SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |927 Zamstag, den \2. März Hummer 20 Unser literarisches Preisausschreiben. Wir bringen in der heutigen Nummer die Aufgaben VII und VIII unseres literarischen Preisausschreibens und verweisen gleich» zeitig auf die früher ausführlich veröffentlichten Bedingungen. Die Aufgabe besteht darin, die Verfasser der nachstehenden Texte namhaft zu machen. Alle zwölf Lösungen find zusammen in der Zeit vom 20. bis 26. März einzureichen. VII. Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen. — Einmal ist es doch nun so, daß eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem Hohem bekömmt, für eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wirb, dah alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens ist. Sie will nicht von einem Dritten bestraft, sie will von dem Beleidigten selbst gerächet und auf eine ebenso eigenmächtige Art gerächet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt, es ist nun einmal so. Unb wenn es nun einmal in der Welt so ist, wamm soll es nicht auch auf dem Theater so fein? Wenn die Ohrfeigen dort int Gange sind, warum nicht auch hier? Ha! daß wir nicht unmittelbar mit den Augen malen! Auf dem langen Wege aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wieviel geht da verloren! — Aber, wie ich sage, dah ich es weiß, was hier verloren gegangen und wie es verloren gegangen und wamm es verloren gehen müssen: darauf bin ich ebenso stolz und stolzer, als ich auf alles das bin, was ich nicht verloren gehen lassen. Denn aus jenem erkenne ich mehr als aus diesem, daß ich wirklich ein großer Maler bin, daß es aber meine Hand nur nicht immer ist. — Oder meinen Sie..... daß Raffael nicht das größte malerische Genie ge* wesen wäre, wenn er unglücklicherweise ohne Hände wäre geboren worden? VIII. Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten! Wir nennen's und empfinden's freilich anders, aber gerade dies spricht dafür, daß es dasselbe ist — demr auch das Kind empfindet das Spiel als seine Arbeit und das Märchen als seine Wahrheit. Die Kürze des Lebens sollte uns vor dem pedantischen Scheiden der Lebensalter bewahren — als ob jedes etwa- Neues brächte —, und ein Dichter einmal den Menschen von zweihundert Lkahren, den er wirklich ohne Märchen und Spiel lebt, vorführen. * Matt und erbärmlich werdendett Völkern mag der Krieg als Heilmittel anzurathen sein, falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: demr es gibt für die Völker-Schwindsucht auch eine Bmta- litäts-Kur. Das ewige Leben-wollen und Nicht-sterben-können ist aber selber schon ein Zeichen von Greisenhaftigkeit der Empfindung: je voller und tüchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben für eine einzige gute Empfindung daran zu geben. <Än Voll, das so lebt und empfindet, hat die Kriege nicht nötig. Die Toten. Von Otto B rü es. Was du sinnst, sie haben es gesonnen, was du träumst, sie haben es geträumt; keinen Tropfen aus des Leberts Dronnett schöpfst du, den ihr Atem nicht durchschäumt. Was du prägst, das wollten sie gestalten, klag' um ihre schnellvertropfte Frist, da durch sie von Trotz zu Händefalten all dein Leiden vorgelitten ist. Nichts in dir, das sich zum Himmel wendet, was aus ihnen nicht zur Gottheit schrie; ahnst du groß, in sie dein Ahnen endet, und vollendet wirst du nur durch sie. Das Land der Toten. Zum Dvlkstrcmertage. Don Maxim Ziese. Tote Soldaten, Brüder ihr, Kameraden, die ihr neben uns gestanden habt in den Gräben vom Meer bis zum Gebirge und die Heimat geschirmt, euch grüßen wir. Ihr mit uns und wir mit euch, so haben wir zusammen in dunkle Nächte gesehen und über helles Land geschaut, auf dein friedlos die Sonne lag. Vor uns das Niemandsland und hinter uns die Heimat. Wir kehrten wieder, euch warf der Krieg auf das Kampffeld. Wer aber darf rechten mit dem Tod? Doch du Kamerad rechts von mir, du mein Kamerad zur Linken, die ihr im Lande der Toten ruht, wir neigen uns in Ehrfurcht. Bruder du, toter Soldat, Deutschland denkt dein und vergißt dich nie. Fünfhundert Meter links der Straße Berry au Bac—Ferme de Cholera liegt der Friedhof von Tarbes. In der Ferne ragen die Türme von Reims, nicht weit davon wächst die zerspaltene Höhe 108 fwrpor. Trümmer und auch Dörfer find ringsum, doch keines trägt lenen Namen, den man diesem Friedhof gab. Denn Tarbes liegt im Süden von Frankreich in der Gascogne, wo immer Sonne ist, Wein wächst, Palmen sich wiegen, und wo niemals Krieg war. Waren auch viele der Toten, die man hier oder sonstwo im Norden von Frankreich in der Erde barg, namenlos, war auch die Stätte, wo fte nun ruhen, mitten im weiten Feld gelegen, nun wurde sie zum Lande der Toten und erhielt einen eigenen Namen. Wo sich darum in der Heide, im zerspellten Wald oder auf abgetragenen Hügeln, ganz fern allen Menschen und Häusern, schwarze und weiße Kreuze finden, da steht auf einer Tafel der Name der Stadt geschrieben, die irgendwo fernweit liegt und dieser Friedstätte der toten Soldaten ihren Namen