SiehenerZamilieubMer __Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang koi Dienstag, dm n. Januar ' • 5 Dsutfcher Dom. Von Werner Bock. Ich ging im dunkelsten Gedränge, Die Gassen schrieen mir ins Ohr. Da trug mich die bewegte Menge, Kaum daß ich's wußte, vor dein Tor. Mein Gott, bist du's? In Dämmerungen Wardst du mir längst ein fremder Ton! Run hältst du plötzlich mich umschlungen: Tief neigt sich dein verlorner Sohn. Du aber nimmst mich an den Händen Und führst mich leise in dein Haus. Mild fließt der Glanz von allen Wänden Und schüttet goldne Webe aus. Die Pfeiler fassen mein« Seele. Run schwebe ich in wachem Traum. Die Orgel wirft mit heller Kehle Heiligen Jubel in den Raum. Durch die Fenster im schwarzen Grunde Bricht ein überirdischer Schein, Und in die vergängliche Stunde Flutet Ewigkeit hinein. Goethes MlLag. Bon Dr. Fritz Wolf Hünich. Bei der Entstehung der Begriffe, die wir mit dem Namen großer Dichter verbinden, ist gemeinhin der Hang zu einer gewissen Vergeistigung vorherrschen. Zwischen st« und uns tritt das Werk, über dem wir oft vergessen, daß sein Schöpfer ein Mensch war oder ist wie mir, zwar ein Men,ch mit gesteigerten Fähgkeiten, aber doch ein Mensch und als solcher wie jeder andere den Mächten des Lebens untertan. Selbst wenn er sich ubcr oas, was vielen unentbehrlich scheint, in seiner Sorglosigkeit hinweg- zusetzen vermag, so wird er doch an seine Erdgebnndenheit durch jedes und Schmerzgefühl erinnert, aus welcher Grundempfindung der menschlichen Natur es immer stammen mag. Es ist daher falsch, sich den uur in dem Ausland von Entrücktheit vorzustellen, wenn auch die bildenden Künstler in ihren Daritellungen dieser Auffassung den Vorzug gegeben habe». Der Alltag, was für tiTire Gestalt er auch annehmen möge gebieterisch fein Recht, wie ein Gläubiger, der unerbittlich alle Schulden «nzieht. An vielen von den Furchen, die die Zeit in unsere ®e[id)tcr zieht ist er mit seinen Ansprüchen und Sorgen um Wohnung, Nahrung, Kleidung, Weib und Kind in unablässiger Arbeit beteiligt. Der eine trägt ihn leichter als der andere, jenachdem Temperament, Gunst oder Ungunst des Schicksals und der wirtschaftlichen Verhältnisse seinen Verlaus bestimmen. In der Jugend von oft unberechenbarer Führung S^mnt er mit zunehmender Seßhaftigkeit durch Beruf und Alter an Festigkeit der Grundzuge, ist aber je nach unserer gesellschaftlichen Stellung und unseres Berbundenseins mit Menschen und Dingen von mehr oder minder wechselnden Erscheinungen erfüllt. Im eigenen ober fremden Alltag hnelenJtA viele der Ereignisse ab, in denen die Dichter die Anlässe zu chren Gestaltungen finden. Darum fühlen sie tiefer als andere die Bedeutung des täglichen Erlebens für ihr inneres Wachstum, meist freilich ohne die Notwendigkeit einer Rechenschaftsablage vor sich selbst in ’ gönn von Tagebüchern, wie Goethe sie über einundoierzig Jahr« seines Lebens führte, zu verspüren. Auch seine Aufzeichnungen geben selbstverständlich von seinem Alltag nur Umrisse, aber, ergänzt durch die zur Ausfüllung zahlreich überlieferten Zeugnisse der mit ihm Lebenden, bieten j’e eine Fülle von Zügen, die den einzigen Mann neben seinen allseitigen ins Große strebenden Beschäftigungen in fürsorglicher Anteilnahme auch an den unbedeutend ericheinen'den Dingen des alltäglichen Lebens zeigen. Mit der wachsenden Ausprägung seiner zwischen dichterischer und prak- tstcher Tat geteilten Anlage empfand er die Notwendigkeit, das Leben „im Alltagsgang von unten auf" kennen zu fernen, weil man von oben herab nur nach vermeintlich klaren, allgemeinen Begriffen urteil«: das Bedürfnis nach Ordnung in allen äußeren Verhältnissen erfdyien ihm als die Voraussetzung für die innere Harmonie. In dem Maße, wie sich nach stsv.er Uebersiedlung aus dem Häuschen im Sorten am Stern nach der s «L, ne Daushnltung ausbreitete, begannen sich die Pflichten, die ihm »er Alltag «ujerlegte, zu mehren und ihn steigend in Anspruch zu nehmen. yaus' Familie, Dienerschaft in ihren Beziehiingen untereinander und zu senen, die sonst bei Goethe ein- und ausgingen, verlangten, daß er sich in irgendeinem Betracht mit ihnen beschäftigte. Stünden sie nicht, erschwerend rZusammenhang mit seiner gesamten Lebensführung, ser Dichter wurde es gewiß nicht für nötig befunden haben, kleine An- cu legenbeüen und Ereignisse seins? Allktgr in sein TagMich aufzunehmen, wie z. B. di« folgenden: „Wurden die Fenster bei mir geputzt — war der Tepchch «m Hinteren Zimmer gelegt — der Ofen im Hintern Zimmer ae- "vd was darauf folgt Für mich in den vorder» Zimmern gear- beitet — die Bibliothek wurde gelüftet und vom Winterstaube gereinigt — übergab ich dem Kutscher die Schlüssel zum Holzstall und ließ für alle Heizungen Scheite tragen. Erhielt die Schlüssel zurück — Küchenangelegen- betten tm sinzemen durchgegangen." Dazwischen befinden sich als echte Offenbarungen einer dichterischen Natur Eintragungen wie: „Die ersten Crocus waren hervorgekommen — erste Märzenglöckchen durch di« Kinder ^vkel) en.deckt — tm Garten mit den Kindern, erstes Schneeglöckchen." D^ Leben m der Famtl.e, nach Christianes Tode um die Schwieger- Griüb' non ^lullt den Dichter mit einem tiefen befühl von Glück und Warme, dem er sich von Zeit zu Zeit gern und «erhi8 Jlberto^L ® « 3ijriorge für die ihm durch Liebe und Gewohnheit ^rbundeiien begleitet ihn auch auf