SichenerZamUriKlätter Hummer 29 Ao hat sie IM Fruhimg einen Busch mit Blättern getrieben und der tunimni WBÄ"iggg? ÄL "»»" »Z Ä^W-S-Ä PMÄ88 WWW« ä“ä*ä «sä sä,ts L"L «"»Ää'pM"!»11'- ä1 ä't- -'s-st schäft gegen die Art vom Moor! Sßns mTint ' ihr? ^DietteiLL^"b' gäry&b$£'s,^"J"'S:,Äi'i,la se »™ ZMW5ZRZMZ Bor Ostern. Bon Richard von Schaukal. Ich bin am Bach gewesen. Er ist stumm, sonst ging der Schnee in seinem Rieseln um. Die Bäume stehen noch ganz starr und nackt: sie ächzen, wenn des Nachts der Sturm sie packt. Im Garten aber längs dem Gittertor Itrebt an der Hecke grüner Hauch hervor. *‘,nb Manchmal zwitscherns so vom Hang ins Haus als richteten sie eine Botschaft aus. B ’ Unb Primeln sind schon da und Veilchen auch, es duftet leise nach bescheidnem Brauch. Die graue Luft ist leicht und dürftig-rein, eb t«nn nicht mehr so weit zum Frühling sein. Die Geschichte vom Ahweerbusch. Von Hans Friedrich Blunck. ZMMSWZZW in'6' s'ble ®t,,rfe !,at eben ducken gekriegt, lauter weiße Zuckerkücken/' " o"5 beJ kleine Junge hörte, ließ er Ahlbeere Ahlbeere sein patjrfjie sich hoch und wollte zum Hühnerhof. Aber weil er nicht io Leit Aufeu durfte, steckte er nur beide Hände in den Mund und lab ™ Verfangen zum Kakelstall mit den Zuckerkücke-,. ftng an zu weiü und 1 ganz, baß er bie kleine schwarze Ahlbeere hatte holen wollen. mn,nf sollte das Zlusschnetben aber boch nicht so recht bekommen. Kamn war sie den kleinen Jungen los, ba saust furresurre eine dicke ®ein> gernbe über dem Kopf der süßen schwarzen Ahlbeere Was bat bie litt» urchtevlich erschrocken! Bitte, bitte, tu mir nichts" sagtt sie ganz lau? mir? m fummende Wespe es hören mußte. „Bitte, stich Mick? nicht ich m dir auch verratm, das; hinter mir in der Küche all nieine Geschwister »"t Zucker eingemacht werden." Als bie Wespe bas Wort dicker hörte ~ hu/l du nicht gesehen, — weg war sie und in die Küchentür hinein’ u.an horte bte Frau gleich schreien unb mit der Schürze schlagen/ ' ' h- Ahlbeere kam aber immer noch nicht zur Ruhe. Kaum mar fie b e J®*l^/ns'J?a /tund ein ungeheurer Riese dicht neben ihr Der Riese ÄtteÄauÄiirä °-ch» N«dS-WL«ss SSL «an,1» L S als der Sch,?i »L,! - lebensgefährlich war es für bie kleine Ahlbeere ^"Neck"'keLen^Lm"L?^ bringen. Dje Ahlbeere war außer sich zappelnden Wurm und einem Weizens?» en einem Zwickt, übers Hausdach hinüber Richt die 9tnn»»' 6^>rückt unb ge- oor Angst. 9 ' -"-V die Augen aufmachen konnte fie Gerade übe^ b^"^D?chrimiFttümmte^stck her* CtUM3™?U viel zugemutet, erbärmlich. Sie wollte ihn fester nnrfJF a™.c AZurm noch einmal «ÄÄ Ä'ÄÄt S7"- der ift kindsgroß und hat eine rote Müke auf iLtii roSr- xt)r mi6t- er ßWfiÄ1? rBS «« L Rullertjes langweilt^ st!h ja sehr als O?iw V„i7 nod,'?a/ bie beiden Grütze mehr hatte. Ohm Pullewan-, L»m? sid ^nn heute keine rote Stuben haben. So ließ er fie in der Oachrin» nicht in seiner guten MZUWIWW EASL'-L-LtzN-- ZMSVL-SSL-N „®eht nach Haus, Jungens", sagte er noch mahnend. «L. '* , Der Alte wollte erst nicht recht, aber er sah ein bah er das «i- Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Z°»rg-nsM7 - WstterpropheLen ernst und jetzt. Don Prof. Dr. L. Weick in a n n, Leipzig. Es ist nicht verwunderlich, daß die Menschen sich von altersster ihre Gedanken über das Wetter gemacht haben, von bem ja fast Tag für Tag ihr Leben und ihre Arbeit wie ihre Erholung beeinflußt wird. Es ist auch ganz begreiflich, dah das Wetter das beliebteste Änterhaltungsthema ist, es gibt nur noch zwei Dinge, Die gleich einflussreich sind, das Geld und die Liebe. Aus drei Quellen hauptsächlich fliehen die Anschauungeii des Volkes über das Wetter. Die ergiebigste und wohl zugleich älteste ist die Astrologie, ihr folgt die Religion, endlich die Beobachtung. Natürlich lassen sich nicht selten auch in ein und derselben Anschauung Spuren aus allen dreien Nachweisen. Wieviel wir aus den astrologischen Theorien, des Altertums und des Mittelalters in unsere Zeit hinein gerettet haben, wissen die wenigsten. Dah unsere ganze Zeiteinteilung der Woche mit sieben Sagen auf die früher nur bekannten sieben Planeten znrückgeht, sagen uiis heute noch unsere Wochentagsbezeichnungen. Da man von jeher gewisse anscheinend periodisch wiederkehrende Dorgänge im Wetter beobachtet hatte, und einer der markantesten davon, die Jahresperiode, deutlich mit dem Stande der Sonne zusammenhing, auherdem die Ebbe und Flutbewegung der Meere mit dem Monde sich veränderte, so lag an sich der Schluß nahe, dah auch die anderen Wandelsterne ihren Cinfluh auf die Erde haben mühten. Je geheimnisvoller die