SlehenerZamilieiibliititt Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Dienstag, den U- Oktober Jahrgang (927 Nummer 81 Schubert. Von Robert Hohlbaum. Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein, die Lindenblätter soll dein Klang bewegen, dein Nam« tön' aus jedem Abendsegen, aus jeder Glocke, hell und morgen rein. Du, sei mit uns in Nächten, süß vom Wein, wenn sich in deinem Lied die Becher regen, du sollst der Führer auf verschneiten Wegen unserer letzten Winterreise fein. Du bist die Ruh', der Friede mild, demütig kränzen wir dein Bild mit Frühlingsglanz. Sieh unser Herz, von Gott so weit, füll' es mit deiner Seligkeit, o füll' es ganz! Das Forellenquintett. Von Wilhelm Schäfer. Der Schubertfranz und der Lachnerfranz wollten an einem Sonntag in der Frühe in den Wienerwald gehen. Vielleicht, daß wir den Specht ein Menuett klopfen hören, und das Eichhörnchen tanzt dazu! schwärmte der seuri-ge Lachner, und Schubert nickte bedächtig: Am Ende macht uns die Kathi in Cobenzl gar noch Forellen! Doch wie sie da gegen Sievering tarnen, schwenkte ein Herr seinen Hut, wie nur im Theater ein Hut geschwenkt werden kann; und wenn sie nach zweifelten, wer wohl der Hutschwenker wäre, wurde der Zweifel allsogleich blaß, als er die Stimme vernahm-. So konnte nur Siebert, der Sänger und große Bassist, einen Morgengruh tönen. So zogen sie dann zu dreien das Erbsenbachtal hinauf gegen den Vogelfangberg und brauchten den Specht und das Eichhörnchen nicht, so klopfte der Sänger an seine gespreizte Brust, und so sprang seine Eitelkeit um mit halsbrecherischen Kapriolen. Den steinernen Gast hat uns die Theaterhölle zugefchickt! klagten di« Augen des Lachnerfranz: Jetzt wird uns der Wald und der Sonntag oer- rebet, und wo wir gegangen sind, zieht sich ein Schleim wie von Schnecken! Der Schubertfranz aber blitzte ihm Antwort mit seiner Brille: Der Specht und das Eichhorn sind längst davon vor der Stimme, und der Wald will auch einmal Ruhe haben mit seinem Säuseln und Rauschen; aber Forellen bekommt er nicht, und erst recht keine von der Kathi! Die Gräten könnten im tiefen C stecken bleiben und die Kathi müßte die Ofenzange ansetzen, sie wieder zu holen. Wir hätten die Wiener um Sieberts Stimme gebracht; und wer soll ihnen bann das tiefe Kellerlied fingen? So hielten die Augen der beiden Fränze und Musikanten heimliche Zwiesprache ab, und die Brille blitzte dazwischen; aber den Sänger störte die leise Zwischenmusik nicht, weil er auch im Theater nur den Bah seiner Arien hörte. Und während das Wasser des Baches zierlich dahinfloß, um Kiesel und Baumwurzeln kreisend, während die Sonne sich auf dem Waldboden in taufend Sprenkeln verlor, davon ein jeder seine eigene krause Gestalt und sein heimliches Liebesglück hatte mit Moosen und Bternmieren, während der Wind in den Bäumen sein Elfenspiel übte, an jedem Blatt läuten, so daß aus dem Schellengeklingel der tausendmal- tausend Blätter das wohllaute Säuseln entstand, nrährend das winzige Flügelgebrause der Käfer und der Flötenton ferner Kuckucksrufe sich m das emsige Lustgetön legten, das dennoch selige Stille war: — hing den zornigen Fränzen und Musikanten der Lärm des Sängers im Ohr, der feiner eitlen Wichtigkeit voll war bis über die Ohren und nichts außer sich selber vernahm. . Als sie so von seinen Erfolgen in Prag und von der Huld des Salzburger Hofes, von feiner Beliebtheit in Linz und den Beifallsstürmen 'n Czer und Karlsbad, von der Fülle seiner Geschenke und der Hoheit seiner Orden, aber auch von dem heuchlerischen Reid der Kollegen und von der Bosheit schlechter Rezensenten eine Stund« und mehr brusttönende Worte gehört hatten, waren die drei endlich droben auf dem Vogelsangberg. Da lagen die Kronen der Bäume unter ihren Blicken wie Kiesgeröll, das sich sanft in di« blaue Tiefe verlor, wo die herrliche Stadt Wien lag mit dem Stephansdom und dem Silberstrich der blinkenden Donau. Weil aber der Sänger und berühmte Bassist Siebert gerade bei seinem Freund Hugelthier angelangt war, der feinen Baß heimtückisch einen Eietzkannenton genannt hatte, so diente der Anblick der sanft hinleuchtenden ©titot dem durch sich selber Gereizten nur dazu, über das leichtlebige Wien und der Kunstungefälligkeit feiner Bürger einen gewaltigen Stad zu brechen, bis sich die Brille des Schubertfranz mit dem Zornblick °eä Lachnerfranz listig verständigt hatte. Laßt doch die Wiener aus Süßholz Sauerkraut kochen! sagte di« blitzende Brille gemächlich, und der mit den witzigen Augen setzte hinzu: Hier auf dem Vogelsangberg, wo die Bäume über Beethoven stürmten und Mozart die Zauberflöte fand, wo außer uns beiden zu dieser Stund« kein menschliches Ohr ist, Euch etwa nicht jeden Ton vom Mund ab- zusaugen; hier ist Euer Platz! Hier laßt Euren großen Sarastro ertönen! Und seid gewiß, wir wollen mit unseren Galgengesichtern bescheiden beiseite gehen, wir wollen im Wald Euren Baß hören und staunen, dies wäre ein Dom und Euer Mund eine Orgel! Und weil ein Sänger für feine Stimme wohl eine gesunde Brust braucht, einem Blasebalg gleich den Atem zu schwellen, aber von seinem Kopf nur der Mund nötig ist, dem schwellenden Atem das Pfeifenwerk der Töne zu setzen, so merkte der Sänger und große Bassist auf dem Vogelsang nicht, daß sich die lustigen Fränze und Musikanten nur listig furtschleichen wollten. Als stellte der Wald den Prospekt, trat er mit stolzem Schritt vor an die Lichtung, schwenkte den Hut ins Theater und sang