lieh. Mitten int Felde, wo vordem Brot wuchs, umgibt niederer Stachelzaun den Bereich der Gräber. Von dem Lande, das den Lebenden gehört, trennt die Toten stacheliger Draht. Vielleicht haben ihn manche von denen, die jetzt da ruhen, in Nächten unter dem erdspaltenden Gebrüll der Granaten in Bündeln nach vorne getragen. Wollten damit die Heimat zäunen gegen den Feind — sie, die selber mit ihren Leibern lebendiger, nie zerstörter Zaun waren, entlang an dem Lande des Niemand. Aber der Tod nahm ihnen die spitzzackigr Drahtrolle von der Schulter und hieß sie sterben. Da lagen die Drahtrolle und der Mann, der sie getragen, nebeneinander. Den Toten nahm die Erde zu sich, und den Draht (bannten Männer rings um ihn. Änd so spielt der Wind in schneeverwehten Winternächten an den stachelbewehrten Drähten, die sich die Toten einst, als sie noch lebten, selber herbeitrugen. Er beugt im Frühling und int Sommer die weißblühenden Winden, die an ihm emporranken, und treibt die abgefallenen Blätter des Mohns durch seine Lücken auf das Feld hinaus. Denn immer wächst viel wilder Mohn dort, wo Grüber find, rotglühende Felder weithin. Am Eingang neben dem Schild, auf dem geschrieben steht: „Cimetiere de Tarbes“ ragt ein großes, grobgehauenes Kreuz aus Stämmen, wie der Wald sie gibt. Plnd dann reihen sich viel einzelne Gräber mit schwarzen Kreuzen darauf, darunter rachen unsere toten Brüder; und andere mit weißem Holzmal, das waren Franzosen. Drüben ragen andere Grabzeichen. Eine Reche von Doppelkreuzen der russischen Kirche. Namen darauf, die man fern in Sibirien kennen mag: russische Gefangene, die hier starben. Daneben ein Kreuz ohne Namen und ohne Jahreszahl. Aber irgend jeinand nagelte auf das Querholz die messingne Achselspange des unbekannten Toten. Darauf steht im Rund als Wahlspruch geschrieben: „Quo lata vocant“ — wohin uns das Schicksal ruft; und darunter: „Canadian Division“. Da zwei der schmalen, spitzzulaufenden Bretter mit der Halb- mondeinbuchtung auf den Seiten — das sind Mah ammedaner. Mohammed Ibrahim ben Bonzema steht darauf. Dort: Matthias Solsona, ein Fremdenlegionär. Er war wohl ein Spanier, man begrub ihn als Mohammedaner. Hier ein Kreuz: Peter Seiler, 1 Premier Regiment de marche de la Legion trangere. Vielleicht auch einer deutschen Mutter Sohn, den ein irres Schicksal in fremde Rechen warf. Aus dem Hügel liegt noch bet Stahlhelm, braunglän- bet vorn ausgeprägt das BW einer Sphinx tragt. Peter starb unter dem Zeichen der Sphinx, wie er heunatMS und oeroeifen kämpfte unter dein fremden WaMpruch: ..Valeur etdisci- püne“ — Tapferkeit uiü) Mannszucht. Nichts steht hier geschrieben von Ehre und Vaterland: _ . . „ Es sind Fremdenlegionäre, die vor der Stirn das Bild der Sphinx trugen. Am Eingang liegt hinter dem grohen Holzkreiy ein MasseN'- grab Zwei Fuß über den rundlaufenden Pfad ist die Erde angehoht. An deni Schmalende ist eine Grube. Man grub das Grab zu groß, denn der Tod war großmütig und ging davon, bevor es gefüllt war. Am Rande stecken in Abständen von einem halben Schritt Holzpflöcke in der Erde. Auf jedenl einzelnen ist ein Schildchen aus Blech oder Blei festgenagelt. Meist sind es Erkennungsmarken. Regiment, Rame und Heimat sagen, daß hier Bayern liegen. Wieviel? Zwei, hundert etwa in dem einen Grab. And von jedem Pflock, auf den ein Ramenschildchen genagelt ist, geht ein Draht in die Erde und ist unten dem Soldaten um das Handgelenk gebunden, ihm, dem einst der Rame war, der hier oben noch geschrieben steht. Zweihundert Drähte gehen in die Erde, fassen zweihundert Soldaten bei der Hand. Lind wenn der Wind von Osten kommt, von Deutschland herüber, dann bringt er mit sich das Gedenken der Mütter, der Väter, der Frauen und Bräute. Leise klirrt dann das lose Ende des Drahtes an dem Pflock, trauernd und grüßend zittert die gedenkende Liebe hinein in die Erde bis dorthin, wo der Draht das Handgelenk des Soldaten umfaßt hält. And dann geht der Wind weiter zu anderen Gräbern, deren es so viele gibt, dort drüben in dem Lande der Toten. '* Wer von Ornes und Bezonvaux kommend der Straße nach Süden folgt, sieht rechts in viele, von steilen Höhenriegeln eingedämmte Schluchten, ehe sich vor dem Vaux-Grund der letzte Hang erhebt, der Hardoumont. Einst zogen Rächt um Rächt Schattengestalten über diese Höhen, irrten in der vom Tode durchgeisterten Einsamkeit des leeren Landes umher und keuchten durch diese Schluchten, über denen die Vernichtung schwebte. So sie die Laune umwandelte, griff sie unter heißerem Schrillgelächter mit -eisenzackigen Krallen in die Tiefe verqualmter Schluchten: Dann fiel ein Mann. Heute ist dieses Land verlassen, und nur die schwarzen Stolleneingänge schauen wie erloschene Augen von Steilhängen und Hügeln. Wenn der Sommer darüber hinzieht, dann vermögen seine lebenbringenden Sonnentage nur Gras und dürftige Blümchen zu wecken: Daum mid Strauch fraß der Krieg, und es blieb nur Stein und Geröll. Dort in der Hardoumont-Schlucht liegen einige Grüber. Kaum ein Sonnenstrahl dringt