selbständigen Dahnen dieser Planeten schienen, desto näher lag die Dermutung, dah auch geheimnisvolle Zusammenhänge der Planeten mit dein menschlichen Leben vorhanden fein mühten, und vor allem glaubte man, und tut es z. T. auch heute noch — an den Einfluß der Planeten aufs Wetter. Da man jedem Planeten eine bestimmte Natur andichtete, heiß, kalt, trocken, nah usw., so brauchte man nur jedem Jahr einen Planeten als Regenten beizugeben und hatte dann im Wechsel von sieben Jahren alles, was man brauchte. Für die einzelnen Monate untersuchte man dann die sog. Konjunktionen, d. h. das Zusammen- treffen der Planetenstellung mit einem Tierlreiszeichen und konnte daraus dann den Charakter des Monats feststellen, z. B. Jupiter im Zeichen des Wassermanns bedeutet natürlich viel Negen. Auf diese einfache, auf unbegrenzte Zeiten anwendbare Weise ist z. B. der sog. 100jährige Kalender entstanden, der seinen Namen nicht, wie viele meinen, daher hat, dah er auf lOOjähriger Erfahrung beruht, sondern daher, dah er im Jahre 1700 von dem Kulmbacher Abt Knauer auf 100 Jahre voraus berechnet worden ist, eben auf Grund der sieben Planetenperiode. Durch solche Planetenkalender wurde im übrigen nicht nur das Wetter geregelt, sondern man erfuhr auch gleich, an welchem Tage man sich zur Ader lassen, oder sich baden solle usw. Wenn mehrere Planeten innerhalb eines Monats bei einem bestimmten Tierkreisbilde zur Konjunktion kamen, so wurde das Bild der Witterung entsprechend variabel. Ein anderer Dolksglaube bezieht sich auf einen der Planeten ganz besonders, das ist der gute Mond. Während die meisten Mondgläubigen den Einfluß des Mondes nur für Vollmond und Neumond gelten lassen, haben die Propheten sich mehr oder weniger komplizierte Shsteme ausgedacht. Es hat im Laufe der Zeit über 100 Wetterpropheten gegeben, die alle in der Hauptsache auf den Mond ihre Hoffnungen gesetzt haben, sie alle fanden ihr Publikum, und manch einer hat viel Geld verdient, einige sind sozusagen mit einem Schlage berühmt geworden. Zu ihnen gehört der Engländer Murphy, der einen Wetterkalender für das Jahr 1838 herausgab, in dem er schrieb: „Der 20. Januar 1838 wird voraussichtlich die tiefste Wintertemperatur bringen.“ Siehe da, das Thermomeier sank in London an diesem Sage aus — 20 Grad Celsius, eine für London ganz unerhört tiefe Semperatur. Der Ruhm Murphys war gemacht, sein Kalender erlebte in einem Jahre 45 Auflagen und er verdiente rund 60 000 Mark, für die damalige Zeit eine sehr anständige Einnahme. Srohdem seine übrigen Prognosen zu über 50 Prozent gänzlich falsch waren, lebte er noch zehn Jahre lang von seinem langsam verblassenden Ruhme; der letzte Kalender erschien 1848, fand aber keinen Absatz mehr. Auch in unseren Sagen gibt es solche Propheten.- Wenn man ihre Prognosen an Hand der genauen Aufschreibungen des Wetters prüft, so findet man meist etwas über 50 bis 60 Prozent Treffer, das ist in Wirklichkeit der Beweis für Dlindlingsprognosen, die man sich auch an den Knöpfen abzählen kann, denn es ist ja ebenso schwierig, lauter falsche Prognosen zu machen als lauter richtige. Nun soll man allerdings nicht denken, daß die zunftmähige Wissenschaft die Mondfrage abgelehnt habe. Man könnte eine ganze Bibliothek füllen mit den wissenschafttichen Untersuchungen, die zum Nachweis eines ONondeinflufses angestellt sind und einzelne schwache Spuren eines solchen wurden auch entdeckt, die aber hinter den anderen mächtigeren Faktoren gänzlich zurücktreten. Die zweite Gruppe, die hier in Betracht kommt, beschäftigt sich vor allen Dingen mit dem Einfluß der Heiligen des christlichen Kalenders auf das Wetter, und die dritte Gruppe endlich fußt auf Beobachtung. Es handelt sich bei den oft in Reimen gefaßten Wetterregeln entweder um merklich mehr oder weniger auftretende Erscheinungen, die dann einem um die fragliche Zeit treffenden Heiligest zugeschrieben werden, oder sie entbehven jeder Begründung und scheinen nur dem Reim zuliebe festgehalten zu werden. Auf Beobachtung beruhen z. D. die sog. Eisheiligen, ein durch sorgfältige Alnter- suchungen wiederholt bestätigter, in der ersten Hälfte des Mai eintret enber Kälteeinbruch ober Regeln, wie .Matheis bricht's Eis, hat er kelns, so macht er eins", was die ebenfalls als häufig beobachtete Erscheinung wiedergibt, daß im allgemeinen ber Winter mit Ausgang Februar (Matthäus ist am 24. Februar) auch fein Ende findet, daß aber in einem abnorm warmen Winter oft gerade Ende Februar eine Kältewelle einseht. Merkwürdig ist, daß für die markante Erscheinung des großen, säst