vor der ganzen Stadt Wien, vor der silbernen Donau und vor dem Stephansdom, vor bem sanft geschotterten Wolkenhimmel und der licht- lebigen Ferne in die unermeßliche Tiefe seiner Eitelkeit hinein den 6a- rastro. Und merkte nicht, bah der leise Wohllaut der Luft seinen lauten Baß hinnahm wie sonst einen menschlichen Lärm, daß seiner rollenden Stimme rundum die tönende Stille gesetzt war wie eine ewige Mauer, so daß keine Stelle im Tal, die feine Augen auf sich bezogen, auch nur das leiseste Ohr auf ihn haben konnte, daß die Welt der Wolken und Winde und blaublauen Weite so unberührt von ihm ronr, wie er ihrer Stimme, der nach dem großen Sarastro auf dem Vogelsangberg in der zehnten Stunde des Morgens fein ganzes Repertoire fang. Daß fo ein Malefizkerl glaubt, wir könnten der Gottesnatur nur einen einzigen Ton fingen, daß er nicht weiß, wie sie es fein muß, die in uns singt, wie unsere ganze Musik nur das letzte Echo von ihrer Herr- lichkeit ist, zischte der Lachnerfranz, als sie, schon im Gebüsch, noch einmal nach seiner Narrheit zurücklauschten. Aber der Schubertfranz putzte di« Brille von feinen Tränen und hatte so herzlich gelacht. Sogar im Nil gibt es Pferde! sagte der mahnend. Jetzt aber schnell nach Cobenzl hinunter zur Kathi und ihren Forellen! Denn weiht du, mich juckt ein Quintett. Schubert und die Klassiker. Von Paul Stefan.*) Wir sagen Schubert-Zeit und vergessen vielleicht einen Augenblick, daß sie nur für diese Betrachtung fo genannt werden kann — es wär, wenn wir sie nach Meistern der Musik benennen wollen, die Zeit eines Haydn, dann Beethoven-Zeit, zuletzt Zeit für Rossini. So schien es den Zeitgenossen. Sechs Jahre vor Schuberts Geburt war Mozart gestorben, seit dem Prager „Don Giovanni" auch in Wien berühmt, vom Hof etwas widerwillig, von der Gesellschaft freudig geehrt; nur ist freilich zu sagen, daß Salieri bei Hof und Gesellschaft nicht weniger galt, auch ruhte auf ihm ein Abglanz von dem großen Ruhm feines Lehrers Gluck. Mit dem neuen Jahrhundert kam Beethoven herauf. Aber die Glorie Wiens war noch Haydn, heimgekehrt in dem Lorbeerfchmuck der großen weiten Welt. In feiner kindlich-genialen Erhabenheit fand er den gläubigen Ausdruck für die Heimat- und Staatsliebe eines von äußeren Feinden bedrängten Volkes, fein Kaistrlied (1797), eine Melodie von ergreifender Feierlich- feit, wurde Oesterreichs musikalisches Symbol. An die Begeisterung, di« „Schöpfung" und „Jahreszeiten" weckten, läßt sich nur erinnern. Eine Aufführung der „Schöpfung" in dem letzten Kavalierkonzert (27. März 1808) war fein Abschied von allem öffentlichen Musizieren. Der greife Künstler wurde von einem Wagen des Fürsten Esterhazy aus feiner Mariahilfer Wohnung geholt und in den Saal getragen; die vornehmsten Persönlichkeiten der Gesellschaft, auch Beethoven, hatten ihn vor dem Tor empfangen. Das Werk wurde übrigens in einer besonders für diesen Anlaß besorgten italienischen Besetzung aufgeführt. Nach dem ersten Tell mußte er, von Rührung und Schwäche überwältigt, den Saal verlassen. Alles meinte. Mehr als ein Jahr später rückten die Franzosen heran, Haydns Vorstadtwohnung war den französischen Stellungen besonders nahe. Am 31. Mai starb er. Sein Haus bekam eine französische Ehrenwache, die Besatzungsbehörden teilten das Ereignis im Amtsblatt mit, bei den Trauerfeierlichkeiten hatte Baron Denon, der Kunstkommissar, die Regierung Napoleons zu vertreten. Nun wird Beechoven Musik-Regent der Stadt. Zu ihm pilgern, wie noch eben zu Haydn, die fremden Künstler. Er beherrscht die Hofgesellschaft Oesterreichs, wird als Dirigent, als Klavierspieler gefeiert; der Ruhm des Komponisten geht nicht von dem größten und bedeutendsten seiner *) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem Augusthest der „Merteljahrs- blätter des Volksverbandes der Bücherfreunde", Berlin-Charlottenburg. Werke aus, aber er erfaßt sie alle, auch die schwierigsten werden hin- 1 Genommen, verstanden, bejubelt. Die Jahre von Haydns Aufgang bis zu den ersten Siegen eines Rossini sind recht eigentlich die Beethoven-Zeit, ikr wird Ehrenbürger von Wien, man ruft auch während des Rosftnl- Taumels seinen Rainen der Stadt immer wieder ins Gedächtnis; er selbst ist allerdings durch die Abkehr des Publikums zu allem Italienischen dermaßen verstimmt, daß er daran denkt, die beiden großen Abschiedswerke, die große Messe und die Neunte Symphonie, zuerst in Berlin aufführen zu lassen. Eine Adresse, von Künstlern und Kunstfreunden Wiens unterzeichnet, gibt ihm die Gewißheit zurück, daß er noch immer in feiner Größe gewürdigt wird, und die Ausführung im Kärntnertortheater Fragmente der Messe, der lieben Zensur wegen im Programm als Hymnen" bezeichnet, und Neunte Symphonie) wird ein Triumph des Meisters; das erhoffte Erträgnis freilich bleibt aus, auch bei einer Wisder- wlung des Konzerts im Nedoutensaal, bei der die eine der „Hymnen" schon durch eine Arie von Rossini ersetzt worden ist. Beethoven tritt nicht mehr in die Oeffentlichkeit. In der Stille des Alters, der Krankheit, der Vereinsamung entstehen die letzten Quartette. Auch sie werden zum Teil roch zu Gehör gebracht. Unter Donner und Blitz geht Beethoven in die Unsterblichkeit ein; viele teilnehmende Freunde messen dem Märzgewitter 'm Todestag besondere Bedeutung bei. Am Begräbnis nimmt die ganze Stadt teil, iind das alte Weiblein hatte recht, das einem Unkundigen auf die Frage, was es denn mit dem (zur Wahrung der Drbnung