auf den steinigen Grund. Immer hausen: Schatten dort, denn steil streben die Hänge empor. Kein Kreuz kündet Ramen und Tag, da hier einem Mann sein Grab ward. Auf einem flachen Hügel steht ein Kochgeschirr; halb ist es in den Boden gedrückt. Weder Rost noch Regen können an dem weißen, leichten Metall nagen und die Schrift verwischen, die tief eingeritzt den Ramen des Toten kündet. Denn jener Mann grub einst in sein Kochgeschirr, wie es Soldatenbrauch, seinen Ramen. Run ward er ihm Grabschrift von eigener Hand. Aus der Sisfonner Heide nahe dem Camp d’ Orleans ist ein Soldatenfriedhof. Flach, einsam und weit liegt das Land; dort ein Bahnhof ohne Schienen, hier eine Straße ohne Wagen, so ruhen sie verlassen und sinnlos inmitten. Rur wenn rot die Heide blüht, fliegen summend die Bienen darüber hin. Ein Gedenkmal auf dem Totenfeld in der Heide von Sissonne aber überragt die niederen Kreuze in Schwarz und Weiß, und niemand vergißt es, der einmal davor stand. Ein Propeller, mit dem einen Ende in den Boden zementiert, strebt in die Luft. Zerfetzt und zerkaut wie von einem Riesenmaul trauert die obere Hälfte der Luftschraube. „Hier ruht der Königl. Preußische Hauptmann...“ steht aus dein glanzlackierten Holz geschrieben. Hoch in der Luft zerschoß man ihm die Seele feines Apparates; er mußte niedergehens er stürzte vielleicht — er starb. Aber der Propeller wächst wie ein Schwurfinger aus dem Grab und spricht: „Wir taten viel, mein Hauptmann und ich, darum blieben wir zusammen — vergeht uns nicht I" Aber einsam liegt das Fliegergrab in der Sissonner Heide. » Ich ging zur Rächt über den Chemin des Dames, über Trucy, Ostet, Vailly. Der Mond schien hell und um die gestorbenen Stümpfe der zerrissenen Bäume spielten Nachttiere, Ratten, Kaninchen, wer weih was. Änd ich sah viel Kreuze im Silberlicht schimmern, ich fiel in Granatlöcher, auf deren Grund ein Stock stand oder ein Seitengewehr mit einem Stahlhelm darauf. Da steht kein Wort geschrieben, da ist nicht zu lesen: „Ein unbekannter deutscher Soldat". Zeichen des Toten ist nur ein Helm auf einem Stock oder auf einem zervosteten Seitengewehr. Als ich wieder hinaufkletterte, löste mein Fuß einen kleinen Stein von dem steilen Trichterrand. Der kugelte, rollte und klang dann helltönend gegen den Stahlhelm, den der Soldat, der nun darunterlag. getragen hatte im Leben und im Sterben. Kling... machte das, und es war wie ein Wort des Toten. Und in der Ebene, die sich jenseits der Vesle weit hinüberzieht zur Marne nach Fere en Tardenois, da grüßte mich zwischen zwei Aeckern, auf denen schon wieder halbhoch und grün der Weizen stand, ein Fähnlein. Ich ging hinzu und fand, sauber eingezäunt, das Grab eines Alanen. Die Kreuzesinschrift war schon zerwaschen, nur eine Flasche, dick versiegelt, bewahrte einen Zettel, auf dem Wohl geschrieben steht, wie der Alan hieh, der dort liegt. Zur Seite, fest in den Boden gesteckt, stand seine Lanze, und daran flatterte das Fähnchen — genau so lustig und gestrafft im -end, Seiler Mittagswind wie einst Wohl, als die Ulanen durch ihr Städtchen ritten und zu den Mädchen in den Fenstern hinaufsahen. Als ich davonging, wehte das Fähnlein mir Abschied zu, lange noch sah ich über das grünende Korn zu ihm zurück. Das war im Jahre 1919... ob das Fähnlein über dem Grabe des Ulanen wohl heute noch weht? Le Cateau liegt ein ganzes Stück davon ab. Man mutz am Sambre-Oise-Kanal vom Dchleusenhäuschen von Tupigny aus eine kurze Strecke gehen, bis rechts ein schmaler Weg zur Höhe fuhrt. Dort ist im trockenen Sande ein Hügel gewesen, in den waren vi^ Gewehrstöcke wie ein Gerüst gesteckt, und darauf ruhte als Dach ein Stahlhelm. , „ . . Auf dem flachen Kiesel aber, der wie ein Opferstem daruntergeschoben war, lag eine Brieftasche aus Zeltbahnbuch genaht. And darin die Briefe einer Mutter an ihren Sohn, den Kanonier. Kameraden mögen sie dahingelegt haben, weil man sonst nichts janp bei dem Toten. Nachher hat man ihm ein Kreuz gesetzt und seinen Namen darauf geschrieben; die Briefe aber ließ man unter dem Stahlhelm auf dem Stein liegen. Man dachte Wohl, es sei der Mutter am liebsten so Und wenn sie heute vielleicht auch vermodert sind, unter dem W'.nd.untrr dem Degen und Schnee, so sind die Briefe der Mutter doch bei dem Sohn geblieben, denn er liegt ja, von wenig Schollen bedeckt, gerade darunter. Die Riederuiigen der Somme-Landschaft waren schon in den Zeiten, da der Krieg noch nicht über dieses Land dahingestampst, gar still und von einem leisen Hauch der Einsamfett ubeiweht. Um Kanal bei Manancourt lag ein hohes, altes Schloß. Von dort fuhrt ein Weg nach dem Wald von St. Pierre Daast. Aoer mir dar Name blieb denn das Trommelfeuer fraß die Däume und benschen und "“Ä M?