seinen Reisen, und so lesen wir, daß er von Karlsoad aus, rart sie dort wohlfeiler waren, ein Pfund Steck- u.y'3. vierhundert Nähnadeln an seine Frau, ober aus Jena Arti- schocken, Ganseleber und andere Kostbarkeiten an die Schwiegertochter sein Setden-Haschen, schickt. Reizende Szenen spielen sich im Hause am Frauen- inmitten ernster Arbeit, ruhig das Spiel bruIbet obn' wohl gar selbst daran teitnirnmt, wa/ er b- 5"«b' Tagebuch« zu vermerken: „Abends di« Kinder spieleird, indessen ich das Gedicht zu Thaers (des berühmten Laudwirt- fchafislehrerch izest 'chrieo — abends mit den Kindern mancherlei Sviele mit eingeslochtenen Unterricht — abends Wölfchen zuliebe einiges Kindische —• abends kam Wölfchen, und ich ward verleitet, an feine»9Spielen teilzunehmen, wobei er sich sehr artig und neckisch benahm — Wöstchen kam pater und nötigte mich nut ihm Würfel zu spielen - Wölfckien chelt äu mir. Neuer Scherz, durch den Strohhalm zu trinken __ Wölickisu uh^te ferne türkische Armee vor - Mittag Walterchen, der mich v^ einen Da schenspielerkunsten unterhielt." - Don ; 65 e’.n boichtes ist, mit verträglichen Eharakteren auszukommen ren1*1 en-n?>lSiDt>n ,b^ zahlreichen Gestalten, die im Laufe der Jahre in Soetbes Diensten eine kur.^re ober längere Rolle spielten, nur zwei besonders unerfreuliche Beispiele erwähnen: die Köchin Charlotte Hoyer die er als eine der boshaftesten und inkorrigibelsten Personen, die Ihm je voraekommen, kennzeichnete, und den Diener Gensler, der sich auf einer Sar!qiab 1° unboimaßig aufführte, daß ihn Goethe der Polizei- kommgsion m Jena mit einem langen Tatbericht zur Verwahrung vor seinem „an Raserei grenzenden" Betragen übergab. V 9 Cm rührendes Stück Alltag des zweiundachtzigjährigen Dichters liegt flLernem vor, das, einst einem Wirtfchastsbuche des GoethifckMi .-auses zugehörig, vor kurzem in die Sammlung Kippenberg gelangt und vv ßrnften Band von deren „Jahrbuch" faksimiliert miebergegeben ist (Es fXT 183? Wer einer Endsumme von 7 Reichs« SI Gw- iin /. , ^EiU'.igsil unter andern Ausgaben aus: „vor Brandewein Rum Wucyteln (em Gebäck), Kaffeemehren (Zichorie), Wachsteinewand 'Nägel' Zwirn, Zwiebaa, Mchkuchen, den Zettelträger, bie Waschfrau, 7 Hemden ausäubeffern, vor Arme", und unter dieser Aufzählung steht der eigen- 'W^v ÖeS 3Um gewordenen Dicksters Kimd TsZrrme ZchäNme? Von Waldemar Keller. Cs ist für mich gänzlich aussichtslos, diesem Thema gegenüber einen üfrto^PUhnrt °'vmiA)mcn zu wollen, nach dem wir DsutsckAn, wenn mir uns an das Beklopfen von irgend etwas machen, zunächst einmal alle tvchen. Da hier keineswegs von Träumen die Rede fein wird, bie dem erotischen Komplex zuzahlen, darf man auch mit einigem Recht fragen• tooVTm cinen SjanSpuntt hat und haben kann? Die Wißen- schäft, auf d-e sich bas hostend« Auge richtet, befindet sich zur Zeit noch in ltung, kultiviert hauptsächlich das Aufdecken von Fehler- guAlen, und es ist nicht gerade unmöglich, daß sie dabei bleiben wird ühnfi Vn ^ferntesttn denke ich daran, mich unehrerbiettg über bie Wissen- schäft zu äußern. Wir stehen enstach an den Grenzen unseres Erkennens- dem Pp ychologen fallt die Aufgabe zu, mit den Mitteln, die er hat, einer die Kopfe verwirrenden ßegenbenbilbung vorzubeugen. Das geschieht zu- wecken einleuchtend, zuweilen nicht eben glücklich, rann sich nämttch der Jßide, unter allen Umstanden das Uebersinnliche wegzubeweisen, in ihm feftgeiuftet hat. Ich schreibe das Wörtlein „übersinnlich" nur mit Wider- flreben nieder, ich will keinen Standpunkt haben, nicht das schmalst« Plätzchen auf der Memungswarte beanspruche ich, doch sage mir einer.! wi- man sich miders ausdrücken soll. Die Singe, um die es gehh liegen jenseits unstres hsuttgen Begriffsvermögens. Ich rechne durchaus mit benen, die den Kopf schütteln, als wichtig« Faktoren, ttnb zähle mich salbst weder zu dm Positiven noch zu den Negativen. Man kann nur fühlen .und jagen: was ist. Enthüllt sich s einmal, daß alle diese Erlebirisss der Nacht in wunderbarer Weise atts unserem Dagesunterbewußlfein wachten daß Während ich dieses schreibe, sachlich, referierend, kühl bis ans Herz hinan, sehe ich etliche Kopse wackeln und suhle die Blicke, die mich zu überrennen suchen. Das hat er sich nachher eingebildet . . . das hat er sich nachher, im besten Glauben vielleicht, zusammengereimt! sagen Jte. Ao er hier ist gar nichts zusammengereimt oder konstruiert, ich habe nicht den geringsten Ehrgeiz, mich interessant zu machen, wenigstens nicht aus diese Weise, und sollte jemand 'm mir einen verkappten Spiritisten vermuten, so dars er sich gesagt sein lassen, daß er irrt. Ich kann nur wieder an den Anfang anknüpfen: ich will keine Meinung haben, aus dem ureinfachen Grunde, weil ich glaube, daß eine zu haben nicht möglich ist. Schlicht breite ich Begebenheiten aus und tue das betont subjektiv, m der Absicht, keine Ueberlieserungen heranzuziehen, die durch Kettenerzahluiig zu Magazingeschichten aufgeschwollen find. Leise an die 'Grenze unseres Bewusstseins zu rühren: ist das gerade im Zeitalter des Radio jo unsinnig? Wer denn würde mich vor 20 Jahren, als ich den ersten Traum träumte, nicht einen Narren genannt haben, wenn ich seherisch versprochen hätte ihm die Oper dereinst ans Bett zu bringen? Wir können uns, bei Erörterung der seltsamen Vorgänge des Traumlebens so schwer gegen den Schauer