auf- gebotenen) Militär auf sich habe, die Antwort gibt: „Wissen's denn nicht — der General von den Musikanten ist gestorben." Schuberts ewiger Kummer aber war: „Wer vermag nach Beethoven och etwas zu machen?" Der Wiener Rossini-Taumel erfüllt Schuberts letztes Lebensjahrzehnt, droht ihm die Oper zu versperren, ergreift auch ihn . . . Cherubini, Mich spontini sind nie so sehr als Italiener, als Fremde betrachtet worden, in beiden und besonders in Cherubini wirkte Gluck nach, ergab sich eine Verwandtschaft mit deutscher Feierlichkeit, deutscher Zurückhaltung. Rossini aber brachte die Sonne Italiens, das Glück einer Melodie, dis nichts als Licht und Freude geben wollte und, nach schweren Zeiten, auch gab. Ihr erlag ganz Europa, selig, nach Jahren der Unsicherheit, der Erregungen ohne Bedenken zu genießen, schwelgen zu können, im Augenblick aufzugehen. Daß sich Wien mit besonderer Leidenschaft hingab, sollte nicht gescholten werden. Die Stadt, das Land war besonders arg mitgenommen worden. Und -dann hatte dieses Wien selbst so viel Südliches, so viel Freude an der Melodie. Welscher Tand? Ein selbst einst italienisches Opernzentrum huldigte einem mehr als anderen italienischen Meistern. Es ist wahr, Wien vergaß darüber, was es noch gestern angebetet hatte, vergaß selbst Beethoven. Aber in dieser Stadt hat der Lebende immer unrecht gehabt, auch wenn er noch so groß war. Es ist auch zu sagen, daß gerade die letzten Werke Beethovens zuzeiten von einer mehr persönlichen Teilnahme an der Erscheinung des großen Mannes getragen werden konnten — aber sie standen doch sehr fern von einer Zeit, die einem solchen Flug des Genius selbst bei größerer Sammlung nicht Jütte folgen können und sich um so lieber bei leichteren Musikgenüssen eschied. Rossini sellist hatte sich nicht nehmen lassen, zu Beethoven vorzudringen, einem Beethoven, der Cherubini bei jeder Gelegenheit seiner Achtung und Schätzung versichert, ihn den ersten Komponisten seiner Zeit genannt hatte. Aber „der Schmetterling flog dem Adler in den Weg, dieser wich . . . aus, um ihn nicht zu erdrücken mit dem Flügelschlag" (Schumann). Schließlich gelang der Besuch. Beethoven riet Rossini, nur Buffo-Opern zu komponieren; das sei dem italienischen Genie am meisten angemessen. Rossini nahm den Eindruck einer unbeschreiblichen Traurigkeit des großen Beethoven mit: „Als wir die wackligen Treppen herabstiegen, suhlte ich über den Besuch bes dem großen Mann, da ich an seine Verlassenheit, an seinen Mangel dachte, eine solche Wehmut, daß ich zu weinen anfing." Aber Rossinis Begleiter, ein italienischer Poet, der sich in Wien schon auskannte, meinte, Beethoven wolle es gar nicht anders haben . . . Zeitgenosse eines Haydn, Beethoven, Rossini, geblendet, eingehüllt, verborgen von dem Glanz und Ruhm solcher Meister, blühte und verblühte in der Stille einiger Freundschaft, häufig in der Abgeschiedenheit der Vorstadt, aus Wanderungen irgendwo im Oesterreichischen, Schubert. Er hat drei Jahrzehnte lang der Stadt nicht seine Person, nicht die Persönlichkeit gegeben, nur Zirkel wußten von ihm, die Kreise der Aufmerksamkeit weiteten sich gerade ein wenig, aber da waren die drei Jahrzehnte dieses Sehens auch schon um, er sank in die Nacht, und Vergessenheit umfing ihn. Traumversuche. Von Dr. Karl Erich Krack. Zu den schwierigen Aufgaben, die von jeher den Forscher und den Laien in höchstem Grade angeregt haben, gehören die rätselhaften Träumerscheinung en. Neuerdings sind durch Versuche einige wichttge Aufschlüsse über die Entstehung unserer Träume erlangt worden. Jeder, der die ihm bewußt gewordenen Traumerlebnisse zu überblicken vermag, wird zugeben, daß m ihnen der Geruch eine höchst unbedeutende Rolle spielt. Wir träumen wohl von einer blumigen Wiese, wir erblicken auch eine vollbesetzte Tafel mit allen nur möglichen Leckerbissen, aber niemals nehmen wir den Duft der Blumen wahr. Und doch sind die Gerüchs- empfindungen sicher in sehr vielen Fällen die einzige Veranlassung zur Entstehung des Traumes. Der russische Forscher Sergejeff hat darüber an sich selbst Versuche vornehmen lassen. ,Lch war im Begriffe", erzählt er, „mich zu einem meiner Freunde in der Sommerfrische zu begeben, um dort vierzehn Tage zu bleiben. Vor meiner Abreise kaufte ich mir eine Flasche Parfüm, das einen eigenartigen Geruch hatte. Jedoch hütete ich mich, die betreffende Flasche vor meiner Ankunft in der Sommerfrische zu öffnen. Dagegen machte ich, dort angelangt, von dem Parfüm einen sehr ausgedehnten Gebrauch und hatte stets eine Kleinigkeit in meinem Taschentuche. An dem Tage, wo ich abreiste, wurde das Fläschchen sorgfältig geschlossen und blieb dann über ein Jahr in einem Schrank unberührt verwahrt. Ich hatte einen Diener, der täglich schon sehr früh in mein Schlafzimmer kam. Ich gab ihm das Fläschchen und beauftragte ihn, mir eines Morgens, wenn er mich tief schlafend finden würde, einige Tropfen auf das Kopfkissen zu gießen. Er sollte mir nicht das geringste davon vorher sagen und einen ganz beliebigen Tag nach längerer Zeit wählen, so daß ich in keiner Weise im voraus empfänglich sein konnte. Meine Träume, die ich jeden Morgen mit größter Sorgfalt nieder« schrieb enthielten nie etwas, das an meinen vorjährigen Aufenthalt erinnerte. Da, eines Morgens träumte ich, wieder in der Sommerfrische zu sein Ich sah die mir bekannten Berge, Bäume und Felsen so lebhaft und deutlich, daß ich sie hätte zeichnen können. Beim Erwachen fiel mir