alljährlich austretenden Kälteeinbruchs Mitte Juni keine Kalenderregel gilt, die den Namen eines Heiligen trägt, sie ist nur bekannt unter dem Namen der Schafkälte, weil sie in die Zeit der Schafschur fällt, bei der sich die Schafe meist erkälten. Es ist eine sehr amüsante Aufgabe, die mehr oder weniger große Gründlichkeit, Tiefe und Zuverlässigkeit solcher Bolksanschauungen an der Hand des Beobachtungsmaterials zu prüfen. In dieser Beziehung hat also die moderne Forschung sich durchweg auf den Standpunkt gestellt, nicht unachtsam an diesen Schätzen einer lOOjährigest Erfahrung vorüberzugehen, sondern sorgfältig die Spreu vom Weizen zu trennen. Zum Schluß sei noch kurz auf die Astrometeovologie eingegangen, an der ihre Anhänger mit besonderer Zähigkeit festhalten. Neuers Untersuchungen haben ergeben, daß es in der Tat beim Wetter Regelmäßigkeiten, Gesetzmäßigkeiten und Perioden gibt, die aber ihren Grund hauptsächlich im Dau ber Erdoberfläche, nicht aber in irgendeinem geheimnisvollen Einfluß der Planeten haben. Z. D. ber nordamerikanische Kontinent ist Sommer und Winter Urheber mehr oder weniger regelmäßiger Wellen, die in die allgemeine Zirkulation ber Atmosphäre eintreten. Wenn man nun den Rhythmus verfolgt, der in gewissen Vorgängen der Atmosphäre steckt, so findet man, daß es aus der Nordhemisphäre die Zeiten 6, 8, 12 und 24 Tage, auf der Südhemisphäve 7, 12, 16 und 32 Tage sind. Es ist also ein Rhythmus vorhanden, der sehr nahe mit der Mondphasenlänge zusammenfällt, aber nicht der Mond ist es, der dieses atmosphärische Instrument zum Schwingen bringt, sondenr die Erde selbst gibt den Ton an. So bietet sich uns durch sorgfältige wissenschaftliche Forschung häufig alter Glaube in neuem Gewände. Es ist zu hoffen, daß damit mancher Zwiespalt zwischen dem Laien und dem Gelehrten, der in der Wetterkunde auch in unseren Tagen noch vorhanden ist, schwinden wird. Oft steckt im Volksglauben ein Körnchen Wahrheit, aber es ist tief verborgen, und nur sorgfältige Gelehrtenarbeit vermag es an das Tageslicht zu befördern. in „Natürlich!" ,lrh ,/Öas sollst du wohl bleiben lassen", lachte Melusine und legte ) geschmeidig in einen Bogen. mal aufpassen! Sie waren in die Nähe von Weyerhorst gekommen. Herr von der bym hatte am Mittag Eis schlagen lassen, ein Streifen offenen Wassers zog M einiger Entfernung vom Ufer dunkel hin. „Wer kann hier rüberfpringen?" frug Ontje. „Mit Schlittschuhen?" Ontje Arps. Erzählung von Manfred Hausmann. (Schluß.) In Brathude kletterte Ontje aus dem Zug. Vormittags war eine feine Schneewolke über das Dorf hingestäubt, nun lagen die Dächer und Gärten verwundert unter dem silbernen Anhauch, der nicht wieder weichen wollte. Die Sonne schien frostig herab. Es schlug drei Uhr. Ontje lies, um warm zu werden, klappernd die Straße entlang, er schwang seine Schlittschuhe im Kreise und atmete Dampfwolken in die Lust. Im Vorbeilungern fing er sich eine Handvoll Schnee von einer Mauer, die er zu einer Zigarre zusammendrückte und behaglich verspeiste. Als er an der Northeschleuse stand, konnte er ganz dahinten, jenfeit der vereisten Wiesen, Weyerhorst im Dunst der winterlichen Ebene liegen sehen. Zuweilen sausten Schleier aus Schneestaub über die Eisfläche, drehten sich glitzernd in die Sonne empor, schlugen zurück und stoben weiter. Ontje band seine Schlittschuhe fest und schwenkte sich mit den Schleiern dahin Hei, wie verwegen ihm heute ums Herz war hier draußen in Sonne und Eis! Man konnte das Licht mit den Händen packen, man konnte den Frost mit der Zunge ein« schlürfen! Ein weißer Wirbel schimmerte hoch und warf sich mit scharfem Prickeln an ihm vorbei. Er kniff die Augen zu und stampfte auf. Weiter! Ratsch, ritsch, ratsch, ratsch. Als er drei Viertel des Weges hinter sich hatte, glitten ihm zwei Punkte entgegen, wurden größer, wurden Menschen, er glaubte Hinnerk zu erkennen. Ja, der eine war Hinnerk! Und der zweite? Es sah fast fo aus, als ob es Melusine . . . natürlich Melusine! Ontje ließ sich vom Winde treiben und ärgerte sich. , . , Nachher stellte sich heraus, dah Melusine sogar aus Stahlschlcktjchuhen lief. Ontje und Hinnerk besaßen nur hölzerne mit einer Cisenschiene, wie es sich für Menschen gehört, die nicht über himmelschreiende Reichtümer verfügen. Aber das muhte man Melusine lassen, sie brachte auf ihren angeschraubten Dingern die erstaunlichsten Kunststücke zustande, sie Wim Bogen, vorwärts und rückwärts, sie beschrieb eine Acht und wiegte sich im Walzertakt. Immerhin brauchte man deswegen nicht gleich so gewaltige Lobesworte im Munde zu führen, wie