im Rücken wehren, ich weiß! — aber wollen wir uns nicht bewußt sein, daß dieses Erschauern ganz gewiß auch der Negerhauptling empfunden hat, als er zum erstenmal ein Grammophon horte? Einmal, vor Jahren, erschoß ich mich im Traum, und unmittelbar darauf starb der mir Nächststehende. Bor wenigen Tagen hatsich d^er Vorgang wiederholt. Aus der Feder, die ich führe, tropft nicht die Gier nach Effekten, sondern ein stummes Nichtwissen. StrautzenMgd in Ostafrika. Von Curt Bloedorn. Spätnachmittag. Ich hielt auf meinem Falben am-Rande der Stevve und schaute weit hinein in die Ebene, die, vom Gold des sin- fenben Tagesgestirns. übergossen, vor mir lag. Der Sonne Strahlen blendeten derart daß ich selbst mit meinem ausgezeichneten Glas nicht die sich lebhaft bewegenden schwarzen Flecke, da weit hinten, nn hohen Gras auf Art und 'Namen ansprechen konnte. Es ist immer argeriich kür einen Jäger, nicht ergründen zu können das, was er steht oder zu sehen glaubt WUd mußte es sein, was ich da im Glase hatte Sckstvarze waren es nicht, soviel stand fest, denn die großen Antilopenrudel, 3ehpaKrünge n»d das Kleinzeug, das da draußen aste, waren bei Annäherung Eingeborener unruhig geworden und flüchtig abgegangen. Büffel onn- ten es auch nicht sein, deren graue Färbung wirkt sticht so mtenstv dunkel im Sonnenschein, für Leierantilopen standen die sieh bewegenden, checke zu hochgestellt und warm zu kurz im Körperbau. Ich r »et alle mir bekannten Wildarten durch, es waren viele, doch ich kani nicht auf Vie richtige: an Strauße dachte ich nicht rm entferntesten. q« Mit diesem Tag war ich mehr denn unzufrieden. Am frühen &ÄÄbÄttIÄ S «Ä mol flüchtig geworden, wenn ich sie aufs neue anritt. rschopfantilopen. die ! im Aeberfluß^vorhanden waren, wollte ich nicht schießen, von diesem1 Jawohl, '10 geht es auch cinnial. Jagen kann man drüben alle ^age, I wo man will, aber ausgerechnet das erlegen, was man haben will, so etwas gibt es in den seltensten Fällen und auch mcht in der wildrerchen meSn die' berüchtigten Fehlerquellen abzudämmen. Haupterfordernis lchien 'mir keiner Erzählung zu trauen. Man muß es also aus dem Willen, rrahr zu fein erklären, wenn hier lediglich von Selbstgetraumtem gewöhn wird wie sich'- an Hand genau geführter Tagebücher verfolgen läßt Mein Leben wähl kaum vierzig Jahre, war "der an äußeren und inneren Abenteuern überreich. Kurz vor meinem 17. Geburtstag hatte ich das erste Traumerlebnis. Ich schlief 'st der schwulen. Koieei^s Segelschiffes auf der Reede eines westamerlkanischen Hafms. Die Bnefe aus her iieimai die ich empfangen hatte, strahlten Zufriedenheit. Nichts war, das mich hätte erregen können. In jener Nacht nun sah ich fernen Mngsten Bruder damals Sextaner, wie er, in fernem grauen Anzug, klitschnaß, kledttch dw^ände nach mir ausstreckte. Alles um ihn l-ernm war weiß; ich konnte dieses Weiße nicht erklären, legte ihm auch kein Gewicht bei. Uni so mehr erschreckte mich der Gesichtsausdruck, der äußerste Verzweif- luna Todesanast spiegelte. Ich erwachte; es war gegen 4 Uhr morgen^. DaMim mußten sie jetzt zwischen 10 und 11 Uhr vormittags haben, Sonn- NvmmMag und Z konnte ziemlich sicher sein, daß mein Bruder, der Feiertaqslangschläser, um diese Zeit noch tief in den warmen Federn lag. Dennoch trug ich das Traumbild lange mit mir herum, machte auch enw Cintraauna ins Tagebuch, schrieb aber merkwürdigerweise mcht- nach Hause Stürmische Fahrt über die Südsee ließ mich vergessen. In Ailstra- lien empfing ich, ein Vierteljahr später, einen Brief, in dem stand: Erwin sei mit knapper Not dem Tode entronnen, denn er sei beim Schlutschuh- lalisen (das Weiße!) in ein Eisloch geraten und nur mühsam heraus- gefischt worden. Datumsangaben fanden sich nicht. Nachfrage ergab, daß Tag und Stunde — man beachte die Zeitdifferenz! — mit meuter Eintragung genau Übereinstimmten. Auch erfuhr ich, daß Erwin, nachdem er | in warme Decken gepackt worden war, geäußert habe, er habe rm Augenblick des Versinkens einen „komischen" Gedanken gehabt. Welchen. Nun, i Waldemar fahrt ums Kap Horn und kommt wieder, und icy muß hier ! in einem Teich ersaufen ... Während jener fünf Jahre, die ich, ein ganz lunger Mensch, aus | schiffen und Kopraplantagen verbrachte, deutete nichts, über auch gut nichts darauf hin, daß sich mein Leben einmal andern wurde. Wunsch> und Vmsatz war: immer, immer diese Südsonne zu kosten, fr« »u i^n, heute hier und morgen dort. Ich konnte daher auch mit der wildesten Phantasie und gerade mit dieser keine Deutung sinden für einen anderen Traum, der mir wesentlich seltsamer scheint als der eben erzählte, zumal er nicht nur eine reale Erfüllung hatte, sondern sich zwischendurch m abgetoam beiter, vorausqesagter (form wiederholte. Niemals, außer in diesen beiden | ^rächten, habe'ich von meiner frühverstorbenen Mutter geträumt. Es war in Australien im Jahre 1906, als ich, nachts, fest schlafend, meine Mutter im Moraenkleid vor mir stehen sah. Sie schaute mich mir ihren Mauen Augen durchdringend an, zuckte mit keiner Wimper und sagte diese Worte Wenn du die zwei Dreien siehst, wird sich dem bitteres Leben zum Guten iveiiden. Aber achte auf! Du kannst alles verderben! Ich komme noch I einmal, zeitig genug, nm dich zu erinnern." Auch diesmal erwachre ich ; sofort nach dem Traum und schrieb die Satze, die mir deutlich m den Obren klangen bei