sofort auf, daß mein Kopfkissen nach dem bewußten Parfüm roch. Der Diener hatte in der Tat an diesem Morgen seinen Auftrag ausgeführt." In ganz ähnlicher Weise und mit dem gleichen Erfolge machte Hervey verschiedentlich Versuche. Er ging aber noch einen Schritt weiter. Rach seinen Versuchen mit einem Parfüm benutzte er deren zwei, von denen er das eine bei einem Landaufenthalte gebrauchte, während er das andere in dem Atelier eines Malers, worin er arbeitete, und das in dieser Zeit häufig von einer jungen Dame besucht wurde, verwendete. Er traf nun Vorsorge, daß ihm sein Diener eines Morgens von beiden Essenzen einige Tropfen auf das Kissen träufelte. Die Wirkung war die erwartete, denn es tauchte vor dem Schlafenden zuerst ein Traumbild auf, in dem er in die Gegend des Landaufenthaltes versetzt wurde und wo er mit der Familie seines damaligen Wirtes speiste, als plötzlich der Maler in Begleitung der Dame in das Zimmer trat. Der Duft des betreffenden Varfüms war also jedesmal die Urfache für die Entstehung des Traumes gewesen. Mit seiner Wahrnehmung im Schlafzimmer waren die Gehirn- vorstellungen wieder geweckt worden, die damals, als die verschiedenen Parfüms gebraucht wurden, den Geist der Versuchspersonen erfüllt hatten. Wie der Geruch, so gibt auch der Ta st sinn vielfach den Anstoß zur Traumbildung. Professor Ofron bedeckte in einer Nacht feine Kniee nicht. Die Abkühlung erregte in ihm die Vorstellung der Nacht, und damit verband sich die Erinnerung an eine Nachtfahrt, die er mit der Postkutsche unternommen hatte. Dr. Ofregory wiederum legte an das Fußende seines Bettes eine mit heißem Wasser gefüllte Flasche. , Die Wärmeempfindung an den Füßen erregte in ihm die Vorstellung einer früher tatsächlich unternommenen Aetn-abesteigung, bei der er die Hitze des Bodens unerträglich gefunden hatte. Interessant ist die Beobachtung eines französischen Gelehrten, der auf einer Forschungsreise in Aegypten von einem schweren Augenleiden befallen wurde. Nach Frankreich zurückgekehrt, vergingen zchn Jahre, ohne daß er je von Aegypten geträumt hätte. Da — mit einem Male — stellten sich fast in jeder Nacht Träume ein, die ihn wieder nach Aegyptm zurückführten oder sich doch auf seine damalige Reife bezogen. Wenige Tage später erkrankte er an demselben Augenleiden, an dem er in Aegypten gelitten hatte. Die leisen Reizungen, die als Vorläufer des offenen Krank- heitsausbruches auftraten, wurden also im Wachen, wo -der Geist anderweitig beschäftigt war, gar nicht empfunden. Wohl aber waren sie im Schlafe stark genug, im Gehirn wahrgenommen zu werden. Mit ihrer Empfindung wurde aber auch die Erinnerung an die vormalige Erkrankung und die während ihrer Dauer unternommene Reise wieder erweckt. Vielleicht beruhen auf gleich schwac^n Reizungen alle jene prophetischen Träume, in denen wir von bevorstehenden Krankheiten träumen, die dann auch wirklich eintreten. Auch der Geschmackssinn wirkt auf unsere Traumvorstellungen. Um seine Mitwirkung zu prüfen, las Hervey am Tage zu wiederholten Malen eine anschauliche Stelle aus Ovids „Metamorphosen und entwarf ein darauf bezügliches Bild auf der Leinewand. Während der ganzen Zeit dieser Beschäftigung hielt er ein Stück Jriswurzel um Munde. Die Jns- wurzel sollte -den Vermittlungsgegenstand abgeben, durch den sein Diener in die Traumbilder einzugreifen vermöchte. Als daher Hervey nach euuger Zeit im Schlafe eine derartige Wurzel zwischen die Lippen geschoben wurde, wurde die Geschmacksempfindung die Ursache, alle begleitenden Nebenumstände wieder hervorzuzaubern und die Erinnerung an das nach dem lateinischen Dichter entworfene Gemälde lebhaft im Traume wachzu- ^Dah Gehöreindrücke eine reiche Quelle für allerlei Traumerleb- nisse sind, wird ein jeder schon an sich selbst erfahren haben. Em vom Winde hin- und hergeschlagener Fensterflügel, ein umgefallenes Tischchen im Schlafzimmer erklärt uns beim Erwachen am Morgen, warum wir von einer Kanonade oder einer Explosion geträumt haben. Sehr sinnreich suchte der schon genannte französische Forscher den, Zusammenhang zwischen Gehörsinn und Trauminhalt auch erfahrungsgemäß nachzuweijen. Er wählte aus feinen Ballbekanntschaften ihm zwei sympathische Damen und aus der Tanzmusik zwei Walzer von besonderer Eigentümlichkeit aus. Mit Hilfe des ihm befreundeten Kapellmeisters richtete et es nun so em, daß er mit jeder der beiden Damen immer nur den bestimmten Walzer tanzte, so daß jede Tänzerin sozusagen zu ihrer Melodie gehörte, rcun kaufte er zwei Spieluhren, welche die betreffenden Walzer spielten. 00 oft jetzt, während er schlief, die Spieluhren jene Melodien spielten, erschienen ihm stets seine beiden Tänzerinnen im Traume, jede bei dem betreffenden Walzer. Ein Versuch, den jeder von uns selbst unzählige Male an sich anstellt, besteht darin, daß wir uns, wenn wir von einem unangenehmen Traume gequält werden, auf die andere Seite legen. In den ersten Anfängen des Schlafes, wenn wir eben die Augen geschlossen haben, schweben unlerem Geiste eine Menge verwirrter Bilder vor; die Gehirnhälfte nun, die oer Seite entspricht, auf der mir liegen, wird vom Blute, das dem Gesetze 0« Schwere folgt, reichlicher bespült werden, als die der oberen Körpersei e. Infolgedessen werden die Gehirnzellen der unteren Hälfte stärker erreg, und die in ihnen fest-gehaltenen Vorftellungsbilder treten scharf in unter Wahrnehmung hervor. Erwachen wir nun und legen uns auf die anoer Seite, so wird