Hinnerk es für nötig zu halten schien. Ontje nahm ihn beiseite. „Jedesmal, wenn ich dich besuche, ist öie|« Hexe mit ihren {tätigen Beinen da." . „Meine Eltern laden sie oft ein, weiht du, sie mögen sie gern leiden. „Ich könnte sie anspucken." „Sie ist eben ein Mädchen, weißt du, aber als Mädchen finde ich j>« ganz nett. Mein Vater fagt’s auch." Er nahm feine Pelzkappe ab und zupfte daran herum. Machte es ihn verlegen, ein Mädchen zu verteidigen? Seine Stirn rötete sich, er sah zur Seite. Gott mochte wissen, was er in seinen Gedanken vor Ontje verbarg! „Sieh mal," sagte er, „im Schlittschuhlaufen ist die besser als mir, das kannst du nicht abstreiten." Ontje wollte zugeben, daß sie sich ein bißchen aufs Bogenschneideii verstünde. Aber könnte sie vielleicht mit Schlittschuhen springen? Jetzt sollte er Ont!« ratschte zurück, zog die Rtemen fest uni) flog in rurzen Schwüngen auf die Rinne zu. Dicht davor duckte er sich nieder und schnellte hoch. Knall, da mar er drüben. „Bitte schön! "^3 ja, jagte Hinnerk, aber Melusine meinte, an den Schwänzen ihres Pelzes reißend: „Hmnerk kann das audjl* y „3d)? Nein, nein." wa<®*e ^egte sich auf Hinnerk zu und zischelte mit zusammengebissenen Mynen: „Wenn ich nur meinen guten Mantel nicht anhätte, probierte tch s mal! »Rein, Melusine, wir beide sind dazu nicht imstande." Da rief sie schrill zu Ontje hinüber: „Siehst du, wie Hinnerk ist, er kann « natürlich auch, aber er prahlt weiter nicht damit. So ist Hinnerk" Rm, gmg es wohl nicht anders, als daß Hinnerk seine Pelzkappe aufs «s warf und einen Anlauf nahm. Wie er absprang, preßte er die Augen £7 ®3 ein Giuck daß er wenigstens mit den Händen den Rand er- reichte. Ontje fischte ihn heraus. „Was machst du denn für Geschichten! Schnell nach Hause, häng dich hinter mich, ich will dich ziehen!" u ’ Melusine lief um die Rinne herum und tarn kleinlaut mit der Pelzkappe herbei. „Hier, Hinnerk ..." 0 (St stülpte sie zähneklappernd auf. „Wir müssen hinten durch . . . dann werkt es keiner . . . Daß du nur . . . hobobobob . . . brr . . . daß Mine!" m*r ’ ' ' ^ou^e ' • • habobob . . . nichts sagst . . . Me- , ,?nt*eE iah sie an. „Wer klatscht, der wird vechauen, daß er acht Tage nicht auf dem Stuhl sitzen kann. Das mag nun von uns treffen, wen es will! Es gelang ihnen, durch die Küche über die Hintertreppe unentdeckt in Ennerts Zimmer zu schleichen. Herunter mit dem nassen Zeug, ordentlich abgetrocknet, bis die Haut brannte, wollene Unterwäsche an, so> „Frierst du noch?" „3d) glühe, du!" Ontje nahm ihn in die Arme. „Wenn du jetzt unter dem Eise lägest, «rh ,ch wüßte ja gar nicht, was aus mir werden sollte!" Hinnerk knüpfte seine Jacke zu, er schauderte, sie gingen ins Spielzimmer. Aus einer quer durchs Zimmer gespannten Portiere hob sich die Bühnen- ösfnung eines Puppentheaters heraus. Ontje mutzte sich auf einen Stuhl Wen und den Zuschauer machen. Er sperrte Mund und Nase auf über die Wunder dieser Welt. Melusine klingelte, Hinnerk ließ den Vorhang auf- ^illen, und dann leiteten sie, hinter der Portiere verborgen, die seltsamen Gesten und Gespräche der Marionetten. Zuerst saß Ontje voller Ehrfurcht da Was war ein Kasperletheater gegen dies schwebende Gehäuse, in dem richtige kleine Menschen hin und her spazierten, mit dem Kopf wackelten und sich die Hände gaben! Ritter mit weißen Federbüschen, seidene Edelfraulein, und sogar ein Hund, der beim Bellen den Mund aufmachte und die Augen rollte. Aber als der erst« Akt der Psalzgräfin Genoveva mit Tücherwinken und Tranen zu Ende war, wollte Ontje unbedingt wissen, wie das alles zusammenhing. Er kroch, nicht ohne daß Melusine protestierte, hinter die Portiere. „Wie mock)t ihr das?" Hinnerk zeigte ihm die Kulissen, zog den Vorhang hoch und wechselte den Prospekt. Hm ... so funktioniert das also. Aber nun die kleinen Menschen! Dies war beispielsweise der Pfalzgraf Siegfried. Oh, denk einer an, wie schlau! Die Beine, die Arme, Kopf und Rücken, alles hing an dünnen Fäden. 3a, natürlich, wenn man das erst einmal wußte, konnte man das geheimnisvolle Leben wohl begreifen. „Laß mich auch mal!" So einfach, wie Ontje sich's dachte, war das Marionettenspielen nun doch nicht zu betreiben. Der Pfalzgraf Siegfried trat sich unter seinen törichten Fingern immerzu mit dem linken Bein vor den Kopf, und das rechte schlug er sogar akrobatisch am Rücken hinauf. Hinnerk tanzte glückselig umher. „Gib ihm beit Kasper", sagte Melusine. „Habt ihr auch einen Kasper?" Mit dem Kasper verstand Ontje schon besser umzuspringen. Der klingelnde Bursche ging, wenn auch knickebeinig, über das Bühnenhaus, «r faßte sich an die Nase und guckte lächerlich um die Ecke. „Haha, mit dem Kasper macht er es wunderbar. 