grellem Mondenschein auf einen weihgefcheuerten Tisch Mchts konnte dunkler sein als dieser Ausspruch. Mein Leben war gar nicht bitter, es war schön. Und die zwei Dreien? Sehen sollte ich sie? Ich muß allerdings zugeben, daß ich die Bedeutung dieses Verbums erst erkannte, als es soweit war; einstweilen glaubte ich, Mm .um die Wende des 33. Lebensjahres sich etwas begeben werde. Aber nein. Der 33 Geburtstag kam, ging, und nichts ereignete sich. Das Dasein sedoch schmeckte längst bitter Man hatte den Kopf so voll, daß pur den Traum kein Platz darin war, und nur wenn man dann und mann, einmal die Tagebücher durchblätterte, stieg die Erinnerung, für Minuten, für Stunden vielleicht empor. Da, im Herbst 1924, also volle 18 Jahre spater, träumte ich in meiner Berliner Wohnung abermals dies: meine Muster stand vor mir, im Morgenkleid, mit festblickenden Augen, und ich, höre noch wie aefteni die Worte: „Es ist Zeit! Denk an die zwei Dreien, Nichts weiter. Auch jetzt konnte ich mit den zwei Dreien nichts anfangen, konnte Jic in keine Beziehung bringen zu mir ober meiner Umwelt. In diesen -tagen hatte ich eine Freundin gebeten, eine neue Wohnung für mich zu juchen. Ich kannte die Fra» erst seit kurzem, nie hatte ich zu ihr von meinen Träumen gesprochen. Eines Mittags klingelte sie an, erklärt kurzerhand, daß sie gemietet habe, ich möge mich mit ihr treffen, ste wolle nur die Wohnung zeigen. Und dann stand ich vor dem Hause Nr.33, sah die zwei Dreien — nie vorher hätte ich Nr. 33 gewohnt! Ich verharrte in Schweigen, aber es wuchs ein Trotz, der nicht zu bezähmen roar: m dieses Haus sollte ich nicht einziehen, nein, tausendmal nein! Den Mietvertrag löste ich, die Freundin sollte eine andere Wohnung besorgen. Nach acht Tagen stand ich wieder vor einem Hause Nr. 33, bin eingezogen und . . . was bann wurde, kann man nicht berichten, aber infolge eines sehr schweren Entschlusses, den ich in diesem Hause Nr. 33 faßte, trat wirklich eine vehemente Aenderung meines Lebens ein. ^eitund Langeweile! Was soll man da anderes beginnen, als lagen, auch K einen leichten Galopp. Ich hatte chm die Ziigel freigeg^ben mochte SZZGWSL------ SS-ZSMM WSM--LS--W - MLSM-UMS 5!!2'L»»N''si7 Zä'X SXf jÄÄÄ; !-DDMZMM-Z mich beneiden können." „Herrgott ja, Kleine, dusollst Federn hab n, nur ist das nicht so einfach, Strauße zu. erlegen..So> dicke,wie aus etw I&säääF’FSBs ich nahm den Karabiner vom Rücken, fAtte das Magazin r» o 3 meine Pirsche. Die Sonne hatte ich im Rücken. Jedes Stück Wild in ' der Grassteppe zeichnete sich genau ab, so auch die Sttauße. Es waren ihrer fünf. Ein Lahn, männliche Strauße sind dunkler als die Weibchen, mußte ein alter vorsichtiger Herr mit trüben Erfahrungen fein, denn er äste nur wenig, und dann sehr hastig, äugte fest dauernd umher und tat überhaupt sehr wenig vertraut. Seine Vorsicht erschwerte natürlich mein Anpirschen. Dasniedere, spärliche Gebüsch, dievereinzeltstehendenBäume gaben herzlich schlechte Deckung. Ein Glück für mich war es, die Farbe meiner Bekleidung paßte sich dem Graugrün der Steppe an, ich mußte auf kurze Entfernung kaum zu erkennen gewesen sein. Ich vermied es nach Möglichkeit, in die Nähe des äsenden Schalenwildes zu kommen, konnte es aber doch nicht vermeiden, oft auf Schrittweite auf bereits ruhen- des Wild, das im hohen, dichten Gras lag, zu stoßen. Mein ausgestreckter Arm hätte es berühren können. Wenig nur erschrocken sprangen die Tiere auf, »erhofften nach einigen stummen Fluchten und äugten mehr erstaunt und verblüfft als voll Furcht demaufallenVierenkriechen- den Wesen nach, das an ihnen vorbeizog und ihnen nichts tat. Ein kleines Rudel Wafferböcke begleitete mich sogar voller Neugierde eine kurze Strecke, blieb dann in einem Laibkreis hinter mir stehen, und ttollte sich erst, als die Tiere Wind von mir bekamen. Günstig für meine Pirsche war, daß das Steppengras über meterhoch, ja zuweilenmanns- hoch stand, so daß ich ganze Sttecken gehend, wenn auch meistens gebückt, mich vorwärts bewegen konnte. Die Strauße standen in freier Steppe. Ein einzelner Baum,, in dessen Stammnähe niederes Gebüsch wuchs, mußte auf Schußweite von den fünf Vögeln stehen. Zu dem wollte ich hin. Wieder hatte ich eine größere Strecke, bald kriechend, bald gebückt schreitend, hinter mir, verschnaufte etwas, hob mich vorsichtig hoch, um ftmschan zu halten, und merkte, daß alles Wild sich stetig in meiner Richtung sich drängte, sich also in Rudeln und Sprüngen mehr und mehr mir näherte. Auch die Strauße, die in Gesellschaft von Zebras waren, taten es. Ich mußte schleunigst weiter vor, mindestens bis zu der leichten Bodenwelle auf 200 Meter voraus, denn an der Stelle, an der ich mich befand, stand das Gras zu hoch, um einen Lleberblick zu haben und um einen guten Schuß anzubringen. Also weiter! Mit der nötigen Vorsicht »er- suchte ich mein Leil. Bald wurde der Graswuchs niedriger und spärlicher. Zwei Drittel des Weges hatte ich hinter mir, der Boden stieg allmählich an. Ich ruhte einen Augenblick in knieender Stellung, immer scharf auf das Wild und seine Bewegungen achtend. Da, plötzlich sehe ich einen merkwürdig flachen und schmalen Kopf auf langem Lais. Ich zerbiß einen Fluch. Die Sttauße, sie sind eher vor mir, als ich sie haben wollte. Der zweite, der dritte Kopf erscheint, danneineWeilenichts, dann zwei Köpfe auf einmal. Alle verschwinden