®“«SÄ «Ma». » °->- *,*■ i«? die den Gesottenen in di- Erd- senkten, eine K-rt-ninsche g-noo-lt, und unter dem Marienglas ist eine Photographie Das Bild deßm , der hier in fremder Erde schläft. Da steht feine^aufrechte ^-^ltweck und klar blicken die Augeii, und doch ist ihr SäMiisa-rmlange erloschen. Das Bild dessen, der langst zu Staub Waid, steht auf dem Grab, als wolle es Wacht halten über dm, dessen Abglanz es ist. Dort sah ich ein Mädchen vorubergehen, das nach dem Kriege nur noch Trümmer fand, wo einst seine Heimat gewesen. Sie sah das BW auf dem Kreuz, sah den Mann und seine klaren, ruhigen Augen. Da strich sie sich zögernd über die Stirn, als wollte sie fragen: Wer war der Mann? * Verloerenhoeck liegt in Flandern; doch der Rame der traurig trostlose, sagt uns mehr. Er spricht zu uns von den Vermigten. !-n°--i> zahllos und ohne Ramen ruhen sie in Italien, in Außland, rst D u mänien, in Serbien, im Wüstensand von Suez bis ins ferne Afrika, und auch die Wellen aller Meere decken gar viele. Sie sind es, die nickt bearaben wurden, über deren bleiche Stirn Regen und Schließ Ken, Unwmand fand, und die zerfielen, bis der meßende Wind ihren Staub mit sich nahm: Der unbekannte Soldai. And von ihnen singt Heinrich L e r s ch, der Dichter: „Wenn die letzten Strahlen der sinkenden Sonne über das Kamp feld steigen aus Gräbern und Grüften die toten Soldaten heraus! au/ Gräbern in Wäldern und Schluchten, aus Grabern in^Hecke und stehn vor ihren Hügeln betend, der Heimat zugewandt. auf fremder Erde." Mutter WiKers. Von Hans Friedrich Blunck. Mutter Willers faltete den zerknitterten ^ief zusammen und strich rasch noch einmal mit unruhigen Fingern über den Rock. Dann rückte sie den Stuhl ans Fenster, barg das Papier unter der und blickte nachdenklich über die Elbe, die im Dammergrau uneiidlich dahinfloß, ohne Strand und ohne Marsch, als Ware sie ein Meer, das fern, fern, irgendwo ins dunkie Wolkenland uberstronite. Der Brief knitterte ein wenig, sie dachte freudig erschreckt an das, was in ihm stand. 3a, ja, das war nun ,hr Letzter, der eingeschlagen | war. Er hatte ein gutes Schiff und einen guten Kapitän gehabt und I schrieb von seiner ersten Fahrt von Chile herüber. Die alte Frau sah nachdenllich in die Dämmerung. Run war nur iwch das Mädchen da, das sich nicht besinnen konnte. wurde «3 daß sie ans Heiraten dachte. Zwanzig war sie und hatte wohl zu- greifen können, das eine oder das andere Mal. Aber die hatte von ihrem Vater das Leichte. Lustige, die wollte gern nut allen laufen und an jedem neuen Gesicht ihre Freude haben. Mutter Willers wiegte leise den Kopf und nickte vor sich hm. Das heißt, da sollte nur mal der Richtige kommen und fest zufasfem Vielleickt Peter Petersen, der Kätner aus Dockendiel. Der brachte auch gleich ein, wovon die beiden leben konnten. Oder Lars 3ochrmsom der- auf Schiffer Bruhns „Anne Marie als Bestmann fuhr. Oder — Mutter Willers schüttelte den Kopf. Am allerliebsten hatte sie so einen, der genau wäre wie ihre Lungs, von denen wußte iie, was sie von ihnen halten sollte. Gesa kam in die Stube und brachte die Lampe. „Hast abgeräumt?" , „ , , „„ Das Mädchen nickte. „Was hat Will, geschrieben? „Er kommt im Rovember zurück." „Geht's ihm denn gut?" Mutter Witters nickte schweigend. Was ihre Söhne schrieben, war ihr Geheimnis, davon brauchte kein Mensch viel zu wissen, nicht mal die eigene Tochter. „Oft doch wohl gut, daß er Seemann geworden ist. Mutter." „Ist 'n leichtes Volk, Deern, liegt zuviel in den Schenken." Das Mädchen wiegte leise den Kopf. .Ich freue mich doch, daß Milli Seemann ist." IXnö nach einer Weile fuhr sie leiser fort; .Vielleicht hört er mal was vom Vater." Mutter Willers sah sich jäh um, ihr war, als hätte die andere ihre Gedanken belauscht, und sie wollte auffahren. Aber dann, als sie das frohe Gesicht ihrer Tochter sah, überkam sie ein weiches Gefühl, wie sie es seit langer Zeit fast vergessen hatte. And leise antwortete sie: .Ja, Gesa, vielleicht hört er mal was von Vater." „Daß wir wissen, wo er gestorben ist." Doch einmal wollte Mutter Willers etwas Hartes sagen, aber dann fühlte sie, daß die Tränen kamen und daß sie hätte weinen «üssen, wenn sie nicht nachgab. .Du hast so selten von Vater gesproc^n, Mutter!" „3a, das hab' ich" Mutter Willers schüttelte schweigend den Kopf, sie antwortete nicht. Das Mädchm horchte eine Weile, man hörte ihre tiefen Atemzüge. „Hast nichts mehr gehört von ihm?" Da kain es noch einmal mit harter Stimme: „Aach Jahre» drei hab' ich mal 'n Brief gekriegt, er wollt wieder besser werden. Aber ich hatt's schwer mit den Jungs damals, Gesa." Das Mädchen zog den Stuhl an das Fenster und lehnte sich an die Mutter. „Wenn man doch vorher wüßte, Mutter, wie es werden wird, später mal." Die sah langsam auf. „Wen meinst du?" Gesa erschrak, stand hastig auf und machte sich am Lisch zu schaffen. Mutter Willers aber blieb am Fenster, starrte über den dunklen Strom, auf dem fern ein paar Lichter durch den Regen glänzten und sann vor sich hin. And sie dachte an die Zeit, in der sie die Kinder groß geinacht hatte, dachte an die fünfzehn Jahre, die hinter ihr lagen, voll Sorge und Angst um die Jungs, die anders werden sollten als der Vater. Wie eine einzige Arbeit erschien ihr die Zeit. Aber es war zu Ende seht, es war Frieden