3ch finde, jetzt soll Ontje Theater spielen, und wir sind Zuschauer." „Aber ich weiß nur Kasperstücke und so." „3a, jar Gut, Ontje hatte sich im Sommer nicht umsonst die Nachmittage vor den Kasperbuden aufgehalten. Dergleichen Späße wollte er wohl fertig kriegen. Und am Ende konnte er dieser hochnäsigen Melusine bei dieser Gelegenheit eins auswischen. Er hatte schon so ein Plänchen im Kopf. --Laß doch mal eine Straße auf der Bühne sein," sagte er zu Hinnerk, „ober hast bu keine." Doch, eine Straße gab es auch. Sie mürbe ausgestellt. Nun mochte Ontje m Gottes Namen anfangen. Er zog geschwinb ben Vorhang hoch... ach so ... er hatte ja die Puppen nod) nicht zur Hand. Der Vorlmng senkte sich wieder. „Bravo!" rief Melusine. Hinnerk verbot ihr's sonst. Wer nun mar Ontje bereit. Er begann. Kasper wankte knickebeinig die Straße entlang und klopfte an ein Haus „Melusine, süße Braut, dein Kasper ist bar — Kein Melusinchen »eß sich blicken. Eine alte Frau schwebte aus der Kulisse heraus. „Was machen Sie denn für einen Lärm vor meinem Hause, Ich bin Melusines t — Aber Kasper bekümmerte sich nicht weiter um sie, sondern brachte Melusine ein Ständchen: Wie schön ist doch Die Träne einer Braut, Wenn der Gesiebte ihr 3ns Auge schaut. Da rief die Mutter nach Polizei und Feuerwehr. Was blieb dem armen Kasper anders übrig, als sie auf ben Kopf zu bauen. Sie fiel tot um. Aber ber Kasper fang: Großmubber is bod, Großmubder is dod. 3a, bi« is den Büroei bod. Die mag noch Köm un Speck un Brot. O im meine Seele, jetzt stürzte Melusine heraus! Sie reckte den Stech in die Luft und tauchte mit dem Kopf heulend gegen die tote Mutter. 3hre Tränen machten indes auf Kasper gar keinen Eindruck. Er umarmte fein Melusinchen, küßte sie und verlangt«, auf der Mutterleiche sitzend, noch einer Tasse Kaffee. Melusine schluchzte und wollte nichts von ihm wissen. Er fang: Wie schön ist doch Die Trän« einer Braut, Wenn der Geliebte ihr Aufs Auge haut. Und bann tat er auch danach. Sie wimmerte und versprach, sofort Kaffee herbeizubringen, und trippelte ins Haus. Kasper schleppte die Leiche weg. Die beiden Zuschauer saßen schweigend da. Melusine sah Hinnerk von der Seite an, er merkte es wohl, starrte aber bedrückt geradeaus. So etwas durfte Ontje doch nicht fingen! Und daß Kasper auf ber toten Mutter saß . . . nein . . . Wenn nur Melusine nicht Zeuge von allem dem gewesen wäre! Er wußte schon, was sie nun in ihrem triumphierenben Sinn dachte. Das ist nun dein Freund, dachte sie. Ontje merkte von alle dem nichts, er klingelte und klapperte mit Eifer hinter den Kulissen und übersann den großen Schlag, den er gegen Melusine führen wollte. Kingking. Kasper kam zurück und schrie nach seinem Kaffee. „Hier ist er schon, lieber Kasper." — Er kostete und spuckte. Pfui Teufel, wo sie denn die Bohnen zu diesem Gesöff gekufat hätte? ... Die Bohnen? 3n ber Büchse wären keine mehr gewesen, und da hätte sie überall gesucht, unb mit einem Male hätten im Ziegenstall so viele gelegen, und da ... So ein Hornvieh von Braut! Na, wenn man auch Melusine hieße, was wäre da weiter zu erwarten! Dergleichen schreckliche Späße, ersonnen für Straßenjungen und ihresgleichen, für Zigeunerwesen und 3ahrmarktstrubel, dergleichen Spaße brachte Ontje in seinem Uebermut vor. Da wußte sich Hinnerk keinen anderen Rat, als daß er Melusine leise bei ber Hand nahm unb s'ch aus dem Zimmer tastete. Der Herr Theaterdirektor ward's in fernem Feuer nicht gewahr unb agierte vor bem leeren Parkett weiter. Er lieft ben Pfalzgrafen Siegfried als Schutzmann auftreten. Der Mord an Melufinens Mutter war entdeckt, Kafper sollte sterben. „Ach, nur das nicht", sagte er unb weinte, „bas wäre mein Tod!" — „Du wirst gehängt werden!" — „Lieber Herr, das halte ich gar nicht aus, da habe ich and) gar keine Zeit zu . . ." ißrao gesagt, ein Gespräch voller Schalk mit einigem Anstand vorgebracht. Aber niemand kugelte sich vor Lachen. Der Fußboden knisterte. 