für Augenblicke, sind wieder da, wieder weg, und fo ging es dauernd. Schnell drückte ich vor mir hohe Gräser herunter, um freies Schußfeld zu haben, rückte mich zurecht, Büchse kniend aufgelegt, und wartete. Offen gestanden, ich glaubte nicht zu Schuß zu kommen. Ungemein scharf äugen Strauße, und ich saß verzweifelt frei da. Ausgesprochen komisch war der.Anblick der plötzlich auftauchenden und ebenso verschwindenden Köpfe der Tiere, die jetzt auf höchstens 100 Meter vor mir fein mußten. In einem Augenblick, in dem ich einen letzten Blick auf das Schloß meines Karabiners warf, war ein Weibchen fast frei vor mir. Langsam kamen hinter ihm die anderen auf und standen, nur noch halbgedeckt von der Bodenwelle und dem Gras- mecr, auf dem sie zu schwimmen schienen, vor mir. Scharf zeichneten sie sich gegen den tiefblauen, flimmernden Simmel ab. Deutlich konnte ich die großen Augen der fünf Sttauße erkennen, die wie erstaunt am nackt erscheinenden Kopf die Umgebung absuchten. Jetzt — der eine Lahn trat einen Schritt vor — ich fühlte mich gefeiten, wenn auch nicht erkannt, jetzt mußte es knallen. Auf den Lalsansatz, der sich deutlich von der Brust abhob, fetzte ich die Kugel. Ich hörte ihren Anschlag, fekunden- lang schien der Strauß erstarrt, ein Zittern überlief ihn, bann brach er zusammen. Ich repetierte, um noch einen Schuß auf den zweiten Sahn anzubringen, hatte das Schloß im Augenblick zu weit zurückgerissen, es klemmte, und ehe ich den Karabiner soweit hatte, waren die vier anderen Großvögel in rasender Eile davon. Ein nachgeworfener Schuß ging Öb der erlegte Strauß der alte, immer sichernde Scrr gewesen ist, weiß ich nicht zu sagen. Gute Federn hatte er. Sorgfältig löste ich alle, auch die kleineren von den Schwingen, band sie zusammen und nahm sie, wie auch den Schädel des Vogels, den ich erst mit vieler Mühe vom Salfe trennen konnte und den ich meiner Sammlung einverleiben wollte, mit zu meinem Falben, den ich ruhig grasend dort fand, wo ich ihn verlassen. Monatelang sah ich keine Strauße wieder und dann in so weiter Ferne und unter Verhältnissen, die ein Ankommen und Erlegen unmöglich machten. Einer der vielen arabischen Sänbler, fein Name ist mir entfallen, irgenbctn Ben Soundso, nahm das wohlvervackte Paket Federn mit zur nächsten Poststation. Er hat es wirklich aufgeliefert, und mein blondes, blauäugiges Mädel im Norden schrieb mir einen langen Dankesbrief, der mich ein halbes Jahr nach Erlegung „ihres" Straußes erreichte. -- Lichtrvirtschasl. Von Dipl.-Jng. Mangold. Lichtwirtschast — der Begriff ist bei uns heute noch jo gut mie gar nicht geläufig. Man betrachtet das Licht als eine mehr oder weniger felbstverftändliche Angelegenheit, etwa im Sinne der Zusammenstellung „Licht und Luft"; als ein Etwas ohne Seltenheitswert und Unterschiede: das Tageslicht, das ist ja ohne weiteres da, und, wenn's dunkel wird, knipst oder, das gibt es ja heute auch noch, zündet man das Licht an, und dann so gut oder so schlecht es eben geht, weiter feinen Geschäften nud sonstigen Obliegenheiten nachzukommen. Datz vas alles nicht „So gut es eben geht", zu fein braucht, daß man mit Vorbedacht und System für eine einwandfrei Tages- und Abendbeleuchtung sorgen kann und sorgen muß, well das Licht einer unserer wichtigsten Wirtschaftsfaktoren ist, dafiir hatte man bis letzt noch wenig Verständnis Tatsächlich hängt aber der Ertrag unserer Arbeit sowie unsere ganze stimmungsmäßige Lebensatmosphäre im höchsten Matze davon ab, daß mir uns in einer Hellen Umgebung bewegen, die den Augen {einerlei Anstrengung durch Unklarkeit und schwarze Schatten und keine Behelligung durch Blendung ungeschickt angebrachter Lichtquellen zumutet. Die reiche üppige und blenbungsfreie Helligkeit übt einen anregenden, geradezu belebenden Einfluß auf eine bestechende Anziehung auf den Menschen aus. Jede Arbeit vollzieht sich rascher, fehlerfreier in einem zweckmäßig erhellten Raum, als in einem spärlich beleuchteten; ganz gleich, ob es sich um Fabrik-, Werkstatt- oder Bureauarbeit, um Handarbeit im häuslichen Kreise oder welche Arbeit immer handelt. In Amerika, wo man mit kluger Wirtschastspraxis auch Wirischafts- iheorie, soweit sie der Praxis unmittelbar zustatten kommt, immer voran ist, ist man diesen Dingen' längst nachgegangen, und zuverlässige amerikanische Statistiken beweisen bei verbesserter Beleuchtung der Fabriken usw. eine Zunahme der Arbeitsleistung bis cä. 25 Proz. Desgleichen wurde dort praktisch festgestellt, welch ungemeinen Einfluß die Verbesserung der Schaufensterbeleuchtung auf den Besuch und den Umsatz der betreffenden Ladengeschäfte ausübte. Es zieht die Menschen eben ganz stark zum Licht, und diese Tatsache müßte der Kaufmann entsprechend auswerten; auch in der Häuslichkeit könnte durch die zweckmäßige, helle Beleuchtung ein viel höheres Maß von Wärme und Stimmung geschaffen werden, als dies heute gemeinhin der Fall ist. Was, um ein anderes Sagtet zu streifen, die Helligkeit bzw. ihr Gegenteil für die Straßen- und Verkehrssicherheit bedeutet, tun leider am besten unsere eigenen Straßen-, Unfalls- und Kriminalstatistiken dar, deren Ziffern mit der Verschlechterung unserer Beleuchtung in den letzten Jahren erschreckend in die Höhe, gingen. Der so überaus wichtige Wirtschasts- und Lebensfaktor „Licht" verdiente es demgemäß, auch bei uns entsprechend