im Haus. Die Jungs waren nüchtern geblieben, waren draußen im Leben, und man sprach in Ehren von den Willers/ Wenn jetzt noch einer um Gesa kommen wollte! Fünf Tage hatte der Westwind angehalten und hatte sprühende Regenböen über das Land gejagt. Dann war er zum Sturm geworden: der fuhr den Strand hinaus, heulend und wütend, wirbelte die Wolken zusammen tote Wogen, die aus der Kimmung im Westen auf fliegen und wild über den Himmel fuhren. Mutter Willers saß wieder am Fenster und grübelte. Sie fühlte sich tränt seit einigen Tagen. Ein unruhiges Gefühl erfüllte sie, als müßte etwas Schweres kommen mit dem Sturm. Klas war gestern vom Bauern gekommen, hatte fein Handwerk an den Aagel hängen und Seemann werden wollen. Daß der Jung ihr doch das Leid antun konnte! And dabei war es nicht geblieben. Ec war in den Krug gegangen, hatte sich Geld geben lassen und hatte die halbe Rächt getrunken. Grad so, wie's bei seinem Vater angefangen hatte, genau so! Aber der Jung war doch nicht fort. Den wollte sie halten, der sollte schon zurück zum Bauern, noch hatte sie zu sagen im Hause. Die alte Frau nickte ängstlich. Und heute morgen war Dierk von Finkenwärder gekommen mit Lars Jochimso-n, so daß nun bald alle zusammen waren. Grad wie zum Begräbnis. Ob das etwas bedeuten sollte? Mutter WillerZ schüttelte sich. Wenn das Wetter doch erst vorbei wäre, das Kranke, das Grauen, das mit der steigenden Dunkelheit über Tische und Wände kroch. Seit Mittag hatte sich auch die Deern nicht sehen lassen. Warum die wohl kein Licht anmachte? Die alte Frau wollte sich aufrichten in ihrem Stuhl, aber sie war zu schwach und sank zurück. Da rief sie nach unten: „Gesa, Gesa!" Statt dessen kamen schwere Tritte die Treppe heraus. Horchend beugte sie sich vor. Das war der Jung. And dann war da noch ein anderer. Die Angel knarrte, Dierk trat ein, hinter ihm Lars Jochimson. Der blieb in der Tür stehen, drehte die Mütze verlegen in der Hand und wartete. Aber Dierk lachte über das ganze Gesicht wie ein großer Schelm, ging zum Stuhl und griff nach den dürren Händen, die da lagen. „Mutter, Mutter, denk doch mal, Gesa und Lars Jochimson haben sich lieb, Mutter, und Lars ist doch mein bester Freund, ist das nicht fein?“ Die alte Frau fuhr mit einem Ruck auf. All ihre Schwäche schien vergangen. Langsam kroch sie aus dem Stuhl und ging auf Lars zu. „Du willst meine Deern." Sie prüfte ihn langsam von dem Scheitel bis zu den Füßen. „Dollst sie haben, Lars Jochimson." Heber ihr graues Gesicht fuhr es wie Freude. Leise wiegte sie den Kopf. „Du sollst sie haben, Lars, und das Unterhaus sollt ihr auch haben. Ich werde alt und bleib oben." Sie sah erschöpft bei ihm vorbei, kroch langsam zum Stuhl zurück. »Das ist rein wie ein Wunder", sagte sie halblaut „und ich hatte! gedacht, es gäb ein Anglück im Haus. Ruf Gesa rauf 1“ Aber die stand schon unten an der Treppe, und als Lars rief, sprang sie flüchtig die Stufen hinauf. „Lars!“ Dierk stand schmunzelnd daneben, dann streichelte er ungelenk seiner Mutter Wangen. „Ist mein bester Freund, du, ist das nicht schön?" Er war ganz gesprächig. „So, nun ruh du erst mal aus, Mutter! Die beiden wollen doch nichts von uns wissen." Die alte Frau nickte, halb glücklich, halb ängstlich, fuhr mit zitternden Fingern über seine Hände und sah vor sich hin. „Lars ist auch ’n bißchen leicht, Dierk. And Klaus ist wieder i» Krug." „Ist alles die Freude, Mutter." Dierk lachte hell auf. „Mutter, Mutter, nun denk da nicht dran, nun freu dich mit“ Er packte ihre beiden Hände und lief mit schweren Stiefeln von einer Seite deS Stuhls zur andern, als wollte er tanzen, bis die Frau sich halb ärgerlich losriß: „Jung, so hab ich dich doch noch gar nicht gesehen." Gesas Stimme fiel dazwischen: „Das hab ich wahrhaftig vergessen, Mutter, da steht noch einer in der Haustür, der wollt was von dir." And hell rief sie die Treppe hinunter: „Komm man rauf, aber bloß ’n Augenblick." Der Wind draußen fuhr auf, trieb eine klatschende Regenbö« gegen das Fenster und jaulte und heulte mit dem brandenden Strom um die Wette. Ein alter Mann mit roten aufgedunsenen Zügen trat schwerfällig in die Stube. Er sah neugierig von einem zum andern und ging zum Stuhl von Mutter Willers. „Dag, Anna..." Er grinste unsicher mit verquollenen Augen um sich „Ra, Gesa, hast ’n Bräutigam? Die ist aber groß geworden, Anna!" Gesa schrie laut auf. „Wer ist das, Mutter?" Die alte Frau war zurückgefunken, stierte gegen die Decke unö rang nach Worten. Da sprang Dierk hinzu, stieß den Mann hart zurück und richtete sich auf: „Wer ist bas?