der uns vorher so lästige Traum verschwinden, dafür ober Verden jetzt wieder andere Traumerscheinungen aujtreten. Der Grund hierfür ist einfach. Denn nun fließt das Blut aus die jetzt untere, aber vorher obere Gehirnhälfte, und diese wird durch -den vermehrten Druck dieser Zellen gereizt, während die vordem erregten Teile sich allmählich beruhigen, so daß dadurch das von ihnen erzeugte Traumbild entflieht. Legen wir uns also auf die andere Seite, so üben wir dadurch unbewußt eine dcn Naturgesetzen entsprechende Einwirkung auf unser Hirn und damit auf unsere Tramnvorstellungen aus. lieber die Schnelligkeit, mit der die Träume verlaufen, sind bisher einwandfrei« wissenschaftliche Versuche noch nicht angestellt worden. Dagegen ist eine Anzahl von Träumen bekannt, bei denen der Zufall die Versuchsperson spielte. Der Gras von S s g u r wurde während der fran- »Ssischen Schreckensherrschaft gefangen genommen. Eines Nachts hörte er fen Gefängnisse die Turmuhr zwölf schlagen. Aber schon nach den ersten Schlägen der Glocke schlief er ein und träumte von einer langen Reise, von schrecklichen Szenen, die in Wirklichkeit einen großen Zeitraum umfaßt haben würden. Plötzlich wird er durch einen Lärm aus dem Schlaf erweckt. Es war die Ablösung der Wache, die genau um Mitternacht auf- zsg. Der Traum konnte demnach nur wenige Bruchteile einer Minute gebauert haben, obgleich die Erlebnisse in ihm viele Stunden zu währen schienen. Es ergibt sich daraus, daß die Gehirntätigkeit im Schlafe nicht nur ebenso groß wie im Wachen ist, sondern, daß sie im ersten Zustande ungleich angespannter arbeitet und schafft. Traumversuche an sich selbst vorzunehmen, ist nicht jedermanns Sache, wohl aber dürfte es keine undankbare Aufgabe fein, alle auftauchenden Träume am anderen Morgen zu zerlegen und die Ursache ausfindig zu machen, auf di« sie möglicherweise zurückzuführen sind. Bet einer ganzen Anzahl von Fällen möchte sich wohl dann der äußere Anstoß unschwer entdecken lassen, so daß, allerdings in einer völlig anderen Hinsicht, das alte Sprichwort Lügen gestraft werden würde, das da sagt: „Träume sind Schäume/ Das Kind am Brunnen. Bon Friedrich Hebbel. Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe. Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe. Frau Amme, Frau Amme,. das Kind steht auf, Es wagt sich weiter und weiter! Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter. Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen ! Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, Die Blumen locken's von hinnen. Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter: Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da fchaut's in die Tiefe hinunter. Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen so hell und so süße. Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht, Viel stumme, freundliche Grüße! Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder. Herauf, herauf! so meint's das Kind, Der Schatten: Hernieder! Hernieder! Schon beugt es sich über den Brunnenrand. Frau Amme, du schläfst noch immer! Da fallen die Blumen ihm aus der Hand Und trüben den lockenden Schimmer. Verschwunden ist sie die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle. Das Kind durchfchauert's fremd und kalt, Und schnell enteilt es der Stelle. Der Mondftrah!. Von Ernst Zahn. (Schluß.) Da ging sie hinauf und verständigte die Mutter. Als sie wiederkam, trug er die Axt über der Schulter, hatte Rock und West« abgelegt und stand so nur in vom Gürtel gehaltener Hose mch farbigem Hemd, die nackten Füße in Holzsandalen. Vielleicht hatte sie ihn nie so aufrecht stehen sehen. Sie wunderte sich, wie stark und hoch er gewachsen war, und der Bart stand ihm gut trotz der Derwildertheit. Die Kupferfarbe des Gesichtes paßte zu der Stämmigkeit der Glieder. Sie schritten über die Wiesen nach der Meyenreuß hinab. Der Tag war heiß. Ueber den Stiften aus dem Bernbiet herüber zogen mächtige weiße, durchleuchtete Wolken. Der Wind warf und wälzte sie hinter die Felsen des Sustenhorns hinunter, wie Buben riesige Schneekugeln wälzen. Die beiden überquerten den Wildbach auf schmalem, hohem Steg. $rofi ging voran, und von seinen schweren Tritten zitterten die Bretter, fo daß Placida wie auf Federn ging. Jenseits des Weges wurde der Weg steil. „Geh voran," sagte Bros! in seiner dumpfen, sparsamen, verkniffenen Art. „Du kannst uns den Schritt angeben." Sie gehorchte, und er stieg hinter ihr her und nahm die Blicke nicht mehr von ihrer schmächtigen Gestalt. Sie muhte aber bald stillstehen und Atem schöpfen; dabei rann ihr ein leiser Blutstrom sichtbar vom Halse in die Wangen. „Macht es dir so Mühe?" fragte er, und sie konnte vor Anstrengung nicht sprechen und nickte nur, daß ihr gelbes Haar sich bauschte. Er tröstete sie, daß sie bald an Ort und Stelle wären, und, nachdem Placida noch einig« Male angehalten und sich ausgeruht, waren sie das wirklich. Der Wald schloß sich über ihnen, hohe, alte Tannen mit geraden grauen Stämmen, von denen wie von den Aesten graugrüner Bart hing. Zuweilen lag ein moosü-berjponnener Block im Gestämme, zuweilen tat sich eine Höhle auf. Der Wald wurzelte auf Trümmern eines eingestürzten Berges. Als sie die Lichtung, in welcher Brofi zu schlagen hatte, erreicht hatten, ließ Placida sich aus einen Stein nieder, und er legte die Wegzehrung neben sie, die sie mitgebracht. Dann sprach er nicht mehr, maß den Baum, der ihm verfallen war, und machte sich