in die Wirtschaftspraxis und Wirtschaftstheorie eingeordnet zu werden. Wir brauchen eine Licht- wirtschaft, die es sich angelegen fein läßt, die zweckmäßigsten Methoden zur günstigsten wirtschaftlichen Ausnutzung des Lichtes durch den Verbraucher herauszuarbeiten. Gleichviel, ob es sich um Tageslicht ober künstliches Licht handelt, es ist dafür Sorge zu tragen, daß möglichst reichliche Beleuchtung, unter dem Äuge genehmen Borausfetzungen, auf den Arbeitsplatz, die ausgestellten Waren, in den Aufenthaltsraum usw. gelangen. Da ein großer Teil unseres Lebens sich nach Sonnenuntergang bzw. in der Dämmerung abspielt, und es auch schwieriger ist, mit künstlichem Licht die notwendigen Helligkeitsgrade zu erreichen als bei Tageslicht, wird die Bewirtschaftung des künstlichen Lichtes die umfassendere Aufgabe sein. Immerhin gilt es auch für das Tageslicht eine fystematische, sorgfältigere Zuleitung als die bisher üblichen zu erwägen; vor allem in dem einen oder anderen Falle Entscheidungen zu treffen, ob es richtiger, d. h. wirtschaftlicher ist, hier in den Tagesstungen für eine Verbesserung der Tageslichtzuführung zu sorgen, oder aber auch während des Tages mit entsprechendem künstlichem Licht nachzuhelfen. Die Lichtwirtschaft ist, wenn auch ein üppiges, reiches Licht ein über das Materielle Herausgehendes, ästhetisches Material ist, wie der Name sagt, zunächst eine rein wirtschaftliche Angelegenheit, die sich in nüchternen Zahlen darstellen läßt. Was kostet eine Verbesserung der Beleuchtung bis zu dem erstrebenswerten Wirkungsgrad, der ein Höchstmaß der Arbeitsleistung gewährleistet (einschließlich der notwendigen Instandhaltung)? Wieviel beträgt ziffernmäßig der Mehrwert dieser bei günstiger Beleuchtung gesteigerten Produktion oder sonstigen Leistung gegenüber der bei ungenügender Beleuchtung erzielten? Rentiert sich demgemäß die Verbesserung der Beleuchtungsanlage? Diese Erwägungen sind entfdjei'benb. Eine Verbesserung der Beleuchtung wird sich voraussichtlich in jedem Falle rentieren, aber in jedem Einzelfalle werden sorgfältige, genaue Untersuchungen anzustellen sein. ..., Den Lichtverständigen, Theoretikern und Praktikern, ,allt die Aufgabe zu, die verschiedenen Gebiete der Lichtwirtschast selbst entsprechend experimentell herauszuarbeiten und soweit als möglich zu popularisieren; den großen Lichtverbraucherkreisen gewisse Normen für die Beurteilung ihrer Beleuchtung an die Hand zu geben, sie ihre Beleuchtung mit einfachen Instrumenten messen zu lehren usw. In Amerika werden, wie gesagt, diese Bestrebungen schon seit Jahren mit großem Nachdruck verfolgt und sind, dank ihrer durchschlagenden praktischen Erfolge, ungemein populär geworden. Der Amerikaner ist sich heute schon bewußt, was er dem „better light“ verdankt. Auch in England und Frankreich hat man bereits energisch die lichtwirtschaftliche Arbeit aufgenommen. Wir Deutschen haben solche Rationalisierung unserer Wirtschaft gewiß nicht weniger nötig als fremde Länder, um so mehr wäre auch für uns ein tatkräftiges Bemühen um die Lichtwirtschaft wünschenswert. Das Domkind. « Copyright bet Führer-Verlag, M -Gladbach. Von Nikolaus Schwarzkopf. (Fortsetzung.) Die Dachdecker erschienen wieder, und da Paulus im Betts lag, brachten sie ihm den Hahn herein. Der Domdekan kam auch herzu, und nun kleidete die Mutter das Kind feiertägig an. Die Männer stellten den Hahn im Rundgang auf und setzten Paulus rittlings zwischen Schwanz und Hals. „Husch!" machte der geistliche Herr und klatschte in die Hände, „husch, husck!" Jedoch da fing das Domkind an zu schreien, weil es fürchten mutzte, der Hahn fliege fort mit ihm, und es lieh sich kaum beruhigen. Der Domdekan photographierte Hahn und Reiter, aber der Hahn machte ein besseres Gesicht als der Reiter, und dann wurde der Reiter sogleich wieder ins Bett gesteckt. _ Draußen sah nun das Domkind auch den König «aut stehen, und es rief ihn herein: er solle sich zu ihm setzen! Der Kapellmeister ergriff des Kindes Hand und sagte zur Mutter: „Aha, es geht wieder auf Weihnachten zu!" Denn immer um die Weihnachtstage war es mit dem Kind nicht ganz geheuer. Doch sollte die Mutter nicht dulden, daß das Kind lang am Gitter stand: denn es verbrachte seine Nächte nie ohne Fieber und Unruhe, schreckte untertags oftmals ohne jeden Anlaß zusammen und sah bleich und blutleer aus. „ Eines Nachts schüttelte der Himmel viel Schnee aus die Erde, und Rundgang und Brüstung lagen handhoch zugeschneit. Da kam der König Saul aus den Gedanken, einen Schneemann zu machen, und Paulus hals tüchtig mit. Sie rollten erst vier dicke Ballen des Schnees seitab, der König hob sie aufeinander, und nun wurde mit einer Schippe der Kopf zugeltutzt, der Leib, die Arme und der hohe Zylinderhut. Dann holte das Kind ein paar Kohlen, die wurden zu Augen, Nase und Mund, und in den Arm bekam der Schneemann den langen Besen, mit dem die Mutter aus ihrem Speichergebälk die Spinnweben kehrte. Aber achl der Schneemann, so lustig er tagsüber an den Fenstern der Türmerei vorbei in die Ferne starrte, des Nachts guckt« er geradeaus dem Domkind ins Bett! Und aus dem Schneemann ward das Tintenmohrchen und aus dem Tintenmohrchen der Teufel und aus dem Teufel der Gloriaengel, der stand tot da und drohte dem Kind, und seine Nasenspitze wackelte hin und her. ,, , . Die Mutter zog, als das Kmd wieder zu