“ Mutter Willers beugte sich vor und sah den andern mit flackerndem Auge an. „Was willst du?" „Kennst mich doch, Anna!" Der Fremde sah sich verlegen um, von einem zum andern. Dann trat er unbeholfen aus das Mädchen zu: „Gesa, dein Vater!" „Du lügst!" Mutter Willers hatte sich losgenestelt und aufgerichtet von ihrem Lager. Wieder schrie sie gellend auf, als könnt« der Schrei sie erlösen. „Du lügst!" „Wer ist das, Mutter?" Dierks tiefe Stimme klang zitternd durch das Dämmern. Mutter Willers sah sich um, sah fragende verstörte Gesichter, und aus ihren Augen brach eine verzweifelte, irre Ängst. Da schrie sie noch einmal auf: „Der lügt! Das ist ’n Falscher, ein Betrüger, das ist ein Friedensstörer —" und mit zitternder haspelnder Stimme neigte sie sich zum Fremden: „Hast du Papiere?" Der Fremde wollte etwas sagen, bann zuckte er die Schultern, wandte sich langsam, ging mit schwankenden stolpernden Schritten zur Treppe und wartete dort. Dierk trat unsicher an den Stuhl. Da saß Mutter Willers gebückt, zusammengekrümmt, und es war, als spräche sie mit sich selbst: „Vater war ’n Großer, Guter — das war ’n Starker, so wie Lars und die Jungs sind. Glaubt dem doch nicht, der lügt —“ Ihre Stimme wurde flüsternd: „Weg mit dem da, Dierk, das ist ’n Falscher, aus dem Haus mit dem!" Lars Jochimson wandte sich langsam zum Fremden und schob ihn zur Treppe. Mutter Willers aber neigte sich und faltete die Hände, als wollte sie beten und es war doch, als würde sie kleiner und kleiner, als schrumpfte ihre Gestalt langsam in sich zusammen. „Vater war ’n Großer, Starker," murmelte sie, „wie meine Jungs —", Arkona, Rethra, Vineta. Von Friedrich von Oppeln-B rvnikowski. In die Kämpfe der Rordgermanen und der Sachsen mit dem wendischen Heidentum Osteibiens führt ein neues Buch Carl Schn ch- Hardts, des bekannten Prähistorikers und langjährigen Leiters der vorgeschichtlichen Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde (Berlin, Hans Schoeh u. Eo. ZI), das den obigen Titel tragt Die einzelnen Abschnitte sind zwar schon früher in den Berliner Akademieberichten erschienen; da diese sich aber fast nur an Fachgelehrte wandten und zudem vergriffen sind, ist ihre Zusammenfassung und teilweise Erweiterung in Buchform, durch reiches Anschauungsmaterial unterstützt, lebhaft zu begrüßen. Aus alten Sagen und Chroniken wird hier der geschichtliche Kern heraus- geschält, und die seit der Renaissance an den verschiedensten Stellen gesuchten Oertlichkeiten werden genau bestimmt oder durch Ausgrabungen nachgewiesem Statt dilettantischen Herumratens streng wissenschaftliche Ergebnisse. Dies Buch verdient also von ledern Freunde deutscher Vorgeschichte gelesen zu werden. 3m folgenden sei nur in großen Zügen auf seine Ergebnisse hingewiesen. Beginnen wir mit Rethra in Mecklenburg, der hochbernhmten Dempelburg der Wendenvölker, die dort, nach dem Bericht des Bischofs Thietmar von Merseburg, ihr gemeinsames Rationalheiligtum hatten, wo der höchste Licht- und Donnergott Suarasic, der „Sohn" des aus der altrussischen Aeberlieserung bekannten Stoarog, also der wendische Zeus, angebetet wurde. Das ihm heilig« Pferd schaffte, über Speere schreitend, Orakel; Rethra war also ein Delphi der Wendenstämme. In seinem Tempel wurden ihre Fahnen verwahrt; in ihn kehrten sie ein, bevor sie zum Krieg« auszogen; ihm stifteten sie nach den Kriegszügen einen guten Teil ihrer Beute. Im Jahre 1068 brach ein großer Wendenaufstand gegen das vorbringende germanische Christentum aus. Der Gegenschlag war ein Kriegszug des streitbaren Bischofs Durchard von Halberstadt, der das Rationalheiligtum zerstörte und auf dem heiligen Roh des Suarasic ins Sachfenland Heimritt. Wie tief die Erinnerung an diese Schicksalswende im Dolksbewußlsetn fortlebt, zeigt ein noch heute in Niederdeutschland gelungener Kinderreim: Buko von Halberstadt, Dring doch meinem Kinde wat! — Wat fall ik em denn bringen? — Goldne Schoh mit Ringen! Der Eroberer des Tempelschatzes von Reihra galt als ein reicher Mann, den inan Wohl um eine Goldgabe bitten durste! Mari hat Rcthra an den verschiedensten Stellen gesucht, miß- leitet durch eine Angabe des Chronisten Adam von 'Bremen, der es, gewiß nur vom Hörensagen, als Wasserburg auf einer Insel schil» dert, die nur aut einer Holzbrücke zugänglich war. Eine bessere und ältere Quelle ist der Bischof Thietmar von Merseburg, der Rethra als „dreihörnige" Burg beschreibt. Aber auch dieser Ausdruck hat ;u mißverständlichen Deutungen uird vergeblichem Suchen geführt. Zchuchhardt hat ihn richtig als „dreitorig" gedeutet und nordöstlich von Feldberg, auf dem sog. Schloßberg am Großen Lucinsee, eine slawische Burgmauer mit drei Torfundamenten ausgegraben, an die sich nach der Landseite noch eine mehrtorige Borburg anschloh. Die ür slawische Berhältnisse vorzüglichen Tonscherben und die großartige Anlage des Mitteltores, die Schuchhardt mit derjenigen der Propyläen in Athen vergleicht, lassen es als sicher erscheinen, daß dies die Stätte von Rethra war. Bon dem Tempel freilich hat sich tut noch die Plattform gefunden: er ist von den Siegern gründlich Zerstört worden. Dreißig Jahre später haben die Dänen Bineta zerstört. Bineta st bekannt aus der Sage, als versunkene Stadt, die ob ihres Ueber- nutes vom Meere verschlungen ward, und deren Glocken manchmal noch aus der Wassertiefe heraufklingen. Als Jomsburg oder 3m» neta spielt es auch eine Rolle in der dänischen Jomsvikingersage neuerdings deutsch bei