gleich an di« Arbeit. Wie stemmte er das Bein vor und schwang die Axt. Eine Wucht ohnegleichen lag in der Haltung seiner Gestalt und in seinem mächtig ausholenden Streiche. Die. Axt fuhr schmetternd in den Stamm, und dieser erzitterte hinauf bis in die Krone, wenn sie traf. „Du bist schon stark, du," sagte Placida bewundernd, als er einmal innehielt Da lacht« er vergnügt; er war noch nicht viel gelobt worden. Sie schaute sich indessen um, und die Ruhe, die rings um sie war, tat ihr wohl. Wenn sie den Blick erhob, sah sie die Kronen der Tannen wogen wie Wellen; denn der Wind warf sie hin und her und ritz für Placida bald da, bald dort die Aussicht auf ein Stückchen Himmel frei. „Ich bin froh, daß ich gekommen bin," sagte sie. Anfänglich sah sie den Himmel noch blau, aber während das Wiegen der Baumkronen immer heftiger wurde und der Sturm im Walde ein Rauschen und Brausen begann, das sie, da sie geschützt saß, mit staunender Freud« hörte, gewahrte sie, daß der Wolken immer mehr wurden und über die weißen schwarze und braune quollen, düster und wild wie Brandgewölk. Sie wollte Brofi darauf aufmerksam machen, getraute sich aber nicht recht, weil sie die Gewitterangst in sich spürte, and sich ihrer schämte. Endlich sagte sie doch zaghaft und atemlos: „Sollten wir nicht heimgehen? Es zieht ein Wetter auf?' „Fürchtest du dich?" fragte er, ohne sie auszulachen; er staunte auch ihre Furcht als etwas Fremdes an, wie er sie selbst immer als eine Art Wunder ansah. „Du brauchst nicht Angst zu haben," beruhigte er sie bann. „Wenn wir dort unter den Felsen treten, sind wir sicher genug. Unweit der Stelle, wo er arbeitete, erhob sich aus dem Walde ein Block, der so überhing, daß zwei Menschen sich wohl vor Regen und Sturm dort bergen konnten. Sie gab sich zufrieden und schaut« ihm wieder eine Weite zu. Da fuhr ein blendendes Licht durch den schwül gewordenen Wald. Dann krachte der Donner. Placida fuhr auf und war bleich vor Schrecken. „Es schlägt gern in die Bäum«, Brofi,' sagte sie ganz leise; denn die Angst no-hm ihr die Stimme. Aber die Blitze folgten sich jetzt unablässig, und das Tal schien von einem einzigen, unaufhörlichen Rollen und Grollen erfüllt. Dann brach eine Flut von Regen herab. Man hörte sein brausendes Nahen und plötzlich stürzte er über die beiden. Doch schon stand Vrosi neben Placida unter dem Felsblock. Es erwies sich jetzt, wie kindisch sie noch in manchem war. Sie zitterte und die Lippen zuckten ihr in einem nervösen Weinen. Dabei vermochte sie kaum, sich aufrecht zu halten. Brofi hatte sich ins Moos gesetzt und hieß sie, sich neben ihm niederzulassen. Das tat sie; aber ein furchtbarer Donnerschlag krachte eben wieder, und sie griff blindlings nach seiner Hand. Ihre Furcht hatte jetzt etwas Verzweifeltes. Jedes neue Leuchten und Rollen jagte sie in größere Erregung. Sie klammerte sich an Brost. Er sprach nicht; aber er legte den Arm um sie, und nun nestelte sie sich wie «in erschrecktes Kind in ihn hinein, daß er verwundert und unbeholfen sie näher an sich nahm. Zuletzt zog er sie auf seine Knie und hielt sie bärenhaft täppisch und doch- sorglich fest. So ein wildes Wetter dauert nicht lang," sagte er einmal, und vielleicht beruhigte sie das Wort ober die Empfindung, wie sorglos er selber war. Sie hort« auf zu zittern. Allmählich ließ auch die Wut bes Wetters nach, und im Gleichmaß zu diesem Nachlassen wurde Placida wieder aus Dinge aufmerksam, die außerhalb ihrer Angst lagen. Sie erkannte das Drollige, Verlorene, das sie selbst hatte, während st« so in Brosis unbeholfener Umschlingung lag. Eine stille Lustigkeit bemächtigte sich ihrer, die zuerst nur m ihren Heller werdenden Blicken leuchtete. Dabei betrachtete sie die stämmigen Arme, die sie hielten, und das dunkle Gesicht mit dem wilden Bart, das ihr ganze nahe war. Sie begegnete Brosis Augen und mufjte dabei denken, daß eigentlich ein Ausdruck von Güte und ©utmutigteit darin liege, gar nichs, was an des Burschen Verwahrlosung und übles Geben erinnerte. Ein Empfinden des Behagens ergriff sie, bas vielleicht ebenso sehr der Gewißheit entsprang, baß das böse Wetter fernem Ende nahte, wie daß der starke Brofi ihr nichts geschehen lieh. Dann brach bte Lustigkeit sich Bahn. „Ich habe keine Angst mehr, sagte sie und fetzte sich gerade auf. Dabei kam ihre schmale, magere Hand auf seine schwere, braune Tatze zu liegen, und sie spannte die Finger und maß sie an den seinen. Dazu wandte sie den Kopf gegen ihn und lachte. Sie hatte ihn in diesem Augenblick gern, so wie vielleicht ein verwöhntes jüngstes KlM> einen viel äll->ren Bruder liebt, der ihm alles zu Gefallen tut. I Das Verhältnis in seiner Fürsorge und empfand, ohne es zu wollen, Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts«Duch» und Kleindruckerei, D. Lange, Gießen. an die Llrbcit, und nachgelassen, streifte sam gegen den als bisher. Dis Erzählung ist mit anderen Novellen des Schweizer Dichters in dem Bande „W a s bas Beben zerbricht" vereinigt, der von der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin (1922), herausgegeben wurde. und Brosi blieb immer dasselbe, er mußte. Wennn er aber nur Abend verließen, III. zwischen Placida Der Mond spielte um die Hütte des Kasimir Schuler. Es war die Zeit der langen Nächte, und der Mond hatte einen weiten Weg. Er warf ein wunderbares Licht in das verschneite Tal, das dem Himmel eine blaue Samtsarbe gab und den weißen, ragenden Bergen eine über- irdische Wucht und