phantasieren begann, den weißen Vorhang 31t, aber dann trat der Mond aus den Wolken, und der wart den plumpen Schatten des Schneemannes wider den Vorhang samt dem langen Besen, und das Kind fürchtete sich von neuem. Bis dann der Vater sich erhob und den weißen Mann mit ein paar kräfttgen Stößen umwarf, so daß kein bißchen Leben mehr in ihm blieb. Das Kind wollte am Morgen nicht aufstehen; der Arzt zuckt- die Achseln und verschrieb dies und jenes. König Saul kam und brachte eine gute Arznei mit, jedoch nicht die beste: seine Geigel Er spielte dem Kinde die einfachen Lieder seiner Jugend und sang sie, und er sang sie so, wie kleine Kinder sie singen, und das Domkind sang oft stundenlang mit ihm. Doch immer, wenn der König seine Geige wieder einschloß, sagte das Domkind: „Wann gehen wir zu den Buben in dein Dorf?" Sonne stak in diesen Liedern, Wald, Wiese, Wolke, Wind, Welle, und Paulus schloß die Augen und sah Kinder sich tummeln, die mitsangen, hörte Vögel zwitschern und roch den Frühling! Und des Nachts wieder träumte er ganz aufgeregt von diesen Schönheiten und lacht« laut. Aber das Lachen war ein jämmerliches Lachen, und die Eltern weinten heimlich darob, jedes für sich. Drei Tage vor Weihnachten hatte das Kmd eine groß« Freude: m dem Blumentopf, wo das Pälmchen stand (es hatte nur noch ein einziges Stämmchen) war seit langem eine ganz zierliche Löwenzahnpflanze gewachsen, und dieses Pflänzchen hatte jetzt, drei Tage vor Weihnachten, ein Blütchen aufgetan, ganz winzig klein, kaum größer als ein Augentrost, doch voll ausgebildet und gar zart und innig. Das Blütchen saß in einem regelrechten zipfeligen Kelch, seine Blütenblätter strahlten lieblich wie vom Goldschmied gemacht, seine Staubfädchen standen, zu allem bereit, allerliebst in die Höhe. Gegen Abend schloß sich die Blüte, morgens stand sie offen! Das Domkind lächelte, di« Türmerin aber sagte heimlich zu ihrem Mann: „Nicht viel besser geraten als unser Kind auch!" „Aber morgen, wenn ich wieder kommen kann, Paulus," so sagte der König Saul, „da werd« ich dir vom wirklichen König Saul erzählen! O, da kann ich mich hinter den Ofen verkriechen vor jenem König Saul! Soll ich dir von ihm erzählen?" „Ach ja", sagte das Kind und klatschte in die dünnen Hände. Einmal spät am Abend ging der Domkapellmeister draußen vor der Stadt mit einem anderen Musikmann spazieren, da sah er am Himmelszelt den Großen Bären stehen, und der äußerste Deichselstern saß gerade auf dem Blitzableiterdraht, der mitten durch den Leib des Domhahns führt, und schien nicht mehr davon loskommen zu wollen. Da ward der Körrig Saul traurig; ihm war, als habe der groß« Wektenlenker gleich einem irdischen Fuhrmann seinen Wagen hier einstweilen eingestellt, um einen Gast abzuholen! Andern Tags war der Dom bereift vom untersten Dachkändel bis in die letzte Spitze des obersten Blitzableiters wie ein Fichtenschlag im Ge- birg, und die"Nebel gingen daran auf und nieder, und manchmal tupft« die Sonne grelle Flecken in das Gewoge. Da stieg der Kapellmeister inwendig empor, hielt die warme Hand feines Paten lang in d«r feinen und erzählt« vom wirklichen König Saul und führte das Kind auf di« Fluren des einfachen Hirtenvolkes, wo Saul aufgewachfen war, ein mächtiger Kerl geworden war, der ob feiner Kraft und Helläugigkeit vom Hohenpriester, vom Papst des Landes Israel, zum König erkoren wird! Erzählte, wie Saul das Land vorn Feind säuberte, vom innern und vom äußern — wie er aber nicht rein blieb und eines Tages vor einem wirklichen Riefen sich hinter den Ofen verkroch wie eine Maus! Wie bann von Bethlehem her ein Knabe kam, der auch unter Kühen und Geißen großgeworden, wie der den Goliath erlegt und dem tiefsinnigen Saul die Lieder des einfachen Volkes vorsingt, jene Lieder, die der üppige Saul ganz vergessen, und wie Saul auf Augenblicke heiter wird und nicht mehr ohne den kleinen David leben kann! Und siehe: auf einmal hieß es im ganzen Land: weg mit unserm alten Trübsinn, David soll unser König sein! Heil David! Und David mußt« mit seinen Hirtenliedern, die aber Gotteslieder waren, das ganze schon wieder entartete Volk gesund singen I So erzählte der Domkapellmeister und sagte auch zu den Türmers- leuten: daß derjenige arm sei und bedauernswert, der in seinem beginnenden Atter nicht wieder an der Hand seiner Kinder seine Jugend durchleben dürfe! „Aber setzt wissen wir immer noch nicht," sagte die neugierige Türmerin, nachdem sie aus langem Nachdenken erwacht mar, „warum unser Herr Kapellmeister der König Saul genannt wird!" Und der Kapellmeister zuckt« die breiten Achseln und antwortete: „Das weiß ich auch nicht; aber vielleicht deshalb, weil auch ich von der Schulter an über alle andern Menschen emporrage . , . ober vielleicht deshalb, wett auch ich ost betrübt estchergehe und erst unter meinen Singbuben wieder fröhlich werde!" „Aber von dem kleinen David sollst du noch viel mehr erzählen!" jagte das Domkind, und da erzählte der König Saut noch viel von dem kleinen David. Und bann fügte der König hinzu: „Mich dünkt, daß der Mensch draußen bleiben sollte auf den Fluren Bethlehems, denn wer sortzieht aus der einfachen Heimat, der zieht auch aus der Schönheit fort und aus der Gesundheit . . . und für Euch scheint mir's wirklich an der Zeit, wieder zurückzukehren zu jenen Dingen, unter denen sich der Mensch und vorab das Kind so wohl fühleni Ja? Wie meint Ihr?" Da seufzten die Türmersleute und sagten beide zugleich: sie hätte» auch schon darüber gesprochen, und wenn der Frühling wieder komme, wollten sie heruntersteigen vom Turm, wenn das möglich sei! Und bann wandten sie sich ab, denn ihre Auge» füllten sich mit Tränen. „König Saui!" rief das Kind mit ganz zerbrechlicher Stimme, „wenn du wiederkommst, so sollst bu mir etwas mitbringen!" „Was soll ich dir mitbringen?" „Mücken!" „Wie? Mücken soll ich dir heraufbringen?" „Ja, Mücken, ein paar, ich liebe sie so sehr, und hier oben gibt ft» keine; aber bring* gleich einen ganzen Geigkasten voll mit herauf!" „Da streichelte der König über des Kindes Scheitel und versprach ihm viele Mücken! 