E. Diederichs in Jena), nämlich als Seefeste an der pommerschen Küste, und der schon genannte Adam von Bremen (1075) beschreibt es als blühende slawische Handelsstadt, die den Umschlagsverkehr zwischen dein östlichen Landhandel und den nordischen Ländern besorgte. Bineta war also ein nordisches Venedig, wo sich nordische, russische und sächsische (deutsche) Kaufleute .cafen. Es hatte sogar einen Leuchtturin. Das älteste war natürlich die Wikingerfestung, die um 950 gegründet worden ist. Rur kampf- äh'ge Männer wurden in sie ausgenommen; das Leben war brüderlich, alle Beute wurde geteilt. Es war also bereits ein Orden mit festen Regeln, eine Borform des Deutschordens in Ostpreußen. Die slawische Handelsstadt, die im Schutze dieser Seefeste ausblühte, erregte jedoch bald die Eifersucht der Dänen, und die Seeräubereien der Jomsburger führten zu'mehreren Strafexpeditivnen; bei der letzten (1098) wurden Stadt und Festung völlig zerstört. Kurz darauf wurden sie von einer Sturmflut verschlungen, und fortan lebt Jum» neta nur noch in der Sage von Bineta fort. Man hat es an verschiedenen Orten gesucht, so am Koserower Rifs auf Afedom, dessen unter Wasser liegende Eesteinsmassen aber Reste einer Moräne der Eiszeit sind, oder in der Stadt Wollin (bei Saxo Grammaticus Julinum) an der Dievenow, dem östlichsten Mündungsarm der Oder, der aber im Mittelalt - nicht schiffbar war. Schließlich auch an der Peenemündung, au? der äußersten Spitze der Insel Asedom, und diese Lage entspricht d.<> alten Rachrichten, wonach es in der Rahe von Rügen gelegen hat. Hier sind auch große Veränderungen der Landkarte erfolgt: noch 1309 hat eine Sturmflut die Insel Rüden, die der Peenemündung vorgelagert ist, von Rügen losgerissen. An dieser dritten Stelle nimmt auch Schuch- hardt Bineta an: die Bodengestaltung unter dem ganz seichten Wasser der Peenemündung läßt die Bedingungen seiner . Lage noch heute erkennen. Im 30jährigen Kriege haben zwar nicht die Dänen, wohl aber die Schweden die Hand zum zweitenmal auf die Odermündungen gelegt und damit den Handelsverkehr an sich gerissen. Am sonst entriß ihnen der Große Kurfürst Stettin und Rügen; er mußte feine Eroberung wieder herausgeben. Erst dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm 1., der diese Eroberung im Nordischen Kriege wie »erholte, gelang es, Vorpommern wenigstens bis zur Peene zu erwerben und so den Zugang zur Ostsee freizumachen. Aber erst Friedrich der Große, der durch die Erwerbung von Schlesien auch in den Besitz des oberen Oberlaufes kam, machte diesen Zugang durch den Durchstich an der Swinemündung und die Anlage von Swinemünde ganz frei. Dies Beispiel zeigt, daß auch der Gründung und Zerstörung des sagenhaften Bineta handelspolitische Motive zugrunde lagen. Zweihundert Jahre nach Rethra fiel auch die letzte Hochburg des heidnischen Slawentums, die Tempelburg Arkona auf den Kreidefelsen von Rügen. Aeber die Pracht und die Zerstörung dieses Tempels durch den Bischof Abfalom von Seeland hat der dänische Chronist Saxo Grammaticus als Zeitgenosse, vielleicht als Augenzeuge, berichtet. Der hier verehrte Gott Swantewit, der „Hochheilige", war identisch mit dem Suarasic von Rethra; auch er hatte ein heiliges Pferd, das durch Schreiten über Speere Orakel schuf. Das riesige Holzbild des vierköpfigen Götzen stand in einem Tempel, dessen Grundriß Schuchhardt ausgegraben hat, auf einem Steinfundament, das er gleichfalls gesunden hat. Das Götzenbild selbst aber wurde bei der Eroberung zerschlagen und verbrannt. Damit endete der letzte heidnische Kult im Wendenland. Am den Festplatz von diesem Tempel zog sich auf der Landseite ein Holz- und Erdwall, an den sich die Wohnungen der dreihundert berittenen Tempel- Wächter anlehnten; auch die in Flammen aufgegangenen Reste dieser Bauten hat Schuchhardt wieder ausgegraben. Der quadratische Grundriß des Tempels, dem altgermanischen Hausgrundrih wie dem aus ihm entstandenen griechischen Wohnhaus und Tempel gleich fremd, zeigt überraschende Aehnlichkeit mit den Grundrissen gallischer Tempel im Rheinland, von denen ja erst neuerdings in dem Götterbezirk bei Trier über zwanzig fr eigelegt worden sind. Auch die Vierköpfigkeit des Swantewit kehrt in dem gallischen Gotte Teutates wieder, dessen erstes Bildnis — an einem Salbgefäh — gleichfalls in Trier zutage gekommen ist. Wir haben es hier also offenbar mit uralten Zusammenhängen zu tun. So mannigfach sind die Ergebnisse des Schuchhardtschen Werkes. Kräfte und Bewegungen im Weltall. Don Kopernikus bis Einstein. Von Professor Dr. Adolf Marcuse, Berlin. Schon im Altertum erkannte man, daß der scheinbare Planetenlauf, wie ihn die direkten Himmelsbeobachtungen ergaben, sehr verwickelt sei. Zu ihrer Erklärung wählte man eine Reihe künstlicher Hilfsmittel, entsprechend dem damaligen ungenauen Stande der Messungen. Aber alle diese Theorien beruhten auf der falschen geozentrischen Weltanschauung, die als Zentralkörper unseres Planetensystems die Erde annahm, um die alle übrigen Gestirne