Schönheit und Schärfe. Im Schulechaus legte er seinen weihen Schein auf die Schneepolster an den kleinen Gesimsen zweier Kammerfenster, brach durch die schwarzglänzenden Scheiben und sand das Bett, wo die tote Placida lag. Gerade als ob er es gesucht hätte. Dasselbe ruhige, breite, bleiche Licht wie draußen aufs Gesimse legte er auf die Bettdecke, und zog es höher, leise Höher, bis es das Kissen er- reichte, auf dem Placida ruhte. Wie es lange gedauert hatte, bis es dieses gesunden, so blieb es auch lange auf ihrem Gesicht hasten. Das sah wunderbar aus, jung, kindlich, froh und zart. Das Haar war darum geordnet, daß es die Wangen berührte und an die Schultern reichte, lauter glatte Strähnen von einem merkwürdigen, bernsteinartigen Glanz. Jetzt stand drüben an der Tür, wo es dunkel war, Brosi, und starrte das Bett an. Er war eben hereingekommen, und sie hatten ihn allein gehen lassen; denn Frau Maria saß in der Wohnstube und wollte sich totweinen, und der Bruder leistete ihr Gesellschaft und sprach ihr Trost zu, so gut er das verstand und seine sparsame Art erlaubte. Brosi war spät nach Haus gekommen, hatte einer Kuh abwarten müssen, die am Kalben war. So war es möglich gewesen, daß er unterwegs niemand mehr antraf, und erst zu Hause das Geschehene erfuhr. Er stand da, wie er gekommen war, nur die Holzsandalen hatte er draußen gelassen. Heu- füden hingen ihm an. Die Tür hatte er ins Schloß gezogen und stand lauernd, vorgebeugt, gleichsam auf Zehen, als ob er eine Schlafende nicht stören dürfe. Er hatte auch gar nichts gesagt, als sie ihm bas Unglück mitgeteilt, glaubte oder begriff es noch nicht. Er spähte nach dem Bett, in das Mondlicht hinein. Sein Gesicht war zu kupfern, als daß man Blässe darauf gesehen hätte, aber es war ein eigentümliches Zucken und Leben darin, jetzt am Munde, jetzt in den Augen, jetzt an der sich hochziehenden Stirn. Dabei sprach er mit sich selber: „Nein. nein, beim Herrgott, nein!" Dann lachte er ganz merkwürdig, wie wenn ihm das Lachen am Mund erfröre. Jetzt tappte er ein wenig näher. Und schaute wieder. — Und schaute wieder. — So lange stand er nun schon da, daß der silberne Glanz auf dem Bett inzwischen wieder weiter und weiter gerückt war. Jetzt lagen Placidas goldene Haare im Schatten. Jetzt war nur noch die weiße Stirn im Licht. Und jetzt hastete die Helligkeit des Mondes klein wie ein Silber- taler auf dem Bettpfosten. In diesem Augenblick trat Brosi ans Lager und faßte Placidas Hand. Die Hand war kalt. Der Bursche stieß einen Laut heraus, der kein Wort war, sondern mehr ein Lallen. Da — da erlosch der letzte leise Mondstrahl. Und — da wendete sich Brosi vom Bett ab, mit tastenden Händen, als ob er etwas halten wollte. Die Placida? Nein, nein — sie war fori — die — die Placida. Wie das Licht, das hinaus war! Er wußte jetzt, das sie tot war. Die in der Stube hörten nach einer Weile draußen im Flur einen Schrei wie das Brüllen eines Stiers und dann ein Poltern auf der Treppe. Sie kamen heraus, aber sie sahen nichts mehr. Ihre Blicke begegneten sich. In beider Augen stand der Schrecken, so ftirchtbar war der Schrei gewesen. Aber wenn sie wußten, daß es der Brosi gewesen war, so sagten sie es nicht. Am nächsten Tag fand Kasimir Schuler den Burschen zur Bewußtlosigkeit betrunken • im Stall. Neben ihm lag eine Schnapsflasche. Von da an war kein schlimmerer Säufer, kein gefährlicherer Raufbold weit umher als der verkommende Brosi. Der Mond kam wieder. Aber der nicht mehr, der in das Leden des Burschen geleuchtet und in dessen Schein die kleine Placida gestanden. Brosi wurde verlegener, je mehr sie au Lebendigkeit gewann. Er versuchte nicht, sie zu halten, als sie sich bald nachher ganz frei macyte und aufstand. Seine Arme sanken nur unendlich langsam von ihr und man sah ihm an, daß er noch stundenlang so gesessen haben würde, wortlos, zufrieden und wie in einem Traum. Als auch er sich erhob, seufzte er ein wenig und stockend, wie man so unbewußt ein bedauerndes, stummes: „0 je, schon vorüber!" in sich hinein seufzt. Er machte sich dann wieder ........nach einer Weile aßen sie zusammen. Da der Regen Placida nachher in den Wald. 2t Is sie diesen gemein« '■ ' waren sie größere Freunde Er wich nur aus ihrer Nähe, wenn <_ ------ wußte, daß er sie beim Essen sah oder daß sie an der Stelle vorüber- kam wo er arbeitete, war er zufrieden. Er selbst war vollständig verwandelt. Er ließ sich nie müßig im Dorfe sehen, noch weniger im Wirtshaus. Gegen die Menschen zeigte er ein mürrisches, verschlossenes Wesen, als ob er empfände, daß sie ihn wie vorher um seiner Laster, jetzt um feiner Enthaltsamkeit und Bravheit willen bestaunten. Kasimir, der Bauer, war nicht feinfühlig genug, als daß er von seiner Umwandlung, die auch ihm auffiel, geschwiegen hätte. Er neckte ihn ein paarmal mit Serben, täppischen Warten. „Du bist ja auf einmal so zahm geworden, du großer Lump." .... . Bros! knurrte bissig auf und gab ihm ebensowenig wie uen andern irgendwelche Erklärung, woher ihm die Besserung kam. Er hatte keine zu geben; denn er hätte selbst nicht zu sagen vermocht, was mit ihm geschehen oder in ihm vorgegangen war Viel hat das Kind wohl Schuld," sagte Placidas verständige Mutter, „es "hat ihn zutraulich gemacht, und ich sage ja, Gutheit tut manchmal Wunder bei derlei Menschen." . Demgemäß beobachtete sie selbst auch gegen Bros, eine ruhige, gleich- mäßige, zurückhaltend freundliche Art, die ein gutes Einvernehmen ^'Siu Matta