3n einem entfernten Zimmer erhob sich, gedämpst durch die Wände, ein dunkler Celloakkord. Ein Klavier umwogte ihn zaghaft mit Mondlicht. Ontje horchte auf. „Kommt hier auch ein Orgelmann her?" fragte er aus seinem Versteck heraus. — Schweigen. — Das Cello ließ ben Akkord in eine lange Melodie ausklingen. Nein, das war kein Orgelmann. — »Du, Hinnerk, was ist das eigentlich?" — Keine Antwort. — „Hinnerk." Er guckte unter der Portiere durch und fand das Zimmer leer. Sie haben sich versteckt, dachte er und suchte hinter dem Schrank, hinter dem Pult, hinter dem Ofen, aber als er nichts auftrieb, flackerte ein Schrecken roie ein Blitzschlag durch sein Blut. Nein, nein, sie lauerten gewiß hinter der Tür, um ihn zu überfallen, wenn er hinauswollte. Er klinkte auf. Seine Ohren brausten. Nichts geschah. Er trat auf ben Flur. Die Musik, bi« ihn vorhin aufgestört hatte, setzte roieber «in, sie kam aus einem Zim- mer amEnde des Flurs. Er schlich sich hin. Die Tür war angelehnt. Hineinspähenb, erblickte er gleich Melusin«, bie vor einem flachen Klavier hockte. Neben ihr saß Hinnerk unb hatte eine große Geige an sein Knie gelehnt, auf ber er, fein Ohr der Melodie entgegenneigend, bedachtsam spielte. Und dos war so golden und weh, wie die beiden da beteinanber- saßen unb ihre Musik so weich zusammenschweben ließen. Wenn Ontje doch nur wieder fortgekonnt hätte! Ader er mußte, so jammervoll ihm auch zu Mute war, mit angehaltenem Atem lauschen und starren, er mußte auch ben ganzen Schmers ertragen, daß es zwei fremde Menschen, kinder waren, denen er zusah, Melusine unb Hinnerk hießen sie . . . unb Hinnerk . . . wildfremd für Ontje, geboren in einer fernen Schönheit und Melodie, anderswo geboren. Leb wohl, Hinnerk! Lieber Gott, er konnte noch nicht fort! Das Cello schwieg, has Klavier erklang noch eine Weile allein, bann schwieg es auch. -,Ball> haben wir's heraus," sagte Hinnerk unb zupfte an einer Saite, „nur beim Stakkato muht du ein bißchen schneller mitkommen." „Du hast gut reden, da gehen meine Hände über Kreuz k" „Und ich habe Doppelgriffe, bitte sehr!" Sie sah ihn lauernd von der Seite an. „Was ich sagen wollte, Hinnerk . . . du muht wohl wieder zu deinem Freunde gehen . . .?* „Ja, wir müssen wohl wieder hineingehen, nur . . . Du, ich fürchte mich fast davor ... ich fürchte mich vor Ontje . . . Wir haben hier so schön Musik gemacht, nicht wahr? 3ch kann dein Haar gut leiden, bu!" Ontje glitt auf ben Zehen die Treppe hinunter, er Netz Mütze unb Schlittschuhe im Stich. Niemand begegnete ihm. — Nach einer halben Stunde dröhnte der Gong zum Tee durchs Haus. »Ontje!* Wo war Ontje: „Dnt—je!" Sie durchsuchten die Zimmer, sich suchten treppauf, treppab, Melu- Sne entdeckte seine Mütze, die Köchin stöberte die Schlittschuhe auf, aber utje selbst, der sich vorhin so ausgelassen mit den, Kasper gebärdet hatte, blieb verschwunden. „Trinken wir nun Tee oder trinken wir keinen Tee?" fragte Herr von der Lydt mit hochgezogenen Augenwulsten. Man setzte sich verstört ohne Ontje an den Tisch. „Halt doch deine Hände ruhig, Kind!" sagte Frau von der Lydt zu Hinnerk, „wenn du dir Zucker genommen hast, so reich ihn bitte weiter! Wo mag das Kerlchen nur stecken? Wie ist das denn überhaupt zugsgangen, daß er euch abhanden gekommen ist? Habt ihr nicht miteinandergespielt?" „Doch," sagte Hinnerk, „nur zuletzt . . ." Er wurde rot. „Was zuletzt?" Melusine hustete. „Was will Melusine?" „Sie? O nichts! Sie wollte nur sagen, Hinnerk verriete ja doch nichts, aber sie wollte nur sagen, daß Ontje ein unanständiges Kaspertheater gemacht hätte, und Hinnerk hätte sich so geschämt, und . . . und . . . Kurzum, sie sank nicht eher auf ihren Stuhl zurück, als bis sie alles auf Tüttelchen erzählt hatte. Herr von der Lydt goß sich Arrak in den Tee. „Der Lümmel betritt mein Haus nicht wieder." „Es war nicht jo schlimm, Vater, es war anders . . „Melusine hat also die Unwahrheit gesagt?" „Nein . . . aber. . ." „Die Sache ist erledigt. Wenn du es für nötig hältst, Melusine, die Sotüsen dieses Bengels zu Hause zu erzählen, so vergiß nicht hinzuzu- fügen, daß ich gesagt hätte: wenn er sich noch einmal in meinem Hause blicken liehe, jagte ihn der Knecht mit der Peitsche davon/' „Nein, Vater!" „Was wagst du da . . . Hinaus! Auf der Stelle hinaus!" „Aber, Karl, laß doch den Jungen erst einmal . . . ich verstehe dich nicht . . ." „Hinaus!" Hinnerk stürzte aufweinend weg. Frau von der Lydt rieb sich in kochender Unruhe dis gefallenen Hände vor ihrer Brust. „Bist du sicher, daß du jetzt nicht zu hart warst, Karl?" „Ich weiß, was ich tu. Du hast mich doch verstanden, Melusine?" Ja . . . sie wollte nur noch sagen, Hinnerk wäre vorhin ins Wasser gefallen. Ontje hätte gesagt, sie wollten einmal über die offene Rinne springen, und da . . . „Ins Wasfer gefallen? Hinnerk? Ich ... ich ... ich begreife das noch gar nicht! Richtig ins Wasser gefallen? Gerechter Himmel, wie weit denn? Doch nicht ganz und gar? Ich ahnte doch so etwas, ich ahnte doch so etwas! Er ift krank, Karl, er hat das Fieber! Dr mußt ihm verzeihen! Mein