinbarer Ruhe. „Dann können mir ja wieder nach Hause gehen." Er benahm sich anständig, er schonte mich auf der Straße, vor den Leuten Es waren viele Leute unterwegs, jeden Augenblick wurde mein Vater gegrüßt. Welches Theater! Welche dumme, unsinnige Quai! Ich konnte ihm für diese Schonung nicht dankbar sein. Er wußte ja alles! Und er ließ mich tanzen, ließ mich meine nutzlosen Kapriolen vollführen, wie man eine gefangene Mails in der Drahtfalle tanzen läßt, ehe man sie ersäuft.. Ach, hätte er mir gleich zu Anfang, ohne mich überhaupt zu fragen und zu verhören, mit dem Stock über den Stopf gehauen, das wäre mir im Grunde lieber gewesen als diese Ruhe und GerSchiigkeit, mit der er mich in meinem dummen Lügengespinst einkreiste und langsam erstickte. Ueberhaupt, vielleicht war es besser, einen graben Vater zu haben, als so einen seinen und gerechten. Wenn ein Vater, so wie es in Geschichten und Traktätchen vorkam, im Zorn oder in der Betrunkenheit feine Kinder furchtbar prügelte, so war er eben im Unrecht, und wenn die Prügel auch weh taten, so kannte man doch innerlich die Achseln zucken und ihn verachten. Bei meinem Vater ging das nicht, er war zu fein, zu einwandfrei, er war nie im Unrecht! Ihm gegenüber wurde man immer klein und elend. Mit zusammengebissenen Zähnen ging ich vor ihm her ins Haus und wieder in mein Zimmer. Er war noch immer ruhig und kühl, vielmehr er stellte sich so, denn in Wahrheit war er, wie ich deutlich spürte, sehr böse. Nun'begann er in seiner gewohnten Art zu sprechen. „Ich möchte nur wissen, wozu diese Komödie dienen soll? Kannst du mir das nicht sagen? Ich wußte ja gleich, daß deine ganze hübsche Geschichte erlogen war. Also wozu die Faxen? Du hältst mich doch nicht tm Ernst für so dumm, daß ich sie dir glauben würde?" Ich biß weiter auf meine Zähne und schluckte. Wenn er doch aushören wollte! Als ob ich selber gewußt hätte, warum ich nicht mein Verbrechen gestehen und um Verzeihung bitten konnte! Als ob ich selber auch nur gewußt hätte, warum ich diese unseligen Feigen stahl! Hatte ich das denn gewollt, hatte ich es denn mit Ueberlegung und Wissen und aus Gründen getan?! Tat es mir denn nicht leid? Litt ich denn nicht mehr darunter als er? Er wartete und machte ein nervöses Gesicht voll mü-famer Geduld. Einen Augenblick lang war mir selbst die Lage vollkommen Har, im - Unbewußten, doch hätte ich es nicht wie heut mit Worten sagen können. • Es war so: Ich hatte gestohlen, weil ich trostbedürftig in Vaters Zimmer gekommen war und es zu meiner Enttäuschung teer gesunden hatte. Ich hatte nicht stehlen wollen. Ich hatte, als der Vater mcht da war, nur spionieren wollen, mich unter seinen Sachen umsehen, seine Geheimnisse belauschen, etwas über ihn erfahren. So war es. Dann lagen Feigen Da, und ich stahl. Und sofort bereute ich, und den ganzen Tag gestern hat « ich Qual und Verziveiflung gelitten, hatte zu sterben gewünscht, Witte mich verurteilt, hatte neue, gute Vorsätze gefaßt. Heut aber — ja, hem war es nun anders. Ich hatte diese Reue und all das nun ausgekostet, ich war jetzt nüchterner, und ich spürte unerklärttche, aber riesenstarke Widerstände gegen den Vater und gegen alles, was er von mir erwartete und verlangte. Hätte ich ihm das sagen können, so hätte er mich verstanden. ,Aber auch Kinder, so sehr sie den Großen an Klugheit überlegen sind, stehen einsam und ratlos vor dem Schicksal. Steif vor Trotz und verbisseneni Weh schwieg ich weiter, ließ ihn klug- reden und sah mit Leid und seltsamer Schadenfreude zu, wie alles schief ging und schlimm und schlimmer wurde, wie er litt und enttäuscht war, wie er vergeblich an alles Bessere in mir appellierte. Als er ‘fragte: „Also hast du die Feigen gestohlen?,", konnte ich nur nicken. Mehr als ein schwaches Nicken brachte ich auch nicht über mich, aD er wissen wollte, ob es mir leid tue. — Wie konnte er, der große, kluge Mann, so unsinnig fragen! Als ob es mir etwa Ni ch t leid getan hatte. Ms ob er nicht hätte sehen können, w i e mir das Ganze weh tat und Herz umdrehte! Als ob es mir möglich gewesen märe, mich etwa gm noch meiner Tat und der elenden Felgen zu freuen! Vielleicht zum erstenmal in meinem kindlichen Leben empfand >H fast bis zur Schwelle der Einsicht und des Bewußtwerdens wie namenlos zwei verwandte, gegeneinander wohlgesinnte Menschen sich mHverst-> un-d quälen und martern können, und wie dann alles Reden, alles S ß» seinwollen, alle Vernunft bloß noch Gift hmzugießt, bloß neue Qualen, neue Stiche, neue Irrtümer schafft. Wie mar das ‘ möglich, es geschah. Es war unsinnig, es war toll, es war zum -acrAn und zum Verzweifeln — aber es war so. Genug nun von dieser Geschichte! Es ^dete damit, daß ich über den Sonntagnachmittag in der Dachkammer Welche freilich ihrer Schrecken verlor die harte Strafe dura) Umstande,■ lr mein Geheimnis waren. In der dunkeln, unbenutz en Bodenkammer j an nämlich tief verstaubt eine Kiste, halb voll mit alten Auchern von denm, einige keineswegs für Kinder bestimmt waren. Das Lucht zum ~e]en g wann ich durch das Beiseiteschieben eines Dachziegels. , Am Abend dieses traurigen Sonntags Sekang es meinem Baten W vor Schlafengehen mich noch zu einem kurzen Gespr ch z Mr uns versöhnte. Ms ich im Bette lag, hatte ich die Gewihhe t daß er nn ganz und vollkommen verziehen habe — vollkomm-. m i 1 —_