sich bewegen sollten. Diese Ptolemäische Weitanschauung blieb für vierzehn Jahrhunderte die herrschende. Erst Kopernikus bewies in der Mitte des 16. Jahrhunderts, daß die Bewegung der Gestirne sehr viel einfacher sich erklärt, wenn die Sonne im Mittelpunkte des Planetensystems steht und die Erde, ebenso wie alle übrigen Planeten, sich um den Zentralkörper Sonne bewegt. So wurde durch diese heliozentrische Weltanschauung mathematisch streng erwiesen, daß die tägliche Bewegung der Himmelskugel durch die Drehung der Erde um ihre Achse, und daß die scheinbare jährliche Bewegung der Sonne durch den Amlauf unseres Planeten um die Sonne zustande kommt. Ferner klärten sich die nur scheinbar verwickelten Bahnen der anderen Planeten mit einem Schlage dadurch auf, daß sich ihre eigene, verhältnismäßig einfache Bewegung um die Sonne kombiniert mit der Eigenbewegung der Erde, so daß wir gleichsam von einem bewegten Observatorium aus den Himmck beobachten. Diese richtige, inzwischen durch zahlreiche exakte Messungen vollauf bestätigte Kopemikanische Weltanschauung fand, wie jedes neue Problem, bedeutende Gegnerschaften und stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. Richt nur die Kirche kämpfte damals gegen das neu« System, sondern sogar die Wissenschaft, insbesondere der groß« dänische Astronom Thcho Brahe. Erst Kepler hat zu Beginn des 17. Jahrhunderts das unsterbliche Verdienst, dieser heliozentrischen Weltanschauung zum Siege verholfen zu haben. Dieser große deutsche Astronom fand aus den für die damalige Zeit ausgezeichneten Planetenbeobachtungen Tychv Brahes die Gesetze der elliptischen Vahnbewegung der Planeten um die Sonne. Sv wurde Kepler, der damals Assistent bei Thcho Brahe war, dessen Meister; und er leitete aus den Beobachtungen eines Anhängers der geozentrischen Lehre wichtige Naturgesetze her, die zum Siege der heliozentrischen Theorie führten. Diese Keplerschen Gesetze waren wirkliche Raturgesetze, die sich im gesamten Sonnensystem bewahrheiteten. Daher mußten sie auf einer tieferen Arsache, aus einer bestimmten Kräftewirkung im Aniversum beruhen, nämlich auf dem Gesetz der allgemeinen Massenanziehung, das erst fast hundert Jahre nach Kepler gefunden wurde. Dem genialen R e w t o n war es Vorbehalten, gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Gesetze der irdischen Dynamik auf daS Sonnensystem anzuwenden und die Theorie der allgemeinen Massenanziehung zu finden. Der großen Rewtonschen Entdeckung liegen drei Vewegungsgesetze zugrunde, von denen das erste das interessanteste und für die damalige Zeit geheimnisvollste war. Dasselbe sagt aus, daß ein in Bewegung befindlicher Körper, auf den, abgesehen vom ersten Anstoß, keine weitere Kraft wirkt, sich unaufhörlich mit gleicher Geschwindigkeit gradlinig fortbewegt. Dieses Gesetz bildet das früher nicht erkannte Bindeglied zwischen den irdischen, experimentell von Galilei und Huygens gefundenen Bewegungen und den nur in ihren Folgeerscheinungen uns zum Bewußtsein kommenden Bewegungsvorgängen im Weltall, Aus der Erde gibt es eben keinen Körper, der sich andauernd gradlinig fortbewegen kann, da er durch die Schwerkraft zur Erde fällt und in seiner Fortbewegung durch Reibung gehemmt wird, Reuerdings gelang es allerdings, durch das Experiment mit der großen Kanone die reibungslose Fortbewegung eines Körpers nach der Art der Gestirne in etwas nachzuahmen. Das Geschoß die!« großen Kanone wurde bis zu einer Höhe von etwa 42 Kilometer emporgeschleudert, und, da dort oben der Luftwiderstand praktisch null ist, konnte es sich über eine Strecke von mehr als 100 Kilometer foribewegen. Beto ton sand das einfache Gesetz, daß im Aniversum jeder Körper den anderen mit einer Kraft anzieht, proportional ihren Massen und umgekehrt proportional dem Quadrat ihres gegenseitigen Abstandes. So verschwand alles Geheimnisvolle aus den Bewegungen iin Himmelsraume, die sich nach denselben Gesetzen, nur unter gan- verschiedenen Bedingungen Wie die auf der Erde vor sich gehenden Vewegungserscheinungen vollziehen. Das große Rewtonsche Ratur- gesetz kennt für die Wirkung der allgemeinen Massenanziehung kenne Grenzen im Aniversum; es gilt ebenso in unserem Sonnensystem wie in den fernsten Welten der Fixsterne. Rur in der Bahnbewegung des sonnennächsten Planeten Merkur findet sich eine kleine Unregelmäßigkeit, zu deren Erklärung das Rewtonsche Gesetz mchl ausreichte, und wo nunmehr die neuere Relativitätstheorie fjelfeiw eintrat. Die viel besprochene, aber nicht so oft verstandene Relativitätstheorie brachte eine Amwälzung der Mechanik um) läßt den ganzen Makrokosmos einfacher und einheitlicher erscheinen. Amwälz-end wirkte ihr Rachweis, daß unsere Vorstellungen von Raum und Zeit völlig geändert werden müssen. Aufbauend tz> die E i n st e i n s ch e Theorie, weil sie auf neuen Grundlagen em kühnes Gebäude errichtet, das im Bereiche der Erde und de» Weltalls unser mechanisches Denken wesentlich erweitert. Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.