armes Kind, Väterchen verzeiht dir ja!" Sie watschelte geschwind zur Tür hinaus. ---- „Nein, keine toorge", sagte der Arzt, als Herr von der Lydt ihn gegen Mitternacht an den Schlitten begleitete. Ein Strom von Licht floß die bereifte Freitreppe hinab, das Pferd vor dem Schlitten schüttelte sich und ließ die Schellen durcheinanderklirren. Wie gesagt, die Temperatur, eine Folge der Aufregung, würde morgen früh wieder gesunken fein. Wenn die Herrschaften jedoch, für alle Fälle, morgen in den Nachmiltagsstunden den Schlitten noch einmal übers Eis schicken wollten, er hielte sich bereit, aber vorläufig, wie gesagt, keine Sorge. Der Himmel stand hoch und klar über den Stallgebäuden, Milliarden Sterne flimmerten. „Schönen Dank, Herr Doktor!" „Nichts zu danken, ich berechne Ihnen Nachttape, hoho, die Welt ist voller Gerechtigkeit! Nichts zu danken!" Der Schlitten klingelte in dis dämmerige Nacht hinaus. Die Meinung des Doktors bewegte sich also in dieser Richtung. Nun trau einer der Wissenschaft! Frau von der Lydt wußte, was ihre Pflicht war, fie faß an Hinnerks Belt. Wie dem auch fei, manche Mütter haben einen watfchligen Gang, aber ihr Herz ist voll von Güte. Ein Kind trägt so schwer an Geheimnissen. Vielleicht blinzelt das Nachtlicht so freunWch, vielleicht ächzt draußen die Luft vor Kälte, die Finsternis streicht ack den Fenstern hin, hier drinnen ist es fo still, ein bißchen Feuer bollert im Ofen, das Federbett macht warm und schlaff, es riecht nach Tee und Honig, der kleine Mensch sehnt sich nach einer Hand, die dann und wann kühl über feine Stirn fährt, nach einem Herzen, auf das er feinen Kummer abladen kann. Da kam es denn heraus, als Frau von der Lydt mit ihrem Jungen flüsterte und ihm feinem Vater gegenüber recht gab und vor lauter Sorge und Zärtlichkeit mehr Torheiten sagte, als sie je würde verantworten können, da kam es denn heraus, was für Dinge sich zwischen Hinnerk und Ontje, der ihm als ein Held und brausender Kamerad erschienen war, was für verzückte Dinge sich zwischen ihnen begeben hatten, die Prügel, die auf Ontjes Haupt gefallen waren, die Blutsbriiderfchafi und alles das miteinander. Es kam auch heraus, daß Ontje heute nachmittag als ein anderer aus Spiel und Uebermut aufgetaucht war, und daß Hinnerk sich nun vor ihm fürchtete, ob er wollte oder nicht, und daß Melusine fo schön ausgefehen hätte. Frau von der Lydt lächelte nicht über Hinnerks Beichte. Niemand konnte ensthafter als sie mit ihrem Bungen über allerlei Tand und Jrrsal reden. Im Grunde lag ja alles fo einfach: Ontje durfte sich nicht mehr sehen lassen, fort mit ihm! Aber sie lächelte nicht, sie legte ihren Kopf neben Hinnerk auf Kiffen und erdachte vielfache Pläne und verwarf sie wieder. Hinnerk war eifrig dabei. Ach, wie gut es war, eine Mutter zu haben! Sie verstand alles, sie wußte für alles einen Rat. Wer in aller Welt hätte wohl verstanden, daß die Blutsbrüderschaft nicht so ohne weiteres aus sein konnte? Aber die Mutier sand das ganz selbstverständlich. „Kein Wort weiter darüber, Hinnerk, das ist ganz selbstverständlich! Dafür war dergleichen denn doch zu heilig." Nein, sie wollte einen Brief an Ontje schreiben, sie selbst. Die Blutsbrüder mußten einander das Bruderfchaftswort zurückgeben, anders war es wohl nicht D machen. „Was meinst du dazu, Hinnerk?" Denn bei- fammen bleiben konnten fie ja nicht mehr, ach nein, Melusine ober Ontje, so stand die Sache jetzt! War Melusine nicht das schönste Mädchen weit und breit? Die Mutter wußte so viel, sie wußte auch vom Blut etwas, von der Kraft des Blutes und von den Ahnen und vom fremden Blut und von der Ebenbürtigkeit. Oh, Worte für erwachsene Männer eigentlich, Worte voller Beschwörung und Andacht, uralte Worte! Hinnerk hatte nie davon gehört, aber nun wußte er es. Am besten war es wohl, er überließe alles, alles der Mutter, nicht wahr? „Ja, liebe Mutter!" Ontjes Leden verlief nicht still, ein Ereignis löste das anders ab. Einmal hob sich ein Traum aus einer kleiner Musik empor, ein liebes Antlitz, ein Menschenkind mit dunklem Haar und weißen Händen. Ontje stürzte sich mit der ganzen Wildheit seines Wesens darauf, es gab nun nichts andres um ihn her. Morgens, wenn er aufwachte, griff er in die ßuft: Hinnerk! In der Schule: Hinnerk! Wir werden zusammen eine Burg bauen, dachte er, mir werden Krieg führen, heute werden wir Schlittschuh laufen, wir werden einander nahe sein. Es kamen sogar Stunden, in denen all dies Verlangen Wirklichkeit wurde, holde, inbrünstige Wirklichkeit, daß er betrunken umherschwankte, Stunden, in denen er