hatte aber eine Sorge, Placida, das Mädchen, rvar nicht gesund. Sie litt an Atemnot, seit sie in den Bergen war, fror bei jebem fühlen Winde, und jede Gemütsbewegung brachte ihr sonderbare Zustände plötzlicher Erschöpfung. Im Laufe des Sommers ging ihre Mutter mit ihr zum Arzt, der sie untersuchte und agte, sie hatte nicht in die Höhe gehen sollen,'ihr Herz ertrage sie nicht. Die Frau stutzte. Sie war ohne Vermögen, auf das Haus des Bruders als Zuflucht angewiesen. Ganz verwirrt fragte sie, was sie denn tun sollte. Der Arzt kannte ihre Verhältnisse und wollte ihr vielleicht nichts zumuten, was ihr schwer gefallen märe; vielleicht nahm er selber auch die Sache kalt. So empfahl er ihr eben, der Placida, wenn sie nun einmal bleiben müsse, wo sie sei, Shonung angedeihen zu lassen. Und gewohnt, die Bauern nicht sanft anzufassen, fügte er mit grober Offenheit hinzu: „Sonst konnte Euch das Kind einmal hinfallen und tot jein." ■ skrau Maria kam mit verweinten Augen von ihrem Gang zurück. Placida ahnte mehr als sie wußte. In ihren blassen Augen lag eine leise lächelnde Wehmut, wie die Jugend, bie noch zu reich und zu flügge ist' um am Kummer zu haften, sie im Voremplinden em es Leides E^chi^hörte, was ihre Mutter nach der Heimkehr dem Bruder er- wdtte. Er war in der Wohnstube. Der Bauer und die Schwester saßen am Tisch, und Brosi war im Begriff, aus der Tür zu gehen, als er bas erfte Wort auffing. Er hielt schon die Klinke m der Hand, aber er b ieb ff,>hen mit gebeugtem Nacken, im Schritt stockend, und lauschte mit allen Sinnen. Und als er wußte, daß die Placida gezeichnet war^ sprang etwas Raubtierhaftes in seinen Blick, und eine unbeschreibliche blinde Wut stürmte in dem seltsamen Menschen. Vielleicht hatte er den Arzt erdrosselt, wenn er ihn gehabt hätte, weil er das gesagt hatte. Er hatte eine Gier, einen Schuldigen zu haben, an dem er für die Gefahr, in welcher die Vwcida chwebte, Rache nehmen könnte. Die Wut verrauchte, weil sie keinen Anlaß fand, auszubreä)en, oder verstockte vielmehr. Dafür wuchs die Sorge um das Mädchen. Diese Sorge bekam nach und nach fast etwas Herrisches, so mächtig war sie. Wenn er die Placida sich bücken sah, sprang er hinzu und gab ihr, wonach sie langte. Wenn sie bergan stieg, mahnt« er hastig: -Langsam! Geh doch langsam, bei Gott!" Als die Tage herbstlich wurden, trieb er tie ins Haus, sobald eine rauhe Luft wehte, oder stand plötzlich mit einem dicken Tuch hinter ihr und legte es ihr wortlos um. Und einmal, als sie sich mit einem leichten Paket, das sie für die Mutter auf der Post geholt, dem Haus« näherte, kam er mit glühendem Kopf aus dem «lall gerannt und riß es. ihr aus der Hand. „Bist du denn ganz verdreht. fuhr er sie an. Manchmal war ihr die Bewachung, die er über sie ausubte, unbequem, meistens 'aber weckte sie ihre Lustigkeit, und zuweilen ahnte sie etwas Tiefes, Gewaltiges in seiner Fürsorge und empfand, ohne es zu wollen, eine warm« Dankbarkeit. Die Tage ginaen, und es kam ein früher Winter mit einem schweren, trockenen Schnee. Tal und Dorf konnten in ihm gleich für Monate eln- gegraben liegen. Placida hatte im Herbst müde Tage gehabt. Jetzt fühlte sie sich viel wohler, und sie freute sich über die weiße, flirrende Welt, derengleichen sie noch nie gesehen hatte. Nach einer Woche war der Schnee auf der Straße einqeftampft. Da fuhren die Schulkinder von der Höhe der Meyener Kapelle und am Hause Kasimir Schulers vorüber talwärts. Wenn es dämmerte, lösten die Burschen und Mädchen das Kleinvolk ab. Das war ein Leben. Placida sah durch die kleinen Scheiben auf das Lachen und Gleiten, und die heiße Jugend wallte in ihr auf. Sie verlangte, daß Brosi mit ihr ein paar Fahrten tue. „Das ist nicht» für dich," murrte er. Dann rief er sie. Die Katze hätte Ja.iae unten 1m Stall, sie solle die mit ihm anschauen kommen. So wußte er sie abzulenken. Ganz klug und ganz ruhig. Im übrigen warnte auch die Mutter, wenn auch milder, Placida möge das Schlitteln andern überlassen. Aber eines Abends, als Brofj noch im Bergftall beim Vieh war, sah sie bas Mädäfen mit dem kleinen Schlitten, der im Hause stand, gegen die Kapelle hinanziehen. Placida erblickte die Mutter, lachte, daß sie alle überlistet hatte und winkte mit der Hand zurück. Die Freude und der Uebermut leuchteten aus ihrem Gesicht, und die Mutter war schwach, dachte, daß einmal keinmal sei und wollte ihr das Vergnügen nicht verderben. Sie sah sie auch bald nachher gegen das Haus heran fahren. Ihre Wangen waren rot, wie sie nie gewesen waren, und ihre Augen blitzten vor Eifer. Sie hatte Gesellschaft. Es waren noch andere junge Leute da. Und sie wollte hinter ihnen nicht zurückstehen. Nach kurzer Zeit befand sie sich abermals auf dem Weg bergan. Ihr Laufen war fast ein Stürmen; denn so machten es die anderen auch. Sie war mit Leidenschaft in der neuen Freude. Frau Maria hatte sie diesmal nicht beobachtet, aber als sie nach einer Weile zufällig wieder ans Fenster kam, gewahrte sie eine Ansammlung von Leuten oben an der Kapelle und wurde aufmerksam Und auf einmal befiel sie Angst. Seltsam! Da oben mußte ein Unglück geschehen fein! Inzwischen lief schon ein junger Bursche auf das Haus zu. Sie sah, wie er jemand anrief. Dann rannte unten vom Haufe weg Kasimir Schuler, der Bruder, wie gejagt gegen jene Menschengruppe hinauf. Jetzt eilte auch Frau Maria hinunter. Sie kam aber nicht bergan. Don oben trugen sie ihr schon die Tochter zu. Ein Herzschlag hatte sie getötet