12. Ach, das war immer so: Wenn die Weihnachtstage kamen, da kränkelt« das Kind irgendwie! Sei es, daß Jein Körperchen dem Winter nicht recht widerstehen konnte, sei es, daß fein freudiges, aber verarmtes Herz das nahende große Fest der Kinder zu freudig erwartete, und schier barst vor solcher Freude! So wurde das Kind beiter schon, am Nachmittag der vierundzwan- g' iften Dezember unruhig und warf sich im Krankenbettchen umher und impfte auf die vornehmen Taufpaten, deren Weinkörbe gor nicht kommen wollten! Der König Saul erschien, sodann senkte sich das Gehsimnis der beginnenden Dunkelheit über die Evde, die weißen „Christkindchen" klingelten in den Gassen, der Tunn begann zu wackeln, weil alle Glocken zu thwingen anhuden, und des Domkindes Herz schwang mit. Dann, als ie Glocken verstummten — die von St. Stephan läuteten noch eine ganz« Minute hintennach — rückten di« Bläser herauf und stellten sich in den Rurrdgang, die Trompeter in die Mitte, und der Türmer hielt fein Kind, in Decken eingewickelt, Hinterm geöffneten Fenster. Das dauerte eine ganze Stunde. Dann gingen die Männer mit ihren blinkenden Instrumenten wieder fort, und der König Saul verkündete, daß soeben das Christkind dagewesen sei, daß es aber bei seinem liebsten Kind nicht lang verweilen könne, wett es dieses Jahr soviel in der Armutei unten zu tun habe! Es hatte einen funkelnagelneuen Gaul gebracht, der war mit Filz bekleidet und trug Sattel und Steigbügel und einen Zaum aus Leder. Aus dem konnte das Kind, gleich dem hl. Martimis, in bunte Decken eingehüllt, reiten, wohin es wollte, bis ins kleine Bauerndorf: ei, Werden die da Augen machen, wenn Paulus anreitet! Ganz heiter, ganz gesund ward das Kind auf dem (Saul; so gesund, daß die drei Erwachsenen ihm die Bitt« nicht abschlagen konnten: «S anzukleiden, auf daß es wie ein rechter Rester sich austoben könne! Wie gewöhnlich blieb der Kapellmeister am Weihnachsadend bis zur Mette, um zwölf Uhr, bei den Türmersleuten, zeigte dem Kind und sich selber die vielen Christbäume, die unten aus den Fenstern der Häuser heraufleuchteten zum höchsten Christbaum der Stadt. Dann setzte er das Kind auf den Gaul, und dann aß man zur Rächt, dann trank man eine Flasche Bischofswein, dann eine Flasche Stadtwein, bas war alljährlich so geschehen! Dami spielte man mit Nußschalen, und Paulus spielte mit, denn der elektrische Ofen heizte gut. Der Türmer hatte die Wachskerzen des Baumes herunterbrennen lassen, und nun verlöschte eine nach der andern, und die Luft im Zimmer wurde dick und schwer. Man lüftete, das Dom- kind schlich müde in die Schlafstube, zog seine Schuhe aus und legte* sich in den Kleidern zu Bett, und die Mutter ließ es gewähren. Als die Glocken um Mitternacht zur Mette riefen, gingen Mutier und Kapellmeister turniab, der Türmer legte sich aufs Bett, und das Domkind wachte aus einem Traum auf, der, ach, so schön gewesen: die Kinder des ältesten Glasfensters waren zu Besuch gekommen, hatten ihm di« Kleidchen ausgezogen, damit es nackt war wie sie selber, waren mit ihm im Dom umhergeschwirrt, zwischen Säulen, Altären und Kerzen hin und her, und hatten den neugeborenen König der Juden gesucht. Hatten ihn schließlich auch gefunden, waren in den Stall geschlüpft, singend und jubelnd: Gloria in excelsis Deo! Paulus Moguntins Nikolaus hatte sich einem Oechslein zwischen die Hörner gesetzt, um das Jesuskindlein gut sehen zu können, das da auf dem blauen Mantel der Maria strampelte. Die Glocken weckten das Kind auf, der Baker schnarchte. La wartete es ein Weilchen und überlegte seinen Plan, und als der Vater gleichmäßig weiterschnarchte wie ein müdes Maschinchen, da erhob es sich leise, schlich in den Strümpfen aus der Stube, öffnete die Turmtür, und siehe: der Mond leuchtete ihm zur Treppe hinab — oder war's gar der Stern von Bethlehem? Auf den Sieintreppen wurden seine Füßchen falt, aber Eifer und Eile machten die Füßchen wieder warm. Das Turmtürchen führt in den südlichen Querhausflügel, der viel tiefer liegt als der Hochaltar; die Wände sind da mit riesenhaften Denk- malern überladen, vor denen das Domkind immer Angst hat. Es kann auch nicht an sein Glasfenster zu den Kindern, denn dort stehen di« Gläubigen dicht gedrängt, Schulter an Schulter! Das Domkind verweilt noch hinter dem Seife aufgestoßenen Spalt der Tür und kommt bann doch hervor, denn die Singbuben jubeln schon, und die silbernen Schellen laufen wie Engel umher, die den neugeborenen König der Juden suchen. (Schstiß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Vruhl'sche Universitäts.Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.