mit Hinnerk Hand in Hand mar. Es ereignete sich einmal, daß Hinnerk ihn küßte, ihr Blut floh zusammen, unerhörte Dinge ereigneten sich. Wenn Ontje abends vor dem Einschlafen daran dachte, muhte er vor Glück aus dem Bett springen und zum Fenster hinaussehen. Schneeflocken wirbelten auf das gegenüberliegende Dach, der Lichtschein der Straße stieg herauf, der Wind blies gegen die Scheiden, es war Nacht. Dann lag er noch lange wach und überzählte die läge, die ihn von Hinnerk trennten. Nächsten Sonntag sollte er mit Hinnerks Pferdeschlitten ausfahren. Er dankte Gott, daß er ihm Hinnerk gegeben hatte. Das mar nun alles vorbei. Kein Wort weiter davon, alles war vorbei! Worauf sollte man sich noch freuen? Ein Tag sah aus wie der andere. Kleine Begednisfe fanden ja statt, ja, ja, aber was wollten sie viel besagen! Der Vater las die Zeitung, die Mutter schälte Kartoffeln, draußen schneite es. Ontje lebte nicht gern. Nirgends lauerte ein Glück, nie überfiel einen mehr ein Geheimnis, wenn man vielleicht zwischen den Borftobtgärten spazieren ging ober durch eine Efeuwand guckte. Das Leben regle sich noch in der Ferne, o gewiß, der Schneeslurm warf einen Baum auf das Straßenpflaster, ein Haus brannte ab; Ontje war zur Stelle. Aber lieh die zerschmetterte Linde etwa fein Herz erzittern? Brachte der Brand etwa fchlaflofes Umherwälzen und Oual und Herrlichkeiten mit sich? Eine zerschmetterte Linde war eine zerschmetterte Linde. Lohnte es sich überhaupt, davon zu reden? Wo in Teufels und Satans Flamen gab es denn etwas, das wert geroefen märe, sich darum $u kümmern? Ontje wollte sich nicht geradezu aufhängen, nein, bas nicht. Zehn Tage . . . gut, sagen wir vierzehn Tage . . . vierzehn Tage wollte er noch umhergehen und nach etwas Gewaltigem Ausschau hallen. Fanb er nichts, bann taugte das Leben eben keinen Pfifferling, bann brauchte man morgens nicht aufzusiehen und sich zu waschen unb grohinächlige Anstalten zu machen, bann konnte man eben so gut im Bell liegen bleiben unb sich bie Decke über ben Kopf ziehen, Tag unb Nacht. Man konnte auch auf ben Trockenboben Hellern unb sich aufhängen, wahrhaftig. Das waren feine Gebauten. Aber bie Tage unb Rächte gingen hin, unversehens war eine Woche herum, eine Woche, zwei Wochen ... ein Monat. Einmal, als Ontje allein zu Haufe faß, brachte der Postbote einen Brief für Herrn Ontje Arps, Linbenstraße 27. „Lieber junger Fretinb . . ." Da hatte nun Hinnerks Mittler unzählige Worte auf ein buflendes Papier geschrieben. Ontje verstand nicht alles, manches verstand er gut. Hinnerk war krank, niemand durfte ihn besuchen . . . „Wer weih' wie lange der Zustand andauert, mein Mann und ich sind sehr in Sorge. Und so müßt ihr euch denn trennen, und bie Blulsbrüberfchafl muh ein Enbe haben." Es war ein langer Brief mit wundervollen Worten . . . „Deine Mütze und die Schlittschuhe wird Jan gelegentlich bei dir abgeben, wenn er einmal in bie Stabt fährt. Es grüfjt freunblid) Johanna von der Lydt . ." Die Blulsbrüberfchafl muh ein Ende haben. So, muß sie das? Danke chön, sie war schon zu Ende, ja lange. Er biß die Zähne zusammen und ah trotzig vor sich hin. Heute nachmittag sollte zwischen der Linden- kraße und der Königsallee eine Schneeballschlacht ftattfinben. Aber bie Linbenstraße halte den 17 Kämpfern vor der Königsallee nur 11 eigne Leute gegenüberzuflellen. Denk einer an! Wie sollte das gut ablaufen! Ontje halte viele Sorgen in dieser Zeil. Wem ist bie Seele des Menschen zu vergleichen? Sie ist ganz und gar wir ein (Sorten bie Jahreszeiten hindurch. Aber die Seele eines Knaben ist wie ein (Sorten im März. Da leuchten ein paar Blumen auf, die Erde wird von fchnielzendeni Schnee überriefelt, sie duftet und ruht voller Ahnung. Später werden Rosen aufbrechen unb Tollkirschen, eins wirb ins anbre treiben, verworren schäumenb, bis alles hinsinkl in einen süßen Herbst. Gott steh uns bei! Aber bie Seele eines Knaben ist wie ein keusches Erdreich im Frühling. Wer hat die Knospenhüllen, die vor Seligkeit von Tag zu Tag schwellender dastanden, wer hat bie blassen Knospenhüllen aufreißen lassen, baß die Blüten herauszilterten? Nichts geschieht von selbst. Aber diese erbarmungslofe Tat vollbrachte wohl der Schmerz. Nun blüht die Blume über bas Gartenland. Die Zeil geht hin. Einst werben die Blüten sich in Früchte wandeln, es wird überaus mertmürig [ein, die Tage der Mannheil werden heraufdämmern. Gesegnet seien bie Schmerzen ber Jugend! Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühk'sche Universiläls-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.